CfP #46: „… und dann war Feierabend!” ‒ Bestandserhaltung in Bibliotheken
In älteren Bibliotheksgebäuden gibt es sie noch vereinzelt: Räume, in denen einst die Buchbinderei untergebracht war. Manchmal finden sich sogar noch Türen, an denen Buchbinderei zu lesen steht. Aber die Räume hinter diesen Türen stehen fast überall leer oder werden anders genutzt. Heute organisieren diese Abteilungen, wenn es sie noch gibt, vor allem den Versand von Medien an Buchbindereien außerhalb der Bibliothek.

Ohne Frage hat sich einiges geändert: Bücher werden nur noch in einer kleinen Anzahl von Bibliotheken − vor allem denen mit explizitem Sammelauftrag − gebunden. [1] Das Thema Sammeln und damit auch das Thema der Aufbewahrung sowie der langfristigen Erhaltung der Bestände rückte in anderen Häusern oft in den Hintergrund bibliothekarischer Arbeit. War die Frage der langfristigen Erhaltung von Beständen lange ein wichtiger Teil der bibliothekarischen Ausbildung, Literatur und tagtäglichen Arbeit, liegt der Fokus heute auf dem Management von Medien, dem Zugang, der Nutzung und Vermittlung von Inhalten. Das
Sammeln und das Aufbewahren als Kerngeschäft der Bibliotheken wirkt wie eine Erinnerung an ein anderes Jahrhundert. Genau genommen ist es dies auch, wie sich leicht bei der Lektüre bibliothekarischer Lehrbücher und Arbeitsbeschreibungen erkennen lässt.

Oder stimmt das gar nicht? Zumindest ist die Bestandserhaltung für den Gebrauch besonders in Öffentlichen Bibliotheken ein zentrales Thema. Nach wie vor zählen Buchschutzfolien, zugegeben deutlich günstiger als Buchbindearbeiten, zur alltäglichen Verbrauchsmittelausstattung und die Medienpflege zu den bibliothekarischen Alltagstätigkeiten. Das Falzbein wird weiterhin geschwungen.
Ist also eventuell nur die aufwendige und archivierungsgerichtete Bestandserhaltung für eine offene Zukunft am Verblassen, während Pflege und Erhaltung für das Zeitfenster der erwarteten Medienfrage so frisch wie eh und je und so selbstverständlich, dass sie lange in ihren Besonderheiten kaum wahrgenommen wurde?
Bestandserhaltung heute
Sicher ist Bestandserhaltung in der Gegenwart eine andere Herausforderung als in vergangenen, weitgehend auf Druckmedien konzentrierten, Bibliothekskontexten. Zugleich wird sie parallel zur Präsentation der Medieninhalte digital. Dies wiederum reicht erheblich über den Shift von der Pflege und Erhaltung von Büchern zu digitalen Datenträgern hinaus. In serverbasierten Medienkulturen geht es naturgemäß nicht mehr um die Erhaltung einzelner Trägerobjekte, sondern von Strukturen, in denen datafizierte Inhalte, Schnittstellen, Software und Hardware zusammenspielen. Inwieweit die vielfältigen Erfahrungen aus Bibliotheken und auch anderen Kulturerbeeinrichtungen im Umgang mit verschiedenen Speichermedien und -strategien wie Mikrofiche, Disketten, CD-Roms weiterhelfen, ist eine offene Frage. Genau genommen ist die offene Frage: Welche Strategien zur digitalen Langzeitarchivierung funktionieren? Neu ist sie nicht. Aber unglaublich komplex, zumal die reine Magazinierung mit der Hoffnung auf spätere Lösungen bei digitalen und dateibasierten Inhalten keine vielversprechende Variante ist. Ein Schrank voller Floppy Disks mag heute als schöne Referenz auf eine Medienepoche dienen. Ob die einst darauf befindlichen Daten noch mit handhabbarem Aufwand gerettet und zugänglich gemacht werden können, ist völlig unklar und man darf durchaus pessimistisch sein.
Die Erhaltung von Medien und Inhalten im Sinne einer Langzeitarchivierung und -verfügbarhaltung in unterschiedlichen Formaten und Speicherformen ist daher meist eine Praxis mit vielen unbekannten Faktoren. Ob die digitalen Archivierungslösungen aus 2024 tragfähig sind, werden wir erst im Jahr 2075 wirklich beurteilen können. Klar ist, dass diese Komplexität nicht mehr von einer Buchbinderei oder, Nationalbibliotheken einmal ausgenommen, einer einzelnen Abteilung für digitale Medienerhaltung adressiert werden kann.
Das betrifft nicht nur die medienimmanenten Herausforderungen des Digitalen. Denn gleichzeitig sehen sich Bibliotheken und andere sammlungsführende Einrichtungen weiteren externen Herausforderungen von Klimakatastrophen, kriegerischen Handlungen, gesellschaftspolitischen Entwicklungen, kommerziellen Kontrollansprüchen und entsprechenden rechtlichen Anforderungen bis hin zu technologischen Entwicklungen ausgesetzt. [2]
Aufruf zur Einreichung von Beiträgen
Die Ausgabe #46 der LIBREAS möchte deshalb das Thema Bestandserhaltung aus allen denkbaren Perspektiven aufgreifen. Das Thema treibt uns ja auch selbst um: Wie sichern wir ab, dass die fast zwanzigjährige Geschichte von LIBREAS auch nachvollziehbar bleibt? Wir haben dafür ein paar Strategien wie die Archivierung der PDF auf einem verlässlichen Repository [3] und die Abbildung der Zeitschrift und ihrer Struktur auf Github [4] entwickelt. Das mag nicht besonders glamourös wirken, hat sich aber bisher sehr bewährt.
Die Frage “Wie sichern wir Medien und Inhalte heute?” interessiert uns jedoch mehr noch jenseits des Tellerrandes unserer eigenen Aktivitäten. Daher rufen wir dazu auf, uns Beiträge zu genau dieser Frage aus allen erdenklichen Perspektiven einzureichen. Das können klassische Aufsätze, Essay und Reflexion, Praxisberichte, Planungen oder Technikfolgenabschätzungen sein. Konkrete, auch individuelle, Lösungen interessieren uns ebenso wie strategische Überlegungen oder theoretische Tiefenbohrungen. Die Erhaltung von Bestsellern für den Gebrauch in einer Öffentlichen Bibliothek über ein Zeitfenster von zwölf Monaten interessiert uns ebenso wie Ewigkeitsperspektiven von Nationalbibliotheken. Bestandsschutz per Magazinbau und Bestandsschutz per regelmäßiger Datenmigration sind für uns gleichermaßen relevant. Die Frage, wie sich lizenzierte Inhalte langzeitarchivieren lassen und wie man die Inhalte heute überholter Speichermedien nutzbar hält, zählt auch zu unserem Schwerpunkt.
Die LIBREAS ist immer offen für Beiträge verschiedener Ausrichtungen und verschiedener Formen. Visualisierungen, Fotoessays und multimediale Einreichungen sind sehr willkommen.
Und schließlich noch ein Hinweis für Erstautor*innen: Wir als Redaktion helfen sehr gern bei der thematischen und formalen Entwicklung eines Beitrags und laden als inklusives Format dazu ein, auch erste Ideen für Beiträge einzureichen und mit uns als Redaktion zu besprechen. Die Hinweise für Autor*innen sind hier zu finden: https://libreas.eu/authorguides/.
Die Deadline für die Ausgabe #46 ist der 30.10.2024.
Ihre / eure Redaktion LIBREAS. Library Ideas
(Berlin, Brandenburg an der Havel, Göttingen, Lausanne, München)
Fussnote
[1] K.F.Shovlin: Why we bind. In: GUARDIANS OF MEMORY. Preserving the National Collection [Library of Congress Blogs]. 15. Juni 2023. https://blogs.loc.gov/preservation/2023/06/binding/ Der Beitrag beschreibt unter der Überschrift “We bind because we can.” zugleich die Rolle, die die Library of Congress an dieser Stelle einnimmt. Angesichts von Budgetkürzungen können sich viele Bibliotheken Buchbinder-Dienstleistungen nicht mehr leisten, so dass die Library of Congress auch die Rolle der Bewahrung einer Art Letztkopie eines Werks übernimmt.
[2] Während Überschwemmungen, Bergstürze, extreme Wetterperioden zunehmen, schliessen sich in Deutschland zum Beispiel immer mehr Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zu Notfallverbünden zusammen, um bei Bränden, Überschwemmungen oder anderen Katastrophen schnell Bestände sichern zu können.
[4] https://github.com/libreas
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