CfP #47: Lug und Trug (im Wissenschaftssystem)
Wenn mensch einmal anfängt, darauf zu achten, erweist sich Wissenschaft an vielen Stellen als ein erstaunlich schmutziges Geschäft. Das ist allen irgendwie an der Wissenschaft Beteiligten klar. Ebenso wissen alle, wie sehr die Sonntagsreden und -bilder von selbstlos und nur der Wahrheit verpflichteten Forschenden, die in Büros und Laboren, in Bibliotheken und Archiven, auf Feldforschung und bei Ausgrabungen einzig vom Wunsch getrieben sind, den Menschen zu helfen, die Welt besser zu machen und die bestmögliche Wissenschaftspraxis zu betreiben, ein Idealbild darstellen. Mit der kleinteiligen und vielschichtigen Realität der Wissenschaft hat das erfahrungsgemäß wenig zu tun. Wissenschaftler*innen sind Menschen, mit allen ihren Fehlern, individuellen Interessen und Motivationen sowie blinden Flecken. So weit, so erwartbar. Nicht jede*r muss idealistisch sein.
Problematisch wird es jedoch, wenn das Ideal nicht mehr Zielpunkt, sondern nur noch eine Fassade ist, hinter der ganz bewusst gemauschelt, betrogen und missbraucht wird. Oder wenn Wissenschaft zur Zielscheibe oder zum Werkzeug für Scamming, Vortäuschung und Manipulation wird.
Dann entsteht schnell der Eindruck, dass es nicht nur um einzelne Personen geht, die vielleicht unter Leistungs- und Publikationsdruck stehen und deshalb Daten fälschen oder bereits publizierte Artikel mehrfach einreichen. Vielmehr entsteht die Sorge, dass teilweise mit krimineller Energie vorgegangen wird.
Überrascht das? Eher nicht, wenn mensch sich ansieht, wie viel Geld im Wissenschaftssystem vorhanden ist, wie viel Macht eine Wissenschaftskarriere mit sich bringen kann und wie sich wissenschaftliche Reputation in externe Gewinne für Expert*innen, Berater*innen, Autor*innen übersetzen lässt.
Auch ist die Vergabe von Forschungsmitteln und Professuren mittlerweile stark an die Messbarkeit von Erfolg gebunden mit Parametern wie dem Hirsch-Index, der als vermeintlich objektiver Indikator für Reputation, ausgedrückt durch die Anzahl der Publikationen und Zitationen einer Person, gilt. Das Wissenschaftssystem erzeugt damit einen immensen Druck, der sichtbare und messbare Erfolge einfordert und der durch die Restriktionen des deutschen Wissenschaftszeitvertragsgesetzes unerbittlich auf die Forschenden einwirkt. Werden keine Gelder eingeworben und der nächste Karriereschritt nicht in den vorgegebenen Zeitfenstern erreicht, bedeutet das für viele, oftmals hochqualifizierte Menschen, nicht mehr im deutschen Wissenschaftsbereich arbeiten zu können – und damit im Wesentlichen nicht einer Forschungstätigkeit nachgehen zu können. Zu diesen prekären Beschäftigungsverhältnissen in Akademia informieren unter anderem die Social-Media-Diskurse #IchBinHanna oder #IchBinReyhan.
Beispiele
Eine ganze Anzahl von wissenschaftstypischen, betrügerischen Praktiken sind in gewisser Weise schon etabliert: Zitationskartelle; Autor*innenschaften von Personen, die gar nicht an einer Publikation beteiligt waren; Beiträge auf Publikationslisten, die es in Wirklichkeit nie gab; Plagiate. Das nicht hoch genug zu lobende Blog Retraction Watch liefert dazu kontinuierlich neue Fälle.
Aber in der letzten Zeit scheinen sich die Praktiken immer mehr auszuweiten. Nicht nur von der eigentlichen Anzahl her, sondern auch von den Praktiken und deren Grad an Professionalität. Der Term “Journal Hijacking” kam zum Beispiel neu in unseren Wortschatz. (vgl. Albakina, 2021) Der Ansatz bedeutet, dass jemand die Kopie eines Open-Access-Journals anlegt, welche nur eine ganz geringfügige Abweichung zum Original hat ‒ beispielsweise ein “the” vor dem Zeitschriftennamen ‒, diese Kopie als das Original in den betreffenden Datenbanken hinterlegt, um vom Ruf der Originalzeitschrift zu profitieren und dann gegen Zahlung von Artikelgebühren jeden eingereichten Artikel zu veröffentlichen. (Im Kontext von hijacked journal gibt es eine Reihe von Herausforderungen und Problemen; zu Handlungsoptionen für Verlage siehe Ryan (2024); zu Vorkommen von Plagiaten in hijacked journals siehe Abalkina (2024).) Fast schon nebenher haben wir in einigen Artikeln erfahren (zum Beispiel Singh Chawla (2024)), dass heute Zitationen genauso gekauft werden können, wie sonst Follower für die verschiedenen Social-Media-Netzwerke.
Gleichzeitig lassen sich Texte, Daten und Bilder dank generativer KI-Anwendungen noch schneller und einfacher fälschen, als zuvor (siehe zum Beispiel Kendall, da Silva 2024; Sabel et al. 2023; Gu et al. 2022). Andererseits findet sich auch die Erwartung, dass technische Anwendungen gerade sehr gut geeignet sind, um Betrugsversuche zu entdecken (u.a. Freedman ; Toni 2024). Eine Übersicht zu mit ChatGPT generierten wissenschaftlichen Aufsätzen gibt es zum Beispiel bei Retractionwatch.
Aufruf für Beiträge
Für die Ausgabe #47 der LIBREAS suchen wir nach Beiträgen, die sich in das Themenfeld Lug und Trug im Wissenschaftssystem wagen. Insbesondere nach solchen, die auch danach fragen, was dies mit Bibliotheken zu tun hat. Hat es zum Beispiel Einfluss auf die Arbeit von Bibliotheken im Feld Informationskompetenz, Forschungsdatenmanagement oder ‒ insbesondere, wenn es um Artikel- oder Publikationsgebühren geht ‒ Open Access? Sind Bibliotheken diesen Praktiken einfach ausgeliefert? Wenn ja, mit welchen Konsequenzen? Oder haben sie schon Gegenstrategien entwickelt? Nicht zuletzt sind die Berichte zu Betrug im Wissenschaftssystem selbstverständlich nicht neu. Aber wie hat sich das Thema in den letzten Jahren, gar Jahrzehnten entwickelt? Können wir vielleicht etwas aus früheren “Wellen” an Betrug lernen?
Oder gibt es Erfahrungen oder Strategien zum Umgang mit Plagiaten und/oder Plagiatssoftware beziehungsweise KI-generierten Haus- und Qualifikationsarbeiten im Bereich der Hochschullehre, die geteilt werden möchten?
Interessant wird auch sein, die Themen Bibliotheksethik und Informationsethik wieder einmal neu anzugehen und zu fragen, ob Wertesysteme der neuen Situation angepasst werden müssen.
Einreichungen
Wir, die Redaktion LIBREAS, rufen für diese Ausgabe zu Beiträgen in ganz unterschiedlichen Formaten auf: wissenschaftliche Arbeiten, Erfahrungsberichte aus der bibliothekarischen Praxis, Transkripte von Interviews mit ehemaligen Akteur*innen hinter solchen Betrugsfällen (geführt im Dark Web oder in Hinterzimmern verruchter Kneipen ‒ so stellen wir uns das zumindest vor). Die Möglichkeiten sind groß. Gerne besprechen wir mit euch/Ihnen auch Ideen zu Beiträgen.
Deadline ist der 30.04.2025. Wir bitten, die Hinweise für Autor*innen zu beachten: https://libreas.eu/authorguides/.
Ihre/Eure Redaktion LIBREAS. Library Ideas
(Berlin, Brandenburg an der Havel, Chur, Göttingen, München)
Lektüre
Abalkina, Anna (2024). Prevalence of plagiarism in hijacked journals: A text similarity analysis. In: Accountability in Research (S. 1–19). https://doi.org/10.1080/08989621.2024.2387210
Albakina, Anna (2021). Detecting a network of hijacked journals by its archive. In: Scientometrics 126, S. 7123–7148 (2021). https://doi.org/10.1007/s11192-021-04056-0
Freedman, Gabriel ; Toni, Francesca (2024). Detecting Scientific Fraud Using Argument Mining. In: Proceedings of the 11th Workshop on Argument Mining (ArgMining 2024). https://doi.org/10.18653/v1/2024.argmining-1.2
Gu, J., Wang, X., Li, C., Zhao, J., Fu, W., Liang, G., Qiu, J. (2022). AI-enabled image fraud in scientific publications. In Patterns. https://doi.org/10.1016/j.patter.2022.100511
Kendall, Graham ; da Silva, Jaime A. Teixeira (2024) . Risks of abuse of large language models, like ChatGPT, in scientific publishing: Authorship, predatory publishing, and paper mills. In: Learned Publishing. Volume37, Issue1 January 2024, S. 55–62. https://doi.org/10.1002/leap.1578
Retraction Watch [Blog] https://retractionwatch.com/
Ryan, Jackson (2024). Hijacked journals are still a threat — here’s what publishers can do about them. In Nature Index. https://doi.org/10.1038/d41586-024-02399-1
Sabel, Bernhard A. ; Knaack, Emely; Gigerenzer, Gerd; Bilc, Mirela (2023). Fake Publications in Biomedical Science: Red-flagging Method Indicates Mass Production. [Preprint] medRxiv 2023.05.06.23289563; doi: https://doi.org/10.1101/2023.05.06.23289563
Singh Chawla, D. (2024). The citation black market: schemes selling fake references alarm scientists. In Nature (Bd. 632, Issue 8027, S. 966–966). https://doi.org/10.1038/d41586-024-01672-7
leave a comment