Die Scham muss die Seite wechseln

„Eine Hymne an das Leben“ – Gisèle Pelicot

Piper Verlag, erschienen am 17. Februar 2026, Preis 25 € [D], Gebundenes Buch, 256 Seiten, ISBN: 978-3492074353, hier geht’s zum Buch

Als Gisèle Pelicot 2020 ihren damaligen Mann Dominique ins Polizeirevier begleitet, weil er im Supermarkt drei Frauen nachgestellt hat, ahnt sie nicht, dass sich ihr Leben für immer verändern wird. Denn der Kommissar konfrontiert sie mit Fotos, die aus ihrem Mann ein Monster und aus ihr ein Opfer machen. Es sind Fotos die zeigen, dass Dominique, den Pelicot bis dato für einen guten Mann und fürsorglichen Vater gehalten hat, sie über zehn Jahre betäubt und im bewusstlosen Zustand von anderen Männern vergewaltigen ließ. Auch er hat sich an ihr in diesem Zustand vergangen, seine sexuellen Fantasien ausgelebt, die sie ihm wach und bei klarem Verstand verwehrte. Pelicot hat sich in der in Strapsen begleiteten und sichtlich abwesenden Frau, die einer leblosen Stoffpuppe glich, nicht wiedererkannt.

„Auf einmal war dieses Haus nicht mehr mein Haus. Es war voller Grauzonen, Verstecke, verborgene Winkel und Gift. Und wo steckten eigentlich diese aufreizenden Dessous der Frau im Tiefschlaf?“

Zitat, Seite 28

Auf Dominiques Computer findet die Polizei etliche Videos und Fotos, durch die er die etwa 200 Vergewaltigungen akribisch dokumentiert hat. Sie offenbaren nicht nur ihn, sondern auch um die 80 Männer als Peiniger aus allen sozialen Schichten.

Auch seine Tochter Caroline Darian ist überzeugt davon, dass ihr Vater sie genau wie die Mutter betäubt und missbraucht hat. Denn auf vorliegenden Foto- und Videoaufnahmen ist auch sie nackt, scheinbar schlafend zu sehen. Er bestreitet jedoch bis heute, seine Tochter sexuell missbraucht zu haben. Sie hat ihre Erfahrungen ebenfalls in einem Buch festgehalten. Es erschien im Januar unter dem Titel „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ bei Kiepenheuer & Witsch.

Die sexuelle Gewalt und der unbemerkte Medikamentenkonsum führten bei Pelicot zu schweren gesundheitlichen Problemen. Jahrelang leidet sie unter unerklärlichen Gedächtnislücken und gynäkologischen Problemen. Obwohl sie wegen ihrer Aussetzer und Schmerzen im Unterleib jahrelang Arztpraxen aufsuchte, kam nie der Verdacht auf, dass ihre Beschwerden Folgen eines Medikamenteneinflusses waren, weshalb nie toxikologische Analysen durchgeführt wurden. Später diagnostizieren Rechtsmediziner sogar vier Geschlechtskrankheiten bei Pelicot.

2024 klagt Pelicot ihren damaligen Mann Dominique an und lässt sich zum Prozessbeginn von ihm scheiden. Sie verzichtet auf das Recht der Anonymität, macht den Prozess und damit auch die 20.000 Foto- und Videoaufnahmen von ihr öffentlich, durch die nicht nur ihr Ex-Mann, sondern auch 50 der bis zu 80 Täter als Vergewaltiger ermittelt werden können.

Mit diesem mutigen Schritt geht Pelicot in die Geschichte ein und wird über die Grenzen Frankreichs hinaus zu einer Symbolfigur im Kampf um sexuelle Gewalt. Bei ihrem Prozess und auch in ihrem Werk greift sie einen Satz aus der #MeToo-Bewegung auf, der ursprünglich von der Rechtsanwältin Gisèle Halimi stammt: „Die Scham muss die Seiten wechseln“. In einem Interview mit Maischberger verrät Pelicot jedoch, dass sie nicht als Ikone, sondern eher als Aufrüttlerin angesehen werden möchte, eine, die erzählt, was passiert ist und damit das Bewusstsein der Menschen weckt.

„Mir ist bewusst, meine Geschichte ist dafür der beste Beweis, dass es überall um uns herum eine hohe Anzahl von potenziellen Vergewaltigern gibt, und das kann leicht einen Ekel vor Männern allgemein auslösen, aber nicht bei mir. In den Augen der Öffentlichkeit war ich das Opfer übelster Gewalt. Hätte ich mich an den Missbrauch erinnert, hätte ich mich selbst auf diese Zuschreibung reduziert und es  womöglich nicht überlebt.“

Zitat 188

Das Gericht verhängt Domique Pelicot die Höchststrafe und verurteilt ihn zu 20 Jahren Haft. Die weiteren 50 mitangeklagten Männer werden zu Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren verurteilt, auch wenn sich keiner von ihnen wirklich zu einer Vergewaltigung bekennt, ihren Missbrauch an Pelicot herunterspielen, mitunter sogar behaupten, Pelicot wäre bei vollem Bewusststein gewesen oder hätte gar ihre Zustimmung zum Geschlechtsverkehr gegeben. Viele berufen sich auch auf die Erlaubnis, die ihnen Dominique Pelicot erteilt hat.

Auf die Memoiren von Gisèle Pelicot bin ich erst auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse aufmerksam geworden. Um genau zu sein war es sogar ein Gespräch mit Silvia von @feiste.bücher.podcast, das mich meinen Fokus noch einmal genauer auf das kürzlich bei Piper erschienene Werk richten ließ. Denn als sich Collien Fernandes vergangenen Donnerstag als Opfer virtueller Vergewaltigung durch ihren Mann Christian Ulmen zu erkennen gegeben hat, ging ein Erschüttern durch die Reihen. Die Gespräche um Missbrauch und sexualisierte Grenzüberschreitungen sind seitdem allgegenwärtig. Das Thema ist noch lauter, noch präsenter geworden. Viele Menschen, allen voran Frauen, haben dazu mittlerweile Stellung bezogen. Auch ich bin zutiefst erschüttert und scheine plötzlich offener für diese Art Lektüre zu sein, die ich bis dato weitestgehend umgangen habe, weil ich mich der Brutalität nicht gewachsen sah.

Durch Pelicots Zeilen wurde für mich nicht nur die erschreckende Allgegenwärtigkeit sexueller Gewalt, sondern auch der Riss sichtbar, der sich bei einer solchen Tragödie durch eine Familie zieht. Ich spürte beim Lesen, wie dieser Vorfall die Familie in ihren Grundfesten erschütterte und wie alle Familienmitglieder auf ihre ganz eigene Weise ihren Schock und Schmerz verarbeiten mussten. Während die Mutter versucht, an den gemeinsamen Momenten mit Dominique festzuhalten, sind es die Kinder, die von einem Augenblick auf den nächsten in ihrem Vater, von dem sie immer Liebe und Wärme erfahren hatten, nur noch ein Monster sehen. Es hat mir schier das Herz zerrissen, wie sich Pelicot und ihre Kinder voneinander distanzierten, wie sie einander plötzlich nicht mehr verstanden, sich nicht in der Lage sahen, sich einander zu unterstützen. Es war ein ständiges Auseinandertriften und sich wieder Annähern, ein fragiles Konstrukt, das vielen äußeren Einflüssen unterlag.

Doch Pelicot berichtet in ihrer Biografie nicht nur von der körperlichen und familiären Zerstörung, die durch diesen schrecklichen Missbrauch entstanden ist, sondern schenkt uns auch Rückblicke in ihre Vergangenheit. So erzählt sie auch von ihren Eltern, mit denen sie eine innige Liebe verband, dem traurigen Schicksal ihrer Mutter, die an einem Gehirnturmor gestorben ist, als Pelicot neun war und ihrem Vater, den sie nach deren Tod erst an eine neue gefühlskalte Frau und später an Magenkrebs verloren hat. Auch von Dominiques schwerer und liebloser Kindheit erzählt sie, von dem Schrecken, der seinem Elternhaus innewohnte und von seinem gewalttätigen Vater ausging.

Sie erzählt aber auch von ihrer ersten Begegnung mit Dominique, stellt diesen schüchternen behutsamen Mann, den sie damals kennengelernt hat, dem späteren Monster gegenüber. Sie fragt sich, wo sie mit ihren Erinnerungen hinsoll. Die, an ihre gemeinsame Zeit, Dominiques Gesten voller Zuneigung und Liebe, die er mit seinen Taten besudelt und zerstört hat.

„Die Liebe hat mich nie verlassen. Sie ist nicht gestorben. Ich bin nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen. Das war einst meine große Schwäche, heute ist es meine Stärke. Letztendlich mein Sieg.“

Zitat, Seite 188

Pelicot legt berufliche und finanzielle Notlagen offen, Umzüge und Neuorientierungen, Seitensprünge und kurzzeitige Partnerwechsel, aber auch das wieder aufeinander Zugehen. Alles unter dem Dach des naiven Glaubens, Dominique und sie hätten einander gerettet und gemeinsam alle Hürden des Lebens gemeistert, die Dämonen ihrer Vergangenheit hinter sich gelassen.

Ich finde es unglaublich bewundernswert, wieviel Stärke und Mut Pelicot auf ihrem Weg bewiesen, wie sie trotz allen Übels überlebt, peu a peu wieder an Autonomie und Selbstbewusstsein gewonnen hat. Wie sie weiterhin offen für die Liebe bleiben, sich sogar auf einen neuen Mann einlassen konnte. Wie sie die Lebensfreude ihrer Mutter, die, wie sie selbst in einem Interview sagt, Teil ihrer DNA ist, nie komplett verloren hat und sich selbst erlaubt, glücklich zu sein.

In ihrem kräftezehrenden Prozess, der sie 69 Tage ihren Peinigern im Gerichtssaal begegnen lässt, erlaubt sie sich nicht, zu weinen. Sie wurde dadurch als würdevoll und stark empfunden. Und so hat Pelicot ihre Opferrolle abgestriffen und als emanzipierte Frau den Gerichtssaal verlassen lassen.  

„Diese Geschichte gehört nicht mehr nur mir allein. Sie hat einen tiefen, stummen Schmerz hörbar gemacht, der so alt ist, wie die Welt. Sie hat ein gewaltiges Beben verursacht.“

Zitat, Seite 243