„Himmel ohne Ende“ – Julia Engelmann
Diogenes Verlag, erschienen am 23. Juli 2025, Preis 25 € [D], Gebundenes Buch, 336 Seiten, ISBN: 978-3-257-07323-2, hier geht’s zum Buch

„Ich streckte die Hand aus, fast so, als würde ich den vorbeiziehenden, grauweißen Kuppelhimmel berühren können, und fragte mich zum hundertsten Mal, ob es vielleicht gar nicht der Himmel war, der an mir vorbeizog, sondern in Wahrheit ich an ihm vorbeizog, an einem Himmel, der schon immer da gewesen war und für immer bleiben würde, einem ewigen Himmel, der von mir gar nichts wusste.“
Zitat, Seite 53
Charlie ist anders als die anderen Fünfzehnjährigen. Immer sind es die falschen Gedanken, die in ihrem Kopf herumschwirren, immer die falschen Worte, die aus ihrem Mund herauspurzeln. Sie fühlt sich wie hinter einer Glasscheibe, durch die sie zwar alles sehen kann, die sie aber auch von allem trennt. Als wäre sie nicht Teil dieser Welt. Sie schämt sich für das, was sie ist, für ihr fehlendes Talent, sich anzupassen, einfach nur normal zu sein oder dazuzugehören. Am liebsten wäre sie gerne jemand anderes. Ohne bescheuerte Gedanken im Kopf. Ohne komisches Gefühl im Bauch.
Als sich ihre beste Freundin von ihr abwendet, ihr Meerschweinchen stirbt und ihre Mama ihr einen neuen Mann vorstellt, wünscht sie sich einmal mehr sie wäre woanders. Doch dann lernt sie Pommes kennen, der eigentlich Kornelius heißt und der genauso verrückte Ideen und Gedanken zu haben scheint wie sie. Bei ihm kann sie sie selbst sein, ihren wirren Gedanken freien Lauf lassen. Und so kurbelt Pommes langsam aber sicher die Scheibe herunter, die Charlie von der Welt abschottet und der Himmel kommt zum Greifen nah.
„Vielleicht braucht man manchmal gar nicht die richtigen Worte, sondern bloß die richtige Stille. Und vielleicht war es auch nie zu spät, zu sagen, was man sagen wollte. Vielleicht war die Zeit auch nur ein großer Park, der sich in alle Himmelsrichtungen ausdehnte und auf dessen Wegen man entlangspazieren konnte, genau dahin, wo einem die Worte gefehlt hatten. Und dann wieder zurück.“
Zitat, Seite 183
Julia Engelmanns leiser, wunderbar poetischer Coming-of-Age-Roman hat mich mitten ins Herz getroffen.
Mit Charlie ist Engelmann eine Figur gelungen, in der ich mich sofort wiedergefunden habe. Ein Teenager, der sich nicht zugehörig fühlt, der verzweifelt versucht, dazuzugehören, er selbst oder zumindest jemand zu sein und der bei seinen Versuchen immer wieder kläglich scheitert. Sich ständig unverstanden fühlt. Es immer verbockt.
Durch ihre Zeilen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, schlüpfen wir in die Rolle von Charlie, nehmen uns dieser unverstandenen Fünfzehnjährigen an, die so viele Gedanken und Gefühle umtreibt. Es sind wirre und laute Gedanken, die pausenlos auf Charlie einprasseln, seitdem ihr Vater gegangen ist, von da an fester Bestandteil ihres Lebens sind, mit jedem Tag mehr werden und sie sich tausend Fragen stellen lässt, auf die sie einfach keine Antworten findet.
„Er hatte ein Loch hinterlassen. Ein Loch in der Form meines Vaters, und ich, ich hatte durch das Loch in den Abgrund geschaut, während in mir die Liebe überlief, die jetzt nirgends mehr hinkonnte. Ich war zu jung, um zu wissen, wie das beides ging: Am Abgrund stehen, ohne hineinzufallen. Die Liebe behalten, ohne darin zu ertrinken.“
Zitat, Seite 21/22
In Rückblicken erfährt man von der Liebe und Verbundenheit zwischen Charlie und ihrem Vater. Von der Lücke und dem fehlenden Halt, der nach seinem Weggang enstanden ist. Von der wachsenden Einheit, zu der Charlie und ihre Mutter geworden sind und von der Angst und der Ablehnung, die in Charlie heranwächst, als da plötzlich ein anderer Mann neben ihrer Mutter steht. Einer, der Charlie ihre Mutter wegnehmen könnte. Den Charlie nur den Italiener nennt, weil sie ihn nicht mag und todlangweilig findet, den sie auf Abstand halten will, bei dem sie aber auch irgendwann erkennt, dass er es nur gut meint, er ihre Mutter wieder glücklich machen kann. Vielleicht sogar auch sie.
Und dann stellt Engelmann Charlie Pommes an die Seite. Diesen großen, blonden Jungen mit dem hellen Grinsen und dem klaren Blick. Ein scheinbar unbekümmerter Zeitgenosse, der immer seinen Weg weiß und der durch alles Rauschen und alle Schichten bis zu Charlies Kern sehen kann. Der sie wirklich sieht, aus ihrer Reserve lockt und damit die Scheibe herunterkurbelt, die Charlie von der Welt trennt, damit aber auch den Blick auf sich selbst freigibt: auf jemanden, der nicht ansatzweise so unbekümmert ist, wie Charlie anfangs denkt.
Mit der Glasscheibe hat Engelmann eine wunderbare Metapher gefunden, um zu beschreiben, welchen Platz im Leben sich Charlie zuschreibt, wie getrübt ihr Blick auf die Welt und allen voran sich selbst ist und wie verzerrt sie deshalb auch von anderen wahrgenommen wird. Weil sie sich ihnen nicht öffnen kann. Doch Pommes klart ihren Blick auf, hilft ihr zu wachsen und ihre Ängste hinter sich zu lassen. Und ganz plötzlich passieren die Dinge nicht nur noch vor ihr, sondern auch in ihr. Charlie lernt, das Leben anzunehmen und dabei auch sich selbst anzunehmen.
„Ich dachte an die Prise Ich. Vielleicht war jeder ein bisschen von allem. Ein bisschen ängstlich. Ein bisschen mutig. Ein bisschen Abenteurer. Ein bisschen Feigling. Ein bisschen still. Ein bisschen laut. Ein bisschen komisch. Ein bisschen normal. Sogar Pommes.“
Zitat, Seite 19
„Himmel ohne Ende“ ist eine stille und doch so laute Geschichte, die von Gefühlen und Gedanken getragen wird, die uns beflügeln und uns dem Himmel entgegenstrecken lassen. Und genau deshalb ist sie sicher auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Weil Julia Engelmann in Worte zu fassen vermag, was uns alle umtreibt. Weil sie Dinge in die Freiheit entlässt, die oftmals im Verborgenen bleiben. Meine Daumen sind gedrückt. Das Werk wurde ganz unverhofft zu einem Jahreshighlight für mich. Ein Jahr später als geplant, aber wie sagt man so schön? Lieber spät, als nie.