Frau im Mond + Giveaway

Berlin Verlag, erschienen am 04. April 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 496 Seiten, ISBN: 978-3827014993, hier geht’s zum Buch

„Wir überwinden Verluste, indem wir uns erinnern. So halten wir die, die wir verloren haben, am Leben.“

Zitat, Seite 32

Am 4. August 1966 schickt eine Gruppe Studenten, die Lebanese Rocket Society, unter der Leitung von Manoug Manougian eine Rakete ins Weltall. Sie soll für die blühende Zukunft des Libanon stehen. Es ist die libanesische Cedar 8, die lange vor der Apollo 11 den Weltraum erreicht und den Libanon damit zu Weltraumpionieren macht, auch wenn um das historische Ereignis heute kaum noch einer weiß.

Am 4. August 2020 kommt es im Hafen von Beirut zu einer Explosion, die das gesamte Land erschüttert. Denn sie zerstört nicht nur den Hafen, sondern auch große Teile der Beiruter Innenstadt. Es ist die größte, nicht nukleare Explosion der Menschheit, die auch noch in 250 km Entfernung zu spüren war. 300.000 Menschen verlieren bei dieser Katastrophe ihr Dach über dem Kopf, 207 sogar ihr Leben. Mehr als 6.500 Menschen werden bei der Explosion verletzt.

Pierre Jarawan, den man bereits durch seine Romane „Am Ende bleiben die Zedern“ und „Ein Lied für die Vermissten“ kennt, verbindet in seinem neuesten Werk diese beiden historischen Ereignisse mit einer Familiengeschichte und erzählt damit nicht nur eine, sondern ganz viele Geschichten, „die sich wie Fäden eines Wandteppichs zu einem Bild verflechten“. Es ist das Bild der „Frau im Mond„.

Gut Ding will Weile haben

„Alles rückt zur rechten Zeit an seinen Platz.“

Zitat, Seite 34

Man sagt, Gut Ding will Weile haben.“ und im Bezug auf dieses Buch kann ich dieses Sprichwort nur bestätigen. Denn ich war eine ganze Weile mit diesem Roman beschäftigt, der mir nicht nur aufgrund seiner Seitenanzahl, sondern auch aufgrund seiner Vielschichtigkeit sehr viel Stoff zur Auseinandersetzung mit auf den Weg gab.

Heute, am 4. August 2025 und damit 59 Jahre nach dem libanesischen Raketenstart und 5 Jahre nach der Explosion im Hafen von Beirut, schaue ich „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ auf diesen Roman und die Erlebnisse zurück, die er mir geschenkt hat.

Ich hatte bereits zur Leipziger Buchmesse das Vergnügen, Pierre Jarawan bei einer Wohnzimmerlesung lauschen zu dürfen, die Uwe Kalkowski alias Kaffeehaussitzer alljährlich im Wohnzimmer seines guten Freundes Hannes organisiert und dabei einem kleinen Kreis von Leser*innen Einblick in ganz besondere Werke gewährt. Der Roman ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen. Die Luft ist voller Vorfreude und Neugier und das kleine Fensterbrett des Wohnzimmers randvoll mit Exemplaren, die man an diesem Abend schon vor der Veröffentlichung des Romans mit nach Hause nehmen kann.

Schon an diesem Abend war ich regelrecht berauscht von Pierres melodischen Zeilen, von seiner umfassenden Recherche zum Buch, seinem beeindruckenden Wissen um Land und Leute und den vielen Fäden, durch die er seinen Roman zu einem Gesamtkunstwerk verflochten hat wie einen armenischen Wandteppich, der, wie man später noch erfährt, im Roman eine tragende Rolle spielen wird.

Eine Woche später war ich von Tina Lurz und dem Berlin Verlag in München zum Release Event ins Museum Lichtspiele eingeladen, bei dem ein kleiner Kreis geladener Gäste im Weltraumsetting von Kinosaal 4 in die „Frau im Mond“ und libanesische Köstlichkeiten eintauchen durfte. Hier konnte ich nicht nur den Autor, sondern auch die Entstehungsgeschichte zum Roman noch einmal näher kennenlernen, die mitunter auch durch ein Bild von einem Raketenschweif, das 2017 in einer Ausstellung im Haus der Kunst in München zu sehen war, geprägt ist.

Vier Jahre schrieb Pierre an seinem Roman, in dem er die beiden historischen Ereignisse des 4. August mit der Familiengeschichte der El Shamis, einer in Montréal lebenden Familie, verknüpft.

Es sind die Zwillingsschwestern Lilit und Lina, die auf Spuren ihrer armenischen Großmutter Anoush stoßen, die sie nur von einem Foto an der Wand und den Mosaiken aus Geschichten ihrer Mutter Dana und ihrem Großvater Maroun kennen. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wachsen sie unter der Obhut ihres Großvaters auf. Sie wissen um seine Vorliebe für das Erzählen, oft aber nicht, wieviel Glauben man seinen Erzählungen schenken kann. Als sie auf einer alten Postkarte eine Widmung und Liebeserklärung ihrer Großmutter an Maroun entdecken, werden sie neugierig. Was hat es mit den Zeilen „Möge die Frau im Mond dir den Weg weisen.„, mit dem dazugehörigen Geschenk, einem „Raketenteppich“, wie Maroun ihn bezeichnet, und der geheimnisvollen Symbolik auf der Rückseite auf sich? Woher kommt überhaupt Marouns Faible für Weltraumraketen und was ist eigentlich die Lebanese Rocket Society?

Und so begibt sich Lilit auf Spurensuche, die sie von Montréal nach Beirut führt. Hier sucht sie nach den Wurzeln ihrer Familie, vor allem aber nach den Spuren ihrer Großmutter. Es ist aber auch ein Suchen in sich selbst, ein Ausloten an Gemeinsamkeiten; ein Erspüren, wieviel von ihrer Großmutter in ihr steckt. Nach einem erfolgreichen Filmdebüt als Dokumentarfilmerin ist sich Lilit unsicher über ihr Handwerk und traut sich nicht an einen zweiten Film. Sie fürchtet sich vor der Enttäuschung, dem tiefen Fall, der ihr womöglich bevorsteht, weil der Erstling „Bahamut“ doch nur ein Erfolg war, weil er zum richtigen Zeitpunkt einem politischen Thema entsprach und gut in die Schublade „einer Filmemacherin mit migrantisch kanadischer Herkunft“ gepasst hat. Zeitgleich ist sie auf der Suche nach guten Stoff für den zweiten Film. Womöglich ist Anoushs Geschichte dafür gemacht?

Als sie im Sommer 2020 in Beirut ankommt, erlebt sie ein Land in Aufruhr. Die Stadt empfängt sie dunkel und dreckig. Unter den Menschen herrscht Angst und Armut und in den Straßen sind Überbleibsel von Protesten und Demonstrationen zu finden. Hier legt Lilit Stück für Stück Fragmente aus dem Leben ihrer Großmutter frei, die als Kind in einem Waisenhaus aufwuchs und dem Völkermord an den Armeniern nur knapp entkommen konnte, weil sie wie viele armenische Genozid-Überlebende in die Gegend, die heute als Libanon bekannt ist, geflüchtet ist. Und obwohl Anoush nicht mehr lebt und ihre Enkelin sie nie kennengelernt hat, hat man doch das Gefühl, dass sie sich im Verlauf der Geschichte näherkommen. Es sind zum einen die wunderbaren Rückblicke, die Jarawan durch wechselnden Zeitebenen freilegt, zum anderen aber auch Lilits Tagebucheintrag, der wie ein Brief an Anoush geschrieben ist:

„Wer auch immer den Begriff Stadtdschungel geprägt hat, muss Beirut in seinem jetzigen Zustand gesehen haben. Schwer vorstellbar, dass es schon so aussah, als du mit Maroun und Dana 1959 hierher zurückkamst. Ich will es dir beschreiben: Kletterpflanzen haben die Häuser, weiß und mehrstöckig zumeist, überwuchert, sodass es scheint, als wären ganze Stadtviertel von Krampfadern übersät. Hier und da überwindet eine Treppe den Anstieg zur nächsthöher gelegenen Straße, wobei die wuchernden Sträucher Tunnel bilden. Katzen streunen um die Mülltonnen. Aus Gehwegen – oder dem, was man hier dafür hält – wachsen Mandarinenbäume, unter denen die Früchte faulen. Die Laternen sind ausgeschaltet. Nachts dringt nur ein Schimmern aus den Wohnungsfenstern, hinter denen – ich stelle es mir so vor – die Frauen Kerzen entzündet haben, ihre Kinder baden und in den Schlaf wiegen. Vor dem Zubettgehen schieben sie die Vorhänge beiseite, weil sie meine Schritte untern hören; sie sehen die Fremde in abgewetzten Sneakern, im ärmellosen Top, mit dem Kameragurt über der Schulter, die sich umblickt. Es ist, als könnte ich sie murmeln hören. […]

Was hatte ich erwartet? Es ist, erkannte ich bei meinem ersten Streifzug durch die Stadt, unmöglich zu verstehen, was es heißt, in Beirut zu sein, wenn man nichts weiß von den der Tiefe der Krater, die der Bürgerkrieg geschlagen hat. Selbst dreißig Jahre nach dem Ende sind seine Schatten allgegenwärtig in den Einschusslöchern übersäten Mauern, den wandlosen Häusern, in den Graffiti, die beinah alles überziehen, auffällig oft auch die vergitterten Türen der Banken. Selbst in den Teilen des Zentrums der Stadt, die neu errichtet oder frisch erstrahlen, spukt der Geist der Zerstörung weiter.“

Zitat, Seite 202/203

Jarawan nutzt eine wunderbar poetische Bildsprache. Durch sie lernen wir nicht nur die Schauplätze des Romans, sondern auch die restlichen Mitglieder der Familie, allen voran Maroun el Shami, aber auch seine Tochter Dana und ihren Mann Jules sowie deren Kinder, Lina und Lilit, kennen.

„Haben Sie schon einmal eine einhundert Jahre alte Hand befühlt? Es ist, als würde man eine Landkarte ertasten, auf Pergament gezeichnet. Die Landschaft ist rau, wie von Stürmen geschliffen, Gebirgszüge aus Falten erheben sich, Adern spannen ein Netz aus Flüssen, dazwischen Altersflecken wie Inseln.“

Zitat, Seite 77

Von Maroun el Shami war ich besonders fasziniert, wird er doch schon auf den ersten Seiten mit so wunderbaren Worten beschrieben, die sich direkt in mein Herz geschlichen haben. Denn nach dem Tod seiner Frau „hat er wie ein Asteroid gewirkt, der ohne Umlaufbahn durchs Universum driftete“ oder der für die Heimbewohner des Seniorenwohnheims, in das er bis zu seinem Rausschmiss kurz verweilte, „wie ein Buch in einem Regal war, an das man nur über eine Leiter herankam“. Schon mit 10 Jahren sieht er Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond“ im Kino und ist von da an fasziniert vom Weltraum und entwickelt eine Leidenschaft für das Bauen von Raketen. In den 60er Jahren wird er Dozent an der Haigazian-Universität und gründet oben erwähnte Lebanese Rocket Society.

Der Titel des Romans steht dabei für eine der Ebenen im Buch, allen voran aber für den Titel des Stummfilms von Fritz Lang, den die meisten nur durch „Metropolis“ kennen. Pierre zitiert mit seinem Titel nicht nur den Film, der für damalige Verhältnisse technisch sehr eindrucksvoll war, sondern verneigt sich damit auch vor dem Regisseur, der in seinem Film den Countdown erfunden und damit den Weg zum Mond bereitet hat.

Man kann „Frau im Mond“ in voller Länge (2 Std. 50 Min.) bei YouTube ansehen (um ehrlich zu sein: ich konnte ihn nur schwer ertragen). In seinem Roman macht sich der Autor der formalen Spielerei des Countdowns zu Eigen und beginnt deshalb mit Kapitel 50 und endet mit Kapitel 0.

Wie man sieht, sind es viele Wohlfühlszenerien, die Jarawan mit seinen Zeilen hervorruft. Doch angesichts der vielen historischen Ereignisse und Themen, die in seinem Roman eingebettet sind, trifft man hier auch auf eine Reihe an sehr anschaulichen und erschütternden Beschreibungen. Im Gespräch verrät Pierre, dass es ihm wichtig war, eine Geschichte über den Nahen Osten zu schreiben, die ohne Opferrolle daherkommt. Deshalb ist auch in den Momenten der Tragik stets ein bisschen Hoffnung zu finden. Für die GlockenbachWelle haben wir uns mit Pierre Jarawan zu seinem neuesten Roman und seinem künstlerischem Schaffen unterhalten. Die Podcastfolge ist im Juli erschienen und fühlt noch einmal Dinge auf den Zahn, die ich hier unerwähnt gelassen habe.

Hör hier in die Folge rein.

„Frau im Mond“ ist mir als vielschichtiges Werk voller Leben und tragikomischen Ereignissen begegnet. Es trägt viel mehr in sich, als man es beim Aufklappen des Buchdeckels vielleicht vermutet, weshalb es noch lange in einem nachhallt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es mir von so vielen Menschen ans Herz gelegt wurde. Und heute möchte auch ich das von Herzen tun.

Möge die Frau im Mond mit dir sein.

Klick, klick, Glück!“ 

Anlässig des 4. August, der nicht nur der Tag zweier obengenannter historischer Ereignisse, sondern auch der Geburtstag des Autors ist, möchte ich mit freundlicher Unterstützung des Berlin Verlags heute ein signiertes Exemplar von „Frau im Mond“ inklusive Wandteppich-Lesezeichen unter euch verlosen. 

Da ich sowohl hier auf dem Blog als auch auf Instagram eine treue Leserschaft habe, möchte ich euch auf beiden Kanälen die Möglichkeit geben, für das Exemplar in den Lostopf zu springen.

„Was macht den Zauber von Gegenständen aus, die unsere Lebensräume bevölkern? Eine alte Vase auf dem Kamin, ein Taschenmesser auf der Kommode, ein bestimmter Badeanzug, ein Zeichenstift? Die Antwort lautet: Sie sind gleichzeitig sichtbar und unsichtbar wie verwunschene Gegenstände in Märchen. Wir sehen sie als einfache Dinge, während sie für die Person, der sie gehören, aufgeladen sind mit Erinnerungen und Geschichten, losgelöst vom schlichten Gebrauchswert, den wir ihnen unterstellen. Es handelt sich um die Art von Gegenständen, die wir aus einem brennenden Haus tragen würden, während alle anderen sich fragen, weshalb.“

Zitat, Seite 106

Für ein Los auf dem Blog würde ich dich bitten, mir bis Mittwoch, 06.08.2025, 23:59 Uhr in einem Kommentar zu verraten, welcher Gegenstand für dich, losgelöst vom schlichten Gebrauchswert, mit Erinnerungen und Geschichten aufgeladen ist und deshalb einen ganz persönlichen Wert für dich hat. Für Maroun ist der Wandteppich von Anoush zu einem solchen Schatz geworden.

Die Teilnahmebedingungen für das Los auf Instagram könnt ihr meinem Instagram-Post  auf @lesenslust entnehmen, der zeitgleich mit diesem Beitrag veröffentlicht wird. 

Viel Glück!

Eure Steffi

GlockenbachWelle – Die Welle mit Martina Bogdahn

Die 25. Welle mit Martina Bogdahn

Willkommen bei der 25. Ausgabe der GlockenbachWelle.

„Man weiß nie, wo es hingeht im Leben, aber man weiß immer, wo man herkommt“

Das ist das Credo des Buches, über das wir in dieser Ausgabe sprechen. Wie wir als Kinder unbedingt ganz anders sein wollten als unsere Eltern, wie wir gelangweilt weghörten, wenn die Großeltern von der Vergangenheit erzählten. Und doch kommt irgendwann die Zeit, in der wir uns auf unsere Wurzeln zurückbesinnen und aufgrund von all den Hürden, die das Leben so mit sich bringt, uns in die einfache Geborgenheit zurückwünschen.

Zu wissen, woher wir kommen, ist ein großes Geschenk, denn es verwurzelt uns in der Welt und gibt uns den Halt, allen Widrigkeiten des Erwachsenenlebens zu trotzen.

Die Welle mit Martina Bogdahn

Eine Buchhändlerin, eine Autorin und eine Bloggerin im Gespräch für Literatur Radio Hörbahn

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung in München

Die Runde: Die Gastgeberin und Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Pamela Scholz, Autorin und Fotografin Martina Bogdahn und meine Wenigkeit

Worum geht es in dieser Folge?

Wir machen in dieser Folge eine kleine Landpartie! Nein, es wird kein Picknick im Grünen, sondern vielmehr der Besuch auf einem bäuerlichen Hof. Und da heißt es ab in die Gummistiefel und rein in den Schweinestall! Natürlich bekommen wir auch ein bisschen frische Landluft dabei ab, aber allen voran eine Ahnung davon, wie so eine Kindheit auf dem Bauernhof wirklich aussieht oder ausgesehen hat. Mit seinen schönen und auch weniger schönen Seiten.

Martinas Roman „Mühlensommer“

Kiepenheuer & Witsch, erschienen am 11. April 2024, Preis 23,00 € [D], Gebundene Ausgabe, 336 Seiten, ISBN: 978-3-462-00478-6hier geht’s zum Buch

Was die Welle zu euch spült

  • warum der „Mühlensommer“ ein großes Wunder ist
  • wie aus der Kurzgeschichte über einen glitschigen Aal ein Roman wuchs
  • was sich hinter „Mit dem Kopf im Wasser und den Füßen im Licht“ verbirgt
  • warum sich der Arbeitstitel des Romans im vorangestellten Musikzitat finden lässt
  • wie man zu seinen Wurzeln zurückfindet
  • wie aus der „Mäusleinsmühle“ der „Birkenhof“ wurde
  • was sich hinter mittelfränkischen „Baggers“ verbirgt
  • wie sich Realität und Fiktion in einem Roman vermischt
  • auf Damen mit exotischen Namen oder Quark auf dem Knie
  • von der Fotografie zum Schreiben
  • wie Martina uns zu Lieblingsfiguren und Lieblingsstellen im Buch entführt
  • Buchempfehlungen à la thematischer Treibsand

Die Buchempfehlungen

Die Buchempfehlungen von Pamela

Die Buchempfehlungen von Martina

Bleib Wellenreiter*in und gespannt, was noch alles auf dich zuschwappt …

Jetzt solltet ihr euch zuschalten. Hier geht´s lang. Ohren auf!

Besucht die „Mäusleinsmühle“ – Martinas Heimat

Blogtour zum Bilderbuch „Wieder Zu Hause“ + Giveaway

„Home is where your heart is.“

Ein Zuhause ist für mich nicht nur ein Ort, es ist vielmehr ein Gefühl. Ein Gefühl des Ankommens. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Ein Ort, der mich sanft umschließt wie die Arme eines geliebten Menschen. Und deshalb ist ein Ort, den ich als mein Zuhause bezeichne, immer mit den Menschen verbunden, deren Nähe, Liebe und Aufmerksamkeit mir gut tun. 

Ein Zuhause, das ist für mich aber auch ein Ort, an dem ich so sein kann, wie ich bin. Der mir Luft zum Atmen gibt. Mir Raum schenkt, um mich frei zu entfalten. Wo all meine Gemütslagen Platz finden, ich ausgelassen und fröhlich, aber auch traurig und niedergeschlagen sein darf. Mein Zuhause ist mein Wohlfühlort, der Ruhe und Gemütlichkeit ausstrahlt. Der mit und an mir wächst, hin und wieder sein Gewand wechselt und mich idealerweise sogar über mehrere Lebensphasen hinweg beherbergt. Manche sogar ein ganzes Leben. Mir war es leider nicht vergönnt, mein Elternhaus als Zuhause für die Ewigkeit zu wahren, weshalb es mir umso wichtiger ist, unser jetziges Zuhause für meine Räubertochter so lange wie möglich zu wahren.  

Mit dem Einzug in ein Haus bzw. in eine Wohnung hauche ich ihm/ihr Leben ein. Ganz unbewusst hinterlasse ich Spuren: Dellen oder Kratzer, knarzende Stellen auf den Dielen, Löcher und Schattierungen in der Wand, Konfetti, das sich in den entlegensten Winkeln versteckt, vergessene oder vergrabene Schätze. All diese Überbleibsel werden der nachfolgenden Generation meine Geschichte erzählen.

Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Orte gefunden, die mir ein Zuhause waren. Manche davon sind es heute noch, selbst wenn ich längst nicht mehr dort wohne. Was mich für immer mit ihnen verbindet sind die Erinnerungen, Gefühle, Geräusche und Menschen, die ich dort für mich mitnehmen durfte. 

Doch was passiert mit einem Zuhause, wenn wir ausziehen und es hinter uns lassen? Und wie geht es dem Haus bzw. der Wohnung damit? Wiegt unsere Abwesenheit so schwer, dass es von einer plötzlichen Leere erfasst wird? Trauert es vielleicht sogar um uns? Verschließt oder öffnet es sich gegenüber Neuem? Colleen Rowan Kosinski und Valeria Docampo haben diese Gedanken aufgegriffen und daraus ein besonderes Bilderbuch mit ungewöhnlicher Perspektive entstehen lassen. 

„Wieder zu Hause!“ – Valeria Docampo,  Colleen Rowan Kosinski

mixtvision, erschienen am 17.08.2022, Preis 17,00 € [D], Bilderbuch, ab 3 Jahren, 32 Seiten, ISBN: 978-3-95854-191-7, hier geht’s zum Buch

„Wieder zu Hause!“ erzählt die berührende Geschichte eines Hauses aus ungewöhnlicher Perspektive. Dann das dreistöckige rote Haus auf dem Cover dient dem Bilderbuch nicht nur als Szenerie und Mittelpunkt der Geschichte, es fungiert darin auch als Geschichtenerzähler. Denn das Haus selbst erzählt den Leser*innen seine Geschichte.

„Meine Familie liebte  mich. Und ich liebte sie. Ich war mehr als nur ein Haus. Ich war ein Zuhause. Ihr Zuhause.“

Und so erinnert sich das Haus an die vielen schönen Momente mit seiner Familie. Es erzählt von den Babyfüßen, die auf seinen Dielen herumgetapst sind. Wie ihr zartes Tapsen einem lautem Stampfen wich. Wie die Küche vom Duft frisch gebackenen Brotes erfüllt war und ausgelassenes Lachen durch den Flur hallte. Wie seine Familie wuchs und die Größe der Kinder an der Dielentür verewigt wurde. Wie aus acht Füßen zehn wurden. Wie das Haus erfüllt war von Menschen und wie es ihm manchmal auch zu viel wurde. Dass es nur durch die Fürsorge seiner Familie wieder an Stärke zurückgewann und ihr fröhliches Treiben es erstrahlen ließ. Es erzählt aber auch von der schweren Zeit danach. Als seine Familie auszog und das Strahlen erblasste. Wie es traurig und leer zurückblieb, den Erinnerungen vergangener Zeiten nachhing und von sichtbaren Zeichen des Verfalls übersät war. Es fiel ihm schwer, sich auf neue Bewohner*innen einzulassen.

Viele Menschen kamen, um das Haus zu besichtigen. Doch sie fanden keinen Zugang, ließen sich von den angeschlagenen Dachschindeln, den knarrenden Stufen und den klappernden Fensterläden vertreiben. Wochen und Monate zogen ins Land, bis zwei Männer kamen, die in ihm genau das sahen, was seine Familie in ihm sah: ein Zuhause.

Mit ihrem unvergleichlichen Illustrationsstil schafft es Valeria Docampo einmal mehr eine Geschichte zu Papier zu bringen, die uns alle verzaubert. „Wieder Zu Hause!“ präsentiert sich nicht nur als wunderbar stimmiges Gesamtkunstwerk, in dem sich Docampos atmosphärische Bilder mit den Zeilen von Colleen Rowan Kosinski, die von Pia Jüngert ins Deutsche übertragen wurden, perfekt ergänzen, es bedient sich auch einer uns allen vertrauten Szenerie: einem Zuhause.

Wir alle haben in den letzten drei Jahren sehr viel mehr Zeit Zuhause verbracht als uns lieb war. Der Wunsch, die eigenen vier Wände in einen Wohlfühlort zu verwandeln war und ist nach wie vor noch viel ausgeprägter als früher. Das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in den eigenen vier Wänden ist für uns essentiell geworden, um auf die Entwicklungen und vielen Einflüsse von Außen reagieren zu können. 

Ob das Haus in dieser Geschichte nun das eigene Zuhause verkörpert oder für den Wunsch nach einem vertrauten Ort steht, diese Geschichte trifft mitten ins Herz. Sie zeigt uns, wie wichtig ein Zuhause und das Gefühl von Zugehörigkeit für uns Menschen ist. Und verdeutlicht, was viele Menschen in Zeiten des Krieges hinter sich lassen müssen. Wie Loslassen und Abschiednehmen Platz für Neues schaffen kann und dass man auch nach langer Zeit der Zurückgezogenheit wieder einen Platz im Leben finden kann.

Mit „Wieder zu Hause!“ ist Docampo und Kosinski ein ruhiges und einfühlsames Werk gelungen, das uns dazu einlädt, in die Rolle unseres Zuhauses zu schlüpfen. Es erinnert uns daran, dass kaputte Dinge nicht zwingend aussortiert oder abgerissen werden müssen, sondern vielmehr repariert werden können. Dass wir durch unsere Liebe und Zuwendung wertschätzen, was wir haben. 

Ein Penny für deine Gedanken – Ein Giveaway für deine Momentaufnahme

Im Rahmen der Blogtour von Küstenkidsunterwegs und mixtvision darf ich ein Exemplar dieses wundervollen Bilderbuches an euch verlosen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir dafür eine schöne Momentaufnahme aus deinem Leben in deinem Zuhause mit auf den Weg gibst. Verrate mir bis Freitag, den 10. Oktober 2022 um 23:59 Uhr deine persönliche Geschichte in Form eines Kommentars und springe damit in den Lostopf für ein Exemplar des Buchs.

Das Gewinnspiel läuft parallel auf Instagram. Die Teilnahme ist für alle Leser*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz möglich und auf beiden Kanälen denkbar. Die Gewinnchance auf das Exemplar des Bilderbuches verdoppelt sich damit.

Der Versand des Gewinns erfolgt durch mixtvision. Zu diesem Zweck gebe ich die Adresse der Gewinnerin/des Gewinners an den Verlag weiter.

Viel Glück! Eure Steffi

Heldenreise

lesenslust über „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski

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„Das Leben ist kein Geschenk. Das ist völliger Unsinn. Es ist ein Gutschein. Und das Einzige, worum es geht, ist, ihn einzulösen, bevor er verfällt.“

Zitat aus dem Buch

Schon das Cover von Candy Bukowskis Romandebüt hat mich umgehauen. Der Tiger verleiht ihm so viel Kraft, Lebendigkeit und Ausdrucksstärke, das man bereits vor dem Lesen vermutet, dass sich dahinter eine charakterstarke Geschichte verbirgt. Das und noch viel mehr. Ein Roman, zum Bersten gefüllt mit Leben.

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman. Die Geschichte, die in den rebellischen 80ern „am Arsch der Welt“ beginnt, strandet irgendwann im nordischen Hamburg. Es geht um Protagonistin Sugar. Eine Frau, die mit Vollgas durchs Leben brettert und dabei stets mit vollem Körpereinsatz dabei ist. Doch ihr Einsatz bringt nicht nur Glücksmomente, sondern auch zahlreiche Niederlagen mit sich. Heftige Momente. Die, in denen man ungedämpft am Boden aufkommt und nicht weiß, ob man je wieder aufstehen kann.

Während Sugar anfangs mit Punker Pete durchs Leben zieht, gesellen sich mit den Jahren Luke und Silver dazu. Männer, die sie ihr Leben lang begleiten und es entscheidend prägen. Doch die Suche nach dem großen Glück und der einzig wahren Liebe verlangt ihr alles ab. Sie wird zu einem Kraftakt in 236 Seiten. Einer, bei der man bis zur letzten Seite mitfiebert; mit pochendem Herzen, heißen Wangen und jede Menge Adrenalin im Blut.

„Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren.“

Zitat aus dem Buch

Candy Bukowski ist ein grandioses Romandebüt gelungen. Ihre schonungslosen Zeilen treffen dich mit all ihrer emotionalen Härte. Sie sind berauschend, wortgewaltig und erschreckend ehrlich. Viele Zeilen begleitete ich mit einem zustimmenden Nicken, während mich andere bis ins Mark erschütterten. Sugars Leben ist kein leichtes Spiel, eine ständige Achterbahnfahrt mit allen Hochs und Tiefs. Ein Leben, das irgendwie auch Bukowskis ist. Denn es offenbart die Erlebnisse der Autorin selbst, zu deren Veröffentlichung sie sich nun entschloss.

Doch es kommt noch viel mehr zum Vorschein. Denn neben all der Härte werden Bukowskis Zeilen von Melancholie, aber auch von Hoffnung begleitet. So hangelt sich die Protagonistin bedächtig an ihr entlang. Lernt, trotz Schicksalshaftigkeit des Lebens das Gute nie aus den Augen zu verlieren. Der unkonventionelle Schreibstil der Autorin verleiht den Zeilen dabei nicht nur eine sehr authentische, sondern auch persönliche Note.

„Wenn du einen wachen Moment hast, dann fallen sie dir wieder ein, die ganz großen Geschichten, in den ganz großen Lederbändchen aus gegerbter Menschenhaut mit Lesebändchen aus geflochtenem Erinnerungshaar. Mit all dem Seufzen und Sehnen zwischen den handgeschriebenen Seiten und dem Schönsten. Dem immer wieder schönsten Schluss von allen.“

Zitat aus dem Buch

„Wir sind keine Helden“ ist kein Spaziergang durch den Paradiesgarten Eden. Es ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Eine lehrreiches Abenteuer und eine spannende Entwicklungsreise einer jungen Frau, deren jugendlicher Panzer langsam aber sich einem reiferen und erwachseneren weicht. Der Roman präsentiert sich dabei mithilfe von unterschiedlichen Zeitetappen und den dazugehörigen Songs der damaligen Zeit. Würde ihr Roman als Soundtrack vertont werden, würde sein Beat mit voller Dröhnung durch die Boxen wummern. Mein absolutes Lesehighlight in 2016!

 „Manchmal ist es bedeutend einfacher, unvorstellbare Dinge zu tun, als man dachte. Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg geknickt und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden, dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung. In eine zumindest.“

Zitat aus dem Buch

<3 <3 <3 <3 <3