Diogenes Verlag, erschienen am 23. Juli 2025, Preis 25 € [D], Gebundenes Buch, 336 Seiten, ISBN: 978-3-257-07323-2, hier geht’s zum Buch
„Ich streckte die Hand aus, fast so, als würde ich den vorbeiziehenden, grauweißen Kuppelhimmel berühren können, und fragte mich zum hundertsten Mal, ob es vielleicht gar nicht der Himmel war, der an mir vorbeizog, sondern in Wahrheit ich an ihm vorbeizog, an einem Himmel, der schon immer da gewesen war und für immer bleiben würde, einem ewigen Himmel, der von mir gar nichts wusste.“
Zitat, Seite 53
Charlie ist anders als die anderen Fünfzehnjährigen. Immer sind es die falschen Gedanken, die in ihrem Kopf herumschwirren, immer die falschen Worte, die aus ihrem Mund herauspurzeln. Sie fühlt sich wie hinter einer Glasscheibe, durch die sie zwar alles sehen kann, die sie aber auch von allem trennt. Als wäre sie nicht Teil dieser Welt. Sie schämt sich für das, was sie ist, für ihr fehlendes Talent, sich anzupassen, einfach nur normal zu sein oder dazuzugehören. Am liebsten wäre sie gerne jemand anderes. Ohne bescheuerte Gedanken im Kopf. Ohne komisches Gefühl im Bauch.
Als sich ihre beste Freundin von ihr abwendet, ihr Meerschweinchen stirbt und ihre Mama ihr einen neuen Mann vorstellt, wünscht sie sich einmal mehr sie wäre woanders. Doch dann lernt sie Pommes kennen, der eigentlich Kornelius heißt und der genauso verrückte Ideen und Gedanken zu haben scheint wie sie. Bei ihm kann sie sie selbst sein, ihren wirren Gedanken freien Lauf lassen. Und so kurbelt Pommes langsam aber sicher die Scheibe herunter, die Charlie von der Welt abschottet und der Himmel kommt zum Greifen nah.
„Vielleicht braucht man manchmal gar nicht die richtigen Worte, sondern bloß die richtige Stille. Und vielleicht war es auch nie zu spät, zu sagen, was man sagen wollte. Vielleicht war die Zeit auch nur ein großer Park, der sich in alle Himmelsrichtungen ausdehnte und auf dessen Wegen man entlangspazieren konnte, genau dahin, wo einem die Worte gefehlt hatten. Und dann wieder zurück.“
Zitat, Seite 183
Julia Engelmanns leiser, wunderbar poetischer Coming-of-Age-Roman hat mich mitten ins Herz getroffen.
Mit Charlie ist Engelmann eine Figur gelungen, in der ich mich sofort wiedergefunden habe. Ein Teenager, der sich nicht zugehörig fühlt, der verzweifelt versucht, dazuzugehören, er selbst oder zumindest jemand zu sein und der bei seinen Versuchen immer wieder kläglich scheitert. Sich ständig unverstanden fühlt. Es immer verbockt.
Durch ihre Zeilen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, schlüpfen wir in die Rolle von Charlie, nehmen uns dieser unverstandenen Fünfzehnjährigen an, die so viele Gedanken und Gefühle umtreibt. Es sind wirre und laute Gedanken, die pausenlos auf Charlie einprasseln, seitdem ihr Vater gegangen ist, von da an fester Bestandteil ihres Lebens sind, mit jedem Tag mehr werden und sie sich tausend Fragen stellen lässt, auf die sie einfach keine Antworten findet.
„Er hatte ein Loch hinterlassen. Ein Loch in der Form meines Vaters, und ich, ich hatte durch das Loch in den Abgrund geschaut, während in mir die Liebe überlief, die jetzt nirgends mehr hinkonnte. Ich war zu jung, um zu wissen, wie das beides ging: Am Abgrund stehen, ohne hineinzufallen. Die Liebe behalten, ohne darin zu ertrinken.“
Zitat, Seite 21/22
In Rückblicken erfährt man von der Liebe und Verbundenheit zwischen Charlie und ihrem Vater. Von der Lücke und dem fehlenden Halt, der nach seinem Weggang enstanden ist. Von der wachsenden Einheit, zu der Charlie und ihre Mutter geworden sind und von der Angst und der Ablehnung, die in Charlie heranwächst, als da plötzlich ein anderer Mann neben ihrer Mutter steht. Einer, der Charlie ihre Mutter wegnehmen könnte. Den Charlie nur den Italiener nennt, weil sie ihn nicht mag und todlangweilig findet, den sie auf Abstand halten will, bei dem sie aber auch irgendwann erkennt, dass er es nur gut meint, er ihre Mutter wieder glücklich machen kann. Vielleicht sogar auch sie.
Und dann stellt Engelmann Charlie Pommes an die Seite. Diesen großen, blonden Jungen mit dem hellen Grinsen und dem klaren Blick. Ein scheinbar unbekümmerter Zeitgenosse, der immer seinen Weg weiß und der durch alles Rauschen und alle Schichten bis zu Charlies Kern sehen kann. Der sie wirklich sieht, aus ihrer Reserve lockt und damit die Scheibe herunterkurbelt, die Charlie von der Welt trennt, damit aber auch den Blick auf sich selbst freigibt: auf jemanden, der nicht ansatzweise so unbekümmert ist, wie Charlie anfangs denkt.
Mit der Glasscheibe hat Engelmann eine wunderbare Metapher gefunden, um zu beschreiben, welchen Platz im Leben sich Charlie zuschreibt, wie getrübt ihr Blick auf die Welt und allen voran sich selbst ist und wie verzerrt sie deshalb auch von anderen wahrgenommen wird. Weil sie sich ihnen nicht öffnen kann. Doch Pommes klart ihren Blick auf, hilft ihr zu wachsen und ihre Ängste hinter sich zu lassen. Und ganz plötzlich passieren die Dinge nicht nur noch vor ihr, sondern auch in ihr. Charlie lernt, das Leben anzunehmen und dabei auch sich selbst anzunehmen.
„Ich dachte an die Prise Ich. Vielleicht war jeder ein bisschen von allem. Ein bisschen ängstlich. Ein bisschen mutig. Ein bisschen Abenteurer. Ein bisschen Feigling. Ein bisschen still. Ein bisschen laut. Ein bisschen komisch. Ein bisschen normal. Sogar Pommes.“
Zitat, Seite 19
„Himmel ohne Ende“ ist eine stille und doch so laute Geschichte, die von Gefühlen und Gedanken getragen wird, die uns beflügeln und uns dem Himmel entgegenstrecken lassen. Und genau deshalb ist sie sicher auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Weil Julia Engelmann in Worte zu fassen vermag, was uns alle umtreibt. Weil sie Dinge in die Freiheit entlässt, die oftmals im Verborgenen bleiben. Meine Daumen sind gedrückt. Das Werk wurde ganz unverhofft zu einem Jahreshighlight für mich. Ein Jahr später als geplant, aber wie sagt man so schön? Lieber spät, als nie.
Herzlich willkommen bei der 35. Ausgabe der GlockenbachWelle
Wir sind zurück aus unserer Winterpause. Der Frühling steht vor der Tür und mit ihr so manch hasiger Zeitgenosse, der uns zum fröhlichen Eiersuchen einlädt. Was aber, wenn sich der Osterhase dieses Jahr zu einem seiner Kumpanen in ein kleines Gasthaus in einer einsamen Bucht verzogen hat und nur darauf wartet, dass ihr ihn dort besucht!? Denn dort, am Ende der Welt, wartet eine fantastische Reise auf euch, in denen es von magischen Kreaturen nur so wimmelt.
Es ist der HasenFroschVerlag, der uns Zugang zu diesem fantastischen Abenteuer verschafft und deshalb haben wir in dieser Folge die Macher dieses ganz und gar ausgefallenen Abenteuerromans namens „Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes“ bei uns zu Gast.
Eine Buchhändlerin, eine Illustratorin, ein Autor und eine Bloggerin im Gespräch für Literatur Radio Hörbahn
Die Runde: von links Autor Stefan Rasch, Illustratorin Anja Abicht, meine Wenigkeit und Pamela Scholz, die Gastgeberin und Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung
Worum geht es in dieser Folge?
In dieser Folge schauen wir nicht nur hinter die Kulissen eines ganz besonderen Familienprojekts, sondern gehen auch mit einer mutigen Truppe auf Abenteuerreise und schauen dabei einmal genau durchs Fernrohr, welche Piraten und Piratinnen hinter diesem Schatz von einem Buch stecken.
Das Buch
„Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachlandes“- Simon & Stefan Rasch, Anja Abicht
Hasenfrosch Verlag erschienen am 13. November 2026, Preis 28,70 € [D], Hardcover, 208 Seiten, ISBN: 978-3950567809, hier geht’s zum Buch
Hase Hollywood ist schüchtern, manch einer bezeichnet ihn auch als Angsthasen. Er betreibt mit seinen Freunden ein kleines Gasthaus in einer einsamen Bucht am Ende der Welt und aus dieser ist er bis dato auch noch nie herausgekommen.
Während das Gasthaus zu Lebzeiten seines Urgroßvaters Kapitän Möhrchen noch das „Gasthaus zum fröhlichen Oktopus“ hieß, ist es heute unter Seefahrern als „Gasthaus zum fröhlichen Pups“ bekannt. Seeleute aus aller Welt suchen diesen Ort auf, um sich von den Strapazen ihrer Reisen zu erholen, so auch der gefürchtete Piratenkapitän Käpt’n Grünzahn, der im Eifer des Gefechts seinen Seesack unter dem Tisch vergisst. Darin befindet sich nicht nur ein geheimnisvoller rosa Glitzerball und ein Ei mit drachhornigem Inhalt, sondern auch eine alte Landkarte, die sich in einem Fernrohr versteckt. Auf ihr zu sehen: die Region der Unbekannten Lande, die sich jenseits der Schwarzen Berge erstreckt.
Und mit dem Fund dieser Karte beginnt für Hollywood ein fantastisches Abenteuer, das ihn aus der Bucht am Ende der Welt herauslockt und über sich selbst hinauswachsen lässt. Es ist eine Reise voller magischer Kreaturen: Drachen, Hexen, einem Lokomotiven-Dampfschiff-Rennauto und sogar einem halben Einhorn.
Was die Welle zu euch spült
wie ein Familienprojekt zum Buch wird
wenn der Sohn zum schärfsten Kritiker wird
eine Verlagsgründung mit nachhaltigem Ansatz
wie Stofftiere Stand Up – Theaterstücke Handlungselemente formen
ausgefallene Fahrzeuge und magische Kreaturen
warum Geschichten nicht immer Konflikte und pädagogische Messages in sich tragen müssen
wie das Hörspiel zum Buch entstanden ist und welcher Cast dafür gewonnen werden konnten
auf welches Begleitmaterial ihr euch noch freuen könnt
Piper Verlag, erschienen am 17. Februar 2026, Preis 25 € [D], Gebundenes Buch, 256 Seiten, ISBN: 978-3492074353, hier geht’s zum Buch
Als Gisèle Pelicot 2020 ihren damaligen Mann Dominique ins Polizeirevier begleitet, weil er im Supermarkt drei Frauen nachgestellt hat, ahnt sie nicht, dass sich ihr Leben für immer verändern wird. Denn der Kommissar konfrontiert sie mit Fotos, die aus ihrem Mann ein Monster und aus ihr ein Opfer machen. Es sind Fotos die zeigen, dass Dominique, den Pelicot bis dato für einen guten Mann und fürsorglichen Vater gehalten hat, sie über zehn Jahre betäubt und im bewusstlosen Zustand von anderen Männern vergewaltigen ließ. Auch er hat sich an ihr in diesem Zustand vergangen, seine sexuellen Fantasien ausgelebt, die sie ihm wach und bei klarem Verstand verwehrte. Pelicot hat sich in der in Strapsen begleiteten und sichtlich abwesenden Frau, die einer leblosen Stoffpuppe glich, nicht wiedererkannt.
„Auf einmal war dieses Haus nicht mehr mein Haus. Es war voller Grauzonen, Verstecke, verborgene Winkel und Gift. Und wo steckten eigentlich diese aufreizenden Dessous der Frau im Tiefschlaf?“
Zitat, Seite 28
Auf Dominiques Computer findet die Polizei etliche Videos und Fotos, durch die er die etwa 200 Vergewaltigungen akribisch dokumentiert hat. Sie offenbaren nicht nur ihn, sondern auch um die 80 Männer als Peiniger aus allen sozialen Schichten.
Auch seine Tochter Caroline Darian ist überzeugt davon, dass ihr Vater sie genau wie die Mutter betäubt und missbraucht hat. Denn auf vorliegenden Foto- und Videoaufnahmen ist auch sie nackt, scheinbar schlafend zu sehen. Er bestreitet jedoch bis heute, seine Tochter sexuell missbraucht zu haben. Sie hat ihre Erfahrungen ebenfalls in einem Buch festgehalten. Es erschien im Januar unter dem Titel „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ bei Kiepenheuer & Witsch.
Die sexuelle Gewalt und der unbemerkte Medikamentenkonsum führten bei Pelicot zu schweren gesundheitlichen Problemen. Jahrelang leidet sie unter unerklärlichen Gedächtnislücken und gynäkologischen Problemen. Obwohl sie wegen ihrer Aussetzer und Schmerzen im Unterleib jahrelang Arztpraxen aufsuchte, kam nie der Verdacht auf, dass ihre Beschwerden Folgen eines Medikamenteneinflusses waren, weshalb nie toxikologische Analysen durchgeführt wurden. Später diagnostizieren Rechtsmediziner sogar vier Geschlechtskrankheiten bei Pelicot.
2024 klagt Pelicot ihren damaligen Mann Dominique an und lässt sich zum Prozessbeginn von ihm scheiden. Sie verzichtet auf das Recht der Anonymität, macht den Prozess und damit auch die 20.000 Foto- und Videoaufnahmen von ihr öffentlich, durch die nicht nur ihr Ex-Mann, sondern auch 50 der bis zu 80 Täter als Vergewaltiger ermittelt werden können.
Mit diesem mutigen Schritt geht Pelicot in die Geschichte ein und wird über die Grenzen Frankreichs hinaus zu einer Symbolfigur im Kampf um sexuelle Gewalt. Bei ihrem Prozess und auch in ihrem Werk greift sie einen Satz aus der #MeToo-Bewegung auf, der ursprünglich von der Rechtsanwältin Gisèle Halimi stammt: „Die Scham muss die Seiten wechseln“. In einem Interview mit Maischberger verrät Pelicot jedoch, dass sie nicht als Ikone, sondern eher als Aufrüttlerin angesehen werden möchte, eine, die erzählt, was passiert ist und damit das Bewusstsein der Menschen weckt.
„Mir ist bewusst, meine Geschichte ist dafür der beste Beweis, dass es überall um uns herum eine hohe Anzahl von potenziellen Vergewaltigern gibt, und das kann leicht einen Ekel vor Männern allgemein auslösen, aber nicht bei mir. In den Augen der Öffentlichkeit war ich das Opfer übelster Gewalt. Hätte ich mich an den Missbrauch erinnert, hätte ich mich selbst auf diese Zuschreibung reduziert und es womöglich nicht überlebt.“
Zitat 188
Das Gericht verhängt Domique Pelicot die Höchststrafe und verurteilt ihn zu 20 Jahren Haft. Die weiteren 50 mitangeklagten Männer werden zu Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren verurteilt, auch wenn sich keiner von ihnen wirklich zu einer Vergewaltigung bekennt, ihren Missbrauch an Pelicot herunterspielen, mitunter sogar behaupten, Pelicot wäre bei vollem Bewusststein gewesen oder hätte gar ihre Zustimmung zum Geschlechtsverkehr gegeben. Viele berufen sich auch auf die Erlaubnis, die ihnen Dominique Pelicot erteilt hat.
Auf die Memoiren von Gisèle Pelicot bin ich erst auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse aufmerksam geworden. Um genau zu sein war es sogar ein Gespräch mit Silvia von @feiste.bücher.podcast, das mich meinen Fokus noch einmal genauer auf das kürzlich bei Piper erschienene Werk richten ließ. Denn als sich Collien Fernandes vergangenen Donnerstag als Opfer virtueller Vergewaltigung durch ihren Mann Christian Ulmen zu erkennen gegeben hat, ging ein Erschüttern durch die Reihen. Die Gespräche um Missbrauch und sexualisierte Grenzüberschreitungen sind seitdem allgegenwärtig. Das Thema ist noch lauter, noch präsenter geworden. Viele Menschen, allen voran Frauen, haben dazu mittlerweile Stellung bezogen. Auch ich bin zutiefst erschüttert und scheine plötzlich offener für diese Art Lektüre zu sein, die ich bis dato weitestgehend umgangen habe, weil ich mich der Brutalität nicht gewachsen sah.
Durch Pelicots Zeilen wurde für mich nicht nur die erschreckende Allgegenwärtigkeit sexueller Gewalt, sondern auch der Riss sichtbar, der sich bei einer solchen Tragödie durch eine Familie zieht. Ich spürte beim Lesen, wie dieser Vorfall die Familie in ihren Grundfesten erschütterte und wie alle Familienmitglieder auf ihre ganz eigene Weise ihren Schock und Schmerz verarbeiten mussten. Während die Mutter versucht, an den gemeinsamen Momenten mit Dominique festzuhalten, sind es die Kinder, die von einem Augenblick auf den nächsten in ihrem Vater, von dem sie immer Liebe und Wärme erfahren hatten, nur noch ein Monster sehen. Es hat mir schier das Herz zerrissen, wie sich Pelicot und ihre Kinder voneinander distanzierten, wie sie einander plötzlich nicht mehr verstanden, sich nicht in der Lage sahen, sich einander zu unterstützen. Es war ein ständiges Auseinandertriften und sich wieder Annähern, ein fragiles Konstrukt, das vielen äußeren Einflüssen unterlag.
Doch Pelicot berichtet in ihrer Biografie nicht nur von der körperlichen und familiären Zerstörung, die durch diesen schrecklichen Missbrauch entstanden ist, sondern schenkt uns auch Rückblicke in ihre Vergangenheit. So erzählt sie auch von ihren Eltern, mit denen sie eine innige Liebe verband, dem traurigen Schicksal ihrer Mutter, die an einem Gehirnturmor gestorben ist, als Pelicot neun war und ihrem Vater, den sie nach deren Tod erst an eine neue gefühlskalte Frau und später an Magenkrebs verloren hat. Auch von Dominiques schwerer und liebloser Kindheit erzählt sie, von dem Schrecken, der seinem Elternhaus innewohnte und von seinem gewalttätigen Vater ausging.
Sie erzählt aber auch von ihrer ersten Begegnung mit Dominique, stellt diesen schüchternen behutsamen Mann, den sie damals kennengelernt hat, dem späteren Monster gegenüber. Sie fragt sich, wo sie mit ihren Erinnerungen hinsoll. Die, an ihre gemeinsame Zeit, Dominiques Gesten voller Zuneigung und Liebe, die er mit seinen Taten besudelt und zerstört hat.
„Die Liebe hat mich nie verlassen. Sie ist nicht gestorben. Ich bin nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen. Das war einst meine große Schwäche, heute ist es meine Stärke. Letztendlich mein Sieg.“
Zitat, Seite 188
Pelicot legt berufliche und finanzielle Notlagen offen, Umzüge und Neuorientierungen, Seitensprünge und kurzzeitige Partnerwechsel, aber auch das wieder aufeinander Zugehen. Alles unter dem Dach des naiven Glaubens, Dominique und sie hätten einander gerettet und gemeinsam alle Hürden des Lebens gemeistert, die Dämonen ihrer Vergangenheit hinter sich gelassen.
Ich finde es unglaublich bewundernswert, wieviel Stärke und Mut Pelicot auf ihrem Weg bewiesen, wie sie trotz allen Übels überlebt, peu a peu wieder an Autonomie und Selbstbewusstsein gewonnen hat. Wie sie weiterhin offen für die Liebe bleiben, sich sogar auf einen neuen Mann einlassen konnte. Wie sie die Lebensfreude ihrer Mutter, die, wie sie selbst in einem Interview sagt, Teil ihrer DNA ist, nie komplett verloren hat und sich selbst erlaubt, glücklich zu sein.
In ihrem kräftezehrenden Prozess, der sie 69 Tage ihren Peinigern im Gerichtssaal begegnen lässt, erlaubt sie sich nicht, zu weinen. Sie wurde dadurch als würdevoll und stark empfunden. Und so hat Pelicot ihre Opferrolle abgestriffen und als emanzipierte Frau den Gerichtssaal verlassen lassen.
„Diese Geschichte gehört nicht mehr nur mir allein. Sie hat einen tiefen, stummen Schmerz hörbar gemacht, der so alt ist, wie die Welt. Sie hat ein gewaltiges Beben verursacht.“
Dieser Blog ist nicht nur still und heimlich ins neue Jahr gerutscht, sondern hat am vergangenen Wochenende auch ohne Tamtam seinen 15. Geburtstag gefeiert. Heimlich deshalb, weil ich weder die Kraft noch die Zeit gefunden habe, um einen Beitrag zu verfassen. Weil mal wieder das Leben dazwischenkam und mir trotz der 15 nicht nach feiern zumute war, ich sogar kurz in Erwägung gezogen habe, einfach nicht weiterzumachen. Den klassischen Blog aufzugeben und nur noch am Instagram – Kanal @lesenslust festzuhalten. Doch dann habe ich ein Buch in die Hände genommen, dass mich eine Reise antreten ließ: zu unseren Anfängen, zu meinen Anfängen und mich daran erinnern ließ, was dieser Blog mir alles ermöglicht hat. Dass er unweigerlich ein Teil von mir geworden ist, es irgendwie schon immer war und er genau deshalb bleiben muss.
Eine Reise zurück zu meinen Anfängen
„Hier fängt die Geschichte an.“
Zitat aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ – Walter Moers
Während Heike Faller und Valerio Vidali in ihrem neuesten Bilderbuch „Wir alle“ (dazu weiter unten mehr) eine Reise zu den Anfängen der Menschheit machen, ist mir ihr gemeinsames Werk wie eine Einladung begegnet, um zu meinen eigenen Anfängen zurückzureisen oder besser gesagt zu den Anfängen von „Nur Lesen ist schöner“. Zu der Leserin die ich damals war und die ich heute bin. Zu den Büchern von damals und heute. Zu den Lesevorlieben, die sich über die Jahre verändert haben und zu den für mich bedeutendsten Stationen dieser letzten 15 Blogjahre.
Es war eine von wilden Geistesblitzen durchjagte Nacht, in der ich einem persönlichem Impuls folgend diesen Blog ins Leben gerufen und am 24. Januar 2011 mit einer ersten Besprechung gefüttert habe. Meine ersten zaghaften Zeilen waren einem Buch gewidmet, das mich heute noch genauso begeistert wie damals. Die Lektüre von Walter Moers‘ Roman „Die Stadt der träumenden Bücher“ hat mich damals so geflasht, dass ich plötzlich das Bedürfnis verspürte, meine Gedanken mit anderen Buchliebhaber*innen zu teilen.
Und so nahm nicht nur die Zamonienliebe, sondern auch die Geschichte dieses Bücherblogs ihren Anfang.
Blogs waren damals noch Medien, die uns in erster Linie wie öffentliche Tagebücher begegneten. Die Menschen entließen dort in den meisten Fällen ihre persönlichen Gedanken und Erlebnisse in die Welt. Es waren Gedanken über ihr Leben, ihre Lieben und all das, was ihnen im Alltag so begegnete. Mir selbst schwebte jedoch nicht der Sinn an der Offenlegung meines Privatlebens, sondern vielmehr daran, meine Gedanken über gelesene Bücher an einem Ort abzulegen, auf den man ortsunabhängig Zugang hat. In erster Linie sollte er mir und meiner Patentante, die damals noch als Buchhändlerin aktiv war, als virtuelle Gedankenbibliothek dienen; die Gedanken vereinen, die ich schon länger in diverse Verbraucherplattformen fließen ließ und händisch in einem Lesetagebuch festgehalten hatte.
Dass die Gedanken, die ich dort fortan festhielt, nicht nur von meiner Patin und mir, sondern auch von mir völlig unbekannten Leser*innen gelesen werden, schien mir damals völlig abwegig. Nie hätte ich vermutet, dass sich jemals jemand hierher verirrt und liest, was ich so schreibe, schon gar nicht auf die Idee kommt, meine Zeilen zu kommentieren oder sich in einen Austausch über das Gelesene zu begeben. Doch zu meiner Verwunderung ließ es nicht lange auf sich warten, bis Menschen ihre Fußspuren auf dem Blog hinterließen. Denn schon einen Monat später wurde meine Besprechung zu „Die Bienenhüterin“ von Sue Monk Kidd kommentiert. Schnell zeichnete sich für mich ab, dass man durch das Lesen und Kommentieren auf anderen Bücherblogs Leser*innen zu sich lockte. Langsam aber stetig wuchs ein Netzwerk an Buchblogger*innen heran, die damals noch kein Verlag wirklich ernst nahm.
Während ich früher noch Unmengen an Liebes- und Chick- Lit – Romanen gelesen habe (bevorzugt von Susan Elisabeth Phillips, wie sich hier und hier zeigt), sind diese Romane über die Jahre immer weniger geworden. Ich war wohl irgendwann übersättigt davon. Wahrscheinlich war es ihre Vorhersehbarkeit und Seichtigkeit, durch die sie für mich an Reiz verloren (#sorrynotsorry), vielleicht sehnte ich mit zunehmendem Alter aber auch einfach nach Tiefe; nach Geschichten, wie sie das Leben schreibt, wie sie in vielschichtigen Generationsromanen und Gegenwartsliteratur zu finden sind. Und so haben sich die Bücher an mein wachsendes Ich angepasst. Beste Beispiele dafür sind die Lektüren von „Wir sind die Könige von Colorado“ oder „Der Duft des Sommers“ von Joyce Maynard.
Was genau das Schöne ist: Dass es für jede Gemütslage und Phase deines Lebens ein Buch gibt. Dass Bücher mitwachsen, meist auf ein Lesealter zugeschnitten sind und dir doch manchmal auf ganz unterschiedliche Weise begegnen, je nachdem wo du selbst gerade im Leben stehst.
Im Juli 2011 bin ich auf ein Literaturprojekt von Melanie Voß und Philippe Wyssen, den „Eltern“ des damaligen Blog mit Speck namens „Fünf Bücher“ gestoßen. Hier konnte ich fünf Bücher in die Welt entlassen, die mir so viel bedeuteten, dass ich sie niemals hergeben würde. Und was soll ich sagen, alle fünf wohnen noch heute in meinen Regalreihen. Zwei davon habe ich bereits erwähnt, die restlichen 3 werden noch folgen. Neugierig, welche das waren? Dann schau doch mal hier.
2015 bin ich einer Einladung gefolgt, die den Titel „Mein Schaufenster ist der Spiegel deines Lesens“ trug. Es war eine von vielen Initiativen, die für die vielfältigen Möglichkeiten einer Zusammenarbeit von Blogger*innen und dem lokalen Buchhandel steht. Es war die Buchhandlung Calliebe, die erkannt hat, wie ertragsreich die Zusammenarbeit mit Bücher- bzw. Literaturblogger*innen sein kann. Den initialen Funken für diese Aktion hat damals Arndt Stroscher von der kleinen literarischen Sternwarte „AstroLibrium“ gezündet. Auch der Spiegel meines Lesens war in einem Schaufenster zu sehen. Und einige der Bücher, die ich damals empfohlen habe, zählen noch heute zu meinen Lieblingen, wie z.B. „The five people you meet in heaven“ von Mitch Albom (das mir erstmals im Studium begegnete), „Zwitschernde Fische“ von Andreas Séché (welches meine erste von einem Autor begleitete Leserunde bei lovelybooks.de war) oder „Das Lavendelzimmer“ von Nina George. Von 2016-2018 habe ich jedes Jahr einen Büchertisch in der Buchhandlung „Möller Buch & Papier“ zusammengestellt und 2019 haben meine Zeilen zu Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ als Teil der Buchkampagne „20 Bücher die bleiben“ die Exemplare aller Hugendubel Filialen Deutschlands mit einem Umschlagsbanner umschlossen. Das war für mich kleine Bücherbloggerin schon ein echtes Highlight!
lesenslust „Ronja Räubertochter“ begleitet mich bereits über zwei Jahrzehnte und steht insgesamt vier Mal in meinem Bücherregal. Es sind Ronjas herrlich verwegenes Naturell, ihr Mut, sowie ihr Einsatz für Gerechtigkeit, die sie zu einer Romanfigur machen, die ich auf ewig ins Herz geschlossen habe. Lindgrens Zeilen haben meinen Charakter geprägt, mich stark und mutig werden und in mir eine tiefe Verbundenheit zur Natur heranwachsen lassen.
Zitat auf dem Umschlagsbanner von #bücherdiebleiben
2016 bin ich einem Aufruf von Sandro Abbate, Betreiber des Literaturblogs „Novelero“, gefolgt und habe niedergeschrieben, „Warum ich lese„. Diese Zeilen, die damals recht überschaubar ausfielen, aber heute noch zum Ausdruck bringen, was mir das Lesen bedeutet, haben mir viele Türen geöffnet. Sie haben mich nicht nur Teil einer gleichnamigen Anthologieim Homunculus Verlag werden und das Plakat einer Kampagne zur individuellen Bedeutung des Lesens von Stiftung Lesen zieren lassen, sondern mich auch mit vielen anderen Buchblogger*innen vernetzt, denen ich mitunter noch heute digital oder auf Buchmessen bzw. Events begegne. Das Plakat ist seit 10 Jahren auf der Startseite meines Blogs eingebettet, hang damals am Homunculus Stand auf der Leipziger Buchmesse und hängt noch heute eingerahmt in unserem Wohnzimmer. Ich denke, das spricht für sich.
2017 bin ich Mutter einer Räubertochter geworden und musste die Anzahl der Buchlektüren und daraus resultierenden Rezensionen drastisch herunterfahren. Das Level, auf dem ich jahrelang unterwegs war, war nicht mehr stemmbar für mich. Ich habe anfangs kaum Zeit gefunden, mich überhaupt auf Bücher einzulassen. Mit der Rolle als Mutter hat sich mein Fokus auf Kinderbücher, den ich bereits mit meinen Patenkindern gelegt hatte, verstärkt, mich mittendrin sein lassen, wenn ein neuer Bilderbuchschatz das Kinderzimmer erobert hat. Noch heute bespreche ich mithilfe von kleinen Leser*innen Kinderbücher, die hier früher rege die Kategorie „Kinderfreuden“ bespielten und Bücher stets aus großen und kleinen Augen vorstellten. Aus Mangel an Zeit- und Kraftreserven haben diese Besprechungen sich in den letzten Jahren etwas auf Instagram verschoben, aber ich möchte hier künftig wieder mehr Kinderbuchempfehlungen veröffentlichen. Im April 2020 habe ich mit der Bloggerin ronja.waldgaenger (die heute nicht mehr aktiv ist) auf Instagram den Hashtag #ausliebezumpappbuch ins Leben gerufen, um den Pappbüchern mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die Bedeutung dieser ersten Bücher aufzuzeigen. Der Hashtag vereint mittlerweile Pappbuchempfehlungen zahlreicher Leser*innen. In den letzten 5,5 Jahren ist hier eine bunte und facettenreiche Sammlung herangewachsen.
2019 und 2021 durfte ich als offizielle Buchpreisblogger*in den Bayerischen Buchpreis begleiten, der jedes Jahr im Rahmen eines einzigartigen Live-Formats in der Allerheiligen-Hofkirche in München verliehen wird. Seitdem habe ich das Privileg, dem Abend persönlich beizuwohnen und mich mit vielen Größen der Buchbranche auszutauschen.
Seit 2021 bin ich Teil der #GlockenbachWelle, einem Podcast bzw. Interview-Format mit der Glockenbachbuchhandlung auf Literatur Radio Hörbahn. Es ist eine Symbiose aus Buchhandlung, Literaturblog und Radio und dieses Projekt hat mich nicht nur aus der Reserve und einem tiefen Loch gelockt, in das ich als Alleinerziehende gefallen bin, sondern 2022 auch einmalig als Ausstellerin auf die Frankfurter Buchmesse gebracht und über die letzten 5 Jahre mit so vielen beeindruckenden Menschen aus der Literaturszene zusammengebracht, dass ich eines weiß: Literatur lebt von Menschen und Begegnungen, weshalb ich den Einsatz generativer KI in der Kreativbranche gänzlich ablehne, weil sie aktuell noch viele ethische Probleme mit sich bringt und die Arbeit und das Herzblut von vielen Kunstschaffenden mit den Füßen tritt. 2024 war ich deshalb auch Teil der Flashmob-Aktion #BuchbrauchtMenschauf Instagram, die von Bloggerin Eliane Fischer von Mint & Malve ins Leben gerufen wurde.
Du hast es bis hierhin geschafft? Herzlichen Glückwunsch, nun habe ich noch eine Bilderbuchempfehlung für dich.
Eine Reise zu unseren Anfängen
„Wir alle – Eine Reise zurück zu unseren Anfängen“ – Heike Faller, Valerio Vidali
Kein & Aber, erschienen am 13. Oktober 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 208 Seiten, ISBN: 978-3-0369-5082-2, hier geht’s zum Buch
„Hast du dich schon einmal gefragt … wo du herkommst?
Die Reihe des Autoren-Duos Heike Faller und Valerio Vidali werden sicher viele von euch kennen. 2022 ist das erste Werk „Hundert – Was du im Leben lernen wirst“ erschienen, welches sich an Kinder wie Erwachsene gleichermaßen richtet und Dinge in den Fokus nimmt, die man im Leben alles so lernt. Mit „Freunde – Was uns verbindet“ folgte ein Buch, das sich der Freundschaft in all ihren Facetten widmet. Nun ist kürzlich ein dritter Band, „Wir alle – Eine Reise zurück zu unseren Anfängen“, erschienen, das kleine und große Leser*innen auf eine Reise durch die Zeit mitnimmt.
Während ich anlässlich meines 15. Bloggeburtstages meine Reise bei meinen Bloggeranfängen in 2011 begonnen habe, startet „Wir alle“ im Jahr 1940 zur Zeit großer Kriege und reist 7 Millionen Jahre in der Geschichte der Menschheit zurück. Anfangs umfassen die Zeitabstände noch ungefähr 20-25 Jahre, je weiter wir im Buch in die Vergangenheit reisen, umso größere Zeitabstände begegnen uns, bis wir nach ca. 300.000 Generationen bei den gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Affen ankommen und uns fragen: „Was unterscheidet Mensch vom Tier?“
Kinder dürfen in diesem bunt und mitunter großflächig illustrierten Bilderbuch bis zum Ursprung des Lebens zurückreisen und auf ganz spielerische Weise erfahren, von wem der Mensch abstammt. Spielerisch deshalb, weil sie sich mithilfe unterschiedlichster Fragen durch die Menschheitsgeschichte hangeln und dabei ihren eigenen Wurzeln auf den Zahn fühlen.
Fragen sind mitunter:
Manchmal tun uns die Menschen von damals leid, weil sie so viel ärmer waren als wird. Aber gab es auch etwas, wovon sie mehr hatten? (1775)
Stell dir vor, du könntest in die Zeit zurückreisen. Welches Wissen von heute würdest du deinen Vorfahren mitbringen? (1625)
Was verändert sich, wenn viele Menschen lesen können? (1575)
Was weißt du über die Erde und unseren Platz im Universum? (200)
Diese Fragen regen sie nicht nur zum Nachdenken an, sondern schaffen auch eine Basis für gemeinsame Gespräche. Ich kann mir das Buch deshalb auch wunderbar als Schullektüre vorstellen. Denn auf seinen 208 Seiten passiert man eine Vielfalt an Themen, beginnend vom Krieg über die Evolutionstheorie, die Industrielle Revolution, die Elektrizität, die Landwirtschaft, die Sklaverei bis hin zum Glauben, um nur ein paar wenige der angesprochenen Themen aufzugreifen. Im hinteren Teil des Buchs trifft man auf die Hintergründe der Menschheitsgeschichte, kann noch einmal die Details der einzelnen Stationen erfahren und bei Interesse noch tiefer in die Materie eintauchen.
Doch neben den historischen Einschnitten und Veränderungen, die im Buch aufgegriffen werden, sind es vor allem die Gefühle der Menschen und ihr Umgang miteinander, die hier im Vordergrund stehen und hinterfragt werden. So legt das Autoren-Duo einen wertvollen und wichtigen Grundstein für Empathie und Nächstenliebe.
Besonders gefällt mir, dass die Illustration der sich umschließenden Hände mit den Händen der Menschen beginnt und bei den Händen der Affen endet. Das verleiht dem Werk einen runden Charakter, begegnet uns wie der natürliche Kreislauf.
Herzlich willkommen bei der 34. Ausgabe der GlockenbachWelle
Wenn der Winter mit großen Schritten naht und uns die Welt mit einer klirrenden Kälte empfängt, ziehen wir uns gerne in die warme Stube zurück und kuscheln uns mit einer Tasse Tee und einer gemütlichen Decke auf dem Sofa ein. An unserer Seite ein Buch. Oder vielmehr ganz viele Bücher, die uns und unsere Herzen in dieser kalten Jahreszeit ganz besonders erwärmen.
Nach unserer letzten kunterbunten Welle wollten wir noch ein Weilchen bei den Kinderbüchern bleiben und haben uns deshalb eine Expertin eingeladen, die sich in diesem Genre ganz besonders gut auskennt und uns schon einen ganzen Regenbogen an Kinderbüchern geschenkt hat.
Und weil sie unter anderem als „Frau Honig“ bekannt ist, waren wir uns schon im Vorfeld sicher, dass es uns in dieser Folge ganz warm ums Herz wird.
Die Runde: Sabine Bohlmann, Bestsellerautorin, Schauspielerin und Synchronsprecherin; Pamela Scholz, die Gastgeberin und Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung und meine Wenigkeit
Worum geht es in dieser Folge?
In dieser Folge haben wir eine wahre Tausendsassin an unserer Seite. Denn Sabine vereint nicht nur das geschriebene, sondern auch das gesprochene und visuelle Wort in einer Person, und das super erfolgreich. Wir haben sie also allerhand Löcher in den Bauch gefragt und uns von ihren vielfältigen Projekten inspirieren lassen.
Was die Welle zu euch spült
vom unerfüllten ersten Berufswunsch zur kreativen Tausendsassin
wie aus der Ratgeber-Frau a la Mary Poppins eine erfolgreiche Kinder- & Jugendbuch – Autorin gewachsen ist
von der Dankbarkeit, die sich durch Tiefschläge und Misserfolge entwickelt
wie wird man Lesekünstlerin (2023) und wer schlägt einen dafür vor
was für Ideen & Projekte in Sabines Ideenschränkchen hausen
wie ein Bilderbuch zum Marionetten-Theaterstück der Augsburger Puppenkiste wird
was die Verfilmung eines Werks in einem auslöst
von Büchern, die sich nicht leicht in ein Genre einordnen lassen und Impulsgeber für Groß und Klein sein können
was man sich behutsam an Tabuthemen in Bilderbüchern heranwagt
Die Buchempfehlungen
Empfehlungen von Pamela:
„In meiner Welt“ – geschrieben von Sabine Bohlmann, illustriert von Simone Ceccarelli
„Was wäre wenn“ – geschrieben von Sabine Bohlmann, illustriert von Stella Dreis
Die Reihe um „Frau Honig“ – geschrieben von Sabine Bohlmann, illustriert von Joelle Tourlonias
„Morgen bin ich mutig“, ein Marionetten-Theaterstück der Augsburger Puppenkiste, basierend auf der Geschichte von Sabine Bohlmann, erzählt von der Autorin
S. Fischer Verlage, erschienen am 28. Mai 2025, Preis 24 € [D], Gebundenes Buch, 368 Seiten, ISBN: 978-3103976830, hier geht’s zum Buch
Schon im Sommer bin ich in Charlotte McConaghys atemberaubenden Roman „Die Rettung“ ein- und vollgesogen mit Eindrücken wieder hervorgetaucht.
Es war eine wilde und unberechenbare Einöde mitten im Südpolarmeer, in die mich McConaghy geworfen hat: Eine kleine abgelegene Insel namens Shearwater, auf der ich mich von einer faszinierenden und zugleich gespenstischen Landschaft umgeben sah. Denn obwohl diese Insel kaum reicher an Flora und Fauna sein konnte, wohnte ihr auch ein gewisses Unheil inne. Denn Shearwater ist dem Untergang geweiht und mit ihr aller Reichtum, der auf und unter ihr verborgen liegt.
Hier wohnt Dominic Salt mit seiner Tochter Fen und seinen beiden Söhnen Raff und Orly in einem zugigen Leuchtturm. Außer den Sturmvögeln, Robben und Pinguinen verirrt sich kaum einer hierher. Nur alle paar Wochen legt ein Schiff an, um die Reserven aufzustocken, die die Salts aufs Genauste rationieren müssen. Dominics Kinder sind das abgeschiedene Leben in der unberührten Natur und ihre geregelten Tagesabläufe gewohnt. Da ist die Freiheit der Kinder, die im totalen Kontrast zu einem Minimum an sozialen Kontakten steht. Denn seit dem Tod der Mutter interagieren sie mit niemand anderem als den Tieren der Insel und ihrem wortkargen Vater.
„Ich habe schon Tote aus dem Meer gesehen, und deren Anblick nimmt einem jeglichen Hochmut. Vor dem Wüten der See sind wir Menschen ernüchternd machtlos. Diese Frau, hergetragen von einer See, die mächtiger ist als die meisten, hält geradezu trotzig am Leben fest.“
Zitat, Seite 13
Doch an einem sturmerfüllten Tag wird eine Frau herangeschwemmt – aufgeschlitzt und unterkühlt, aber am Leben. Dominic und seine Kinder nehmen sich ihrer an, päppeln die Frau auf, der Dominic nur wenig Überlebenschancen zurechnet. Doch Rowan ist zäh und mit wachsender Kraft und Mobilität wächst auch ihre Neugierde an den Beweggründen der Salts, hier zu leben.
Der Beweggrund liegt im Süden der Insel verborgen. Ein Saatgutbunker, der die größte Sammlung von Samen aus der ganzen Welt in sich birgt. Shearwater Global Seed Vault ist der wahre Schatz der Insel: über 3 Millionen Proben liegen hier verborgen. Er ist die letzte Hoffnung der Artenvielfalt. Unter der Insel bewahrt die Welt die Pflanzensamen einer jeder Art auf. Dominic wurde als Verwalter des Bunkers angeheuert. Deshalb lebt er mit seinen Kindern auf der Insel. Doch der Bunker soll dichtgemacht werden. Die Forschungsbasis ist bereits verwaist und in zwei Monaten sollen auch die Salts die Insel verlassen.
Doch mit Rowans Ankunft auf der Insel und dem wachsenden Wasserspiegel gerät einiges ins Schwanken. Was hat es mit der Fremden auf sich, die ausgerechnet nach Shearwater gespült wird? Was will sie hier in der Einöde? Und was passiert mit dem Saatgutbunker, wo doch der Meeresspiegel stetig steigt?
Diesen Fragen dürfen die künftigen Leser*innen dieses Romans selbst nachgehen.
Es liegt mir fern, die Geheimnisse von Shearwater Island freizulegen und dem Plot vorwegzugreifen. Ich kann dir aber versichern, dass sich in diesem Roman Abgründe auftun, die du nicht kommen siehst. Zumindest war das bei mir so. Es sind nicht nur Abgründe landschaftlicher, sondern vor allem menschlicher Art. Sie sind düster und unheimlich, reißen dich beim Lesen in ihre Tiefen und lassen dir dort kaum Luft zum Atmen. Sie sind beängstigend und faszinierend zugleich und machen es dir deshalb unmöglich, daraus emporzusteigen ehe du die letzte Seite des Romans erklommen hast. Da ist diese ungeheure Sogkraft, die sich während dem Lesen entfaltet und unaufhörlich an dir zerrt, dass du dich manchmal fragst, ob du wirklich weiterlesen oder dich vielmehr retten solltest, vor dem Buch, das als „Die Rettung“ gilt!?
„Die Luft in Shearwater ist voller Geister der Toten. Das weiß Fen, und es stört sie nicht. […] in den Stunden tiefster Nacht hat sie es gesehen: die Gespenster. […] Doch vor den Toten hat sie keine Angst. Weh tun können einem nur die Lebenden.“
Zitat, Seite 25
Mit großer Begeisterung habe ich McConaghys lebendige Beschreibungen von Flora und Fauna gelesen. Es sind Momentaufnahmen voller Freiheit, kostbare Augenblicke, die man nur in der unberührten Natur erleben und einfangen kann. Die Autorin hat diese Momente wohl selbst erlebt, als sie Zeit auf Macquarie Island, einer subantarktischen Insel auf halber Strecke zwischen Tasmanien und der Antarktis, mit ihrem Partner und ihrem sechzehn Monate alten Sohn verbrachte. Sie diente der fiktiven Insel im Roman als Vorbild, auf ihr basiert die Szenerie von Shearwater Island.
„Im Zentrum meiner Erlebnisse auf Macquarie Island standen die Farben und Formen, die Gerüche, Geräusche und Gefühle, die ich in diesem Buch einfangen wollte. […] Am wichtigsten war mir, die vielfältige Flora, die außergewöhnliche Fauna und das einzigartige Klima der Insel möglichst exakt wiederzugeben.“
Anmerkung der Autorin
Dass das Leben an einem Ort wie diesem, der so abgelegen und zugleich voller Leben ist, einem einiges abverlangt, kann man sich denken. Dies bringt McConaghy mit den zerrissenen Seelen ihrer Figuren sehr gut zum Ausdruck. Denn sowohl Dominic als auch seinen Kindern setzt das Leben auf der Insel zu. Es ist nicht zwingend die blutige Vergangenheit der Insel, die von grausamen Robbenfängern bestimmt war und umherwabernde Geister getöteter Tierseelen mit sich bringt, sondern vielmehr die Abnabelung von der Welt, vom wirklichen Leben und ihrer ungewissen Zukunft, den wachsenden Fragen über das Danach. Was aus ihnen wird …
Auch wenn die Kinder das Leben auf der Insel lieben, mit Flora und Fauna nahezu verschmelzen, fehlt ihnen doch einiges, Substanzielles, das Kinder zum Heranwachsen brauchen. Dazu kommt der Verlust ihrer Mutter, über den sie mit ihrem Vater nicht reden können, weil er immer noch in seinen Erinnerungen an seine verstorbene Frau festhängt und für seine Kinder nur schwer zugänglich ist. Das wird allen voran durch die wachsende Entfremdung von Dominic und seiner Tochter Fen sichtbar, die als Einzige nicht im Leuchtturm wohnt. Sein Sohn Raff kann lediglich beim Boxen seiner Wut etwas Druck rausnehmen. Und Orly, der Jüngste im Bunde, hat seine Mutter nie kennengelernt und ist deshalb hungrig nach Details von ihr. Er lässt sich mit den Erinnerungen seiner beiden Geschwister füttern und ist ein wandelndes Lexikon, das alle, auch die zu Kräften kommende Rowan, mit seinem allumfassenden Wissen zu Flora und Fauna erfreut.
Doch trotz aller Hindernisse und Herausforderungen schafft McConaghy es, ihre Figuren in dieser Extremsituation wieder zueinanderfinden zu lassen. Da ist ein unsichtbares Band zwischen den Salts, eine Gemeinschaft und das Vertrauen ineinander, das insbesondere durch das Zutun von Rowan wieder an Kraft gewinnt und die fünf Menschen auf dieser Insel um ihr Überleben kämpfen lässt.
Ein Roman, so gewaltig und unberechenbar wie die See. „Die Rettung“ ist zu einem meiner Jahreshighlights geworden und ich hoffe, dass der Roman das auch für dich wird.
Berlin Verlag, erschienen am 04. April 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 496 Seiten, ISBN: 978-3827014993, hier geht’s zum Buch
„Wir überwinden Verluste, indem wir uns erinnern. So halten wir die, die wir verloren haben, am Leben.“
Zitat, Seite 32
Am 4. August 1966 schickt eine Gruppe Studenten, die Lebanese Rocket Society, unter der Leitung von Manoug Manougian eine Rakete ins Weltall. Sie soll für die blühende Zukunft des Libanon stehen. Es ist die libanesische Cedar 8, die lange vor der Apollo 11 den Weltraum erreicht und den Libanon damit zu Weltraumpionieren macht, auch wenn um das historische Ereignis heute kaum noch einer weiß.
Am 4. August 2020 kommt es im Hafen von Beirut zu einer Explosion, die das gesamte Land erschüttert. Denn sie zerstört nicht nur den Hafen, sondern auch große Teile der Beiruter Innenstadt. Es ist die größte, nicht nukleare Explosion der Menschheit, die auch noch in 250 km Entfernung zu spüren war. 300.000 Menschen verlieren bei dieser Katastrophe ihr Dach über dem Kopf, 207 sogar ihr Leben. Mehr als 6.500 Menschen werden bei der Explosion verletzt.
Pierre Jarawan, den man bereits durch seine Romane „Am Ende bleiben die Zedern“ und „Ein Lied für die Vermissten“ kennt, verbindet in seinem neuesten Werk diese beiden historischen Ereignisse mit einer Familiengeschichte und erzählt damit nicht nur eine, sondern ganz viele Geschichten, „die sich wie Fäden eines Wandteppichs zu einem Bild verflechten“. Es ist das Bild der „Frau im Mond„.
Gut Ding will Weile haben
„Alles rückt zur rechten Zeit an seinen Platz.“
Zitat, Seite 34
Man sagt, „Gut Ding will Weile haben.“ und im Bezug auf dieses Buch kann ich dieses Sprichwort nur bestätigen. Denn ich war eine ganze Weile mit diesem Roman beschäftigt, der mir nicht nur aufgrund seiner Seitenanzahl, sondern auch aufgrund seiner Vielschichtigkeit sehr viel Stoff zur Auseinandersetzung mit auf den Weg gab.
Heute, am 4. August 2025 und damit 59 Jahre nach dem libanesischen Raketenstart und 5 Jahre nach der Explosion im Hafen von Beirut, schaue ich „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ auf diesen Roman und die Erlebnisse zurück, die er mir geschenkt hat.
Ich hatte bereits zur Leipziger Buchmesse das Vergnügen, Pierre Jarawan bei einer Wohnzimmerlesung lauschen zu dürfen, die Uwe Kalkowski alias Kaffeehaussitzer alljährlich im Wohnzimmer seines guten Freundes Hannes organisiert und dabei einem kleinen Kreis von Leser*innen Einblick in ganz besondere Werke gewährt. Der Roman ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen. Die Luft ist voller Vorfreude und Neugier und das kleine Fensterbrett des Wohnzimmers randvoll mit Exemplaren, die man an diesem Abend schon vor der Veröffentlichung des Romans mit nach Hause nehmen kann.
Schon an diesem Abend war ich regelrecht berauscht von Pierres melodischen Zeilen, von seiner umfassenden Recherche zum Buch, seinem beeindruckenden Wissen um Land und Leute und den vielen Fäden, durch die er seinen Roman zu einem Gesamtkunstwerk verflochten hat wie einen armenischen Wandteppich, der, wie man später noch erfährt, im Roman eine tragende Rolle spielen wird.
Eine Woche später war ich von Tina Lurz und dem Berlin Verlag in München zum Release Event ins Museum Lichtspiele eingeladen, bei dem ein kleiner Kreis geladener Gäste im Weltraumsetting von Kinosaal 4 in die „Frau im Mond“ und libanesische Köstlichkeiten eintauchen durfte. Hier konnte ich nicht nur den Autor, sondern auch die Entstehungsgeschichte zum Roman noch einmal näher kennenlernen, die mitunter auch durch ein Bild von einem Raketenschweif, das 2017 in einer Ausstellung im Haus der Kunst in München zu sehen war, geprägt ist.
Vier Jahre schrieb Pierre an seinem Roman, in dem er die beiden historischen Ereignisse des 4. August mit der Familiengeschichte der El Shamis, einer in Montréal lebenden Familie, verknüpft.
Es sind die Zwillingsschwestern Lilit und Lina, die auf Spuren ihrer armenischen Großmutter Anoush stoßen, die sie nur von einem Foto an der Wand und den Mosaiken aus Geschichten ihrer Mutter Dana und ihrem Großvater Maroun kennen. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wachsen sie unter der Obhut ihres Großvaters auf. Sie wissen um seine Vorliebe für das Erzählen, oft aber nicht, wieviel Glauben man seinen Erzählungen schenken kann. Als sie auf einer alten Postkarte eine Widmung und Liebeserklärung ihrer Großmutter an Maroun entdecken, werden sie neugierig. Was hat es mit den Zeilen „Möge die Frau im Mond dir den Weg weisen.„, mit dem dazugehörigen Geschenk, einem „Raketenteppich“, wie Maroun ihn bezeichnet, und der geheimnisvollen Symbolik auf der Rückseite auf sich? Woher kommt überhaupt Marouns Faible für Weltraumraketen und was ist eigentlich die Lebanese Rocket Society?
Und so begibt sich Lilit auf Spurensuche, die sie von Montréal nach Beirut führt. Hier sucht sie nach den Wurzeln ihrer Familie, vor allem aber nach den Spuren ihrer Großmutter. Es ist aber auch ein Suchen in sich selbst, ein Ausloten an Gemeinsamkeiten; ein Erspüren, wieviel von ihrer Großmutter in ihr steckt. Nach einem erfolgreichen Filmdebüt als Dokumentarfilmerin ist sich Lilit unsicher über ihr Handwerk und traut sich nicht an einen zweiten Film. Sie fürchtet sich vor der Enttäuschung, dem tiefen Fall, der ihr womöglich bevorsteht, weil der Erstling „Bahamut“ doch nur ein Erfolg war, weil er zum richtigen Zeitpunkt einem politischen Thema entsprach und gut in die Schublade „einer Filmemacherin mit migrantisch kanadischer Herkunft“ gepasst hat. Zeitgleich ist sie auf der Suche nach guten Stoff für den zweiten Film. Womöglich ist Anoushs Geschichte dafür gemacht?
Als sie im Sommer 2020 in Beirut ankommt, erlebt sie ein Land in Aufruhr. Die Stadt empfängt sie dunkel und dreckig. Unter den Menschen herrscht Angst und Armut und in den Straßen sind Überbleibsel von Protesten und Demonstrationen zu finden. Hier legt Lilit Stück für Stück Fragmente aus dem Leben ihrer Großmutter frei, die als Kind in einem Waisenhaus aufwuchs und dem Völkermord an den Armeniern nur knapp entkommen konnte, weil sie wie viele armenische Genozid-Überlebende in die Gegend, die heute als Libanon bekannt ist, geflüchtet ist. Und obwohl Anoush nicht mehr lebt und ihre Enkelin sie nie kennengelernt hat, hat man doch das Gefühl, dass sie sich im Verlauf der Geschichte näherkommen. Es sind zum einen die wunderbaren Rückblicke, die Jarawan durch wechselnden Zeitebenen freilegt, zum anderen aber auch Lilits Tagebucheintrag, der wie ein Brief an Anoush geschrieben ist:
„Wer auch immer den Begriff Stadtdschungel geprägt hat, muss Beirut in seinem jetzigen Zustand gesehen haben. Schwer vorstellbar, dass es schon so aussah, als du mit Maroun und Dana 1959 hierher zurückkamst. Ich will es dir beschreiben: Kletterpflanzen haben die Häuser, weiß und mehrstöckig zumeist, überwuchert, sodass es scheint, als wären ganze Stadtviertel von Krampfadern übersät. Hier und da überwindet eine Treppe den Anstieg zur nächsthöher gelegenen Straße, wobei die wuchernden Sträucher Tunnel bilden. Katzen streunen um die Mülltonnen. Aus Gehwegen – oder dem, was man hier dafür hält – wachsen Mandarinenbäume, unter denen die Früchte faulen. Die Laternen sind ausgeschaltet. Nachts dringt nur ein Schimmern aus den Wohnungsfenstern, hinter denen – ich stelle es mir so vor – die Frauen Kerzen entzündet haben, ihre Kinder baden und in den Schlaf wiegen. Vor dem Zubettgehen schieben sie die Vorhänge beiseite, weil sie meine Schritte untern hören; sie sehen die Fremde in abgewetzten Sneakern, im ärmellosen Top, mit dem Kameragurt über der Schulter, die sich umblickt. Es ist, als könnte ich sie murmeln hören. […]
Was hatte ich erwartet? Es ist, erkannte ich bei meinem ersten Streifzug durch die Stadt, unmöglich zu verstehen, was es heißt, in Beirut zu sein, wenn man nichts weiß von den der Tiefe der Krater, die der Bürgerkrieg geschlagen hat. Selbst dreißig Jahre nach dem Ende sind seine Schatten allgegenwärtig in den Einschusslöchern übersäten Mauern, den wandlosen Häusern, in den Graffiti, die beinah alles überziehen, auffällig oft auch die vergitterten Türen der Banken. Selbst in den Teilen des Zentrums der Stadt, die neu errichtet oder frisch erstrahlen, spukt der Geist der Zerstörung weiter.“
Zitat, Seite 202/203
Jarawan nutzt eine wunderbar poetische Bildsprache. Durch sie lernen wir nicht nur die Schauplätze des Romans, sondern auch die restlichen Mitglieder der Familie, allen voran Maroun el Shami, aber auch seine Tochter Dana und ihren Mann Jules sowie deren Kinder, Lina und Lilit, kennen.
„Haben Sie schon einmal eine einhundert Jahre alte Hand befühlt? Es ist, als würde man eine Landkarte ertasten, auf Pergament gezeichnet. Die Landschaft ist rau, wie von Stürmen geschliffen, Gebirgszüge aus Falten erheben sich, Adern spannen ein Netz aus Flüssen, dazwischen Altersflecken wie Inseln.“
Zitat, Seite 77
Von Maroun el Shami war ich besonders fasziniert, wird er doch schon auf den ersten Seiten mit so wunderbaren Worten beschrieben, die sich direkt in mein Herz geschlichen haben. Denn nach dem Tod seiner Frau „hat er wie ein Asteroid gewirkt, der ohne Umlaufbahn durchs Universum driftete“ oder der für die Heimbewohner des Seniorenwohnheims, in das er bis zu seinem Rausschmiss kurz verweilte, „wie ein Buch in einem Regal war, an das man nur über eine Leiter herankam“. Schon mit 10 Jahren sieht er Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond“ im Kino und ist von da an fasziniert vom Weltraum und entwickelt eine Leidenschaft für das Bauen von Raketen. In den 60er Jahren wird er Dozent an der Haigazian-Universität und gründet oben erwähnte Lebanese Rocket Society.
Der Titel des Romans steht dabei für eine der Ebenen im Buch, allen voran aber für den Titel des Stummfilms von Fritz Lang, den die meisten nur durch „Metropolis“ kennen. Pierre zitiert mit seinem Titel nicht nur den Film, der für damalige Verhältnisse technisch sehr eindrucksvoll war, sondern verneigt sich damit auch vor dem Regisseur, der in seinem Film den Countdown erfunden und damit den Weg zum Mond bereitet hat.
Man kann „Frau im Mond“ in voller Länge (2 Std. 50 Min.) bei YouTube ansehen (um ehrlich zu sein: ich konnte ihn nur schwer ertragen). In seinem Roman macht sich der Autor der formalen Spielerei des Countdowns zu Eigen und beginnt deshalb mit Kapitel 50 und endet mit Kapitel 0.
Wie man sieht, sind es viele Wohlfühlszenerien, die Jarawan mit seinen Zeilen hervorruft. Doch angesichts der vielen historischen Ereignisse und Themen, die in seinem Roman eingebettet sind, trifft man hier auch auf eine Reihe an sehr anschaulichen und erschütternden Beschreibungen. Im Gespräch verrät Pierre, dass es ihm wichtig war, eine Geschichte über den Nahen Osten zu schreiben, die ohne Opferrolle daherkommt. Deshalb ist auch in den Momenten der Tragik stets ein bisschen Hoffnung zu finden. Für die GlockenbachWelle haben wir uns mit Pierre Jarawan zu seinem neuesten Roman und seinem künstlerischem Schaffen unterhalten. Die Podcastfolge ist im Juli erschienen und fühlt noch einmal Dinge auf den Zahn, die ich hier unerwähnt gelassen habe.
„Frau im Mond“ ist mir als vielschichtiges Werk voller Leben und tragikomischen Ereignissen begegnet. Es trägt viel mehr in sich, als man es beim Aufklappen des Buchdeckels vielleicht vermutet, weshalb es noch lange in einem nachhallt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es mir von so vielen Menschen ans Herz gelegt wurde. Und heute möchte auch ich das von Herzen tun.
Möge die Frau im Mond mit dir sein.
Klick, klick, Glück!“
Anlässig des 4. August, der nicht nur der Tag zweier obengenannter historischer Ereignisse, sondern auch der Geburtstag des Autors ist, möchte ich mit freundlicher Unterstützung des Berlin Verlags heute ein signiertes Exemplar von „Frau im Mond“ inklusive Wandteppich-Lesezeichen unter euch verlosen.
Da ich sowohl hier auf dem Blog als auch auf Instagram eine treue Leserschaft habe, möchte ich euch auf beiden Kanälen die Möglichkeit geben, für das Exemplar in den Lostopf zu springen.
„Was macht den Zauber von Gegenständen aus, die unsere Lebensräume bevölkern? Eine alte Vase auf dem Kamin, ein Taschenmesser auf der Kommode, ein bestimmter Badeanzug, ein Zeichenstift? Die Antwort lautet: Sie sind gleichzeitig sichtbar und unsichtbar wie verwunschene Gegenstände in Märchen. Wir sehen sie als einfache Dinge, während sie für die Person, der sie gehören, aufgeladen sind mit Erinnerungen und Geschichten, losgelöst vom schlichten Gebrauchswert, den wir ihnen unterstellen. Es handelt sich um die Art von Gegenständen, die wir aus einem brennenden Haus tragen würden, während alle anderen sich fragen, weshalb.“
Zitat, Seite 106
Für ein Los auf dem Blog würde ich dich bitten, mir bis Mittwoch, 06.08.2025, 23:59 Uhr in einem Kommentar zu verraten, welcher Gegenstand für dich, losgelöst vom schlichten Gebrauchswert, mit Erinnerungen und Geschichten aufgeladen ist und deshalb einen ganz persönlichen Wert für dich hat. Für Maroun ist der Wandteppich von Anoush zu einem solchen Schatz geworden.
Die Teilnahmebedingungen für das Los auf Instagram könnt ihr meinem Instagram-Post auf @lesenslust entnehmen, der zeitgleich mit diesem Beitrag veröffentlicht wird.
Herzlich willkommen bei der 30. Ausgabe der GlockenbachWelle.
Spiegel-Bestsellerliste Platz 3, Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels, ausverkaufte Lesungen noch und nöcher – die Rede ist von „Für Polina“ von Takis Würger und wir freuen uns riesig, in dieser Folge den Autor ebenjener literarischen Perle zu Gast zu haben!
In dieser Ausgabe reitet Takis Würger mit uns auf der GlockenbachWelle.
Die Runde: Die Gastgeberin und Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Pamela Scholz, preisgekrönter Journalist und Bestsellerautor Takis Würger und meine Wenigkeit
Worum geht es in dieser Folge?
Wir werden boxen, Siege verzeichnen und Rückschläge hinnehmen, wir werden zarte Melodien komponieren und schwere Klaviere schleppen, wir werden besondere Freundschaften schließen und allen voran – wir werden uns ganz schwer verlieben!!!
Wir blicken gemeinsam hinter die Kulissen von Polina und lassen einige Tasten auf der Klaviatur von Takis Würgers Schriftstellerleben klingen.
Der Roman: „Für Polina“
Diogenes Verlag, erschienen am 26. Februar 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 304 Seiten, ISBN: 978-3257073355, hier geht’s zum Buch
„Sie lebten in jedem Atemzug, ohne den Versuch, das Vergangene zu begreifen, und ohne die Sorge vor der Unendlichkeit der Möglichkeiten, die das Leben für sie im Köcher hielt.“
Zitat, Seite 53
Fritzi Prager ist eine der Besten ihres Jahrgangs und will nach der Schule Jura studieren. Doch das Leben sieht etwas anderes für sie vor: Sie wird jung schwanger und mit 18 Jahren Mutter eines Sohns, der auf den Namen Hannes hört.
Fritzis Eltern ertragen ihre Tochter und den Enkel nicht, der von Anfang an anders ist, als andere Kinder. Und so verlässt Fritzi nach ihrem Abitur das Elternhaus. Anstatt in München zu studieren, beginnt sie mit Güneş, der Frau, mit der sie im Krankenhaus ein Zimmer geteilt hat, bei Netto zu putzen. Auch sie zieht ihre Tochter Polina alleine groß. Bis zur Grundschule wachsen ihre Kinder gemeinsam auf.
Es ist eine abgelegene alte Villa im Moor in Kananohe bei Hannover, die zu Fritzis und Hannes‘ Zuhause wird und auch Güneş und Polina oft empfängt. Hier wohnt auch der alte Zausel Heinrich Hildebrand, der für Fritzi zu einer Art Vater und für die Kinder zu einem Großvater wird. Er liest ihnen aus Dostojewski vor und legt abends alte Schallplatten auf.
Später wird Fritzi Heinrichs Assistentin. Von da an durchstreifen Fritzi und Hannes jeden Tag das Bissendorfer Moor und lernen alles über Flora und Fauna kennen. Vor allem die Klänge der Natur haben es Hannes angetan. Der stille Junge, der von klein an besonders empfindsam für Geräusche ist, entdeckt in der Villa auch seine Liebe zum Klavier. Seine Begabung für das Klavierspiel offenbart sich, als er dem verstimmten Klavier im Speisesaal Tschaikowski entlockt.
Und so beginnt Heinrich, der einmal Klavier studiert hat, Hannes zu unterrichten. Bald erfüllen die Melodien nicht nur die Villa, sondern auch den Kopf des Jungen. Denn darin entsteht viel mehr, als es die Lehrer vermuten, die Hannes für zurückgeblieben und sonderbar halten. Es sind ganze Sinfonien, die in ihm wachsen, ohne je zu Papier gebracht zu werden. Denn es sind die Klänge der Menschen: ihr Wesen, ihre Träume und ihr Hoffen. Nur wenige wissen von Hannes‘ Talent; seiner Begabung, dem Rhythmus seiner Umgebung zu lauschen und ihre Melodien zu erfassen.
Auch Polinas Melodie wächst mit den Jahren in ihm heran.
Diogenes Verlag, erschienen am 26. Februar 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 304 Seiten, ISBN: 978-3257073355, hier geht’s zum Buch
„Sie lebten in jedem Atemzug, ohne den Versuch, das Vergangene zu begreifen, und ohne die Sorge vor der Unendlichkeit der Möglichkeiten, die das Leben für sie im Köcher hielt.“
Zitat, Seite 53
Fritzi Prager ist eine der Besten ihres Jahrgangs und will nach der Schule Jura studieren. Doch das Leben sieht etwas anderes für sie vor: Aus ihrem Sommerurlaub in Italien kommt sie schwanger zurück und wird mit 18 Jahren Mutter einen Sohns, der auf den Namen Hannes hört.
Fritzis Eltern ertragen ihre Tochter und den Enkel nicht, der von Anfang an anders, ruhiger ist, als andere Kinder und laut der Mutter einfach nur eine Tracht Prügel bräuchte. Und so verlässt Fritzi nach ihrem Abitur das Elternhaus. Anstatt in München zu studieren, beginnt sie mit Güneş, der Frau, mit der sie im Krankenhaus ein Zimmer geteilt hat, bei Netto zu putzen. Auch sie zieht ihre Tochter Polina alleine groß. Bis zur Grundschule wachsen ihre Kinder gemeinsam auf.
Es ist eine abgelegene alte Villa im Moor in Kananohe bei Hannover, die zu Fritzis und Hannes‘ Zuhause wird und auch Güneş und Polina oft empfängt. Hier wohnt auch der alte Zausel Heinrich Hildebrand, der für Fritzi zu einer Art Vater und für die Kinder zu einem Großvater wird. Er liest ihnen aus Dostojewski vor und legt abends alte Schallplatten auf.
Später wird Fritzi Heinrichs Assistentin im niedersächsischen Landesamt für Flur- und Moormanagement. Von da an durchstreifen Fritzi und Hannes jeden Tag das Bissendorfer Moor und lernen alles über Flora und Fauna kennen. Vor allem die Klänge der Natur haben es Hannes angetan. Der stille Junge, der von klein an besonders empfindsam für Geräusche ist, entdeckt in der Villa auch seine Liebe zum Klavier. Seine Begabung für das Klavierspiel offenbart sich, als er dem verstimmten und von Holzwürmern zerfressenen Klavier im Speisesaal Tschaikowski entlockt.
Und so beginnt Heinrich, der einmal Klavier studiert hat, Hannes zu unterrichten. Bald erfüllen die Melodien nicht nur die Villa, sondern auch den Kopf des Jungen. Denn darin entsteht viel mehr, als es die Lehrer vermuten, die Hannes für zurückgeblieben und sonderbar halten. Es sind ganze Sinfonien, die in ihm wachsen, ohne je zu Papier gebracht zu werden. Denn es sind die Klänge der Menschen: ihr Wesen, ihre Träume und ihr Hoffen. Nur wenige wissen von Hannes‘ Talent; seiner Begabung, dem Rhythmus seiner Umgebung zu lauschen und ihre Melodien zu erfassen.
„Polina und Hannes hätten unähnlicher kaum sein können. […] Hannes lauschte vorsichtig in die Welt hinein wie in eine dunkle Höhle, in der Ungeheuer lauern. Polina schaute hinter jede Tür, steckte ihren Kopf in die Tümpel im Moor, um zu prüfen, was darin war. […] Hätte sie Ungeheuer gefunden, hätte Polina mit ihnen getanzt.“
Zitat, Seite33/34
Takis Würger komponiert mit „Für Polina“ einen Roman wie ein Musikstück. Er spielt darin die Klaviatur des Lebens: erfasst Höhen und Tiefen, Freud und Leid seiner Figuren, in deren Mitte Hannes und Polina stehen. Er lässt ihre Geschichte von der Musik tragen, macht das Klavier zum tragenden Element seines Romans.
Es sind zwei große Lebensabschnitte, die in seinem Werk zusammenfinden. Ein Davor und ein Danach. Es ist die gemeinsame Kindheit in der Moorvilla und das eigenständige erwachsene Leben fernab davon. Auch wenn die Figuren immer wieder ins Moor zurückfinden, so bleibt dort eine wichtige Komponente zurück, die sich in einem Verlust ausdrückt und sich bleiern auf die Figuren, allen voran Hannes, legt. Und so verklingen für lange Zeit die Melodien, die Hannes dem Klavier entlockt, nicht jedoch die Melodien in seinem Innern.
Hannes und Polina ziehen ins Leben hinaus. Entgegen ihrer kindlichen Vorstellungen machen sie vorerst ohne einander weiter. Hannes in Hamburg, Polina in Istanbul. Das unsichtbare Band, das sie beide miteinander verbindet, wird dabei stark beansprucht, reißen tut es aber nie. Auch wenn die beiden immer wieder auseinandertriften, bleibt da auch immer ein gemeinsamer Pfad, auf den sie immer wieder zurückfinden. Während es in der Kindheit unbeschwerte Momente der Freundschaft sind, wachsen im Teenageralter Gefühle füreinander heran. Doch es bedarf einiger Alleingänge und der Kraft der Musik, um sich wirklich zueinander zu bekennen.
Hannes, der seinem Talent für das Klavierspiel lange nachgeht, kehrt ihm eines Tages fast vollständig den Rücken zu. Die Melodien sind zu schmerzhaft für ihn, sind sie doch an einen Menschen geknüpft, den er hinter sich lassen musste. Eines Tages fängt er als Klavierträger bei Sebastian Blau an, der eines der erfolgreichsten Transportunternehmen Hamburgs führt. Er ist auf den Transport von Klavieren und Flügeln spezialisiert, bewegt alles, was über Tasten verfügt und Töne hervorbringt. Nachdem Brauns Traum, ein Berufsmusiker zu werden, geplatzt ist und sich auf den gelegentlichen Einsatz am Klavier in einer Jazzband beschränkt, erfindet er sich neu und gründet ein Unternehmen. Mit 40 hat er fast jeden erdenklichen Luxus für sich gesichert, nicht jedoch seinen größten Traum, den er ähnlich wie Hannes, tief in seiner Seele verschlossen hält. Brauns stärkster und gefährlichster Klavierträger namens Bosch wird Hannes bester Freund, nimmt ihn unter seine Fittiche und zeigt dem eher schmächtigen Hannes, dass es beim Klaviertragen nicht ausschließlich um Kraft, sondern vielmehr um die richtige Technik geht. Und so transportieren die beiden über viele Jahre gemeinsam Klaviere in alle Himmelsrichtungen, ehe sich Boschs Vermutung bestätigt, dass Hannes zu viel mehr bestimmt ist, als Klaviere zu tragen.
„Er setzte sich an den Érard und spielte. Er spielte nicht Haydn oder Grieg, obwohl der in diesen lindgrünen Tag auch gut gepasst hätte. Er spielte Hannes Prager. Mit neun Fingern spielte er Polinas Melodie, eine Variation, etwas Neues, das gleichzeitig etwas Altes war, aber er spielte, als hätte er zehn Jahre lang daran geübt. O ja, er spielte. Jonathan Wassermann sog erstaunt die Luft ein, und Bosch, der immer alles geahnt hatte, sah sich noch zweimal um, ob irgendwelche Gefahren abzuwehren waren, und dann entfuhr ihm ein tiefer Seufzer.“
Zitat, Seite 222
Würger zeichnet Figuren, die ans Herz gehen. Er verleiht ihnen Ecken und Kanten, macht sie zu allesamt zu Persönlichkeiten, unverwechselbaren Individuen, die während dem Lesen zu engen Freund*innen werden.
Polina wird von einer wilden, rebellischen Seele verkörpert, die dem alten Hildebrand wie ein kleiner schwarzäugiger Fuchs begegnet, weil sie so schlau und neugierig ist. Ihre schwarzen Haare stehen wie schwarze Flammen in alle Richtungen ab. Später ist ihre Haut von Tattoos geschmückt. Sie ist Jolie-laide („schön hässlich“, eine gutaussehende, aber nicht konventionell hübsche Frau), laut und impulsiv.
Hannes steht im kompletten Kontrast zu ihr. Er ist still und in sich gekehrt, bewegt sich behutsam, ja fast schon behäbig durch die Welt. Er ist schmächtig und klein, bekommt irgendwann eine Brille und lernt vieles erst viel später als Polina. Zu viele und laute Geräusche überfordern ihn. Denn in ihm hausen bereits die Geräusche und Melodien seiner Umwelt.
Heinrich Hildebrand wird von Würger als alter seltsamer Zausel gezeichnet, der im Moor zuhause ist. Seine anfängliche Abneigung gegen Kinder weicht einer tief empfunden Liebe für Hannes und Polina. Für Fritzi wird er zu dem Vater, den sie nie hatte, für die Kinder zum Großvater. Er nimmt Fritzi in seine Obhut, zeigt ihr alles, was er weiß und lehrt Hannes, das Klavier zu spielen.
Fritzi ist eine starke unabhängige Frau, die sich trotz aller Hindernisse einen Weg durchs Leben bahnt und wie eine Löwin kämpft. Für Hannes ist sie der Fels in der Brandung. Sie stellt Hannes‘ Bedürfnisse immer über die ihren und denkt viel zu spät an ihre eigenen Träume. Es gefällt mir sehr, wie Würger sie keine Klischees und Stereotype bedienen, sondern sie vielmehr mit einer Kettensäge bewaffnet durchs Bissendorfer Moos ziehen lässt um morschen Bäumen den Kampf anzusagen.
„Er widerstand der Versuchung, die Musik aufzupumpen, sie groß und laut zu machen, natürlich wollte er Clotilde beeindrucken, aber groß konnten andere besser als er, er musste sie verführen, nicht bezwingen, sie erreichen, ohne dass sie merkte, womit. Er spielte zart und warm, voller Sehnsucht nach einem Leben, das er nicht lebte. Nicht wie seine Sehnsucht nach Polina, nicht wie die Sehnsucht nach sich selbst, nach Freiheit, auch wenn er das selbstverständlich so schwülstig nicht formuliert hätte.“
Zitat, Seite 242
Und so sitze ich hier und lasse die Melodien dieses zauberhaften Romans in mir nachklingen. Wenn auch ich in meinen Augen nicht annähernd die Zeilen gefunden habe, die diesem Werk nur annähernd gerecht werden, so möchte ich sie doch mit einer herzlichen Leseempfehlung in die Welt hinaus senden. Denn so einem Roman wie diesem, der mit seinen 304 Seiten so bescheiden und gleichzeitig so kraftvoll daherkommt, begegnet man nur selten. Er setzt Gefühle und Melodien frei und hält uns einmal mehr vor Augen, wofür es sich lohnt, zu leben.
Piper Verlag, erschienen am 27. Februar 2025, Preis 16 € [D], Taschenbuch, 240 Seiten, ISBN: 978-3-492-27773-0, hier geht’s zum Buch
Ganze fünf Tage haben wir uns an Ostern treiben, von Ober- nach Unterfranken spülen lassen und die Gegend erkundet, wo ich als Kind aufgewachsen bin. Als geborene Fränkin wollte ich meiner Räubertochter schon lange mal zeigen, wo ich herkomme. Das Elternhaus nicht nur von der Straße aus an uns vorbeiziehen lassen oder die Umrisse der nächstgelegenen Stadt aus der Ferne beobachten, sondern mittendrin sein, im Puls meiner unterfränkischen Heimat.
Dass ich hier schon seit 18 Jahren nicht mehr wohne und mein Elternhaus nicht mehr in unserem Besitz ist, ändert an der Tatsache nichts, dass hier meine Wurzeln sind und ich mich hier heimisch fühle, auch wenn meine Sprache nicht mehr zwingend ein Indiz dafür ist, aber ä weng werde ich wohl immer das r rollen und manche Konsonanten ein bisschen weicher aussprechen als andere es tun. Zumindest, wenn man mich lässt.
Dass es mich Landei erst nach Hamburg und dann ausgerechnet nach München gespült hat, mag eine gewisse Komik mit sich bringen, denn die Stadt war mir lange genauso fern, wie sie den Franken laut Arenz‘ Beschreibung in seiner „Gebrauchsanweisung für Franken“ eben meist ist – „ein bisschen zu schick, zu selbstbewusst, zu reich.“ Ich habe es tatsächlich lange ausgeschlossen, in diese Stadt zu ziehen, am Ende bin ich doch dort gelandet. Allerdings wohne ich mittlerweile wieder in einem ländlichen Vorort, wo es sich ähnlich lebt wie auf dem Dorf, wo ich groß geworden bin. Nie hätte ich gedacht, dass das Kleinstadt-, das „Provinzleben“, das ich lange Zeit über hatte, eben doch genau das ist, was mir gut tut. Gepaart mit den Annehmlichkeiten einer Stadt. Und um ehrlich zu sein, nicht alles an München ist zu schick, zu selbstbewusst und zu reich. Vielleicht zu teuer. Dass ja. Mit der Zeit lernt man, in welchen Ecken man sich wohlfühlt und wo eher nicht.
„Franken ist klein, aber es ist so vielfältig, so voller Geschichte, so voller liebenswerter Dörfchen, Flecken, Städtchen und Städte, dass ich fast kapituliert hätte, bevor ich überhaupt anfing, dieses Buch zu schreiben. Weil ich nichts weiter beschreiben kann als mein Franken. Am Ende wird sehr viel fehlen. […] aber vielleicht haben Sie Lust bekommen, auch die weißen Flecken zu entdecken, die ich Ihnen in die Karte dieser Gebrauchsanweisung nicht zeichnen werde.“
Zitat, Seite 12
Ich bin während meines Heimaturlaubs in die Zeilen eines Autors getaucht, dessen Sprachmelodie mich schon in Romanen wie „Alte Sorten“ und „Der grosse Sommer“ begeistert hat. Zu meiner Freude wohnt seinem literarischen Reiseführer so viel fränkischer Charakter, so viel Gefühl inne, dass es sich angefühlt hat, wie eine Reise in meine Kindheit, wie ein Einsinken in das Kopfkissen meines Kinderzimmers. Außerdem schickt er einen im Buch direkt auf den Sattel. Denn wenn man in Franken etwas hervorragend kann, dann, die Gegend mit dem Rad zu erkunden. Ich sprech‘ da aus Erfahrung, frag mal meinen Hintern, wie er nach den „entspannten Touren“ mit meinem Papa, besonders nach der Eroberung des Schwanbergs (Berg bei Rödelsee), geächzt hat. Insgesamt erstreckt sich der Main-Radweg über sage und schreibe 600 km. Ich würde sagen, da sind auch für mich noch genügend weiße Flecken auf der Landkarte übriggeblieben, die ich noch erobern muss.
Als gebürtiger Mittelfranke beginnt Ewald Arenz in der Mitte von Franken. Ausgehend von der Stadt Nürnberg, die nur der „gefühlte Mittelpunkt Frankens“ ist (denn geografisch ist es Ochsenschenkel) macht er mit seinen Leser*innen gemeinsame Ausflüge in alle Himmelsrichtungen, bis man bei Wunsiedel und Amorbach und Aschaffenburg und Nördlingen und Weißenburg ist. Quasi eine umgekehrte Sternfahrt, wenn auch nur literarisch. Viele Stationen, die Arenz in seinem Buch passiert, sind mir vertraut, andere wiederum völlig fremd. Sein Werk begegnet mir deshalb wie eine Einladung, meine Heimat erneut zu durchstreifen und meinen Blick zu erweitern, die Augen zu öffnen, für die Schönheit dieser Gegend, die ich als Kind eben einfach nicht hatte.
„Die Franken sind – mit wenigen Ausnahmen – nicht die Könige der Selbstdarstellung, sondern des Understatements. Sich selbst zu verkaufen fällt ihnen nicht leicht; vom bayerischen „Mia san mia“ sind sie weit entfernt.“
Zitat, Seite 40
Besonders gefiel mir, dass der Autor allerhand fränkische Begriffe in seine Zeilen einflicht, sodass man auch als Nichtfranke recht schnell ein Gefühl dafür bekommt, was der Franke bzw. die Fränkin meint, wenn sie von einer Kärwa (Kirchweih), einem Graffl (Trödel) oder von einem Seidla (in München ist es die Halbe) spricht. Auch, dass die Regionen in Franken verschiedene Namen tragen, wie z.B. Weinfranken (Maingegend), Bierfranken (die mit Brauereien gesegnete Mitte Frankens) oder auch das Knoblauchsland (Gebiet im Dreieck zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen, steht für den sommerlichen Duft der Region) erläutert Ewald ganz gut. So bekommt man Seite für Seite nicht nur ein Gespür für die sprachlichen sondern auch für die ländlichen Feinheiten Frankens. Aber immer nur ä weng – halt ganz im Stil fränkischer Bescheidenheit, gell!?
Was ich auf Arenz‘ Streifzug durch Unterfranken vermisst habe, auch wenn mich nicht die innigste Liebe zu meiner Heimatstadt verbindet, war Kitzingen, die der Autor nur als „Quelle des ersten Reichsgesetz zur Reinhaltung des Weins“ streift. Denn wenn Kitzingen für etwas bekannt ist, dann wohl für den Falterturm, den die Unterfranken liebevoll „schiefer Turm von Kitzingen“ nennen, die alte Mainbrücke (oder auch Pippinsbrücke), die seit 700 Jahren auf die andere Seite des Mains führt, oder das Deutsche Fastnachtmuseum, das nicht nur von Narren und Karnevalsfans besucht wird. Ja, es ist ein kleines und überschaubares Städtchen, aber die zwei Zeilen erschienen mir doch etwas dürftig. Ich habe mir daher erlaubt, Arenz‘ Buch auf die Alte Mainbrücke zu entführen.
Überhaupt sickerte Arenz‘ Verbundenheit zu Mittelfranken durch. Auch wenn er verrät, dass in Unterfranken ein großer Teil seiner Familie wohnt, passiert er in meinen Augen nur wenige unterfränkische Stationen. Dabei sind zwar Schweinfurt und Volkach, aber im umfangreicherem Maße berichtet er nur von meiner Geburtsstadt Würzburg. Letztere aber dafür mit viel interessanter Stadtgeschichte und einer sehr aufschlussreichen likörgeschwängerten Begegnung mit einer alten Dame. Die Stadt, die man auch als schiefrunde Perle bezeichnen könnte, wartet nicht nur mit der Festung Marienberg und dem Käppele hoch oben über den Weinbergen mit fantastischem Blick über die Stadt auf, sondern auch mit dem Dom und der Residenz, die mit „einem der schönsten Treppenhäuser Europas“ und „dem größten Deckenfresko der Welt“ daherkommt.
Eine Textstelle ließ mich in den Erinnerungen an ein Weinfest vom Weingut am Stein schwelgen, bei dem ich meinen Wein direkt in den Weinbergen und der glitzernden Abendsonne genießen konnte. Wobei das Weingut sicher eines der Orte ist, wo man dem Lebensgefühl der Münchner Schickeria wohl am nächsten kommt. Von fränkischer Bescheidenheit können wir dort nicht wirklich reden!
„Wenn sie an einem sonnigen, frühen Herbsttag die schmalen Pfade durch den Wein zu Festung hochwandern, vielleicht hie und da eine Weinbeere kosten, auf der noch der Tau des Morgens liegt, dann ist die Schönheit so wie der Frankenwein. Frisch. Zu Beginn ein wenig zurückhaltend – das Schöne muss man in Franken immer suchen. Aber dann, mit allen Sinnen genossen, immer reicher und voller.“
Zitat, Seite 179
Den Charme von Weinfranken greift Arenz ebenso auf wie den unverwechselbaren Charakter eines fränkischen Weins, der im Original Bocksbeutel (Name der Flasche) abgefüllt wird. Beiden Dingen schenkt er ein eigenes Kapitel. Leider blieb mein Wunsch, durch ein paar malerische Zeilen von ihm zu den Weinfesten der Region zu schlendern, unerfüllt. Es sind wohl die Feste, die ich am meisten vermisse. Denn es gibt in meinen Augen kaum etwas schöneres als sich im Sommer bei Musik durch ein Weinfest treiben zu lassen und dabei Wein und Landschaft in sich aufzunehmen.
Was mich etwas überrascht hat, ist, dass Arenz für das mittelfränkische Rothenburg ob der Tauber nur wenig übrig zu haben scheint, die Stadtszenerie jedoch die Rückseite des Buches schmückt. Es ist die Stadt, die wohl mit am bekanntesten ist, aber laut Arenz nicht mit dem weitaus schöneren Dinkelsbühl mithalten kann. Er beschreibt sie deshalb nur mit wenigen Zeilen und geht nach Erwähnung der Stadtmauer, dem Kriminal- und Weihnachtsmuseum direkt nach Dinkelsbühl über, obwohl in Rothenburg eines meiner Kindheitsträume verborgen liegt. Denn direkt am Marktplatz findet man das Herzstück von Käthe Wohlfahrt: ein Weihnachtsdorf, in das man das ganze Jahr über eintauchen und feinen Weihnachtsschmuck kaufen kann. Freilich nicht ohne prallgefüllten Geldbeutel, dafür aber mit ganz viel Begeisterung für Nussknacker, Schwibbögen, Baumbehang und Co. Es handelt sich dabei ganz klar um eine feine Geldmaschinerie, die mit Franken insofern nicht wirklich etwas zu tun hat, weil die Gründer aus dem sächsischen Raum nach Stuttgart kamen, in Rothenburg befindet sich aber der Firmensitz und das Herzstück des Unternehmens. Und ich glaube kein Kind kommt aus diesem Laden ohne leuchtenden Augen heraus.
Meine Eroberung von Mittelfranken folgt am Wochenende, zumindest was den gefühlten Mittelpunkt Frankens anbelangt, wenn ich dem Ruf eines Mammuts folge, 43 km durch Nürnberg marschiere und mich an Arenz‘ Passagen der Stadt erinnern werde. An das Erbe des „Dritten Reiches“, mit dem man hier unweigerlich konfrontiert wird und mitunter in den Treppenstufen der Frauenkirche verborgen liegt, die früher jüdische Grabsteine waren. Es ist schon etwas bizarr, dass nur ein Judenstern am Treppenaufgang daran erinnert. Auch einen Besuch in der ältesten Buchhandlung Deutschlands Korn und Berg, die seit 1531 Bücher verkauft, habe ich mir fest vorgenommen.
Es sind Arenz‘ malerische Beschreibungen, die vielen charmanten, persönlichen und mitunter sehr humorvollen, aber auch von viel Stadt- und Heimatgeschichte angereicherten Geschichten, mit denen er mich begeistert hat. Mitunter hatten die Kapitel zu Kraftshof, Sanspareil und der Eremitage einen besonderen Reiz für mich. Denn sie haben die Lust in mir geweckt, jetzt wieder häufiger in die Heimat zu fahren und Franken zu durchstreifen.
„Ein Frühlingstag in der Eremitage! Das ist ein Ausflug aus dem manchmal provinziellen Franken in eine elegante Nebenwelt. Verspielt und ein bisschen verrückt und voller spürbarer Sehnsucht nach einem antiken Griechenland, das es wahrscheinlich so nie gab; einer Sehnsucht nach Witz und Musik und südlichen Farben. Muschelmosaike und Wasserspiele, Tempelruinen und Pavillons und griechische Götterstatuen hier und Hirtenhütten dort und Heckenlabyrinthe – es ist eigentlich alles da, was der Mensch sich für einen Tag zum Spielen wünscht. Es ist ein von Grund auf heiterer Park, wie man ihn sonst nur in großen Residenzstädten vermutet und in so gelassener Schönheit aber nur selten findet.“