Im Schnee

UNAUSGESPROCHENE  LIEBE

Rezension von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Im Schnee“ erzählt mit leiser Eindringlichkeit und bewundernswerter literarischer Einfühlsamkeit von einer dörflich-ländlichen Lebensweise, die im Aussterben begriffen ist, und von einer wortlosen Liebe, die zwar tief empfunden, aber niemals ausgelebt wurde.

Max, der sein gesamtes Leben im Dorf verbracht hat, schaut vom Fenster auf seine ver-schneiten Apfelbäume und erinnert sich an den Schorsch, der sich seit mehr als einem halben Jahrhundert jeden Herbst stets einen guten Vorrat Äpfel bei ihm abgeholt hat. Schorsch und Max kannten sich seit ihrer Kindheit und hatten sich auf ihre männlich- wortkarge Art sehr gut miteinander verstanden. 

Doch nun läutet das Totenglöckchen für Schorsch, und Max bereitet sich darauf vor, an der Totenwacht teilzunehmen. Nicht ohne Wehmut tauchen vor Maxens innerem Auge vergangene Szenen aus dem freundschaftlich-nachbarlichen Alltagsleben mit Schorsch auf: gemeinsame Arbeiten mit Holz, die Reparatur von Motoren, familiäre Feste, gemüt-liche gemeinsame Nickerchen auf Maxens breiter Chaiselongue und stille, beinahe heilige Augenblicke, in denen sie der Natur gelauscht haben.

Schorsch hatte geheiratet, und Max war alleine geblieben. Max sei mit seinen Motoren verheiratet, hieß es im Dorf. Schorschs Frau mochte den Max gern und störte sich nicht an der Männerfreundschaft. Sie hatte doch auch eine ebenfalls unverheiratete beste Freundin im Dorf, mit der sie viel Zeit verbrachte.

Während der Totenwacht betrachtet Max in Rückblenden nicht nur sein Leben, sondern auch die Veränderungen der dörflichen und landwirtschaftlichen Daseinsbedingungen, das Schwinden einst selbstverständlichen Handwerks (Schmied, Schuster, Wagner, Korbflechter), selbst einen Bäcker, Metzger oder Einkaufsladen gibt es im Dorf nicht mehr, und von einst drei Wirtshäusern ist nur noch eines übrig geblieben.

Jeder weitere Teilnehmer an der Totenwacht bringt Anekdoten aus dem Leben von Schorsch mit, nebst der durchwegs positiven Bewertung seines Charakters, und löst bei Max nachdenkliche Reflektionen über die guten und schlechten zwischenmenschlichen Verhältnisse des dörflichen Zusammenlebens aus. Es gibt einen starken Zusammenhalt und eine selbstverständliche wechselseitige Hilfsbereitschaft, aber auch eine tiefe Scheu, sich in die Angelegenheiten und Dramen anderer einzumischen, Geheimnisse werden gehütet, sogar solche, die eine kriminalistische Untersuchung verdient hätten.

Maxens Perspektive auf das Landleben ist unromantisch und pragmatisch, die land-wirtschaftliche Arbeit ist hart und erfordert viel körperliche Kraft und in früheren Zeiten auch gemeinschaftlich geteilte Arbeit. Anders als im Stadtleben, wo man sich für alles einen spezialisierten Handwerker bestellen kann, muß man auf dem Land möglichst vieles selber machen können oder mit Hilfe der Fähigkeiten seiner dörflichen Nachbarn.

»Dabei gab es nichts, was man nicht reparieren konnte. Nur die Zeit war es, die so viel kostete. So war es doch heute: Geld hatten sie alle, nur Zeit hatten sie nie. Sie tauschten ihre Zeit für Geld, aber jammerten dann, dass sie keine Zeit mehr hatten – und dass man die nicht kaufen konnte.« (Seite 128)

Der Autor erzählt die Geschichte von Max und Schorsch in einer schlichten, sinnlich-anschaulichen Sprache, die eine unmittelbare Nähe erzeugt, die fast an körperliche Berührung grenzt. Wenn Max sich am holzbefeuerten Herd seinen selbstgesammelten Kräutertee kocht, den Blick durch seine altmodische Wohnküche schweifen läßt, seinen Erinnerungen nachgeht, die wohlige Ofenwärme genießt und sich selbstgenügsam der Schönheit der verschneiten Landschaft erfreut, dann sind wir als Leser ganz nah dabei.

Max ist traurig, aber keineswegs selbstmitleidig, er schaut gelassen, ja, meditativ auf sein Leben zurück und hadert nicht mit dem, was er ausleben konnte und was er nicht ausleben konnte.

»Wenn dann die Menschen starben, waren die Geschichten weg. Und damit alles, was sie wussten und immer verschwiegen hatten.« (Seite 165)

Wenn man indes dieses Buch zu Ende gelesen hat, klingt noch lange das anrührende Echo von Maxens Leben in uns nach, als wären wir ihm in Wirklichkeit begegnet. Das ist eine bemerkenswerte literarische Leistung!

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
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Wenn Sie von der Verlagsseite aus weiter auf Mehr Infos“ klicken, finden Sie noch ein interessantes Interview mit dem Autor.

Hier entlang zur Hörbuchausgabe und Hörprobe beim Verlag Hörbuch Hamburg: Hörbuch: Im Schnee

Hier entlang zu zwei weiteren Buchbesprechungen bei
Kulturbowle: Wenn das Totenglöckchen klingt
und Kommunikatives Lesen: Tommie Goerz: Im Schnee

Der Autor:

»Tommie Goerz ist gebürtiger Erlanger. Über Jahre machte er sich als mehrfach ausgezeichneter Krimiautor einen Namen. Auch sein literarisches Debüt „Im Tal“ (2023) wurde von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. Goerz war Langzeitstudent, Hüttenwirt, Automatenwart und Schallplattenvertreter, Lehrbeauftragter, Almknecht, erfolgreicher Werber und mehr. Bis heute wohnt er in Erlangen.«

Der Club der Bücherfeen

  • Roman
  • von Thomas Montasser
  • THIELE Verlag, März 2024 www.thiele-verlag.com
  • Taschenbuch
  • 320 Seiten
  • Format: 12 x 18,50 cm
  • 14,00 € (D), 14,60 € (A)
  • ISBN 978-3-85179—553-0

Der Club der Bücherfeen

VOM PAKETBOTEN ZUM GÖTTERBOTEN

Rezension von Ulrike Sokul ©

Victor arbeitet als Paketbote. Eigentlich hat er Musik studiert, aber seine Lebenskosten erfordern eine praktische Tätigkeit, mit der er Geld verdient. Seine musische Wahr-nehmung blitzt indes im Alltag immer wieder auf – beispielsweise bei besonders klang-vollen Namen. So liefert er recht häufig Büchersendungen an Bianca Martini aus. Bianca Martini ist zwar nie zuhause, wenn Victor kommt, und er stellt die Pakete stets nur vor die Wohnungstür („Sendung an Ihrem Wunschort hinterlegt“), aber sie entzündet unweigerlich seine romantische Phantasie.

»Namen sind nun einmal alles andere als Schall und Rauch. Sie sind Worte. Und Worte formen die Gedanken der Menschen. Die Gedanken aber prägen den Blick auf die Welt und damit auch die Wertschätzung, die wir Dingen oder Menschen entgegenbringen.« (Seite 42/43)

Als Victor eines Tages ein Päckchen mit Dessous abliefert– unverkennbar-erkennbar an der aufgedruckten Schleife, mit der die Päckchen des bekannten Dessous-Herstellers werbewirksam verziert sind -,  erweitert sich die romantische Phantasie um erotische Phantasien. Victor beschließt, mit Hilfe eines Buchgeschenks Kontakt zu Bianca Martini aufzunehmen.

Zu diesem Behufe besucht er „Die Bücherfee“, eine kleine Buchhandlung, die auf seiner Posttourenstrecke liegt. Die freundliche Buchhändlerin – schöne Sopranstimme – berät Victor. Überwältigt von der Fülle und Vielfalt möglicher Lektüren, überlegt sich Victor, besser erst einmal einige Bücher zu lesen und zu prüfen, bevor er seine Buchgeschenk-avance beginnt.

Mit Victor lesen wir nun also einige mehr oder weniger bekannte Romane und erfahren beiläufig viel von Freud und Leid des Paketbotendaseins.

Derweil erlesen wir außerdem, daß Bianca Martini eine ehemalige Lektorin ist, die ihre Rente durch eine Aushilfstätigkeit in einem Teeladen auffrischt und die altersmäßig gut Victors Großmutter sein könnte. Zudem stellt sich heraus, daß Bianca Martini eine junge Nachbarin hat, der eine kleine Buchhandlung gehört, und daß das verführerische Dessouspaket eigentlich von dieser Buchhändlerin bestellt worden ist.

Nun, der Personenkreis erweitert sich noch um einen streunenden Hund und einen kleinen, sehr lesebegeisterten Jungen, der heimlich in Victors Lieferwagen einsteigt und sich mit Victor anfreundet, und einige weitere Gerneleser, die alle ihre persönlichen Kommentare und Zitate zu Leseerfahrungen beisteuern.

„Der Club der Bücherfeen“ ist eine leichtfüßig dahinplätschernde Lektüre mit vorher- sehbar gutem Ausgang, gespickt mit vielen literaturschwärmerischen Hinweisen und Zitaten, durchaus charmant, gelegentlich situationskomisch und wortspielerisch. Gleichwohl bleiben die Charaktere flüchtig, sie fungieren mehr als Botschafter für das Lesen, für den Einfluß der Literatur auf menschliche Lebensweichenstellungen und als Schnittstelle zwischen Literatur, Phantasie und Wirklichkeit, denn als charakterstarke Persönlichkeiten.

Zwei inhaltliche Schwachstellen haben mich besonders irritiert:

Erstens: Ein Paketbote kann selbstverständlich literaturaffin sein; allerdings bin ich mir ganz gewiß, daß er sich in Anbetracht seiner äußerst anstrengenden Knochen- und Nervenarbeit auch beim besten Willen nicht so viel Zeit zum Lesen nehmen kann wie die Romanfigur Victor. Da ist der Roman doch sehr wunschdenkerisch.

Zweitens: Als ehemalige Lektorin sollte Bianca Martini doch vertraut sein mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation des stationären Buchhandels. Darüber hinaus ist ihre unmittelbare Nachbarin Buchhändlerin. Wieso bestellt sie dann ihre Bücher im Internethandel? Das finde ich gelinde gesagt fragwürdig! Dies steht auch in eklatantem Widerspruch zu anderen Stellen des Romans, wo der Autor durchaus die Lage des Buch-handels kritisch reflektiert.

Kurzum: Wer es nicht so streng und logisch nimmt wie ich, kann sich mit diesem Roman leseleichtköstlerisch amüsieren. Für meinen Geschmack läßt der Bücherfeenstaub dieses Romans indes viel zu wünschen übrig.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
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Querverweis zu zwei vorherigen Romanen Thomas Montassers, die ich wesentlich mehr empfehlen kann:

Ein ganz besonderes Jahr Ein ganz besonderes Jahr
Monsieur Jean und sein Gespür für Glück Monsieur Jean und sein Gespür für Glück

Der Autor:

»Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitätsdozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Mit den im Thiele Verlag erschienenen Romanen »Ein ganz besonderes Jahr« (2014), »Monsieur Jean und sein Gespür für Glück« (2015) und »Das Glück der kleinen Augenblicke« (2017) wurde er über Nacht international bekannt.
Als Vater von drei Kindern lebt er mit seiner Familie in München, wo er mit seiner Frau eine kleine, aber feine Literaturagentur betreibt. Er liebt Swing, alte Bücher und Frühstück im Freien, und kennt nichts Erholsameres als ein gutes Buch zu lesen (außer natürlich: eines zu schreiben).«

Gute Nacht, Tokio

  • von Atsuhiro Yoshida
  • Roman
  • Originaltitel: »Oyasumi Tokyo«
  • Übersetzung aus dem Japanischen von Katja Busson
  • hanserblau, Oktober 2023 www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • 192 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 (A)
  • ISBN 978-3-446-27845-5

Gute Nacht, Tokio

LESE – SUSHI

Rezension von Ulrike Sokul ©

Im Roman „Gute Nacht, Tokio“ kreuzen sich die Wege mehrerer Personen, die aus unterschiedlichen Gründen meist nachtaktiv unterwegs sind. Jede Begegnung führt zu weiteren Begegnungen und Verknüpfungen, und so entstehen nach und nach neue Schicksalsbahnen; manches Verlorene wird dabei wiedergefunden, manche Dinge oder Menschen finden zu einer neuen Bestimmung, manches bleibt gleichwohl im Unge- wissen.

Die junge Requisiteurin Mitsuki muß oft in kürzester Zeit – also über Nacht – noch irgendein Filmrequisit auftreiben, das nicht im Fundus lagert. Deshalb ist sie Stamm- kundin beim Taxifahrer Matsui, der für ein Taxiunternehmen namens „Blackbird“ arbeitet, das auf Nachtfahrten spezialisiert ist.

Diesmal soll sie eine frische Biwa-Frucht organisieren. Nachdem Mitsuki vergeblich sechs spätgeöffnete Supermärkte aufgesucht hat, ruft sie Matsui an, um mit dem Taxi den Suchradius zu erweitern. Unterwegs erkundigt sie sich telefonisch bei ihrem Verlobten Koichi, ob er wisse, wo man noch Biwas finden könne. Koichi ist externer Mitarbeiter beim städtischen Umweltamt und beobachtet Krähen und ihr Verhalten. Er antwortet mit der genauen Nennung einer Straße, die von Biwa-Bäumen gesäumt sei und während seiner gestrigen Krähenbeobachtungen noch Früchte getragen habe.

Matsui fährt Mitsuki zu der angegebenen Adresse, und sie findet dort nicht nur frucht-tragende Bäume, sondern auch eine Frau, die gerade Biwa-Früchte klaut. Die Biwa-Diebin heißt Kanako, sie hat eine angenehm samtige Stimme und arbeitet als Telefon-seelsorgerin. Sie erzählt Mitsuki ganz unbefangen, daß sie Biwas stehle und daraus Biwa-Schnaps herstelle, da dies ihr vor Jahren verschollener jüngerer Bruder immer getan habe, und sie auf diese Weise seiner gedenke. Freundlich gibt sie Mitsuki einige Früchte ab.

Kanako lernt während des nächsten Dienstes bei der Telefonseelsorge Frau Moriizumi kennen, die alte Sprachboxen zur Entsorgung abholt. Der Taxifahrer wiederum unter- hält sich während einer Fahrt zu einem kleinen Programmkino mit Shuro, einem an- geblichen Schauspieler, der einen berühmten Filmdetektiv darstellen soll. Tatsächlich ist Shuro jedoch selbst ein recht erfolgreicher Privatdetektiv und forscht nur den cineas- tischen Spuren seines eigenen Vaters nach, der einst als Schauspieler tätig war.

In Matsuis Lieblingsbistro, dem „Drehkreuz“, das ebenfalls nur nachts geöffnet hat, arbeitet eine junge Frau, die gerne einen bestimmten verlorengegangenen Stammgast wiedersehen würde.

Die Suche nach einem Erdnußknacker führt Mitsuki und Matsui zu einem skurrilen Gebrauchtwarenladen für Werkzeug, der dem ebenfalls nachtaktiven Herrn Ibaragi gehört, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alten Dingen wieder neues Leben einzuhauchen.

So kreisen diese und noch einige weitere Figuren in nach und nach kleiner werdenden Abständen umeinander, bewegen sich – manchmal gezielt, manchmal eher verirrt und traumwandlerisch – durch die Straßen Tokios, bis sie sich treffen und die zunächst unsichtbaren inneren Verbindungen zwischen ihnen deutlich erkennbar werden.

In diesem leisen Roman passiert nichts Spektakuläres, doch dafür gibt es reichlich originelle und zwischenmenschlich interessante Betrachtungen, Begegnungen und bemerkenswerte Gespräche sowie einige glückliche Fügungen.

Die Charakterzeichnungen sind flüchtig, aber keineswegs oberflächlich, sondern poetisch-präzise auf das Wesentliche konzentriert wie eine meditative Tuschezeich- nung. Der Erzählstil Atsuhiro Yoshidas ist kontemplativ-beschreibend und dezent anteilnehmend. Die einzelnen Episoden gehen spielerisch leicht ineinander über und bieten abwechslungsreiches Lese-Sushi mit dem Grundgeschmack heiterer Gelassenheit.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
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Der Autor:

»Atsuhiro Yoshida, geboren 1962 in Tokio, ist Schriftsteller und preisgekrönter Coverdesigner, der in seinen Büchern mit leichter Hand den kleinen Dingen nachspürt, die das Leben lebenswert machen und die zu suchen sich in jedem Fall lohnt.«

Die Übersetzerin:

»Katja Busson, geboren 1970, studierte Japanologie und Anglistik in Trier und Tokio.sie übersetzte unter anderem Mieko Kawakami und Ko Machida.«

Die Insel der Tausend Leuchttürme

  • Roman
  • von Walter Moers
  • 10. ZAMONIEN-Roman
  • der Hörverlag, September 2023   www.hoerverlag.de
  • Vollständige Lesung  von Andreas Fröhlich
  • 3mp3-CDs
  • in Pappklapp-Schuber
  • Gesamtlaufzeit: ca. 21 Stunden, 22 Minuten
  • 42,00 € (D), 43,20 € (A), 54,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2971-5

Die Insel der Tausend Leuchttuerme von Walter Moers

D O N N E R K I E L  &  W O L K E N B R U C H
oder: FEUERWERK  DER  PHANTASIE

Hörbuchbegeisterung von Ulrike Sokul ©

Vorwort zur Rezension:

Wer mit den Besonderheiten des zamonischen Kontinents und dem Werdegang von Hildegunst von Mythenmetz noch nicht vertraut ist, möge sich bitte unter den nach-folgenden Links in Hinblick auf diesen eigenwilligen, wunderbar-phantastischen literarischen Kosmos kundig lesen:
„Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
„Ensel & Krete“ Ensel & Krete
„Der Bücherdrache“ Der Bücherdrache

Denn die Erlebnisfülle des aktuellen Romans bzw. Hörbuchs beansprucht schon mehr als genug Raum, selbst für die von mir für diese Rezension nur streiflichternd zusammenge-faßten inhaltlichen und stilistischen Orientierungspunkte.

Rezension:

Hildegunst von Mythenmetz ist ein bekannter Dichter von der Lindwurmfeste, der Heimat der zamonischen Spezies der aufrecht gehenden Lindwürmer bzw. Bergsaurier, und er hat neben recht genüßlichen, sehr literarischen und bibliophilen auch ausge- prägte hypochondrische Neigungen. Seine Leidenschaft für alte Bücher (siehe „Die Stadt der träumenden Bücher“ https://www.penguin.de/Buch/Die-Stadt-der-Traeumenden-Buecher/Walter-Moers/Penguin/e565202.rhd) wird von einer lästigen Allergie gegen Bücherstaub beeinträchtigt, und auf Anraten seines Hausarztes reist er nach Eydernorn, um seine Beschwerden nicht zu verschleppen, sondern endlich auszukurieren.

Eydernorn ist eine Insel im zamonischen Ozean, und sie hat wegen ihrer vielen Leucht-türme den ruhmreichen Beinamen „Die Insel der Tausend Leuchttürme“. Die Insel ist bekannt für ihre besonders gute, heilsame und salzhaltige Luft, aber auch berüchtigt für rauhes, extrem windiges Wetter und eine nicht ungefährliche Fauna und Flora. Die eydernornische Bevölkerung verfügt über eine weit überdurchschnittliche Lebens- erwartung und ein vorbildliches Gesundheitssystem, mit einer Spezialisierung auf die Heilung von Atemwegs- und Lungenerkrankungen.

Hildegunst versieht sich vor der Überfahrt nach Eydernorn mit diversen Mitteln gegen die von ihm befürchtete Seekrankheit und betritt mit mulmigen Gefühlen das Fährschiff „Quoped“, das ihn zur Insel der Tausend Leuchttürme bringen wird. Bereits diese Über-fahrt wird zu einem unerwarteten Abenteuer, denn das Schiff gerät in einen Jahrhun- dertsturm; alle Passagiere und sogar die Besatzung sind ebenso der Seekrankheit ausge- liefert wie dem Wüten des Sturmes. Nur Hildegunst steht felsen- nein, seefest an der Reling und entdeckt schließlich als Erster das Lichtspektakel der Leuchttürme von Eydernorn. Dies reanimiert nun auch die Seeleute zu neuer Tatkraft, und das sturmzerzauste Fährschiff erreicht schließlich den rettenden Hafen.

Nun kann der mythenmetzsche Kururlaub endlich beginnen. Um potenzielle Berührungspunkte mit gefährlichen Bakterien und Viren zu minimieren, bezieht Hildegunst kein Zimmer im Sanatorium, sondern in einem Hotel, so daß er nur für ärztliche Untersuchungen und Therapieanwendungen das auf einem Hügel gelegene Therapiezentrum für Atemwegserkrankungen aufsuchen muß.

Mit seinem Hotelzimmer trifft es Hildegunst sehr gut. Neben behaglicher Einrichtung, üppigem spirituösem Komfort (Rumbuddel) und nützlichen Schreibutensilien (Hotel-Briefpapier, wasserfeste Seemannstinte) befindet sich auf seinem Zimmer auch ein Terrarium mit einem Hummdudel. Hummdudel sind eine amphibische Spezies, die von Myhtenmetz als „Mischung aus Riesenschnecke, Nautilusmuschel, Seestern, Oktopus und Seeanemone“ beschrieben wird. Sie geben ein rhythmisches Hummen, Summen und Brummen von sich, das je nach Tonhöhe angeblich trockenes oder nasses Wetter vorherhummdudelt.

Hummdudel können mehrmals täglich ihr Geschlecht wechseln, und sie haben eine enorme Reproduktionsrate – eine von den harmloseren Forschungs-Erfahrungen, die Hildegunst im späteren  Verlauf der Geschichte noch machen wird, nachdem er ein Hummdudel, das ihm als Nachtisch serviert wird, selbstverständlich nicht verspeist, sondern adoptiert und zu seinem Hotelhummdudel ins Terrarium setzt. Diese harm- losen, musikalischen Geschöpfchen werden übrigens noch eine gewisse tragende Rolle spielen, die zu erlesen oder zu erhören ich gerne dem geneigten Publikum überlasse. Denn ich schweife gerade zu sehr ab ins Detail, was bei mir stets eine Folge oder eine sekundärliterarische Ansteckung mit der Lektüre und Auditüre von mythenmoers- metzschen Romanen ist.

Hildegunst hat sich vorgenommen, neben seinen Kuranwendungen die Insel zu erkunden und möglichst viele Leuchttürme zu besichtigen. Von seinem Arzt Doktor Tefrint De Bong, einem Molchling mit vier Armen, bekommt er außer Algen- und Dünenschlammwickeln, Gruppengurgeln mit Kampfersud, Hals-Nasen-Duschen mit Meerwasser sowie Taschentuchgymnastik noch den traditionellen Inselsport des Kraakenfiekens verordnet – das ist eine Art Strandgolf mit sehr speziellen Regeln.

Die Leuchtturmwärter auf Eydernorn haben nicht zu Unrecht den Ruf verschrobener, eigenbrötlerischer Verschlossenheit und kommunikativer Zurückhaltung. Es kostet Hildegunst durchaus Mühe und Frustrationstoleranz, bis er einige der Leuchttürme betreten darf und mit ihren Wärtern sprechen kann. Doch wenn die Kontaktaufnahme gelingt, erfährt Hildegunst bemerkenswerte Dinge über die Leuchtturmwärter, ihren persönlichen Lebensweg, ihre Erfindungsfindigkeit, die eydernorner Kulturgeschichte und ihr pragmatisches Verhältnis zu den extremen insularen Wetterbedingungen.

Ein Leuchtturmwärter hat beispielsweise zu einer liegenden Acht gefaltete, hallu- zinogene Landkarten mit hypnotischen Strukturen und Schnörkeln, optischen Illusionsillustrationen und poetischen Suggestionen erfunden, die imaginäre Trancereisen in beliebige Gegenden Zamoniens ermöglichen. Hildegunst macht mit einer solchen Karte die atemberaubende ebenso schöne wie schreckliche Erfahrung einer Reise in die Eydernormer Tiefsee und vergißt dabei fast das vereinbarte Reißleinen-Codewort, das ihn wieder aus der Trancereise zurückholt. Diese Szene ist wahrlich geeignet, den Hörer höchstselbst mit auf diese imaginative kartografische Reise zu nehmen.

Im Museum für Eydernornische Kultur erfährt Hildgunst – mehr als ihm lieb ist – von äußerst gefährlichen Meereslebewesen, die teilweise auch an Land kommen können, um Unheil zu verbreiten. Zwar sind viele dieser Meeresmonster und Giftfische inzwischen ausgestorben, aber eben nicht alle. Auch die ausführliche historische Dokumentation unglaublicher, ja lebensbedrohlicher Wetterphänomene trägt nicht zu seiner Beruhigung bei. Denn Hildegunst waren schon kurz nach seiner Ankunft auf Eydernorn die seltsamen Wolkenformation am Eydernorner Himmel aufgefallen. Die Wolken wirken bedrohlich-gestaltwandlerisch und erscheinen ihm fast wie lebendige Wesen.

Der intellektuelle Schöngeist Hildeguns ist keineswegs ein sportlicher Typ. Doch während seines Aufenthaltes auf Eydernorn ändert sich dies zu seinem eigenen Erstaunen. Der alltägliche spaziergängerische Umgang mit Wind und Wetter, der häufige Genuß des stärkenden „Orkanbrotes“ und die gute meersalzhaltige Luft verwandeln ihn in einen wesentlich zäheren und widerstandsfähigeren Lindwurm. Zu seiner nicht geringen Überraschung entpuppt er sich sogar als sensationelles Naturtalent im Kraakenfieken.

Während seiner touristischen Erkundungen beispielsweise bei der Besichtigung eines baufälligen Leuchtturmes oder eines Besuches der geheimnisvollen „Stadt ohne Türen“, die bei Flut unter Wasser steht, gerät Hildegunst immer wieder in äußerst dramatische Gefahren, aus denen er sich manchmal selbst retten kann, manchmal aber auch von anderen Wesen gerettet wird.

Nach und nach, je mehr die Leuchtturmwärter Hildegunst in ihre Geheimnisse und ihre wahre Aufgabe für Eydernorn einweihen, begreift er, daß seine Anwesenheit auf der Insel der Tausend Leuchttürme offenbar kein Zufall ist, sondern Bestimmung. Langsam dämmert ihn auch, warum grundsätzlich alle eydernorner Uhren auf fünf vor zwölf stehen geblieben sind und warum seine Messungen mit dem Nachtigallerschen Erdfieberthermometer stets steigende Temperaturen anzeigen. Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß Eydernorn eine Vulkaninsel ist?

Walter Moers‘ unerschöpfliche Phantasie beschert uns wieder und wieder ein über- quellendes Panoptikum interessanter, eigenwilliger Figuren, Lebensformen und Landschaften, und sein dramaturgisches Organisationstalent verbindet all diese minutiösen Details zu einer spannenden, stimmig zusammenhängenden Erzählung, die zudem oft ganz köstlich humorvolle Saiten hat. Auch diverse anagrammüsante Namens- rätsel buchstabiert er uns wieder vor. Rätseln Sie mal spaßeshalber – ohne im Internet in eine Anagrammaufschlüsselungsliste zu linsen – die Namensanagramme „Yahudir Odenvather“ und „Dr. Albirich Stohbenhocker“ auf.

Zählen wir nur einmal Hildegunsts Begleitpersonal auf: Da wären die arbeitsamen moosbärtigen Küstengnome, die sich mit lebenden Tätowierungen schmücken, die vier-händigen Molchlinge, die wegen ihrer Vierhändigkeit besonders geschickte Chirurgen und Handwerker sind und die bei Verlegenheit nicht erröten, sondern ergrünen, Frosch- linge, Schweinlinge, Grünwaldzwerge, Nattifftoffen, Lurchleute, Unkeriche, Salaman- dinen und Schildkröter. Hinzuzuzählen sind die unter Naturschutz stehenden flugun- willigen, aufdringlichen und gefräßigen Vögel namens Strandlöper sowie der geheim- nisvolle Meeresdämon Quaquappa. Die eydernorner Botanik schmückt sich mit maritimen Gewächsen wie Korallenmoos, Muschelmimose und Salzkaktee, und auf den Muschelbänken wachsen Padparadschamuscheln, in denen anstelle von Perlen kostbare Saphire wachsen.

Hildegunsts Restaurantbesuch im „Fackelfisch“, dem Stammlokal der Leuchtturm- wärter, serviert eine solche Fülle an stimmungsvollen, meeresdekorativen Details und buchstäblichen kulinarischen Tiefseefischabenteuern, daß man alleine schon angesichts der originellen Speisekarte aus dem ebenso bewundernden wie belustigten Staunen für den maritimen, requisitatorischen Ideenreichtum des Autors nicht mehr herauskommt.

Dieses Stammlokal der Leuchtturmwärter ist mit einem geräuschdämpfenden, see- stern- und muschelgemusterten Teppich ausgelegt, die Wände zieren schimmernde Fischschuppentapeten und gerahmte alte Seekarten, und begleitet von dezenter Salzluftorgelmusik wird dort ein einmaliger Dünenwein serviert, der zuvor „jahrzehnte- lang in einer Meeresgrotte gelagert“ worden ist.

Wahrlich, ich bewundere die epische Präzision, dramaturgische Präsenz und das Feuerwerk der Phantasie, die hier bis ins winzigste Detail wortgewandt und stilvoll inszeniert werden!

Die abenteuerlichen Ereignisse auf der Insel der Tausend Leuchttürme werden vom Autor mit lebhaften hildegünstlichen, hypochondrischen Be- findlichkeiten und schriftstellerischer Selbstironie begleitet. Walter Moers entfaltet auch im 10. Zamonienroman unermüdlich seine geistreiche Fabulierlust, kreative Ausgelassenheit und feinsinnig-literarische Wortverspieltheit.

Maestro Moers-Mythenmetz verfügt über eine phantastische schrift- stellerische Darstellungskraft, deren evokative Sogwirkung sich mit dem imaginativen Magnetismus der halluzinogenen Kartografie durchaus messen kann. Ich empfehle bei zu großer Spannung und zu tiefem Leselauscheintauchen das Codewort „Hummdudel“, um wieder in die profane Wirklichkeit zurückzufinden.

Der Vorleser Andreas Fröhlich gibt allen Charakteren mit abwechslungs- reicher Tonlage und feinjustierter Variationsbreite stimmliche und emotionale Gestalt. Seine beachtlichen leseschauspielerischen Klang- schattierungen und Sprechmelodien meistern ebenso das joviale Plattdeutsch der eydernornischen Einheimischen wie das hochsprachliche Filigran des Hildegunst von Mythenmetz, und selbst gelegentlichem Atemwegsröcheln nebst Niesanfällen haucht er echtes Leben ein.

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.penguin.de/Hoerbuch-MP3/Die-Insel-der-Tausend-Leuchttuerme/Walter-Moers/der-Hoerverlag/e505916.rhd

Hier entlang zur Buchausgabe:
https://www.penguin.de/Buch/Die-Insel-der-Tausend-Leuchttuerme/Walter-Moers/Penguin/e504439.rhd
Hier entlang zur Zamonienabteilung auf der Verlagswebseite:
https://www.zamonien.de/aktuelles.php
Hier entlang zu einem Interview mit Walter Moers zur Entstehung des Romans.
https://www.zamonien.de/aktuelles.php Dort findet sich auch die illustre Zeichnung eines Hummdudels.

Der Autor:

Der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz ist der bedeutendste Großschriftsteller Zamoniens. Sein Schöpfer Walter Moers hat sich mit den Romanen rund um Mythenmetz und den phantastischen Kontinent Zamonien weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus in die Herzen der Leser und Kritiker geschrieben. Alle seine Romane wie „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, „Die Stadt der Träumenden Bücher“, „Der Schrecksenmeister“, „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ und „Der Bücherdrache“ waren Bestseller.«

Der Vorleser:

»Andreas Fröhlich wurde 1965 geboren und hatte bereits mit sechs Jahren seinen ersten Hörspielauftritt. Seine wohl bekannteste Rolle ist die des Bob Andrews für die Hörspielserie »Die drei Fragezeichen«. Andreas Fröhlich lebt in Berlin und arbeitet als Schauspieler, Synchron- und Hörspielsprecher, Synchronregisseur sowie Dialogbuchautor.«

Querverweis:

Hier entlang zu meinen vorhergehenden Moers-Mythenmetz Rezensionshuldigungen:
1. ZAMONIEN-Roman: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
2. ZAMONIEN-Roman: Ensel & Krete Ensel & Krete
3. ZAMONIEN-Roman: RUMO RUMO
5. ZAMONIEN-Roman: Der Schrecksenmeister Der Schrecksenmeister
7. ZAMONIEN-Roman: Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
8. ZAMONIEN-Roman: Weihnachten auf der Lindwurmfeste
Weihnachten auf der Lindwurmfeste
9. ZAMONIEN-Roman: Der Bücherdrache Der Bücherdrache
10. ZAMONIEN-Roman: Die Insel der Tausend Leuchttürme
Die Insel der Tausend Leuchttürme
11. ZAMONIEN-Band: Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte 
20 zamonische Flabeln Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte

Dunkelsprung

  • Vielleicht kein Märchen
  • von Leonie Swann
  • Hörbuch
  • vollständige Lesung
  • gelesen von Andrea Sawatzki
  • Der Hörverlag, 2014 www.hoerverlag.de
  • 1 mp3CD
  • in Pappklappschuber
  • Laufzeit ca. 11 Stunden, 26 Minuten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A), 14,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1732-3

Dunkelsprung 2 Hörbuch

DIE  MÖGLICHKEITEN  DES  UNMÖGLICHEN

Hörbuchrezension von Ulrike Sokul ©

Leonie Swanns schriftstellerische Spezialität ist es, sehr einfühlsam tierische Charaktere in menschliche Romanhandlungen einzufügen. Diesmal wirkt ein ganzer Flohzirkus mit sowie ein lebhaftes Panoptikum leibhaftiger Fabel- und Märchenmischwesen, mit unter-schiedlich ausgeformter Anpassungsfähigkeit an heutige Daseinsbedingungen.

Julius Birdwell betätigt sich schon seit seiner Kindheit als Flohdompteur. Er benutzt keine Tricks und keine Golddrähte zum Lenken, sondern kommuniziert auf tele-pathischem Wege mit seinen kleinen Artisten.

Julius entstammt einer Familie von Gaunern, und er kann Schlösser knacken und das von seinem Großvater überlieferte Prä-Einbruchsprotokoll („Observation, Dokumen- tation, Aktion“) befolgen, aber er hat nicht die Nervenstärke für eine kriminelle Karriere. Seine Angst bezieht sich nicht nur auf die verständliche Befürchtung  erwischt und bestraft zu werden, sondern auf eine tiefer liegende, irrationale Angst vor einer Bedrohung aus der Dunkelheit.

Seine Begeisterung für den Flohzirkus veranlaßte ihn dazu, statt einer Schlosserlehre eine Goldschmiedelehre zu absolvieren. Denn mit dieser feinen Schmiedekunst kann er passende Requisiten für seine Flohartisten und ihre Kunststücke anfertigen. Und mit seiner beiläufigen Spezialisierung auf Juwelenentfluchung hat er sich zudem einen einträglichen goldschmiederischen Geheimtip-Ruf erworben.

Julius schätzt Ordnung, Licht, Ruhe, Schönheit, grünen Tee und seine Flöhe. Die Flöhe tragen alle eigene Namen und werden von Julius sehr einfühlsam behandelt, was sie wiederum mit ganz besonders feinen artistischen Leistungen honorieren.

Von seiner Goldschmiedekunst kann Julius gut leben, doch leider lauern ihm immer wieder alte Gaunerkumpels seines verstorbenen Großvaters auf, die ihn zur Mitwirkung an ihrer „Arbeit“ überreden wollen. 

Nach einer solchen unerfreulichen Unterredung ist der furchtsame Julius so konfus und panisch, daß er beim Aufschließen seiner Wohnungstür seinen transportablen Floh- palast draußen stehen läßt. Der Nachtfrost bekommt den Flöhen gar nicht gut, und Julius stolpert nach diesem Mißgeschick gleich ins nächste Verhängnis und fällt von einer Brücke in die Themse.

Eine verführerische Nixe rettet ihn vor dem Ertrinken und nimmt ihm dafür das Ver-sprechen ab, ihre Schwester aus der Gefangenschaft eines geheimnisvollen alten Magiers zu befreien. Nun führt das Irrationale, eigentlich Unmögliche Regie in Julius‘ Leben, und das gefällt ihm zunächst gar nicht. Bei seinen widerwilligen, aber dennoch systematischen Recherchen findet er heraus, daß der Magier unter dem Namen Professor Isaac Fawkes außergewöhnliche Wunderkammervorstellungen anbietet, die man nur als geladener Gast besuchen kann.

Vor Fawkes Wohnungstür will Julius ordnungsgemäß das Prä-Einbruchprotokoll durch-führen, doch schon im Treppenhaus trifft er Elizabeth Thorn, die ihn eindringlich davor warnt, diese Tür zu öffnen.

Elizabeth ist sehr schön und sehr schnell, aber auch etwas unheimlich. Sie weiß viel über Isaac Fawkes und erklärt Julius, daß er diverse magische Wesen gefangen halte, sie ihm einst entkommen sei, und sie nun die Absicht habe, alle zu befreien. Nachdem Julius ihr gestanden hat, daß er eine Nixe befreien muß, faßt sie Vertrauen zu Julius und zeigt ihm ihre zuvor unter einer Wollmütze verborgenen gewundenen Hörner und reanimiert seine Flöhe.  

»Elizabeth marschierte in bester Fabelwesenfeldwebelmanier neben dem Sofa auf und ab. Sie hatte einen Kirschblütenzweig in der Hand und bewegte ihn beim Sprechen wie einen Dirigentenstab.« (Seite 219)

Nun sind sie schon zwei Verbündetet mit vierundreißig springlebendigen Flöhen, und es kommen weitere Mitstreiter hinzu. Da wäre noch Rose Dawn erwähnenswert, eine ältere Dame mit einer Schwanenfeder hinter dem Ohr und mit Zugang zu einem laby- rinthischen Wald, in dem sich ein Refugium für magische Wesen verbirgt. Außerdem schließt sich ihnen Frank Green an, ein messergewandter Privatdetektiv mit gespal- tener Persönlichkeit und dementsprechenden Konzentrationsstörungen, aber dafür mit einer sympathischen Aufgeschlossenheit für alles mögliche Unmögliche, wie beispiels–weise einen grünfelligen, gefräßigen Drachenschlüpfling, der sich ihm zutraulich anschließt.

Zwischen dem Jagen und Gejagdwerden bleibt tatsächlich noch Zeit für einige schöne Flohzirkusdarbietungen und sogar für heldenhaftes Flohverhalten im Kampf. Ermutigt von seinen Flöhen verliert auch Julius seine Angst und verwandelt sich im Verlauf der Geschichte ganz erstaunlich …

»Niemand ist einfach nur, was er ist, und niemand ist vollkommen das, was andere in ihm sehen. Wir sind alle etwas dazwischen.«  (Seite 71)

Die Autorin lädt den Leser bzw. Hörer in einen sehr atmosphärisch-geheimnisvollen Erzählraum ein, die stimmungssatten Szenerien wechseln zwischen Stadtkulisse, Wunderkammerspielen, Wildnisfluchten, Blätterflüstern und Blütenlächeln, Traum- phasen, köstlich selbstironischen Therapiesitzungen und durchaus charmanten Begegnungen. Der erzählerische Perspektivwechsel zwischen Menschen und Flöhen eröfftet eine interessante und erstaunlich reizvolle tierliche Wahrnehmungsebene.

Differenziert ausgearbeitete originelle Charaktere, abwechslungsreiche Szenenwechsel und Zeitsprünge, wortwitzig-schlagfertige düstere bis amüsante Dialoge und Betrach-tungen sowie unzählige phantasie- und humorvolle Einzelheiten verflechten sich zu einem komplexen, unterhaltsam-spannenden Textgewebe mit einer raffiniert durch- dachten dramaturgischen Choreografie und einer sehr großzügigen Portion Magie.

Die Vorleserin Andrea Sawatzki verschafft uns eine sehr angenehme Auditüre. Sie leseschauspielt virtuos alle Charaktere, Dialoge und Beschreibungen mit feinen Nuancen und unaufdringlicher Emotionalität.

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
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Hier entlang zur Buchausgabe und Leseprobe auf der Verlagswebseite:
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Hier entlang zu einem interessanten Interview mit der Autorin:
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Die Autorin:

»Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen »Glennkill« und »Garou« gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England.«

Die Vorleserin:

»Die vielseitige Schauspielerin Andrea Sawatzki kam 1963 in Kochelsee/ Bayern zur Welt. Sie wurde in München an der Neuen Münchner Schauspielschule ausgebildet und hatte Engagements an verschiedenen Theatern, bevor sie in den 90er Jahren in TV- und Kino-produktionen mitspielte. In Mehrteilern und Serien, vorwiegend Krimis, ist sie seither auf dem Bildschirm präsent. 2002-2010 ermittelte sie als Charlotte Sänger für den „Tatort” in Frankfurt. Für den Tatort „Herzversagen” hat sie 2005 den Grimme-Preis erhalten. Seit ihrer erfolgreichen Lesung von Leonie Swanns Bestseller „Glennkill” gehört sie auch zu den beliebtesten Hörbuchsprecherinnen.«

Die Markierung

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T E S T G E S E L L S C H A F T

Rezension von Ulrike Sokul ©

Läßt sich die Wahrscheinlichkeit ethischen Verhaltens durch einen neurologischen Test messen und vorhersagen? Die nahzukünftige Gesellschaft, die Fríða Ísberg in ihrem Roman beschreibt, ist auf dem Weg, einen Empathie-Test zur bürgerlichen Pflicht zu machen. Wer die empathischen Mindestwerte nicht erreicht, bekommt Therapieangebote, um sich zu bessern und später einen erneuten Test zu absolvieren. Auf diese Weise sollen Aggressionen, psychopathologisches Verhalten und Kriminalität vorbeugend vermieden bzw. ausgeschlossen werden.
Wer sich dem Test unterzieht und ihn besteht, wird  entsprechend digital markiert und in ein öffentlich einsehbares Register eingetragen. Auch Firmen, Geschäfte, Restaurants, Schulen, Wohnhäuser, ja, ganze Stadtviertel können sich markieren lassen, um als sichere Orte klassifiziert zu werden.
Unmarkierte Menschen, die den Test ablehnen oder nicht bestanden haben, können dann solche privaten Sicherheitszonen und diverse Bereiche des öffentlichen Lebens nicht mehr betreten oder werden beispielsweise von entsprechend markierten Geschäften nur noch über eine Luke bedient. Denn allgegenwärtige Gesichtsscanner an Eingangstüren, Kameraüberwachungen, smarte Uhren und holografische KI-Assisten- ten erfassen fast lückenlos die Identität und die Bewegungsprofile der Menschen.  
Die abwertende Ausgrenzung und Nötigung, der in diesem Roman unmarkierte Menschen ausgesetzt werden, erinnern – wahrscheinlich nicht von ungefähr – lebhaft an die Diskriminierung, Entrechtung und Schikane, denen Ungeimpfte vor noch gar nicht langer Zeit in unserer Sicherheitsgesellschaft ausgesetzt wurden.
Für eine gesetzliche Markierungspflicht setzen sich diverse Interessensgruppen ein und es gibt selbstverständlich auch eine Antimarkierungsbewegung. Da es in Folge von nicht bestandenen Empathietests zu einigen Selbstmorden von männlichen Jugend- lichen kommt sowie zu Depressionen und Suchterkrankungen in Folge der medika- mentösen Behandlung angeblich unzureichender Empathie, schwanken die gesell- schaftlichen und zwischenmenschlichen Haltungen zur geplanten Sicherheits- architektur.
Die Tests führen zu Ausgrenzung  und Traumatisierung der Empathietest-Versager. So kann ein Betroffener in einen Teufelskreis geraten. Denn eine psychisch belastende Situation und soziale Stigmatisierung können die Fähigkeit zur Empathie erst recht einschränken.
Erschwerend kommt hinzu, daß beispielsweise eine Familie, die in einem markierten Stadtteil lebt, mit einem Familienmitglied, das den Empathietest nicht besteht, in einen unmarkierten Stadtteil umziehen muß, da sie als Sicherheitsrisiko eingestuft wird – ganz zu schweigen davon, daß unmarkierte oder beim Test durchgefallene Menschen kaum noch legale Chancen haben, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz oder eine Wohnung zu bekommen.
Besonders sicherheitsfanatische Kreise streben sogar eine alljährliche Wiederholung des Tests an – also sozusagen ein regelmäßiger Psycho-TÜV, der markiert, ob man zu den „guten“ Menschen gehört oder zu den potentiell gefährlichen.
Die gesellschaftliche Entwicklung und die Spaltung in Befürworter, Kritiker und Opfer des Testverfahrens spiegeln sich in den wechselnden Perspektiven und Erfahrungen verschiedener Charaktere, die alle auf ihre Weise vom Empathie-Test betroffen sind.
Die Autorin verleiht jeder Figur mit einem individuellen eigenen Sprachduktus und Wortschatz sehr lebhafte, ja, geradezu nahbare Gestalt. Argumente für und wider den Empathie-Test werden in zahlreichen Gesprächen, Interviews, Briefwechseln, philoso-phischen Gedankenspielen und auch durch steiflichternde Einblicke in diverse sozial-mediale Stellungnahmen vielseitig dargestellt.
Der gesellschaftliche Druck hin zur Empathie führt auch zu seltsam weichgespülten politisch korrekten Formulierungen, beispielsweise spricht man nicht mehr von Psychopathen, sondern von „Menschen mit moralischen Störungen“.  Eine weitere Nebenwirkung ist die zunehmende Verflachung der Diskussionsfähigkeit, des konstruktiven Streitens:
„Auch andere haben angefangen zu schweigen. Zu schweigen und zuzuhören, zu über-legen, beide Seiten zu verstehen und sich nicht zu trauen, eine Ansicht zu vertreten, weil eine Ansicht Verallgemeinerung ist und Verallgemeinerung Gewalt ist, und deswegen ist es besser, zuzuhören und zu verstehen, anstatt sich zu streiten und recht haben zu wollen.“ (Seite 57)
Der Roman „Die Markierung“ illustriert anschaulich, daß gesundheitsgesetzlich verordnete Empathie nicht wirklich Empathie fördert, sondern viel eher voraus- eilenden Empathie-Gehorsam erzeugt sowie die üblichen Mitläufereffekte, um gesellschaftliche Vorteile und die offizielle Anerkennung als ethisch-qualifizierter Mitmensch. Der im Roman vorgestellte Empathie-Test ist zudem recht simpel gestrickt und wird der Komplexität persönlicher empathischer Grundvoraussetzungen wohl kaum gerecht.  
In diesem Roman haben die Weltverbesserungsideologen das Bedürfnis nach einer Berechenbarkeit von Gut und Böse. Es ist schon mehr als zweifelhaft, einzig die Fähigkeit zur Empathie als relevanten Meßfaktor für ethisches Verhalten zu behaupten, umso fragwürdiger ist der erziehungsdiktorische Therapie-Tugendterror solcher Sicherheitsfanatiker.
Gewiß ist Empathie eine wünschenswerte Eigenschaft, die das zwischenmenschliche und gesellschaftliche Miteinander zu fördern vermag. Indes bedarf es für ein komplexes Miteinander auch Eigenschaften wie Selbstvertrauen, Individualität, Begeisterungsfähigkeit, Eigeninitiative, Freiheit, Güte, Humor, Mündigkeit, Nonkonformismus, Originalität, Reife, Verbundenheit und Weisheit.
Fríða Ísberg zeigt in ihrem Roman deutlich die Schattenseiten einer Gesellschaft, welche die Freiheit des Individuums einem maßlos überzogenen Sicherheitsbedürfnis opfert und im selbstherrlichen Versuch, Schaden prophylaktisch abzuwenden, selber Schaden anrichtet.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
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Hier entlang zu einer weiteren Besprechung von Hauke Harder auf LESESCHATZ: Frida Isberg: Die Markierung

Die Autorin:

»Fríða Ísberg, geboren 1992, ist eine isländische Lyrikerin und Prosaautorin. Ihre Lyrikbände und die Kurzgeschichtensammlung „Kláði“ waren für alle wichtigen isländischen Literaturpreise nominiert, „Kláði“ u.a. für den Literaturpreis des Nordischen Rates 2020. Ihr erster Roman „Die Markierung“ wurde mit dem Literaturpreis des isländischen Buchhandels ausgezeichnet.«

Die Übersetzerin:

»Tina Flecken arbeitet seit vielen Jahren als freie Literaturübersetzerin. Sie hat u.a. Auður Ava Ólafsdóttir, Andri Snær Magnason und Sjón ins Deutsche übertragen. 2021 wurde sie für ihre herausragenden Übersetzungen mit dem isländischen Übersetzungs-preis Orðstír ausgezeichnet.«

Der perfekte Kreis

  • Roman
  • von Benjamin Myers
  • Originaltitel: »The Perfect Golden Circle«
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • DUMONT Verlag, September 2021 www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 224 Seiten
  • 22,00 € (D)
  • ISBN 978-3-8321-8151-1

Der perfekt Kreis 9783832181581

HOFFNUNG  SÄEN

Rezension von Ulrike Sokul ©

Die beiden Freunde Calvert und Redbone gehen einem unkonventionellen Hobby nach, wobei das Wort Hobby zu banal und bescheiden ist für die Leidenschaft, mit der die beiden im Sommer 1989 still und heimlich auf großen Getreidefeldern in Südengland hochkomplexe und sehr ästhetische Kornkreise erschaffen.

Redbone entwirft die Kornkreismuster, und Calvert findet die dazu passenden Felder. Redbone ist ein rebellischer, künstlerischer und verträumter Charakter, der gelegent-lichem Drogenkonsum nicht abgeneigt ist. Calvert ist ein ehemaliger Soldat der SAS (Special Air Service). Er ist sehr diszipliniert, gut organisiert und trägt ständig eine Sonnenbrille. Beide sind freiheitsliebend, naturverbunden und empfinden eine tiefe, ja beinahe mythische Wertschätzung für ihre heimatlichen Landschaften. Beide sind durch Geschehnisse in der Vergangenheit traumatisiert und verabscheuen die Zerstörungen, die die Zivilisation und achtlose Menschen anrichten.

Ihre Einsätze folgen einem strengen Kodex, den sie sich selbst auferlegt haben. Dieser Kodex beinhaltet praktische Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen hinsichtlich der Planung und Ausführung der Kornkreise, absolute Verschwiegenheit und das Streben nach Schönheit.

Wenn Redbones Visionen zu einem neuen Entwurf ausgereift sind und Calvert die passende „Leinwand“ ausfindig gemacht hat, wird der Entwurf über Nacht in das vorge-sehene Getreidefeld „gezeichnet“. Mit Hilfe von Brettern, Pfosten und Seilen übertragen sie die geometrischen Muster in das Kornfeld. Dabei achten sie darauf, die Halme mit den Brettern nur flach zu drücken und sie nicht zu brechen.

Es versteht sich von selbst, daß sie sehr vorsichtig sein müssen, um nicht entdeckt zu werden, zumal mit Fortschreiten des Sommers und der wachsenden Anzahl ihrer ge-lungenen Kornkreise das mediale Echo größer wird ebenso wie die Menge der selbster-nannten Experten, die das Phänomen der Kornkreise erklären und entschlüsseln wollen.

Calvert und Redbone amüsieren sich über die Zeitungsartikel und Medienberichte, die ihre Werke dokumentieren, fotografieren und interpretieren, und sie freuen sich über ihren anonymen Ruhm. Doch für die beiden Freunde ist das hingebungsvolle Erschaffen der Kornkreise im wesentlichen eine Therapie, die sowohl ihrer persönlichen Heilung dient als auch der Initiation eines kollektiven Erstaunens angesichts solch großer geometrischer Schönheit und wachsender Perfektion.

Manchmal werden sie bei ihrem Vorhaben gestört und müssen improvisieren, um die unwillkommenen Zeugen abzulenken, was zu ebenso spannenden wie amüsanten Szenen führt.    

Wenn sie die Kornkreise erschaffen, arbeiten sie in aufeinander abgestimmten Bewe-gungsabläufen und eingebettet in einen größeren Atem – sie werden Teil der unzähligen geschichtlichen Schichten der Landschaft, spüren eine Verbindung zu den Ahnen und zu früheren Leben und empfinden sich als Teil der kosmischen Choreografie.

»Für einige längere Momente ist das Land ein unentwickeltes Foto, und die Zeit hat keine Bedeutung, und sowohl Redbone als auch Calvert spüren, dass sie Teil einer langen Ahnenreihe von Männern und Frauen sind, die über Tausende Jahre hinweg in verzück-tem Staunen auf just diesen Feldern gestanden haben, betört und fasziniert von der Magie des Nachthimmels, und die Kleinheit ihres Lebens und die Kostbarkeit ihres Heimatplaneten wird ihnen immer bewusster.« (Seite 176)

Von Kapitel zu Kapitel begleiten wir Redbone und Calvert bei der Planung und Durch-führung ihrer Kornkreismission. Aus ihren freundschaftlichen Gesprächen ergeben sich kurze Einblicke in ihre Vergangenheit und ihre eigenwilligen Persönlichkeiten. Mehr passiert in diesem Roman nicht und doch erzeugen Calvert und Redbones Kartografie der Schönheit und ihre Naturverehrung Anteilnahme und Interesse.

Gleichwohl bleiben die beiden Charaktere skizzenhaft und man kommt ihnen nicht wirklich nahe, da man nur biografische Schnipsel von ihnen erhascht. Dies wiederum fügt sich jedoch harmonisch in ihre Art von Kunst, die das rein Persönliche transzendiert und auf eine wortlose, archetypische Lebenstiefe und zeitlose Verbundenheit hinweist.

„Die Kunst ist die Beherrschung des Schmerzes durch die Schönheit.“ Dieses Zitat von Edgar Degas ließe sich gut als Motto für diesen Roman und für die Handlungsmotivation der beiden Hauptcharaktere verwenden.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
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Die Hörbuchausgabe ist bei DAV erschienen.  

  • ungekürzte Lesung von Sebastian Rudolph
  • 1 Mp3-CD
  • 22,00 €
  • ISBN 978-3-7424-2129-6
  • Hier entlang zur Hörbuchausgabe beim DAV Verlag:
    Der perfekte Kreis HÖRBUCH

 

Der Autor:

»Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine literarischen Arbeiten hat er mehrere Preise erhalten. Sein Roman „Offene See“ (DuMont 2020) stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestellerliste und wurde mit dem Preis des unabhängigen   Buchhandels als Lieblingsbuch des Jahres ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.«

Die Übersetzer:

»Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide 1955 geboren, haben Anglistik in Düssel-dorf studiert. Seither arbeiten sie als Übersetzerteam und haben u.a. Dave Eggers, Tana French, Andre Dubus III., Harper Lee, Jeanette Walls und Zadie Smith ins Deutsche übertragen.«

Querverweis:

Hier entlang zu Benjamin Myers Roman „Offene See“:   Offene See

 

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Sternflüstern

  • Die Geschichte eines Neuanfangs
  • von Paula Carlin
  • Roman
  • Diederichs Verlag, August 2021 www.diederichs-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,0 cm
  • 18,00 € (D), 18,59 € (A), 25,90 sFr.
  • ISBN 978-3-424-35116-3

Sternflüstern

MOSAIKSTÜCKE UND LICHTBLICKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Irith arbeitet am Empfang eines kleinen Hotels in Berlin. Da sie über eine ausgeprägte künstlerische Ader verfügt, hat sie auch an der innenarchitektonischen Ausstattung der Hotelräume mitgewirkt. Gerald, der Inhaber und Direktor des Hotels, schätzt die kleinen Mosaiken und Collagen, die Irith aus allen möglichen Resten, Scherben und Naturfund-stücken gestaltet. Deshalb bittet er Irith, für die Wand der Hotelempfangshalle ein großes Mosaik zu kreieren. Dafür solle sie mit den von ihr bevorzugten Materialien arbeiten, außerdem mit den gesammelten Überbleibseln der Hotelgäste: Bonbon- papierchen, Eintrittskarten, Filmrollen, Knöpfe, Haarklammern, Schlüssel, Stadtplan- fetzen, Münzen usw…

Doch Irith ist noch von der schmerzlichen Trauer um den Verlust ihres langjährigen Freundes Lunis geschwächt und fühlt sich zudem der sehr großen Wandfläche nicht gewachsen. Lunis war ein Künstler, der filigrane, transparente Landschaften in Glas-objekte ritzte, und sie hatte ihn kennengelernt, als ihm auf seinem Handwerkermarkt-stand eine bunte Schale heruntergefallen war und er ihr spontan die Scherben schenkte. Damals entstand aus diesen Scherben ihr erstes Mosaik.

Die Beziehung zu Lunis wuchs – ausgehend von Freundschaft – in Liebe hinein. Dennoch lebten sie in räumlicher Distanz und stets nur phasenweise miteinander. Lunis weilte zumeist in seiner abgeschiedenen Waldhütte mit Wintergarten und Werkstatt, und Irith durfte ihn dort regelmäßig besuchen. Sein großes Bedürfnis nach Einsamkeit und Freiheit hatte er Irith von Anfang an deutlich gemacht, und auch seine weitgehende Verschwiegenheit über seine Vergangenheit mußte respektiert werden.

Irith fühlte sich trotz des nicht geteilten Alltags bei Lunis gut aufgehoben, er war Ent-decker, Freund, Ermutiger, Genießer des Einfachen, Horizontöffner, Liebhaber und musischer Mentor und regte sie zu mehr Eigenwilligkeit, künstlerischen Experimenten und unkonventionellem Selbstausdruck an. Solange er lebte, spielte die räumliche Ent-fernung keine Rolle. Irith und Lunis waren inspirativ verbunden, und für Irith war Lunis der vertraute Bezugsrahmen für ihre eigene Kreativität und beständige Aussicht auf Austausch und lange Nächte unter Sternenhimmel mit tiefen Gesprächen und Stern- flüstern.

Lunis‘ plötzlicher Tod und seine testamentarische Verfügung, daß Irith über die Dinge in seiner Waldhütte und Werkstatt verfügen möge, wie sie wolle, und der posthume Auf-trag, ein Päckchen an eine ihr unbekannte Frau namens Alix zu schicken, lösen einen Stillstand in Iriths Entscheidungsfähigkeit aus. Sie konzentriert sich auf die Arbeit im Hotel, fügt Tag an Tag an Tag und weicht der Bitte ihres Chefs wegen des Hotelfoyer-Mosaiks aus.

Auf dem Rückweg vom Hotel zu ihrer Wohnung verläßt Irith eines sommerhitzigen Abends einige Haltestellen früher den stickigen Bus und geht ein Stück zu Fuß. An einem schönen alten Haus, das von einem großen verwilderten Garten eingerahmt wird, meint sie Lunis‘ Stimme zu hören.

Sie sieht ein Verkaufsschild für das leerstehende Haus und schleicht sich heimlich in den verwunschenen Garten. Die Atmosphäre dort ist trotz einiger Verfallserscheinungen an-genehm friedlich, und auf dem ausgedörrten Rasen funkeln im Abendsonnenlicht einige bunte Glasscherben von der zerbrochenen Verglasung der Hausterrasse. Diese Glas-scherben erscheinen Irith wie ein ferner Gruß von Lunis, und sie packt sie vorsichtig ein.

Dieser Zufall ist ein erster Lichtblick des Neuanfangs – auch wenn Irith dies zunächst noch nicht erkennt. Der nächste Lichtblick steht zwei Wochen später leibhaftig vor Irith am Hoteltresen, fragt nach einem freien Zimmer und betrachtet außergewöhnlich lange Iriths Namenschild. Es ist eine zierliche junge Frau, namens Sophie, die einst auf einem Flohmarkt ein kleines Mosaik von Irith gekauft hat. Und da Lunis Irith stets dazu ange-halten hatte, ihre Werke zu signieren, freut sich Sophie nun über diese zufällige Begeg-nung, und auch Iriths Neugier ist geweckt, und sie reagiert aufgeschlossen auf das unverhoffte Kontaktangebot der jungen Frau.

Es stellt sich heraus, daß Sophie aus Holzresten und Holzabfällen, alten Fenster- und Türrahmen sowie Totholz Rahmen herstellt. Auch Iriths kleines Mosaik hat sie einge-rahmt, und Irith ist von der harmonischen Wirkung berührt und begeistert. So bietet sie Sophie an, gemeinsam mit ihr das große Mosaik für die Hotelempfangshalle zu kompo- nieren. Sophie ist sogleich Feuer und Flamme, und in Irith regt sich wieder die Freude der Inspiration und des gemeinsamen Gestaltens.

Im Garten des alten Hauses „organisieren“ sie genug herabgefallene Äste für die Ein-rahmung und viele Scherben von zerbrochenen Blumentöpfen und zersprungen Glas- bausteinen für die Darstellung der Stadtsilhouette, die ebenfalls Bestandteil des Mosaiks werden soll. 

Sophie befindet sich ebenso wie Irith an einem Wendepunkt ihres Lebens und muß sich neu finden und orientieren. Während der Vor- und Hauptarbeiten am Hotelmosaik freunden sich die beiden Frauen an. Das Mosaik entwickelt sich gut und ermutigt vom freudigen schöpferischen Schub nimmt Irith endlich Kontakt zu der unbekannten Frau auf, der sie Lunis‘ Paket schicken soll …

Man könnte an diesem Roman kritisieren, daß es zu viele beinahe märchenhafte, vorhersehbare  glückliche Fügungen gibt, aber meiner Einschätzung nach, sind solche Fügungen durchaus möglich.

„Sternflüstern“ bietet sich besonders für musische Menschen an sowie für Menschen, die einen zwischenmenschlichen Verlust verkraften müssen. Im Roman folgen nach der Schwere der Trauer das heilsame Loslassen und die dankbare Würdigung des Gewesen- en sowie der nicht zu unterschätzende Trost inniger, freundschaftlicher, ja, schicksal- hafter Verbundenheit. So können Leichtigkeit und Lebensfreude wiederkehren und sogar neue sternflüsternde Augenblicke.

Besonders bemerkenswert ist der zärtliche Blick, mit dem beispielsweise Irith die künst-lerischen Möglichkeiten weggeworfener Bruchstücke erkennt, wie sie Reste, Scherben und zusammenhanglose Überbleibsel in eine neue konstruktive und ästhetische Ordnung bringt. Die liebevoll-wertschätzende, detailreiche Betrachtung der Natur und die lebhafte Aufmerksamkeit, mit der sowohl Irith als auch Sophie die Farben, Formen, Konturen, Muster und Texturen der Dinge wahrnehmen, ist anregend und sinnlich, ebenso die einfühlsame Art, wie sie im verlassenen Haus den Lebensspuren des einstigen Besitzers nachspüren – das ist eine große Lesefreude und zeugt von weiser Lebensbejahung angesichts der Vergänglichkeit.

»Wir sind alle aus Teilen zusammengesetzt, die scheinbar nicht zusammenpassen und doch ein interessantes Bild ergeben. Bei den Menschen gilt das meist eher innerlich als äußerlich. Aber stell dir vor, man könnte es sehen!« (Seite 59)


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Die Autorin:

»Paula Carlin ist das Pseudonym der deutschen Spiegel-Bestsellerautorin Patricia Koelle. Sie wurde 1964 in Alabama/USA geboren und lebt seit 1965 in Berlin. Ihre größte Leidenschaft gilt dem Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften Planeten zum Ausdruck bringt.« https://paula-carlin.life/

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Sturmvögel

  • von Manuela Golz
  • Roman
  • DUMONT Verlag, Mai 2021 www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 336 Seiten
  • 22,00 € (D)
  • ISBN 978-3-8321-8137-6

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H E R Z E N S G R Ö S S E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Gleich zu Beginn des Romans lernen wir die Hauptfigur Emmy als charakterstarke, gütige und lebensreife Frau kennen. Auf Veranlassung ihrer besorgten ältesten Tochter absolviert sie im Anschluß an einige Voruntersuchungen einen Besuch bei einem bekannten Herzspezialisten. Dieser Dr. »Grünschnabel« begrüßt Emmy nicht, schaut nur auf seinen Bildschirm, fachsimpelt von Sinusbradykardie und Pacemaker, und erst nach Emmys energischer Aufforderung, ihr bitte in einfachen Worten zu erläutern, was ihr denn fehle, schaut er sie an und bemüht sich um eine verständliche medizinische Erklärung.

Der Arzt erläutert, daß Emmys Herz zu langsam schlage und daß ein Herzschrittmacher ihr Herz sozusagen wieder flotter machen könne. Emmys Antwort sagt so viel über ihr Wesen und ihre Lebenseinstellung aus, daß ich sie nachfolgend gerne zitiere:

»Junger Mann, woran soll ich denn sterben, wenn mein Herz nicht einfach stehen- bleiben darf? Ich bin fast siebenundachtzig Jahre alt und hatte ein gutes Leben. So wie alle Menschen mit Höhen und Tiefen, aber insgesamt doch ein wirklich gutes. Ich habe das Gefühl, am Ende eines langen Weges wohlbehalten angekommen zu sein. Was will ich denn noch?« (Seite 16)

Durch Emmys Erinnerungsrückblenden erlesen wir diesen bisherigen Lebenslauf. Sie wird 1907 auf einer Nordseeinsel geboren. Ihre Eltern lieben sie, der Vater fördert den Wissensdrang seiner ältesten Tochter und läßt sie sogar zur Schule gehen, da er der Mei-nung ist, daß Bildung die Menschen mündig mache. Die Familie kommt über die Runden, aber eine Schiefertafel mit Schwämmchen ist nicht finanzierbar. Um die Begeisterung des Kindes für Buchstaben und Zahlen nicht zu enttäuschen, lassen die einfallsreichen Eltern Emmy alternativ auf einem Stück festgeklopften Sandbodens ihre Schreib- übungen machen.

Der rege Geist und die kommunikative Direktheit des Kindes sprengen die engen Regeln des dörflichen Daseins. Der Erste Weltkrieg zwingt den Vater an die Front. Die Mutter erkrankt und stirbt mit 34 Jahren. Emmy meistert mit den Geschwisterkindern den Haushalt und die kleine karge Landwirtschaft. Doch als auch der Vater stirbt, werden die Kinder getrennt. Emmy, die schon 14 Jahre alt ist, wird als Dienstmädchen in einen vornehmen Haushalt nach Berlin vermittelt.

Emmy ist zunächst untröstlich, wird jedoch von der Köchin des Hauses freundlich und fürsorglich behandelt und in ihre Aufgaben eingewiesen. Das Großstadtleben im Berlin der Zwanziger-Jahre lacht Emmy gewissermaßen an, und sie fügt sich aufgeschlossen in ihr neues Soziotop.

Sie verliebt sich, heiratet, bekommt drei Kinder, verkraftet schmerzlich auch den Zweiten Weltkrieg, pflegt eine innige, lebenslange Freundschaft mit ihrer ersten Hebamme, und als ihre eigenen Kinder erwachsen sind, nimmt sie ein Pflegekind, zu dem sie eine tiefe Wahlverwandtschaft spürt, bei sich auf. Sie arbeitet als Küchenfrau in einer Kantine und führt in finanzieller Hinsicht ein bescheidenes Leben. Es ist jedoch eine zufriedene Bescheidenheit, denn Emmy schätzt zwischenmenschliche Verbunden- heit, alltägliche Freuden und einfache Genüsse, die gerne auch in kulinarischer Form erscheinen dürfen.

Es gibt allerdings ein altes Familiengeheimnis, das sie noch in Ordnung bringen will. Dies tut sie auf gewohnt pragmatische und sehr überraschende Weise …

Die Autorin stellt die Stimmung und den Zeitgeist der unterschiedlichen Erzählzeit- räume sehr atmosphärisch und detailreich sinnlich-abschmeckbar dar. Die Charak- terportraits der mit Emmy verbundenen Menschen sind von lebhafter Anschaulichkeit und psychogrammatischer Präzision. Es gibt eine Menge filmreifer Szenen und ebenso anrührende wie amüsante, heiter-schlagfertige Dialoge.

Emmy ist eine Persönlichkeit, die Schicksalshärten erleidet, jedoch selbst nicht ver- härtet, sondern sich ihr offenes Herz, ihre selbstbewußte Eigenwilligkeit und ihren Humor bewahrt. Tapfer bleibt sie sich selbst treu und verankert ihre Fähigkeit dazu in der unbedingten Liebe, die sie in der Kindheit von ihren Eltern erfahren hat.

»Auf einmal hatte Emmy den Pfeifengeruch ihres Vaters in der Nase. Hatte ihn vor Augen, sein Lächeln, und hörte seine Stimme sagen: Vergiss nie, dass du von uns sehnsüchtig erwartet und immer geliebt worden bist. Diese Liebe, das tiefe Gefühl, erwünscht gewesen zu sein, trug sie durch schwere Zeiten. Wenn sie nur an ihre Eltern dachte, fühlte sie sich gewärmt.« (Seite 242)

Emmy ist ein bemerkenswert authentischer Charakter, der sofort Sympathie weckt. Sie ist eine Person, mit der man gerne befreundet wäre oder vielleicht sogar verwandt. Der Roman ihres Lebens ist eine einfühlsame biographische Würdigung und zugleich ein glaubwürdiges persönliches Panorama deutscher Geschichte.

 

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Die Autorin:

»Manuela Golz, geboren 1965, studierte Germanistik, Erziehungswissenschaften und Psychologie. Sie lebt in Berlin und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Psychotherapeutin. 2006 debütierte sie mit ›Ferien bei den Hottentotten‹ als Autorin. Ihr neuer Roman ›Sturmvögel‹ ist vom Leben ihrer Großmutter Emmy inspiriert.«

 

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Der große Sommer

Der große Sommer

S O M M E R A T E M

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die atmende Wahrhaftigkeit der literarischen Figuren, die ich bereits in meiner Rezension zu Ewald Arenz‘ vorhergehendem Roman „Alte Sorten“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/29/alte-sorten/ hervorhob, zeigt sich auch wieder in seinem neuen Roman, der uns zurückführt in die frühen 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Friedrich Büchner, der Ich-Erzähler, erinnert sich an den Sommer, in dem er sechzehn Jahre jung war und einige besonders prägende Lebenserfahrungen machte.

Nun, Friedrich Büchner – nomen est omen – ist ein literarisch interessierter Jugend- licher, sehr empfänglich für Jahreszeitenstimmungen, Blättertanz und Lichtspiele, fotogene Szenerien und Musik, aber er ist weniger empfänglich für Latein und Mathe- matik. Dementsprechend fallen seine Noten aus, und mit je einer Fünf in diesen Fächern wird seine Versetzung diesmal nur noch mit einer erfolgreichen Nachprüfung am Ende der Sommerferien möglich sein.

Während die Eltern mit seinen jüngeren Geschwistern verreisen, wird Friedrich die Sommerferien über bei den Großeltern wohnen und für die Nachprüfung lernen. Friedrich hat seine künstlerisch und kulinarisch begabte Großmutter sehr gerne, aber er fremdelt mit seinem strengen, distanzierten Großvater, der als Leiter eines Bakterio-logischen Instituts arbeitet und auch privat einen sehr disziplinierten Alltagsablauf verlangt. So bestimmt er, daß Friedrich jeden Tag von acht bis zwölf Uhr zu lernen habe und nach dem Mittagessen und einigen nachtischlichen lateinischen Zitatübersetzungen frei über seine Zeit verfügen dürfe.

Zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien war Friedrich bei Sommerregen ins Freibad gegangen, weil es bei Regen wesentlich leerer und stiller dort ist und er diese spezielle Atmosphäre schätzt. Er wollte endlich den Sprung vom Siebeneinhalber-Sprungturm wagen, und während er noch zögernd in die Tiefe schaute, sprach ihn hinterrücks ein schönes Mädchen mit grünen Augen an, das ebenfalls zum ersten Mal diesen Sprung wagen wollte und ihm spontan anbot, mit ihm zusammen zu springen. So lernte er Beate kennen und verliebte sich in sie.

Da er es in seiner jugendlichen Unbeholfenheit und Verwirrung versäumt hatte, nach ihrer Adresse zu fragen, und er lediglich ihren Vor- und Nachnamen wußte, telefonierte er mit Hilfe seines besten Freundes Johann und seiner Schwester Alma von einer Tele-fonzelle aus umständlich sämtliche in Frage kommenden Namen aus dem Telefonbuch ab, bis sie nach unzähligen Versuchen die richtige Adresse fanden.

Vor der Hintergrundmusik des Sri Sri Sri der Mauersegler lernt Friedrich vormittags Latein und Mathematik – gelegentlich mit sehr nützlichen großväterlichen Erklärungen –, und den Rest der Tage und teilweise auch der Nächte widmet er einigen von Johann initiierten riskanten Unternehmungen, der Annäherung an Beate sowie guten Liebesrat- und Familienerinnerungs-Gesprächen mit seiner Großmutter.

Friedrich vertieft durch diese Gespräche sein Verständnis für seine familiären Wurzeln und für die unterschiedlichen historischen Bedingungen, unter denen er im Vergleich zu seinen Großeltern und Eltern aufwächst. Er entwickelt ein Bewußtsein für größere Zusammenhänge und die unberechenbare Choreographie des Schicksals. Dies und die hilfreiche Krisenintervention des Großvaters bei zwei nicht unbeträchtlichen Problemsituationen, in die Friedrich und Johann im Verlauf der Sommerferien geraten, verändern Friedrichs ablehnende Haltung zur Autorität des Großvaters zum Positiven, ja, beinahe zur Bewunderung.

Die Kontaktaufnahme mit Beate verläuft nach anfänglichen Holprigkeiten sehr gut. Beate ist bemerkenswert selbstbewußt, ohne arrogant zu sein, sie ist witzig und verfügt über eine sinnliche Souveränität, die den ersten erotischen Schritten der beiden unerfahrenen Liebenden eine unkomplizierte Leichtigkeit verleiht. Als Leserin hat es mich angerührt hier einmal die männlich-jugendliche Perspektive auf die ersten tieferen Liebesgefühle, Sehnsüchte und Zärtlichkeiten erlesen zu können.

Alle Figuren werden vom Autor innerlich und äußerlich differenziert und lebensecht dargestellt. Selbst die Lehrer an Friedrichs Gymnasium, die nur kurze Nebenrollen besetzen, erscheinen in sehr greifbarer körperlicher und charakterlicher Gestalt.

Das hervorragend eingefangene konkrete und zeitgeistige Ambiente der 80er-Jahre bietet bei der Lektüre zudem lebhafte nostalgische Nebeneffekte. Erinnern Sie sich noch an selbstgebatikte T-Shirts, Demos und Aufkleber gegen die Stationierung von Atomwaffen, an scheußlich-bunte Getränke wie Kiba oder Orangensaft mit Blue Curaçao oder daran, wie es war, als man zum öffentlichen Telefonieren eine Telefonzelle und mindestens zwei Groschen gebraucht hat, als Musik aus Plattenspielern und Kassettenrekordern abgespielt wurde und Fotos erst einmal geduldig eine Woche lang entwickelt werden mußten? Das liegt zwar nur 40 Jahre zurück, und doch merkt man beim Lesen, wie sehr sich die Welt und ihre „Spielsachen“ seitdem verändert haben.

Zeitlos ist in diesem Roman hingegen das jugendliche Changieren zwischen Leichtsinn und Tiefsinn, zwischen Trotz und Respekt, zwischen Eigenwillig- keit und Orientierungsbedürfnis, zwischen Angst und Übermut, zwischen Torheit und Selbsterkenntnis. All die Lebenserfahrungsabschmeckungen, freundschaftlichen Bewährungsproben, Schmerzen, Freuden und bitter-süßen ersten und letzten Male, die zur zwischenmenschlichen Reifung gehören, bündeln sich in diesem Roman zu einem atmosphärischen, sinnlich-sommerlichen und poetischen Panorama jugendlichen Herzenserwachens.


»Ich glaube, dass ich nie wieder so geküsst habe. Dass es nie wieder so einen vollkommenen Augenblick des Rauschs gegeben hat, so eine perfekte Berührung. Beates kühle Lippen, ihr glatter, nasser Körper, ihre lachenden grünen Augen. Wir ließen uns im Kuss untergehen und es war in Wirklichkeit ein Schweben durchs Wasser auf den Grund zu; küssend bis wir absolut keine Luft mehr bekamen und zusammen aufstiegen. Das war der wirkliche Anfang dieses verrückten Sommers.« (Seite 123/124)

„Warum gab es eigentlich so wenige Wörter für alles, was besonders schön war?“
(Seite 167)


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Der Autor:

»Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. „Alte Sorten“ (DuMont 2019) stand auf der Shortlist »Lieblingsbuch der Unabhängigen« 2019 und platzierte sich als Hardcover wie als Taschenbuch auf den Spiegel-Bestsellerlisten. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth.«

Querverweis:

Hier entlang zu Ewald Arenz‘ Roman „Alte Sorten“:
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