- von Hiro Arikawa
- Originaltitel: 阪急電車 »Hankyu Densha«
- Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
- Verlag hanserblau, März 2026 www.hanser-literaturverlag.de
- gebunden
- 224 Seiten
- 20,00 € (D), 20,60 € (A)
- ISBN 978-3-46-28574-3
BAHNSTATIONEN – LEBENSSTATIONEN
Rezension von Ulrike Sokul ©
Wer oft genug mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist – noch dazu meist auf gleichbleibender Strecke -, ist vertraut damit, sich gelegentlich gedanklich oder kommunikativ mit den zufälligen Mitfahrgästen auseinanderzusetzen – sei es, weil diese Fahrgäste uns besonders positiv oder besonders negativ auffallen oder weil wir sie mit alltäglicher Regelmäßigkeit wiedersehen.
In diesem Roman lernen wir verschiedene Passagiere der Hankyu-Bahn kennen: einige Angestellte im jungen Erwachsenenalter, einige Studenten und Schülerinnen, eine ver-witwete Großmutter mit Enkelin sowie eine Hausfrau und Mutter mittleren Alters. Wir erhalten streiflichternde Einblicke in Lebenssituationen, romantische Liebesannähe-rungen, Beziehungskrisen und Befreiungen aus Gruppenzwängen.
So steigt etwa an einer Station eine sehr schöne junge Frau in einem eleganten weißen Kleid ein, nachdem sie als Gast auf der Hochzeitsfeier ihres Bürokollegen und Ex-Verlob-ten wegen ihres weißen Kleides und Haarschmucks für einen Eklat gesorgt hat. Im Waggon begegnet sie einer Großmutter, die mit ihrer Enkelin unterwegs ist. Die Enkelin bewundert lautstark die scheinbare Braut, die daraufhin in Tränen ausbricht. Die lebenserfahrene Großmutter spricht die junge Frau freundlich an, und diese erzählt daraufhin von ihrem Racheakt und ihrem Liebesleid. Bereichert um einige wohl-meinende Hinweise zum Umgang mit ihrer Verletztheit macht die junge Frau schließlich noch auf Anregung der mitfühlenden Großmutter einen spontanen Zwischenstop an einem kleinen Bahnhof. Dadurch lernt sie einen Ort kennen, der ihr so gut gefällt, daß sie einige Monate später sogar dorthin umzieht.
Wir betrachten hier überwiegend junge Menschen mit entsprechenden Fragestellungen und Zukunftssuchbewegungen. Die beiden romantischen Liebesannäherungen, deren Lesezeuge wir werden, sind von anrührender Schüchternheit bei gleichzeitigem erfolg-reichen Jetzt-oder-nie-Mut. Eine lebensgereifte, abgeklärte Sicht- und Handlungsweise wird von der großmütterlichen Figur ausgleichend eingebracht. Zudem wird wiederholt das Thema angemessenen und rücksichtvollen Verhaltens in der Öffentlichkeit durchge-spielt.
Die Autorin verknüpft die Personen und wechselseitigen Perspektiven sehr geschickt und mit filmreifen szenischen Übergängen. Während die einen Fahrgäste miteinander interagieren und sprechen, hören andere Fahrgäste zu und machen sich ihre eigenen Gedanken und Schlußfolgerungen dazu oder bringen sich kommunikativ und kommentierend mit ein. Alle Figuren betrachten sich – manchmal wohlwollend, manchmal kritisch – gegenseitig. Sie steigen in die Hankyu-Bahn ein oder aus, die Szenen wechseln in fließenden Übergängen von Bahnsteigen und Bahnhofshallen zu den Passagierwaggons und dem flüchtigen fahrgastlichen Miteinander. So sehen wir die Charaktere nicht nur in ihrer Selbstwahrnehmung, sondern stets gespiegelt in der Fremdwahrnehmung und Interpretation der anderen Charaktere.
Die Erzähldramaturgie ist von bemerkenswerter, unaufgeregter Leichtigkeit, die zahl-reichen Dialoge wirken lebensnah, umgangssprachlich und gelegentlich situations-komisch, und die Charaktere sind bei aller Skizzenhaftigkeit durchaus einzigartig und unverwechselbar.
„Die Reisenden der Hankyu-Bahn“ bietet leise Lesekost mit japanischem Lokalkolorit und dezenten Impulsen für Selbsterkenntnis und -Reflektion – so wird die äußere Reise der Fahrgäste auch zu einer inneren Entdeckungsreise und führt bei einigen von ihnen zu neuen Lebensweichenstellungen.
Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/hiro-arikawa-die-reisenden-der-hankyu-bahn-9783446285743-t-5830
Die Autorin:
»Hiro Arikawa ist eine japanische Bestsellerautorin. Sie lebt in der Stadt Takarazuka, an einer der meistbesuchten Haltestellen der Hankyu-Bahn, in der malerischen Bergregion um Kyoto und Osaka. ‚Die Reisenden der Hankyu-Bahn‘ ist ein schon vor zwanzig Jahren erstveröffentlichter japanischer Klassiker, der sich millionenfach verkauft hat und bereits verfilmt wurde.«

