Wildes Jahr bisher. Aber… Pretty.

















Wildes Jahr bisher. Aber… Pretty.

















Dieses Jahr kann ich zum Jahresabschluss nicht mal mehr jammern, wie schlimm es schon wieder war. Ich bin so dead inside, ich habe Mühe, mich an Dinge zu erinnern. Was war dieses Jahr? Ein bisschen good, ein bisschen ziemlich bad, ganz viel Erschöpfung und ordentlich enttäuschte Erwartungen. Vielleicht habe ich mich mittlerweile einfach daran gewöhnt, mit dem Gesicht auf dem Asphalt zu liegen und vom Leben halt so mitgeschleppt zu werden. Schön ist halt anders. Aber ist auch egal. Nächstes Jahr werde ich vielleicht nicht mal das noch merken.
Vor einem Jahr habe ich wie alle mit Schrecken den Wahnsinn der Welt betrachtet. Und dann klingelte mein Telefon mit einer Nachricht, die ein vergiftetes Geschenk erhielt: Hoffnung.
Die Nachricht war unfassbar unerwartet, unfassbar super. Ich habe geweint vor Glück. Ich habe den Wahnsinn der Welt um mich herum vergessen. Weil es so wahnsinnig, unfassbar, unglaublich war. Weil es eine ganze Reihe von Ereignissen nach sich zog, die aufregend und verrückt waren, es war wie ein Strudel.
Und ich hatte Hoffnung. Hoffnung, dass Dinge besser werden könnten. Dass ein lang gehegter Traum wahr werden könnte.
Der Strudel hat nachgelassen und aufgehört, sich zu drehen. Er hat mich und meine zersplitterte Hoffnung ausgespuckt. Ein Jahr später ist nichts davon übrig. Ich bin dem Traum kein Stück näher gekommen. Nichts ist besser geworden.
Ich hasse nichts mehr als die Hoffnung. Sie ist wie so eine scheiß Karotte, die einem vor die Nase gehängt wird. Und am Ende bekommt man doch nichts. Jedes Mal. Und doch kommt sie jedes Mal wieder angekichert und beginnt ihr sadistisches Spiel von vorn. Als ob sich in meinem Leben jemals irgendwas zum Guten wenden würde.
Bad news bleiben bad news und nicht mal die sorgsam vorbereiteten guten Nachrichten treten ein – stattdessen einfach noch mehr bad news. Also so richtig miese und miese und so lästige und ein frustrierender Dummscheiß nach dem anderen. Rückwärts und bergab. Immer schön eintreten auf am Boden Liegende, das hamwer gern, liebes Leben. Kennt man ja nicht anders von dir. Fucking bitch.
Weil nach so richtig im Arsch doof kommt, muss ich mich einfach an den albernsten Kleinigkeiten festhalten. Ich wühlte so in diesem Blog-Archiv rum, aus Gründen, die ich schon wieder vergessen habe, aber ich stellte sehr befriedigt fest: Ich habe wirklich nie wieder mit diesem Oberspaten No. 3 gevögelt. Ihr hattet alle Unrecht! Ha!
Es ist nicht so, dass der Gedanke an diese Flachpfeife nicht immer noch in meinem Gehirn mietnomadet. Aber es besteht wirklich keine Rückfallgefahr mehr. Wenigstens DIESEN Tritt kann ich mir nicht mehr selber verpassen.
Das Leben ist gerade so schwer und so blöd und so anstrengend. Ich brauche einfach mal dringend wieder gute Nachrichten.
Heule ich egozentrisches Weib mich ausgerechnet bei der Kollegin aus, die gerade die zweite Runde Chemo begonnen hat. Auf der anderen Seite: Kann sie gut nachvollziehen.
Ich arbeite schon so lange daran, dass die guten Nachrichten mal ihren Weg zu mir winden, mache ihnen Stadtpläne und Landkarten, streue Krümel aus, stelle Wegweiser auf. Es ist anstrengend und führt zu nix.
Und dann stirbt erst ein lieber Kollege und dann muss das Pony eingeschläfert werden und beides kommt nicht wirklich überraschend und schon ein bisschen wie eine Erlösung für beide und doch ist gerade letzteres schwer zu ertragen. Das erste Mal seit fast 28 Jahren bin ich vollständig ponylos und jetzt liegt es allein in der Verantwortung der armen kleinen Katze, joy in meinem Leben zu sparken.
Das Leben ist gerade so schwer und so blöd und so anstrengend und so traurig.
Der einzige Moment, in dem ich weinen kann, ist beim Autofahren, weil ich da halt fahre und keine ewige To-Do-List habe. (Wenigstens habe ich nach nur 5 Jahren Geheule endlich ein neues Auto und nicht mehr immer Panikattacken beim Fahren.) Jedenfalls: Ich fahr grad lieber nirgendwohin. Nur zur Arbeit manchmal, wo ich verheult aufkreuze und dann doch nur schimpfe über all den Irrsinn und die inkompetenten Idioten, weil die kompetenten bei der Chemo sitzen oder beim Bestatter liegen. Und ganz nebenbei hab ich den falschen Job für gute Nachrichten.
Und dann denke ich, dass ich die blöden guten Nachrichten für die ich schon den Kaffee und den Kuchen bereitgestellt habe, gar nicht will, weil die irgendwie auch ein vergiftetes Geschenk wären, weil die guten Nachrichten bedeuten würden, dass das, was ich tue, eigentlich die Basis ist für die richtig guten Nachrichten, aber die richtig guten Nachrichten haben schon abgesagt.
Leben. Dieses Dings mit abnehmender Joy.
Ich hatte superkurze Sommerferien, aber die waren so verrückt schön…
Ich komm gar nicht auf die Realität klar. Schade, dass das mit dem Realität-Zurechtwünschen mit den Sternschnuppen immer gar nicht so gut klappt.
So long summer…

Also, daran, dass die Winterdepression eines Tages beschlossen hat, am Ende des Winters einfach zu bleiben, habe ich mich ja gewöhnt. Ganzjahresdepression whatever, war ja auch schon vorher nicht so, dass ich außerhalb des Winters vor dem Blues sicher gewesen wäre.
Was ich jedoch mittlerweile feststelle: Sommer ist schlimmer als Winter. Dieser Sommer mit seiner allgegenwärtigen, überbordenden Schönheit, den Farben, dem Licht, dieser Angeber!
Wie er immer wieder zeigt, dass das Leben schön sein könnte.
Isses aber nicht.
Arsch.

Ich sitze am Flughafen in Québec, dunkle Wolken sammeln sich über dem Mont Bélair und ich heule wie ein Schlosshund.
Ich bin noch nicht bereit, in die Realität zurückzukehren. Ich war zwei Wochen ein glückliches Waldkind, habe Stinktiere, Murmeltiere, Hirsche, Hörnchen, alle möglichen Vögel und einen Bären getroffen, wurde nachts von den Kojoten wach gesungen, trug gelegentlich einen Cowboyhut im Sattel, ich bin von Kopf bis Fuß übersäht mit Insektenstichen (kann einer das mit dem Insektensterben den Viechern hier erklären?), ich habe die hässlichsten Bräunungsstreifen, die man sich vorstellen kann, ich habe mehrmals meine comfort zone verlassen und war zwei Wochen lang so tief drinnen in der komfortabelsten meiner Zones.





Ich habe gehört, dass die Welt derweil weiter hart an der Apokalypse arbeitet, aber es ist wahnsinnig leicht, da draußen im Busch die Welt aus dem Bewusstsein völlig auszuschließen. Verzeihung, was mache ich beruflich und wie geht das noch mal?
Jetzt habe ich Abschiedsschmerz und auch noch meine Tage und deswegen wird hier halt rumgerotzt.
Québec und ich, wir haben uns gefunden, das war nicht nur Zufall, aber ziemliches Glück im „wohin verschlägt es mich im Leben“-Tinder.
Je älter ich werde, desto dringender stellt sich mir die Frage, wie ich sie miteinander vereinen kann, das kleine Waldläuferchen in mir und den Intello-Snob in mir. Wobei ich feststelle: Auf letzteren kann ich immer besser verzichten.
Vielleicht kommt der Tag, an dem ich endgültig zum Waldschrat werde.
Ach ja, ich bin in Kanada. Doch noch ein bisschen was los in meinem Leben.
Ich stelle fest: Ich komme so immer hierher, wenn ich so richtig heftig, ganz schlimm ausgebrannt bin. Ich stelle fest: Ich merke das immer erst, wenn ich hier bin. Diesmal gleich, als ich in Québec aus dem Flieger stieg und die Sonne hinter dem Mont Bélair untergehen sah. Und plötzlich geheult habe wie so ein Schlosshund. Als ich vor mehr als 20 Jahren das erste Mal dort ausstieg und durch den Schnee in die damals noch viel kleinere Ankunftshalle stapfte, war mir das noch nicht so klar, aber mittlerweile weiß ich, dass ich das wahrscheinlich nicht überlebt hätte, wenn ich nicht hergekommen wäre. Dieses 17 sein, meine ich.
Es dauert keine 24 Stunden, bis ich mein Akademikerfranzösisch wieder abwerfe und schlimmstes Québécois spreche. Verstehe ich eh viel besser. Plötzlich erinnere ich mich an lauter Ausdrücke und Worte, von deren Existenz ich gar nichts mehr wusste. Irgendwo im Nirgendwo bin ich voller Tierhaare, Mückenstiche und Poutine!

Ich bin ein bisschen überrascht, wie wenig sich verändert hat. In meinem Kopf gilt weiter die Realität von vor 20 Jahren – auch wenn ich danach noch mehrmals hier war. Aber damals war es einfach die längste Zeit – aber eigentlich ist fast alles beim Alten.
Mir kommen längst verdrängte Erinnerungen hoch, wie dieser schwüle Sommernachmittag am See, mit dem Jungen, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, auf dem stickigen Dachboden des Chalets. 17-Jährige allein zu zweit und er sagt, du hast doch bestimmt einen Freund in Deutschland, oder? Und ich halte das für normale Konversation, weil so ticke ich eben. Würde mir heute genauso passieren.
Ich bin ziemlich überrascht, wie anders ich die Dinge wahrnehme. Und doch nicht wirklich. Ich habe mich verändert, schon klar, aber so sehr? Der Fluss ist der gleiche, aber die Gedanken sind anders (und wo kommen diese riesigen Schmetterlinge her? Wie kann es sein, dass ich die noch nie gesehen habe???).

Ich hadere mit mir und dem Leben. Weil hier sehr deutlich wird, was mir so fehlt. Hier draußen kommste nicht klar allein. Schon gar nicht im Winter. Nicht jeder kann alles. Und ich kann nix. Man hilft sich hier, it takes a village, für alles Mögliche, nicht nur Kindererziehung.
Ich hab kein village. Ich hab gute Leute, verstreut in der ganzen Welt. Aber am Ende des Tages, bei mir zu Haus, bin ich allein. Und ich kann nix. Und ich komm nicht klar.
Ich hadere mit der Zeit, vor allem der verlorenen. Vor zehn Jahren hab ich das fehlende village noch mit dem heißen Arsch und den festen Titten ausgeglichen. Jetzt bin ich ne fette Alte. Dass ich am Wochenende möglicherweise über D. stolpern könnte, macht mir das erst recht sehr schmerzlich bewusst.
Das hier draußen ist eine irre Parallelwelt. Keine Ahnung, was sonst gerade so passiert, habt ihr Spaß mit all den Verrückten? Ich bin auf Selbstfindungstrip und versuche, die Zeit ins Stundenglas zurückzuschieben. Ich hab sehr Sehnsucht nach meiner kleinen, schwarzen Herrin, aber ich hab auch sehr Sehnsucht nach mehr Zeit hier, hinter den sieben Bergen.
Ich bin so dead inside, die Zeit vergeht, ohne dass ich sie bemerke. Kann sein, dass das Leben weiter auf und ab geht, aber im Keller ist das eh egal.
Was ging also so die letzten Monate. Weiß nicht mehr. Ein bisschen was erzählt die Kamera nach.
Manchmal arbeitete ich an den Neujahrsvorsätzen.






Ich stelle fest: Ich war erstaunlich fleißig, was das Thema mehr Meer angeht.
Und dann arbeitete ich auch endlich wieder mal im Bumsbüro (diesmal bei ihm).

Uh, und dann ist noch ein Text von mir in einem richtigen Buch von einem richtigen Verlag veröffentlicht worden, das man so richtig in Läden kaufen kann. Das war ein bisschen aufregend.