Marie Schubert, Pauline Rintsch

Gramarye

20.3.-18.4.2026

20.3.2026, 5-9pm

Unausweichlich finden Körper und Objekt in den neuen Ölmalereien von Pauline Rintsch (*1995) zueinander. Hände halten achtsam Gewächs oder Kirschen, Blütenblätter umwabern Figuren während Ornamentgitter, leuchtende Diagonalen, Kerze und Schere, Porträts durchkreuzen. Ob im Kopf- oder Brustbereich – Körper und Attribut bedingen sich. Dahinter lauert eine schwelende Spannung, beinahe leichtes Unbehagen, wenn bei weit geöffnetem Mund und Augen eine Strähne zwischen Scherenblätter gerät; der finale Schnitt zum Greifen nah. Keine intervenierende Hand. Stattdessen umfängt loderndes Gelb die Szene; Nase, Ohren, Mund gerötet. Gebadet in gleißende Farbtöne auch eine dunkelhaarige Frau mit Ohrring. Ihr Blick ist gedankenverloren. Er führt ins Leere. Ist sie Protagonistin? Oder die grell-gelbe Kerze vor ihr? Diese Lichtquelle, alchemistisches Instrument, gar Talisman.

Moment- und ausschnitthaft sind die Arbeiten von Pauline Rintsch, versehen mit Symbolen, deren mystische Aufladung stets mitschwingt und bildbestimmend scheint, sich jedoch nie einer gänzlichen Entschlüsselung preisgibt. Auch die zeitliche Verortung bleibt unergründlich: Kaum ein Indiz – mal ein Ohrring, Hut oder neonfarbener Anorak – dafür, aus welcher Epoche die Figuren stammen, was sie antreibt, welche Erzählung sie umgibt. Rintschs Körperdarstellungen mögen lose an weibliche Schönheitsideale der nordischen Renaissance à la Lucas Cranach d. Ä. erinnern. Inspiration für ihr Figurenpersonal, für Motive, entnimmt die Künstlerin aber ihrem direkten Umfeld. Diese Konstellationen bannt sie, mal mit tupfenhaftem, dann wieder durch Schichtung und Auskratzung geprägtem Farbauftrag auf monochromen Grund.

Poetisch-intim räkelt sich ein Farn von den Fingerspitzen entlang des nackten Körpers zur Nase. „Wo er wächst, [so Hildegard von Bingen] treibt der Teufel selten sein Wesen […]. Der Saft des Farn ist […] auf das Gute und Heilige gerichtet, darum flieht vor ihm alles Böse und Zauberhafte.“¹ Rintschs Gemälde hingegen durchzieht eine magische Note. Ritualcharakter haftet an den dargestellten Attributen. Gekonnt bedient sich die Künstlerin Griffen und Mitteln, die ihre Bilder mit einer Aura umgeben; die Mystifikationen schaffen. Im Englischen bestand dafür einst ein Begriff: Gramarye. ² Er umschreibt das vermeintliche Erlernen und Anwenden archaischer, okkulter Wissenschaften. Gemeint sind Gesetzmäßigkeiten von Verzauberung oder eine Sprache der Magie, abgeleitet vom altfranzösischen Wort für Grammatik. Unscharf gesprochen klingt Gramarye wie Glamour – ursprünglich ebenfalls Zauber, heute vielmehr Glanz und Eleganz, eine Atmosphäre, gar ein Lebensstil, vielfach gemessen an Objekten, mit denen wir uns umgeben. Rintschs Werke formulieren Fragen nach der Bedeutung von Dingen in unmittelbarer Relation zum Menschen. 

Marie Schuberts (*1995) anorganische Assemblagen wiederum sind jeder menschlich auferlegten Funktion beraubt: Eine Motorhaube ohne Motor, dafür auf Metallstäben und mit Kochbereich, ein Stuhl schwankt mit Pferdetrense statt Sitzfläche, ein Wasserhahn mündet in keine Spüle, er führt zum Tropfen auf dem heißen Herd. Mag es hier und da noch glitzern und funkeln, hebelt Schubert Formen von Komfort oder Luxus konsequent aus. 

Das Symbol schlechthin für Old Money bis zu neureichem Lifestyle, der Kronleuchter, erhält bei ihr ein Eigenleben. Er streckt seine Fühler aus, wird personifiziert; kleiner Mann mit sehr großem Hut. Vielleicht auch ‚kleiner Geldbeutel, sehr großer Protz‘ – ist der Kronleuchter schließlich längst zur erschwinglichen Massenware geworden. Die Künstlerin setzt genau hier an, greift auf teils unbewusste klassistische Codes zurück. Sie kommentiert, bricht auf, stellt die Ware selbst in den Mittelpunkt und führt sie zugleich ad absurdum. 

Einige Werke driften ins Unheilvolle. An ihrer kalten Materialität und ursprünglichen Funktion entspinnen sich Fragen nach der Macht von Objekten in zwischenmenschlichen Beziehungen, bei Genderrollen und innerhalb sozialer Stellungen. 

Den Konturen des menschlichen Körpers nachempfunden ist Mary Schuberts neue Plastik: ein im Boden verankerter Wachsguss geschnürter Overknee-Stiefel. Skeletthaft wie ihre filigranen Metallobjekte verharren sie in der Ballettpose des Relevé. Farbe und Stofflichkeit der Stiefel erinnern an Elfenbein, Marmor oder medizinische Moulagen.³ Gleich solcher Moulagen offenbaren sie Krankheitsbilder; vielmehr die Symptome einer patriarchalen Gesellschaft. Die Fetischisierung schlanker weiblicher Beine, dem Male Gaze ausgeliefert, tritt zutage. Diesem können sich die Wachsbeine nicht entziehen, erscheinen fragil, starr, nahezu gelähmt.

In zeichnerischen Bewegungen dagegen ‚arbeitet‘ sich Marie Schubert, gemäß der Frottage, direkt am Objekthaften ab. Warencharakter erhalten ihre Grafiken über die Präsentation in durchsichtigen Plexiglaskästen. Das Bildgeschehen aber kippt in andere Sphären: Mögen Farn oder Kerze Dämonisches aus Rintschs Bildwelten fernhalten, findet es umso mehr Eingang in Schuberts nebulöse Bleistift-Kosmen: Zwei statt vier von Dürers Hexen haben die Zeit überdauert. Rauchend frönen sie – mit ihren Händen ein Herz bildend – allen so gegenwärtigen Lastern. 

Lange spitze Fingernägel dominieren neben einem unglücklich dreinblickenden Struwwelpeter, rankenhaft umhüllt und eingebettet in Dekolleté, Schlangen und Gedärme. Die Kompositionen sind unbarmherzig, uncanny, aufgebaut aus Körperfragmenten wie Augen, Füßen, Brüsten, Händen, auch Animalischem, einen leichtsinnigen Liebhaber – AMANT IMPRUDENT – verschlingend. In Schuberts Laboratorium der Dinge und Motive liegt, wie in Rintschs Malerei, eine eigentümliche Unbestimmtheit, keine singuläre Deutungsrichtung. 

Marie Schubert und Pauline Rintsch spielen so mit (scheinbaren) Gesetzmäßigkeiten von Mystik und Luxus. Dabei sind sie Momente-Sammlerinnen; fangen ihre Umgebung mit Feinfühligkeit für die kulturell-symbolische Aufladung von Objekten ein, deren Bedeutungen sie sich zu eigen machen, ver- und nicht minder entzaubern.

1

Hildegard von Bingen in ihrer natur- und heilkundlichen Abhandlung Physica auch Liber simplicis medicinae, ca. 1150–1160

2Definition nach Oxford English Dictionary: Gramarye, https://www.oed.com/dictionary/gramarye_n?tab=meaning_and_use#2655630; Abruf: 12.03.2026

3Eine Moulage ist ein naturgetreues Wachsmodell eines Körperteils, das früher in der Medizin zu Lehrzwecken hergestellt wurde, um Krankheiten oder anatomische Zustände zu veranschaulichen.

  • Text: Antonia Rittgeroth