Es gibt da eine Plattform, die heißt Twitter. Zu deutsch Zwitschern. Für kleine Pfiffe und Anpfiffe nebenbei, die in 140 Zeichen ausgedrückt werden können. Die 140 stimmt wohl nicht mehr so ganz, aber das Prinzip soll dasselbe sein.
Ich stelle fest: Twitter ist nichts für mich. Es ist die Ausgeburt des Ungefiltert-in-die-Welt-Posaunens, also quasi WhatsApp in schlimmer, weil ich bei WhatsApp bestimmen kann, was ich wem schreibe und von wem ich was lesen will. Bei Twitter bekomme ich nicht nur vorgesetzt, was Menschen schreiben, deren Gezwitscher ich zu lesen entschieden habe – nein, ich bekomme auch noch ständig vorgesetzt, was andere Leute schreiben, denen Menschen folgen, denen wiederum ich folge. Ein Schneeballsystem. Kannste nicht abstellen, das Ding geht halt so. Im Endergebnis sind über 90% der Beiträge in meiner „Timeline“ solche, die ich nie bestellt habe. Nicht nur Leute, die – wie Blogger ja auch – ihre persönliche Weltsicht in die Welt blasen, sondern auch hunderttausende und aberhunderttausende, deren Lebenszweck augenscheinlich darin besteht, anderen zu sagen, was sie zu denken und zu sagen bzw. gerade nicht zu denken und zu sagen hätten. Es hat sie niemand um ihre Meinung gefragt, aber sie drängen sie auf und beanspruchen auch, irrtumsfrei zu sein und darum keinen Widerspruch erfahren zu können. Soziologisch mag das höchst interessant sein, aber auch höchst ermüdend, und in den Abgründen der Übergriffigkeiten und Beleidigungen wird mir übel.
Und wenn da bei all dem unverlangt Vorgestellten mal was bei ist, was interessant wäre, wozu man was zu sagen hätte – dann kann man es nicht formulieren. Denn 140 Zeichen – was ist das schon? Und selbst wenn es 200 Zeichen sind, wie soll man damit einen vernünftigen Gedanken formulieren?
Erstaunlicherweise tragen aber auf Twitter noch mehr labile Menschen (nehmen Sie das bitte nicht als Wertung, ich meine damit Menschen, deren seelisches Gleichgewicht leicht zu erschüttern ist) ihre Lebensgeschichte vor als in Blogs. Die fallen dann natürlich den Wölfen schnell zum Opfer, und gern auch einmal übereinander her. So gab es dieser Tage eine hitzige Debatte darüber, ob „Trigger-Warnungen“ notwendig, hilfreich, unsinnig oder schädlich seien. Wer am wenigsten dazu zu sagen haben durfte, waren übrigens diejenigen, die beruflich mit diesem Thema umgehen: Psychiater und Psychotherapeuten. Die Roten Khmer lassen grüßen, die jeden Brillenträger als Intellektuellen und damit Systemfeind identifizierten.
Nein, Twitter ist nichts für mich. Ich überlege gerade noch, ob ich meinen Zugang zu dieser Plattform ein für allemal schließe, oder ob ich „nur“ der App im Handy die Benachrichtigungen untersage. Aber suchen Sie mich da nicht; da bin ich nicht zuhaus.
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