Archiv für Juli 2020

27
Jul
20

Hybris – Überheblichkeit – ist eine Sünde

Schon seltsam. In den letzten Tagen denke ich fast mehr über die römisch-katholische Kirche nach als über meine eigene. Vielleicht, weil sie mehr Anfeindungen erduldet.

So las ich jetzt in der französischen Huffpost, daß letzten Mittwoch – am Festtag der heiligen Maria von Magdala, Apostelin der Apostel – sieben Frauen ihre Bewerbung um kirchliche Ämter beim apostolischen Nuntius in Paris eingereicht haben.

Claire Conan-Vrinat, Loan Rocher und Marie-Automne Thépot bewerben sich um das Diakonenamt. Christina Moreira will Pfarrerin – Kuratin – werden. Sylvaine Landrivon bewirbt sich um die Bischofsweihe, und Hélène Pichon bewirbt sich als apostolische Nuntia. Laurence de Bourbon-Parme schließlich möchte Laienpredigerin werden – ein Amt, das bisher in der römischen Kirche weder für Frauen noch für Männer existiert.

Bewerbung statt Berufung

Nun kann man zur Frage der Frauenordination einiges sagen und schreiben. Ich wage auch zu behaupten, dazu ist schon so vieles geschrieben und gesagt worden, daß eine Doktorarbeit zum Thema nicht mehr möglich ist – in einer Doktorarbeit soll nämlich etwas erarbeitet werden, was bisher noch keiner geschrieben hat. Zumindest nicht in akademisch anerkannter Weise. Was dazu führt, daß Zahnmediziner in der Regel fachfremd promovieren… aber das ist ein anderes Thema.

Es ist im Prinzip alles gesagt; die Frage ist nur, welchen Wert eine Kirche diesen Aussagen und Gedanken für ihr inneres Leben beimißt. Da hat man es natürlich mit Reformen um so schwerer, je wichtiger der jeweiligen Kirche ist, daß man mit der Tradition im Einklang steht. Zum Thema Frauenordination und orthodox oder katholisch ist da ein fast zweitausendjähriges Nein nun mal ein Gewicht in der Waagschale. Andererseits hat es auch quasi-Revolutionen gegeben, wie das Zweite Vatikanische Konzil. Aber die kamen von innen.

Nun stört mich an der ganzen Aktion etwas ganz anderes. Ein Punkt, an dem auch so ziemlich alle evangelischen Kirchen, die ich kenne, sagen würden: hör mal, deine Bewerbung ist ja gut und schön, die kannst du dir hinter den Spiegel stecken – aber gerade durch die Bewerbung zeigst du, daß du für das, was du anstrebst, nicht die richtige Person bist.

Denn von jeher wurden in der Kirche Jesu Christi Bischöfe nicht auf Bewerbung ernannt, sondern um ihrer erwiesenen Qualitäten willen berufen. Es gab Zeiten, gewissermaßen die babylonische Gefangenschaft der Kirche im Netz der Feudalherrschaft, da haben andere Motive zur Berufung in kirchliche Leitungsämter geführt, und wir haben gesehen, was daraus geworden ist. Diese Zeiten sind vorbei.

Ein guter Bischof zeichnet sich also dadurch aus, daß er sich nicht um das Amt reißt, sondern hineinberufen wird und diese Berufung vielleicht sogar „mit Furcht und Zittern“ annimmt, weil er eben weiß, daß er nicht ein Ehren- und Machtamt übernimmt, sondern eine immense Verantwortung. Auch evangelischer Pastor wird man nicht, weil man sich mal ausdenkt, man könne doch Pastor werden, sondern weil man in dieses Amt berufen ist. Und wer in sich den Ruf ins Pastorat hört, muß diesen Ruf auch noch einmal durch die Kirche bestätigen lassen. Trotz Pastorenmangel weisen die Kirchen jedes Jahr Kandidaten ab, von denen sie die Überzeugung gewonnen haben: diese Menschen haben vielleicht eine innere Berufung, aber sie passen nicht in unsere Kirche. Oder auch: dieser Mensch kandidiert nicht aus Berufung, sondern aus anderen Gründen. Wir brauchen aber Pastoren, die von Jesus Christus berufen sind. Und auch wenn die Kandidaten in gewisser Weise ein Bewerbungsschreiben verfassen: jede Kirche verlangt, daß sie auch ein Empfehlungsschreiben beibringen von jemandem, der in der Kirche angesehen und geachtet ist. Eben damit das Kriterium gewahrt bleibt: dieser Mensch ist von der Kirche berufen und nicht aus eigenem Ermessen Pastor.

Das ist im nichtkirchlichen Leben (beinah hätte ich „im richtigen Leben“ geschrieben, hihi) doch auch nicht anders. Man wird doch nicht Bürgermeister, nur weil man meint, das ist so ein tolles Amt und das müsse man mal ausführen. Da muß man gewisse Qualitäten aufweisen, vor dem Wahlkampf schon gezeigt haben, was man kann und tut und daß man dem angestrebten Amt auch gewachsen ist. Und die besten Bürgermeister, Minister und Staatschefs sind die, die sich nicht als Chefs verstehen, sondern als Erste Diener des Volkes. (Hat das nicht Helmut Schmidt gesagt?)

Übrigens hat schon im Ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ein kirchlicher Lehrtext (die Didache) davor gewarnt, daß Menschen auftreten, die sich selbst als Träger göttlicher Aufträge herausstreichen und tatsächlich die Kirche nur für ihre eigenen Zwecke ausnutzen wollen. Man erkennt sie daran, daß sie nach Anerkennung streben, statt sich in den Dienst der Gemeinde zu stellen, wo Dienst gebraucht wird. Nichts Neues ist unter der Sonne.

Auch der erste Brief an Timotheus findet klare Worte. Wer will, darf hier gern auch interpretieren, daß eine Bischöfin eines Mannes Frau sein soll – mir geht es um die anderen Qualitäten:

Es soll aber ein Bischof unsträflich sein, eines Weibes Mann, nüchtern, mäßig, sittig, gastfrei, lehrhaft,
nicht ein Weinsäufer, nicht raufen, nicht unehrliche Hantierung treiben, sondern gelinde, nicht zänkisch, nicht geizig,
der seinem eigenen Hause wohl vorstehe, der gehorsame Kinder habe mit aller Ehrbarkeit,
(so aber jemand seinem eigenen Hause nicht weiß vorzustehen, wie wird er die Gemeinde Gottes versorgen?);
nicht ein Neuling, auf daß er sich nicht aufblase und ins Urteil des Lästerers falle.
Er muß aber auch ein gutes Zeugnis haben von denen, die draußen sind, auf daß er nicht falle dem Lästerer in Schmach und Strick.

1Tim.3,2-7 (Luther-Übersetzung)

Nüchtern und mäßig, nicht zänkisch, soll sich nicht aufblasen…

In manchen Kreisen gehen die Dinge auch anders, das will ich nicht verschweigen. Wer will, mag sich den Film „the Preacher“ ansehen, in dem ein Pastor aus der Gemeinde, die er aus dem Nichts gegründet hat, verstoßen wird und sich – wiederum aus dem Nichts – eine neue Gemeinde gründet. Das wirft Fragen auf. Umgekehrt ist aber auch hier zu erkennen: Prediger, Pastor kann nur sein, wer von den anderen in diesem Amt und dieser Funktion auch anerkannt wird. Würden die Menschen ihn nicht anerkennen in dem, was er zunächst einmal nur aus eigenen Gnaden vorgibt zu sein, dann wäre er es nicht, und stellte er sich auf den Kopf.

Wer Gott dienen will, wird Gott dienen. In eine Gemeinde gehen reicht schon aus, erst recht wenn man dort sagt: ich kann helfen. Ich habe Kapazitäten frei. Gott hat mir gesagt, hier ist Hilfe nötig. Wer das sagt und bereit ist, zu tun, was man ihm sagt, der wird alle Hände voll zu tun haben. Solche Menschen werden in der römisch-katholischen Kirche zu ehrenamtlichen Diakonen berufen. Solche Menschen werden manchmal ins Studium und die Ausbildung zum Hirtenamt berufen (da spielen dann noch ein paar andere Kriterien mit). Wer sich im Pastorat bewährt, wird vielleicht in ein Bischofsamt berufen – weil die Gemeinde erkennt: dieser Mensch hat die Fähigkeiten, dieses Amt zu tragen, und ist von Gott berufen. So ist der Heilige Martin Bischof geworden. So ist Joseph Ratzinger Papst geworden. Nicht aus eigenem Streben. Eher gegen den eigenen Willen.

Für kirchliche Leitungsämter schreit man nicht „hier“, man bewirbt sich nicht, man wird berufen. Bischöfe, Priester, Diakone von eigenen Gnaden richten nur Schaden an.

27
Jul
20

Wasserstandsmeldung

Noch drei zwei Sonntage Dienst, dann kommt der Umzug. Die Schränke sind größtenteils blank, die Nerven ebenfalls. Unser Behelfsheim auf Rädern ist seit zehn Tagen wieder im Hof; jetzt geht es daran, dort alles wohnlich zu machen. Es hat halt lange unbenutzt gestanden.

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25
Jul
20

Gelesen: „Die Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien“

https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-07/vatikan-wortlaut-instruktion-pastorale-umkehr-pfarrgemeinden-deu.html

Man liest derzeit sehr viel über dieses Schriftstück. Jeder scheint eine Meinung zu haben, nicht nur innerhalb der römisch-katholischen Kirche, sondern auch beispielsweise beim Bayrischen Rundfunk. Und natürlich sind einige als progressiv geltende Kirchenfürsten dagegen und konservative dafür.

Nur: der Eindruck, den man aus all diesen oft genug ziemlich aufgeregten Meinungen gewinnt, wird dem Dokument nicht gerecht. Da hängen sich Leute an zwei oder drei Artikeln oder auch an der Wortwahl auf.

Zum Beispiel am Wort „Hirte“. Ob das Wort „Pastor“ ebenso aggressiv aufgenommen würde?

Ich werde da den Eindruck nicht los, man habe sich nicht auf den Text eingelassen, sondern von vornherein das Haar in der Suppe gesucht, unter totaler Vernachlässigung der Suppe an sich und ihres tatsächlichen Geschmacks und Nährwerts. Wer die Häufigkeit des Worts „Hirte“ zählt, ist nicht offen für die Botschaft des Textes.

Manche Behauptungen der Kritiker habe ich im Text auch nicht bestätigt gefunden. Da steht beispielsweise nicht, eine Aufhebung einer Pfarrei müsse von Rom genehmigt werden. Wohl aber, daß Krämerseelen-Argumente wie Geld- und Personalmangel allein nicht ausreichen als Begründung: denen könnte man ja abhelfen. Nicht von einem Tag auf den anderen, aber auf mittlere Frist. Wie, steht sogar auch im Papier, in den ersten Artikeln: indem die Kirche auf allen Ebenen ihren evangelistischen Auftrag wahrnimmt und sich nicht als Sakramentenverwalterin darstellt. Indem sie lebendigen Glauben und lebendiges Glaubensleben stiftet und fördert. Man könnte sich an gewisse pietistische – also evangelische – Schreiben erinnert fühlen.

Um einen Text richtig zu verstehen, muß man sich auf ihn einlassen. Auch auf seine Sprache. Die offizielle Übersetzung macht es einem freilich nicht unbedingt einfach. So wird von Anfang an von „Pfarrei“ geschrieben, bis hin zur Behauptung, sie sei bereits in den Hauskonventen neutestamentlicher Zeit vorhanden. Das regt Widerspruch an. Das romanische Wort, das ich dahinter vermute, wäre mit „Ortsgemeinde“ besser wiedergegeben, und dann auch nicht anachronistisch: während das pastorale, das Hirtenamt schon früh (aber nachbiblisch) nachzuweisen ist, tritt die territorial geprägte Parochie, die Pfarrei mit einem Pfarrer als Gebietspriester erst deutlich später auf, als Ableitung des  Episkopalamts. Auch dieses war zunächst gruppen- und nicht territorialorientiert!

Was aber über die missionarisch-evangelistische Ausrichtung der Kirche in allen ihren Organen geschrieben wird, über die Behutsamkeit, mit der Veränderungen gewachsener Strukturen vorgenommen werden sollen, um niemanden zu verletzen und zu verlieren, das ist gut und wichtig zu lesen und zu verinnerlichen. Nicht nur für Katholiken übrigens, evangelisch-landeskirchliche Strukturen leiden an denselben Schwächen!

Natürlich steht dahinter die hierarchische Struktur der römisch-katholischen Kirche. Was auch sonst? Freilich gibt es auch Menschen, die einem Wolf zum Vorwurf machen, daß er nicht als Kaninchen geboren wurde – und dem Kaninchen, daß es Möhren und Salat anknabbert.

Dennoch gewinne ich beim Lesen des inkriminierten Textes den Eindruck: die einen kritisieren ihn, weil sie überzeugt sind: „was soll aus Rom schon Gutes kommen?“ und die anderen, weil ihnen darin ein Spiegel vorgehalten wird, in dem sie sehen würden, wie sehr ihr eigenes Tun von dem abweicht, was der Herr der Kirche – nein, nicht der Papst! – von ihnen und ihrer Amtsführung erwartet.

Wir sind nun mal keine Kirchenfürsten, egal auf welchem Niveau. Der Pfarrherr alter Tage, den es hüben wie drüben gab, ist überholt. Pastoren, Bischöfe oder Superintendenten oder Inspektoren (das Wort sagt im Kern dasselbe: wachsam die Übersicht haben), sie alle sind zuerst ministri verbi Dei, Diener des Wortes Gottes. Diener. Nicht Herren. Und im besten Fall haben wir getan, was verlangt ist, aber keinesfalls Verdienst erworben. Auch kein Besitzrecht an einem Pfarrbezirk oder einer Diözese, die wir absolutistisch-feudal regieren dürften, ohne jemandem dafür Rechenschaft ablegen zu müssen oder Regeln beachten zu müssen, die uns von außen angetragen werden.

20
Jul
20

Energiewende?

Hier in der Gegend gibt es gerade mal wieder Aufruhr um die Aufstellung von „Éolienne“, also Windrädern. Die Dinger verschandeln die Landschaft, haben in der Nähe von mittelalterlichen Burgen nichts verloren. Die Befürworter halten dagegen, man brauche die Dinger, um die Elektrizität umweltfreundlich herstellen zu können, die bisher aus Atomkraftwerken kommt.

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19
Jul
20

Wie soll man den Esel tränken…

… wenn er nicht durstig ist? Comment faire boire un âne qui n’a pas soif ? So sagt es ein französisches Sprichwort. Es drängt sich immer wieder auf, wenn es um die Evangelischen und das Bibellesen geht. Zwar gibt es immer noch die Konfirmations- und die Traubibel, zwar gibt es mittlerweile ganz viele neue Übersetzungen, die leichter zugänglich sein sollen und verständlicher für den Normalmenschen als die gute alte Luther-Übersetzung, zumal in der Version von 1912, die die Großeltern noch geschätzt haben – aber selbst wenn die Bibel zu den meistverkauften Büchern zählen sollte, sie wird nicht mehr gelesen. Der Esel hat keinen Durst.

Aber es gehört zum Ureigenen des Evangelischseins, sich die Bibel nicht nur von der Kanzel herab vortragen zu lassen, sondern sie selbst zu lesen und selbst zu verstehen, was sie einem sagt. Das heißt, wenn der Esel keinen Durst hat, dann hat die evangelische Kirche ein Problem.

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14
Jul
20

Le jour du 14 juillet…

… Je reste dans mon lit douillet ;
La musique qui marche au pas,
Cela ne me regarde pas.
Je ne fais pourtant de tort à personne,
En n’écoutant pas le clairon qui sonne ;
Mais les braves gens n’aiment pas que
L’on suive une autre route qu’eux…
Non les braves gens n’aiment pas que
L’on suive une autre route qu’eux…

Tout le monde me montre du doigt,
Sauf les manchots, ça va de soi.

07
Jul
20

Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen…

… oder wie man auf beiden Seiten gleichzeitig vom Pferd fällt.

Gedanken zur Kirche von heute.

Die evangelische Kirche, also die, die man manchmal „traditionell“ nennt, in Deutschland auch „Landeskirche“, und die für sich in Anspruch nimmt, das Erbe der Reformation zu besitzen, ist in der Krise. Die Zahl der praktizierenden Mitglieder sinkt beständig, und – da merkt es die Kirchenleitung schmerzlich – die finanziellen Mittel schrumpfen noch schneller als die Mitgliederlisten. Was man in Deutschland vielleicht nicht so merkt wie in Ländern, wo die Kirchen nicht über Steuern, sondern durch Spenden finanziert werden: die wenigen Neuzugänge sind deutlich weniger freigebig als die Alten, die wegsterben.

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04
Jul
20

Geschützt: Wege und Umwege (4)

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04
Jul
20

Geschützt: Wege und Umwege (3)

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04
Jul
20

Geschützt: Wege und Umwege (2)

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