Archiv für November 2018

19
Nov
18

Bauernkrieg?

Seit Samstag ist Frankreich im Krieg. Teile der Landbevölkerung stehen mit Stangen, Mistgabeln und Traktoren an wichtigen Kreuzungen und den Stadttoren Einfallstraßen der Städte sowie den Einkaufszentren und halten den Verkehr auf. Einige Städte sind völlig von der Außenwelt abgeschnitten, so wie Saintes gestern, wo wir durch die Latrinen kriechen über kleine Nebenstraßen schleichen mußten, um die Straße nach Hause zu erreichen.

Immer wieder kommt es zu gefährlichen Momenten, wenn Autofahrer versuchen, die Blockaden zu durchbrechen: dann werden Scheiben eingeschlagen, Leute aus ihren Autos gezogen und verprügelt. Bei Grenoble wurde eine Frau gehindert, ihr krankes Kind in die Notaufnahme des Bezirkskrankenhauses zu fahren; statt dessen trommelten die Gelbjacken aufs Auto. Die Frau hat den Motor aufheulen lassen, einmal, zweimal, dreimal, und beim vierten Mal die Kupplung kommen lassen. Eine Rentnerin in gelber Jacke kam zu Tode.

Woanders wurden Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung mißhandelt. Wen wundert es, daß die Rechtspopulisten Le Pen und der Akzentrassist Melenchon, Führer der ex-Kommunisten, Hand in Hand die Gelbjacken unterstützen?

Die Regierung die angeblich viel zu viele Steuern einnimmt, hat die Polizei und Gendarmerie so sehr zusammengespart in den letzten Jahren, daß ihr die Mittel fehlen, die Aufständischen zur Einhaltung der Gesetze zu zwingen. Ich bin gespannt, wann das Militär zum Einsatz kommen wird.

Kann man von einem Bauernkrieg sprechen, wie es der Kommentar im „Figaro“ suggeriert, freilich ohne das Wort zu verwenden? Ich meine nein. Die Bauernkrieger wendeten sich gegen die Fürsten und deren Regiment. Die Gelbjacken greifen nicht die Regierung an, sondern ihresgleichen.

Gewiß, man kann argumentieren, daß schon lange nicht mehr die Regierung und das Parlament die Geschicke des Landes bestimmen, sondern der Kommerz. Das ist nicht von der Hand zu weisen, leider. Aber samstags den Supermarkt blockieren, das nimmt nicht nur dem Supermarktinhaber seinen Umsatz, sondern auch vielen Menschen die Arbeit, und zwar wieder genau denen, die am wenigsten Reserven haben!, und es hindert alle die, die von Montag bis Freitag hart arbeiten, am Samstag einzukaufen, womit sie sich und ihre Kinder während der nächsten Woche ernähren können.

Nein, mit dem Bauernkrieg kann man die Gelbjacken nicht vergleichen.

Ich sehe da eher beängstigende Parallelen zu anderen Ereignissen, im 20. Jahrhundert. Die Farbe war anders, und statt Jacken waren es Hemden, aber auch jene Rotten stifteten Terror auf den Straßen, um allen ihre Sicht der Welt aufzuzwingen, und hatten dabei besondere „Aufmerksamkeit“ für Menschen anderer Herkunft, anderer Orientierung oder auch nur anderer Weltanschauung.

Und wie der deutschen Gesellschaft in der Weimarer mangelt es auch dem französischen Volk an demokratischer Kultur. Sowohl von oben als auch von unten. Zwar werden keine Demonstranten mehr durch die „Ordnungshüter“ in die Seine geworfen, um dort zu ertrinken. Aber Staat und Volk sehen sich gegenseitig als Gegner, wie vor 230 Jahren. Und so geht der unzufriedene Franzose nicht mit seinem Abgeordneten diskutieren, sondern revoltiert. Umgekehrt sehen die Regierenden das unzufriedene Volk nur als Störenfriede, auch wenn es seiner Unzufriedenheit im Rahmen der gesetzlichen Ordnung Ausdruck verleiht.

So kommt kein Dialog zustande, und die Gräben werden nur immer tiefer und tiefer.

Ich bin in großer Sorge.




Avatar von Unbekannt

Blog Stats

  • 37.952 hits
November 2018
S M D M D F S
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930  

Archiv

RSS Tageslosung

  • Ein Fehler ist aufgetaucht - der Feed funktioniert zur Zeit nicht. Probiere es später noch einmal.

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten