2. Mose 16, 2-3.11-18 ; Joh. 6, 1-15
Phil. 2, 1-4
« Möge der Beste gewinnen ! » hört man manchmal zu Beginn von sportlichen Wettkämpfen. Zu anderen Gelegenheiten hört man « arbeite mehr für mehr Lohn » oder « jeder bekommt nach seinem Verdienst » oder auch « wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen », diesen berühmten Satz des Paulus, der zu einer marxistischen Maxime geworden ist.
Unser Abschnitt heute morgen scheint dem allem zu widersprechen. Im Widerspruch zu allem Wettstreitgeist, aber auch der persönlichen Unabhängigkeit, erinnern uns unsere Lesungen heute daran, daß es nicht an uns liegt, daß wir zu essen haben im Überfluß. Unsere überquellenden Teller, und leider oft auch unsere von Nahrungsmitteln überfließenden Mülleimer, zeigen uns, daß Gott uns weit mehr schenkt, als wir zur Nahrung brauchen, und das nicht aus unserem Verdienst, sondern einzig aus Liebe.
Die beiden Lesungen, vom Manna und von der Speisung der vielen, stellen bei wörtlicher Lesung zunächst einmal eine wunderbare Vermehrung der Nahrung dar, für die, die es brauchen, und auch eine ebenso wunderbare Verringerung für die, die zuviel eingesammelt hatten. Gott füllt den Mangel auf und nimmt nebenbei den Überfluß weg… auf dem Feld der Speisung haben sie 12 volle Körbe eingesammelt, und ich habe mich oft gefragt, was sie damit gemacht haben : vielleicht Wegpakete für den Heimweg ?
Der Abschnitt, den Paulus den Philippern schreibt, geht in mehrerer Hinsicht über diese Gedanken hinaus. Zunächst einmal zählt Paulus nicht auf ein wunderbares Eingreifen Gottes, damit jeder in der Gemeinde das bekommt, was er zum Leben braucht : Paulus nimmt die Brüder und Schwestern in die Pflicht. Niemand soll mehr haben wollen als der andere, reicher sein wollen oder das größte Stück vom Kuchen haben wollen, sondern im Gegenteil soll jeder den Vorteil des Bruders suchen, soll ihm das große Stück anbieten und sich nur das kleinere behalten, soll zuerst an den Hunger des Bruders denken, bevor er sich selbst zu Tisch setzt.
Ehrlich gesagt, da gilt es einiges umzustoßen in unserem Leben. Sei es nur die Aufmerksamkeit auf die Lebensmittel, die wir besitzen. Wieviel Nahrung wird jede Woche weggeworfen, weil wir zuviel gekauft haben, weil es verschimmelt oder verfault ist oder auf andere Art ungenießbar geworden ? Und wieviel davon ist bloß zu lange in unseren Schränken und Kühlschränken geblieben, weil wir es gekauft haben, ohne es zu brauchen, und dann vergessen ?
Nun ist es wahrlich lobenswert, sich um den Hunger des Nächsten zu sorgen, aber der Mensch lebt nun einmal nicht vom Brot allein. Jesus sagt uns, zum Leben brauchen wir jedes Wort, das aus dem Munde Gottes geht. Und auch da sind wir zum Teilen aufgerufen. Das Wort, das wir empfangen, ist nämlich eigenartig : wir können es nicht weitergeben, ohne etwas davon zu nehmen, wenn wir nicht falsch klingen wollen wie eine gesprungene Glocke, wie das Glöckchen einer Ziege, deren Gebimmel weder Sinn noch Botschaft hat… wenn wir eine sinnvolle, gute Botschaft weitergeben wollen, muß sie durch uns hindurchgehen, darf sie uns nicht unverändert lassen – so wie ein Heizungsrohr das heiße Wasser nicht weitergeben kann, ohne selbst heiß zu werden.
Eine Eigenart des Wortes ist auch, daß wir nichts davon verlieren, wenn wir es weitergeben : im Gegenteil, wir gewinnen noch dabei. Wir können es also grenzenlos weitergeben, ohne jede Zurückhaltung, wir haben das Recht und sogar die Pflicht, von diesem göttlichen Wort überzuquellen, das uns erfüllt und durchdringt. Diese Durchdringung ist die Garantie, daß wir nicht gebetsmühlenartig sinnlos weiterbabbeln, sondern unsere Worte das Gotteswort wiedergeben.
Brot und Gotteswort – ist das alles, was wir brauchen ? Ja, wenn wir « Brot » als Begriff nehmen für alles, was ein Mensch zum Leben nötig hat. Diesen Bedarf hat Jesus summarisch, aber bezeichnent aufgezählt im Text vom großen Endgericht, Matth. 25 : « Ich hatte Hunger, ich hatte Durst, ich war ein Fremder, ich war nackt, ich war krank, ich war im Gefängnis. » Wenn wir, wie Paulus uns auffordert, die Einheit und Gleichbehandlung unter uns suchen, müssen wir also darauf achten, daß unsere Schwestern und Brüder nicht nur keinen Hunger und Durst leiden, sondern auch ein angemessenes Dach über dem Kopf haben, einen Ort, der ihr Zuhause ist, wo sie die Tür zumachen können und in Sicherheit sind. In unserer Verantwortung liegt es, ihre Scham und ihre Intimität zu schützen und zu bewahren. Wir sollen darüber wachen, daß sie sich nicht entblößen müssen, daß die Geheimnisse ihres Privatlebens nicht ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden.
Wir sollen uns um ihre Gesundheit sorgen, die körperliche und die geistige, sollen vermeiden, was ihnen schadet, und das suchen, was ihrer Gesundheit zuträgt. Und schließlich sind wir auch die Wächter der Freiheit unserer Brüder und Schwestern. Ihrer materiellen Freiheit, ihrer geistigen Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschrenrechte… ein großer Auftrag, an dem wir beispielsweise teilnehmen können durch unser Engagement in der ACAT, Christliche Aktion für die Abschaffung der Folter, der uns aber auch zur Wachsamkeit aufruft im täglichen Leben und, nicht zuletzt, in der Ausübung unserer bürgerlichen Rechte. Uns obliegt es, nötigenfalls unseren Volksvertretern die Achtung der Freiheitsrechte ins Gedächtnis zu rufen, ohne uns auf Organisationen zu verlassen, ob nun die Kirche oder amnesty. Wenn wir Zeugen von unmenschlichen Taten werden, müssen wir reagieren, müssen wir protestieren – selbstverständlich aber dabei auch den Vertreter des Staates wie jeden andren Menschen respektieren und höflich behandeln.
Man hört manchmal, der Glaube sei einzig Privatangelegenheit. Das ist grundfalsch. Es ist schlicht unmöglich, Christ zu sein, Gottes Kind, und nicht danach zu leben. Wir können nicht unseren Sonntagmorgen damit verbringen, Psalmen und Kirchenlieder zu singen, und unter der Woche so leben, als gäbe es Gott nicht. Wir können nicht unsere Heiligenscheine polieren und die Augen verschließen vor dem Leiden des anderen, vor Ungerechtigkeit und Bosheit. Wir können uns nicht für befreit und erhellt durch Gottes Wort erklären und alle Liebe Gottes für uns selbst behalten wollen. Wer große Worte für Gott hat und die Lippen verschließt, wo es um den Nächsten geht, klingt hohl und falsch wie eine gesprungene Glocke, hat keine Liebe, kennt Gott nicht. Das lehren uns die Apostel Paulus und Johannes.
Und Paulus ermutigt uns, täglich den Willen des Vaters zu leben, nach dem jedes seiner Kinder alles haben soll, was es zum Leben braucht. Er lädt uns ein, uns in den Dienst des Bruders zu stellen und der Schwester, uns nicht um die Regeln der Höflichkeit und der Etikette zu scheren, sondern zu dienen, so wie Jesus den Jüngern gedient hat, als er ihnen die Füße wusch, er, der Herr und Meister ! Amen.
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