Markus-Evangelium, 3. Kapitel, Verse 31-35
Ach ja, die liebe Familie. Hier zwei Brüder, die sich gegenseitig umbringen. Da ein Sohn, der seiner Mutter nicht gehorchen will. Ist das nicht traurig? Kann man nicht einfach friedlich zusammenleben, als Familie?
Im Gegenteil. Jesus verweigert seiner Mutter den Respekt, den der Sohn ihr traditionell schuldet. Er stößt sie zurück, verleugnet sie und seine Brüder. Übrigens, weil hier von ihnen gesprochen wird: Jesus hatte Brüder, und an anderer Stelle lesen wir auch von Schwestern. Nichts läßt annehmen, daß Joseph und Maria nicht ein Ehepaar wie alle anderen waren, mit ehelichen Beziehungen wie alle anderen auch. Die Bibel erzählt selbstverständlich von ihren Kindern, ohne auch nur ansatzweise zu behaupten, sie wären vom Himmel gefallen oder vom Heiligen Geist gezeugt. Die Jungfrau Maria – ihre Zeit ist vor Jesu Geburt, nicht danach. Nur fürs Protokoll.
Jesus stößt sie also zurück. Warum? Kennt er nicht das Psalmwort (133,1): „Wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander leben“?
Spulen wir den Film mal zurück – im digitalen Zeitalter ist das ja ganz einfach. Und da sehen wir nun: ganz großes Kino. Jesus ist in einem Haus. Vielleicht ist es sein eigenes Haus; Lukas schreibt, daß Jesus in Kapernaum ein Haus besaß. Vielleicht ist es auch das Haus von Simon Petrus. Jedenfalls ist Jesus drinnen und lehrt. Einige Angehörige sind gekommen; sie wollen sich seiner bemächtigen, weil sie glauben, er hätte den Verstand verloren. Einige Schriftgelehrte sind aus Jerusalem, der Hauptstadt gekommen, und beschuldigen Jesus, mit Dämonen und dem Teufel im Bunde zu stehen. Jesus antwortet, „wenn eine Familie mit sich selbst zerstritten ist, kann sie nicht bestehen“ und erklärt, nur Gott könne die bösen Geister beherrschen. Und seine Vettern haben sich bestimmt angesprochen gefühlt.
Und da treffen wir, vor der Tür, Maria und ihre Söhne. Sie bleiben draußen. Sie wollen sich nicht unter die mischen, die Jesus zuhören, die von ihm angezogen werden. Im Gegenteil. Sie rufen ihn zur Ordnung, ihrer Ordnung, rufen ihn heraus aus seiner Gemeinde. Sie wollen ihn herausholen aus dem Kreis seiner Freunde, seiner Bewunderer, seiner Zuhörer.
Vorhin sahen wir „einige aus seiner Familie“, nun Maria und ihre Söhne. Sind es dieselben Personen? Wohl nicht: warum hätte der Evangelist die Identität der Personen bis jetzt zurückgehalten?
Es gibt also zwei Lager: drinnen die Zuhörer Jesu, draußen seine Familie. Was wird geschehen, wenn Jesus herauskommt? Die Familie versucht, ihn einzufangen und nach Hause zu holen, ihn in seinem Zummer einzusperren. Seine Fans tun alles, um das zu verhindern. Großes Gerangel, Schreie, Schläge, Kreischen, plötzlich blitzt eine Messerklinge in der Sonne, und einen Augenblick später liegt jemand am Boden in seinem Blut. Die Polizei kommt, mit Wasserwerfern, die Streitenden werden eingefangen und abgeführt. Auch Jesus wird abgeführt, als Kern des Aufruhrs, obwohl er gar nichts gemacht hat.
Halten wir den Film hier an. Die Bibel ist nicht Hollywood, und Jesus ist nicht Arnie. Aber in dem Film, den wir uns gerade vorgestellt haben, sind doch einige interessante Aspekte.
Die Trennung drinnen – draußen ist sehr treffend. Drinnen, die Gemeinde um Jesus, draußen seine Familie und sogar seine Mutter. Seine Mutter, die erwartet, daß er ihren Worten folgt und seine Gemeinde zurückläßt. Eine Gemeinde, die sein Wort hört, und seine Familie, die erwartet, daß auf sie gehört wird.
Jesus trifft eine klare Wahl: er verwirft die, die ihn beherrschen wollen, die ihm ihre eigenen Ideen aufdrängen und aufzwingen wollen – und wären sie auch seine Mutter und seine Brüder. Statt ihrer wählt er sich eine Familie aus sehr verschiedenen Personen, die ein gemeinsamer Wunsch zusammenbringt: sie wollen Jesus hören. Jesus wählt die, die bei ihm den Sinn und die Richtung ihres Lebens suchen, oder zumindest eine Ausrichtung für ihr Leben, und er verschmäht die, die ihn für von Sinnen halten. Die, die ihn letztlich verwerfen, indem sie ihn in die Klapse sperren wollen.
So gesehen ist es gar nicht Jesus, der das Band zwischen ihm und seiner Familie zerschneidet. Er spricht aus, er „verbalisiert“, wie es heute so schön heißt, er spricht aus, was in ihren Herzen längst geschehen ist: Ihr wollt mich nicht, wie ich bin. Dann will ich euch auch nicht. Ihr wollt nicht, daß ich den Willen Gottes erfülle, und deshalb seid ihr im Lager des Widersachers. Ihr seid meine Gegner, und darum will ich euch nicht.
Aber diese hier, und jeder einzelne Mensch, der den Willen Gottes tut, der ist meine Familie. Der ist ein Kind Gottes, und ich bin sein großer Bruder.
Daß wir uns nicht täuschen: „den Willen Gottes tun“ ist im Neuen Testament nicht der Anfang, sondern das Ergebnis dieser Bindung an Gott, die wir „Glauben“ nennen. Jesus könnte also auch sagen, „wer an mich glaubt“. Aber hier spricht er von dem Glauben, der Früchte trägt, der lebendig ist und dessen Früchte jeder sehen kann, von dem Glauben, den nicht nur Gott erkennen kann.
So schafft sich Jesus also eine große Familie. Eine Familie über tausend Generationen seit diesem Streit. Eine Familie, die über die gesamte Erde verteilt ist, aber versammelt um das eine Wort Gottes, um den einen Erlöser. Eine Familie, verbunden durch den Vater im Himmel, der sie geschaffen hat, den Herrn Jesus, der sie erlöst hat, den Heiligen Geist, der sie erhält und stärkt.
Eine Familie, die nach dem Willen Gottes nicht passiv bleibt, sondern sich in den Dienst der Brüder und Schwestern stellt und dafür arbeitet, sich zu vergrößern, indem andere dazustoßen. Eine Familie mit einem großen Auftrag: das Evangelium Jesu Christi zu ihren Nächsten zu bringen.
Wir, die Gottesdienstgemeinde des heutigen Morgens, sind aufgefordert, uns zu prüfen. Warum sind wir hier? Um Jesus zu hören, uns von ihm senden zu lassen, in seinen Dienst nehmen zu lassen? Oder im Gegenteil um ihm zu sagen, was er zu tun hat für uns, um ihn in unseren Dienst zu drängen? Wo sind wir? Drinnen oder draußen?
Luther sagt, wir sind gleichzeitig Gerechtfertigte und Sünder. Wenn das stimmt, dann sind wir ein bißchen drinnen und ein bißchen draußen. Bitten wir den Herrn, daß er uns wieder und wieder in seinen Dienst rufen möge, und wir uns ganz in seinen Dienst stellen wollen. Und vergessen wir nicht: unter den ersten Bekehrten nach Ostern finden wir Maria, die Mutter Jesu, und Jakobus, seinen Bruder. Selbst wenn Jesus heute harsch verwirft, ist noch nicht alles verloren, und die Lage kann sich umkehren. Und aus dem Sünder kann ein Jünger werden.
Beten wir darum für den Sünder in uns, beten wir für den Sünder, der unser Nächster ist, lassen wir uns immer wieder ermutigen, Christus nachzufolgen, und laden wir den Nächsten ein, Ihm ebenfalls zu folgen.
Amen.
Gen. 4, 1-16a; 1Jh. 4, 7-12; Lk. 10, 25-37.
Saint Dié, 18. September 2011.


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