Archiv für September 2011

30
Sept
11

Familien-Bande

Markus-Evangelium, 3. Kapitel, Verse 31-35

Ach ja, die liebe Familie. Hier zwei Brüder, die sich gegenseitig umbringen. Da ein Sohn, der seiner Mutter nicht gehorchen will. Ist das nicht traurig? Kann man nicht einfach friedlich zusammenleben, als Familie?

Im Gegenteil. Jesus verweigert seiner Mutter den Respekt, den der Sohn ihr traditionell schuldet. Er stößt sie zurück, verleugnet sie und seine Brüder. Übrigens, weil hier von ihnen gesprochen wird: Jesus hatte Brüder, und an anderer Stelle lesen wir auch von Schwestern. Nichts läßt annehmen, daß Joseph und Maria nicht ein Ehepaar wie alle anderen waren, mit ehelichen Beziehungen wie alle anderen auch. Die Bibel erzählt selbstverständlich von ihren Kindern, ohne auch nur ansatzweise zu behaupten, sie wären vom Himmel gefallen oder vom Heiligen Geist gezeugt. Die Jungfrau Maria – ihre Zeit ist vor Jesu Geburt, nicht danach. Nur fürs Protokoll.

Jesus stößt sie also zurück. Warum? Kennt er nicht das Psalmwort (133,1): „Wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander leben“?

Spulen wir den Film mal zurück – im digitalen Zeitalter ist das ja ganz einfach. Und da sehen wir nun: ganz großes Kino. Jesus ist in einem Haus. Vielleicht ist es sein eigenes Haus; Lukas schreibt, daß Jesus in Kapernaum ein Haus besaß. Vielleicht ist es auch das Haus von Simon Petrus. Jedenfalls ist Jesus drinnen und lehrt. Einige Angehörige sind gekommen; sie wollen sich seiner bemächtigen, weil sie glauben, er hätte den Verstand verloren. Einige Schriftgelehrte sind aus Jerusalem, der Hauptstadt gekommen, und beschuldigen Jesus, mit Dämonen und dem Teufel im Bunde zu stehen. Jesus antwortet, „wenn eine Familie mit sich selbst zerstritten ist, kann sie nicht bestehen“ und erklärt, nur Gott könne die bösen Geister beherrschen. Und seine Vettern haben sich bestimmt angesprochen gefühlt.
Und da treffen wir, vor der Tür, Maria und ihre Söhne. Sie bleiben draußen. Sie wollen sich nicht unter die mischen, die Jesus zuhören, die von ihm angezogen werden. Im Gegenteil. Sie rufen ihn zur Ordnung, ihrer Ordnung, rufen ihn heraus aus seiner Gemeinde. Sie wollen ihn herausholen aus dem Kreis seiner Freunde, seiner Bewunderer, seiner Zuhörer.
Vorhin sahen wir „einige aus seiner Familie“, nun Maria und ihre Söhne. Sind es dieselben Personen? Wohl nicht: warum hätte der Evangelist die Identität der Personen bis jetzt zurückgehalten?
Es gibt also zwei Lager: drinnen die Zuhörer Jesu, draußen seine Familie. Was wird geschehen, wenn Jesus herauskommt? Die Familie versucht, ihn einzufangen und nach Hause zu holen, ihn in seinem Zummer einzusperren. Seine Fans tun alles, um das zu verhindern. Großes Gerangel, Schreie, Schläge, Kreischen, plötzlich blitzt eine Messerklinge in der Sonne, und einen Augenblick später liegt jemand am Boden in seinem Blut. Die Polizei kommt, mit Wasserwerfern, die Streitenden werden eingefangen und abgeführt. Auch Jesus wird abgeführt, als Kern des Aufruhrs, obwohl er gar nichts gemacht hat.

Halten wir den Film hier an. Die Bibel ist nicht Hollywood, und Jesus ist nicht Arnie. Aber in dem Film, den wir uns gerade vorgestellt haben, sind doch einige interessante Aspekte.
Die Trennung drinnen – draußen ist sehr treffend. Drinnen, die Gemeinde um Jesus, draußen seine Familie und sogar seine Mutter. Seine Mutter, die erwartet, daß er ihren Worten folgt und seine Gemeinde zurückläßt. Eine Gemeinde, die sein Wort hört, und seine Familie, die erwartet, daß auf sie gehört wird.
Jesus trifft eine klare Wahl: er verwirft die, die ihn beherrschen wollen, die ihm ihre eigenen Ideen aufdrängen und aufzwingen wollen – und wären sie auch seine Mutter und seine Brüder. Statt ihrer wählt er sich eine Familie aus sehr verschiedenen Personen, die ein gemeinsamer Wunsch zusammenbringt: sie wollen Jesus hören. Jesus wählt die, die bei ihm den Sinn und die Richtung ihres Lebens suchen, oder zumindest eine Ausrichtung für ihr Leben, und er verschmäht die, die ihn für von Sinnen halten. Die, die ihn letztlich verwerfen, indem sie ihn in die Klapse sperren wollen.
So gesehen ist es gar nicht Jesus, der das Band zwischen ihm und seiner Familie zerschneidet. Er spricht aus, er „verbalisiert“, wie es heute so schön heißt, er spricht aus, was in ihren Herzen längst geschehen ist: Ihr wollt mich nicht, wie ich bin. Dann will ich euch auch nicht. Ihr wollt nicht, daß ich den Willen Gottes erfülle, und deshalb seid ihr im Lager des Widersachers. Ihr seid meine Gegner, und darum will ich euch nicht.
Aber diese hier, und jeder einzelne Mensch, der den Willen Gottes tut, der ist meine Familie. Der ist ein Kind Gottes, und ich bin sein großer Bruder.
Daß wir uns nicht täuschen: „den Willen Gottes tun“ ist im Neuen Testament nicht der Anfang, sondern das Ergebnis dieser Bindung an Gott, die wir „Glauben“ nennen. Jesus könnte also auch sagen, „wer an mich glaubt“. Aber hier spricht er von dem Glauben, der Früchte trägt, der lebendig ist und dessen Früchte jeder sehen kann, von dem Glauben, den nicht nur Gott erkennen kann.
So schafft sich Jesus also eine große Familie. Eine Familie über tausend Generationen seit diesem Streit. Eine Familie, die über die gesamte Erde verteilt ist, aber versammelt um das eine Wort Gottes, um den einen Erlöser. Eine Familie, verbunden durch den Vater im Himmel, der sie geschaffen hat, den Herrn Jesus, der sie erlöst hat, den Heiligen Geist, der sie erhält und stärkt.
Eine Familie, die nach dem Willen Gottes nicht passiv bleibt, sondern sich in den Dienst der Brüder und Schwestern stellt und dafür arbeitet, sich zu vergrößern, indem andere dazustoßen. Eine Familie mit einem großen Auftrag: das Evangelium Jesu Christi zu ihren Nächsten zu bringen.
Wir, die Gottesdienstgemeinde des heutigen Morgens, sind aufgefordert, uns zu prüfen. Warum sind wir hier? Um Jesus zu hören, uns von ihm senden zu lassen, in seinen Dienst nehmen zu lassen? Oder im Gegenteil um ihm zu sagen, was er zu tun hat für uns, um ihn in unseren Dienst zu drängen? Wo sind wir? Drinnen oder draußen?

Luther sagt, wir sind gleichzeitig Gerechtfertigte und Sünder. Wenn das stimmt, dann sind wir ein bißchen drinnen und ein bißchen draußen. Bitten wir den Herrn, daß er uns wieder und wieder in seinen Dienst rufen möge, und wir uns ganz in seinen Dienst stellen wollen. Und vergessen wir nicht: unter den ersten Bekehrten nach Ostern finden wir Maria, die Mutter Jesu, und Jakobus, seinen Bruder. Selbst wenn Jesus heute harsch verwirft, ist noch nicht alles verloren, und die Lage kann sich umkehren. Und aus dem Sünder kann ein Jünger werden.
Beten wir darum für den Sünder in uns, beten wir für den Sünder, der unser Nächster ist, lassen wir uns immer wieder ermutigen, Christus nachzufolgen, und laden wir den Nächsten ein, Ihm ebenfalls zu folgen.

Amen.

Gen. 4, 1-16a; 1Jh. 4, 7-12; Lk. 10, 25-37.
Saint Dié, 18. September 2011.

26
Sept
11

Was meint…

… die Pfarrfrautochter eigentlich, wenn sie mir ihre Trinkflasche in die Hand drückt und dann sehr eindrücklich auf die Küchenlampe zeigt?

Soll ich mir vielleicht einen auf die Lampe gießen?

21
Sept
11

Manche Leute…

… brauchen nur wenige Wochen, um zu beweisen: sie haben nichts gelernt, sie wollen nichts lernen, und sie werden nichts lernen.

Ich glaub, ich muß mal meine Sandalen ausklopfen und mir die Füße waschen.

21
Sept
11

aha.

Tasse heiß heiß heiß. Teddy heiß heiß heiß. Teddy Tasse heiß heiß.

(Auf der Tasse ist ein Teddybär aufgedruckt.)

13
Sept
11

11. September

Nun gehts also wieder mal drum: wo warst du vor 10 Jahren, was hast du gemacht, gedacht, gefühlt?

Ich weiß, wo ich war. Gedacht habe ich an Welles‘ „Krieg der Welten“.

Aber warum machen wir uns so an diesem einen Ereignis fest, so grausam es auch war? In Dresden sind in den Bombennächten des Februar 1945 Hunderttausende umgekommen, mit dem einzigen Ziel, „den Terror auf die Bevölkerung zu verstärken“ (Quelle: Telegrammentwurf von W.Churchill), und dem Organisator ist dafür ein Denkmal gesetzt worden. In den Neunzigern.
Es steht zu vermuten, daß die Organisatoren der Attentate des 11.9.01 ihre Taten genauso für gerechtfertigt halten wie Bomber-Harris den Massenmord in Dresden.
Von Dresden reden wir bestenfalls einmal im Jahr…
Von den hunderten Toten, die durch Bussprengungen in den Straßen von Jerusalem und Tel Aviv ums Leben kamen, bis der Zaun gebaut wurde, spricht keiner. Auch nicht davon, daß seit der Errichtung des Zauns keine solchen Attentate mehr stattgefunden haben. Statt dessen wird dieser Zaun verglichen mit dem Zaun um Auschwitz – aber welcher Auschwitz-Insasse hat mit Massenmördern zusammengelebt, Massenmörder geistig unterstützt, eine Regierung gewählt, die Massenmord legitimiert? Vor welchem Auschwitz-Insassen mußte das Leben anderer geschützt werden?

Eben.

Wenn die Menschenrechte geschützt werden müssen, indem Lager wie Guantanamo eingerichtet werden, wer schützt die Menschen und ihre Rechte vor Guantanamo?
Wie kann Freiheit geschützt werden, indem Freiheitsrechte immer weiter eingeschränkt werden?
Auf meiner Schule stand, „inoffiziell“ angeschrieben: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ In den letzten zehn Jahren habe ich gelernt, was damit heute gemeint ist – und ich glaube nicht, daß es bärtige Turbanträger sind, vor denen wir uns am meisten in acht nehmen müssen.
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist viel stärker gefährdet durch die Verbrecher im weißen Kragen, die sie als Vorwand nehmen, um sie zu unterhöhlen.

09
Sept
11

in die Hände Gottes geben

(Auszug aus einem Trauergottesdienst)

Henri M. wird am … 1927 in R. geboren. Er ist der zweite von drei Söhnen, und seine Eltern führen die evangelische Schlachterei in der Stadt. Die Eltern arbeiten sehr hart, und sehr jung schon nehmen die Jungen am Beruf der Eltern teil. Am … 1941 wird Henri in der evangelischen Kirche in R. konfirmiert. Und ich erlaube mir, einen Absatz aus dem Kleinen Katechismus Martin Luthers zu zitieren, den Henri sicherlich auswendig lernen mußte:

DAS ACHTE GEBOT
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.

(Anm: zitiert nach dem Internetauftritt der EKD, im Gottesdienst in der französischen Übersetzung.)
Mit 17 Jahren wird Henri durch die deutschen Besatzer eingezogen und gräbt Schützengräben. Vier Jahre später ruft ihn die französische Republik zu den Waffen.
Im elterlichen Betrieb interessiert sich Henri vor allem für den Einkauf der Tiere. Lieber kauft er, begutachtet, wählt aus und verhandelt einen guten Preis, als sie zu töten und zu zerlegen.
1952 lernt er Th. kennen, die 1954 seine Frau wird. Die gemischtkonfessionelle Ehe wird am M. gesegnet, es gibt keine Brautmesse. Die jungen Eheleute leiden an der Mißachtung, die sie von der katholischen Kirche erfahren, und ebenso von den Eltern M., die ihre katholischen Schwiegertöchter nicht schätzen.
Die jungen Eheleute gehen nach Saint Dié und bauen ihren Viehhandel auf.
Zwei Kinder entstammen ihrer Ehe: C., 1955 geboren, und P., 1962. Fünf Enkel haben sie, und eine Urenkelin, die bald große Schwester werden wird.
Die Welt der Landwirtschaft wird in den folgenden Jahren komplett umgewälzt, und mit ihr die Arbeit des Viehhändlers. Es gibt immer mehr Regeln und Grenzen, die Bauern spezialisieren sich und schließen sich in Kooperativen zusammen. Henri kann nur schwer mit diesen Veränderungen umgehen. Sein Beruf ist sein Leben, und sein Beruf ist es, von Hof zu Hof zu fahren, die Tiere zu begutachten und vielleicht zu kaufen.
1986 zwingt ihn ein erster Schlaganfall, es langsamer angehen zu lassen. In den folgenden Jahren erleidet er weitere Anfälle, die aber zum größten Teil erst letzte Woche im Krankenhaus diagnostiziert wurden.
Der große, starke Mann wird immer weniger. Er nimmt stark ab, und mit den körperlichen Kräften schmelzen auch sein Charakter und sein Geist.

In allem, was ich über ihn gehört habe, entdecke ich in Henri M. einen Mann, der nie sein konnte, was er war, der nie im Einklang mit sich selbst war, und auch nicht mit den Erwartungen seiner Umwelt.
Ich sehe das Kind, das in einem wenig elterlichen Haus aufwächst, wo die Kinder hauptsächlich als zukünftige Arbeitskraft für den Betrieb angesehen werden, und wo es nie die Zärtlichkeit einer Mutter, die Liebe der Eltern hat erfahren können. Ich wage es, von einem seelischen Waisenkind zu sprechen. Man war noch Lichtjahre von der modernen Kinderpsychologie entfernt…
Während seines ganzen Lebens bleibt Henri in seiner Seele ein Kind auf der Suche nach Liebe, auf der Suche nach Orientierung, aber unfähig, die Verantwortung zu tragen, die man ihm, dem Erwachsenen, auflegt und abverlangt. Wie ein Kind vergißt er alles um sich herum, wenn er tut, was ihm am meisten Erfüllung gibt: von Hof zu Hof fahren und Tiere kaufen. In gewisser Weise kann man sagen, daß das ganze Leben für ihn ein Spiel ist.
Ich sehe da keine Bosheit, es fehlt wohl auch nicht an gutem Willen – er kann einfach die Dinge nicht so ernst nehmen wie seine Umwelt, und er ist sicher unglücklich darüber, ohne es freilich ausdrücken zu können: in einer Schlachterei erlaubt man sich keine Gefühlsduseleien…
Gegen Ende seines Lebens, als die Krankheit ihn bereits dezimiert hat, vergißt er mehr und mehr die Pflicht, erwachsen zu sein, die ihn so sehr belastet hat, und spielt mit den Enkeln und läßt sich wiegen in der Aufmerksamkeit seiner Frau.
Vor wenigen Tagen streckt ihn, im Restaurant, ein letzter Schlaganfall nieder. Er wird wiederbelebt, ins Krankenhaus in der Kreisstadt gebracht – aber er kann aus eigener Kraft nicht mehr leben. Als die Maschinen abgeschaltet werden, verlischt Henri M. in den Abendstunden des 2. September.
Weiterlesen ‚in die Hände Gottes geben‘

05
Sept
11

Premiere

Das ist das absolut erste Mal, daß ich in der Beschreibung des Verstorbenen das Achte Gebot samt Erklärung aus Luthers Katechismus zitiere. Aber hier scheint es mir unumgänglich… und vielleicht hilft es den Hinterbliebenen, den Ehemann und Vater zu verstehen, der nie den Erwartungen entsprechen konnte.




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