Archiv für Mai 2011

27
Mai
11

Zeugen gesucht

Hage – Einbruch
In der Nacht zu Donnerstag kam es in Hage zu einem Einbruch. In der
Nordseestr. drangen unbekannte Täter in ein Wohnhaus ein, indem sie ein
Fenster einschlugen. Zuvor hatten sie das Schloß geknackt, das zu einer
der Umzäunung des Grundstückes gehörte. Das Wohnhaus wurde von den
Tätern durchsucht. Über erlangtes Diebesgut ist noch nichts bekannt.
Bereits in der Nacht zu Mittwoch, bis ca. 14.15 Uhr, drangen unbekannte
Täter gewaltsam in einen Container des Klootschießervereins im Breiten
Weg ein. Die Täter überwanden das Schwingtor des Containers und
durchsuchten diesen. Auch hier ist über die erlangte Beute noch nichts
bekannt. Sachdienliche Hinweise werden an die Polizei Norden,
04931/9210, erbeten.

Quelle: http://www.polizei.niedersachsen.de/aurich/presse/ – Meldung vom Freitag, 27.5.2011

Als ob man das noch bräuchte…

22
Mai
11

Um und um

Mt.21, 14-17
In der Vorbereitung dieser Predigt habe ich den Bibelabschnitt, den wir gerade gehört haben, hin- und hergewendet, und er wollte nicht sprechen. Ich habe ihn noch mal umgewendet, und habe festgestellt: er ist unvollständig, ihm fehlt der Anfang. Damit er sich für uns öffnet, müssen wir ihn vom Anfang her lesen. Ich lese also noch einmal, und damit wir uns nicht zu sehr an eine Übersetzung gewöhnen, nehme ich eine andere Ausgabe.
Lesung Mt 21, 12-17
Ich könnte euch nun überschütten mit allen Informationen, die uns helfen wollen, diese zwei zusätzlichen Verse zu verstehen. Von der speziellen Währung beispielsweise, die im Tempel verwendet wurde, denn um heilige Dienste zu bezahlen, gab es kein profanes Geld: man verwendete die Währung des Tempels, ohne Bild und nur zum religiösen Gebrauch. Was zwingend dazu führt, daß rund um den Tempel Wechselstuben errichtet werden wie an den Grenzen eines Währungsgebiets. Und in gewisser Weise auch Jesu berühmte Antwort banal macht: „gebt Gott, was Gott gehört“ – Schekel des Tempels – „und gebt Cäsar, was Cäsar gehört“ – römische Denare als Steuermünze.
Das ist alles interessant, aber betrifft nur einen kleinen Teil unseres Textes. Und soll uns hier nicht weiter bekümmern. Denn dieser kleine Teil gibt uns den Schlüssel für den Predigttext dieses Sonntags: das kleine Wort „umstürzen“.

Die gewohnte Ordnung wird umgestoßen, wo Jesus durchgeht, ist nichts an seinem Platz geblieben. Alles scheint Chaos zu werden, aber in Wahrheit stellt Jesus die vom Schöpfer gewollte Ordnung wieder her. Und so wird der Tempel, der zum Besitz der einen und der anderen geworden ist, die sich ihre Kreise streng abgrenzen, zum Eigentum der regelmäßigen Besucher und der Angestellten, so wird der Tempel seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben und seiner Berufung: „Mein Haus soll ein Bet-Haus sein für alle Völker“, wie es auf unserem Kirchlein in Senones geschrieben ist.
Zwischen den umgestürzten Tischen sehen wir nun zuerst die, die vom Leben verletzt sind, die Obdachlosen, die Arbeitslosen, die Familienlosen, die Namenslosen. Sie bleiben nicht mehr an dem ihnen zugewiesenen Ort, vor der Tür auf den Stufen, sondern sie treten vor, befreit, frei, in der Mitte des Saales zu sein, im Zentrum des Interesses. Jesus fordert von ihnen kein Glaubenszeugnis, er erwartet nichts. Er heilt. Er heilt die Augen, die weder die Schönheit der Schöpfung noch die Einsamkeit und das Leid des Nächsten sehen können. Er heilt die Füße, die nicht auf den Nächsten zugehen können, die Arme, die sich nicht heben können, um den Nächsten zu empfangen, zu stützen und zu segnen.
Ist das nicht wunderbar, haben wir nicht allen Grund, unseren Gott zu loben?
Aber wir sehen auch die, die offenbar nicht geheilt sind. Sie können den Umsturz nicht akzeptieren, die Vertreter der alten Ordnung. Ihr System ist bis in die Grundfesten erschüttert, zerfällt in Stücke. Sie finden sich nicht mehr zurecht, finden ihren angestammten Platz nicht mehr, weil der inzwischen von den Bettlern besetzt ist, und von den Kindern, die an Stelle des Hohenpriesters die Ehre Gottes verkündigen.
Nein, so geht das nicht! Und Jesus müßte das doch sehen, müßte es doch wissen!
Aber Jesus zuckt die Schultern. Es ist gut und richtig für ihn, daß die, die man auf die Seite schiebt, die, die die Gespräche der anständigen Leute stören, die, die vom Wohlwollen anderer abhängen – daß all diese Menschen das Recht haben, vor Gott zu sprechen. Daß Gott, statt sich auf die Stützen der Gesellschaft zu verlassen, die unwürdigen Menschen wählt, damit sie seine Ehre verkündigen und seinem Ruhm lobsingen.
Die Priester halten sich für die Wächter der göttlichen Ordnung, aber indem sie die Kleinen, die Schwachen ausschließen oder an den Rand drängen, handeln sie just gegen die gottgewollte Ordnung. Das müssen sie lernen!
Ja, es gilt Gott zu loben, wenn er die Ordnung der Dinge umwirft. Wenn er in die Mitte der Gemeinde Menschen beruft, die Randfiguren geworden waren, weil die anderen sie nicht akzeptieren oder weil sie ganz einfach nicht mehr ihren Platz inmitten ihrer angestammten Gemeinschaft finden.
Wir freuen uns heute sehr, daß Denise, die in ihrer Ursprungsgemeinde ihren Platz nicht mehr fand, endlich eine andere Gemeinde gefunden hat, in der sie zuhause ist, wo sie ihren Glauben an Jesus Christus fröhlich leben kann. Und Gott allein weiß, wieviel Entbehrung und Leid sie erduldet hat, wieviel Zeit sie gebraucht hat, bis sie diesen Schritt tun konnte, ihren alten Platz, als Randfigur, zu verlassen und den Platz zu finden, der sie seit langem erwartete, in der umfassenden Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern.
Wir freuen uns erst recht, daß sie diesen Platz bei uns gefunden hat, in unserer Reformierten Kirche, und daß sie aktiv am Leben dieser Gemeinde teilnehmen will, zu der sie fortan gehört. Versteht mich recht: die Kirche Jesu Christi ist Eine, auch wenn sie in vielerlei Formen auf Erden existiert, in vielen Kirchen verschiedener Namen und Riten – aber es gibt doch nur Einen Herrn. Es ist unwichtig, in welcher Gemeinde man seinen Platz findet – wichtig ist, daß man zur Kirche Jesu Christi gehört.
Manchmal sind wir im Lauf unseres Lebens genötigt, den Platz zu wechseln. Sei es wegen eines Umzugs, wegen eines Ereignisses in der Familie, das uns zum Wechsel der Gemeinde drängt, oder weil die Art, wie unsere bisherige Gemeinde den christlichen Glauben lebt, uns nicht mehr entspricht. Manchmal müssen wir auch innerhalb unserer Gemeinde den Platz wechseln, Verantwortung auf uns nehmen, die wir vorher nicht trugen, oder – was schwerer ist – Aufgaben abgeben, die uns lieb waren.

Es ist nicht leicht, diese Veränderungen und Umbrüche zu leben. Wir haben gesehen, wie schwer es den Tempelpriestern fiel, zu akzeptieren, daß die Randfiguren ins Zentrum des Geschehens treten. Das alles wühlt uns auf, bringt uns durcheinander.
Aber wenn Jesus in unserem Leben die Tische umwirft und die Ordnungen und Strukturen unseres Lebens und unserer Herzen, dann tut er das nicht, um uns wehzutun, er tut es nicht, um Unordnung zu stiften. Er tut es, um Raum zu schaffen, damit ER dort Neues schaffen kann.
Oft sehen wir erst viel später, wozu es gut war, wozu wir derart erschüttert wurden. Aber dann können wir Gott preisen, ihm danken für diese Veränderungen, für das Neue, das den Raum des Alten einnmimmt, des Alten, das nicht mehr gut für uns ist. So können wir gleich mit dem 27. Psalm singen, und mit Denise: „Ich erhebe und preise den, der mich frei macht“.
Amen.

Cantate 2011, Saint Dié. Aufnahme eines neuen Mitglieds in die Gemeinde.
Jes. 12, 1-6. Col. 3, 12-17. Mt. 11, 25-30. Predigt: Mt. 21, 14-17.

19
Mai
11

Das leidige Hirntodargument…

Vor einigen Wochen hatte ich das Thema Organspende angesprochen. Nun macht freundlicherweise der Kollege Wolfgang Voegele darauf aufmerksam, daß unter diesem Link (pdf) viel Lesenswertes zum Thema zu finden ist.

Unter anderem steht da auch drin, daß der Hirntod – pointiert zusammengefaßt – ein Konzept ist, mit dem sich die Transplantationsbefürworter selbst in die Tasche lügen: wie kann man behaupten, jemand sei tot, der auf die Organentnahme noch mit sichtbaren Schmerzzeichen reagiert und deshalb unter Narkose gesetzt werden muß? Wie kann man behaupten, jemand sei tot, der sich noch bewegt?
In Deutschland ist keine Apparatediagnose des Hirntodes vorgeschrieben. Man stelle sich vor, wie genau die Diagnose sein kann, wo doch niemand hinter das Brett vorm Kopf gucken kann!
So sprechen denn auch eine Reihe von Medizinern offen davon, daß sie bei der Organentnahme einen Menschen töten.

Für mich ist die Konsequenz eindeutig: wer sich schlachten lassen will, darf gern einen Organspendeausweis ausfüllen; ich meinerseits werde allerdings meinen Widerspruch zu Protokoll geben. Widerspruch dagegen, als Noch-nicht-Toter ausgeweidet zu werden, Widerspruch auch dagegen, daß mir Organe eingesetzt werden könnten, die noch-nicht-toten Menschen entnommen wurden. Sprich: Keine Organspende für mich. Punkt.

Edit: Link korrigiert

19
Mai
11

„Gib Gas, chéri…“

„Christjann“ hat in einem humorvollen Blogeintrag beschrieben, wie man als Fußgänger in Frankreich unterwegs sein muß – und auch, wie als Autofahrer, denn beides beeinflußt sich ja.
Ich möchte euch das einfach zu lesen empfehlen; es deckt sich hundertprozentig mit meinen eigenen Erfahrungen, aber so schön hätte ich es nicht schreiben können.

08
Mai
11

Schlechte Hirten, miese Böcke…

Das Bild vom Hirten, und erst recht vom Guten Hirten, ist für viele von Schnorr und anderen romantischen Bildern bestimmt: der starke Mann mit dem weichen und milden Blick, der auf seinen breiten Schultern das kleine erschöpfte Lamm trägt, und der das Verlaufene zur Herde zurückbringt.
Das Bild reizt auch zur Auflehnung: wer will schon so gegriffen werden, ohne um seine Meinung gefragt zu sein? Wir leben in einer Zeit der Autonomie, der Selbstbestimmung, wir wollen nicht einfach so mitgenommen werden.
Aber ist die Autonomie denn Wirklichkeit, sogar bei uns (in Frankreich), im Land der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, wie es auf wirklich jedem Rathaus und jeder Schule dieses Landes angeschrieben ist?
Der Prophet Hesekiel, und Gott durch die Worte des Propheten, setzt nicht auf die Karte des Retter-Hirten, des milden und weichen Hirten. In unserem Text sind die Hirten die, denen aufgetragen ist, die Herde zu führen, sie zusammenzuhalten; sie tragen die volle Verantwortung. Sie haben für das Wohlergehen ihrer Schafe zu sorgen, sie müssen sich versichern, daß die Schwachen nicht durch die Stärkeren verdrängt werden, und sie sind Ärzte ebenso wie Führer und Wächter. Sie müssen Rechenschaft geben für die Gesundheit und das Leben eines jeden Tieres, das ihnen anvertraut ist.
Aber Gott muß feststellen, daß diejenigen, denen er sein Volk anvertraut hatte, diejenigen, die seine Kirche führen und pflegen sollten, ihrer Aufgabe nicht nachgekommen sind. Statt die Kirche aufzubauen, haben sie ihr eigenes Fortkommen gesucht. Statt die Kranken und Leidenden zu pflegen, haben sie ihre Macht gestärkt. Statt die Übergriffe einzudämmen, haben sie daran teilgenommen, und statt die zurückzuholen, die auf Irrwege gehen, haben sie die besten Elemente mundtot gemacht. Sie haben der Liebe gemangelt für die, die ihnen anvertraut waren, und sie statt dessen mit Gewalt und Mißgunst mißhandelt.
Das, sagt Gott, das ist schlimmer als gar kein Hirte, wenn man solche Hirten hat. Die Gläubigen haben sich zerstreut, sie haben ihre Anhaltspunkte verloren und werden nun Opfer aller diabolischen Ideologien.
Das ist UNHINNEHMBAR! Deshalb verpflichtet sich Gott bei seinem heiligen Namen und seiner Existenz: die schlechten Hirten werden Rechenschaft ablegen müssen für ihre Taten, für jede verlorene Seele, für jedes einzelne das sie verloren haben, als sie lieber ihr eigenes Wohlergehen, ihre eigene Macht, ihre eigene Ehre suchten. Sie werden bezahlen müssen.
Aber das große Leid in der Kirche liegt nicht einzig an der Schuld ihrer Führer. Auch der einfache Gläubige ist daran mitbeteiligt.Statt sich mit seinem Teil der Weide und des frischen Wassers zu begnügen, trübt er das Wasser der anderen und zerwühlt die Erde, so daß der andere keine Nahrung mehr findet. „Alles für mich, nichts für dich“, das Streben nach Überlegenheit und Macht ist also nicht das zweifelhafte Privileg der Hirten, sondern ebenso verbreitet unter ihren Schützlingen. Es herrscht tiefster Mangel an gegenseitigem Respekt, den wir in der christlichen Welt Nächstenliebe nennen.
Der eine frißt sich auf Kosten des anderen voll, und der andere hungert. Einer stößt den anderen in die Seite, um ihn vom Weg abzubringen und selbst am schnellsten am Trog zu sein. Das verirrte Schaf – ist es eigentlich das, das vom Weg abkommt, oder das, das wie ein Sturmpanzer die anderen auseinandertreibt?
Und auch hier sagt Gott NEIN! Gewalttätige Schäfer oder gewalttätige Schafe, machthungrige Hirten oder machthungrige Lämmer, Hirten oder Schafe, die nur ihrem Bauch leben – Gott zieht sie alle zur Rechenschaft. Und entfernt sie von seiner Herde, seier Kirche.
Die Kirche braucht Glieder, die sich um die anderen Glieder sorgen, sie kann nur leben, wenn ihre Glieder sich nicht für wichtiger und würdiger als die anderen halten, sondern das Wohlergehen des Ganzen suchen, sich für den gesamten Leib einsetzen. Und sie braucht existentiell den Guten Hirten, den, der nicht seinen Profit sucht, sondern die Gesundheit, die gute Entwicklung und das Wohlergehen eines jeden Glieds seiner Herde, so schwach und kipplig es auch sein mag. Sie kann nicht anders leben als unter Stecken und Stab dieses Hirten, der sich vor die Wölfe und Füchse wirft, um seine Schafe zu beschützen – aber der eben auch aus ihrer Mitte die bösen und gewalttätigen Biester entfernt, die absichtlich die anderen am Leben hindern. Der Gute Hirte, der lebendige Gott höchstselbst, wird das verletzte Schaf pflegen, das hungrige Lamm zum frischen Kraut und zum frischen Wasser bringen und es nach einem anstrengenden Marsch pflegen und füttern. Er wird allen Christen Recht schaffen und die falschen … Christen aus der Kirche entfernen.

Der so geläuterten Herde wird er eine Weide ohne Gefahren bieten, wo ein jeder leben und sich entfalten kann. Es wird weder Bosheit in der Herde geben, noch übeläugige*) Hirten, noch wilde Tiere. Es wird nur Gottes Liebe geben.

Ach, daß dies doch bald geschehe! Beten wir zum Herrn, daß er nicht länger verziehe!
Amen.

*) Im Französischen steht hier das Wort „malveillant“, das meist als „übelwollend“ gebraucht wird, in seiner Urform „mal veillant“ aber „schlecht wachend“ heißt. Beide Bedeutungen sind hier gewollt.

Misericordias Domini 2011.
Lesungen: 1. Petr. 2, 21b-25; Joh. 10, 11-16. Pr (=AT-Lesung): Hes. 34, 1-31. Die Auslassungen der Perikopenordnung sind hier nicht berücksichtigt.
Saint Dié, 8. Mai 2011.

07
Mai
11

Geschützt: Meine Zeit…

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07
Mai
11

Meine Zeit…

Gelernt habe ich es von einem Krebskranken, aber es gilt für uns alle, auch wenn es schwer zu akzeptieren ist:

Der Rest deines Lebens ist nicht morgen.
Darum warte nicht auf morgen, um „den Rest deines Lebens zu leben“.

Dein Leben ist jetzt.

Der Rest deines Lebens war gestern, vorgestern… der liegt hinter dir.
Dein Leben währt bis in eben diese Sekunde.

Und jede Sekunde, die noch vor dir liegt, ist ein Geschenk.
Darum kämpfe nicht, um noch mehr Sekunden zu bekommen, sondern nutze jede Sekunde, die dir geschenkt wird, um dein Leben zu leben.
Vernünftig leben ist gut und wichtig, aber noch wichtiger ist, sinnvoll zu leben. Solange es währt.

Zum Sinn-vollen Leben gehört – natürlich, mag mancher sagen – für mich, die Sache mit Gott zu ordnen. In der Einsicht, daß wir da nichts ordnen können, sondern ganz auf ihn angewiesen sind. Und in dem festen Vertrauen, daß er, wenn wir nur von Herzen drum bitten, alles wegwischt, was uns von ihm trennen kann.
Dazu gehört aber auch, daß wir die Sachen mit unseren Mitmenschen ordnen, nicht einfach laufen lassen, sondern auch da versuchen, Frieden zu finden.
Und dazu gehört, nicht dauernd auf uns selbst zu starren – und vor allem nicht auf die Lebensspanne, die noch vor uns liegen mag. Letztlich ist es falsch, der Treppe den Vorzug vor dem Aufzug zu geben, „weil jede gestiegene Treppenstufe einem zwei Sekunden mehr Lebenszeit verschafft“. Und wenn morgen ein Flugzeug auf dein Hausdach stürzt?
Aber wenn du die Treppe steigst, weil du weißt, dann fühlst du dich ein bißchen besser und pumpst dein Blut mal durch die Adern, dann ist das etwas anderes. Da hast du eine direkte Folge deines Handelns, die sich auch belegen läßt.

Schwer ist es auch im Umgang mit Kranken, nicht auf die Verlängerung zu schauen. Gewiß, wer wollte uns vorwerfen, daß wir den lieben Menschen gern noch länger um uns gehabt hätten? Wer wollte uns das vorhalten, zumal wenn jemand in jungen Jahren todkrank wird? Wer wollte uns das verbieten, selbst wenn der liebe Kranke schon hundertvier ist? Er wird uns fehlen!
Aber wir machen es uns und den Kranken schwer, wenn wir immer darauf schielen, wie viele Tage vielleicht noch… Jeder Mensch kann und müßte uns eigentlich sagen: „mich habt ihr nicht allezeit bei euch!“ Und wir müßten das sogar für uns selbst lernen: wir werden nicht immer da sein können.
Und so sehe ich dann und wann, wenn ich zu Sterbenden gerufen werde, daß sie nicht loslassen können. Daß sie offensichtlich den Ruf ins Jenseits schon erfahren haben, aber noch nicht loslassen können, um hinüberzugehen. Oft auch, daß die Hinterbleibenden nicht loslassen können, pausenlose Wachen am Kranken- und Sterbebett halten – und wenn dann doch einer mal aus dem Raum geht, vielleicht wegen eines dringenden Bedürfnisses, dann stellt er beim Zurückkommen erschrocken fest, in seiner Abwesenheit hat sich der Sterbende klammheimlich davongemacht.
Das Leben ist, so grausam das klingt, ein Verlassen und Verlassenwerden: das Kind verläßt bei der Geburt den Leib der Mutter, es stellt sich auf eigene Füße, fängt an, eigene Wege zu gehen, und geht eines Tages aus dem Elternhaus, um einen eigenen Hausstand und eine eigene Familie zu gründen. Freunde kommen und gehen, Kollegen ebenfalls. Man selbst wechselt die Arbeitsstelle, zieht um, wechselt die Nachbarschaft, Nachbarn ziehen weg. Wir folgen Rufen, Berufungen, Sendungen: in neue Stellungen, in neue Verantwortungen, in Ehrenämter. In die Rente, die in Frankreich so schön realitätsfern „Rückzug“ heißt. Und eines Tages oder eines Nachts wird uns der Ruf ereilen in die jenseitige Welt, von der wir nichts wissen. Der Ruf, die Regenbogenbrücke zu überschreiten oder durch den langen Tunnel zu gehen, am Ende dessen uns das Licht erwartet… Bilder für etwas, von dem wir bestenfalls etwas ahnen aus den Erzählungen derer, die schon mal ganz nah dran waren.
Wenn meine Stunde einmal kommen wird, dann hoffe ich, daß ich loslassen kann. Und hoffe auch, daß meine Lieben loslassen können. Ich wünsche mir, bis dahin die Gegenwart mit ihnen zu leben und nicht von Vergangenheit und Zukunft in Beschlag genommen zu sein. „Ich wär ja so gern noch geblieben, aber der Wagen, der rollt…“ Ja, er rollt, und nicht wir sitzen auf dem Bock, um ihm Eile oder Weile, Halt oder Ziel zu gebieten.

06
Mai
11

Klare Ansage

NEIN GILLI




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