Mt.21, 14-17
In der Vorbereitung dieser Predigt habe ich den Bibelabschnitt, den wir gerade gehört haben, hin- und hergewendet, und er wollte nicht sprechen. Ich habe ihn noch mal umgewendet, und habe festgestellt: er ist unvollständig, ihm fehlt der Anfang. Damit er sich für uns öffnet, müssen wir ihn vom Anfang her lesen. Ich lese also noch einmal, und damit wir uns nicht zu sehr an eine Übersetzung gewöhnen, nehme ich eine andere Ausgabe.
Lesung Mt 21, 12-17
Ich könnte euch nun überschütten mit allen Informationen, die uns helfen wollen, diese zwei zusätzlichen Verse zu verstehen. Von der speziellen Währung beispielsweise, die im Tempel verwendet wurde, denn um heilige Dienste zu bezahlen, gab es kein profanes Geld: man verwendete die Währung des Tempels, ohne Bild und nur zum religiösen Gebrauch. Was zwingend dazu führt, daß rund um den Tempel Wechselstuben errichtet werden wie an den Grenzen eines Währungsgebiets. Und in gewisser Weise auch Jesu berühmte Antwort banal macht: „gebt Gott, was Gott gehört“ – Schekel des Tempels – „und gebt Cäsar, was Cäsar gehört“ – römische Denare als Steuermünze.
Das ist alles interessant, aber betrifft nur einen kleinen Teil unseres Textes. Und soll uns hier nicht weiter bekümmern. Denn dieser kleine Teil gibt uns den Schlüssel für den Predigttext dieses Sonntags: das kleine Wort „umstürzen“.
Die gewohnte Ordnung wird umgestoßen, wo Jesus durchgeht, ist nichts an seinem Platz geblieben. Alles scheint Chaos zu werden, aber in Wahrheit stellt Jesus die vom Schöpfer gewollte Ordnung wieder her. Und so wird der Tempel, der zum Besitz der einen und der anderen geworden ist, die sich ihre Kreise streng abgrenzen, zum Eigentum der regelmäßigen Besucher und der Angestellten, so wird der Tempel seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben und seiner Berufung: „Mein Haus soll ein Bet-Haus sein für alle Völker“, wie es auf unserem Kirchlein in Senones geschrieben ist.
Zwischen den umgestürzten Tischen sehen wir nun zuerst die, die vom Leben verletzt sind, die Obdachlosen, die Arbeitslosen, die Familienlosen, die Namenslosen. Sie bleiben nicht mehr an dem ihnen zugewiesenen Ort, vor der Tür auf den Stufen, sondern sie treten vor, befreit, frei, in der Mitte des Saales zu sein, im Zentrum des Interesses. Jesus fordert von ihnen kein Glaubenszeugnis, er erwartet nichts. Er heilt. Er heilt die Augen, die weder die Schönheit der Schöpfung noch die Einsamkeit und das Leid des Nächsten sehen können. Er heilt die Füße, die nicht auf den Nächsten zugehen können, die Arme, die sich nicht heben können, um den Nächsten zu empfangen, zu stützen und zu segnen.
Ist das nicht wunderbar, haben wir nicht allen Grund, unseren Gott zu loben?
Aber wir sehen auch die, die offenbar nicht geheilt sind. Sie können den Umsturz nicht akzeptieren, die Vertreter der alten Ordnung. Ihr System ist bis in die Grundfesten erschüttert, zerfällt in Stücke. Sie finden sich nicht mehr zurecht, finden ihren angestammten Platz nicht mehr, weil der inzwischen von den Bettlern besetzt ist, und von den Kindern, die an Stelle des Hohenpriesters die Ehre Gottes verkündigen.
Nein, so geht das nicht! Und Jesus müßte das doch sehen, müßte es doch wissen!
Aber Jesus zuckt die Schultern. Es ist gut und richtig für ihn, daß die, die man auf die Seite schiebt, die, die die Gespräche der anständigen Leute stören, die, die vom Wohlwollen anderer abhängen – daß all diese Menschen das Recht haben, vor Gott zu sprechen. Daß Gott, statt sich auf die Stützen der Gesellschaft zu verlassen, die unwürdigen Menschen wählt, damit sie seine Ehre verkündigen und seinem Ruhm lobsingen.
Die Priester halten sich für die Wächter der göttlichen Ordnung, aber indem sie die Kleinen, die Schwachen ausschließen oder an den Rand drängen, handeln sie just gegen die gottgewollte Ordnung. Das müssen sie lernen!
Ja, es gilt Gott zu loben, wenn er die Ordnung der Dinge umwirft. Wenn er in die Mitte der Gemeinde Menschen beruft, die Randfiguren geworden waren, weil die anderen sie nicht akzeptieren oder weil sie ganz einfach nicht mehr ihren Platz inmitten ihrer angestammten Gemeinschaft finden.
Wir freuen uns heute sehr, daß Denise, die in ihrer Ursprungsgemeinde ihren Platz nicht mehr fand, endlich eine andere Gemeinde gefunden hat, in der sie zuhause ist, wo sie ihren Glauben an Jesus Christus fröhlich leben kann. Und Gott allein weiß, wieviel Entbehrung und Leid sie erduldet hat, wieviel Zeit sie gebraucht hat, bis sie diesen Schritt tun konnte, ihren alten Platz, als Randfigur, zu verlassen und den Platz zu finden, der sie seit langem erwartete, in der umfassenden Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern.
Wir freuen uns erst recht, daß sie diesen Platz bei uns gefunden hat, in unserer Reformierten Kirche, und daß sie aktiv am Leben dieser Gemeinde teilnehmen will, zu der sie fortan gehört. Versteht mich recht: die Kirche Jesu Christi ist Eine, auch wenn sie in vielerlei Formen auf Erden existiert, in vielen Kirchen verschiedener Namen und Riten – aber es gibt doch nur Einen Herrn. Es ist unwichtig, in welcher Gemeinde man seinen Platz findet – wichtig ist, daß man zur Kirche Jesu Christi gehört.
Manchmal sind wir im Lauf unseres Lebens genötigt, den Platz zu wechseln. Sei es wegen eines Umzugs, wegen eines Ereignisses in der Familie, das uns zum Wechsel der Gemeinde drängt, oder weil die Art, wie unsere bisherige Gemeinde den christlichen Glauben lebt, uns nicht mehr entspricht. Manchmal müssen wir auch innerhalb unserer Gemeinde den Platz wechseln, Verantwortung auf uns nehmen, die wir vorher nicht trugen, oder – was schwerer ist – Aufgaben abgeben, die uns lieb waren.
Es ist nicht leicht, diese Veränderungen und Umbrüche zu leben. Wir haben gesehen, wie schwer es den Tempelpriestern fiel, zu akzeptieren, daß die Randfiguren ins Zentrum des Geschehens treten. Das alles wühlt uns auf, bringt uns durcheinander.
Aber wenn Jesus in unserem Leben die Tische umwirft und die Ordnungen und Strukturen unseres Lebens und unserer Herzen, dann tut er das nicht, um uns wehzutun, er tut es nicht, um Unordnung zu stiften. Er tut es, um Raum zu schaffen, damit ER dort Neues schaffen kann.
Oft sehen wir erst viel später, wozu es gut war, wozu wir derart erschüttert wurden. Aber dann können wir Gott preisen, ihm danken für diese Veränderungen, für das Neue, das den Raum des Alten einnmimmt, des Alten, das nicht mehr gut für uns ist. So können wir gleich mit dem 27. Psalm singen, und mit Denise: „Ich erhebe und preise den, der mich frei macht“.
Amen.
Cantate 2011, Saint Dié. Aufnahme eines neuen Mitglieds in die Gemeinde.
Jes. 12, 1-6. Col. 3, 12-17. Mt. 11, 25-30. Predigt: Mt. 21, 14-17.
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