Sie waren dagewesen, um über das Grab zu wachen, nachdem Joseph von Arimathia es geschlossen hatte. Am Sabbattag hatten sie nicht kommen können, am Sabbat geht man keinen Schritt weiter als unbedingt nötig. Aber sobald der Sonnenaufgang den neuen Tag anbrechen läßt, gehen sie wieder hin. „Um das Grab zu sehen“, sagt der Evangelist – und sicher, um aufzupassen, daß alles in Ordnung ist. Das würde der Dienst sein, den sie ihrem Freund und Meister erweisen könnten, nachdem er wie ein Terrorist an einem römischen Kreuz krepiert ist. „König der Juden“ hatte man auf dem Kreuz lesen können – was für ein armseliger König… ein paar mißtrauische Soldaten wachen an seinem Grab, und nur zwei Frauen sind aus seinem Gefolge übriggeblieben, um die Totenwache zu halten. Um so ernster nehmen sie ihren Dienst.
„Und siehe, es geschah…“ Mit diesen trockenen Worten macht der Evangelist deutlich: plötzlich bricht etwas völlig Neues in die Situation hinein. Die Erde beginnt zu beben, der Engel des Herrn, der vom Himmel herabsteigt, erschüttert die Erde. Ein Erdbeben wie vor drei Tagen, als Jesus seinen letzten Atemzug getan hatte… Gott ist am Werk, und die Erde zittert. Der Engel, der Bote Gottes, weiß gekleidet und licht wie der Blitz, rollt den großen Stein beiseite und setzt sich darauf. Die Tempelsoldaten fallen einfach um, wie tot, überwältigt durch die Wucht dieser Erscheinung der Macht Gottes. Die Frauen scheinen nicht umgehauen zu sein – aber sie haben offensichtlich große Angst. Sie zittern wie der Boden unter ihren Füßen. Denn der Engel sagt ihnen: „Fürchtet euch nicht.“ Aber wer wäre nicht voller Angst bei einem derartigen Ereignis, das die ganze Erde erschüttert?
Die Furcht ist das Markenzeichen dieser Welt. Furcht, Angst… seit Adam und Eva beherrscht sie das Leben der Menschen. Muß man nicht vor Angst zittern, wenn der Lebendige Gott sich nähert? Es gibt Ausnahmen, vor allem Abraham, aber selbst ie Propheten werden erschüttert durch die gewaltige Gegenwart des Herrn der Gerechtigkeit, des Herrn der Heerscharen. Seit der verbotenen Frucht ist das Verhältnis der Menschen zu Gott ein Verhältnis voller Furcht, Mißverständnis, Auflehnung, Zorn…
Die Tempelwächter, vom Hohen Rat entsandt, um zu verhindern, daß jemand den Leichnam des Gekreuzigten entwende, sie erleben diese Furcht bis in die Knochen. Sie sind da als Vertreter des Tempels, der Macht, die das Königreich Christi leugnet und bekämpft, der Macht, die es geschafft hat, den Messias wie einen der miesesten Kriminellen umbringen zu lassen. Sie vertreten den Anti-Christ – und vor der Erscheinung des Engels des Lebendigen Gottes fallen sie wie die Fliegen.
Auf der anderen Seite: die Botschaft des Lebens. Sie beginnt, in der Rede des Engels wie in Jesu Worten, mit einer Aufforderung zur Freude: „Fürchtet euch nicht“, „Freuet euch!“ Freudenworte, die sich der Angst entgegenstemmen. Freuet euch und fürchtet euch nicht, sagt Jesus. Freuet euch – worüber denn? Daß Jesus lebt? Sicher – und sicher nicht in dem Sinn, den manche modernen Autoren darin sehen: daß er gar nicht tot war, sondern nur im Koma. Daß er in der Nacht aufgewacht ist und irgendwann aufgestanden.
Nein, das ist es nicht. Alle Evangelisten legen großen Wert auf die Tatsache, daß er richtig und wahrhaftig tot war. Sein Blut sprudelte nicht aus der Seitenwunde, sondern floß träge. Es war kein Kreislauf mehr vorhanden. Er war einbalsamiert und in getränkte Lappen gewickelt, das hätte kein Scheintoter überlebt. Jesus war tot, daran gibt es keinen Zweifel.
Und doch ist er jetzt lebendig. Aber, Matthäus ist das sehr nachdrücklich, es ist nicht das Leben von vorher. Wie Paulus sagt (2.Cor.5): das alte ist vergangen; siehe, alles ist neu geworden. Und das alles kommt von Gott.
Matthäus sagt es mit anderen Worten, aber nicht weniger deutlich. Es ist der erste Tag nach dem Sabbat, der erste Tag nach der Ruhe Gottes… eine neue Woche bricht an, eine Woche, in der Gott nicht ausruht, sondern in der er am Werk ist. Die Erde bebt wie am ersten Schöpfungstag, als Gott das Licht und die Finsternis an ihre Plätze verweist, wie am zweiten Tag, als Gott den Himmel und die Erde trennt. Die neue Schöpfung beginnt, und wenn wir auch den Schöpfer nicht am Werk sehen, der den Himmel und die Erde wieder zusammenbringt, so sehen wir doch seinen Engel, seinen Boten, der die Dinge bewegt. Der den großen Stein wegrollt, der zwischen Jesus und uns lag, und sich daraufsetzt: „den beherrsche ich!“ Der dieses Friedenswort an uns richtet: „Fürchtet euch nicht!“ Der Gekreuzigte, das gemeuchelte Opfer des Antichrist, der Gekreuzigte ist nicht hier. Er ist vom Tod auferweckt worden durch den Willen des Vaters und hat so den Tod, den Erzfeind des Menschen seit der verbotenen Frucht, besiegt. In Jesus Christus war der Gott des Lebens stärker als der Tod – er ist stärker als der Tod.
Er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat. Christus hält Wort. Alle seine Worte sind Wahrheit, selbst die unwahrscheinlichsten. Er hält Wort. Wir können ihm vertrauen. Wir können uns ihm anvertrauen, denn er allein ist verläßlich. „Es ist unsinnig, sich auf Menschen zu verlassen“, sagt der Psalmist.
Zur Botschaft kommt ein Aufruf, ein Auftrag: geht und sagt den Jüngern, was ihr gehört habt! Wenn für einen einzelnen Menschen das Verhältnis zu Gott wiederhergestellt ist, wenn nur für einen einzigen Mann oder eine einzige Frau Gott nicht mehr der zu Fürchtende ist, sondern der, dem man sich anvertrauen kann wie ein Kind, das sich ganz natürlich seinen Eltern anvertraut, wenn die Dinge derart wiederhergestellt sind, weil Gott in Ordnung bringt wie am ersten Schöpfungstag – dann muß man es weitersagen. Man muß es den anderen sagen. Schon der Prophet Amos sagte: „Gott hat geredet, wer würde es nicht verkündigen?“ Der Engel ruft uns auf, es den anderen zu sagen, die es nicht wissen. Die es nicht glauben können. Die gefangen sind in ihren Fürchten und Ängsten.
Die Frauen haben lauter Freude im Herzen – nein, noch nicht ganz. Sie haben auch noch Furcht. Sie eilen, zwischen Furcht und Freude, um zu teilen, mitzuteilen, was sie erlebt haben. Und Jesus stellt sich in ihren Weg. Jesus sagt ihnen, was aussieht wie eine übliche Grußformel jener Zeit, und es gibt Übersetzungen, die hier einfach „hallo“ wiedergeben. Wie man sich in Norddeutschland „Mojn“ wünscht, wie die Jugendlichen, die lässig die Hand heben und „peace“ sagen. Andere Übersetzer schreiben etwa „seid gegrüßt“. Das griechische Wort aber sagt „Freuet euch!“ Freuet euch, seid voller Freude! Oh, und sie sind voller Freude! Freudig kommen sie angelaufen und werfen sich – nein, nicht um seinen Hals, sondern zu seinen Füßen. Wie vor einem König, vor einem Adligen. Jesus dagegen redet mit ihnen wie immer, von Freund zu Freund. Er erneuert den Auftrag, seine Botinnen zu sein. Nur eine Nuance ist anders als im Auftrag des Engels: er sagt nicht „ihr werdet mich in Galiläa sehen“, sondern „sie werden mich sehen“ – aber die Frauen haben ihn ja nun schon gesehen, sie brauchen nicht mehr nach Galiläa zu gehen.
Aber wir finden die neue und unerhörte Schöpfung wieder: die Einladung, uns nicht zu fürchten, sondern froh zu sein, und die freundschaftliche Beziehung. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi wurde alles vernichtet, was die Menschen von Gott trennt, was wir „Sünde“ nennen. Es hat keine Macht mehr über uns, es kann uns keine Angst vor Gott mehr einjagen.
Keine Angst mehr zwischen Gott und uns – siehe, das ist der Beginn der Neuen Schöpfung, die der Evangelist uns verkündet, siehe, das ist der Beginn der neuen Schöpfung, deren Ursprung die Auferstehung Jesu Christi ist. Wie ein Kind seine kleine Hand in die große Hand des Vaters schiebt, dürfen wir uns dem Vater im Himmel anvertrauen. Die Beziehung ruht nicht mehr auf Furcht und Macht, sondern einzig auf Vertrauen und Liebe. Und wenn wir gegen den Willen des Vaters verstoßen haben, brauchen wir nicht angstvoll uns zu verstecken wie Adam und Eva im Garten Eden, sondern können vertrauensvoll zu ihm kommen und ihm sagen, „Vater, ich habe Mist gebaut. Aber es tut mir leid.“ Und er wird uns nicht strafen, sondern in seine Vaterarme schließen.
Die Macht des Bösen, der Sünde, ist gebrochen. Ein für allemal. Wie der Apostel Paulus an die Römer schreibt: Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend eine andere Kreatur, uns scheiden kann von der Liebe Gottes, welche ist in Christus Jesus, unserem Herrn.
Das ist alles.
Das ist alles, wirklich – denn daneben bleibt nichts anderes.
Das ist alles.
Matth. 28, 1-10; Ostertag 2011 Saint Dié.
1Sam 2, 1-2.6-8; 1Cor. 15, 1-11; Mk 16, 1-8
Predigt ebenfalls gehalten Ostermontag 2011 Raon.
Jes. 25, 8-9; 1Cor. 15, 12-20; Lk. 24, 13-35



Neueste Kommentare