Weihnachten. Nur noch 180 Tage… oder 181?
Jedenfalls ist morgen der 1. Juli. Und das heißt, Frankreich ist in Ferienstimmung. Meine Arbeit wird erleichtert, weil das kirchliche Leben in Winterstarre verfällt.
Fast. Kein Konfirmandenunterricht, keine Kinderstunde. Keine Bibelstunde? Mal sehen. Diesen Sommer zeigen wir wieder eine Ausstellung im Temple-Synagogue von Senones. Heuer zum Edikt von Nantes. Das will zumindest vorbereitet sein; die technischen Fragen überlasse ich wie gewohnt denen, die davon was verstehen, aber die Personen, die jeweils Aufsicht führen und die Besucher in Empfang nehmen, müssen ja auch was zu der Ausstellung sagen können, und möglichst ein bißchen mehr, als auf den Tafeln steht.
Und natürlich gibt es Menschen, die auf meinen Besuch warten. Die womöglich in den Sommerferien noch alleiner sind als ohnehin schon, weil eben nicht nur die Kirche, sondern fast alles in Ferien ist. Im September gehts dann wieder los mit lauter Veranstaltungen, Festen, Essen, aber bis dahin ist tote Hose. Zwei Monate ohne die gewohnten Kreise, das ist lang. Wenn dann wenigstens der Pastor mal vorbeikommt…
Archiv für Juni 2010
Bald ist…
Ich werde alt!
Die LN zeigen eine Fotostrecke vom Abiball meiner alten Schule.
Ich kenne die Schulleiterin nicht, kenne nur zwei, drei Lehrer (Felgenhauer und König, denn das kann doch nicht Kordt sein, der da auf der Bühne rumalbert?)
Aber das ist noch nicht das Härteste… sondern: mir ist auf einmal eingefallen, daß zum Zeitpunkt meines Abiballs all diese jungen Menschen noch in die Windeln gepupt haben…
und in 18 Jahren ist meine (derzeit) Jüngste auch dabei, die Große schon in fünf Jahren.
Alle Welt scheint sich über diese Tröten aufzuregen; ich hab weder eine gehört noch gesehen – bis eben.
Und das zeige ich euch jetzt ohne weiteren Kommentar (aber ihr dürft natürlich…):
Gefunden bei der Kollegin Kanzelschwalbe.
Joule
“Quand j’étais petit au lycée, on disait, la loi de Joule, le travail produit de la chaleur. Aujourd’hui il y a moins de travail, il y a des emploi. Ici, ce soir, je suis dans un emploi. Ce n’est pas du travail, cette discussion”.
(Jean-Luc Godard)
„Als ich jung war, in der Schule, brachte man uns das Joule’sche Gesetz bei: Arbeit produziert Wärme. Heute haben wir keine Arbeit, wir haben Anstellungen. Heute abend bin ich hier in einer Stellung. Diese Unterhaltung ist keine Arbeit.“
Dazu könnte ich jetzt viel sagen, aber ich muß noch eine Weile nachdenken. Über Arbeit und Wärme.
Gedenktage, Gedenktage…
Gestern, 18. Juni, war Gedenktag. Vor 70 Jahren hat Charles de Gaulle, in London vor einem BBC-Microphon, eine denkwürdige Rede gehalten. Gestern hat halb Frankreich sie noch einmal gehört, allerdings nicht aus seinem Munde – die BBC hat seinerzeit nicht archiviert.
Der Inhalt ist in etwa, „Frankreich hat eine Schlacht verloren, weil die anderen stärker und schneller waren. Aber Frankreich macht weiter, und mit Hilfe der Amerikaner werden wir noch stärker und schneller werden. Kommt zu mir und macht mit mir weiter!“
Der berühmte „Appel de Londres“. Le petit Nicolas war in London, hat dort die französische Sprache verhunzt („ils se batturent“, ungefähr so schlimm wie „sie schlagten sich“ und auch noch den einen oder anderen Subjonctif-Fehler…) und „Vive la France, Vive la Grande-Bretagne“ verkündet, wo doch nur der Esel sich selbst zuerst nennt.
Monsieur le Maire ancien Ministre hat, zusammen mit dem Sous-Préfet und dem Député (wozu französische Nationalversammlungsabgeordnete alle herhalten müssen; ich kann mich nicht erinnern, Lohmännchen bei einer Kranzniederlegung gesehen zu haben) erst einen Strauß am Place Général de Gaulle abgelegt und dann einen Kranz am Ehrenmal. Dabei stand ich, etwas allein an dieser Stelle, auf dem Rang „autorités civiles“. Neben mir die Chefs der Gendarmerie und der Militäreinheiten, die im Bezirk ansässig sind.
Und dann: „Monsieur le Sous-Préfet, darf ich Ihnen Monsieur le Pasteur vorstellen.“ Und der Sous-Préfet, zieht den Handschuh aus (er ist in Uniform), grüßt mich mit Handschlag, „ich wollte sowieso auf Sie zukommen, daß wir uns mal kennenlernen.“ Ups…
Nur gut, daß niemand mir von den Augen gelesen hat, was ich die ganze Zeit heimlich überlegte:
Was feiern die eigentlich in fünf Jahren? 75 Jahre Appel de Londres – oder doch 200 Jahre Waterloo?
Geschützt: Mosaisch
Schwer
Das war wohl heute die schwerste Beerdigung meiner kurzen Karriere. Nicht weil die Verstorbene so jung gewesen wäre, 95 ist ein gesegnetes Alter.
Aber ich habe sie gut gekannt und sehr geschätzt. Ein wenig zu gut für diese Welt, und immer ein Lächeln um die Augen, und edel, bescheiden und dankbar… so stelle ich mir Heilige vor.
Der Sohn meinte: „sie war aber schon sehr alt. … Aber sie wird uns fehlen.“
Allerdings.
Kleiner Mann ganz groß…
Neben dem französischen Staatspräsidenten Sarkozy dürfte ich ja vielleicht stehen. Mein Schwiegervater aber bestimmt nicht. Denn Seine Majestät duldet, wie Le Monde berichtet, keine großen Menschen neben sich. Und er mißt nun mal nur 1,70 Meter.
Wenn er also eine Firma besucht, werden nur die Mitarbeiter zum Gruppenbild ausgesucht, die den Präsidenten nicht überragen.
Ist das nicht lächerlich?
Ich bin ungefähr von gleicher Größe, und ich habe mal nicht weit von Helmut Kohl gestanden. (Annähernd gleiche Größe wie mein Schwiegervater, aber deutlich, äh, breiter.) Klar, da kommt man sich ganz klein vor. François Mitterrand konnte davon sicherlich berichten. (ein schönes Foto findet ihr hier.)
Aber ein Staatspräsident sollte schon wissen, was er wert ist, und das nicht von ein paar Zentimetern zwischen Scheitel und Sohle abhängig machen. Leider ist Sarkozy in Sachen Medienwind noch schlimmer als Gerhard Schröder. Aber auch sicherlich noch mal ne Spur lächerlicher.
Bürger und Prinzen
Die EU versucht, das „Asylproblem“ außerhalb ihrer Grenzen zu regeln – beispielsweisse in Lybien, dem Musterland in Sachen Menschenrechte. Ein lothringischer Präfekt läßt ein mehrfach-schwerbehindertes Kind aus der Pflegeeinrichtung holen, wo es seit Monaten betreut wird, und ausweisen. Ein anderer lothringischer Präfekt weist eine ukrainische Familie aus – und das zweijährige Kind wird vergessen. Dabei wird internationales Recht gebrochen: Kinder sind niemals illegal, und weil sie nicht nur überall Aufenthaltsrecht haben, sondern auch ein Recht auf ihre Eltern, können Familien nicht ausgewiesen werden.
Der französische Innenminister ist verurteilt worden (das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig, und er geht in die nächste Instanz), weil er auf einer Parteiveranstaltung zwar nicht an die Öffentlichkeit gerichtet, aber doch vor Kameras von sich gegeben hat, „ein Araber ist ja ganz nett, aber wenn die zu mehreren auftreten, gibts Probleme“ und noch ein paar Sprüche dieses Kalibers. Die Franzosen erwarten seinen Rücktritt…
dabei macht er sich doch gerade dafür stark und setzt die Polizeichefs (Frankreich hat mehrere nationale Polizeibehörden) sowie den Präfekten der Loire-Maritime darauf an, daß einem Mann die rechtmäßig erworbene Staatsbürgerschaft entzogen wird, wegen „Polygamie“. Der hat nix anderes gemacht als Mitterand oder Sarkozy auch, eine Hauptfrau und dazu Nebenfrauen gehalten. Sarkozy hat zwar nicht von allen seinen Frauen Kinder (die Frauen hätten dann auch als alleinerziehend gegolten), Mitterand aber sehr wohl… nur: es ist ein Unterschied, ob das ein Präsident macht oder ein Einwanderer.
Vor wenigen Wochen ging durch die Medien, daß einem Afghanistan-Verletzten die Staatsbürgerschaft entzogen werden sollte; angeblich hatte sein Vater die Staatsbürgerschaft unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erworben… allerdings: der Mann hatte sich die Staatsbürgerschaft schon dadurch verdient, unabhängig von seinem Vater, daß er im Kampf für Frankreich verletzt wurde… und hier in der Gegend stammen viele Leute von italienischen Einwanderern ab. Auf einmal bekommen sie keinen Paß, weil man ihr Französischsein in Frage stellt.
Die Beispiele könnte man sicher durch viele Beispiele aus anderen europäischen Ländern ergänzen, von den USA ganz geschwiegen. Fremde wollen wir nicht, sie machen uns Angst; und am besten bleiben sie weit weg – diejenigen, die bei uns den Frieden suchen, das Dach über dem Kopf, die ärztliche Versorgung für ihre kranken Kinder, das Recht auf Leben, was sie in ihrer Heimat nicht finden können. Und wir machen uns sogar Fremde, wenn wir meinen, der Platz würde eng.
In dieser politischen Großwetterlage ist der heutige Predigttext eine Bombe: brieflich wird uns mitgeteilt, „ihr seid jetzt keine geduldeten Fremdlinge mehr, keine Asylbewerber, die nur auf Abruf warten, um ausgewiesen zu werden, keine Ausländer, die bei jeder Paßkontrolle schräg angesehen werden… ihr seid eingebürgert. Ihr gehört voll und ganz dazu. Und ihr seid nicht nur irgendwie drin, ihr habt alle Rechte, ihr seid tragende Elemente der Gesellschaft.“ Ja mehr noch: wir werden zu Prinzen im Haus des Königs, nicht etwa zu weit entfernten Verwandten, sondern zu den geliebten Kindern!
Lesen wir dazu den Evangelientext, wird deutlich: der Fremde wird nicht nur nicht abgewiesen, nicht nur eingebürgert, weil er nun mal da ist – nein, er wird sogar eingeladen! Hier wird nicht der Besitzstand der Eingeborenen eifersüchtig bewacht und verteidigt – im Gegenteil, der Fremde wird ausdrücklich eingeladen, die Stelle der Eingeborenen einzunehmen, die ihren Platz nicht wollten…
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Eingewanderte, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Mitbewohner, aufgebaut auf den Grund der Apostel und Propheten, wo Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
40 ml.
40 ml Fencheltee, und Polen alle Fenster stehen weit offen.


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