Am schönsten, möchte man meinen, sind Gemeindebesuche, bei denen man weniger über die besuchte Person erfährt als über die anderen.
Da gibt es so Blüten wie:
Ach ja, Pastor Douailly, der hat ja im Krieg gesagt, als er in den städtischen Saal kam (es gab damals keine evangelische Kirche in der Stadt; die Stadtverwaltung stellte zu großen Festen einen Saal zur Verfügung) und den Weihnachtsbaum ansah: „Wie schön, dieses Grün! Vor allem, weil draußen alles feldgrau ist!
Ab 1946 war Pastor Douailly dann auch wieder im Dienst, aber nicht mehr für lang.
Sein Vorgänger, Valet oder so ähnlich, war durch das Presbyterium des Amtes enthoben worden, weil seine Frau sich als Freidenker offenbarte. Er wurde im Krieg hingerichtet: er posaunte überall herum, daß er für den Intelligence Service arbeitete.
Nochmal Pastor Douailly:
Meine Schwester hat er ja sehr betrübt. Sie ging mit einem jungen Mann aus, der wohl nicht den besten Ruf haben sollte, und der Pastor hat ihr dann einen eindringlichen Brief geschrieben. Sie hat den jungen Mann nicht mehr wiedergesehen…
Was bin ich froh, daß ich nicht der Sittenwächter der Gemeinde sein muß…
…aber der Monsieur L., an den erinnere ich mich noch, er ist ja lange tot, aber ich weiß noch, als er ein junger Mann war, da hatte er einen schweren Liebeskummer. Da hat der Pastor Douailly ihn dann bekannt gemacht mit der Madeleine, die war als Hausmädchen seit kurzem in der Stadt. Anfangs des Krieges haben die dann auch geheiratet.
Pastor als Ehevermittler?
Die Madeleine habe ich dann besucht.
Schwierig: alte Leute und ihre Kinder. Schwieriger: recht alte Leute und ihre Eltern…
„Heute hat sie so schön geredet.“ Hat sie gestern häßlich geredet? Oder war sie einfach schlecht gelaunt? Und außerdem… wenn alte Leute vergeßlich werden, heißt das nicht, daß sie blöd werden. Wer mir dreimal in 16 Monaten begegnet ist, muß sich nicht unbedingt an mein Gesicht erinnern… aber auch eine 90jährige mit leichten Defiziten wird noch merken, wenn sie vor- oder an der Nase herum-geführt wird.
„Da werden Eltern zu Kindern“ – oh ja, das ist wohl so. Die Verantwortung wird dabei umgekehrt. Aber werden die Jüngeren dann auch zu Erziehungsbeauftragten? Oder sollten sie da den – hoffentlich in jüngeren Jahren erreichten – Status „Erwachsene auf Augenhöhe“ beibehalten? Beratend, aber nicht bevormundend eingreifen, Grenzen nur aufzeigen und durchsetzen, wo es zur Sicherheit des Vaters oder der Mutter unbedingt notwendig ist? Und vielleicht die Verantwortung dafür, daß die Mama versorgt wird, an Menschen abgeben, die davon was verstehen und auch nicht sofort in Tränen ausbrechen, wenn die Mama mal nicht fit ist? Ich glaube, die Mama hat mehr davon, wenn Sohn und Tochter entspannt und gelassen zu ihr kommen, erfüllte Zeit mit ihr verbringen, als wenn sie sich aufreiben und irgendwann auf dem Zahnfleisch gehen, die Mutter nur noch Last ist, und womöglich mal die Sicherungen durchbrennen… Es gibt eine hohe Dunkelziffer an alten Menschen, die von Familienangehörigen verbal und physisch mißhandelt werden. Der Grund liegt nicht in der Gemeinheit der anderen, sondern darin, daß sie völlig am Boden sind und mit der Verantwortung, der Arbeit und der Tatsache, daß der Mensch, der einmal fast gottgleich die Welt für sie regeln konnte, nun zu einem hilflosen Häufchen Elend geworden ist, nicht fertig werden – nicht fertig werden können. Ausweglosigkeit erzeugt Gewalt – nicht nur im Dampfkessel.
Weihnachten steht vor der Tür. Noch nicht direkt, aber für die Kirchenzeitung, die immer einen Monat redaktionellen Vorlauf hat.
Ich bin versucht, meinen Artikel vom letzten Jahr zu reanimieren. Den hat doch eh kaum jemand gelesen.


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