Archiv für Oktober 2009

30
Okt
09

Pünktchen

Am schönsten, möchte man meinen, sind Gemeindebesuche, bei denen man weniger über die besuchte Person erfährt als über die anderen.
Da gibt es so Blüten wie:

Ach ja, Pastor Douailly, der hat ja im Krieg gesagt, als er in den städtischen Saal kam (es gab damals keine evangelische Kirche in der Stadt; die Stadtverwaltung stellte zu großen Festen einen Saal zur Verfügung) und den Weihnachtsbaum ansah: „Wie schön, dieses Grün! Vor allem, weil draußen alles feldgrau ist!

Ab 1946 war Pastor Douailly dann auch wieder im Dienst, aber nicht mehr für lang.
Sein Vorgänger, Valet oder so ähnlich, war durch das Presbyterium des Amtes enthoben worden, weil seine Frau sich als Freidenker offenbarte. Er wurde im Krieg hingerichtet: er posaunte überall herum, daß er für den Intelligence Service arbeitete.

Nochmal Pastor Douailly:

Meine Schwester hat er ja sehr betrübt. Sie ging mit einem jungen Mann aus, der wohl nicht den besten Ruf haben sollte, und der Pastor hat ihr dann einen eindringlichen Brief geschrieben. Sie hat den jungen Mann nicht mehr wiedergesehen…

Was bin ich froh, daß ich nicht der Sittenwächter der Gemeinde sein muß…

…aber der Monsieur L., an den erinnere ich mich noch, er ist ja lange tot, aber ich weiß noch, als er ein junger Mann war, da hatte er einen schweren Liebeskummer. Da hat der Pastor Douailly ihn dann bekannt gemacht mit der Madeleine, die war als Hausmädchen seit kurzem in der Stadt. Anfangs des Krieges haben die dann auch geheiratet.

Pastor als Ehevermittler?
Die Madeleine habe ich dann besucht.

Schwierig: alte Leute und ihre Kinder. Schwieriger: recht alte Leute und ihre Eltern…
„Heute hat sie so schön geredet.“ Hat sie gestern häßlich geredet? Oder war sie einfach schlecht gelaunt? Und außerdem… wenn alte Leute vergeßlich werden, heißt das nicht, daß sie blöd werden. Wer mir dreimal in 16 Monaten begegnet ist, muß sich nicht unbedingt an mein Gesicht erinnern… aber auch eine 90jährige mit leichten Defiziten wird noch merken, wenn sie vor- oder an der Nase herum-geführt wird.
„Da werden Eltern zu Kindern“ – oh ja, das ist wohl so. Die Verantwortung wird dabei umgekehrt. Aber werden die Jüngeren dann auch zu Erziehungsbeauftragten? Oder sollten sie da den – hoffentlich in jüngeren Jahren erreichten – Status „Erwachsene auf Augenhöhe“ beibehalten? Beratend, aber nicht bevormundend eingreifen, Grenzen nur aufzeigen und durchsetzen, wo es zur Sicherheit des Vaters oder der Mutter unbedingt notwendig ist? Und vielleicht die Verantwortung dafür, daß die Mama versorgt wird, an Menschen abgeben, die davon was verstehen und auch nicht sofort in Tränen ausbrechen, wenn die Mama mal nicht fit ist? Ich glaube, die Mama hat mehr davon, wenn Sohn und Tochter entspannt und gelassen zu ihr kommen, erfüllte Zeit mit ihr verbringen, als wenn sie sich aufreiben und irgendwann auf dem Zahnfleisch gehen, die Mutter nur noch Last ist, und womöglich mal die Sicherungen durchbrennen… Es gibt eine hohe Dunkelziffer an alten Menschen, die von Familienangehörigen verbal und physisch mißhandelt werden. Der Grund liegt nicht in der Gemeinheit der anderen, sondern darin, daß sie völlig am Boden sind und mit der Verantwortung, der Arbeit und der Tatsache, daß der Mensch, der einmal fast gottgleich die Welt für sie regeln konnte, nun zu einem hilflosen Häufchen Elend geworden ist, nicht fertig werden – nicht fertig werden können. Ausweglosigkeit erzeugt Gewalt – nicht nur im Dampfkessel.

Weihnachten steht vor der Tür. Noch nicht direkt, aber für die Kirchenzeitung, die immer einen Monat redaktionellen Vorlauf hat.
Ich bin versucht, meinen Artikel vom letzten Jahr zu reanimieren. Den hat doch eh kaum jemand gelesen.

25
Okt
09

Zeitumstellung

Wilhelm Busch wußte bekanntlich schon, daß wir ständig der Zeit hinterherrennen. Marcel Proust verbrachte ein ganzes Leben damit, „auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu sein. (Und wenn ich mal Zeit finde, und eine günstige Ausgabe, werde ich das auch ganz bestimmt lesen; die Hörproben im WDR haben mich seinerzeit neugierig gemacht.)
Heute nun gab es eine geschenkte Stunde – na ja, sagen wir mal, es ist wie eine Steuerrückzahlung: im Frühjahr haben sie uns die Stunde weggenommen, und jetzt gibts sie wieder, aber weder kriegen wir Zinsen, noch entschuldigt sich jemand für den Diebstahl. Irgendwie hab ich nichts davon gehabt, ich war früh auf – der Predigttext hat mich doch ziemlich umgetrieben.
Dafür war mein Sohn aber noch früher auf als ich. 😀 Und jetzt bin ich ziemlich mitten am Spätnachmittag schon hinreichend müde, um mich vom Spielfilm heute abend abzumelden, wenn nicht noch was anregendes passiert…

Ach ja, was ich gesagt haben wollte: wegen mir wenn’s nach mir ginge, dürfte diese Zeitumstellung gern die weltletzte gewesen sein.

25
Okt
09

Das liebe Geld…

… war übrigens am Rande auch ein Thema, als wir vor gut acht Tagen unter „Jungpfarrern“ zusammensaßen. So einfach ist es nicht immer, mit de Geld auszukommen, und reich wird man nicht davon. Auch wenn man durchaus angenehm lebt – zumal, wenn man nicht Alleinverdiener ist wie ich derzeit…

Vordergründig sind Pastoren der ERF arme Leute. Sie beziehen weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn, und die Rente wird mal höher sein als das aktive Gehalt. Das Grundgehalt beträgt brutto rd. 1000 Euro, davon gehen rd. 15% an Sozialabgaben weg. Allerdings gibt es für ältere Semester, sei es an Dienstjahren oder an Lebensjahren, auch Zuschläge, außerdem einen Familienzuschlag und Kinderzuschläge. Dennoch reicht mein Gehalt vor Steuern nicht weit über ortsübliche Mieten hinaus – auf dem Land; in Paris könnte man davon grad mal ein Studio bezahlen, wohlgemerkt die Kaltmiete…
So gehört das Pfarrhaus zur Besoldung dazu. Oder eine Wohnung, wo die Gemeinde kein Pfarrhaus mehr besitzt; das eröffnet Möglichkeiten zum Geldsparen und auch zur Anpassung des zur Verfügung gestellten Wohnraums an die tatsächlichen Bedürfnisse. Auch Strom, Gas, Wasser, Heizöl und Kohle sind inbegriffen; vorausgesetzt wird ein verantwortlicher Umgang damit – was nicht heißt, daß die Hausbesitzer ihrerseits immer auf der Höhe wären, was Isolation und moderne Heiztechnik angeht; wir haben hier noch die Heizventile aus den Fünfzigern, aber keine Thermostate, und über das Dach tragen wir vermutlich kräftig zur lokalen Erwärmung bei: Schnee bleibt nicht liegen…
Die Kommunalsteuern, die nicht zu verachten sind, werden bis zu einem bestimmten Satz von der Kirche bezuschußt, sind aber prinzipiell vom Bewohner zu tragen.
Daneben sind natürlich bestimmte Regeln zu beachten: das Diensttelefon soll nicht der Familie dienen, also muß ich einen eigenen Anschluß haben. Das Dienst-Kfz soll nur ausnahmsweise für private Zwecke verwendet werden, also muß ich ein eigenes Auto haben. (Allerdings brauchen wir dann auch weiter nur ein AUto, wenn meine Pfarrfrau erwerbstätig wird, denn ich muß ja nicht mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren…) Und derlei Dinge.

Damit kann man sagen, mit dem Gehalt der Pastoren in der ERF kann man zwar nicht reich werden, aber man kann damit leben. Und richtig angenehm wird es, wenn ein zweites Einkommen dazukommt, von dem ja nichts für Miete und Nebenkosten ausgegeben werden muß.

21
Okt
09

Fremdgekatzt

Unser Kater macht ja wenig von sich reden, wenn er nicht gerade im Schrank oder im Schreibtisch oder auf der Tastatur oder auf dem Kopfkissen sitzt, oder neuerdings im Bad hinter der Heizung…

Weil ich aber über Lilas Lied vom buckligen Männlein herzlich geschmunzelt habe, möchte ich es euch nicht vorenthalten.

Und demnächst gibt es hier auch wieder was anderes zu lesen, versprochen!

06
Okt
09

Katzenmusik…

Der Kater meines Bruders hatte sich ja mal an der Geige versucht, aber diese Pianistenkatze ist wahrlich besonders.

Was ein Glück, daß Hanni keine derartigen Ambitionen hat, die Nachbarn danken es uns!

04
Okt
09

Lang ists her…

Vor 480 Jahren saßen in Marburg auf dem Schloß Theologen zusammen, um zusammenzustellen, was evangelischer Glaube sei. Die Marburger Artikel sind ein frühes Zeugnis für die Suche nach Einheit der Kirche nicht in der Organisation, sondern im gemeinsamen Glauben.
(Zum Nachlesen bitte auf „Marburger Artikel“ klicken; ich möchte nicht mit fremden Federn mein Blog schmücken.)

Es ist traurig, daß der letzte Satz, verabschiedet heute vor 480 Jahren, so wenig Resonanz gefunden hat in den folgenden Jahrhunderten und die Evangelischen sich so gegeneinander entzweit haben, daß erst 1973 durch die Leuenberger Konkordie eine neue Brücke geschlagen wurde, erst 1973 wirklich Kirchengemeinschaft zwischen Reformierten und Lutheranern geschaffen wurde.

Und wiewohl aber wir uns … diesmal nicht verglichen haben, so soll doch ein Teil gegen den anderen christliche Liebe, sofern jedes Gewissen immer das leiden kann, erzeigen, und beide Teile Gott den Allmächtigen fleissig bitten, daß er uns durch seinen Geist den rechten Gebrauch bestätigen wolle. Amen.

Unterzeichnet von den vielleicht zehn wichtigsten Theologen dieser Zeit: Martin Luther, Justus Jonas, Philipp Melanchthon, Andreas Osiander, Stephan Agricola, Johannes Brenz, Johann Oecolampad, Huldrych Zwingli, Martin Bucer, Caspar Hedio.

Erntedankfest war heute – hier nicht. Man kennt das hier nicht, sagte man mir. Nun denn. So lasen wir im Matthäus-Evangelium im 15. Kapitel von einer äußerst mutigen Frau. Sie hat sich demütigen, aber nicht entmutigen lassen, sie hat Jesus bei den Füßen gepackt und nicht mehr losgelassen. Ich lasse dich nicht, wenn du nicht meine Tochter heilst!
Da hätte Jesus sagen mögen wie von dem Hauptmann in Kapernaum: „Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden!“
Selten habe ich so festes Vertrauen in Gott gefunden… möge es uns doch immer wieder geschenkt werden.

03
Okt
09

Tag der Deutschen Einheit…

Mein halbes Leben lang – na ja, fast, ich bin ja erst 36 – hat der 3. Oktober keinerlei Bedeutung gehabt. Es war ein Tag im Kalender. Das war die Zeit, als die Wetterkarte der Tagesschau noch das Wetter für „Deutschland in den Grenzen von 1937“ zeigte, inklusive Schlesien, Pommern und Ostpreußen.
Das Wissen um ein größeres Deutschland, um eine EINE Nation, ungeteilt durch Systemgrenzen, war ein theoretisches, ein historisches. Ich hatte, soweit ich weiß, keine Verwandten „drüben“. Manchmal hörte man Geschichten wie die von dem alten Flötisten, der die Instrumente aus dem Nachlaß seines geigenbauenden Vaters nur mit viel List und Tücke aus der schlesischen Oberlausitz nach Bielefeld bekam. Als Eisenbahninteressierter las ich da und dort von noch planmäßig dampfenden Lokomotiven – aber erreichbar, theoretisch, war doch nur die Kokerei in Eschweiler. (Ich habe sie nie gesehen.) Im Bundestagswahlkampf 1987 traten dann angebliche DDR-Aussiedler in Werbefilmen für die MLPD auf, und mit dem bißchen Wissen, das ich schon hatte, fragte ich mich, „warum sind die denn nicht da geblieben, wo sie waren? Da hatten sie doch all das!“ Es war übrigens das erste Mal, daß zum Wahlkampf Fernsehspots ausgestrahlt wurden, vorher gab es das nicht.
In dieser Zeit auch, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, kam noch einmal ein großer Schwung Spätaussiedler aus Polen nach Westdeutschland: Menschen, die es irgendwie geschafft hatten, der Vertreibung 1945 zu entgehen, und nun ihre alten Tage lieber unter Deutschen als unter Polen verbringen wollten. Manche brachten ihre ganze Familie mit, die meist nicht mehr deutsch sprach als der Hund – oder wenn doch, dann im Stil der guten alten Lutherbibel, Ausgabe 1912.
Weiterlesen ‚Tag der Deutschen Einheit…‘




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