Archiv für September 2009

30
Sept
09

Chapeau

„Entschuldigung…“
Ein Mann kommt über die Straße, als ich gerade ins Haus gehen will.
„Entschuldigen Sie bitte, als wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich mich ziemlich unverschämt verhalten. Ich möchte Sie bitten, meine Entschuldigung anzunehmen.“
Einen Moment muß ich überlegen, dann sehe ich seinen Dienstwagen, und ich erinnere mich.
„Aber sicher nehme ich Ihre Entschuldigung an!“
Wir schütteln die Hände, und ich vermute, wir haben beide heute einen guten Tag.

Und: Hut ab! Soviel Format hätten viele nicht gezeigt.

19
Sept
09

Lauffeuer

Wie ein Lauffeuer breitet sie sich aus: die „Grippe A“ oder „Grippe H1N1“. Nun sind schon vier Schulen in Saint Dié geschlossen worden, darunter sämtliche Collège-Lycée… wohin das führen soll, weiß ich nicht. (Ein erster Todesfall wurde auch in der Zeitung erwähnt, der nicht auf Vorerkrankungen zurückgeführt werden könne – aber das ist immer noch unsicher.)
Das landesweite Treffen aller Evangelen und Evangelengenossen in Straßburg wird allerdings bewußt beibehalten: zum einen, schreibt Marcel Manoël, Präsident der Eglise Réformée de France, ist Aufgabe der Kirche nicht der Schutz, sondern die Begleitung. Zum anderen, schreibt Claude Baty, Vorsitzender der Fédération Protestante de France, des Dachverbandes der annähernd als evangelisch zu bezeichnenden Gemeinschaften und Kirchen: „Die Vorbeugung ist in unsrem Land auf Verfassungsrang erhoben worden – aber ein anderes Prinzip leidet darunter: das der persönlichen Verantwortung. … Es ist oft schwierig, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Sicher ist nur daß diese Grippe zwar hochansteckend, aber relativ ungefährlich ist. … Es handelt sich weder um die Pest noch um die Cholera. … Die Gefahr, die Grippe „zu kriegen“ ist letztlich weniger hoch als die, sich von unkontrollierbaren Gerüchten manipulieren zu lassen. Wir laden darum alle ein, sowohl Vorbeugung als auch Verantwortung zu ergreifen – und den Götzen Vorbeugung fallenzulassen, um dem Christus Gottesdienst zu leisten, der zum Vertrauen und zur Solidarität aufruft.“

Die städtische Musikschule „Olivier Douchain“ in Saint Dié hat diesen Brief natürlich nicht bekommen. Sie hat die Maxime ausgegeben, „Unterricht nur mit Mundschutz“. Wenn sich die Kinder und Lehrer regelmäßig die Hände waschen, meinetwegen, dann kann das für Klavierunterricht und auch Geigenunterricht noch vorstellbar sein. Aber die Trompeter, Flötisten, Klarinettisten und Oboisten dürften ziemliche Probleme mit dem Ansatz bekommen, fürchte ich…

18
Sept
09

traurig – und wütend?

In einem Blogeintrag hat der Blogkollege „Wegbegleiter“ ausgedrückt, wie er eine rheinisch-römisch-katholische Trauerfeier erlebt hat.
(Mal nebenbei angemerkt: Der Titel „Wegbegleiter“ trifft vielleicht viel besser als „Pastor“ das, was unser Amt ist…)
Ein Unbehagen, das ich gut nachvollziehen kann. In über 160 Kommentaren hat sich an diesem doch recht persönlichen Text ein Streit entzündet, der geeignet ist, Jahrzehnte der Annäherung unter Christen zunichtezumachen… Ohne dem Blogautor diesen Vorwurf zu machen, sehe ich doch bei einer Reihe von Kommentatoren einen inquisitorischen Eifer, ein Rechthabenwollen, das das institutionelle Unfehlbarsein des Papstes, auf das dieser meist auch gern verzichtet, wohl hauptsächlich deshalb anfeindet, weil man selbst ja dann nicht mehr…
Wo, frage ich, wo ist bei euch eigentlich die Liebe, die ihr doch gegen jedermann üben sollt, wie der Herr Jesus es gesagt hat?
Geradezu lächerlich das Einhacken auf „Dogmen“ vs. „sola scriptura“ – seien wir doch ehrlich: auch in den reformatorischen, und nicht zuletzt in den neupietistischen Kirchen gibt es Lehrsätze, an denen nicht gerüttelt werden darf. Einige der Dogmenjäger zeigen das nur zu deutlich, wenn es um die Taufe geht…
Und, weil der Kommentar dort nicht mehr anzufügen ist: es war in Frankreich jahrhundertelang verboten, eine Bibel zu besitzen. Frankreich, „erste Tochter Roms“, verfolgte bis ins ausgehende 18. Jahrhundert die Protestanten, Dragoner eroberten die Häuser, verbrannten Betstätten und Bibeln.

Nun aber zum Eintrag selbst.
Es ist schwer, bei zehn Beerdigungen in der Woche noch äußerst persönliche Worte für jede zu finden. Zumal, wenn es sich um Menschen handelt, die man möglicherweise nie gekannt hat. In kleinen Freikirchen kennt man sich; in den Landeskirchen kommen auf einen Pfarrer zwei- bis dreitausend Gemeindeglieder, in der römisch-katholischen Kirche bis zum Doppelten. Es kennt der HERR die Seinen – von seinen Feldarbeitern kann man das nur bedingt erwarten.
Das Gebet für die Toten ist so ein Thema für sich. Ich vermute, es war Calvin, der sich vehement dagegen einsetzte? Interessanterweise finden wir im Neuen Testament eine Praxis erwähnt, die uns heute – evangelisch oder katholisch – ziemlich seltsam erscheinen mag: sich für die Toten taufen zu lassen (1.Kor.15,29). Der Apostel sagt nichts dagegen… Ohne jetzt wieder die Frge der Taufnotwendigkeit aufkommen zu lassen: wenn sogar eine Stellvertretertaufe geübt wird, um einem Toten noch den Weg ins Himmelreich zu ermöglichen, wieso nicht ein Gebet für einen Verstorbenen?
Und warum soll eine Trauerfeier nicht dem Raum geben, was die dort versammelten Menschen fühlen: Trauer? Ein Mensch ist aus ihrer Mitte entrissen, sein Platz bleibt leer und wird es auf alle Zeit bleiben… wer sind wir, ihnen dann eine Freude aufzunötigen, die sie nicht empfinden können? Hat Jesus das getan? Ist er nicht vielmehr mit ihnen gegangen auf dem Weg der Trauer (Lk. 24)? Hat er nicht geweint um Lazarus, und um Mariä Schmerz (Joh.11,35)?
Ich habe Trauerfeiern erlebt, deren Vorbereitung äußerst entspannt und sogar fröhlich war. Aber im Moment des endgültigen Abschiednehmens war doch die Trauer da, der Kloß im Hals, das „jetzt ist er für immer weg“. Und solange wir die Menschen nicht wieder lebendig machen können, finde ich es dogmatisch und rechthaberisch, die Trauernden alleinzulassen und ihnen ein „freut euch lieber über seinen Abgang“ um die Ohren zu schlagen.

Die Priester hier im Umkreis verzichten übrigens mittlerweile auf eine „Totenmesse“ mit Eucharistie, aus genau dem Grund, den der Wegbereiter genannt hat: das Sakrament des Altars hat nicht seinen Platz bei Menschen, die es genausowenig verstehen und glauben wie den Rest der Zeremonie. Die Gegenwart Christi ist nicht an Brot und Wein gebunden und kann im Geist erlebt werden auch ohne Eucharistie. Oder auch nicht, wenn man nichts davon glaubt…

„Wann beginnt das Christsein?“ Nun – da halte ich es mit Luther („Von den guten Werken“) und somit letztendlich mit Paulus: es gibt nichts Gutes, was nicht Christus in uns angefangen hätte. Christsein ist nicht Menschenwerk, als ob man eines Morgens aufstehen könnte und sagen, „hoppla, jetzt will ich mal Christ sein“. Das ginge schief… Nein, es geht von Gott aus, immer und immer wieder. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens – nicht der Mensch. Und die Taufe ist das Symbol dieses Angebots, das dem menschlichen Ja oder Nein immer vorausgeht. Sprach nicht Karl Barth vom Evangelium, das dem Gesetz immer vorangeht?
Und die katholische Liturgie ruft noch eins ins Gedächtnis, was der Begriff „Christsein“ verschleiert: es handelt sich nicht um ein „sein“, sondern um ein „werden“, ein Wachsen und Leben. Da wird nicht ein Schalter umgelegt, und ein für allemal ist alles geregelt. Gerade dieser Vorwurf, den man der römischen Kirche gern macht, wird durch die liturgische Formel abgewehrt.
Zur Heiligenanrufung mag ich mich nicht äußern. Ich kann darin nichts finde, aber bevor ich harte Worte dagegen schwinge, möchte ich doch verstehen, wieso sie vielen Menschen so wichtig ist – gerade weil sie eigentlcih wissen, daß nur EIN Mittler zwischen Gott und den Menschen ist. Warum brauchen sie da noch Vermittler zwischen sich und dem Mittler?
Und ich hänge noch an dem „was Gott in der Taufe angefangen hat“. Ob nun im greifbaren Akt der Taufe (es täte vielleicht gut, mal zu lesen, was Luther in einem seiner seelsorgerlichen Schreiben über die Taufe gesagt hat: „wenn der Versucher kommt, dann sag ihm: ‚ich bin getauft. Du kannst mir nichts anhaben, denn ich bin in den Tod und das Leben meines Herrn hinein getauft. Ihm gehöre ich, du hast nichts anmir.'“) oder in einem Moment der Umkehr, den aber auch nicht jeder benennen kann… Gott hat angefangen. Und dann? Der römischen Kirche wird gern vorgeworfen, sie predige die Werkgerechtigkeit. Wenn dieser Vorwurf aus dem evangelikalen Lager kommt, wird es haarig: unter dem Anspruch der „Heiligung“ ist gerade im freikirchlichen Bereich sehr viel Werkgerechtigkeit betrieben worden, wurden (und werden!) Menschen aus den Gemeinden ausgesondert, weil ihr Lebensstil, manchmal auch nur ihre Kleidung oder ihre Frisur nicht den Ansprüchen der Gemeinde entsprechen. Da wird so vieles aufgestellt, was man zu erfüllen hat, weil „ein Christ das ja so macht“. Ich wüßte nicht, wo dafür ein biblisches Beispiel zu finden wäre – es sei denn in den Steinewerfern, Joh.8…
Warum eigentlich meinen Jünger Jesu immer wieder, sie müßten andere davon abhalten, zu Jesus zu kommen? Warum meinen sie, Regeln aufstellen zu müssen? Meinen sie, der Heiland wollte solches Elend nicht sehen? Der hat noch ganz anderes Elend gesehen und selbst durchgemacht. Er war ganz weit weg und ist zurückgekommen – so weit weg war wohl niemand von uns – und genau deshalb kann er uns auf jedem Stück unseres Weges finden, ob es auch noch so ein Holzweg sei. Er war ein Kind, und konnte deshalb auch die Kinder zu sich kommen lassen. Er war ein Bettler, ein Krimineller… und was er von den Menschen erwartet, hat er nicht in andre Gesetze gefaßt als in die der Liebe. Liebe, die nicht aus Vorschriften und Dogmatik besteht, sondern darin, daß wir den Vater im Himmel „Papa“ nennen dürfen. ER will uns unsere Sünden nicht vorhalten – warum tun es dann Menschen immer wieder? Warum haben sie es so schwer, hinzunehmen, daß die Geschwister auch mit dem Vater reden, von ihm geliebt sind – obwohl sie in anderen Worten mit ihm reden, einen anderen Umgang mit ihm haben als wir?

Nein, ich bin nicht wütend. Ich bin traurig. Nur traurig.

17
Sept
09

Qual der Wahl

Vergeßt den Film – gleich gehts weiter…
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14
Sept
09

Am Wegesrand

Zehn Männer sitzen nicht weit vom Wegesrand. Reglos. Wozu auch? Sie sind ja quasi tot. Sie haben eine Krankheit, die sie von allem ausschließt. Niemand will etwas von ihnen wissen: ihre Frauen nicht, ihre Kinder nicht, ja nicht einmal Gott. „Unrein.“ Mit anderen Worten: „für Gott nicht gut genug.“
Eine Gruppe zieht vorbei. Sie hat ein Ziel, einen Weg vor sich: auf dem Weg nach Jerusalem. Zum Tempel, dem Ort der Begegnung mit Gott.
Die Kranken schreien herüber: „großer Lehrer, hab Erbarmen!“ Was soll er tun, der Wissende? Heilung kennen die größten Gelehrten nicht… Was kann er ihnen geben, außer einem Almosen? (Die Frage nach dem Almosen wird pikant, wenn man berücksichtigt, daß im Französischen der Seelsorger „Almosner“ genannt wird. Darüber aber will ich jetzt nicht weiter nachdenken.)
Er hört die Bitte. Mehr noch: er sieht. Und im Sehen, schreibt der Evangelist, im Sehen gibt er den Männern einen Auftrag. Weil er hinter den von der Krankheit, der Einsamkeit, der Armut und der Ablehnung der anderen gezeichneten Gesichtern noch mehr sehen kann, nämlich das Gesicht der Geliebten des Vaters. Er sieht, und er sendet sie.
„Arsch huh“, so begann vor einer Reihe von Jahren ein kölscher Popsong. So ähnlich könnte der Auftrag an die zehn lauten: Rührt euch. Tut was.
Nichts hat sich verändert. Er hat keine Hand aufgelegt, keine Wunde berührt, kein Segenswort gesprochen. Er blieb auf Abstand. Aber sie stehen auf. Wie Petrus seine Netze auswarf, „wir haben die ganze Nacht nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ So gehen sie. Zögerlich. Vielleicht auch nur, weil keiner dem anderen gestehen möchte, daß er sich eigentlich nicht traut. So ziehen sie los. Auf zu den Priestern am Tempel, den Amtsärzten ihrer Zeit. Den Männern, die nicht nur die Verhältnisse unter Menschen regeln, sondern auch die zwischen Menschen und Gott. Und Jesus, der eigentlich den gleichen Weg hat, bleibt zurück. Er geht nicht vor, er geht nicht mit ihnen – er wartet ab.
Irgendwann unterwegs passiert etwas. Der Schritt wird fester, die Schmerzen weniger. Heilung des Körpers. Einer dreht um, wir wissen nicht, was die anderen machen: ungläubig weitergehen und erst mal den Stempel des Fachmanns abholen? Freudig die Familie informieren? Wir wissen es nicht, werden es nie erfahren. Nur einer dreht um. Er tanzt vor Freude, lobt Gott und fällt vor Jesus aufs Gesicht: Danke! Dabei hätte er vielleicht weniger zu danken… er ist ein Samariter. Ein Jude vierter Klasse, ein Mischling. Samariter opfern nicht im Tempel, sie haben nur die Thora, aber nicht die Propheten… und vor 700 Jahren haben ihre Voreltern Nichtjuden geheiratet. Eine alte Geschichte, aber gibt es im Heiligen Land überhaupt alte Geschichten? Ist dort nicht uralte Geschichte immer wieder spürbar präsent? Er kehrt also zurück in die Verachtung. In der Krankheit zählte das nicht; da waren sie alle gottesfern. Unter den Toten gibt es keine Religion mehr. Aber jetzt ist er lebendig.
Wird er noch einmal sich auf den Weg zum Tempel machen? Hat er nicht schon den gefunden, der ihn gesundspricht? Der ihn für würdig erachtet, zu Gott zu kommen? Mal ganz davon abgesehen, daß er als Samariter mit dem Tempel eh nur marginal zu tun hat, was soll er noch dort? Jetzt hat er doch alles.
Wir übrigens auch, oder?

Zum Nachlesen: Lukas 17, 11-19




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