Wie lange sind wir jetzt zusammen, fragte er plötzlich und sah sie aus zusammen gekniffenen Augen an. Sie wusste inzwischen, dass er darauf keine Antwort erwartete. Ihre Aufgabe war es ihm zuzuhören und zu schweigen, ihn stumm gewähren zu lassen. Sechs Jahre, beantwortete er dann seine eigene Frage. Sechs lange Jahre, in denen nichts passierte außer essen, schlafen und manchmal mediokrer Beischlaf. Kein einziges anständiges Gespräch, keine Hobbies, keine Kinder.
Und während er so, mit leiser Stimme, auf sie einsprach versuchte sie Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Irgendetwas zu denken, was ihr Halt gab. Etwas, das nicht sie, sondern ihn in Frage stellte, denn obwohl sie wusste, dass er das, was er sagte nicht so meinte, dass es ihm später wieder Leid tun und er sie um Verzeihung bitten würde, so mussten diese Gedanken doch irgendwie in ihm entstanden sein, eine Grundlage haben, wenigstens einen Funken Wahrheit in sich tragen. Zwar kamen sie jedes Mal wieder unerwartet, aber die Themen wiederholten sich.
Mit manchem hatte er sicher auch Recht, denn seit sie zusammen waren hatte sie beinahe alle Interessen vernachlässigt und sah auch ihre Freunde nur sehr selten, wie das eben so ging, wenn jeder sein Leben hatte. Sie schrieb noch, das schon, und ab und an brachte sie den einen oder den anderen Artikel in einer Zeitung unter oder veröffentlichte eine Kurzgeschichte in einem Sammelband. Auch Cello unterrichtete sie weiterhin, allerdings ohne rechte Lust und nur dann, wenn er nicht Zuhause war. Er mochte das Instrument nicht, es war ihm zu traurig.
Sie sprachen auch nicht mehr so viel miteinander, wie in den ersten Monaten ihrer Beziehung und tatsächlich waren ihre Kochkünste nach wie vor bescheiden, denn sie hatte sich nie als Hausfrau gesehen und sie machte sich nicht mehr viel aus Essen, wie überhaupt die Freude an den sinnlichen Dingen ihr über die Jahre abhanden gekommen war. Seit die Katze weg war, weil er eine Allergie entwickelt hatte, war das Einzige, was sie noch gerne berührte seine Haut, wenn er nachts neben ihr im Bett lag und sie umarmte. Wenn er sie dann so streichelte und küsste und sie im Halbdunkel anlächelte konnte sie kaum glauben, dass es der gleiche Mann war, der immer wieder so grauenhafte Dinge zu ihr sagte.
Sie fragte sich, ob das Ganze irgendetwas mit seinem Stoffwechsel zu tun haben konnte. Meistens nämlich geschah es unmittelbar nach dem Essen, was ganz sicher nicht an ihren mäßigen Kochkünsten lag, denn auch er maß der Nahrungsaufnahme keine große Bedeutung bei und selbst wenn sie sich etwas nach Hause bestellt hatten, war es schon passiert, dass er am Ende aufstand und sie fertig machte. Wenn andere friedlich und satt waren und zu träge um sich zu rühren, geschweige denn ein Lamm zu reissen, sprach die Raubtierseele aus ihm, die Blut sehen wollte und sein Kopf lief Amok.
Handgreiflich geworden war er nur wenige Male. Das war schon lange her. Damals hatte sie versucht ihn zu unterbrechen. Sie war aufgestanden, hatte sich vor ihn gestellt und ihm gesagt er solle sofort aufhören damit. Was dann geschah, daran wollte sie sich nicht mehr erinnern, auch wenn die Szenen manchmal noch vor ihrem Auge auftauchten.
Sie hatte bald verstanden, dass sie ihn gewähren lassen musste, wenn sie wollte, dass es schnell vorbei war.
Inzwischen wusste sie auch, wann sie gefahrlos anfangen konnte zu weinen, um ihm damit das Stichwort für den letzten Hieb, die schlimmste aller Kränkungen, die er sich immer bis zum Schluss aufsparte, zu geben. Der finale Schlag, mit der er ihr das Genick brechen wollte, um dann, wenn er fertig mit ihr war und sie endlich schluchzend am Tisch saß, beide Hände vors Gesicht gelegt, die Grimassen zu verbergen, die der Schmerz ihr in die Züge schrieb. Wenn sie nur noch damit beschäftigt war das, was in diesem Moment noch von ihr übrig war zusammen zu halten und sie gleichzeitig gegen die aufsteigende Wut kämpfte, die alles nur noch viel schlimmer machen würde, wenn sie ihr Raum gäbe, verließ er wortlos die Küche. Sie hörte, wie er im Flur die Jacke vom Haken nahm und kurz darauf schnappte die Wohnungstür ins Schloss.