Dorothy Sayers
17/12/2012 § Hinterlasse einen Kommentar
Guinness is good for you
How grand to be a Toucan
Just think what Toucan do.
Gut, man wird das nicht gerade als große Lyrik bezeichnen, aber Sie werden diesen Werbejingle gleich mit anderen Augen betrachten, wenn ich Ihnen den Namen des Schöpfers verrate. Das stammt von einer gewissen Dorothy Leigh Sayers, die wir besser als Krimiautorin denn als Werbetexterin kennen. Aber Werbetexterin bei der Agentur S.H. Benson ist sie einmal zehn Jahre lang gewesen, sie soll auch für den Spruch It pays to advertise! verantwortlich sein. Und natürlich wissen Kenner ihres Werkes, dass sich in Murder Must Advertise die ganze Welt der Werbung wiederfindet.
Dorothy Sayers (die heute vor 55 Jahren starb) ist nicht die erste Frau, die einen Detektivroman schreibt, Anna Katherine Green schreibt ihren berühmtenLeavenworth Case schon 1878. Sie ist auch nicht die letzte Autorin, die Krimis schreibt – die vergifteten Federn sind heute immer noch fest in zarten Frauenhänden. Allerdings hat die Firma Montblanc es bis heute noch nicht für nötig befunden, einenSpecial Edition Füllfederhalter nach ihr zu benennen. Für Agatha Christie gab es einen. Mit Giftschlange. Nun ist diese Special Edition sowieso eine zweifelhafte Sache, bei den Herren Dumas haben sie bei ➱MontblancVater und Sohn verwechselt, und ein Hemingway Modell im Programm zu haben, ist nun völlig daneben. Schließlich hat Hem für Parker Reklame gemacht.
Dorothy Sayers ist für den Krimi so etwas, was High Noon für den Western war. Plötzlich redeten alle von einemEdelwestern. Wir merken uns: Dorothy Sayers‘ Romane sind keine schlichten Krimis, sie sind richtige Literatur. Weil Dorothy Sayers eine ernstzunehmende Schriftstellerin ist, eine Autorin, die Dantes Divina Commedia übersetzt hat und ein Hörspiel über Jesus geschrieben hat, etc. etc. Und dass das alles natürlich viel mehr ist als: Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Middle Fritham und Nether Addlethorpe, ferner ein Onkel von Lady Hesketh-Fortescue, der 79jährige Jasper Fetherstone, dessen Besitz Thrumpton Castle zur Zeit an Lord Molesworth-Houghton, einem Vetter von Priscilla und Gwyneth Molesworth, vermietet ist. Falls Sie das vergessen haben sollten, schauen Sie doch einmal ➱hier hinein.
Man sollte allerdings auch sagen, dass in dem sogenannten Golden Age of the Detective Novels Krimis sehr häufig von wirklichen Schriftstellern geschrieben wurden, und dass das Lesepublikum damals eher highbrow als lowbrow war. Und natürlich gibt es eine Vielzahl von Krimiautoren, die mehr Bildung haben als Sayers. Die auch besser schreiben. Und die Humor haben. Das ist so eine Qualität, die man in ihren Romanen vermisst. Vor allem, wenn man sie mit Michael Innes und Edmund Crispin vergleicht.
Das ist sicherlich nur fair. Unfair ist natürlich das, was Edmund Wilson 1945 im New Yorker in einem Artikel mit dem Titel Who Cares Who Killed Roger Ackroyd schrieb: The writer that my correspondents were most nearly unanimous in putting at the top was Miss Dorothy L. Sayers, who was pressed upon me by eighteen people, and the book of hers that eight of them were sure I could not fail to enjoy was a story called The Nine Tailors. Well, I set out to read ‚The Nine Tailors‘ in the hope of tasting some novel excitement, and I declare that it seems to me one of the dullest books I have ever encountered in any field. … There was also a dreadful stock English nobleman of the casual and debonair kind, with the embarrassing name of Lord Peter Wimsey, and, although he was the focal character in the novel, being Miss Dorothy Sayers’s version of the inevitable Sherlock Holmes detective, I had to skip a good deal of him, too. In the meantime, I was losing the story, which had not got a firm grip on my attention, but I went back and picked it up and steadfastly pushed through to the end, and there I discovered that the whole point was that if a man was shut up in a belfry while a heavy peal of chimes was being rung, the vibrations of the bells might kill him. Not a bad idea for a murder, and Conan Doyle would have known how to dramatize it in an entertaining tale of thirty pages, but Miss Sayers had not hesitated to pad it out to a book of three hundred and thirty, contriving one of those hackneyed cock-and-bull stories about a woman who commits bigamy without knowing it, and larding the whole thing with details of church architecture, bits of quaint lore from books about bell-ringing and the awful whimsical patter of Lord Peter.
Dies hier musste ich mal eben abbilden, das ist die erste Ausgabe vonThe Nine Tailors in Deutschland nach dem Krieg. Hermann Hübener Verlag 1946, 384 Seiten. Man merkt dem Buch an, dass Papierknappheit herrscht. Ich hüte es trotzdem wie einen kleinen Schatz. Edmund Wilsons Kritik an The Nine Tailors ist natürlich gemein, Dorothy Sayers Fans stöhnen immer auf, wenn der Essay Who Cares Who Killed Roger Ackroyd? erwähnt wird (wenn Sie wollen, können Sie ihn ➱hier ganz lesen, es ist eine vergnügliche Lektüre). Aber dennoch ist an dem Ganzen etwas dran, ich mag die Romane von Sayers auch nicht besonders. Ich mag die Romane von ➱Margery Allingham (die Wilson allerdings auch kritisiert) oder ➱Josephine Tey lieber. Dorothy Sayers hat viel Kritik von prominenter Stelle erhalten, unter anderem von dem berühmten Professor F.R. Leavis. Der in seinem Artikel ➱The Case of Miss Dorothy Sayers in Scrutiny den Satz the novelist’s habit, of thinking of everything in terms of literary allusions aus ➱Busman’s Honeymoon als charakteristisch für Sayers‘ Stil nimmt. Er hat in dem Punkt sicher Recht, die literarische Bildung ist ein bisschen zu dick aufgetragen. Too clever by half wäre das Idiom, das mir dazu einfällt. Michael Innes und Edmund Crispin versorgen uns auch mit literarischer Bildung, aber sie tun es mit leichterer Hand.
‚What were you thinking of mediating upon this time?‘ ‚Housman’s edition of Manilius,‘ the young man answered, abstractedly removing his collar and tie. ‚Wonderful chap — Housman, I mean; Manilius was rather a blister. The way Housman pastes the other commentators in the slats does your heart good. I was just concentrating on the way he kicks the stuffing out of Elias Stöber–lovely!‘ Diese Stelle steht nicht bei Sayers, sie stammt aus der Parodie von Gaudy Night von E.C. Bentley, die den schönen Titel Greedy Night hat. Man sieht, dass Sayers damals schon viele Leser nerven konnte. Schwerer als die Vorwürfe von Edmund Wilson oder F.R. Leavis wogen da schon die Insinuationen, die Sayers Antisemitismus unterstellen. Lord Peter Wimsey (hier von Ian Carmichael dargestellt) verachtet liars and halfwits and prostitutes and dagoes. Natürlich kann man aus solch einem Satz eine gewisse Fremdenfeidlichkeit herauslesen. Und man kann von solchen Aussagen bei Sayers noch viel mehr finden – wie übrigens bei vielen Autoren aus der upper middle-class, die zwischen den Weltkriegen schreiben.
Snobbery with Violence war der Titel des Buches von Colin Watson, und er passt natürlich wunderbar auf die Welt von Sayers. Ursprünglich stammt der Satz von ➱Alan Bennett: Sapper, Buchan, Dornford Yates practitioners in that school of Snobbery with Violence that runs like a thread of that runs like a thread of good-class tweed through twentieth-century literature. Sie können jetzt gerne zu Sapper, Buchan, Dornford Yates den Namen Ian Fleming (oder Dorothy Sayers) hinzufügen, der Satz von Alan Bennett stimmt immer.
Murder Must Advertise enthält ein ganzes Kapitel, in dem es umCricket geht. Lord Peter, der sich sozusagen als verdeckter Ermittler in die Werbeagentur eingeschlichen hat, spielt in der Firmenmannschaft. Aber natürlich darf niemand den Peter Wimsey of twenty years back, making two centuries in successive innings for Oxford erkennen. Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, dass der Übermensch Lord Peter auch noch ein brillanter Cricketspieler ist. Er versucht zuerst, möglichst nichts von seiner Könnerschaft aufblitzen zu lassen. Aber dann: Nothing makes a man see red like a sharp rap over the funny-bone, and it was at this moment that Mr. Death Bredon suddenly and regrettably forgot himself. He forgot his caution and his role, and Mr. Miller’s braces, and saw only the green turf and the Oval on a sunny day and the squat majesty of the gas-works. The next ball was another of Simmonds‘ murderous short-pitched bumpers, and Lord Peter Wimsey, opening up wrathful shoulders, strode out of his crease like the spirit of vengeance and whacked it to the wide. The next he clouted to leg for three, nearly braining square-leg and so flummoxing deep-field that he flung it back wildly to the wrong end, giving the Pymmites a fourth for an overthrow. Mr. Simmonds‘ last ball he treated with the contempt it deserved, snicking it as it whizzed past half a yard wide to leg and running a single.
Das ist jetzt die Szene, in der die Tarnung von Lord Peter auffliegt. Denn Mr Brotherhood, der Chef der Agentur, gegen die man Cricket spielt, hat ihn an seiner Spielweise erkannt: Aren’t you Wimsey of Balliol? . . . You have a late cut which is exceedingly characteristic, and I could have taken my oath that the last time I saw you play it was at Lord’s in 1911, when you made 112. Sie können das ganze Kapitel ➱hier nachlesen. Das Kapitel 18 mit dem Titel Unexpected Conclusion of a Cricket Match gehört für Cricket Liebhaber zur Pflichtlektüre, auch wenn es an A.G. Macdonells Beschreibung des Village Cricket Match (hier im ➱Volltext) inEngland, Their England nicht ganz herankommt. Dieser A.G. Macdonnell schreibt zu gleichen Zeit wie Dorothy Sayers (er hat auch ein halbes Dutzend Krimis geschrieben), es fällt mir schwer, Dorothy Sayers ein zweites und drittes Mal zu lesen. A.G. Macdonnell kann ich immer wieder lesen. Ich glaube, ich schreibe demnächst mal über ihn (vielleicht schon morgen?). Macht mir mehr Spaß.








