Katzen
17/07/2012 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich muss noch einmal auf Robert Altmans Film The Long Goodbye zurückkommen. Sie haben den Film ja wahrscheinlich gestern Abend auf ARTE gesehen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Philip Marlowe von Humphrey Bogart und dem von Elliott Gould ist, dass Humphrey Bogart in The Big Sleep zwar diesen schönen Regenmantel hat (The role is a cinch. The role doesn’t bother me. I’ve been doing the role for years. I’ve worn that trench coat of mine in half the pictures I’ve been in), aber keine Katze hat. Im wirklichen Leben soll er mal eine Katze gehabt haben (und Lauren Bacall hat einmal für Fancy Feast Katzenfutter Reklame gemacht). Aber ein hardboiled detectivemit einer Katze? Undenkbar. T.S. Eliot mag ja Gedichte über Katzen schreiben, aber tough guys in der Literatur haben keine Katzen. Auch keine Frauen.
Doch in The Long Goodbye ist Elliot Gould zehn Minuten lang damit beschäftigt, Katzenfutter zu kaufen. Die Katze in der ersten ⇰Viertelstunde des Films hätte übrigens einen Oscar verdient gehabt! Ich glaube, dass Altman die Katze nur in den Film gebracht hat, weil Chandler Katzenliebhaber war. Die Katze mit dem Namen ⇰Chauncey Scratchet, der Altman alle schauspielerischen Freiheiten ließ (⇰Elliott Gould übrigens auch), hat in keinem anderen Film als diesem mitgespielt. Schade eigentlich.
Ich persönlich habe kein besonderes Verhältnis zu Katzen. Als ich noch klein war, habe ich eine von meinem Schoß geworfen, weil ich glaubte, sie hätte Opas Wecker verschluckt. Ich wusste nicht, das Katzen schnurren, damals war ich fünf. Inzwischen habe ich eine Katzenallergie und gehe den Katzen aus dem Weg. Aber vielleicht habe ich sie auch schon vorher nicht gemocht, denn eine Freundin hat mir vor einem halben Jahrhundert ein wunderbares Katzenbuch für Katzenhasser und Katzenliebhaber von Siné geschenkt, irgendwie scheint Siné im Gegensatz zu seinem Kollegen ⇰Sempé heute beinahe vergessen zu sein. Was sehr schade ist. Das Katzenbuch habe ich immer noch, die Freundin aber redet heute nicht mehr mit mir. Das letzte, was ich von ihr hörte, war eine Karte mit einer niedlichen Katze und darunter stand:so bin ich, wenn ich lieb bin. Ja, so sind sie.
Raymond Chandler hat seine Katzen geliebt, er hat einmal seine schwarze Perserkatze Taki als seine Sekretärin bezeichnet. Chandlers Agent in Hollywood hat über die Katze gesagt, she knew more about him than anybody else. Wie eine Perserkatze aussieht, weiß ich, ich bin mal auf eine weiße Perserkatze draufgetreten, weil ich sie nicht von dem weißen Flokatiteppich unterscheiden konnte, auf dem sie lag. War mir auch sehr peinlich, weil die Dame des Hauses sehr etepetete war. Weil ich eine Katzenallergie habe, hätte Chandler mir meinen Katzenhass wohl verziehen, hat er doch einmal geschrieben: I said something which gave you to think I hated cats. But gad, sir, I am one of the most fanatical cat lovers in the business. If you hate them, I may learn to hate you. If your allergies hate them, I will tolerate the situation to the best of my ability. In der Sammlung von Briefen ⇰Raymond Chandler Speaking haben Dorothy Gardiner und Kathrine Sorley Walker ein ganzes Kapitel von Briefen, das Chandler on Cats heißt.
Robert Altman hatte so gut wie nichts von Chandlers Romanen gelesen, er kannte lediglich Chandlers Briefe (die natürlich immer eine lohnende Lektüre sind). Und ich nehme mal an, dass ihn das Kapitel Chandler on Cats auf die Idee mit der Katze gebracht hat (das Bild hier zeigt Elliott Gould beim Kauf von Katzenfutter). Er hatte The Long Goodbye, den er vor Jahren halb gelesen weggelegt hatte, erst richtig gelesen, als man mit ihm verhandelte, ob er die Regie übernehmen würde.
I was sent the script by the producers and at first I said, „I don’t want to do Raymond Chandler. If you say ‚Philip Marlowe‘, people just think of Humphrey Bogart. Robert Mitchum was being proposed for it. But I just didn’t want to do another Philip Marlowe film and have it wrap up the same way all the other films did. I think it was David Picker, the production chief at United Artists, who suggested Elliott Gould for Marlowe – and then I was interested. So I read Leigh Brackett’s script – she wrote the script of The Big Sleep for Hawks – and in her version, in the last scene, Marlowe pulled out his gun and killed his best friend, Terry Lennox. It was so out of character for Marlowe, I said, ‚I’ll do the picture, but you cannot change that ending! It must be in the contract.“ They all agreed, which was very surprising. If she hadn’t written that ending, I guarantee I wouldn’t have done it. It said, ‚This is just a movie.‘ After that, we had him do his funny little dance down the road and you hear ‚Hooray for Hollywood‘, and that’s what it’s really about – ‚Hooray for Hollywood‘. It even looked like a road made in a Hollywood studio. And with Eileen Wade driving past, it’s like the final scene in ‚The Third Man‘!
Die ⇰Leigh Brackett, die hier erwähnt wird, kannte Chandlers Romane besser als Altman, hatte sie doch zusammen mit ⇰William Faulknerdas Drehbuch zu The Big Sleep geschrieben. Und es ist natürlich irgendwie frech von ihr gewesen, dass sie diesen Schluss geschrieben hat. Aber der Film mit der Katze hat Folgen. Lesen Sie doch diesen wunderbaren Post von Fred deVecca (der seine Katze Marlowe genannt hat) in dem hervorragenden Blog von ⇰Noir Originals von ⇰Allan Guthrie. Ein Muss für alle Krimifreunde.
Doch es war den Katzen nicht genug, dass sie eine Beigabe für den Detektiv waren. Neuerdings müssen sie auch noch selbst ermitteln. Die Amerikanerin ⇰Lilian Jackson Braun hat in vierzig Jahren dreißig Katzenkrimis geschrieben, von denen The Cat Who Could Read Backwards1966 der erste war. Und in Deutschland hatte Akif Pirincci mit ⇰Felidae einen aussergewöhnlichen Erfolg. Gab’s auch gleich als ⇰Film, in dem prominente Schauspieler wie Ulrich Tukur, Mario Adorf, Helge Schneider, Klaus Maria Brandauer, Uwe Ochsenknecht und Ulrich Wildgruber den Katzen ihre Stimme liehen. Und es gibt noch viel mehr Katzenkrimis, Katzenfreunde lesen bitte diese ⇰Seite. Katzenhasser brauchen die natürlich nicht zu lesen.
Natürlich kommen bei Raymond Chandler auch Katzen vor, ich als Katzenhasser liebe diese Stelle in ⇰Finger Man, wo der Detektiv noch nicht Philip Marlowe sondern ⇰Carmady heißt: What I could see of him was dressed in a slovenly gray suit, and there was a large black Persian cat on the desk in front of him. He was scratching the cat’s head with one of his little neat hands and the cat was leaning against his hand. Its busy tail flowed over the edge of the desk and fell straight down… „Who did kill Lou Harger, Dorr?“ I asked, not looking at him. He shook his head. I looked at him, smiling. „Swell cat you have,“ I said. Dorr licked his lips. „I think the little bastard likes you,“ he grinned. He looked pleased at the idea. I nodded-and threw the cat in his face.
Nina van Pallandt
15/07/2012 § Hinterlasse einen Kommentar
Leider ist der schöne Katalog von ➱Michael Koetzle twen: Revision einer Legende inzwischen auch schon Vergangenheit (ich habe natürlich einen). Ich war einmal Anfang der sechziger Jahre auf einer Kulturtagung (natürlich nur, weil man dafür schulfrei bekam), wo eine Dame mit Dutt und grauer Strickjacke hasserfüllt einen Vortrag über den twen hielt. Das Magazin war für sie der Untergang des Abendlandes. Wahrscheinlich weil da Photos von Sam Haskins drin waren, die damals als verworfen galten. Die Dame reichte auch zur Abschreckung einige Hefte herum. Die habe ich alle mitgenommen, damit meine Mitschüler nicht in Versuchung gerieten, in den Strudel des Unterganges gezogen zu werden. Unglücklicherweise fand ich später heraus, dass die Vortragende die Tante meiner damaligen Freundin war.
Nina van Pallandt wurde als Nina Magdelene Møller-Hasselbalch in Kopenhagen geboren, 1960 hat sie den dänischen Baron Frederik van Pallandt geheiratet. Die beiden sind dann als Nina & Frederik weltberühmt geworden, das war das easy listening der sechziger Jahre mit dieser schnuckeligen Skandinavierin als Beigabe auf dem Cover der LP. Ihr erster Filmauftritt war nicht so toll wie der in The Long Goodbye. Der Film hieß Mandolinen und Mondschein, wenn Sie einen wirklichen Retro Schock haben wollen, dann schauen Sie jetzt mal eben ➱hier hinein.
Die Ehe des Traumpaares hielt neun Jahre. Da hatten sie alles gesungen, was Harry Belafonte und andere Folksänger im Programm hatte, seicht und melodisch. Von da an machten sie nur noch Schlagzeilen, die man nicht so gerne las. Wie hier auf dem Titelbild von Life: The Singing Baroness in the Hughes Affair. Ich lasse das alles mal lieber weg. Wie verschieden war jetzt Nina van Pallandts Welt von dem Text auf der Platte Strange World, wo es am Schluss hieß: Nina and Frederik are unique entertainers and rare people. In a world often noisy they produce gentle sound; to a world often vulgar they bring dignity.
Robert Altmans Verfilmung von Raymond Chandlers ➱The Long Goodbye warf die blonde Dänin in eine noisy and vulgar world. Es ist kein Augenblick Ruhe in dem Film: I decided that the camera should never stop moving. It was arbitrary… It gave me that feeling that when the audience see the film, they’re kind of a voyeur. You’re looking at something you shouldn’t be looking at… My method also means you don’t have to light for close-ups; you only have to accommodate what may happen, so you just light the scene and it saves a lot of time. The rougher it looked, the better it served my purpose. Altmann transponiert das Los Angeles der vierziger Jahre in das nervöse Kalifornien der siebziger Jahre. Die Handlung des Romans ist nur noch rudimentär zu erkennen, und dennoch ist es irgendwie ein gelungener Film; it’s an original work, complex without being obscure, visually breathtaking without seeming to be inappropriately fancy, schrieb Vincent Canby in der New York Times. Was natürlich an der hervorragenden Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond lag, der diesem neo-noir Film seinen Stempel aufdrückte. Und an Nina van Pallandt. Auch wenn wir eine halbe Stunde lang warten müssen, bis wir sie zum ersten Mal ➱sehen.
Elliott Goulds wäre sicherlich nicht jedermanns Wahl als Marlowe gewesen, aber Robert Altman gab dem damals arbeitslosen Gould die Rolle seines Lebens. Denn zuvor hatte der eigentlich nur zwei gute Filme gedreht: Bob & Carol & Ted & Alice (1969) und M*A*S*H (1970). Und seine Verkörperung von Philip Marlowe brachte ihn als Star for an Uptight Age auf das Titelblatt vonTime (Elvis hat das nie geschafft). He embodies an inner need to be hip at the risk of seeming silly, the struggle not to give in to the indignity and/or insanity of contemporary life, schrieb Time. Es war die Zeit, wo manhip und with it sein musste, und der zerknautschte Elliott Gould war das.
Für viele Kritiker blieb natürlich Humphrey Bogart die filmische Verkörperung von Philip Marlowe, der Meinung scheint auch Raymond Chandler gewesen zu sein. So schreibt er in einem Brief an seinen englischen Verleger Hamish Hamilton: When and if you see The Big Sleep (the first half of it anyhow), you will realize what can be done with this sort of story by a director with the gift of atmosphere and the requisite touch of hidden sadism. Bogart, of course, is also so much better than any other tough-guy actor that he makes bums of the Ladds and the Powells. As we say here, Bogart can be tough without a gun. Also he has of humor that contains that grating undertone of contempt. Ladd is hard, bitter and occasionally charming, but he is after all a small boy’s idea of a tough guy. Bogart is the genuine article.
Doch so gut Humphrey Bogart für denFilm Noir sein mochte (der ➱Robert Mitchum von Out of the Past wäre auch gut für die Rolle gewesen), jetzt waren die siebziger Jahre gekommen. Da konnte man dem Publikum kaum eine Phantasiefigur eines Autors verkaufen, der eigentlich immer noch im Zeitalter der Königin Viktoria lebte. Mit all diesen ➱Rittern in Literatur und Malerei. Wen hätte man für die Rolle nehmen sollen? Robert Mitchum als alternder Marlowe in Farewell My Lovely war nicht schlecht (Charlotte Rampling auch nicht), er hätte es dabei belassen sollen. Denn in dem Re-Make von The Big Sleep (nicht mehr im L.A. von 1939 sondern im London der 70er Jahre) von Michael Winner hat er seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt. Michael Winner ist einfach nicht intelligent genug für einen richtigen neo-noir Film. Und London ist nicht L.A.
Altmans L.A. ist auch ein anderes L.A. als das von ➱Raymond Chandler. Er hätte natürlich einen Retro-Film drehen können, so etwas war damals en vogue, wenn wir an Chinatown denken. Ein klein wenig Retro war die Nachbehandlung des Filmmaterials: I was worried about the harsh light of southern California and I wanted to give the film the soft, pastel look you see on old postcards from the 1940s. So we post-flashed the film even further than we did on McCabe & Mrs Miller, almost 100 percent. Aber es sollte nicht bei diesem leichten Verfremdungseffekt bleiben. Altman hatte sich zu einer radikalen Lösung entschlossen: I decided that we were going to call him Rip Van Marlowe, as if he’d been asleep for twenty years, had woken up and was wandering through this landscape of the early 1970s, but trying to invoke the morals of a previous era. I put him in that dark suit, white shirt and tie, while everyone else was smelling incense and smoking pot and going topless; everything was health food and exercise and cool. So we just satirized that whole time. And that’s why that line of Elliott’s – ‚It’s OK with me‘ – became his key line throughout the film
Eigentlich ist die Hauptfigur seines Films die Stadt Los Angeles (ein Los Angeles, das Chandler nicht wiedererkannt hätte), durch die Elliott Gould – mehr schlemihl als Ritter – streift. Aber so neu alles sein mag, manches ändert sich nie. Und die ➱femme fatale, wie das ➱good-bad girl ein Wesenselement des Film Noir, bleibt natürlich die femme fatale. Auch wenn sie ➱blond ist und wie eine Schwedin aussieht und Nina van Pallandt ist. Und im Film Eileen Wade heißt. She looked exhausted now, and frail, and very beautiful, heißt es im Roman, da ist Philip Marlowe schon ganz hin und weg. Wenn sie im Film sagt Could you find my husband for me, please, Mr Marlowe? Kann Philip Marlowe da widerstehen? Es ist das Los dieses tough guy Ritters, dass er immer wieder die damsel in distress retten müssen.
In Chandlers Roman The Long Goodbye schreibt Eileen Wade in ihrem Abschiedsbrief: Time makes everything mean and shabby and wrinkled. The tragedy of life… is not that the beautiful things die young, but that they grow old and mean. It will not happen to me. Nina van Pallandt wird im Film dieser Satz erspart (im wirklichen Leben vielleicht nicht), ihre Eileen Wade lebt am Ende des Films noch. Fährt im Jeep an Elliott Gould vorbei, der sie nicht bemerkt. Der einsam aber fröhlich diese Allee hinuntergeht (down these mean streets a man must go), bis er zum Schluss aus den Bild hüpft. Stand so nicht bei Chandler, war aber auch irgendwie gut.













