Nach der Pause drehten die Gäste auf. Ein random-Satz aus der Radio-Sportberichterstattung.
„Boyd Halverson, einst gefeierter Journalist, hat nichts mehr zu verlieren. In einem Anfall von Verzweiflung raubt er eine Bank aus, nimmt die schlagfertige Angestellte Angie Bing als Geisel und beschließt, sich an dem Mann zu rächen, den er für seine Misere verantwortlich macht. Doch das gestohlene Geld ist kaum der Rede wert, und Angie entpuppt sich als unerwartet aufmüpfig. Für die beiden beginnt ein Roadtrip in die Untiefen einer von Scham und Betrug zerfressenen Nation – mit einigen gefährlichen Verfolgern auf den Fersen. Nur die Polizei scheint sich nicht für Boyd und Angie zu interessieren …“ (Text: Verlag)
America Fantastica heißt der Kriminalroman, den ich mir letzthin aus der Buchhandlung mitgenommen habe. It follows a disgraced journalist who is also a compulsive liar as he embarks on a crime spree across America in the midst of the COVID-19 pandemic, resümiert die Encyclopædia Britannica die Handlung freundlicherweise in einem Satz.
Compulsive musste ich nachgucken = zwanghaft. Wie die HTML-Entität für die ae-Ligatur heißt, ebenfalls. Gelobt sei w3schools! æ heißt das Zauberwort. – Macht œ, was ich glaube? cœur – Ja. (Der Genauigkeitsfimmel, den mir mein Jungfrau-Aszendent eingebrockt hat, verlangte, dass ich mich bei meiner einen kanadischen Nichte – es gibt zwei – erkundigte, ob das lig in der Entität für ligature oder für ligation steht. Für ligature. – Dieser Aspekt meiner Persönlichkeit ist wahrscheinlich mit zwanghaft gut beschrieben.)
Autor ist Tim O’Brien, ein Veteran – als Schriftsteller, und als Soldat in Vietnam.
Das Buch, das 2023 nach zwanzigjähriger Veröffentlichungspause erschienen ist, spielt im üblen Nordamerika der letzten Jahre und umfasst zwei ebenmäßig proportionierte Teile von je 250 Seiten Umfang. Der erste bietet, ich zitiere: Autos, Waffen, Überfälle, Spielcasinos, Geld, Filme, Hautpflege, Gott, Monopoly, Wohnmobile, Radiomoderatoren, Baseball und Lügner an öffentlichen Orten; der zweite: Autos, Waffen, Überfälle, Spielcasinos, Verschwörungen, Filme, Geld, Road Trips, Renovierung, Eisfischen, Fast Food, Rache, Wiederbegegnungen, Vogelbeobachtung, Gott, Ehe, Shoppen, Opioide und Lügner an öffentlichen Orten.
Da ich zur Spezies der Langsamleser zähle, werde ich eine Weile mit America Fantastica verbringen. So lang, wie’s dauert, dauert’s.
Eine Leseprobe vielleicht?
Hier die ersten fünf Kapitel, und der Anfang des sechsten → Leseprobe
Die – sehr gute – Übersetzung liest sich nicht wie eine Übersetzung und stammt von Gregor Hens.
Tim O’Brien, America Fantastica. 528 Seiten, broschiert. Aus dem Englischen (USA) von Gregor Hens. HarperCollins, Hamburg 2026. 14,00 Euro
Beim Lissaboner Label Clean Feed erschien bereits 2012 das Album Wires & Moss des Angelica Sanchez Quintet (Angelica Sanchez, p, Marc Ducret, g, Tony Malaby, ts & ss, Drew Gress, b, Tom Rainey, dr). Daraus hier ↑ das Stück Soaring Piasa, das sich langsam aus den Stimmen von Saxophon und Gitarre entwickelt. Schlagzeug, Klavier kommen hinzu, Viertel vor drei ist auch der Bass zur Stelle, dann erst wird das Thema vorgestellt.
Aufgenommen wurde das Ganze in den Systems Two Studios in Brooklyn, die leider in den Ruhestand gegangen sind.
Doch so hochkarätig und beglückend Wires & Moss ist – die Musik erscheint einigermaßen zahm (Einspruch Meinolf: Nein, nicht zahm. Was ist mit Loomed?), verglichen mit der freieren, wilderen auf HUAPANGO, einem an Farben und Rhythmen überreichen (hier ist Überreichtum mal was Gutes!) Trio-Album von Tony Malaby, Angelica Sanchez und Tom Rainey (RogueArt, Paris 2022). Wer’s anhört, fühlt sich als berauschter Gast in einer Zauberküche.
Es gibt ja den Spruch: Manche kommen aus dem Staunen nicht heraus, manche nicht hinein. (Glaube, eine Österreicherin hat das gesagt.*) Angelica Sanchez, Tony Malaby und Tom Rainey winken von der Staunen-Seite, und wer nur ein offenes Ohr hat, wird im Nu dorthin versetzt.
* Yup. Elfriede Gerstl, im Band mein papierener garten. gedichte und denkkrümel (Droschl Literaturverlag, Graz 2006. Als Einzelband vergriffen; enthalten in Band 3 der Werkausgabe: Haus und Haut): manche kommen aus dem staunen nicht heraus / manche nie hinein, zitiert nach dem Gerstl-Eintrag bei → planetlyrik. – Ebenfalls von Elfriede Gerstl eins meiner Lieblingszitate: Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen.
„There’s no leading, no following. We’re in the moment together. They even know when I’m going to take a breath — I can feel it.“ – Tony Malaby
„It sounds simple to say, but the three of us have real creative chemistry together. Chemistry is the difference between just a group of good musicians playing in a room and something magical happening.“ – Tom Rainey
„The longevity of it means something — there’s so much life and love in this group. As for the music, it’s about the joy of surprise. For some people, the unexpected can make them uncomfortable — for us, it’s inspiring.“ – Angelica Sanchez