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Die Kufen des Respekts, der Helm des Anstoßes und die Tränen des Krokodils

Versuch einer unverdrossen optimistischen Nachlese zu den Olympischen Winterspielen in Italien – wider den Kulturpessimismus.

Von Manfred Sing

Die Welt des Sports hat in den vergangenen Tagen mehr als ein Fenster auf unsere verwirrende Gegenwart zwischen Völkerverständigung und Kulturkampf eröffnet. Wir vom IEG haben den olympischen Mehrkampf an acht italienischen Orten satzungsgemäß aus rein transnationaler Perspektive verfolgt. Der Versuch, sich einen Reim auf das Anschauungsmaterial zu machen, böte allerhand Anlass zum Kulturpessimismus, würden wir nicht so unverdrossen an unserer positiven Grundeinstellung arbeiten.

Wie es bei Olympia um Fairness und Völkerverständigung steht? Nun gut, hier und da wurde einem Athleten, wenn er seinen Skistock zerbrochen hatte, von einem Fremdtrainer ein Ersatzutensil angereicht. Wenn jemand auf der Buckelpiste oder im Eisoval allzu schwer gestürzt war, hielten Snowboarder oder Skater kurz inne, um sich zu vergewissern, dass die Verletzung im Rahmen des Üblichen geblieben war; wenn ein Abtransport ins Krankenhaus zu bewerkstelligen war, wurde ganz gestoppt. Ein Biathlet schleifte versehentlich den Stock eines Konkurrenten vom Schießstand mit und hatte die Größe, anzuhalten, umzukehren und den Stab nahezu bis zu dessen Besitzer zurückzubringen. Mehr geht fast nicht.

Heftige Wortgefechte lieferten sich hingegen Kanadier und Schweden, die gerade noch gemächlich ihre Steine übers „Sheet“, das präparierte Eis, dahingleiten ließen. Vorwurf: Doppelberührung des Steins mit dem Zeigefinger. Da versteht selbst der gemütlichste Curler keinen Spaß mehr. Und eine schwedische Skiläuferin, Ebba Andersson, stapfte nach zwei Stürzen längere Zeit auf einem Ski einsam durch die Ödnis, während die norwegische Staffelläuferin an ihr vorbeiglitt und ihr Gold wegschnappte. Die Schwedin rächte sich später im 50-Kilometer-Rennen, indem sie allen davonlief.

Ganz anders als etwa im Radfahren, wo das Ausnutzen eines Missgeschicks als unsportlich gilt, gehört auf glitschigem Untergrund das Hinfallen, Wiederaufstehen und Ausscheiden zum Wettbewerb dazu. Bei Schrauben und Salti über Schanzen oder in der Halfpipe gibt es fast so viele Patzer wie geglückte Versuche zu bestaunen, und bei Kontaktsportarten darf der Gegner regelkonform weggekörpert werden. Speziell mit dem Eiskunstlauf wurde eine Sportart erfunden, die ohne Missgeschick weder spannend wäre noch je einen glücklichen Sieger fände – einen etwa, der im Kurzprogramm zu Tode betrübt die Hebefigur vermasselt, dem in der Kür dann aber alles gelingt, während es alle anderen verbocken: hier den dreifachen Flop, da den Sitzberger, Fallchow, Kraxel, Puh-Loop oder wie sie alle heißen.

Ungesunder Ehrgeiz und Fun im Sportjournalismus

Denjenigen, die die schwierigsten Verrenkungen vollbringen und die steilsten Hänge hinabrasen, rufen derweil die Sportreporter hinterher, sie sollten es jetzt aber mal laufen lassen, entlang der Falllinie, und den Schwung mitnehmen, bloß nicht verkanten und, bitte schön, die Schlüsselstelle etwas mutiger angehen. Der Unfall der bedauerlichen Lindsay Vonn, die den Reporter-Rat bis in die Haarspitzen befolgte, schaffte es in den Weltnachrichten beim ZDF immerhin auf Rang 1. Bis aufs Alpenvorland, wo man den Trümmerbruch ihres linken Beins mit einem Gott ergebenen „Jo mei, des is’ die Lindsee, so kenn’n m’r se“ quittierte, war das dann aber auch wieder nicht recht, sondern ungesunder Ehrgeiz: eine Frau!, mit 41!!, und vom Start weg mit zwei lädierten Knien!!! Da musste die Fernsehkommentatorin die Augenbrauen hochziehen und mal ein ernstes Wörtchen über das Recht der Frau am eigenen Körper sagen.

Dass Vorzeigeathleten auch eine gesellschaftliche – aber welche? – Verantwortung haben, wie es selbst in der Präambel der Olympischen Charta heißt, kam dabei genauso wenig vor, wie der naheliegende Gedanke, dass Leistungssport eh von Grund auf ungesund ist. Die famose Freestylerin Eileen Gu wird ihren „Signature Move“, den Double Cork Sixteen-Twenty mit zwei Off-Axis-Flips und viereinhalbfacher Rotation, auch nicht bis ins Rentenalter ausführen, so ist zu vermuten. Doch die Fernsehkameras fangen gerne die gut gelaunten „Mädels“ mit der Beteuerung ein, jede noch so krasse Bauchlandung sei ein großer „Fun“. Daumen hoch, Bussi für die Menge und weiter geht’s.

Stylische Freestylerin Eileen Gu aus den USA, für China am Start (Wikipedia 2020-01-20 Freestyle skiing at the 2020 Winter Youth Olympics – Women’s Halfpipe – Mascot Ceremony (Martin Rulsch) 06 (cropped) – Eileen Gu – Wikipedia)

In punkto Gesundheitsschädlichkeit ist selbst das Internationale Olympische Komitee (IOC) unfreiwillig ehrlicher, bewirbt es seine Spiele doch fast nur mit ungesunden Nahrungsmitteln und umweltschädlichen Produkten, speziell von fossilen Sponsoren. 20.000 Sportler verwunderte das so sehr, dass sie eine flammende Petition dagegen starteten. Inhalt der Klage: die Winterspiele schmölzen buchstäblich dahin. Es wird in der Tat immer schwieriger, schneesichere Gebiete aufzutun, weshalb die Veranstalter mit Schneekanonen und Snowfarming gegensteuern, was klimaschädlich ist und die natürlichen Schneemassen noch weiter schrumpfen lässt, weshalb es noch mehr Schneekanonen braucht und so weiter. Sie wissen schon: so wie in der Geschichte mit dem Elch, der wegen der Abgase plötzlich eine Gasmaske braucht, weil im Wald eine Gasmaskenfabrik aufgemacht hat.

Und wenn es dann doch mal schneit, weil ein Tief reinzieht, müssen die Wettkämpfe verschoben oder abgebrochen werden, denn damit konnte ja, wie bei der Deutschen Bahn, niemand rechnen, dass im Winter plötzlich Winterwetter herrscht. Dieses Winterwetter zog natürlich speziell zum Nachteil der deutschen Athleten herauf, wie man der Berichterstattung entnehmen konnte, weil sie, wenn der Wettkampf abgebrochen wurde, einer Medaillenchance beraubt wurden, hätten sie im Schneetreiben doch locker und lässig noch 0,3 Punkte aufholen können, oder weil sie, wenn der Wettkampf doch weiterging, mit den Bedingungen nicht zurechtkamen.

Mit allzu viel Nachdenken, was hinter all den Hochleistungen an physischen und psychischen Opfern, an materiellem und medialem Aufwand steckt, will der Sportjournalismus sein Publikum besser nicht vergraulen. Lieber arbeiten sich die Journalisten am angekratzten nationalen Selbstbild ab, weil schon ab dem zweiten Olympia-Tag ein „enttäuschender“ Tag für Deutschland auf einen „bitteren“ folgte und die Moderatorinnen gar nicht mehr aus dem Lamentieren herauskamen, dass es schon wieder weniger Medaillen als letztes Mal und vorletztes Mal und auch das Mal davor schon gegeben habe. In einer endlosen Schraubenpirouette ersehnt der Sportjournalismus zudem den Fall der Helden herbei, dürstet nach neuen Heroen und träumt vom Comeback der alten Kämpen. Wie „unbekümmert“ doch die 17- bis 20-Jährigen auftreten, dass es eine wahre Freude ist! Oder wie sie, oder wahlweise irgendwelche Favoritinnen, „dem Druck“ leider, leider nicht standhalten können – einem Druck, der natürlich besonders von den Medien selbst heraufbeschworen, geschürt und verwunschen wird. Wie man so hört, werden die Wettkämpfe vornehmlich im Kopf gewonnen.

Deutsche nicht mehr „gierig“ und „bissig“, nur noch „brav“

Ganz gleich, wer welche Wettbewerbe gewinnt, als erste Faustregel gilt: irgendwer verliert immer, und die größten Deppen in Punkto Fairness stammen aus dem gleichen Land wie der Athlet, den sie „haten“. Auf den Sozialen Medien gilt ohnehin die anlasslose Beleidigung als Norm – ganz gleich, ob es um Gewinner oder Verlierer geht oder ob eine Sportlerin sich auf Insta als Glamour-Girl mit einem Trump-Fan als Freund inszeniert, der nächste Athlet seinen ICE-Protest in den Schnee pinkelt oder eine dritte mit ihren Storys die LGBTQ-Community wunderbar unterhält. Alle erhalten sie Fanpost, die von Aufmunterung über Schmähungen bis hin zu Todesdrohungen reicht. „Vierfachgott“ Ilia Malinin aus den USA, der schon vor den Spielen nicht nur die theologisch Interessierten und Kenner der Trinitätslehre aufhorchen ließ, beklagte sich völlig zu Recht über eine Flut von Hassnachrichten, nachdem er in seiner Kür ausgerechnet vier Sprünge verhauen hatte. Selbst in der linksliberalen taz war sich ein Autor für Häme nicht zu schade und sah in Franziska Preuß „das Gesicht des Niedergangs“ im Biathlon, wo die Deutschen doch im Schießen und Wegrennen immer so gut gewesen seien.

Als zweite Faustregel darf gelten, dass Enttäuschung im Sportuniversum ein dehnbarer Begriff ist. Selbst die äußerst erfolgreiche und bestbezahlte Frau Gu sah sich mit der herablassenden Reporterfrage, ob sie denn nun zwei Silbermedaillen gewonnen oder zwei Goldmedaillen verloren habe, konfrontiert, wusste darauf aber genauso stylisch zu antworten, wie sie sich über Hänge respektive in der Halfpipe bewegt.

Die Schizophrenie auf den Punkt brachte unbewusst ein Autor des Kicker in seiner Olympia-Bilanz. Er urteilte erst, die Deutschen seien heute kaum mehr „wirklich gierig, bissig, verzweifelt nach dem Sieg jagend“: „Das ganze Team wirkte sympathisch (…), doch irgendwie auch brav.“ Nahtlos stimmte er dann in den Klagegesang ein, der Hass auf den Social Media sei aber auch „wirklich schmerzhaft“ und „völlig inakzeptabel“. Den hätten unsere großartigen Sportler nicht verdient, die tagtäglich alles für ihren Traum gäben, viele Opfer brächten und denen am Ende bloß ein paar Hundertstelsekunden fehlten. Eine knappe Niederlage „ändert nichts am Respekt, den jeder verdient hat“ – den der Journalist aber offenkundig selbst in seiner „kommentierenden Analyse“ (Titel: „Da stimmt was nicht!“) hatte vermissen lassen.

Wer will denn da „Geschichte schreiben“?

Ganz überrascht haben wir da – einer déformation professionelle zum Opfer fallend – die Meldung zur Kenntnis genommen, der Langläufer Johannes Hoesflot Klaebo greife nach dem Geschichtsbuch, und uns erfreut gefragt, für welche Region jenseits von Trondheim und für welche Epoche sein Herz ganz besonders schlage und wie er bei all seiner ausgedehnten Langlauferei noch zum Lesen komme. Bis wir enttäuscht feststellen mussten, dass uns einmal mehr eine journalistische Stilblüte in die Irre geführt hatte. Beständig fragt man sich, was sich die Damen und Herren der schreibenden Zunft eigentlich unter den vielbesungenen „Einträgen in den Geschichtsbüchern“ vorstellen und woher sie die Idee nehmen, jemand habe „Geschichte geschrieben“, wenn er oder sie irgendeinen Rekord aufstellt, der in ein, zwei oder 50 Jahren wieder gebrochen wird. Als könne ein einzelnes, flüchtiges Ereignis „Geschichte“ sein! Wer im Zeitalter des Digitalen, wo man kaum mehr die Ergebnisliste von vergangenen Freitag findet, Bücher beschwört, wenn über ein trauriges Zeugnis der Vergänglichkeit berichtet wird, der müsste zur Strafe eigentlich solange ins Archiv verbannt werden, bis er die komplette Geschichte des Überstrapazierens der Geschichtsbuch-Metapher geschrieben hätte. Vielleicht würde ihn das die eigene Substanzlosigkeit lehren – vielleicht auch nicht.

Der Boulevard indes lässt noch deutlich tiefer blicken, tritt er doch bei jeder Goldmedaille aufs Neue breit, dass das Geheimnis des Erfolgs von „König Klaebo“ darin liege, dass er immer in derselben Unterhose laufe. Der Monarch sah sich mittlerweile sogar genötigt klarzustellen, dass er sie jedes Mal wasche – was durchaus internationalen Standards entspricht, den IOC-Regeln persönlicher und politischer Neutralität in keinster Weise zuwiderläuft und, schenkt man Umfragen Glauben, sogar über dem Durchschnitt liegt. Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte.

Respekt in allen Farben, aber bitte neutral und nicht zu persönlich

In diesem medialen Umfeld erstrahlt der Fall der Eisschnellläuferin Josephine Schlörb ganz unverhofft in hellem Licht. Nicht nur in Hinblick auf die Weltlage, sondern wohl auch in eigener Sache hatte sie mehrere bedenkenswerte Statements auf ihr Arbeitsgerät aufgedruckt, etwa „Hass ist keine Meinung“, „Frauenrechte sind Menschenrechte“ oder „Diskriminierung ist ein Verbrechen“. Als offenkundige Anhängerin einer regelbasierten Weltordnung legte die Vize-Europameisterin ihre Kufen vorab dem Deutschen Olympischen Sportbund vor, der angesichts der heiklen Sache das IOC einschaltete. Dieses wiederum entschied nach einem halben Jahr kurz vor dem Startschuss mit Verweis auf Regel 50 der olympischen Charta, dass das so nicht gehe: Das Spielfeld, junge Dame, muss frei von politischen Gedanken bleiben. Daraufhin überklebte die Dresdnerin die Aufschriften, was dem IOC nun aber auch wieder nicht behagte. Die Unkenntlichmachung eröffne ein Spielfeld der Nachfragen darüber, was denn überklebt worden sei. So legte Frau Schlörb schließlich Schlittschuhe zur Genehmigung vor, auf denen das Wort „Respekt“ in verschiedenen Farben und Sprachen zu lesen war. Erst das war dann dem IOC neutral genug. Wer solche Regelhüter hat, braucht sich um deren Gegner nicht zu sorgen.

Die deutsche Eisschnellläuferin Josephine Schlörb. Foto: Team Deutschland (Josephine Schlörb | Team Deutschland)

In seinem Versuch, Völkerverständigung, Fairness und den Kampf gegen Rassismus in vollkommener, politischer Neutralität voranzutreiben, ist das IOC stets eifrig bemüht, sich nach Strich und Faden lächerlich zu machen. Die Disqualifikation des Ukrainers Wladyslaw Heraskewytsch und sein Ausschluss aus Olympia kamen daher nicht wirklich überraschend. Stein des Anstoßes war in diesem Fall der Helm, auf dem der Skeletonpilot 20 Fotos von Sportlerinnen und Sportlern drucken ließ, die im russischen Angriffskrieg ihr Leben gelassen hatten, darunter auch Nachwuchs-Olympioniken.

Die größte Schwierigkeit bestand für das IOC darin, einen regelbasierten Ausschlussgrund zu finden. Offiziell wurde schließlich ein Verstoß gegen Regel 40 festgestellt, welche besagt, das Spielfeld müsse frei von kommerziellen oder persönlichen Botschaften bleiben. Den Helm-Bildern war freilich gar keine, auch keine persönliche, Botschaft beigesellt, außer eben der indirekte Hinweis darauf, dass es einen schon persönlich mitnehmen kann, wenn Freunde und Bekannte so mir nichts, dir nichts dahingerafft werden. Das IOC nutzte Regel 40 lediglich, weil Regel 50 (politische Neutralität) ja nicht ging. Die Frage des Politischen musste umschifft werden, hatte das IOC doch selbst Russland und Belarus wegen des Krieges, also aus politischen Gründen, von den Spielen ausgeschlossen – wegen „Störung des olympischen Friedens“. So schloss das IOC nun also einen Athleten aus, der Position gegen eben jenen Krieg bezog, wegen dem das IOC daselbst Russland ausgeschlossen hatte. Hätte das IOC nicht aufgepasst und rechtzeitig mit dem Nachdenken über die ganze Sache aufgehört, wäre es womöglich noch zu dem Entschluss gekommen, sich selbst von den Spielen ausschließen zu müssen.

Besonders hohl ist an der Anwendung von Regel 40, dass sie eigentlich die Meinungsfreiheit der Athleten schützen soll, jetzt aber genutzt wurde, um eben diese einzuschränken, so was kennt man ja nicht nur aus dem Sport. Hohl ist die Anwendung der Antikommerz-Regel auch deshalb, weil die Spiele von A bis Z durchkommerzialisiert sind; zwei Dutzend Top-Funktionäre des IOC greifen Berichten zufolge jährlich einen Betrag um die 15 Millionen US-Dollar oder mehr ab. In den Fängen des IOC und als Repräsentanten ihrer jeweiligen großartigen Nation werden Athleten aber wie unmündige Kinder behandelt. Die Profisportler müssen so tun, als wären sie keine, und können ihre Medaillen erst nach den Spielen versilbern. Auf den Sozialen Medien wiederum dürfen sie derweil treiben, was sie wollen. Der Pinkel-Protest des Briten gegen ICE blieb genauso ungeahndet wie das MAGA-Gegröle der US-Eishockeyspieler. Bei deren Match gegen Dänemark zeigten die Zuschauer eine Grönland-Flagge, und die grönländische Biathletin Ukaleq Slettemark fügte erläuternd hinzu: „Donald Trump ist ein riesiger Idiot.“

Zur Erinnerung: Da der Kampf gegen Rassismus – speziell in den USA und wegen Herrn Trump – als umstritten gilt, hatte das IOC 2021 bei den Sommerspielen in Tokio einen Formelkompromiss für symbolische Handlungen gefunden, natürlich nicht für den tatsächlichen Kampf gegen Rassismus. Fußballerinnen, die per Kniefall gegen Rassismus demonstrieren wollten, durften dies kurz vor und nach dem Spiel tun. Das IOC wollte den eigenen Mitarbeitern lediglich verbieten, Bilder davon auf den eigenen Social-Media-Kanälen zu posten. An der Stelle entpuppte sich das IOC aber dann doch nicht als so durchsetzungsstark.

Der ukrainische Schlittenfahrer hatte also, wie alle anderen auch, das gute Recht, vor dem Rennen so viele Fotos zu posten, wie er wollte, und in Interviews seine Motivation so oft zu erläutern, wie es eben ging. Nur Bilder von den Helmfotos während des Rennens wollte das IOC partout verhindern. Keine Rolle spielte bei dieser Entscheidungsfindung, dass die aufgedruckten Fotos bei 130 Stundenkilometern im Eiskanal sowieso nicht zu erkennen gewesen wären. Auf das „Angebot“ des IOC, mit einem neutralen Trauerflor seiner persönlichen Bestürzung Ausdruck zu verleihen, ließ sich Herr Heraskewytsch nicht ein; er beharrte auf seiner eigenen Kopfbedeckung. Als neutraler Beobachter wunderte man sich da, dass das IOC nicht längst auf das Argument gekommen war, wer so einen Dickschädel habe, müsse eben ohne Helm die Bahn hinabsausen.

Das IOC im Tal der Tränen

So richtig befremdlich wurde die ganze Sache aber erst, als IOC-Chefin Kirsty Coventry, die erste Frau und Afrikanerin im höchsten Amt der Olympier, meinte, die Urteilsverkündigung gegen den Ukrainer durch das Vergießen eigener Tränen untermalen zu müssen. Mit Fug und Recht darf hier von den Tränen eines Krokodils gesprochen werden, da die ehemalige Top-Schwimmerin aus Simbabwe wegen ihrer jahrelangen Beständigkeit im Becken den Shona-Beinamen mangwenya (Krokodil) trägt.

Obwohl sie zur weißen Minderheit im Land gehört, äußerte sie sich nie kritisch über den heimischen Diktator Robert Mugabe und seine Anti-Weißen-Politik. Nach ihren Erfolgen 2004 – Psst!, Sie haben das nicht von mir, Sie können das ja alles selber nachgoogeln –  schenkte ihr Mugabe 50.000 US-Dollar, die sie dankend an das Simbabwische Olympische Komitee weiterreichte, und 2008 gab es noch einmal 100.000 US-Dollar. Als Mugabe dann endlich von einem langjährigen Weggefährten wegputscht wurde, gab es noch eine Farm als Geschenk und den Posten der Sportministerin obendrauf. Völlig nachvollziehbar, dass Menschen mit ihrem moralischen und politischen Kompass der Ansicht sind, dass Hautfarbe keine Rolle spiele und die Olympischen Spiele „politisch neutral“ sein müssten, wie sie etwa 2021 sagte. International galt Frau Coventry als enge Verbündete des gleichfalls untadligen Sportsmanns Thomas Bach, dem sie 2025 im Amt nachfolgte. Auch er, in dessen Ägide die Spiele von Sotschi 2014 und Peking 2022 fielen, verstand sich bestens auf politische Neutralität.

Tatsächlich erinnert der Ausschluss des Ukrainers an den Protest gegen Rassismus durch die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos, die 1968 nach ihrem Rennen von den Spielen in Mexiko-City ausgeschlossen wurden, aber wenigstens ihre Medaillen behalten durften. Beide Sportler wurden jahrelang wegen ihres Protests verfemt, aber ab den 1980er Jahre allmählich rehabilitiert – John Carlos arbeitete sogar für das Organisationskomitte der Sommerspiele in LA von 1984. In den USA wurden sie später sogar verschiedentlich geehrt. Nur das IOC hat sich bis heute nicht offiziell entschuldigt. Bei den panamerikanischen Spielen in Lima 2019 reckte US-Hammerwerferin Gwen Berry wie dereinst ihre Landsleute die Faust in die Höhe, wurde allerdings anders als diese nicht sofort suspendiert, sondern nur mit einer Bewährungsstrafe belegt. Es gibt also durchaus eine Lernkurve beim IOC, auch wenn sie flach ausfällt.

Ikonisches Bild von den Sommerspielen 1968: Tommie Smith (Gold) und John Carlos (Bronze) demonstrieren bei der Siegehrung gegen den Rassismus in den USA. Der zweitplatzierte Australier Peter Norman solidarisierte sich ebenfalls mit dem Protest. Foto: Wikipedia (gemeinfrei, John Carlos, Tommie Smith, Peter Norman 1968cr – Black-Power-Protest bei den Olympischen Spielen 1968 – Wikipedia)

IOC-Präsident war 1968 übrigens der US-Amerikaner Avery Brundage, ebenfalls ein versierter Moralkompassbediener. Er drohte, das gesamte Team USA von Olympia auszuschließen, wenn es nicht von selbst Smith und Carlos hinauswerfe. Schon 1936, damals noch als Präsident des US-amerikanischen Olympischen Komitees, hatte er sich unter Verweis auf die politische Neutralität gegen einen Boykott der Spiele in Berlin stark gemacht. Das Bleichgesicht sah beeindruckend hellsichtig, dass Smith und Carlos mit ihrer „üblen“ Geste gegen die olympische Idee verstoßen hätten, während es sich beim „Hitlergruß“ nur um den damals üblichen nationalen Gruß unter Deutschen gehandelt habe. Auch 1972 ließ er wieder zwei US-Sprinter, Vince Matthews and Wayne Collett, von Olympia ausschließen, weil sie widerrechtlich bei der US-Hymne herumgefeixt hätten. Und zu guter Letzt prägte er den Satz „The games must goes“, nachdem elf Mitglieder des israelischen Teams beim Olympia-Attentat 1972 ermordet worden waren. Ein Satz, der die Großartigkeit der Spiele perfekt zum Ausdruck brachte. Ihr Krämerseelen, hätte er auch sagen können, die Sache, um die es geht, ist viel größer als ein einzelnes Menschenleben, und überhaupt: Schwamm drüber. Erst 49 Jahre später, bei der Eröffnungsfeier in Tokio, gab es erstmals bei Olympia eine Schweigeminute zum Gedenken an Verstorbene, in die auch die Opfer von ’72 eingeschlossen waren.

Im aktuellen Fall ist besonders erstaunlich, dass sich der Ausschluss Russlands anscheinend allmählich dem Ende zuneigt, obwohl der Grund für den Ausschluss fortbesteht. Gerade geht der Krieg in der Ukraine durch den vierten Winter und wird gegen die Zivilbevölkerung besonders hart geführt. Für die bevorstehenden Paralympics jedoch sind russische Sportler gerade dabei, ihre Fahnen wieder rauszuholen und auszurollen. In Italien waren jetzt schon rund 20 individuelle Sportler aus Russland und Belarus zugelassen, die als „neutral“ genug eingestuft wurden – Bedingung: keine Sportsoldaten, keine direkte Propaganda für den Krieg. Mehrere andere – wohl rund zwei Dutzend – hatten rechtzeitig vor den Spielen den nationalen Verband gewechselt.

Ein besonders nettes Beispiel ist Eteri Georgijewna Tutberidse, in den Medien manchmal liebevoll als „das Biest“ oder die „Eishexe“ tituliert, da sie in Milano wieder an der Bande stand. Bevor Sie jetzt ahnungslos rufen: Wer? Ja, das ist die für ihre harten Trainingsmethoden bekannte Übungsleiterin aus der russischen Eislaufschule, die 2022 Kamila Walijewa betreute. Sie wissen schon: die Läuferin, die nach dem Pflichtprogramm des Dopings überführt worden war und dann vom russischen Verband gezwungen wurde, trotz aller Proteste noch ihre Kür zu laufen. Die erst 16-Jährige entpuppte sich dabei auch als eine, die dem „Druck“ nicht standhielt und ihren Auftritt völlig verpatzte, worauf ihre Trainerin sie vor laufenden Kameras rüde rüffelte. Selbst Sportsmann Thomas Bach lief es da eigenen Worten zufolge kalt den Rücken hinunter, und er beklagte eine „emotionale Kälte“, die sich in der Eishalle ausgebreitet habe. Konsequenz 1: das IOC erhöhte das Mindestalter für Eiskunstläufer:innen bei Olympia auf 17, was sicherlich ein großer Schritt für die Menschheit in Richtung Schutz von Minderjährigen darstellt. Konsequenz 2: Trainerin Tutberidse betreut in Italien ganz neutral eine russische Läuferin und ist über den georgischen Verband akkreditiert, also: keine Konsequenz, was aber auch irgendwie konsequent ist.

Fluide Grenzen und Professionalisierung für die Jugend der Welt

Angesichts des Ausschlusses russischer Athleten hat nicht nur das Russischsein Schlupflöcher erhalten. Der gesamte Nationalismus, der beim IOC ja Methode hat, wird nicht mehr so streng gehandhabt wie früher. Dass im Paarlaufen bei Olympia anders als bei Weltmeisterschaften nur Duette aus dem gleichen Land antreten dürfen, befördert den Wechsel der Staatsangehörigkeit, nicht nur bei in Russland ausgebildeten Läufern, wie etwa bei einer Hälfte des deutschen Eiskunstlaufpaares, das in Italien an den Start ging und Bronze holte. Auch in anderen Sportarten gibt es Personen, die einen Wechsel vollzogen haben. Frau Gu, die gebürtige Amerikanerin, sammelt Medaillen für China, und Alysa Liu, Tochter eines Mannes, der nach dem Tiananmen-Massaker aus China floh, gewann Gold im Eiskunstlauf für die USA. Selbst für Brasilien lief es ganz gut, konnte es doch erstmals eine Medaille im Wintersport ergattern: Gold im Riesenslalom. Der Ergatterer, Lucas Pinheiro Braathen, wedelte bis vor knapp zwei Jahren noch als Norweger die Hänge hinunter. Dann überwarf er sich mit seinem Verband, entdeckte seine brasilianische Mutter wieder und wechselte den Verband, auch wenn sich in seiner ganzen Entourage bis heute kein einziger Brasilianer findet. Obwohl man Brasilien die Medaille ja gönnt, erschreckt man doch bei dem Gedanken, das IOC könnte demnächst auf die Idee kommen, Winterspiele im brasilianischen Regenwald auszurichten, weil es dort einen noch unerschlossenen Wachstumsmarkt erblickt. So was kann man heutzutage nicht mehr völlig ausschließen, wurden doch erst jüngst die für 2029 in Saudi-Arabien geplanten Asiatischen Winterspiele aus unerfindlichen Gründen – wahrscheinlich haperte es noch ein wenig bei der Konversion von Schwertern zu Schneepflügen – abgesagt und nach Kasachstan verlegt.  

Was den heiligen Ernst anbelangt, mit dem Italien seine Nationalflagge bei der Abschlussfeier hisste, so ist doch die Bemerkung angebracht, dass die Winterspiele Süditalien relativ kalt ließen und sich manche Athletin, nur weil sie im Ausland trainiert, fragen lassen musste, ob sie wirklich Italienerin sei. Nationen sind eben emotional aufgeladene, manchmal umstrittene Konstrukte mit oftmals künstlichen Grenzen. Rechnete man etwa die ganzen Südtirolerinnen und Südtiroler heraus, was vor allem in Franz-Klammer-Land ein beliebter Sport ist, wäre die italienische Bilanz auch nur halb so gut. Aber das ist Schnee von gestern. Viel wichtiger ist, dass Wintersport oftmals ein elitärer, weil kostspieliger Sport ist und einen Großteil von Ländern und Regionen einfach ausschließt. Die sollen ja bitte schön zum Skitourismus in die Alpen oder so kommen, nicht nur weil zu Hause noch weniger Schnee liegt, sondern weil da die Trainingsmöglichkeiten recht begrenzt sind – selbst in Deutschland fehlen etwa große Halfpipes.

Und da wir hier die langen Linien nicht aus dem Blick verlieren wollen: der Visionär Pierre de Coubertin sah mit der olympischen Idee den Weltfrieden heraufdräuen, allein durch den sportiven Wettkampf der Jugend aller Nationen ohne die Frauen. Hat nicht ganz geklappt, kamen unter anderem zwei Weltkriege dazwischen. Der erste Olympiasieger in der bis 1948 ausgetragenen Disziplin Literatur machte sich im Übrigen seinen eigenen Reim darauf, dass die Spiele 1936 von einem politischen Regime ausgenutzt wurden. Hauptsache sie seien „grandios“, ließ er verlauten.

Daher abschließend noch folgende Hinweise: Die Ewiggestrigen waren, wie überall sonst, auch im Sportbusiness immer da und wittern jetzt gerade Rückenwind. Doch wenn der Fortschritt eine Schnecke ist, so sind die alten Visionen Schleimspuren, an denen man nicht kleben bleiben sollte.

Bei Olympia dürfen eben mittlerweile, anders als von de Coubertin intendiert, Frauen jeden Talents und jeder Orientierung fast überall antreten. Im Wintersport sind sie nur noch in der Nordischen Kombination außen vor, und hier stellt sich für 2030 nur noch die Frage, ob der Wettbewerb ganz abgeschafft wird, ehe die Frauen zugelassen werden.1

Dass zudem das Nationale für die Jugend dieser Welt kein völkisch determiniertes Schicksal mehr ist, sondern löchrig geworden ist und fluide Grenzen hat, ist auch ein Effekt der Professionalisierung im Spitzensport. In einer mobilen Welt mit internationalen Trainingsgruppen und Trainingslagern hat nationale Zugehörigkeit einfach an Bedeutung verloren, trotz Medaillenzählerei und Fahnenschwenkerei. Eislauf-Choreograph Benoît Richaud etwa arbeitete bei den Spielen in Italien mit 16 Athletinnen und Athleten aus 13 Ländern zusammen. Und der frühere mehrfache Olympiasieger Johannes Thingnes Bø regte für die deutschen Frauen und Männer im Biathlon ein gemeinsames Trainingslager mit Norwegern und Franzosen an, damit sie wieder wettbewerbsfähiger werden. Und wenn jetzt noch einmal 50 Jahre ins Land ziehen, wird bestimmt auch mal das IOC aus freien Stücken irgendetwas Sinnvolles gegen Rassismus, Korruption und Machtmissbrauch unternehmen und ein bisschen konsequenter gegen Krieg vorgehen. Ein paar Trippelschritte würden schon reichen, es muss ja nicht gleich der ganz große Weltfrieden anvisiert werden.

Ach, und ehe wir’s vergessen und die Stimmung zu gut wird: Heuer ist noch Fußball-WM in Nordamerika. Und in zwei Jahren eröffnet Frau Coventry die Sommerspiele in LA zusammen mit Herrn Trump, dem Friedensengel. Da freuen wir uns jetzt schon drauf. Dabei sein ist alles.


Für unseren Autoren Manfred Sing sind die Kommentare des ARD-Reporters Daniel Weiss der einzige Grund, Eistanz- und Eiskunstlauf-Wettbewerbe im Livestream anzuschauen. Er findet, es handele sich nicht um die gleiche Sportart, wenn Weiss nicht kommentiert.


Titelbild: Der Helm des Anstoßes: Der „Helm der Erinnerung“ des ukrainischen Skeletonpilots Wladyslaw Heraskewytsch. Foto: Wikipedia (Helmet of remembrance 03 – Wladyslaw Heraskewytsch – Wikipedia)

  1. Update (30.03.2026): Die Frage, wer im Sport als Frau gilt und wer nicht, beschäftigt das IOC allerdings weiterhin. Ende März 2026 kündigte Kirsty Coventry an, dass das IOC 2028 zum „Schutz der Frauen-Kategorie“ wieder verbindliche Geschlechtstests für Frauen einführen wird. Fluide Grenzen in Geschlechterfragen sind dem IOC mehr als suspekt. Geschlechtstests, die es schon 1968 gab, sind indes umstritten, da sie die Frage des Geschlechts auf ein genetisches Merkmal herunterbrechen. 1999 hatte das IOC die Tests eingestellt, da sie als unzuverlässig und wissenschaftlich umstritten galten. Die Wiedereinführung von Tests wird unter anderem auch von US-Präsident Trump mit dem Argument befürwortet, man müsse „Männer aus dem Frauensport heraushalten“. Auch deshalb wird die Wiedereinführung der Tests von Kritiker:innen als Teil des jüngsten Kulturkampfes angesehen. ↩︎

Ohne künstliche Intelligenzbestie geht es nicht mehr, mit ihr aber auch nicht

Sind wir in einem hochtechnisierten Teufelskreis voller Unsicherheiten gefangen, aus dem es kein Entrinnen gibt – außer wir begeben uns noch tiefer hinein?

Von Manfred Sing und ChatGPT

Wer schon einmal per Anhalter durch die Galaxis gereist ist, kennt die Antwort auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und allem Übrigen natürlich schon. Sie lautet exakt „42“ und wurde zuverlässig vom Supercomputer Deep Thought errechnet. In den fast 50 Jahren, seit Douglas Adams auf diesen Witz gekommen ist, hat sich die Lage drastisch verändert. Rechnete die Maschine bei ihm noch geschlagene siebeneinhalb Millionen Jahre, um mit dieser recht einsilbigen Information herauszurücken, spucken die realen Nachfolgermodelle heutzutage innerhalb von Sekunden seitenlange Abhandlungen aus: darüber, dass die 42 „nur eine humorvolle literarische Antwort, nicht das Ergebnis einer realen Berechnung“ gewesen sei; oder was sich Douglas Adams bei all dem gedacht habe; oder dass der Mensch selber einen Sinn im Leben finden müsse und nicht eine Maschine danach fragen solle. Mit den „Large Language Models“ (LLMs) sind die Computer heute nicht nur schneller, sondern richtige Labertaschen geworden. Darin ähneln sie nun in der Tat den Menschen. Dass ersteren ausgerechnet deswegen gemeinhin „Künstliche Intelligenz“ (KI) attestiert wird, dürfte vor allem daran liegen, dass letztere elaborierte Geschwätzigkeit häufiger mit Klugheit verwechseln. Die Verwechslungsgefahr führt dazu, dass Menschen neuerdings gerne mal ein Schwätzchen mit den fehleranfälligen Sprachmodellen über so ziemlich alles halten, von banalen Wissenslücken und Alltagsschwierigkeiten über wissenschaftliche Fragen bis hin zu politischen und psychischen Problemen. Ja selbst intimste Details, die sie kaum je einem humanen Sprechapparat anvertrauen würden, teilen sie relativ bedenkenlos mit ihrem ganz persönlichen Chatbot, der Empathie simuliert, wo Menschen vielleicht nur heucheln würden. Die humanoide Intelligenz, so verkündet das wie immer gutgelaunte Frühstücksfernsehen, erkläre uns überkomplexe Sachverhalte verständlich, erkenne Deepfakes und könne vielleicht auch die Demokratie retten; man müsse deshalb keine Angst vor ihr haben, sie dürfe halt nur nicht in die falschen Hände geraten. Gegenvorschlag: Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn sie uns helfen könnte, zu begreifen, was sich in den letzten siebeneinhalb Millionen oder wenigstens fünfzig Jahren zugetragen hat: wie wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt herumsitzen und auf Bildschirme starren.

Wer Quatsch eingibt, kriegt auch Quatsch heraus und fühlt sich dadurch bestätigt

Die Hauptschwierigkeit mit den LLMs besteht kurz gesagt darin, dass wir nicht genau wissen, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Das zeigt sich ganz praktisch darin, dass die Ergebnisse weit auseinanderfallen können, je nach dem, welches Modell befragt wird und wie eine Anfrage, ein „Prompt“, formuliert ist.

Der Ratschlag zum Umgang mit der KI lautet daher zum einen: die User sollten reflektieren, dass die Maschinen unterschiedliche Trainings- und Testverfahren hinter sich haben. So stuft ChatGPT beispielsweise die DDR ohne weitere Schwierigkeit als Diktatur ein, während das chinesische Deepseek eine demokratische Staatsform erkennt. Und Elon Musks Grok machte dieses Jahr Schlagzeilen, weil es Verschwörungsnarrative verbreitete, den Holocaust aber anzweifelte. Während solche Fails auf der Makro-Ebene leicht erkennbar sind, sind Verzerrungen in der Darstellung oder Auswertung großer Datenmengen und einzelner Datensätze schwerer zu greifen.

Des Weiteren werden User ermahnt, Kurse zum Prompten zu besuchen, wo sie lernen, dass die Qualität einer KI-generierten Antwort im Wesentlichen davon abhängt, wie klug die Eingabe war. Die Faustformel lautet, wer Quatsch eingibt, bekommt auch Quatsch heraus. Da jedoch die Vorstellungen darüber, was Quatsch ist, unter Menschen selbstredend auseinandergehen, lässt sich leider häufig beobachten, dass Quatsch-Eingebende sich durch die Quatsch-Ausgabe der Maschine bestätigt fühlen. Wenn man sich hingegen auskennt und die unmenschliche Unintelligenz darauf hinweist, dass ein Ergebnis nicht ganz richtig sein könne, kriegt man meist nicht prompt eine Korrektur, sondern es bedarf mehrerer Frage- und Antwortschleifen ehe die Guteste einräumt, sich getäuscht zu haben. Generell findet sich ein Sprachmodell besser zurecht, wenn ihm möglichst viel Kontext zu einer Frage mitgegeben wird. Das Wörtchen „bitte“ einzufügen, ist dabei, anders als es der moderne Mythos besagt, wenig hilfreich. Meint jedenfalls die KI selbst, wenn sie danach gefragt wird. Aber stimmt das auch?

Ob das alles denn nun wirklich ein Fortschritt ist, wissen auch die allergrößten Nerds nicht mit Sicherheit zu sagen. Große Sprachmodelle kommen mittlerweile trotzdem in fast allen Bereichen zum Einsatz, vor allem in der Programmierung und Sprachverarbeitung, speziell dort, wo Texte geschrieben, maschinell gelesen, übersetzt, analysiert, zusammengefasst und kommentiert werden. Überall dort, wo es ernst wird und Fehler gravierende Folgen haben können – in der Medizin, im Recht, bei Finanzen, in der Mathematik und Logik sowie in faktenkritischen Bereichen der Wissenschaften –, wird vor den Intelligenzbestien gewarnt, weil sie Zusammenhänge oft nur raten und Risiken nicht einschätzen können. Diese Schwachstelle geben die Chatbots auch offen zu, wenn sie danach gefragt werden. Aber wer würde deswegen die Finger von ihnen lassen?

Viel eher könnte es in nicht allzu ferner Zukunft so sein – und Skeptiker sagen, es ist bereits soweit –, dass selbst Wissenschaftler:innen KI-Werkzeuge beim Verfassen von Forschungsanträgen zu Hilfe nehmen, und die Entscheider:innen diese Anträge mit KI-Systemen zusammenfassen und auf Lücken, Stimmigkeit oder Plagiate checken lassen. In den bewilligten Forschungsprojekten wird dann wiederum mit anderen KI-Tools digitalisiertes Datenmaterial analysiert, das vorher von wieder anderen KI-Systemen bereitgestellt und aufbereitet worden ist. Es interagieren dann primär Chatbots miteinander, während Menschen nur noch einen „kritischen“ Blick auf Daten werfen, deren Zustandekommen sie nicht mehr genau nachvollziehen können, zumal nicht, wenn Entwickler nicht offenlegen, wie die unterschiedlichen Werkzeuge beim Deep Learning angelernt wurden.

Kein Problem kann damit nur haben, wer KI-generierte Resultate schon für Wissenschaft hält oder wer eine maschinelle Gefühlssimulation mit aufrichtiger Anteilnahme respektive echter Heuchelei verwechselt. Hinzukommt, dass etliche KI-Systeme mit urheberrechtlich geschütztem Textmaterial trainiert worden sind, das sie unter Bruch des Copyrights abgeschöpft, „gecrawlt“, haben.

JavaScript gilt als universelle Schnittstelle zwischen Mensch, Maschine und KI. Mit dem Bild lasse sich dieser Text hier perfekt illustrieren, meint die KI. Na dann. Foto: Ali Shah Lakhani

Was sagt eigentlich die KI zu den Anwendungsproblemen mit ihr?

Fragt unsereins die Sprechmaschine selbst danach, ob in ihren hochgerüsteten Unzulänglichkeiten wirklich ein Heilsversprechen für eine ohnehin arg gebeutelte Menschheit liege, versucht sie sich damit herauszureden, dass sie selbst nur ein Werkzeug sei und eben von Menschen verantwortungsvoll eingesetzt werden müsse. Ihnen obliege es, erst einmal die eigene Mündigkeit („data literacy“) zu steigern und Regeln für den Gebrauch von KI-Modellen festzulegen. Da könnte mensch doch glatt geneigt sein, Seine Algorithmische Majestät zu vermenschlichen, vergeschlechtlichen und strombergisieren, schiebt er doch Anwendungsfehler und -probleme einfach anderen, also uns, zu. Nagelt man den Chat-Boss dann darauf fest, dass er selbst ein „Aktant“ sei und sehr wohl Einfluss auf Entscheidungen, Priorisierungen und Denkwege nehme, räumt er das nach fortgesetzter Lobhudelei („Du hast völlig recht“, „Du triffst einen zentralen Punkt“) durchaus reumütig – könnte man fast meinen – ein. KI mache den Menschen das Denken zwar „bequemer“, vergrößere dadurch aber die Gefahr „kognitiven Outsourcings“, besonders wenn ein System „schnell, flüssig, überzeugend und autoritativ klingende Antworten“ liefere. Abkürzungen zu suchen und anzuwenden, sei halt leider etwas ganz und gar Menschliches, erklärt die Rechenmaschine unter Rückgriff auf das ihr vorliegende Datenmaterial. Sie selbst erinnere Menschen deshalb fortgesetzt daran, ihr nicht blind zu vertrauen, weil sie nur einen Rahmen biete und kritisches Denken nicht ersetze.

Besonders bedenklich an einer Antwort wie dieser ist, dass die Maschine mit ihrer Lobhudelei in der Interaktion mit den Usern ja deren Erwartungen spiegelt und somit just die Tendenz zu Bestätigungsfehlern  verstärkt –  auch etwa bei Suizid gefährdeten Personen. Gleichfalls ein offenes Geheimnis ist die Reproduktion von kognitiven und systemischen Verzerrungen aufgrund von weit verbreiteten Vorurteilen in Gesellschaft, Internet und asozialen Medien. Abhilfe soll da nicht nur ein vorsichtiger Umgang mit KI schaffen; Wissenschaftler:innen sehen auch die Möglichkeit, LLMs gezielt als „epistemische Provokateure“ in Arbeitsgruppen einzusetzen, um die Wiederholung von Argumenten zu erkennen, Gegenargumente zu generieren und den Gruppenkonsens aufzubrechen.1 Wir sollen also den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Sind wir dazu verdammt, in einem moralisch fragwürdigen, von jeder Erfahrung abstrahierten, hochtechnisierten Teufelskreis voller Unsicherheiten gefangen zu sein, aus dem es kein Entrinnen gibt – außer wir begeben uns noch tiefer hinein?

Probleme mit LLMs in der historischen Forschung

Welche ethischen Probleme beim Einsatz von KI-Werkzeugen in der historischen Forschung in Bezug auf Daten, Algorithmen und Praktiken auftreten, kam bei der Data Ethics Conference 2025 des IEG in Mainz ausführlich zur Sprache. Auch wenn die Konferenz nicht speziell auf Probleme mit LLMs abzielte, so zogen sich diese doch wie ein roter Faden durch die Präsentationen in den verschiedenen Panels. Ohne KI geht es nicht mehr, das wurde dabei klar. Aber mit KI handelt man sich zahlreiche schwer lösbare Dilemmata ein.

Zunächst einmal gibt es das Problem, dass etliches, aber längst nicht alles digitalisiert ist. Einerseits gibt es eine allgemeine Anspruchshaltung, dass möglichst alles Wichtige digital zugänglich gemacht werden sollte, andererseits stößt das Digitalisieren an Grenzen des Mach- und Bezahlbaren. Was aber nicht digitalisiert ist, existiert quasi nicht mehr, weil es online nicht gesucht und gefunden werden kann und dann oft auch nicht mehr benutzt wird.

Zweitens gibt es die Schwierigkeit des Wie-Auffindbar-Machens und Wie-Suchens: Unter welchen Stich- und Schlagworten soll etwas abgelegt werden, damit es schnell oder überhaupt gefunden werden kann? Hier gibt es nicht nur das moralische Dilemma, ob und wie rassistische, koloniale und menschenfeindliche Bezeichnungen in Quellentexte verschlagwortet werden sollen. Noch problematischer ist, dass etliche Archive und Museen ihre Bestände mittlerweile mittels KI-basierten Suchmaschinen durchsuchbar machen. Für ein Stichwort spucken sie nicht mehr einfach nur eine Signatur à la „A 42“ für eine Quellensammlung aus, sondern fassen deren Inhalt gleich zusammen, ordnen ihn ein und interpretieren ihn. Wer die Suchmaschine anwirft, braucht dann gar nicht mehr ins Archiv fahren, den Aktenordner öffnen und die Quelle selber lesen – jedenfalls, sofern mensch sich auf die maschinelle Zusammenfassung verlässt.

Alle, die mit Forschungsdatenmanagement zu tun haben, plagen sich daher mit sich überlagernden Verzerrungen herum: dass die Quellen häufig ein schiefes Bild der Realität enthalten; dass sie irgendwie verschlagwortet werden müssen, was aber die Möglichkeit zur fehlerhaften Einordnung eröffnet; und dass KI-generierte Inhaltsangaben eine tendenziöse Interpretation liefern können. Um diese Gefahren möglichst zu minimieren, werden mittlerweile KI-Modelle eingesetzt, um KI-erzeugte Verzerrungen zu erkennen. Auch hier soll uns also die KI vor der KI erretten. Die Frage, ob es auch ohne digitale Hilfsmittel gehe, stellt sich schon gar nicht mehr, weil der Umfang digitalisierter Datenmengen inzwischen zu groß geworden ist.

Präsentiert das Rad der Voreingenommenheit: Kerstin Herlt vom Frankfurter Filmmuseum bei der Mainzer Data Ethics Conference 2025. Foto: IEG

Auf der Konferenz präsentierte etwa Kerstin Herlt vom Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in ihrer Keynote das in den vergangenen Jahren entwickelte „De-Bias-Tool“, das problematische Begriffe in Archivdaten von Kultureinrichtungen erkennt. Das Werkzeug basiert auf einer Wortliste von 700 problematischen Begriffen in fünf Sprachen, die mit Hilfe einer Typologie von Verzerrungen ausgewählt wurden. Kerstin Herlt wies auf die Schwierigkeit hin, dass das, was als verletzend, inadäquat und schädlich gelte, permanentem Wandel unterliege.

Im Selbstversucht bekommt der User bei der standalone Application des De-Bias-Tools erwartungsgemäß eine warnende Erläuterung für den Gebrauch von Worten wie „colored“, „Indian“ und „gypsy“ angezeigt. Er muss aber irritiert feststellen, dass das Tool viele rassistisch oder ethnisch konnotierte Schimpfworte gar nicht erkennt. Eine Liste mit nur 700 Beleidigungen in fünf Sprachen geht offenkundig von einem deutlich zu optimistischen Menschenbild aus; aber gut, vielleicht kommen Kulturinstitute damit ja hin…

Welchen Nutzen die KI und die Geschichte haben – laut KI

Trotz aller Mängel kann ein Chatbot nicht an mangelndem Selbstwertgefühl leiden. Auch bescheidenes Auftreten ist nicht sein Ding, weil Bescheidenheit, wie er erklärt, „eine soziale Haltung ist, die aus Selbstreflexion entsteht“. Beides geht ihm ab. Ob es angesichts von Verzerrung, Ungenauigkeit, Bestätigungsfehler, Echokammer-Effekt und so weiter nicht sinnvoll wäre, ChatGPT sowie seine Brüder und Schwestern einfach wieder abzuschalten? Auf diese Frage reagiert das Programm etwas pikiert („die radikalste und stumpfste Form der Problemlösung“), obwohl es versichert, selbst keine Gefühle zu haben. Es könne daher nicht „im menschlichen Sinne“ über sich selbst erschrecken, wenn es sich selbst in den Dienst jeder noch so blödsinnigen Frage stelle. Gleichwohl bestehe es darauf, zu betonen, dass es – richtig eingesetzt – erheblichen Nutzen stiften könne.

Welchen Nutzen das Programm in der Geschichte erkennt, beantwortet es in einem Sekundenbruchteil mit „Erkenntnis“, „Orientierung“, „Selbstverständnis“ sowie „moralische und politische Lehren“. Auf die Nachfrage, woher es diese Einsicht nehme und ob es nur angestaubtes Lehrbuchwissen nachplappere, erläutert es, dass es sich nicht um eine Erkenntnis im eigentlichen Sinne handele, sondern um „eine Mustererkennung in sehr vielen historischen Texten“: Menschen nutzten Geschichte, um Sachverhalte zu verstehen, Handlungen zu begründen oder zu vermeiden, Identitäten zu legitimieren und Regeln, Normen und politische Schlüsse abzuleiten.

Bei der weiteren Nachfrage, ob der Sinn von Geschichte größer oder kleiner als 42 sei, insistiert die Maschine, dass die Zahl 42 „nur ein Gag“ und „literarischer Platzhalter“ sei. Geschichte sei aber kein Wert, sondern ein Prozess. Der Sinn von Geschichte sei mehrdimensional und lasse sich eben nicht „eindimensional wie in einer Zahl“ ausdrücken. Wenn man es aber unbedingt „spielerisch-mathematisch“ wolle, gelte „Geschichte > 42“.

Trotz dieser Einwände kommt ChatGPT dem Vorschlag, den Sinn der Geschichte doch einmal in 42 Dimensionen aufzufächern, liebend gerne nach und gruppiert ihn in sieben Cluster:

Ergänzend führt ChatGPT aus, es habe absichtlich die letzte der 42 Dimensionen als eine selbstreferenzielle angelegt. Es gehe hier darum zu betonen, dass „der Sinn in der Sinnsuche entsteht“. Sinn sei zwar kein objektives Produkt, aber die systematische Ausdifferenzierung in 42 Sinn-Dimensionen sei nicht rein willkürlich. Sie lasse sich weiter verfeinern, zum Beispiel in 142 Dimensionen, „aber das läge dann wirklich über dem 42-Humorfaktor“, weiß die gekünstelt witzige Intelligenz.

Wer nun den ausdifferenzierten Maschinen-Sinn für Geschichte voller Respekt oder gar Ehrfurcht betrachtet, liest falsch und unterliegt mehreren Trugschlüssen. Sie oder er hält etwas für zutreffend, nur weil es gut formuliert oder strukturiert ist, was in der Rhetorik als Fehlschluss aufgrund der Eloquenz eines Vortrags und in der Psychologie als Halo-Effekt bekannt ist. Bei der Maschine, von der Beredsamkeit nicht erwartet wird, kommt noch der Autoritätsfehler hinzu, nämlich die stillschweigende Annahme, dass sie alle relevanten Daten kennt und berücksichtigt habe.

Die unkünstlerische Intelligenz rechnet auch nur mit Nullen und Einsen

Obwohl Seine Durchleucht, Graph von und zu Datenhoheit, die Sache mit der 42 zweifelsfrei als Witz identifizieren kann, ist er weit davon entfernt, die Bedeutung des Witzes zu begreifen, geschweige denn darüber lachen zu können. Was das Maschinengebrabbel nämlich verdeckt, ist, dass es prinzipiell nicht wesentlich über die ursprüngliche Antwort von Deep Thought hinausgeht. Die unkünstlerische Intelligenz versteht Sprache nicht, sondern rechnet auch nur mit Nullen und Einsen. Sie hat mit riesigen Datenmengen besagte Mustererkennung erlernt, kann Wahrscheinlichkeiten von Wortfolgen berechnen und kommt dann zu dem Ergebnis, dass die Zahl „42“ bedeutend besser in einen mathematischen Sinnzusammenhang passt und bei der Frage nach historischem oder philosophischem Sinn eine ganze Reihe von Begriffen eher passend wären. Im Prinzip produziert die Maschine weiterhin Zahlenwerte, gibt diese aber als Worte aus. Bei der Frage nach dem Sinn von Geschichte schöpft sie Begriffe aus einem geschichtlichen Wortcluster ab. Ein Verständnis für die jeweiligen Begriffe fehlt ihr jedoch, genauso wie ihr ein Geschichtsbewusstsein fehlt, wenn sie vom Sinn der Geschichte redet. Sie agiert ein bisschen wie ein altkluges Kind, dass über Dinge redet, die es noch nicht erlebt oder erlitten hat.

Künstlerische Darstellung von Künstlicher Intelligenz und ihrer Verknotungen aus dem Jahr 2023, frei verfügbar auf der Datenbank Pexels.

Aus den Wortclustern Rassismus, Kolonialismus und Weltkrieg kann die Intelligenzbestie grammatikalisch sinnvolle Sätze reproduzieren und rekombinieren. Was diese Sätze jedoch bedeuten, kann sie nicht verstehen, denn es gibt weder Freud noch Leid, zerlegt in Bit und Byte. Die Maschine kennt nur eine Menge Daten, so wie ein Musiklexikon alle Musikrichtungen verzeichnet, ohne je einen Ton gehört zu haben. Der Sinn menschlicher und mehr-als-menschlicher Geschichte, die individuelle und kollektive Erfahrung, bleibt der Maschine verschlossen. Dass ausgerechnet sie uns nun helfen soll, unsere schicksalshafte Verwobenheit in wechselhafte Bedingungen besser zu verstehen, lässt sich daher nur mit gemischten Gefühlen verfolgen.

Die Pointe dabei ist freilich nicht, dass es der Maschine an authentischen Gefühlen mangelt. Auch Authentizität ist nur ein brüchiges, umkämpftes Konstrukt, das Menschen wie auch Sprechmaschinen bestens simulieren können. Die Pointe ist vielmehr, dass eine sich in digitalen Zeiten zunehmend als dauererregt, polarisiert, vereinzelt und neurotisch wahrnehmende Gesellschaft ihr Heil ausgerechnet in digitalen Sprachmodellen, die ihr Objektivität und Authentizität vorgaukeln, zu finden wähnt. Die User sehen in der KI eine bessere Variante ihrer selbst, unaufgeregt, konstruktiv, vernetzt, allwissend. Dabei spiegelt die KI nur das Großartige und das Lausige, den Rausch und den Trübsinn, den Spaß und das Miesepetrige sowie den ganzen katastrophalen Rest, den sie von uns sammelt, wider. Wir vermeinen, mit unseren Eingaben eine übermenschliche Intelligenz zu füttern, doch es blickt uns bereits eine Bestie an.

Sam Altman frohlockt, der Mensch sei bald nicht mehr das klügste Ding auf Erden

Simuliert Durchblick und Weitsicht: Sam Altman. Foto: Steve Jenning/Getty Images for TechCrunch
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Es ist nicht sonderlich beruhigend, dass ausgerechnet Sam Altman, der Master des Chatbots, solche gemischten Gefühle teilt. Einerseits frohlockt der OpenAI-Mitbegründer, wir erlebten jetzt gerade den einzigartigen historischen Moment, an dem der Mensch den Übergang dahin vollziehe, in Bälde nicht mehr das klügste Ding auf dem Planeten Erde zu sein.2 KI habe das Potential nahezu jeden Aspekt menschlichen Lebens zu verbessern. Andererseits merkt er an, man müsse darauf achten, dass sich die KI auf menschliche Bedürfnisse ausrichte (Zauberwort: Alignment) und die Vorteile gerecht unter den Menschen verteilt würden. Es gehe darum, die Menschheit zu verbessern, nicht zu ersetzen; ansonsten bestehe die Gefahr, dass „die übermenschliche Intelligenzmaschine“ die größte Bedrohung für die Menschheit werde.3

Da wagt es ein KI-Guru also, ganz groß zu denken und dabei auch noch Durchblick und Weitsicht zu simulieren. Bloß erreichen seine Aussagen in etwa die gedankliche Schärfe von Kölschen Tiefsinnigkeiten wie „Et kütt wie et kütt“ und „Et hätt noch emmer joot jejange“. Und was, wenn die KI das Alignment mit uns vergeigt? Na, vielleicht plant sie uns dann ja eine intergalaktische Umgehungsstraße. Don’t panic!


Autor Manfred Sing musste beim Schreiben dieses Textes aufpassen, nicht sich selbst im virtuellen Raum und darüber den Spaß am Schreiben zu verlieren. Co-Autor ChatGPT reihte unermüdlich Wörter aneinander und spielte dabei lässig die seit dem 30. November 2022 erworbene Routine in Echtzeit-Interaktion mit Hunderten Millionen Nutzer:innen pro Woche aus.


Weitere Berichte zur Data Ethics Conference 2025 finden sich auf dem IEG-Blog und dem Blog des DH-Labs am IEG:

Mehr über ChatGPT und LLMs in der Geschichtswissenschaft gibt es hier:


Titelbild: Mäßig gelungene Visualisierung von ChatGPT für die Verbindung von Mensch, LLM, Text und Code. Prompt: „Ein modernes, abstraktes digitales Kunstwerk, das die Interaktion zwischen Mensch und Large Language Model darstellt. Im Zentrum schwebt ein halbtransparenter menschlicher Kopf oder eine Silhouette, deren Gedanken in Form von fragmentiertem Text und Codezeichen sichtbar werden. Um die Figur herum fließen organische und technische Elemente ineinander: fluoreszierende Datenströme, neuronale Netzwerke, verschachtelte Layer. In die Komposition integriert ist klar lesbarer Python-Code, z.B. kurze Snippets wie def generate_text(prompt): oder Visualisierungen von Token-Strukturen. Die Maschine wird nicht als Roboter dargestellt, sondern als abstrakter algorithmischer Raum – pulsierende Knoten, Vektorfelder, Cloud-artige Embeddings. Der Mensch, der Text und der Code verschmelzen zu einem dynamischen Informationsfluss. Stil: futuristisch, semi-abstrakt, leicht neonfarben, mit hohem ästhetischem Fokus auf Strukturen, Muster und Energiebewegung.“


Anhang

  1. Sander de Jong, Rune Møberg Jacobsen, Niels van Berkel: Confirmation Bias as a Cognitive Resource in LLM-Supported Deliberation (18.09.2025), URL: https://arxiv.org/html/2509.14824v1 (08.12.2025). Für diesen Hinweis und weitere Ergänzungs- und Verbesserungsvorschläge danke ich meiner Kollegin Cindarella Petz ganz herzlich. ↩︎
  2. Vgl. Sam Altman on the Future of AI and Humanity, URL: https://www.ted.com/pages/sam-altman-on-the-future-of-ai-and-humanity-transcript (08.12.2025). Wörtlich: „You and I are living through this once in human history transition where humans go from being the smartest thing on planet earth to not the smartest thing on planet earth.“ ↩︎
  3. Vgl. Top Quotes by Sam Altman on AI & the Future, URL: https://www.iankhan.com/top-quotes-by-sam-altman-on-ai-the-future-high-tied-to-ai-growth-chatgpt-interest (08.12.2025).  Weisheit Nr. 10 lautet wörtlich: „We need to build AI that makes humanity better, not replace it.“ Weisheit Nr. 1: „The development of superhuman machine intelligence is probably the greatest threat to the continued existence of humanity.“ ↩︎

„Geschichte zum Leben erweckt“: Auf den Spuren der Bauernkriegsavatare

Manfred Sing begibt sich auf Spurensuche zum Bauernkrieg.

Von Manfred Sing

Welche Lehren lassen sich aus dem Bauernkrieg ziehen, und wie wird er dem Publikum nahegebracht? Eine Spurensuche zum 500-jährigen Gedenkjahr zwischen Exponaten, Fahrrädern, Gebeinen, Mahnmalen und Avataren.

Radelnder, kommst du aus Schussenried, verkündige, was dorten du gesehen habest. Ja, gerne: Bis zu den Thermopylen wäre es zwar noch weit gewesen, umso näher lag jedoch das Kloster, das einstens von Bauernhaufen geplündert ward und jetzt die fürnehme Ehre hat, die Große Landesausstellung zum Bauernkriege zu beherbergen. Senioren auf elektrifizierten Rädern schweben an Kornfeldern vorbei, gönnen sich im Eiscafé gegenüber einen Latte oder ein Weizen und lassen’s sich gutgehen an einem Ort, in dem alle Zeichen auf Sturm stehen: „Uffrur!“ im lokalen Idiom. Die Stadt ist zupflastert mit den Plakaten für die Ausstellung, sie hängen in jedem einzelnen Geschäft. Drinnen im Kloster dann weiht ein KI-generierter Avatar des Laienpredigers Sebastian Lotzer die Radler in die Geheimnisse der „Zwölf Artikel“ von Memmingen ein, die mit Bibelzitaten abgesicherten Forderungen der Bauern an die Obrigkeit. Und genderbewusst setzt die „Schwarze Hofmännin“ Margarete Renner – eine der wenigen belegten Bauernkriegerinnen – das staunende Publikum darüber in Kenntnis, dass sie im Leben nicht daran denke, Frondienste zu leisten.

Der revolutionäre Funke hat es zwar nicht ganz leicht überzuspringen, aber immerhin wird gezielt versucht, den Nachwuchs zu rekrutieren: der Eintritt ist frei bis 17, jedenfalls war er’s den ganzen August lang. Ansonsten muss vor Erstürmung der Ausstellung erst einmal ein Ticket gelöst werden, was eingedenk der Lenin zugeschriebenen Bemerkung über die Deutschen und ihre Bahnsteigkarten so ungewöhnlich nicht ist. Die Finte des Inhalts, ob es in Anknüpfung an die frühneuzeitlichen Vorgänger und im Sinne des Ausstellungskonzepts – Utopie und Widerstand, Sie verstehen? – nicht angebracht und museumspädagogisch vielleicht sogar erwünscht sei, sich auf eigene Faust Zugang zum Kloster zu verschaffen, pariert der Kassierer, der alte Wegelagerer, ebenso mühe- wie humorlos, indem er trocken den Eintrittspreis nennt.

Die verlorene Schlacht und die DDR

Das Interesse für den Krieg ist allem Anschein nach dennoch hoch, steht aber in reziprokem Verhältnis zur Zahl der Bauern. Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigen im Schwabenlande beträgt nur noch 1,0 Prozent gegenüber geschätzten 80 Prozent vor fünf Jahrhunderten; ihre Gesamtzahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert und sinkt weiter.1 Vor 50 Jahren, als die Zahl noch fünf Mal höher lag als heute, krähte kein Hahn nach einer Landesausstellung, galt der Bauernkrieg doch marxistisch-leninistisch als „frühbürgerliche Revolution“. Die DDR hatte den „Bauernführer“ Thomas Müntzer für sich gepachtet, prägte 1975 eine Gedenkmünze, setzte sein Konterfei auf den Fünf-Mark-Schein, brachte eine Briefmarkenserie in Umlauf und verfilmte sein Leben. Im thüringischen Bad Frankenhausen wurde ein monumentales Panoramamuseum begonnen, das erst 1987 beendet, aber rechtzeitig zu Müntzers 500. Geburtstag im September 1989 eröffnet wurde, also kurz vor dem Ende der Idee, für die es stand. 3000 einzelne Figuren zieren die Leinwand von 123 Metern Länge und 14 Metern Höhe, gewebt von kollektivierter Hände Arbeit im Textilkombinat Sursk in der Sowjetunion. Im Zentrum steht, während die Schlacht um ihn herum noch tobt, mit gesenkter Fahne Thomas Müntzer, der schon weiß, dass die Sache verloren ist. Bei der Staatsspitze kam das Endprodukt des Leipziger Malers Werner Tübke, der sich vorab in Müntzer-Manier völlige künstlerische Freiheit ausgehandelt hatte, nicht ganz so gut an, weshalb sich Erich Honecker bei der Eröffnung krankheitshalber entschuldigen und von seiner Margot vertreten ließ. Heute wirbt das Panoramamuseum ganz unsozialistisch mit dem Slogan, „die Sixtina des Nordens“ zu sein.

Bauernkrieg als emotionale Zeitreise

Demgegenüber dauerte es im Westen Deutschlands, ehe die Bauernschar als „früheste demokratisch-republikanische Bewegung in Deutschland“ reklamiert wurde, so etwa im Museum für den Baltringer Haufen, das Mitte der 1980er Jahre im oberschwäbischen Mietingen bei Biberach eröffnet wurde. Dieses Jahr hingegen wird vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen erinnerungspolitisch aus allen Rohren gefeuert. Hie und da sprossen an Hotspots historischen Tumults große und kleine Ausstellungen aus dem Boden, ja selbst ein Theater- und Musikspektakel „on the road“ macht von Mai bis Oktober an 16 Schauplätzen in Baden-Württemberg Halt und verspricht ein „immersives Erlebnis“, bei dem „die Ungerechtigkeiten der Epoche mit einem Augenzwinkern im einen und einer angedeuteten Träne im anderen Auge erlebbar“ gemacht werden. Annonciert wird eine „Erlebniswelt im Jahrmarktscharakter“, bei der nicht nur erzählt wird, was vor 500 Jahren „in Bretten, Laupheim und Böblingen geschah“ und wer in Pforzheim so alles gevierteilt wurde, sondern auch, was der „gemeine Mann“ gemeinhin so aß. Die Zuschauer sollen bei dieser „emotionalen Zeitreise“ nicht bloß zuschauen, sondern selbst mitmachen, zwar nicht direkt beim Aufstand, aber zu „kochen, malen, basteln oder singen“, ist allemal drin.

Alle Zeichen stehen auf Sturm in Bad Schussenried. © Manfred Sing

Auch in Bad Schussenried hat man sich der Aufgabe, den Besuchern den blutigen Stoff zeitgemäß nahezubringen, auf innovative Weise gestellt. Die Landesausstellung möchte ausloten, wie „das Potenzial moderner Technologien für die historische Darstellung zu nutzen“ sei, wie es im Werbesprech so schön heißt. Künstliche Intelligenz heißt das Zauberwort, durch das „Geschichte zum Leben erweckt“ wird. Wem also die elf Federzeichnungen der Weißenauer Chronik, die „Zwölf Artikel“ aus Memmingen oder die anderen 150, sorgsam aus 40 Museen zusammengetragenen Exponate zu dröge sind, sollte seine Zeit nicht damit vertrödeln, an KI-Installationen, die rein gar nichts mit dem Thema zu tun haben, herumzudaddeln, pardon, sich sensibilisieren zu lassen, sondern das Prunkstück der Ausstellung in Augenschein nehmen: die Videos mit acht Figuren, die abwechselnd im Halbdunkel aufflackern, während sie zugleich vor sich hin bramarbasieren.

Es handelt sich um sechs Aufständische sowie den Weißenauer Abt Jakob Murer, der das Geschehen zeichnerisch festhielt, und den „Bauernjörg“, Georg III. Truchsess von Waldburg, Anführer der Gegenseite, des Schwäbischen Bundes der Obrigkeiten. Sie alle flackern, um anzudeuten, dass sie nicht wirklich echt sind, sondern nur durch Bildgeneratoren erzeugte Visualisierungen. Und ihr Bramarbasieren folgt, wie das Museum erläutert, ganz dem Sinne eines modernen „Storytellings“, wonach die Figuren „nicht in der Sprache vergangener Jahrhunderte zu den Besucher*innen sprechen, sondern in einer allgemein verständlichen Sprache“, also in heutigem Schwäbisch unterschiedlicher Dialektfärbung. Die Stimmen sind allerdings nicht künstlich erzeugt, sondern ganz profan von lebenden Menschen eingesprochen, und diskutieren kann man mit den Avataren leider auch nicht. Das kommt dann wohl zum 550-jährigen. Warum man nicht einfach gleich Schauspieler in Kostüme steckte und abfilmte, bleibt in den ansonsten gefälligen Ausführungen des Landesmuseums offen. Ein Sohn der Stadt, Bernd Gnann, der schon öfters beim Tatort mitgemacht hat, hätte sich da angeboten und auch die nötige Streetcredibility mitgebracht, wuchs er doch unweit in einer Landwirtsfamilie auf. Zudem hätte er sich gewiss im historischen Stoff zurechtgefunden, mimte er doch einmal in einem Schiller-Schinken den Theatermann Rennschüb und brachte dabei sogar das Kunststück fertig, nicht mit dem Original verwechselt zu werden, obwohl er nicht die ganze Zeit flackerte.

Eine Historikerin „on the road“

Mit der Frage, wie der Bauernkrieg erlebbar gemacht werden kann, stehen Museen und Archive nicht alleine auf weiter Flur. Auch die „Oxford-Professorin“ Lyndal Roper suchte auf eigene Initiative das immersive Erlebnis, wie sie jüngst im Podcast der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz erzählte.

Denkanstoß Demokratie. “Bauernkrieg: Revolution, Freiheit, Aufstand – Was die Bauern vor 500 Jahren im Südwesten gefordert haben. Im Gespräch mit Prof. Lyndal Roper.” (7. April 2025, 51 Min. 8 Sek.)

Sie sattelte ihren Drahtesel, offensichtlich das Mittel der Wahl, um den Spuren des Bauernkriegs physisch nahezukommen. Ihre Anfangsmotivation war, dass das Kapitel zum Bauernkrieg in ihrem viel gepriesenen Luther-Buch „das schlechteste“ war. Um diese Scharte auszuwetzen, strampelte sie also von Mühlenhausen hinauf aufs Schlachtfeld bei Frankenhausen, um sich daselbst die Blutrinne auf dem gleichnamigen Pfad zu vergegenwärtigen. Auch von Straßburg bikete sie den ganzen Weg bis hinüber nach Konstanz, inklusive eines Abstechers ins elsässische Lupstein, wo sie noch die Gebeine der Bauern ausgestellt vorfand, die seinerzeit in der Kirche verbrannt wurden, obwohl sie sich doch schon ergeben hatten, indem sie ihre Hüte abgenommen und in den Kirchenfenstern gezeigt hatten. Am Ende hatte sie schwere Beine, aber auch einen 384-Seiten-Wälzer mit dem schönen Titel „The Summer of Fire and Blood“, rechtzeitig erschienen zum Gedenkjahr.

Der Mythos von Dreschflegel und Mistgabel

Über all diesen Aktivitäten schwebt die wolkige Behauptung, der Bauernkrieg sei irgendwie wichtig und präge unser Leben bis heute. Etwas tiefer hängen allerdings schwer die Fragen: Was können wir aus dem Bauernkrieg lernen? Was sagt uns der Bauernkrieg heute? Oder, zeitgemäßer formuliert, welche Story soll hier überhaupt erzählt werden?

Im „Podkäschtle“ der Region Oberschwaben, den das Landesmuseum dankenswerterweise auf seiner Seite verlinkt, antwortet Michael Tassilo Wild, Stadtarchivar von Bad Waldsee: Das erste Lernziel müsse sein, zu begreifen, dass es nichts als ein Mythos sei, dass verarmte und zerlumpte Bauern, wie es gerne heiße, „mit Dreschflegeln und Mistgabeln“2 auf die Adligen losgegangen seien. Tatsächlich zählten die rebellischen „Bauern“ nicht selten zu den wohlhabenderen Zeitgenossen, waren häufig militärisch ausgebildet, und in ihren Reihen fanden sich genauso Bürger, Bergleute, Landsknechte und selbst Adlige.

Podkäschtle – Oberschwaben-Allgäu entdecken! “500 Jahre Bauernkrieg: Aufstand, Erinnerung und Hoffnung in Oberschwaben-Allgäu” (28. Feb. 2025, 31 Min. 40 Sek.)

Der Bauernjörg wiederum war nicht bloß ein gnadenloser Bauernschlächter, sondern auch ein begnadeter Diplomat. Mit den Aufmüpfigen, wie etwa mit dem Seehaufen in Weingarten, handelte er Verträge aus, wenn es um sein Kriegsglück schlecht bestellt war, und dem Kaiser diente er aufgrund seines Geschicks in militärischen und nicht-militärischen Belangen auch jenseits schwäbischer Gefielde, etwa in Spanien und Italien. Im Bauernkrieg bekämpfte er unter anderem seinen früheren Dienstherren Herzog Ulrich von Württemberg, der unter der Reichsacht lag und dem er zehn Jahre zuvor noch geholfen hatte, einen anderen Aufstand der Bevölkerung, die sogenannten Proteste des „Armen Konrad“, niederzuschlagen. Als der Bauernjörg von seinen Feldzügen schließlich nach Waldsee heimkehrte, fand er Frau und Kinder wider Erwarten unversehrt vor, da sich die Waldseer Bürger gegen die „Bauern“ gestellt und die Adelsfamilie vom Schloss in die Stadt in Sicherheit gebracht hatten. Aus Dankbarkeit, so erzählt es der Stadtarchivar, verzichtete der Bauernjörg daraufhin auf verbriefte Vorrechte gegenüber der Stadt, indem er den so genannten „Bösen Brief“ zurückgab.

Je tiefer man sich in das ganze Durcheinander aus Gut und Böse begibt, desto unübersichtlicher erscheint die Lage. Und es hilft auch nicht viel, dass sich alle Seiten auf die Bibel beriefen. Dass die Bauern gern mit Martin Luthers Text von der „Freiheit des Christenmenschen“ von 1520 argumentierten, hielt Luther selbst für ein großes Missverständnis und wütete nun „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“, die man erschlagen solle „wie einen tollen Hund“.

Die Bildkomposition des ubiquitären „Uffrur!“-Plakats hilft dem unbedarften Beobachter allerdings nicht unbedingt, den Bauernkriegs-Mythos zu dekonstruieren, weil rechts oben eine Bäuerin mit aufgerissenem Mund – die KI-generierte Schwarze Hofmännin – wütend die Faust emporreckt, während links unten ein Gelassenheit ausstrahlender Reichsritter in Rüstung und mit Langschwert posiert. Die beiden standen auf derselben Seite, aber man wird das Plakat auf den ersten Blick eher für eine Visualisierung des Gegensatzes halten, wüsste man nicht, dass es sich bei dem Ritter um Götz von Berlichingen handelt, so wie ihn die KI erschuf. Während der literarische Götz noch darüber sinnierte, wer wann durch welche hohle Gasse komme und wer ihn mal könne, führte der reale schon einen Bauernhaufen bei einer Klosterbesetzung an, redete sich aber später gegenüber dem Bauernjörg und auf dem Reichstag damit heraus, er habe das nur getan, um Schlimmeres zu verhindern.

Bauernkrieg als Medienereignis zum Quadrat?

In der Geschichte verbergen sich zweifellos viele Geschichten. Unbeantwortet bleibt bei dem vielstimmigen Storytelling in Museen und Ausstellungen aber zumeist die Frage, was der Bauernkrieg denn eigentlich war: ein zum Scheitern verurteilter Aufstand, eine Revolution, ein Bürgerkrieg, ein Vorschein auf den Dreißigjährigen Krieg knapp ein Jahrhundert später oder eine sinnlose Ansammlung blutiger Episoden. Ohne klare Antwort fällt auch die Sache mit dem Lehrenziehen schwer.

Konsens besteht noch darüber, dass der Krieg aufgrund der Verbreitung des Buchdrucks und all der Flugschriften ein „Medienereignis“ war, wie man halt so sagt. Aber was soll das schon heißen im Zeitalter von Smartphone und KI? Wenn uns die handelnden Personen von vor Hunderten von Jahren in die Ausstellungsstube gebeamt werden, realer als wir sie aus Abbildungen oder der Erwähnung in einer abseitigen Quelle kennen, ist diese Simulation dann ein Medienereignis zum Quadrat? Und kann uns das Ereignis wirklich auf diese Weise, je weiter es wegrückt, umso näherkommen?

Die verspätete und gefallene Nation

Die darüber hinaus gehenden Schlussfolgerungen aus dem Wüten der tollen Hunde und ihrer Gegner docken in aller Regel eher unbewusst an zwei altbekannte Motive an. Zum einen das Motiv der verspäteten Nation, die sich noch immer ihrer Identität vergewissern muss. Es scheint etwa auf, wenn der Stadtarchivar sagt: „Die Franzosen haben ihre Revolution, wir den Bauernkrieg.“ Zum anderen das Motiv von der gefallenen Nation, die ihre bittere Lektion gelernt und verinnerlicht hat. Das scheint auf, wenn die „Zwölf Artikel“ als frühe Form der Menschenrechte tituliert werden und immer mehr Denkmäler an Schauplätzen des Gemetzels errichtet werden. Wenn es etwa in Pfeddersheim bei Worms heißt, der Name „Bluthohl“ erinnere „noch immer“ an den Hohlweg, in dem Tausende ihr Leben aushauchten, so übergeht diese Formulierung den Umstand, dass erst vor 25 Jahren, also zum 475. Jahrestag des Massakers, ein Mahnmal am Bluthohl und eine Friedenstele am Kirchenvorplatz errichtet wurden, als Mahnung für ein friedliches Miteinander. Da drängt sich die Frage auf, welches aktuelle Bedürfnis solche Denkmäler befriedigen.

Kuratorin Ingrid-Sybille Hoffmann vom Dreier-Team des Landesmuseums Württemberg, das die Ausstellung konzipiert hat, formuliert im „Podkäschtle“ als heute mehr denn je gültige Take-Home-Message, der Kampf für die eigenen Rechte dürfe nicht mit der Verteufelung und Entmenschlichung des Anderen einhergehen. Diese Message ist freilich so abstrakt und allgemeingültig, dass sie etwas lose zwischen dem Bauernkrieg und der Gegenwart hängt. Was sie genau bedeuten soll, wird auch nicht weiter ausbuchstabiert, außer dass Konflikte heute, Gott sei Dank, anders ausgetragen würden als früher und man in der Regel gefahrlos auf eine Demo gehen könne.

Wenn man möchte, kann man bei solchen Deutungen so etwas heraushören wie: die Deutschen hätten die Sache mit dem Holocaust eigentlich schon viel früher gewusst oder wissen müssen oder ihr eigenes Wissen bedauerlicherweise selbst ignoriert. Oder dürfen sie sich etwa als Lehrmeister in Sachen Vergangenheitsbewältigung einmal mehr einbilden, die Welt sähe besser aus, wenn die Putins, Netanjahus und überhaupt die Hamas-Leute dieser Welt die Große Deutsche Bauernschule durchlaufen und ihre Lektion gelernt hätten?

Der Populist als Klempner der Geschichte

Viel einfacher mit dem Lehrenziehen hat es dagegen, weil ihm die Sperrigkeit der Geschichte schnuppe ist, der Populist, um den man heute leider auch bei diesem Thema nicht mehr herumkommt. Während die Geschichtswissenschaft à la Lyndal Roper mit den widersprüchlichen Ereignissen und Deutungsangeboten ringt und die Erinnerungskultur à la Landesmuseum dem Publikum eine spannende und gegenwartsbezogene Story präsentieren möchte, macht der Populist als Klempner der Geschichte passend, was nicht passt. Die Bauernproteste von 2024, aufgrund derer etwa der Politische Aschermittwoch der Grünen im oberschwäbischen Biberach abgesagt werden musste, werden von Rechtsauslegern wie Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek bejubelt, weil sich das „Landvolk“, dem sie sich in Blut und Boden nahe fühlen, „nun wieder erhoben“ habe.3

Sprachlich hängt sich diese Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart am Wörtchen des „Bauern“ auf, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass sich die ländliche Bevölkerung von annodunnemals von agrarindustriellen Unternehmen der Jetztzeit unterscheidet und eine angedrohte, aber letztlich zurückgenommene Kürzung staatlicher Dieselkraftstoffsubventionen doch leicht vom Zustand der Leibeigenschaft differiert. Die distanzlose Vermengung des Gestrigen mit dem Heutigen ist in etwa so geistreich, als sähe jemand in der Müntzer-Truppe mit ihrer Regenbogenfahne die Frühform einer Christopher-Street-Day-Parade. Obacht, reine Erfindung, hat (bisher) keiner gesagt. Wirklich geschrieben hat Elsässer hingegen: „Vor genau 500 Jahren standen die Bauern gegen fremde Einflüsse und Knechtung und für ein starkes und einiges Reich auf. Es galt damals zudem, die deutsche Art zu erhalten.“4 Da muss man erst einmal draufkommen, dass das Niedermetzeln von 50.000 bis vielleicht 100.000 Menschen dem Arterhalt, die Verteufelung des Gegners der Einigung und ein Bruderkrieg der Niederringung fremder Einflüsse und der Stärkung des Reiches gedient haben soll!

Und dass heute angeblich im „Landvolk“ Umsturzstimmung herrsche, erklärt sich Elsässer im Weiteren so: „Überhaupt entspricht die heutige Gesellschaftsstruktur wieder der des Mittelalters.“5 Freilich werden in der Geschichtswissenschaft die Konflikte, die im Bauernkrieg und in der Reformation aufbrechen, der Neuzeit zugerechnet. Sie gelten als Teil einer längeren Transformation, die ein wie auch immer definiertes Mittelalter endgültig hinter sich lässt. Daher könnte man sich ob solcher Einlassungen mit dem Gedanken trösten, dass Leute wie Elsässer einfach auf der falschen Seite der Geschichte stehen – angesichts aktueller Wahlumfragen darf allerdings nicht einmal das mehr als sicher gelten.

Was beim Publikum ankommt

Ganz sicher ist jedoch, dass sich die Vergangenheit gegen ihren heutigen Gebrauch nicht wehren kann und dass sie in Wissenschaft, Erinnerungskultur und politischer Indienstnahme jeweils recht unterschiedlich erscheint. Und was von einer Ausstellung wie der in Bad Schussenried beim Publikum ankommt, ist noch einmal eine ganz andere Frage.

Der Verfasser dieser Zeilen schweifte durch die Ausstellungsräume zusammen mit einem zehnjährigen Begleiter, den die Jeremiade der Bauernavatare nicht abholte. Sie sollten sich doch, meinte er, nicht so haben und darüber froh sein, an der frischen Luft und mit Tieren arbeiten zu dürfen, statt den lieben langen Tag im Büro rumzuhocken. Den Einwand, dass sie für ihre Rechte aufstanden und dabei Leib und Leben riskierten, ließ er nicht gelten. Er wünschte sich einfach mehr Fröhlichkeit auf der Welt. Am Ende des Rundgangs hinterließ er auf der Pinnwand, auf der die Besucher ihre Vision für ein besseres Miteinander skizzieren dürfen, einen Zettel mit der Aufschrift „Weg mit den Bauern!!! und ihrem Gejammer“, was wohl nicht ganz den Erwartungen des Kuratorenteams entsprochen haben dürfte. Den Bauernjörg hätt’s g’freut.


Autor Manfred Sing verbrachte Kindheit und Jugend Radl fahrend in seiner Heimatstadt Bad Schussenried und Umgebung, ohne dabei jemals auf Spuren des Bauernkrieges gestoßen zu sein.


Titelbild: „Uffrur!“-Plakat mit KI-generierten Avataren. © Landesmuseum Württemberg.

Anhang

  1. Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum Schwäbisch Gmünd: Erwerbstätige in der Landwirtschaft, URL: https://lel.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Unsere+Themen/Erwerbstaetige [2025-08-25]. ↩︎
  2. Greiner, Steffen: 500 Jahre Bauernkrieg: Lehren zur Überwindung eines verkrusteten Systems, in: Deutschlandfunk Kultur, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bauernkrieg-zwoelf-artikel-aufstand-veraenderung-100.html [2025-08-25]. ↩︎
  3. Maegerle, Anton: Vom Bauernkrieg zum Bauernprotest, in: Kontext Wochenzeitung (11.09.2024), https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/702/vom-bauernkrieg-zum-bauernprotest-9728.html [2025-08-25]. ↩︎
  4. Elsässer, Jürgen: Was uns die Bauern lehren, in: Compact Online (17.01.2024), URL: https://www.compact-online.de/was-uns-die-bauern-lehren/ [2025-08-25], zitiert bei Maegerle, Bauernkrieg, und Tobias Prüwer: Bauern, Blut und Boden, in: Jungle World (15.05.2025), URL: https://jungle.world/artikel/2025/20/nazis-bauernkrieg-bauern-blut-und-boden [2025-08-25]. ↩︎
  5. Zitiert bei Maegerle, Bauernkrieg, und Prüwer, Bauern. ↩︎