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Christiane Kormann: „Pilates war Liebe auf den ersten Blick“

Die Leiterin der Publikationsabteilung bietet für alle Mitarbeitenden des IEG einen Pilateskurs an.

Von Claudia Falk

Wer viel am Schreibtisch arbeitet, braucht einen Ausgleich – sowohl für den Körper als auch für Geist und Seele. Um den Mitarbeitenden am IEG einen möglichst fitten Arbeitsalltag zu ermöglichen, gibt es am Haus verschiedene Angebote. Neben Ergonomieberatungen, Back-Check oder Onlinekursen und -workshops, die regelmäßig stattfinden, werden auch Präventionsangebote der Rentenversicherung gefördert und seit 2025 eine Grippeschutzimpfung in den Räumen des IEG angeboten. Relativ neu ist ein Sportkurs in den Räumen der Domus: Seit Herbst 2025 können die IEG-Mitarbeitenden  an einem Pilates-Kurs teilnehmen – geturnt wird in der Mittagspause im Konferenzraum, wenn die Temperaturen es zulassen  sogar im IEG-Garten. Wir haben bei der Kursleiterin Christiane Kormann (Leiterin der Publikationsabteilung) einmal genauer nachgefragt.  

Liebe Christiane, wie hast du Pilates für dich persönlich entdeckt? Warst du sofort davon begeistert oder hat es etwas gedauert, bis du die positiven Effekte dieser Trainingsform erkannt hast?

Das war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick. Ich habe mit Ende Zwanzig zum ersten Mal in einen Pilateskurs reingeschnuppert; gar nicht, weil ich mich für Pilates interessierte, sondern weil ich durch sehr intensives Sportklettern zu der Zeit Probleme im Schlüsselbeinbereich bekam und außerdem immer wieder mit Blockaden im Brustwirbelbereich zu kämpfen hatte. Pilates als ausgleichendes Ganzkörpertraining lag da nahe. Und mir lag es auch (lacht).
Die Pilatesmethode hat mich damals sofort überzeugt.

“Die Pilatesmethode hat mich damals sofort überzeugt.”

Seit einiger Zeit bietest du für alle Mitarbeitenden des IEG einen Pilateskurs an. Würdest du kurz berichten, wie es dazu kam? Eigentlich bist du doch Leiterin der Publikationsabteilung.

Ja, richtig, am IEG bin ich für die Veröffentlichung unserer Buchreihen (VIEG) verantwortlich. Außerdem bin ich aber auch Pilatestrainerin. Als die Kolleg:innen das damals mitbekamen, fragten sie mich, ob ich nicht auch am IEG einen Kurs anbieten möchte. Ich unterrichte wirklich gerne und freue mich natürlich auch über eine bewegte Pause. So haben wir bereits 2019 einmal in der Woche um die Mittagszeit eine halbe Stunde zusammen geturnt. Als offizielles Sportangebot des IEG galt das damals allerdings noch nicht.

Was war deine Motivation dich zur Pilatestrainerin ausbilden zu lassen und wo unterrichtest Du, wenn nicht gerade am IEG?

Nachdem ich einen gut angeleiteten Kurs für mich gefunden hatte, begann ich recht schnell mit meiner Ausbildung zur Pilatestrainerin für Matwork (Pilates auf der Matte im Unterschied zu Pilates an Geräten, wie etwa dem Pilates Reformer) bei Pilates Bodymotion in Köln.

Zunächst eigentlich nur, weil ich die Methode besser verstehen wollte. Die Hintergründe auch anatomisch zu verstehen hat meinem eigenen Training noch einmal eine ganz andere Qualität gegeben. Das Unterrichten war bereits sehr früh Teil der Ausbildung, so habe ich von Anfang an Anleitung und taktile Begleitung automatisch geschult. In dieser Zeit des Ausprobierens habe ich gemerkt, wie viel es mir gibt, den Teilnehmenden Gutes zu tun, und ich wollte nach der Ausbildung unbedingt weiter eigene Kurse anbieten. Nach meiner Mitarbeit in Vereinen, einem Fitnessstudio und einer Physiotherapiepraxis, habe ich mich 2018 nach dem Abschluss meiner Ausbildung teilselbständig gemacht und biete u.a. auch an, Pilates draußen zu machen.

Pilateswanderung. © Foto: Christiane Kormann.

Das ist nochmal eine ganz andere sinnliche Erfahrung. Und auch das Schöne am Pilates – es braucht nicht viel und man kann überall trainieren.

Regelmäßiges Training kann vor Verletzung oder Schmerz schützen.”

Mit Blick auf den Mitarbeitendensport an unserem Institut: Was ist das Besondere an diesem Training?

Das Training ist aus meiner Sicht sinnvoll, weil es ganzheitlich ist und eine Grundlage bildet für Beanspruchungen des Körpers im Alltag und beim Sport. Die Methode kombiniert eine gesunde Atmung, die mobilisierend und energetisierend wirkt, mit ganzheitlicher Bewegung auch einzelner Strukturen sowie Kräftigung aber auch gezielter Entspannung.

Bewegungsmuster und Prinzipien, die beim Pilates geübt und bei einem qualitativen Training durch taktile Begleitung der Trainerin immer wieder bewusst gemacht werden, gehen im besten Fall in den Alltag sowie jede körperliche Betätigung über – ich hatte einmal eine Teilnehmerin (übrigens auch am IEG), die berichtete, dass ihr das Training beim Singen hilft, da das Zwerchfell und die tiefliegende Rumpfmuskulatur von den Übungen profitieren. Pilates ist ein präventives Grundlagentraining, das den Körper neu ausrichten kann und eine gesunde Bewegung schult. Regelmäßiges Training kann also auch vor Verletzung oder Schmerz schützen. Dazu kommt, dass Pilates heute ein offenes System ist, das sehr viel Kreativität zulässt und je nach Stil und Trainer:in total abwechslungsreich sein kann.

Welche Vorteile hat aus deiner Sicht Pilates für uns Schreibtischtäter:innen?

Gerade wenn im Job viel am Schreibtisch gearbeitet wird, werden oft Muskelgruppen vernachlässigt und das Fasziengewebe verklebt, was zu Schmerzen und Verspannungen führen kann. Zum Beispiel sind die Hüftbeuger durch das viele Sitzen häufig verkürzt, was zu Problemen im unteren Rücken führen kann; der Schultergürtel kann aus seiner Organisation geraten und mit Verspannung und Schmerz reagieren; die Halswirbelsäule, aber auch die Knie können durch langes Sitzen am Schreibtisch sehr belastet sein, die Sehnen der Unterarme durch Tippen auf der Tastatur oder Maus.

Außerdem eignet sich Pilates für viele sehr gut, um runterzukommen. Dadurch, dass ich mich beim Training darauf konzentriere, Muskelgruppen gezielt anzusteuern, andere Strukturen dabei aber bewusst loszulassen, Bewegung zu koordinieren und präzise auszuführen, bleibt nicht viel Platz für anderes. Mit ein bisschen Übung fühlt sich der Körper nach einer Pilateseinheit im besten Fall weich, schmerzfrei und leicht an – wie nach einem Mini-Urlaub.

Bei Pilates denke ich oft an die Bewegungen einer Wildkatze, die gerade so viel Energie einsetzt wie nötig.”

Die Teilnehmer:innen sollen ja durch den Pilateskurs auch eine Pause für den Kopf bekommen. Gelingt dir das auch während des Trainings oder musst du dich dabei stark konzentrieren? 

Stark konzentrieren müssen sich alle, darum geht es ja gerade auch beim Pilates: Aber durch diese Konzentration auf den eigenen Körper und die präzise Ausführung der Übungen sowie den regelmäßigen Atemfluss bin ich als Übende idealerweise auch ganz im Jetzt und komme dadurch gedanklich zur Ruhe.

Ich erlebe das als Trainerin nicht so wie als Teilnehmerin, da ich im besten Fall wenig visuell anleite, also selbst turne, ansonsten aber bei den Teilnehmenden bin. Außerdem rede ich die ganze Zeit, um möglichst präzise Anleitungen und am Ende eine kleine, oft unbewegte Entspannung bieten zu können. Glücksgefühle – ob durch die Bewegung freigesetzt oder durch den Spaß am Unterrichten – habe ich aber fast immer.

Wann machst du selber Pilates für dich? Kommst du überhaupt noch dazu? Wie schaltest du ab?

So oft ich kann fahre ich vor Kursstart in den Kursraum und turne für mich. Zu Hause turne ich auch hin und wieder eine kleine Einheit für mich, manchmal zusammen mit meinen Kindern, also mehr oder weniger konzentriert (lacht). Etwa einmal im Jahr gönne ich mir ein Personal „Trainer“-Training und nehme immer mal wieder an Fortbildungen teil.

Ansonsten bin ich gern in der Natur unterwegs, um abzuschalten: Zügige Spaziergänge oder Wanderungen bringen mich gut runter, dafür nehme ich mir leider in den letzten Jahren viel zu wenig Zeit. Deshalb habe ich mehr auf kurze Entspannungen zwischendurch, kombiniert mit Atem- oder Konzentrationsübungen, umgestellt.

Gibt es körperliche oder andere Voraussetzungen um Pilates auszuüben? Würdest du irgendjemandem davon abraten oder kann wirklich jede:r teilnehmen und davon profitieren?

Dadurch, dass sich die Übungen – solange die Grundprinzipien des Pilates eingehalten werden – anpassen und variieren lassen, ist Pilates eine Bewegungsmethode, die bis ins hohe Alter und auch für Menschen mit Einschränkungen geeignet ist. Selbst in sehr heterogenen Kursen kann ein:e engagierte:r Trainer:in bis zu einem gewissen Grad auf unterschiedliche Level eingehen.

Voraussetzung, um wirklich zu profitieren und sich nicht nur oberflächlich zu bewegen, ist meines Erachtens, dass sich die Teilnehmenden ganz einlassen wollen. Es geht nicht so sehr darum, die Übung irgendwie zu schaffen oder direkt am Anfang schwere Variationen mitzuturnen. Es geht mehr darum, die Bewegungen korrekt und präzise auszuführen und den Körper in Bewegung genau wahrzunehmen, auf Tuchfühlung mit sich zu gehen sozusagen. Dazu braucht es freilich auch eine gute Anleitung. Zum Beispiel kann ich eine Bewegung mit maximaler Muskelkraft ausführen. Pilates schult aber darin, die kleine gelenksnahe Muskulatur anzusteuern, die dem gesamten Körper Stabilität verleiht, um eine gewisse Qualität und Effizienz in die Bewegung zu bringen, gleichzeitig eine Lockerheit und Entspanntheit – ich denke da immer an die Bewegungen z.B. einer Wildkatze, die gerade so viel Energie einsetzt wie nötig. Das ist natürlich Übungssache.

Pilates ist auch für Männer eine herausfordernde Bewegungsmethode

Und gibt es Vorurteile mit denen Du aufräumen möchtest?

Ja, unbedingt! Wer das Interview bis hierhin verfolgt hat, hat hoffentlich gemerkt, dass Pilates auch für Männer eine sinnvolle Sportart ist. Tatsächlich wurde die Methode durch einen Mann – Joseph Hubertus Pilates – begründet und kam zunächst als Training für Kriegsgefangene am Ende des ersten Weltkriegs zum Einsatz, bevor Joseph Pilates in die USA ging und dort auch Tänzer:innen unterrichtete.

Pilates kann also auch für Männer eine herausfordernde Bewegungsmethode sein, gerade weil die große aber vergleichsweise weniger effiziente Muskulatur hier nicht gefragt ist. Aber auch die Beweglichkeit und Flexibilität der Faszien wird gefördert. Gerade Männer sind oft sehr „fest“, haben hormonell bedingt in der Regel stärkeres Bindegewebe und festere Faszien. Das hat seinen Sinn, kann meiner Erfahrung aber dazu führen, dass sich z.B. Fehlhaltungen oder fasziale Verklebungen hartnäckiger manifestieren. Zudem ist die auch immer wieder fließende Bewegung beim Pilates ein guter Ausgleich zu der auf Schnellkraft ausgelegten Muskulatur. Deshalb profitieren auch Männer definitiv von der Pilatesmethode. Trotzdem erlebe ich es so, dass die Angebote heute nach wie vor überwiegend von Frauen wahrgenommen werden. Am IEG durfte ich bisher einen Mann beim Pilates begrüßen.

Liebe Christiane, vielen Dank für die Einblicke in diesen Sport!


Die Fragen stellte Claudia Falk, Redakteurin für “Writing European History” und “EGO: Europäische Geschichte Online“.


Titelbild: Christiane Kormann in ihrem Übungsraum, © Christiane Kormann.

„Geschichte lehrt uns eine gewisse Bescheidenheit über das, was Menschen können und nicht können“

Interview mit den Direktoren des IEG, Nicole Reinhardt und Johannes Paulmann, zum 75-jährigen Bestehen des IEG, Teil III: Erfahrungen und Einschätzungen

Von  Manfred Sing

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen. Dies ist der dritte und letzte Teile eines Interviews zum Jubiläum mit den beiden Direktoren, Nicole Reinhardt, Professorin für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt europäische Religionsgeschichte, und Johannes Paulmann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte mit einem Schwerpunkt in der transnationalen Geschichte Europas. In diesem Teil des Gespräches geht es um persönliche Erfahrungen und Einschätzungen.

In welchen Momenten packt Euch die Leidenschaft für Geschichte, sodass Ihr denkt: Das ist der Grund, warum ich mich gerne mit Geschichte beschäftige?

Johannes Paulmann: Im Archiv sitzen, Quellen haben und aus diesen Mosaiksteinen, die da letztlich nur sind – wir haben ja immer nur bestimmte Steine –, Geschichte zusammenbauen. Das Arbeiten daran, aus diesen Bruchstücken ein ganzes Bild und eine Geschichte zu konstruieren. Das ist toll. Man hat ja kein geschlossenes Bild, man muss daraus auch immer etwas erahnen. Ich habe hier ein Stück, da ein Stück. Da packt es mich. Das ist so eine Art kriminalistische Arbeit.

„Geschichte ist nicht einfach nur ein Aufschreiben von wunderbaren Einzelquellen. Das wäre eher uninteressant. Es ist ein Versuch, ein Problem darzustellen, zu umkreisen, sichtbar zu machen.“

Nicole Reinhardt: Das hat auch Ginzburg so gesagt: Geschichtsarbeit ist Detektivarbeit. Er hat auch einen Aufsatz dazu geschrieben, der sehr spannend ist.1 So ging es mir auch. Die Archiverfahrung war absolut fundamental. Auch manchmal in ihrer Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Ich kann mich erinnern, das erste Aktenstück, das ich mal hochgeholt habe. Da hat ein Schreiberling im 16. Jahrhundert ein komplettes Tintenfass drüber ausgeleert. Man konnte nichts lesen. Da habe ich gedacht, wenn das so weitergeht, dann wird das spannend; da kann ich nicht viel machen. Aber dieses ständige Etwas-Herausfinden-Wollen ist absolut faszinierend: Was kann ich mit dem machen, was ich habe? Und was finde ich, was ich gar nicht erwartet habe? Und auch das Gefühl, dass man, weil es Stückwerk ist, eine gewisse Rekonstruktionsarbeit leisten muss. Diese Rekonstruktion ist manchmal auch fast ein bisschen Verrat an den historischen Akteuren. Ich hatte manchmal sogar Träume darüber, dass mir die historischen Akteure im Traum den Prozess gemacht haben, weil ich ihre Geheimnisse verraten habe. Das ist schon lange her. Aber es ist so, dass man nur dieses Buchstückhafte hat und gleichzeitig einen Sinn konstruiert, und dabei hinterfragt man sich ständig selbst, kann das jetzt so sein? Ergibt das Sinn? Kann ich das so sagen, und womit kann ich das vergleichen? Geschichte ist ja nicht einfach nur ein Aufschreiben von wunderbaren Einzelquellen. Das wäre eher uninteressant. Es ist ja keine Chronik. Es ist ja ein Versuch, ein Problem darzustellen, zu umkreisen, sichtbar zu machen.

Auf der Suche nach dem Heureka-Moment: Forscher in der Bibliothek des IEG. Foto: Angelika Stehle.

Und so ein Direktorenposten: Macht er es schwieriger, diesen Heureka-Moment im Archiv zu erleben?

Johannes Paulmann: Ja, klar. Ich habe über die Jahre immer versucht, trotzdem ins Archiv zu gehen, aber es war deutlich weniger. Gleichzeitig muss man aber auch vorsichtig sein, denn ich weiß nicht, wie viel Zeit andere dafür haben, wahrscheinlich auch nicht so viel mehr. Das ist natürlich eine Frage des Karrierestands und was man machen will. Ob man es sich leistet, sich zurückzuziehen und weiter die alleinforschende Persönlichkeit sein möchte. Mir hat mal, als ich am Schreiben meiner Habilitationsschrift war, eine etwas ältere Kollegin gesagt: Johannes, du wirst dich nach dieser Zeit zurücksehnen. Da habe ich gesagt, nein, völliger Quatsch, denn es war eine Zeit der existenziellen Unsicherheit. Ich musste da jeden Tag zum Schreiben, um fertig zu werden. Aber ich weiß, was sie gemeint hat, nämlich diese Freiheit zu haben, Tag aus, Tag ein, über Monate da zu sitzen, archivalisch zu arbeiten und das dann zusammenzuschreiben. Das ist natürlich bei so einem Direktorposten anders. Es gibt einzelne Kolleginnen und Kollegen, die ziehen sich eben zurück, aber dann machen andere einen Teil der Arbeit, den sie nicht machen. Ich glaube, das ist eine Arbeitsteilung, die insgesamt stattfindet.

Nicole Reinhardt: Ich glaube, es ist in Deutschland schon noch ein bisschen verschärfter, als ich es anderswo, zumindest in England, erlebt habe. In England können die Professoren immer wieder ein Jahr oder mehrere Jahre rausgehen und forschen. Und das ist überhaupt kein Problem.

Johannes Paulmann: Die Karrierewege sind anders. Aber auch in Deutschland hat sich das geändert in den letzten 25 Jahren. Dass du sozusagen für dich Geld kriegen konntest und dich für eigene Forschung freikaufen konntest, das gab es ja 2000 so gut wie gar nicht. Da musste man ins Ausland geben. Dass es das in Deutschland gibt und man jetzt auch ein Jahr an einem „Advanced-Studies“-Kolleg verbringen kann, das ist positiv, trifft aber nur für wenige zu. Viele andere werben Drittmittel nicht für sich ein, sondern damit andere arbeiten können, die sie dann auch noch betreuen, beraten und verwalten müssen. Für mich würde ich sagen, anderen in einem Institut wie dem IEG zu ermöglichen zu forschen, ist auch eine Aufgabe, die ich schon lange als großen Teil meiner Aufgabe sehe. Das mache ich gerne. Man kann auch viel zurückgeben…

Nicole Reinhardt: …an Erfahrungen. Zurückgeben, weitergeben, inspirieren…

Johannes Paulmann: Das ist das Institut: wir sind ein Postdoc-Institut, wir leben aus Forschung. Ich muss sagen, all die Postdocs, die ich über die letzten zehn Jahre hatte, sind wunderbar. Es war eine Zusammenarbeit, die nicht nur ein Management war, sondern eben ein Austausch, bei dem die Postdocs auch mir etwas gegeben haben. Weil sie einen Text geschrieben haben, den ich gegenlesen durfte und wo ich dann Kommentare gemacht habe, habe ich wieder was zurückgegeben, aber ich habe auch selbst gelernt aus diesen Texten.

Und wohin geht die Geschichtswissenschaft in Zukunft? Wird sie wichtiger oder weniger wichtig werden? Was werden künftige Forschungsfelder sein?

Nicole Reinhardt: Was sich schon verändert hat, ist der Umgang mit Texten und mit Komplexität. Ich möchte jetzt nicht anfangen zu jammern, dass alles schlechter wird oder sowas, aber man sieht deutlich andere Fähigkeiten bei der Aufmerksamkeitsspanne, sich mit komplexen Texten auseinanderzusetzen. Das ist ein allgemeines Problem. Und die Frage ist für mich noch nicht beantwortet, ob zum Beispiel digitale Texte genauso rezipiert, gelesen und verarbeitet werden wie analoge Texte. Da ist eine Frage, die in der Kognitionsforschung noch total offen ist. Was bedeutet das für Geschichtswissenschaft: sowohl Chance als auch Problem. Die heutige Schnelllebigkeit steht eigentlich der geschichtswissenschaftlichen Arbeit entgegen. Schnellere Rhythmen können zu Kurzfristigkeit und mangelnder Gründlichkeit führen. Dass man Dinge nicht sofort wissen und nicht sofort verstehen kann, dass man manchmal drei, vier, acht Mal, zehn Mal auf eine Sache zurückgeht, ist nicht eigenes Versagen, sondern Teil des Problems. Eine krude mathematische Logik wird den Geisteswissenschaften und ganz besonders der Geschichtswissenschaft nicht gerecht. In meinem Bereich ist es ganz normal, dass man Sachen liest, die um 1800 herum publiziert wurden. So ein Werk kann genauso aktuell und wichtig sein, wie etwas, das 2025 publiziert wurde. Ich muss aber alles gelesen haben oder zumindest eine Ahnung davon haben, ob die Texte noch relevant sind, oder sagen können, das Werk von 1819 ist jetzt nicht so relevant oder die Publikation von 2025 bringt nicht wirklich Neues. Als Forscherpersönlichkeit muss ich aber erst einmal diese Entwicklung durchlaufen haben, um das erkennen zu können. Die Geschichtswissenschaft ist eine kumulative Wissenschaft. Man fängt zwar immer wieder ein neues Projekt an, aber in diesem neuen Projekt profitiert man von dem, was man vorher schon angesammelt hat. Es gibt relativ wenig veraltetes Wissen, aber auch das, was man nicht mehr zitiert, muss man kennen.

Johannes Paulmann: Eine Herausforderung ist die KI, mit der man sich Texte ganz einfach zusammenfassen lassen kann. Das Ergebnis kann sehr gut sein, was aber wegfällt, ist der Prozess des Zusammenfassens beim Lesen. Es kann sein, dass ich am Ende mit derselben Zusammenfassung herauskomme wie die KI und dass sich beide Zusammenfassungen überhaupt nicht unterscheiden. Mit der KI verpasse ich aber den Denkprozess des Zusammenfassens, wenn ich nur noch mit Zusammenfassungen arbeite. Und dann häuft man vielleicht kumulativ nur noch eins aufs andere. In dem Moment, in dem ich selbst zusammenfasse und denke, kann es sein, dass ganz neu anfangen muss oder etwas Neues sehe. In diesem Sinne ist KI von begrenzter Nützlichkeit, aber wahrscheinlich gut, um Drittmittelanträge zu schreiben…

„Die Art und Weise, wie ein Forscher Texte liest, ist immer individuell, und deshalb ist Geschichtswissenschaft nie abgeschlossen. Jede Lesende liest anders und verknüpft die Dinge anders im Kopf, und das führt zu neuen Fragen, die man vorher gar nicht absehen kann.“

Nicole Reinhardt: Die Anträge werden dann aber vielleicht auch nur noch von der KI gelesen. Es kann dann irgendwann soweit kommen, dass sich nur noch KI mit KI unterhält. Die Art und Weise, wie ein Forscher Texte liest, ist immer individuell, und deshalb ist Geschichtswissenschaft nie abgeschlossen. Jede Lesende liest anders und verknüpft die Dinge anders im Kopf, und das führt zu neuen Fragen, die man vorher gar nicht absehen kann. Oft kommt es vor, dass man eine Frage korrigieren muss, weil sich die Sache nie so verhält, wie man es geplant hat. Außerdem entdeckt man ganz viel. Was vorher nicht im Plan stand, kann langfristig ganz wirkungsmächtig sein. Eine Fußnote irgendwo, die dir die KI-Zusammenfassung nicht gibt, die aber irgendetwas in dir aufleuchten lässt in Zusammenhang mit einer anderen Fußnote, die du vielleicht vor 30 Jahren gelesen hast. Dann führst du das in deinem Kopf zusammen, weil nur du das gelesen hast, und plötzlich entsteht eine ganz neue Frage, ein neues Thema, ein neues Interesse. Bei mir passiert das andauernd, und das kann ich nicht delegieren. Listenmachen kann ich delegieren, aber selbst beim Listenmachen denke ich über die Kategorien nach und darüber, was daran sinnvoll ist.

Johannes Paulmann: Ein anderer Aspekt, wie sich die Geschichte als Fach vielleicht wandelt: Was ich beobachte, ist, dass es relativ viel Beschäftigung mit Erinnerung gibt. Nicht mehr mit dem Geschehen, sondern mit der Erinnerung daran. Das ist sehr wichtig, und da erfüllt die Geschichtswissenschaft natürlich auch eine wichtige Rolle, weil sie den Gebrauch und den Missbrauch von Geschichte im politischen, gesellschaftlichen Diskurs mit untersuchen kann und weil sie einen kritischen Blick darauf wirft und sagt, hier wird das aus diesem Zweck verfälscht oder anders und gar nicht gesehen. Das ist auch sehr wichtig, die Erinnerung an die wachhalten, die verfolgt und diskriminiert wurden oder die Besonderes für sie geleistet haben. Was ich mir wünschen würde, ist jedoch, dass diese Form der Beschäftigung nicht noch mehr zunimmt. Ich halte das für bedeutsam. Mir wäre aber daran gelegen, dass wir uns tatsächlich das vergangene Geschehen, soweit wir es beurteilen können, mit bestimmten Fragen anschauen, das Handeln von Menschen, die Relationen von Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt und ihrer Mitwelt. Ich wünsche mir, dass wir das untersuchen und es ist nicht nur auf die Erinnerung beschränken. Keine Frage, Erinnerung ist sehr wichtig, wir sehen es ja jetzt bei Putin und bei anderen, wie sie Geschichte benutzen, und da braucht es uns als Historikerinnen und Historiker. Mindestens genauso wichtig sind aber die Fragen: Wie haben Menschen eigentlich gehandelt, warum haben sie so gehandelt, unter welchen Bedingungen konnten sie handeln, und mit welchen Fragen kann ich das verstehen? Ich würde mir wünschen, dass das auf keinen Fall weniger wird, sondern vielleicht noch mal ein Stückchen mehr und die Legitimation für die Geschichtswissenschaft nicht nur aus der Erinnerungsforschung kommt.

„Geschichte lehrt uns eine gewisse Bescheidenheit über das, was Menschen können und nicht können. Aber auch ein gewisses Zutrauen, dass Menschen handeln können und das auch tun sollten.“

Nicole Reinhardt: Das würde ich auch sagen. Und da kommt noch ein anderer Punkt hinzu, ein Punkt, der eigentlich auch für die Gegenwart und für unser Sein in der Welt, um es mal so ganz heideggerisch zu sagen, ganz wichtig ist. Das ist das Problem, dass Geschichtswissenschaft ja schon weiß, was passiert ist, aber die historischen Akteure wussten es nicht. Und es gibt eine gewisse Versuchung – E.P. Thompson hat das „the arrogance of historians“ genannt – nach dem Motto, wie dumm waren die denn in der Vergangenheit, dass sie das nicht richtig gemacht haben. Das ist eine ganz weit verbreitete Ansicht, die Vergangenheit als etwas Defizitäres zu sehen, in der defizitäre Menschen, die noch nicht alles richtig wussten, irgendwie falsche Entscheidungen treffen. Das ist wahrscheinlich die falsche Herangehensweise, Geschichte so zu schreiben, mit der Herablassung der Gegenwart gegenüber den historischen Akteuren. Wenn man versucht, zu verstehen, nicht zu entschuldigen, warum Handlungszusammenhänge und Geschehen so ablaufen, wie sie abgelaufen sind, dann kann man eine gewisse Bescheidenheit in der Gegenwart entwickeln, dass man eben nicht alles weiß und nicht alle Dinge von vornherein abschätzen kann und wahrscheinlich mit ganz eigenen, blinden Punkten arbeitet. Und dass man auch gegenüber anderen, mit denen man als Akteur in der Gegenwart zu tun hat, vielleicht nicht unbedingt immer mit dem absoluten, „ich-weiß-alles“-Anspruch auftreten sollte. Geschichte lehrt uns eine gewisse Bescheidenheit über das, was Menschen können und nicht können. Aber auch ein gewisses Zutrauen, dass Menschen handeln können und das auch tun sollten. Sie sind nicht nur Opfer, aber sie sind auch nicht immer „Rational Agents“. Vielmehr können wir sagen, „Rational Agents“ gibt es so eigentlich gar nicht in der Geschichte, denn Menschen sind halt viel komplexer in ihrem Handeln, eben weil sie erinnern, aber auch weil sie ständig interagieren mit ihren Mitmenschen, mit Umwelten und so weiter. Eine gute Geschichtsschreibung ist immer dieser Spagat und führt zu einer gewissen Bescheidenheit. Deshalb ist es schwierig, wenn Geschichtswissenschaft mobilisiert werden soll als Legitimationswissenschaft für die Gegenwart.

Gibt es ein historisches Ereignis, bei dem Ihr gerne live mit dabei gewesen wäret? Oder ist eher so, dass Ihr lieber den Abstand des Historikers wahren möchtet?

Johannes Paulmann: Der Abstand des Historikers ist schon eine Position des Beobachters, des längeren Beobachtens, des von verschiedenen Seiten Anguckens, die mir sehr gut gefällt. Ich glaube, deswegen bin ich auch Historiker. Ich gehe schon gerne an Orte, an denen sich Geschichte ereignete, wo dann meine Imagination diese Orte belebt hat.

Nicole Reinhardt: Ich habe eine ganz komische Sache, die kein weltbewegendes Ereignis ist, als ich einmal im Archiv saß und dachte, da wäre ich jetzt gerne dabei. Es ging konkret darum, dass ich über einen Professor in Bologna versucht habe, herauszufinden, wer das war und was sein geistiger Horizont war. Von diesem Bologneser Professor gibt es kein Abbild, kein Porträt. Es gibt verschiedene Graffiti in der Universität Bologna zu seinen Ehren und auch eine Skulptur zu seinen Ehren, die aber nicht ein Abbild von ihm ist, sondern ein idealisierter Renaissance-Körper von einem jungen Mann. Und eine Sache, die ich dann gemacht habe, ist, dass ich mir die Ostervisitationsberichte des Priesters aus der Pfarrei angeguckt habe. Ich saß im Archiv und habe die Visitationsberichte des Priesters durchgesehen, der einmal im Jahr durch den Pfarrbezirk ging, um zu sehen, ob alle bei der Beichte waren vor Ostern. So wollte man kontrollieren, ob alle regelmäßig beichten gehen, also „gute Katholiken“ sind. Und ich habe mir gedacht, „mein“ Professor war nicht so ein guter Katholik. Und da wurde immer der ganze Haushalt durchgescreent, dann sieht man zum Beispiel, dieses Jahr ist der Diener gestorben, der letztes Jahr noch dabei war; auf jeden Fall ist er nicht mehr im Haushalt, aber dafür ist ein neues Dienstmädchen da, die im nächsten Jahr drauf dann schon ein Kind hat. Sie leben alle in einem Haushalt zusammen. Der Priester hat sie alle gesehen, und er hat auch dem Professor ins Gesicht geschaut. Und ich habe gedacht, ich würde gerne durch diesen Nebel der Geschichte hindurchfassen können und diesem Menschen ins Gesicht schauen können. Sein Gesicht hätte ich gerne gesehen, ich wüsste gerne, wie er aussah. Das war kein historisches Ereignis, sondern im Prinzip so eine Szene, wo ich zum ersten Mal gedacht habe, da wäre ich jetzt gerne. Ich wusste ja genau, wo er war, an welchem Haus er stand, welche Tür er aufgemacht hat. Ich konnte das alles nachvollziehen, denn er machte jedes Jahr die gleiche Route und das über Jahrzehnte. Und jedes Jahr hat der Professor gesagt, er war bei der Beichte und hat auch einen Beichtzettel auf den Tisch gelegt. Und ich weiß ganz genau von dem, was er so geschrieben hat, dass er wahrscheinlich so ein bisschen ein unsicherer Kantonist war.

Johannes Paulmann: Bei mir gibt es zwei Dinge, die miteinander zusammenhängen. Ich würde gerne um 1900 durch eine der deutschen Städte, München, Frankfurt, durchlaufen, um zu sehen, wie diese Städte, die sich alle um die Jahrhundertwende radikal verändern, aussahen: die ganzen Baumaßnahmen, die aber eben noch nicht so fertig sind wie heute, wo die Geschichte des 20. Jahrhunderts noch nicht drin ist. Die Dynamik um 1900 und die Urbanisierung würde ich gerne sehen. Manchmal sehen wir ja so eine Gründerhauszeile, die vollständig ist, alles wunderschön, hätten wir gerne eine Wohnung drin. Aber wenn man dann ein Bild von 1880 oder 1900 anguckt, steht da von diesen zehn Häusern, die wir jetzt vor uns haben, nur eins mit den glatten Seitenwänden. Auch da mögen später Bomben eingeschlagen sein, aber damals ist erst eins gebaut. Ein Unternehmer hat eins hingesetzt, und der nächste setzt die nächsten drei hin, die gleich aussehen. Man kann es ja manchmal sehen, das ist eben nicht eine geschlossene Zeile. Durch dieses sozusagen Unfertige, durch die unfertigen Städte um 1900 oder 1890 oder 1905 würde ich gerne mal durchwandern, um das Unfertige und gleichzeitig Dynamische zu sehen. Diese Zeit interessiert mich einfach, es ist einfach eine faszinierende Zeit. Würde ich dort durchgehen, wäre ich wieder der Beobachter, und ich würde es mir gerne anschauen.

Alle Wege führen nach Europa. Foto: IEG.

Gar nicht wegen der Menschen oder Prominenten von damals?

Johannes Paulmann: Nein, mir geht es um die urbane Landschaft. Das zweite kann ich vielleicht auch in meinem eigenen Leben festmachen. Ich habe Anfang der 1980er Jahre in München studiert und kannte den Münchner Norden, so zwischen Dachau und Fürstenfeldbruck. Die Landschaft erkenne ich heute nicht wieder. Die ist nicht nur total zersiedelt, zerschnitten von neuen Umgehungsstraßen, von Kreiseln und Lagerhäusern. Ich finde mich in dieser Landschaft nicht mehr zurecht. Auch da nochmal in eine vorindustrielle Landschaft zu gucken, was das für ein Landschaftserlebnis wäre, interessiert mich. Es könnte auch hier im Rhein-Main-Gebiet sein. Wenn ich manchmal bei mir hinausschaue von der Kupferbergterrasse in Mainz aus auf den Rheingau Richtung Taunus. Da ist vielleicht so ein bisschen Verlust und Nostalgie dabei, aber auch ein historisches Interesse. Das Beispiel mit der Stadt ist eher das, was mich schon länger interessiert. Das andere ist aktueller und unmittelbar drängender mit Blick auf die Gegenwart.

Liebe Nicole, lieber Johannes, vielen Dank für das Gespräch.


Die Fragen stellte Manfred Sing, Forschungskoordinator am IEG.


Titelbild: Die Direktoren des IEG, Johannes Paulmann (links) und Nicole Reinhardt (rechts). Bild: IEG, Fotografin: Barbara Mainz.


Anhang

  1. Carlo Ginzburg: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. Aus dem Italienischen von Gisela Bonz und Karl F. Hauber, Berlin 1983. ↩︎

„Durch das Stipendienprogramm entsteht ein dauerndes Fortbildungsprogramm für das Institut“

Interview mit den Direktoren des IEG, Nicole Reinhardt und Johannes Paulmann, zum 75-jährigen Bestehen des IEG, Teil II: Gegenwärtige und künftige Herausforderungen

Von  Manfred Sing

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen. Dies ist der zweite Teile eines dreiteiligen Interviews zum Jubiläum mit den beiden Direktoren, Nicole Reinhardt, Professorin für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt europäische Religionsgeschichte, und Johannes Paulmann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte mit einem Schwerpunkt in der transnationalen Geschichte Europas. Dieses Mal geht es um die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen für das Institut und die Geschichtswissenschaft.

Was steht momentan im Fokus am IEG? Was sind aktuelle Forschungsinteressen?

Johannes Paulmann: Ein Schwerpunkt im Arbeitsbereich „Gesellschaft“ ist die Frage, wie Menschen sich unterscheiden, wo und wie Unterscheidungen zwischen Menschen getroffen werden. Das ist angeregt durch den jetzt vier Jahre laufenden Sonderforschungsbereich Humandifferenzierung, in dem wir sehr interdisziplinär und breit aufgestellt zusammen mit der Johannes Gutenberg-Universität eine Reihe von Forschungen betreiben. Das IEG war in der Vergangenheit mit vier Projekten beteiligt. Eines hat sich mit der Corona-Pandemie beschäftigt und gefragt, inwieweit in der Pandemie historische Unterscheidungen oder historische Vorläufer eine Rolle spielten. Ein zweites Projekt beschäftigte sich mit den Mensch-Tier-Beziehungen in der Serengeti, ein drittes mit der Entwicklung der Kategorie der „Displaced Persons“ zur Kategorie der „Refugees“ und ein viertes mit der Art und Weise, wie in Industriebetrieben nach Leistung Differenzierungen getroffen wurden. Wir haben nun neue Projekte für den Fortsetzungsantrag mit Mitarbeiterinnen aus dem Hause entwickelt. Ein Projekt mit mobilen Akteuren im spanischen Atlantik, ein Folgeprojekt zur Migration nach Palästina und Südasien im Zuge des Zweiten Weltkriegs sowie ein Projekt, das sich mit der Kategorie „Mensch“ auseinandersetzt und danach fragt, wie Vor- und Frühmenschen eingeteilt wurden, in welchen Beziehungen sie zur Umwelt, zu anderen Menschen und Tieren standen und welche Narrative es über die Entwicklung von Menschen und über die Differenzierung von Homo sapiens und Neanderthaler und so weiter gibt. Umgang mit Differenz, Negotiating Differences, war ja schon seit 2012 Teil des Programms des IEG. Der SFB hat sozusagen eine systematische, auch soziologische Perspektive für die historische Forschung mitgebracht und den Prozesscharakter des Unterscheidens noch einmal stärker in den Fokus gerückt als existierende Unterschiede. Historiker haben lange nach sozialer Ungleichheit und nach Unterschieden geschaut, aber nicht nach dem Unterscheiden. Das ist das, was uns jetzt auch noch weiter beschäftigt.

Nicole Reinhardt: Im Arbeitsbereich „Religion“ setzen wir uns mit den Fragen auseinander, was religiöses Zusammenleben, religiöse Erfahrung und religiöses Wissen bedeuten. Dabei ist die Herausforderung, dass wir nicht nur über große Perioden arbeiten, also von der Reformation bis in die Gegenwart, sondern auch über die verschiedenen Hintergründe der Religionen, die es historisch in Europa gibt, die wie Judentum und Islam intern anderen Wissenschaftstraditionen verpflichtet sind als das Christentum. Wie schaffen wir es, über diese Religionen und über die Menschen, die diesen Religionen verbunden sind, zu sprechen und ein gemeinsames Verständnis für die Frage, wie die Geschichte dieser Religionen aussieht, herzustellen? Sind das religiöse Differenzen, sind das kulturelle Differenzen, sind das historische Traditionen, und wie kann man darüber sprechen? Das ist etwas, womit wir uns noch eine ganze Weile befassen werden, vor allem aber auch wie man Themen und Probleme identifiziert, an denen alle diese Traditionen anknüpfen und über die wir miteinander ins Gespräch treten können. Was uns am IEG natürlich auch sehr beschäftigt, vor allem im dritten Arbeitsbereich „Digitalität der historischen Forschung“, ist darüber hinaus die Frage der Digitalität und der Digitalisierung und die Folgen für die historische Forschung, also heuristische und systemische Probleme.

Wie verändert die Digitalisierung die Geschichtswissenschaft?

Johannes Paulmann: Im Bereich der Digitalisierung ist die Frage nach der Künstlichen Intelligenz eines der Dinge, die uns momentan am Institut intensiv beschäftigen. Das ist sozusagen auch das Thema, und da kommen wir an das historische Kerngeschäft mit heran, von „Fake News“. Auf historische Fertigkeiten umgesetzt, ist dies die Frage der Quellenkritik. Mit der Frage, ob eine mittelalterliche Urkunde echt oder falsch ist, machen wir das ja schon lange; daran angeknüpft sind Fragen wie: wer hat eigentlich eine Quelle geschrieben, mit welcher Intention und wozu? Das ist im digitalen Bereich noch viel schwieriger zu beantworten als vorher. Aber es ist zugleich eine Grundfrage der Geschichtswissenschaft.

Publikationen des IEG. Foto: IEG.

„Es ist auch unsere Aufgabe, für künftige Historiker eine Form von Datenqualität und Datensicherung zu erarbeiten. Mit NFDI4Memory haben wir dazu am IEG ein großes Projekt mitangestoßen.“

Wie verändert sich Quellenkritik in digitalen Zeiten?

Johannes Paulmann: Ich glaube, sie wird deutlich schwieriger, weil wir als Historiker häufig die informationswissenschaftlichen Kenntnisse überhaupt nicht haben, um zu verstehen, was eigentlich passiert, wenn Quellen in Tabellen verwandelt werden und wenn diese Tabellen dann weiterverarbeitet werden. Was wir können, ist: wir lesen eine Akte im Archiv, wir machen handschriftliche Notizen oder machen im Computer Notizen dazu, und später erzählen wir eine Geschichte, die auf diesen Quellenauszügen basiert. Wenn das im digitalen Bereich stattfindet und wir eine Tabelle haben, dann kommen die Sachen in Excel-Tabellen rein und wir wissen gar nicht, was da gerechnet wird. Da fehlen uns generell einfach die Grundkenntnisse. Und zudem gibt es auch Möglichkeiten der Bearbeitung, Verarbeitung bis hin zur Manipulation von Quellen, die ganz schwer zu entdecken sind. Ich glaube, künftige Historiker werden damit ein Riesenproblem haben. Insofern ist es auch unsere Aufgabe, für künftige Historiker eine Form von Datenqualität und Datensicherung zu erarbeiten, was wir am IEG eben in NFDI4Memory als großes Projekt mit anstoßen. Das IEG koordiniert dieses Konsortium von insgesamt elf tragenden Einrichtungen mit über 80 beteiligten Institutionen und hat die Federführung sowohl bei der Antragstellung als auch bei der Sprecherrolle übernommen. Da geht es eben genau um solche Probleme, um die Frage von Datenqualität, um die Frage der Verknüpfbarkeit von Daten und der Auffindbarkeit von Daten.

Nicole Reinhardt: Eine grundsätzliche Frage, die sich stellt, ist, wie es weitergeht mit den historischen Quellen. Es gibt ja schon Leute, die sagen, dass wir quasi auf dem Weg in ein neues Mittelalter sind. Die Quellen, mit denen wir seit der frühen Neuzeit gewohnt waren zu arbeiten – ich sage nur: Korrespondenzen – existieren als solche gar nicht mehr, also nicht mehr in Papierform. Man muss sich nur überlegen, wer weiß noch etwas von seiner E-Mail-Korrespondenz von vor 15 Jahren? Die hat er oder sie wahrscheinlich gar nicht mehr. Das heißt, es fällt in Zukunft ganz viel weg an Quellen, mit denen Historiker gerne und gut gearbeitet haben, ohne dass klar ist, wie man jetzt mit den neuen Quellen arbeitet und wie man diese auch richtig bearbeiten kann. Insofern ein neues Mittelalter. Interessant sind auch die Fragen von „Fake News“, weil das ist eine ursprünglich historische Frage war, die sich zum Beispiel auch Marc Bloch schon gestellt hat, eigentlich aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs heraus, aus der Erfahrung in den Schützengräben, wo immer viele Gerüchte umgingen, aber es ganz schwer war, herauszufinden, was nun eigentlich stimmt. Marc Bloch hat diese Erfahrung dann wieder benutzt, um damit mittelalterliche Geschichte zu durchdenken. Ähnliche Fragen stellen sich jetzt noch in einer ganz anderen gesellschaftlichen Dimension. Auf den sozialen Medien werden „Fake News“ in den Schützengräben der Algorithmen verbreitet.

Johannes Paulmann: Und wo wir früher gesagt haben, wir müssen irgendwie dem gemeinen Mann und der gemeinen Frau eine Stimme geben, weil sie diese Stimme historisch nicht hatten und sich deshalb in Akten nicht groß niedergeschlagen hat, werden wir künftig noch mehr ein Problem haben, auch im globalen Kontext: Die Ungleichheiten derjenigen, die historisch in Quellen greifbar sind.

Digitalisierung in Echtzeit: Livestream einer Veranstaltung am IEG. Foto: IEG.

Das hört sich sehr danach an, dass sich gegenwärtige Probleme direkt in den Forschungsvorhaben, zu denen das IEG arbeitet, niederschlagen?

Johannes Paulmann: Also eines dieser Themen ist ganz sicher Migration als langfristiges Phänomen. Nicht als langfristiges Problem, sondern als langfristiges Phänomen, was eben nicht 2015 begonnen hat, sondern viel, viel weiter zurückreicht. Dabei geht es darum, verschiedene Arten des Umgangs mit Migration und auch die Perspektive der migrierenden Menschen mit einzubeziehen. In der Untersuchung historischer Alternativen lassen sich historische Möglichkeiten und Varianten aufzeigen als Gegensatz zu einer Alternativlosigkeit, die es angeblich gegeben hat. Das ist eine aktuelle Herausforderung, bei der historische Forschung unmittelbar von aktuellen Fragen beeinflusst wird beziehungsweise werden kann. Das Zweite ist die Diskussion über das Anthropozän, also über den Klimawandel. Die Frage „Gibt es ein Anthropozän? Warum kann man das Anthropozän nennen?“ ist für ein historisches Institut wie unseres eine Herausforderung, weil es beim Anthropozän um die ganze Welt geht. Wir sind aber ein Europainstitut. Über welchen Raum reden wir, wenn wir vom Anthropozän reden, welche Rolle spielt der Raum Europa als geographischer Raum? Wir erforschen als IEG einen Zeitraum, der manchen groß erscheinen mag, von 500 Jahren plus. Beim Anthropozän reden wir aber über 1000 Jahre, 10.000 Jahre, wie auch immer. Auch da müssen wir uns platzieren. Wir können nicht als Institut über das reden, was vor 10.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung war, aber wir müssen den Raum und den Zeitraum einordnen. Und wir haben natürlich ein Quellenproblem, weil wir potenziell eben auch nicht schriftliche Quellen haben, Artefakte oder Sedimente, und zwar Sedimente aus den 1950er Jahren oder aus dem 19. Jahrhundert, mit denen sich andere Forscher beschäftigen, die wir als Historiker, die wir traditionelle Quellen benutzen, nicht einfach ignorieren können. Ich sehe das als disziplinäre Herausforderung und als Chance, disziplinär über Textarbeiten hinaus gehende historische Arbeiten zu schreiben.

„Jede historische Frage ist im Prinzip auch eine Frage an die Gegenwart, und die Fragen an die Gegenwart generieren natürlich auch die historische Neugierde.“

Nicole Reinhardt: Die Tatsache, dass historische Forschung sich aus den Interessen und Neugierden, die die Historiker als politische Subjekte in ihrer Gegenwart haben, speist, ist ja nicht so neu. Jede historische Frage ist im Prinzip auch eine Frage an die Gegenwart, und die Fragen an die Gegenwart generieren natürlich dann auch die historische Neugierde. Als das Reformationsjubiläum und die Erfahrung der großen Migrationswelle 2015 zeitlich fast zusammenfielen, fand ich es zum Beispiel ganz erfrischend, dass ein kanadischer Forscher die Reformation als die erste Stunde der Entstehung des religiösen Flüchtlings beschrieb, eben nicht als triumphale Geschichte der Gewissensfreiheit. Das half zu erkennen, was wir da wirklich zum ersten Mal sehen, ausgelöst durch verschiedene Kriege in Europa: Flucht aus religiösen Gründen steht zum ersten Mal so richtig im Vordergrund, und das hält auch lange an, bis weit ins 18. Jahrhundert noch. Das war eine ganz interessante Umkehr der Perspektive und hat den Blick auf das Ereignis Reformation nochmal total verändert hat: Eine Fluchtbewegung in und über Europa hinaus. Einmal die Siedler, die nach Nordamerika gegangen sind, aber auch diejenigen, die ins Russische Reich oder nach Nordafrika gingen. Dieses ganze Ausgreifen der europäischen Geschichte in außereuropäische Räume, die ziemlich weit entfernt sind vom biografischen Zentrum der Fliehenden, ist zum großen Teil in genau dieser Zeit ausgelöst worden. Mindestens genauso wichtig und auch langfristig von Bedeutung ist die Frage der religiösen Verfolgung, aber auch des Sendungsbewusstseins derjenigen, die verfolgt wurden und sich anderswo ansiedelten, und wiederum deren Umgang mit dem „Anderen“.

Über Stipendien für Wissenschaftler aus Osteuropa in den 1970er und 1980er Jahren haben wir ja schon im ersten Teil unseres Interviews gesprochen. Könnt ihr nochmal erläutern, welche Stellenwert die Nachwuchsförderung und das Stipendienprogramm insgesamt für das IEG haben?

Nicole Reinhardt: Das Stipendienprogramm ist absolut zentral für das IEG. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal und eines der Fundamente des Instituts von Anfang an. Es ist auch das total Ungewöhnliche am IEG, dass es so ein Programm im Zusammenhang mit einem Forschungsinstitut gibt. Durch die Stipendien bekommt das Institut noch eine ganz andere europäische Dimension, die es so alleine gar nicht hätte. Dadurch, dass diese jungen Menschen von überall her an unser Institut kommen, aus anderen historiographischen Traditionen den jeweiligen Diskussionsstand mitbringen, diesen immer wieder aktivieren und natürlich auch für uns weiterführen, entsteht so eine Art dauerndes Fortbildungsprogramm für das Institut und seine Mitarbeitenden. Es ist für uns auch wichtig zu verstehen, aus welchen Kontexten die Stipendiatinnen und Stipendiaten argumentieren und ihre Fragestellungen entwickeln. Viele Dinge haben sie gemeinsam, da sie alle aus einer Generation sind, aber viele Dinge auch nicht. Da sind dann auch wieder nationale oder regionale Kriterien wichtig oder bestimmte disziplinäre Aspekte.

Arbeiten in der Bibliothek des IEG, Foto: IEG.

Johannes Paulmann: Vom Zugriff und vom Zeitraum, der untersucht wird, sind die Stipendiatinnen und Stipendiaten heute extrem divers, extrem breit. Am Institut haben wir Forschende, die gerade promovieren, wir haben Sich-Habilitierende und Habilitierte, und wir haben gestandene Professorinnen und Professoren, etwa etablierte Figuren, die sich als Senior Research Fellows am Institut aufhalten. Alle kommen hier im Institut miteinander ins Gespräch. Nicht gänzlich frei, das wäre eine Illusion, aber in einem wissenschaftlichen Austausch miteinander. Und für die Stipendiaten und Stipendiatinnen passiert hier auch sowas wie eine europäische Netzwerkbildung. Sie sind mindestens sechs Monate da, manchmal ein ganzes Jahr, und leben miteinander auf dem gleichen Gang, teilen sich die Küche. So werden Verbindungen und Netzwerke geschaffen, die europäisch sind. In ganz unterschiedlicher Form ist das relativ prägend für ihre berufliche und vielleicht auch persönliche Zukunft.

Nicole Reinhardt: Manche entdecken zum ersten Mal so einen europäischen Diskussionsraum, was dann ganz inspirierend ist. Eine georgische Stipendiatin hat mir erzählt, sie wünsche sich so sehr, dass es in ihrem Heimatland auch sowas gäbe: dass man immer wieder die Möglichkeit hat, auf so viele verschiedene Sichtweisen und Gesichtspunkte zurückzugreifen.

Johannes Paulmann: Sie kommen alle aus intellektuellen Bereichen, wo kluge Leute sitzen. Aber sie kommen halt aus ihrem Umfeld raus und in ein ganz anderes Umfeld rein. Das ist, glaube ich, das Entscheidende.

Von welchen Zahlen reden wir hier?

Johannes Paulmann: Insgesamt reden hier von mehr als 1750 Stipendien über die Jahrzehnte hinweg. Das Stipendienprogramm geht auf die 1950er Jahre zurück. Damals wurden sogar noch Stipendien vergeben, die über mehrere Jahre dauerten. Das ist schon seit einigen Jahren nicht mehr der Fall.

Ist es nicht erstaunlich, dass ein Institut, in dem internationale Stipendien eine so große Rolle spielen, erst dieses Jahr anfängt, ein Alumni-Treffen zu organisieren?

Johannes Paulmann: Es gab schon immer mal wieder Alumni-Treffen an internationalen Historikertagen. Diese Treffen kamen unregelmäßig zustande und sind dann wieder eingeschlafen. Wir bauen das jetzt systematisch aus.

Nicole Reinhardt: Ein Alumni-Treffen zu organisieren, ist natürlich auch mit Aufwand und Personaleinsatz verbunden, was wir so nicht leisten konnten. Wir haben das jetzt eben auch deshalb anstoßen können, weil wir Sondermittel vom Land Rheinland-Pfalz bekommen haben.

„Unser neuer Arbeitsbereich Umweltgeschichte wird in Zukunft ein wesentlicher Bestandteil des Instituts sein und neue Möglichkeiten zur Kooperation eröffnen, etwa mit den den Naturwissenschaften, insbesondere mit Biologen und Geologen.“

Was sind die Visionen für das IEG für die kommenden Jahre?

Nicole Reinhardt: Da kann ich gar nicht mehr von Vision sprechen, weil wir seit kurzem wissen, dass wir den Arbeitsbereich „europäische Umweltgeschichte“ mit sechs neuen Stellen aufbauen können. Ab 2027 wird dies der vierte Arbeitsbereich und einen wesentlichen Bestandteil des Instituts ausmachen. Das wird die Dynamik am Institut nochmal verändern. Denn der neue Arbeitsbereich wird dazu führen, dass wir unsere Prozesse und Arbeitsweisen, also die Art, wie wir zusammenarbeiten, neu gestalten müssen. Das ist sicherlich mit vielen neuen Impulsen verbunden.

Johannes Paulmann: Wir haben jetzt drei Arbeitsbereiche mit drei Leitungen, und in Zukunft werden wir dann vier Arbeitsbereiche mit vier Leitungen haben. Da muss man schauen, wie sich so ein vergrößertes Forschungsprogramm koordinieren und bespielen lässt. Was sicher in der Zukunft über die Frage der Umweltgeschichte passieren wird und was zum Teil auch schon durch den Arbeitsbereich Digitalität passiert: Wir werden mit anderen Kooperationspartnern und in anderen disziplinären Konstellationen zusammenarbeiten. Es eröffnen sich hier neue Möglichkeiten. Über die Umwelt kann man zum Beispiel mit den Naturwissenschaften, insbesondere mit Biologen und Geologen, kooperieren. Ich glaube, das wird sehr spannend werden. Wo das genau hinführt und mit wem man dann kooperieren wird, das kann man allerdings noch nicht sagen.

Vortrag beim Tag der offenen Tür im Garten des IEG, 2024. Foto: IEG.

Nicole Reinhardt: Es wird hier auch weiteres Potenzial für Transferprojekte in die Gesellschaft, in Museen und Schulen geben. Das wird in der Bedeutung zunehmen.

Johannes Paulmann: Ich glaube auch, dass dadurch eine neue Dynamik reinkommen wird, die sowohl aus dem Gegenstand herrührt, als auch aus der Art und Weise, wie der Gegenstand erforscht wird. Diese Dynamik wird nicht nur für den neuen Arbeitsbereich wichtig sein, sondern das ganze Institut mit beeinflussen.

Daten und Fakten

Die Fragen stellte Manfred Sing, Forschungskoordinator am IEG.


Titelbild: Die Direktoren des IEG, Johannes Paulmann (links) und Nicole Reinhardt (rechts). Bild: IEG, Fotografin: Barbara Mainz.

„In den 1950er Jahren war Europa eine Vision, heute ist es eine komplexe Realität“

Interview mit den Direktoren des IEG, Nicole Reinhardt und Johannes Paulmann, zum 75-jährigen Bestehen des IEG, Teil I: Rückblick

Von  Manfred Sing

Seit 75 Jahren wird in Mainz die europäische Geschichte der vergangenen fünf Jahrhunderte erforscht. Das heutige Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) ist hervorgegangen aus deutsch-französischen Historikergesprächen in Speyer nach dem Zweiten Weltkrieg und der dabei artikulierten Einsicht, dass nach dem Krieg eine neue, transnationale Geschichtsschreibung für Europa vonnöten sei. 1950 nahm das Institut seine Arbeit auf, 1952 zog es in die nach dem Krieg wieder aufgebaute Alte Universität (Domus Universitatis) ein. Im Jahre 2012 erfolgte die Aufnahme des Instituts in die Leibniz-Gemeinschaft – eine der vier großen außeruniversitären Forschungsorganisationen in Deutschland.1 Am IEG forschten bisher 168 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die insgesamt 860 Bücher und 1800 Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden zur europäischen Geschichte publiziert haben. Mit einer Festveranstaltung feiert das IEG am 6. November 2025 sein 75-jähriges Bestehen. Grund genug, um in einem Interview mit den beiden Direktoren, die das Institut mit rund 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern leiten, Bilanz zu ziehen und zugleich nach vorne zu schauen: Nicole Reinhardt, Professorin für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Religionsgeschichte, ist seit 2022 im Amt; Johannes Paulmann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte mit einem Schwerpunkt in der transnationalen Geschichte Europas, amtiert seit 2011.

Liebe Nicole, lieber Johannes, fangen wir mit einer Frage an, die sich Historiker gerne stellen: Kann man das IEG schon historisieren, oder ist es dazu noch zu früh?

Nicole Reinhardt: Wie alle menschlichen Institutionen kann und muss man das IEG historisieren, weil es wie sie einem ständigen Wandel unterworfen ist. Das ist das, was Geschichte macht.

Johannes Paulmann: Ja, kann man historisieren. Das IEG ist älter als zwei Generationen. Wenn man Generationen mit 30 Jahren rechnet, sind wir schon in der dritten Generation.

„Die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft war ein Meilenstein.“

Und wenn das IEG ein Mensch wäre, was hätte es für einen Charakter?

Nicole Reinhardt: Das ist schwierig zu sagen. Haben Menschen das ganze Leben über immer den gleichen Charakter? Sie entwickeln sich ja. Und was an Grunddisposition irgendwie eingegeben war, das hat das IEG ganz aktiv weiterentwickelt, so wie alle Menschen auch.

Johannes Paulmann: Ich würde sagen: eine gleichbleibende Dynamik. Wir sind vielleicht in einer Art von periodischer Metamorphose oder Wiedergeburt so etwa wie promovierte 30-Jährige, die jetzt wieder aufbrechen in neue Forschungen.

Das klingt eher nach Jungspund als nach Greis…

Johannes Paulmann: Also, diplomiert und promoviert sind wir seit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft. Und ab da haben wir erneut so richtig losgelegt.

Was sind denn die Meilensteine in der Geschichte des greisen Jungspunds?

Johannes Paulmann: Einen habe ich ja gerade genannt, das ist die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft 2012. Sie hat das Institut vergrößert und eine neue thematische Breite hergestellt, durch den Einschluss von Stellen zur osmanischen Geschichte, zur Islamwissenschaft, zur jüdischen Geschichte und zur Judaistik. Das ist sozusagen ein Aufbrechen des ursprünglichen Rahmens nach den 1950 benannten Abteilungen für „Abendländische Religionsgeschichte“ und „Universalgeschichte“. Diesen Rahmen haben wir faktisch mit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft hinter uns gelassen, auch wenn es jetzt länger gedauert hat, bis die Satzung angepasst wurde. Das ist sicher ein Meilenstein. Und der zweite Meilenstein, den ich sehe, ist die 2016 beantragte, seit 2019 wirksame strategische Erweiterung durch das DH Lab, also Digital History, gewesen. Das hat das Institut verändert, weil Digital History als Methode mit digitalen Werkzeugen quer liegt zu dem, was bislang gemacht wurde. Das sind die beiden Meilensteine, die ich in der jüngsten Vergangenheit sehen würde.

Nicole Reinhardt: Als zuletzt Dazugekommene würde ich das auch so sehen. Ich denke, durch die Leibniz-Gemeinschaft ist natürlich nochmal eine ganz andere Verpflichtung zur Zusammenarbeit nach innen und außen dazugekommen und damit auch ein größeres Volumen von Mitteln, aber auch von Personen und möglichen Integrationen in andere Kontexte und Horizonte, die ein Institut, das nur auf lokaler Förderung beruht, so nicht leisten kann. Das kann man ja auch sehen bei Instituten, die sowas nicht haben und durchaus tolle Arbeit machen, aber bei denen dann einfach immer so ein Deckel drauf ist, wo es dann auch aus dem Eigenen nicht mehr herausgehen kann.

Johannes Paulmann: Die Strukturen der Vernetzung sind verstärkt worden. Man muss dazu sagen, dass wir beide und das Institut insgesamt von dem Bemühen unserer Vorgänger, Heinz Duchhardt2 und Irene Dingel3, in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen zu werden, profitieren. Sie haben das vorangetrieben und waren damit erfolgreich.

Nicole Reinhardt: Sie haben diese Chance erkannt, was es für das Institut heißt, in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen zu werden, es auf ein anderes Level zu heben und über das hinaus zu bringen, was vorher schon da war.

Lässt sich das noch etwas genauer fassen, welche Veränderungen das für das Institut mit sich gebracht hat?

Johannes Paulmann: Einerseits sind wir durch die Evaluierungen alle sieben Jahren regelmäßig gezwungen, uns zu fragen: Was machen wir eigentlich? Was haben wir gemacht? Was wollen wir machen? Wo wollen wir eigentlich hin? Das ist ein Zwang, der durch die Leibniz-Gemeinschaft gegeben ist. Das ist eine Anstrengung: Das gesamte Institut muss alle sieben Jahre reflektieren. Andererseits hat uns das ein Gerüst gegeben, unsere internen Strukturen sind gefestigt worden. So um 2004 herum, da gab es keine Verwaltungsleitung, es gab außer Sekretariaten faktisch keinen wissenschaftsunterstützenden Bereich. Heute haben wir ein Referat für Öffentlichkeitsarbeit, ein Referat für Stipendienwesen und werden künftig eine administrative Direktorin haben.

„Der Prozess der Institutionalisierung ist ein Gewinn.“

Nicole Reinhardt: Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die eine gewisse Perennität haben und eben nicht mehr direkt angebunden sind an die guten und schlechten Eigenschaften der Forscherpersönlichkeiten, die das Institut jeweils leiten. Insofern ist das ein Prozess der Institutionalisierung. Institutionen haben schon noch einen eigenen Charakter, aber er ist nicht mehr so stark von den Personencharakteren abhängig, und das, würde ich sagen, ist ein Gewinn.

Johannes Paulmann: Wobei die Person natürlich immer noch eine Rolle spielt, aber die Institution ist sozusagen stabiler, gefestigter durch die Leibniz-Gemeinschaft.

Wie schlägt sich dieser Wandel auf die Zahl der Mitarbeitenden und die Anzahl der Forschungsprojekte nieder?

Johannes Paulmann: Die Zahl hat sich durch die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft vergrößert, aber auch – und das ist eine allgemeine Tendenz in der Geschichtswissenschaft und auch in den Geisteswissenschaften – durch das hohe Drittmittelaufkommen und den Erfolg in unserem Fall bei der Einwerbung von Drittmitteln. Der Kernaushalt hat sich vergrößert mit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft und mit der strategischen Erweiterung, dem DH Lab, und wird sich künftig nochmal erhöhen durch die strategische Erweiterung mit der „Europäischen Umweltgeschichte“. Aber die Zahl von zwischen 25 und 35 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das schwankt halt immer so ein bisschen, ist für ein historisches Institut recht groß und letztlich auch der erfolgreichen Drittmitteleinwerbung zu verdanken.

Nicole Reinhardt: Ein weiterer Bereich, der stärker geworden ist und auch weiterhin stärker wird, sind die Praxistransfers in die Gesellschaft, die ja auch organisiert werden müssen, also über die reine Wissenschaftskommunikation hinausgehen.

Wenn man so zurückblickt: Wie hat sich denn das Selbstverständnis im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Johannes Paulmann: Angefangen hat das IEG im Geist der Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren, das kam aus dem deutsch-französischen Kern heraus allgemein Richtung europäische Völkerverständigung. Ich würde auch sagen, in den 1970er und 1980er Jahren kam zum Selbstverständnis hinzu, die Ost-West-Spaltung zu unterlaufen, was vor allen Dingen durch Karl Otmar von Aretin4 geleistet worden ist, nämlich über das Stipendienwesen, indem er relativ viele osteuropäische Stipendiatinnen und Stipendiaten für längere Aufenthalte hierher eingeladen hat. Seit ich da bin, gehört zum Selbstverständnis auch mit dazu, dass Europa nicht mehr als Container und abgeschlossene Einheit ähnlich wie ein übergroßer National-Container gesehen wird, sondern dass Europa in seinen vielfältigen Weltbeziehungen untersucht wird. Nicht in jedem Projekt, aber in sehr vielen Projekten. Wir haben in den letzten Jahrzehnten ein anderes Europaverständnis.

„Wer gehört zu Europa und wer nicht? Wo ist die Grenze, gerade auch im Osten? Und was für ein Europa soll das sein? Ein Europa der Nationalstaaten oder ein Europa der Werte?“

Nicole Reinhardt: Vielleicht auch ein problematisierteres Europaverständnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg, und das hängt natürlich stark mit der deutschen Geschichte zusammen, war Europa die Chance, die Ursünden von Nationalismus zu überwinden, und auch ein Versprechen, dass es damit aufgehen könnte. Jetzt gibt es, natürlich auch nach dem Fall der Mauer, sehr viel stärker ein postkoloniales Verständnis von Europa als Problem für Europa selber, aber auch für die Welt. Denn sehr viel klarer treten ganz viele Konflikte und Ungerechtigkeiten zu Tage, die vorher quasi hinter dem Eisernen Vorhang verdeckt waren, die jetzt aber alle nach und nach aufbrechen, was wir jetzt auch sehen, etwa in der Ukraine. Sie werfen eben viele Fragen nochmal neu auf. Wer gehört zu Europa dazu und wer nicht? Wo ist da die Grenze, gerade auch im Osten? Was soll das heißen, wenn man dazugehört, was für ein Europa soll das sein? Ein Europa der Nationalstaaten oder ein Europa der Werte? Ich glaube, es ist jetzt alles nochmal viel problematischer geworden nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, auch die Idee, Europa unreflektiert als Modell zu nehmen oder zu denken, man könne A und B aus der europäischen Geschichte lernen. Man kann viele Dinge lernen, aber sie sind komplexer geworden, und der Europabegriff ist schwieriger geworden.

Oben: Mainz Innenstadt, Herbst 1947, Foto: Stadtarchiv Mainz. Rechts: Ausschnitt aus „Wiederaufbau der Domus Universitatis, Strassenseite 20.10.1951“, Foto: Universitätsarchiv Mainz.

Links: Domus Universitatis (südliches Portal), vor 1952, Foto: Universitätsarchiv Mainz.
Rechts: Gruppenphoto im Jahr 2019, Foto: IEG.

Johannes Paulmann: Ich würde sagen, in den 1950er Jahren und lange danach war Europa eine Vision, und jetzt ist es so etwas wie eine komplexe Realität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen…

Nicole Reinhardt: …und ein Problem.

Johannes Paulmann: Was sich sicher auch gewandelt hat, ist die Beschäftigung mit Religion am Institut. Anfangs war eine christlich-kirchliche Religionsbeschäftigung zu Grunde gelegt. Das hat sich komplett gewandelt. Heute existiert ein ganz anderes Selbstverständnis des Instituts, das mit den letzten Direktoren einsetzte.

Nicole Reinhardt: Das ist ja die Eigenartigkeit, dass ein Institut gegründet worden ist, das die europäische Geschichte erforscht und in dem anfangs eine der zwei Professuren eine theologische war. Nun ist ja der Anspruch von Theologie und Geschichte nicht genau der gleiche, auch wenn es in der Theologie Abteilungen gibt, die natürlich historischer Natur sind, so sind sie aber immer noch in eine Heilsgeschichte eingeschrieben. Selbst wenn man das jetzt addiert und verschiedene Religionen hinzunimmt, bliebe das immer noch quasi unter dem theologischen Paradigma, es wäre wahrscheinlich keine unbedingt historische Herangehensweise. Es ist ein Unterschied, ob man Religion religionsgeschichtlich oder kirchengeschichtlich auffasst. Und da stellt man dann auch fest, dass die Vorstellung, dass Religionsgeschichte in Kirchengeschichte aufgeht, eine sehr europäische ist und nicht einmal eine europäische, sondern eine ganz stark christliche. Da zeigt sich so ein Kurzschluss im Verständnis europäischer Geschichte als Christentumsgeschichte, was sie aber nicht ist, historisch nie gewesen ist, was aber natürlich auch im Europabegriff verschwimmt, bei dem historisch quasi schon die Konfessionalisierung eingeschrieben ist, was wiederum eine sehr deutsche Vorstellung ist von Europa. Ich glaube, das ist jetzt am IEG ein bisschen aufgelöst worden. Es ist natürlich immer Platz auch für theologische Expertise, aber wir sind ein historisches Forschungsinstitut, und ich denke, das ist jetzt nochmal stärker akzentuiert worden.

Treppenhaus des IEG. Foto: IEG.

Ihr habt es schon angedeutet, aber ich wollte trotzdem nochmal nachfragen: Wie hat sich die Veränderung des internationalen Kontextes in den vergangenen Jahrzehnten auf die Arbeit des IEG ausgewirkt? Könnt Ihr auf den Wandel noch etwas näher eingehen?

Johannes Paulmann: Wenn ich auf meine eigene Erfahrung zurückblicke, so kann ich sagen, dass die Forschungslandschaft, wenn man das so bezeichnen möchte, viel stärker europäisiert und pluraler geworden ist. Als ich als Direktor hier angefangen habe, war ich bis dahin zwar im akademischen Europa schon etwas herumgekommen. Plötzlich war ich dann aber an Orten akademisch unterwegs, an die ich nicht gedacht hätte. Ja, ich habe mehrere Jahre im Ausland gearbeitet, hatte Gastprofessuren hier und da, aber durch meine Tätigkeit als Direktor wurde mir plötzlich klar: es gibt sowas wie eine europäische Forschungslandschaft. Die ist immer personengebunden und hängt an Institutionen und ist nicht gleichbleibend. Aber das war für mich eine neue Erfahrung, und das sieht man ja auch an den wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die am Institut sind. Auch da hat sich das Institut ganz deutlich geändert. Wir haben Leute aus verschiedenen europäischen und nicht-europäischen Ländern, die jetzt ein Stück ihrer wissenschaftlichen Karriere hier verbringen. Das ist jetzt vielleicht nicht so übermäßig plural, wie man sich das vorstellen würde, aber doch in den letzten zehn, 15 Jahren deutlich pluraler geworden, nicht nur von den Inhalten her, sondern auch von den Personen. Daran würde ich die Erfahrung des Europäischen in der akademischen Welt festmachen. Da erfüllt das Institut aus meiner Sicht seinen europäischen Auftrag, besonders wenn es kooperiert. Man kann europäische Geschichte nie ganz abdecken, weil das nicht geht mit dem Personal, das wir haben oder das man haben müsste – man hätte noch 100 Leute mehr einstellen müssen. Der Witz ist aber, dass man europäische Geschichte betreiben kann, wenn wir sie nicht allein, sondern in Kooperation betreiben.

„Das Institut ist natürlich eine tolle Plattform, weil man da vieles von dem sehen kann, was international und europäisch passiert – auch über die Stipendiaten und Stipendiatinnen, die ans Haus kommen.“

Nicole Reinhardt: Ich denke auch, dass sich die Landschaft pluralisiert hat, denke aber auch, dass sich der Status der deutschen Geschichtswissenschaft in Europa verändert hat. Als ich Studentin in Heidelberg und Freiburg war, war für mich als junge werdende Historikerin, die mit der deutschen Nationalgeschichtsschreibung nix anfangen konnte, das Refugium eigentlich die französische und italienische Geschichtswissenschaft. Nicht deren Geschichte, aber deren Geschichtswissenschaft und Horizonte, weil die methodisch anders gearbeitet haben, die Annales-Schule oder Braudel mit seiner Méditerranée.5 Es war für mich grundlegend, dass Geschichte, ganz besonders bei Braudel, nicht nur eine europäische Geschichte war, sondern eine Geschichte, die über dieses europäische Mittelmeer hinaus ging nach Nordafrika und in die Levante rein, also wo ich mich auf einmal zu Hause gefühlt habe. Das hat mit mir zu tun, hat mit dem Zustand der damaligen deutschen Geschichtswissenschaft zu tun, und insofern war für mich die französische Geschichtswissenschaft methodisch ganz lang die neue Heimat. Dazu kam dann die italienische Geschichtswissenschaft für mich, die ganz anders unterwegs war. Die französische Annales-Geschichte war ja die Vorform der Digitalisierung, die hat diese Massenquellen verarbeitet, also alle Testamente mit den ersten Computern verarbeitet und daraus dann sozial- und kulturgeschichtliche Schlüsse gezogen, was ich spannend fand. Italienische Geschichte umgekehrt: die haben aus der Reichhaltigkeit der Archive diese Mikro-Geschichte, diesen Mikroblick gemacht. Dazu kam ich dann mit meiner eigenen deutschen Vorformatierung, die jetzt eher soziologischer Natur war, obwohl ich das nie studiert habe. Über die Geschichte der Modernisierung und Sozialtheorien habe ich mich der europäischen Geschichte genähert, Nationalgeschichte wollte ich nie schreiben. Diese Landschaft hat sich verändert. Früher waren bei anderen europäischen Historikern Sprachkenntnisse des Deutschen viel weiter verbreitet. Es gab einen starken Dialog zwischen deutschen Historikern – es waren meistens Historiker, nicht Historikerinnen – und Historikern im Ausland, die noch Deutsch konnten und deutsche Historiker gelesen haben, die wiederum Französisch und Italienisch gelesen haben, natürlich auch Englisch, und so auch kommuniziert haben. Es ist jetzt schwierig geworden, Partner im Ausland zu finden, die noch Deutsch lesen können. Insofern hat sich die Position der deutschen Geschichtswissenschaft enorm verändert. Auf der anderen Seite gibt es sehr viel mehr junge Historikerinnen und Historiker, die eine internationale oder europäische Formation hinter sich haben und die mit all diesen neuen Geschichtswissenschaften auch kommunizieren können. Ich meine, es ist ja noch viel unübersichtlicher geworden, weil noch nicht klar ist, wie zum Beispiel Osteuropa unser Verständnis von Geschichte noch mal verändert oder ob es noch immer gewisse methodische Zentren und Fixpunkte gibt, die eine Ausstrahlungskraft haben. Ich sehe zum Beispiel in der spanischen Geschichtsschreibung und auch in der portugiesischen zum Teil, dass das Modell Annales immer noch extrem stark ist, was natürlich auch etwas mit der sprachlichen Nähe zu tun. Das wäre interessant, sich zu überlegen, wie sich der veränderte Status der verschiedenen Geschichtswissenschaften insgesamt auswirkt. Dafür ist das Institut natürlich eine tolle Plattform, weil man da vieles von dem sehen kann, was international und europäisch passiert – auch über die Stipendiaten und Stipendiatinnen, die ans Haus kommen.

Johannes Paulmann: Bei mir war es im Wesentlichen auch eine westeuropäische Orientierung, aber nach England hin. Rein deutsche Geschichte habe ich lange nicht betrieben, also weder in meiner Promotion noch in meiner Habilitation. Und die Erfahrung in England war zum einen eine Erfahrung mit einer anderen Nationalgeschichte, dann auch mit einem Thema, das übergreifend funktioniert, nämlich mit sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Themen. In den 1970er Jahren und 1980er Jahren war es das Paradigma, sich sozial- und wirtschaftsgeschichtlich zu bewegen, als der Zugang überhaupt zur Geschichte. Eine Erfahrung in Großbritannien war, dass es dort, jenseits der britischen Geschichte, die mich in meiner Promotion interessiert hatte, für eigentlich jedes Land irgendeinen herausragenden Experten gab. Was in Deutschland nicht in der gleichen Art und Weise der Fall war. Nicht, dass es nicht auch Experten gegeben hätte, aber eben nicht das Gebündelte sozusagen. Für mich war der Austausch am DHI London mit Kolleginnen und Kollegen in Großbritannien, die sich mit Deutschland beschäftigten, ganz wichtig. Das waren damals eben nicht Deutsche, und dadurch bekam ich einen anderen Blick auf die deutsche Geschichte, den ich natürlich so im Studium nicht mitgekriegt hatte. Da hörte ich eine Vorlesung, interessierte mich, las ein Buch über den NS oder die Bundesrepublik. Aber eine Perspektive von Leuten zu kriegen, die nicht in dieser nationalen, akademischen, deutschen Welt aufgewachsen sind und von außen auf Deutschland gucken, hat auch nochmal mein Bild, meine Perspektive und die Möglichkeit verändert, Geschichte anders zu denken, auch deutsche Geschichte anders zu denken. Ich glaube, das ist eine ziemlich wichtige Erfahrung gewesen.

Seitenansicht auf Domus Universitatis, Foto: IEG.

Nicole Reinhardt: Das würde ich total unterstreichen. Das erste Mal, wo ich das Gefühl hatte, ich verstehe endlich, was in der deutschen Geschichte los ist, war durch einen französischen Historiker. Ich habe es vorher nicht verstanden, es war mir nicht klar, und es wurde mir nicht klar gemacht, hat sich auch keiner bemüht. Aber weil der Franzose auch solche Schwierigkeiten hatte, es selber zu verstehen, war er in der Lage, die Komplexität, aber auch das Interessante an der deutschen Geschichte mir klar zu machen. Das war sozusagen eine europäische Sache. Insofern hilft es, wie ich immer sage, wenn man, selbst wenn man lokale Geschichte betreibt, einfach mal herauszutreten und dann nochmal von außen draufzuschauen.

Zurück zum IEG: Was sind Highlights in der Forschung aus den letzten Jahrzehnten?

Johannes Paulmann: Das Institut hat in den 75 Jahren in verschiedenen Bereichen Wichtiges beigetragen. Das trifft sicher auf die Kirchengeschichte zu, das trifft auf meinen Vorgänger zu, der vor allem zur Geschichte der Diplomatie forschte. Zwei Dinge würde ich hervorheben: Wir haben die Geschichte des Humanitarismus im 19. und 20. Jahrhundert erforscht. Das war insofern eine Leistung, weil wir ein Feld eröffneten, das es vorher so nicht gab. Wir konnten es machen, weil wir eine Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hause hatten und weil wir kooperiert haben mit Oxford und Exeter und mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Es gab dabei auch einen Anwendungsbezug und einen Bezug zur Praxis. Durch unsere Global Humanitarianism Research Academy wurden über 60 Promovierende in ein Netzwerk eingebunden. Da hat das Institut für eine bestimmte Zeit etwas angestiftet und ein Thema gesetzt. Entstanden sind dabei unter anderem auch drei Habilitationen am IEG. Als zweites möchte ich EGO – Europäische Geschichte Online nennen. Auf dem Portal sind Fachartikel zu einer transnationalen Geschichte Europas versammelt. Das ist zwar nicht im engeren Sinne eigene Forschung des Instituts, aber als Medium war es eine Pionierleistung. Mitte der 2000er Jahre war ich deswegen das erste Mal hier am Institut, lange bevor ich daran dachte, mich hier zu bewerben. Der überwiegende Teil der Artikel wurde für EGO ganz neu geschrieben, dadurch wurde auch Forschung angestoßen. Über 300 Artikel in deutscher und englischer Sprache sind inzwischen erschienen. Für das Institut ist das eine wichtige Leistung, und durch EGO geschah auch das sichtbare Aufbrechen des Nationalen. Es wird nach wie vor von vielen genutzt.

Nicole Reinhardt: Die Religionsfriedensforschung von Irene Dingel finde ich auch ganz wichtig. Dafür ist das Institut weithin bekannt, weil diese Forschung zum Teil auch mit Editionsprojekten verbunden ist, die Standards gesetzt haben.

Johannes Paulmann: Die Frage von Frieden und Diplomatie kam ja von Heinz Duchhardt und war durchaus weltlich gedacht, als Frieden zwischen Staaten. Dass daraus dann die Religionsfrieden als eine besondere Form der Friedensstiftung wurden, zeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Abteilungen funktioniert hat.

Nicole Reinhardt: Letztlich hat diese Forschung auch zum 2025 abgeschlossenen RETOPEA-Projekt über „Religious Toleration and Peace“ geführt. Das war dezidiert europäisch und anwendungsbezogen, für Schulen und Jugendliche, angelegt und hat das historische und gegenwärtige Verhältnis zwischen Religionen und Gesellschaften reflektiert.

Zeitleiste

Die Fragen stellte Manfred Sing, Forschungskoordinator am IEG.


Titelbild: Die Direktoren des IEG, Johannes Paulmann (links) und Nicole Reinhardt (rechts). Bild: IEG, Fotografin: Barbara Mainz.

Anhang

  1. Der Leibniz-Gemeinschaft gehören mehr als 20 historisch arbeitende Forschungseinrichtungen an. Die anderen drei großen außeruniversitären Forschungsorganisationen in Deutschland sind die Max-Planck-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft und die Fraunhofer-Gesellschaft. ↩︎
  2. Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit in Bayreuth und Münster und Direktor des IEG, Abteilung für Universalgeschichte, von 1994 bis 2011. ↩︎
  3. Professorin für Historische Theologie und für Kirchen- und Dogmengeschichte sowie Direktorin des IEG, Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte, von 2005 bis 2022. ↩︎
  4. Professor für Zeitgeschichte und Direktor des IEG, Abteilung für Universalgeschichte, von 1968 bis 1994. ↩︎
  5. Fernand Braudel: La méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II, Paris 1949, dt. Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. (übersetzt von Günter Seib), 3 Bände, Frankfurt am Main 1990. ↩︎

Percy Latzke: „Es wird nie einen Roboter geben, der alle Arbeiten macht, die ich ausübe“

Der Hausmeister am IEG erklärt im Interview, was ihm an seinem Job gefällt.

Von Manfred Sing

Percy Latzke arbeitet seit 2019 als Hausmeister am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG); an seiner Tür steht, dass er für „Liegenschaften und inneren Dienst“ zuständig ist. Was andernorts oft „Facility Manager“ heißt, bedeutet eigentlich „Mädchen für alles“, wie er selber mit einem Lachen sagt. Vor seiner Zeit am IEG hat er mit ähnlichem Tätigkeitsprofil bei verschiedenen Unternehmen gearbeitet. Er erledigt viele Arbeiten, die nach außen hin unsichtbar bleiben, aber grundlegend dafür sind, dass eine Einrichtung, die vorwiegend Forschungsergebnisse veröffentlicht, funktioniert. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen und wollen von ihm wissen, wie es für ihn ist, an einem historischen Institut zu arbeiten: Welche Veränderungen brachte das mit sich, welche Erfahrungen macht er, und wie sieht er die Zukunft? Vor dem Interview räumt er noch schnell einige Pakete beiseite, damit genug Platz für den Interviewer ist.

Percy, das sieht hier alles sehr geschäftig in deinem Büro aus. Was hast Du denn heute schon alles erledigt?

Heute Morgen habe ich mich schon um einen defekten Drucker gekümmert, der hat mal wieder gesponnen. Dann war ich im DvI,1 Pakete-Abholen und -Hinbringen. Dabei habe ich mir die Arbeiten der Glasreiniger angeschaut.

Und, bist Du zufrieden damit?

Die haben sehr gute Arbeit geleistet, und es macht Spaß mit denen zusammenzuarbeiten. Du guckst mal drüber, kontrollierst aber jetzt nicht jedes Fenster, weil du einfach weißt, dass sie machen, was abgesprochen wurde.

Was steht sonst noch an?

Gerade eben habe ich hier diese 30-Punkte-Liste von Frau Diegmüller [der administrativen Leiterin, M.S] erhalten. Sie hat gemeint, ich soll das halt nach und nach abarbeiten. Ja, hier ist es immer mal mehr oder weniger rasant. Da hakt ein Schloss, dort sind die Leuchtmittel defekt, die tausche ich dann schnell selber aus. Unten im Keller kontrolliere ich Trockner und Waschmaschinen, oben in der Küche ist vielleicht etwas defekt, das repariere ich dann, kurz mal den Siphon am Waschbecken auf- und wieder zuschrauben. Gestern habe ich den kompletten Rasen gemäht, so zwischendurch, und die Büsche zurückgeschnitten, damit alles wieder schick aussieht. Ansonsten tätige ich die ganzen Einkäufe vom WC-Bereich bis zum Druckerpapier und erledige alles, angefangen beim Angebote-Einholen wie jetzt bei den Glasreinigern.

Magst du diese Abwechslung oder würdest du lieber fokussierter arbeiten?

Dieses Abwechslungsreiche ist das, was mir Spaß macht. Wenn ich so dieses Monotone hätte, nur am Schreibtisch sitzen und Excel-Dateien erstellen, das wäre nichts für mich. Ich versuche halt, zeitlich alles unter einen Hut zu bringen. Da ich alleine in meinem Bereich bin, kann ich mir die Aufgaben für meinen Rhythmus einteilen und selber entscheiden, was dringend ist und jetzt gemacht werden muss und was noch zwei, drei Tage warten kann.

„Wir hier unten halten die kleinen Rädchen am Laufen, damit oben an den großen gedreht werden kann.“

Als Du hier angefangen hast, hast Du dir darüber Gedanken gemacht, dass Du mit dieser hohen Wissenschaftler:innen-Dichte zu tun haben wirst? Gab es so etwas wie Muffensausen davor, und wann hat es sich gelegt?

Am Anfang war vieles Neuland für mich, klar, weil ich aus der freien Marktwirtschaft kam. Aber Muffensausen oder so gab’s gar nicht. Ich bin ein sehr offener und kommunikativer Mensch und habe keine Probleme damit, auf jeden Menschen zuzugehen, ob er jetzt einen Doktortitel hat oder was auch immer. Ich bin halt so jemand und wurde so erzogen im Endeffekt. Der Mensch ist mir wichtig, nicht der Titel. Ich hatte nie Berührungsängste, auch nicht zu den Professoren. Mit allen Wissenschaftlern komme ich gut aus, mit den meisten bin ich sogar per Du. Ich würde auch sagen, dass ich von den Mitarbeitern hier gut akzeptiert bin. Die wissen, was ich kann und was ich nicht kann. Wir hier unten im Erdgeschoß [in der Verwaltung, M.S.] halten die kleinen Rädchen am Laufen, damit oben an den großen gedreht werden kann.

Wenn ich mal für die Technik im Konferenzraum verantwortlich bin, habe ich immer Sorge, dass irgendetwas nicht klappt. Wenn so ein studiertes Dummerchen wie ich ankommt und sagt, Mensch, Percy, hilf mir, ich kriege den Beamer nicht an, was denkst Du dir dann?

Das sehe ich gar nicht als schlimm an. Jeder hat sein Gebiet, und gerade als Wissenschaftler hier am Institut hat man in seinem Kopf andere Gedanken, als sich auch noch um die Technik zu kümmern. Das ist ja mein Aufgabenbereich, dafür bin ich da. Natürlich sind viele unterschiedliche Leute an den Geräten, und manchmal stehe ich auch da und denke mir, okay, warum ist das jetzt schon wieder? Manchmal geht auch einfach etwas kaputt. Das sehe ich entspannt: Technik ist Technik.

Und wenn Du das IEG mit deinen früheren Arbeitsstellen vergleichst: Welchen Unterschied macht das für dich?

Gar keinen. Ich habe auch mal zwei Jahre für eine Bank gearbeitet, das war noch mal ein ganz anderes Klientel, weil sie bei den anderen Menschen so rüberkamen, als wären sie etwas Besseres, weil sie jeden Tag so viel Geld von A nach B geschoben haben. Für mich ist Mensch Mensch. Was jetzt anders ist, ist, dass ich immer eine Freigabe brauche, wenn ich etwas bestelle. Das hatte ich früher nie. Wenn ich Material für 5.000 oder 10.000 Euro bestellt habe, musste ich nicht groß fragen. Das war für mich hier am Anfang schon ungewohnt, und ich hatte es nicht immer gleich auf meinem Schirm, dass ich jedes Mal mit der Bitte um Freigabe nachfragen musste, wenn ich etwas brauchte.

Ist dir die Entscheidung für den öffentlichen Dienst leichtgefallen?

Letztlich schon, ich habe mich bewusst für Stabilität entschieden. Man verdient generell etwas weniger als in der freien Wirtschaft, aber dafür muss ich mir keine Sorgen um die Zukunft machen. Als ich mich hier beworben habe, hatte ich auch ein Angebot aus der Privatwirtschaft mit Dienstwagen und Pipapo. Das wäre aber jeden Tag mit dem Ärger beim Pendeln nach Frankfurt verbunden gewesen. So fahre ich morgens entspannt mit dem Rad zur Arbeit und genieße es.

Was mir gut gefallen hat, ist das Klapp-Ding, das Du für die Präsentation unserer Forschungsprojekte auf dem Mainzer Wissenschaftsmarkt gebastelt hast…

Das Holzklappwerk. Genau, ich weiß auch nicht, wie man das bezeichnen soll.

Percy Latzke legt auf dem Wissenschaftsmarkt an die Präsentationstafel letzte Hand an, unterstützt von Juliane Schwoch, der Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. © IEG Mainz.

„Das Schreiner-Handwerk habe ich von der Pike auf gelernt.“

Das ist ein echter Hingucker und eine haptische Erfahrung. Sogar Wissenschaftsminister Clemens Hoch hat sich bei seiner Runde die Zeit genommen, es genauer zu inspizieren. Es ist wie eine Art hölzerner Weihnachtskalender mit 18 Türchen. Auf den Türen ist jeweils ein Figürchen oder ein Bild montiert, so dass man raten kann, um was es geht. Wenn man dann die Klappe öffnet, findet sich ein Erklär-Text. Eine Türe hat sogar Soundeffekt. Man merkt allein schon daran, dass das Holz so angenehm anzufassen ist, dass das jemand gemacht hat, der Ahnung von der Materie hat. War es schwierig herzustellen?

Nicht so, Holzarbeiten haben mir schon immer viel Spaß gemacht. Ich bin Handwerker, das ist mein Fachgebiet. Und das Schreiner-Handwerk habe ich von der Pike auf gelernt, in Mainz-Weisenau. Ich habe damals auch noch gelernt, wie man Särge baut und auskleidet und die Griffe dransetzt. Das macht heute auch fast kein Schreiner mehr selber. Nach der Lehre habe ich in einem Karosseriewerk in Groß-Gerau gearbeitet. Wir haben innen die Ausbauten und Holzarbeiten für Sondereinsatzfahrzeuge gemacht, zum Beispiel für die indonesische Polizei. Das waren teilweise schon ganz wilde Sachen, die wir gebaut haben. Das hätte ich gerne länger gemacht, aber das ging damals leider nicht weiter.

Wissenschaftsminister Clemens Hoch (Mitte) inspiziert die Tafel, begleitet von IEG-Mitarbeiterin Frauke Pielhau und IEG-Direktor Johannes Paulmann. © IEG Mainz.

Was sind für dich Highlights aus deiner bisherigen Zeit am IEG?

Seitdem ich hier angefangen habe, hat sich vieles verändert. Wenn wir allein unten im Kellerbereich anfangen: vieles wurde aufgeräumt, die Wände gestrichen, der Waschraum neu gemacht. Vorher hatten wir bei schlechtem Wetter sogar immer wieder mit Wasser im Keller zu kämpfen. Das Problem habe ich abschaffen lassen. Da bin ich auch ein bisschen stolz darauf, dass ich solche Sachen in die Wege geleitet habe und auch sehr gutes Feedback dafür bekommen habe.

Ich erinnere mich, dass Du einmal bei mir im Büro vorbeigekommen bist und nur kurz einen Blick in den Nebenraum geworfen hast und gleich bemerkt hast, dass sich da ein kleiner, dunkler Fleck gebildet hatte: Wasserschaden. Wenn du nicht zufälligerweise reingeschaut hättest, hätte das wohl keiner bemerkt, und es wäre noch viel schlimmer geworden.

Das kommt einfach daher, dass ich aus dem Handwerk komme. Wenn ich bei Leuten zu Hause bin, dann fallen mir direkt viele Sachen auf: dass eine Tür nicht richtig gesetzt oder die Sockelleiste falsch angeschnitten ist oder die Schranktür nicht richtig hängt. Dieser Blick ist automatisch. Ich kann nicht einfach in einen Raum reingehen und keinen Blick nach links, rechts, oben, unten werfen. Das kommt durch mein Schreinerleben davor und ist das, was mir Spaß macht und wo ich mich gut auskenne. Wenn ich jetzt Möbelstücke bestelle, muss ich mir meistens auch keine Anleitung durchlesen, das ist bei mir einfach schon im Kopf drin: Die Schraube gehört einfach dahin, und das muss so zusammengeschraubt werden. Erst letzte Woche habe ich ratzfatz 23 neue Bürostühle für unsere Stipendiaten zusammengebaut. Ich kann viele Sachen reparieren und lerne gerne Neues dazu, weil ich wissbegierig bin. Zum Beispiel könnte ich dir eine Steckdose oder einen Lichtschalter wechseln. Aber hier am Institut darf ich das nicht, weil ich nicht Elektriker gelernt habe.

Da fehlt dir dann das entsprechende Papier?

Genau, da gibt es ganz klare Vorschriften.

Du bist auch für das Wohnheim der Stipendiatinnen und Stipendiaten und für zwei Gäste-Wohnungen zuständig. Wie kommst Du mit der internationalen Atmosphäre zurecht?

Ich habe mein ganz normales Schulenglisch, da mache ich keinen Hehl draus. Um sich normal zu unterhalten, reicht es auf jeden Fall aus, auch wenn mir vielleicht manche Wörter nicht direkt einfallen. Wie gesagt, beim Unterhalten habe ich keine Scheu.

Da hast Du auch viel mit jüngeren Leuten zu tun. Treffen da manchmal auch unterschiedliche Vorstellungen aufeinander?

Das wäre ja gelogen, wenn das nicht so wäre. Hier ist schon einmal ein Schreibtisch kaputt gegangen, weil jemand gemeint hat, sie müsse sich da drauf stellen und von sich aus die Fenster putzen. So Sachen erlebt man schon. Im Allgemeinen läuft es aber gut. Die Leute, die hierher anreisen, sollen sich wohl fühlen und in einer Umgebung arbeiten, in der sie sich willkommen und zu Hause fühlen. Auf die Wünsche, die an uns herangetragen werden, gehen wir immer ein, auch wenn nicht alles machbar ist. Hier unten haben wir wirklich ein gutes Team dafür beisammen und fragen uns ständig, jede Woche, was wir für unsere Gäste verbessern können und wie wir den Aufenthalt für alle angenehmer machen können. Mir ist wichtig, dass die Sachen, die dem Institut gehören, pfleglich behandelt werden und dass man sich an die allgemeinen Verhaltensregeln hält, was die allermeisten Gäste auch tun; also, dass man Räume, ob Küche oder Bad, so verlässt, wie man sie vorgefunden hat. Alles andere interessiert mich nicht, ob da jetzt einer Bücher bis zum Geht-Nicht-Mehr in seinem Zimmer stapelt oder sonst irgendein Chaos veranstaltet. Ich denke mir nur manchmal, so könnte ich nicht arbeiten, aber das muss jeder für sich selber wissen.

Wie würdest Du deinen eigenen Arbeitsstil und das Stresslevel bei der Arbeit beschreiben?

Es gibt hier schon viele Stressmomente, aber auch mal ruhigere Zeiten. Jeder geht mit Stress anders um. Ich bin gut organisiert, das hilft. Auf meinem Schreibtisch, das sieht man ja, liegen mehrere Post-It-Zettel rum, wo überall was draufgeschrieben ist. Das ist meine Struktur, damit bei mir nichts vergessen wird. Andere schreiben sich das vielleicht im PC in den Kalender, damit irgendwas aufpoppt. Aber ich bin halt noch einer von der alten Schule, der wirklich von dieser Zettelwirtschaft lebt. Mir ist wichtig, dass ich alles im Blick habe, was ich die Woche über noch zu erledigen habe.

„Durch mein Schreinerleben habe ich schon einiges wegstecken müssen.“

Gibt es Dinge, auf die Du keine Lust mehr hast, oder Dinge, bei denen Du froh bist, dass Du sie nicht machen musst?

Als ich hier angefangen habe, hatten wir für die Stipendiaten jede Woche Handtuch-Wechsel und alle zwei Wochen Bettwäsche-Wechsel. Das musste ich alles einsammeln und waschen. Nicht dass ich mir zu fein dafür bin, ich habe sechs Jahre lange mitgeputzt, ich weiß, wovon ich rede. Aber das ist eine Zeit, in der ich sinnvollere Dinge erledigen kann. Wir haben den Handtuch- und den Bettwäsche-Wechsel inzwischen abgeschafft. Das können die Gäste für sich selber übernehmen. Dass ich das nicht mehr machen muss, hat mich wirklich glücklich gemacht.

Dein Job ist auch körperlich anstrengend. Merkst Du das manchmal?

Ich muss manchmal schon schwere Schränke verschieben und häufig Büros umräumen. Durch mein Schreinerleben hatte ich auch schon mehrere Bandscheibenvorfälle, da habe ich schon einiges wegstecken müssen. Aber alles okay, ich musste mich keiner OP unterziehen, weil ich das mit gewissen Übungen hinkriege. Das, was ich mir wirklich zutrauen kann, das mache ich, aber ich würde mich nie selber überschätzen. Wenn ich Hilfe brauche, dann würde ich immer Bescheid geben.

Schnappst Du auch ein bisschen was von Geschichte oder Geschichtswissenschaft auf?

Nein, dazu fehlt mir die Zeit, um mich damit intensiver zu beschäftigen. Aber ich bin ehrlich, ich bin auch keine Leseratte. Ich bin auch zu Hause oder im Urlaub überhaupt keiner, der ein Buch in die Hand nimmt. Früher mal, in der Kindheit, habe ich ein Buch von Heinz Erhardt geliebt, das konnte ich irgendwann auswendig und habe damit meine Eltern genervt.

„Dieses historische Haus ist für mich als Handwerker ein Highlight.“

Aber Interesse an Geschichte generell hast du schon, oder?

Oh ja, ich identifiziere mich natürlich mit dem Institut, gerade dieses historische Haus, was wir hier haben, das ist für mich als Handwerker ein Highlight.

Das wirkt so, als ob Du richtig mit dem Haus mitfühlst, wenn etwas nicht funktioniert. Stimmt das?

Drüben bei den Journalisten2 hatten wir diese alten Türen, und wegen Brandschutz mussten die dann mit Rigipsplatten zugemacht werden. Da stand ich als Schreiner davor und habe gesagt: Liebe Leute, das ist doch nicht euer Ernst! Ihr könnt doch nicht so schöne alte historische Türen, die ja auch Geschichten erzählen, zubauen. So etwas tut mir wirklich in der Seele weh. Natürlich gibt es Vorschriften, aber ich denke mir, gerade bei so historischen Häusern müssten gewisse Leute einfach mal über ihren Schatten springen. Gleichzeitig sage ich mir: wer hat schon einen Arbeitsplatz mitten in der Innenstadt mit einem schönen Garten dabei und kann von einigen Etagen einen tollen Blick auf den Dom genießen? Wenn im Sommer Sonnenaufgang ist, habe ich schon oft tolle Fotos geschossen. Das ist ein bisschen meine Leidenschaft. Morgens im Haus sein, wenn noch keiner da ist und alles ruhig ist und dann einfach mal so den Blick nach draußen schweifen lassen.

Woher kommt die Leidenschaft fürs Fotografieren?

Das kam irgendwann, weil mich die ganze Tierwelt interessiert. Da braucht nur zum Beispiel eine Hummel zu sein, die auf einer Blüte sitzt. Dann versuche ich, so nah ran zu kommen wie möglich, damit man dann wirklich jedes Härchen und den Blütenstaub sieht. Das fasziniert mich: wenn ich tolle Motive sehe, wie jetzt, als in Berlin war, alte Häuser oder Haustüren, also mehr das ein bisschen Verranzte, nicht dieses Schicke, sondern etwas, wo man sieht: da wird gelebt!

Fotografierst Du mit Kamera?

Nein, mit Handy, die Dinger sind mittlerweile unglaublich gut und einfach praktischer. Die Fotoausrüstung liegt meistens ungenutzt zu Hause herum.

Beim letzten Kreppelkaffee3 hast Du uns alle mit einer Tanzeinlage überrascht. Schlummern da noch mehr versteckte Talente?

Shuffle nennt sich das. Meine Tochter, sie ist jetzt 21, kann das auch, und manchmal im Urlaub tanzen wir gemeinsam, Vater und Tochter. In meiner Jugend habe ich tatsächlich einen Tanzkurs gemacht und dann in einer Tanzschule in Rüsselsheim mit der Tanzpartnerin sogar bis Silber getanzt, Walzer und Cha-Cha-Cha und was es alles gibt. Ich habe das dann aufgehört, aber mit Freunden haben wir uns eigene Tanzmoves ausgedacht. Und meine ganz große Leidenschaft schon immer ist die Musik. Ich habe mit 15, 16 angefangen, Musik aufzumischen. Mit Freunden zusammen haben wir als DJs in Hallen für 500 bis 600 Leute Musik aufgelegt. In den letzten Jahren habe ich mir wieder ein altes Mischpult geholt. Wenn ich heute Zeit habe, packe ich es zu Hause aus und mische dann alles, was anfällt, von House über Dance, kann auch Techno sein. Gerne auch aus den 50er-, 60er-Jahren, aus der Rock’n’Roll-Zeit; die Musik kenne ich noch durch meine Eltern.

Was ist deine Lieblingsband?

Die Band, die ich wirklich liebe, ist Journey. Da stehen von früher noch so ein paar Sachen dahinter, und es gibt auch Verbindungen zur Verwandtschaft in Amerika.

„Das Handy ist ein Segen, aber auch ein Fluch.“

Okay, don’t stop believing! Fällt es dir leicht, positiv auf die Zukunft zu schauen in diesen Zeiten, in denen zum Beispiel KI bei der Arbeit und in der Freizeit immer weiter um sich greift?

Was meinen Arbeitsplatz angeht, habe ich überhaupt keine Befürchtung. Es wird nie einen Roboter geben, der alle Arbeiten macht, die ich ausübe. Es wird aber generell schon viele Berufe geben, in denen Arbeitsplätze verloren gehen. Ich finde, KI kann in manchen Bereichen gut sein, aber in vielen Bereichen finde ich das sehr erschreckend, gerade auch in der Musik. Man weiß ja nicht mehr, was real ist und was nicht. Das ist mir alles zu verfälscht. Wenn ich manchmal so durch die Welt gehe, dann denke ich, die Welt ist in meinen Augen nicht mehr so real. Jeder, der auf der Straße rumrennt, hat nur noch das Handy in der Hand und guckt überhaupt nicht mehr, was es drumherum Schönes zu sehen gibt. Das Handy ist ein Segen, aber auch ein Fluch.

Wie gehst Du selber damit um?

Im Freundeskreis ist das bei uns ein Tabu. Keiner packt sein Handy aus, da brauch ich nicht mit Leuten weggehen, wenn jeder nur noch auf sein Handy starrt. Ich bin kein Typ, der stundenlang an seinem Telefon sitzt. Ich bin einer, wenn ich nach Hause komme, nehmʼ ich mein Telefon, leg das in die Küche und dann bleibt es da liegen. Einfach abschalten, Kaffeetrinken und die Ruhe genießen. Das ist das Schönste für mich.

Lieber Percy, vielen Dank für das Gespräch. Dann halte ich dich mal nicht weiter davon ab, deine Liste da abzuarbeiten!


Die Fragen stellte Manfred Sing, Forschungskoordinator am IEG.


Titelbild: Percy Latzke in seinem Büro, © IEG Mainz.

Anhang

  1. Der zweite Standort des IEG in Mainz liegt in der Diether-von Isenburg-Straße (DvI) neben dem Kurfürstlichen Schloss. Hauptsitz ist die Alte Universität (Domus Universitatis) direkt in der Mainzer Innenstadt. ↩︎
  2. Das IEG teilt sich die Alte Universität mit dem Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität. ↩︎
  3. Kreppelkaffee ist eine Mainzer Spezialität mit Berlinern und Kaffee an „Weiberfastnacht“, dem „Schmotzige Dunschtig“. ↩︎

Stephen Burnett: “I Don’t Think That Luther Hated Jews his Entire Life”

Stephen Burnett, Senior Research Fellow at the IEG, talks about Luther and the Jews in an interview with Manfred Sing.

By Manfred Sing

Stephen Burnett from the University of Nebraska-Lincoln is a Jewish historian specializing in early modern Europe. From May to June 2025, he was a Senior Research Fellow at the Leibniz Institute of European History in Mainz where he wrote and researched his new book on Luther and the Jews. He has been familiar with the institute since 2012, when he was a member of the IEG expert committee that accompanied the successful application for the inclusion of Luther documents in the UNESCO “Memory of the World” International Register. In the same year, he also attended a conference on the Reformation in Mainz together his wife Amy Nelson Burnett, a specialist for the early Reformed tradition. We spoke with him about his current book project and how it relates to his career path and research interests.

When you introduced yourself in the Research Colloquium at the IEG, you said that you are struggling with Martin Luther and his views on the Jews. Can you explain the nature of your struggle a bit more?

It’s an intellectual struggle and an interest of mine for a long time. I have always been curious about Luther since the time when I was student of Bob Kingdon’s in the 1980s.1 We discussed Oberman’s book on the roots of Antisemitism2 in his Reformation history seminar. I was also intrigued by the 1983 controversy surrounding the 500th anniversary of Luther’s birth in the GDR.3 Later, in my classes, I regularly taught the history of Antisemitism and spoke about Luther’s attitude towards the Jews.

“I don’t want to simply describe Luther’s hatred of Jews, but rather to explain the change that occured.”

The basic question is why did Luther suddenly change his mind in the years between 1539 and 1542 and write three terrible anti-Jewish polemics in 1543, among them “On the Jews and their Lies” which everybody knows and cites today and in which he calls for synagogues to be burned down. What are the motivations, the sources, the contexts?

Portrait of Martin Luther, 1555, painting, oil on canvas, 35.7 x 23.2 cm, Workshop of Lucas Cranach the Younger (1515–1586); Philadelphia Museum of Art, https://philamuseum.org, John G. Johnson Collection, 1917, Cat. 740, https://www.philamuseum.org/collection/object/102552, public domain.

I don’t want to simply describe Luther’s hatred of Jews, as many others have done, but rather to explain the change that occurred. In 1523, Luther wrote affirmatively that “Jesus Christ was born a Jew.” So, I don’t think that Luther hated Jews his entire life, as one German scholar recently claimed. He was wary of Jews and distrustful, but he did not vehemently hate them through most of his life as he did during his final years.

Since the Shoah, there has been much debate and research on Luther’s attitude towards Jews. What is your special contribution to the debate?

I start from the premise that Luther was rational. The reasons that he gave in 1543 for expelling Jews from Germany were compelling to him, even if they were not persuasive to others. Secondary factors like his deteriorating health do not by themselves explain Luther’s vehement tone in these books. To find out why Luther changed his views, I think that you must find a connection to what Luther argued in the 1543 texts. This is what most explanations fail to do. A common explanation is that Luther lost his patience with “the Jews” when they failed to convert. Another explanation is that he had had unpleasant experiences with Jews, a view at first put forward by Reinhold Lewin in 1911.4 Another explanation is that Luther believed the world would end soon, as Oberman maintained in 1983, or that he simply had an irrational hatred of the Jews and didn’t need any reason to write against them. All these explanations fail to explain why Luther changed his publicly stated position on “the Jews”. I think there are several blank spots in the story and that there are more things to consider than historians have said so far. I take a closer look at Luther’s life, context, and thought.

What did you find there that has been overlooked?

I am very much interested in the books that Luther was reading and the news he received from outside Wittenberg. I am hunting for his sources to find out who specifically he is attacking or whether he is shadow boxing. Was he fighting enemies that were not really there?

“Luther had read the entire Hebrew Bible several times, and he knew that there were expressions that Jewish grammarians couldn’t explain.”

I don’t think so. When he is talking about “Judaizers” among Christians, I don’t think that this is merely a figment of his imagination. In the contrary, I think he had certain groups in mind, for example Andreas Karlstadt’s5 congregation in Orlamünde in Saxony in the 1520s, that Luther condemned and that later became a hotbed of Anabaptism. The Moravian Sabbatarians were another example of “Judaizers” whom he attacked. Luther also engaged very much with Humanist and Hebraist Sebastian Münster who was a mediator of Jewish thought. Luther used and quoted Münster’s Bible edition in Hebrew with Latin translation.6 However, he was worried that Münster and people like him were on the slippery slope to anti-Trinitarian thought or to Judaizing Christianity. Most of the time, Luther criticized Münster when he accepted a Jewish interpretation too readily. For Luther, Münster was too focused on grammar. By the 1540s, Luther had read the entire Hebrew Bible several times, and he knew that there were words and expressions that Jewish grammarians couldn’t explain. For him, Münster was too trusting in Jewish Hebrew language expertise.

But Luther’s hostility toward Jews certainly cannot be explained solely by individual antagonism; there must also have been structural elements involved, right?

My goal is to highlight three elements of Luther’s anti-Judaism that scholarship has missed in my opinion. In the time when his polemics were written, Luther believed, first, in the real danger of conversion to Judaism since radical reformers, as in Orlamünde, taught that Christians were obliged to obey Old Testament Law, emulating Jewish practices. Second, he thought that humanists placed too much weight to Jewish interpretations of the Bible, as in the case of Sebastian Münster. Third, Luther believed that Jews hated Christians and sought to harm them financially, and even bodily. He referred to transmitted anti-Jewish stories about ritual murder and well poisoning. For anti-Jewish narratives, he quoted from Alfonso de Espina’s “Fortress of Faith” (1458), for example.

“Luther’s texts can be considered hate speech.”

Luther’s texts can be considered hate speech that aimed to motivate Christians to preach and act against “the Jews.” In 1543, a village pastor near Strasbourg preached, citing Luther, that Jews deserved to die. Luther held his position against the Jews until his final days and urged princes to act against them.

Luther and the Jews is a much-discussed topic. How did you find the subject, or did the subject find you?

As I said, this question has been on my mind for a very long time. I taught Jewish history, but I focused my research on Christian Hebraism, the study of Hebrew by biblical scholars, theologians, and Latin schoolteachers who sought new ideas to meet Christian cultural and religious needs during the 16th and 17th centuries. This was basically philological research with a focus on Hebrew and Latin and with scholarship in various European languages. I have written two books on Christian Hebraism and its relation to the reformation and to the development of Jewish studies.7 The research questions I tackled there were: Who were the Christian printers that printed Hebrew books? Who produced them, wrote them, bought them? To what degree were Jews involved? I looked at booksellers and printers, especially in the centers of humanism – like Rome, Paris, Leiden, and Wittenberg. Over the years, I created a database where I tried to list every book containing Hebrew type published between 1500 and 1660. It contains the booksellers, the converts, and rare copies of books, for example. I discovered that this was a very intercultural milieu which also produced the polyglot Bibles, like Münster’s Bible that I just mentioned. I ended my research in the 1660s, when I found that printers and booksellers began to rebrand old material – like modern pop groups – and re-released their “greatest hits”. In this context, I was always curious about Luther. However, being interested is one thing, and being able to do research is another.

“There was never a time since the Reformation that Luther was an unimportant or uninteresting figure.”

So, your research has shown that there was an intercultural milieu in the centers of humanism in the 16th and 17th centuries. How does Luther’s anti-Judaism fit in here? Especially, if one considers that the Catholic humanist Johannes Reuchlin defended Hebrew scriptures before an Inquisition court in 1513, when Johannes Pfefferkorn, another German Catholic theologian and convert from Judaism, led an anti-Jewish campaign to burn all Jewish books except the Bible.

Jew-hatred was and is a widespread phenomenon. When Luther wrote his polemics, he used already existing stereotypes and prejudices to stir people up against Jews. His 1543 anti-Jewish polemics were then reprinted in his collected works, and they would be used in the 19th century and by the Nazis to legitimize Antisemitism. Actually, I work here on the easiest problem.

On the Jews and Their Lies by Martin Luther, 1543, cover; Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1543_On_the_Jews_and_Their_Lies_by_Martin_Luther.jpg, public domain.

What do you mean by that?

By this I mean that my task is simpler than that of a scholar dealing with the reception of Luther’s Judenschriften. Think about their reception from the late 16th century to the present, including Lutheran Orthodoxy, Pietism, Lutheran theology during the Enlightenment, the currents of the 19th century (Philosemitic and Anti-Semitic), the 20th century before Hitler, the Nazi appropriation of Luther’s anti-Semitism, and the struggles of theologians and church historians since the Shoah. As Thomas Kaufmann has stated in several of his works, there was never a time since the Reformation that Luther was an unimportant or uninteresting figure. It would be possible for a doctoral student to pick one topic from the long list that I have just given and there would be enough material for a doctoral dissertation. Johannes Brosseder’s “Luthers Stellung zu den Juden” (1972)8 provides an overview. By contrast, I only have Luther to study, and he left ample source material behind for me to study, even if he did not always clearly answer the questions that I want to answer. Thus, my task is simpler and more focused.

“How can we understand today that Luther advocated Jew-hatred? How can we explain it after 1945?”

Looking at Luther’s legacy in the 19th and 20th centuries raises many painful questions. How can we understand today that Luther advocated Jew-hatred? How can we explain it after 1945? These are much more difficult and painful questions, especially for Protestant believers. Theological investigations often try to explain this away by saying “This is not our Luther.” However, this is not an historical explanation. My problem is much more focused by comparison. I simply need to explain why Luther’s attitude changed, leading to his polemics in 1543.

In his book “Anti-Judaism,”9 David Nirenberg stated that Jew-hatred is an integral part of Western culture. Can this approach help us to understand Luther’s Jew-hatred better, as an example of a broader structure?

Yes and no. Most of the advice Luther gave to the princes had already been put into practice or at least discussed in print or during meetings of the Imperial German Diet before 1543. In this sense, his texts were dangerous, but not all that original. However, Nirenberg also does not explain Luther’s Jew-hatred. He describes it, but he doesn’t explain why Luther began to write against “the Jews”. Luther’s engagement with Judaism was at first purely theoretical; he did not preach incitement prior to 1543. In his 1543 polemics, he demonized the Jews and called them “children of the devil.” While Luther branded papists, Sacramentarians, and Turks as servants of the devil, and even at times “children of the devil,” it was far more dangerous for Jews when he sought to incite Christians using such language against them. In “That These Words of Christ, ‘This is My Body’, Still Stand Firm Against the Fanatics” (1527), Luther mentioned the devil 77 times, repeatedly branding Bucer, Oecolampadius, and Zwingli as the devil’s henchmen. However, until 1543, he seldom demonized the Jews as he did his Catholic and Protestant opponents. Certainly, Jews were blinded or deceived by Satan in Luther’s earlier works, but he did not constantly demonize them as he did his other foes.

When can we read your new book?

Soon, I hope. I have about two-thirds of the book written in draft form and I hope to complete the manuscript by next summer.

Stephen, thank you very much for the interview. We hope to see you again soon. Good luck with finishing the book!


Manfred Sing is research coordinator at the IEG.


Appendix

  1. On him see Wandel, Lee P.: Robert McCune Kingdon (1927–2010). Influential Scholar of the Reformation, in: Perspectives on History (01.03.2011), URL: https://www.historians.org/perspectives-article/robert-mccune-kingdon-1927-2010-march-2011/ [2025-08-25]. ↩︎
  2. Oberman, Heiko A.: The Roots of Anti-Semitism: In the Age of Renaissance and Reformation. Translated by James Porter from the German, Philadelphia 1983. ↩︎
  3. The GDR leadership discovered the reformer as a figurehead for themselves although he had until then been regarded as a “peasant slayer” and “princes’ servant.” The state published over 100 books and illustrated volumes, recorded LPs, minted a coin collection, helped produce a five-part film and broadcasted the festive service on state TV. Although Luther became a vehicle for state propaganda, the state did not succeed in co-opting the church. See for example the relevant articles in Lehmann, Hartmut: Luthergedächtnis 1817 bis 2017, Göttingen 2012. ↩︎
  4. Lewin, Reinhold: Luthers Stellung zu den Juden. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland während des Reformationszeitalters, Berlin 1911. ↩︎
  5. Karlstadt was an early follower of Luther, but soon turned to the Reformed camp and became a representative of the so-called “radical reformation.” Luther saw him as a supporter of Thomas Müntzer and campaigned for his expulsion from Saxony in 1524. When Luther ended his visit to Orlamünde, he denigrated its inhabitants as “swarm spirits,” while they in turn saw him as a traitor to the Gospel. See Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebel in Zeiten des Umbruchs, München 2012, p. 288. ↩︎
  6. Münster’s was the first Christian Hebrew Bible edition with facing Latin translation. ↩︎
  7. Burnett, Stephen G.: From Christian Hebraism to Jewish Studies: Johannes Buxtorf (1564–1629) and Hebrew Learning in the Seventeenth Century, Leiden etc. 1996; idem: Christian Hebraism in the Reformation Era (1500–1660): Authors, Books, and the Transmission of Jewish Learning, Leiden 2012. ↩︎
  8. Brosseder, Johannes: Luthers Stellung zu den Juden im Spiegel seiner Interpreten: Interpretation und Rezeption von Luthers Schriften und Äußerungen zum Judentum im 19. u. 20. Jahrhundert vor allem im deutschsprachigen Raum, München 1972. ↩︎
  9. Nirenberg, David: Anti-Judaism. The Western Tradition, New York 2013. ↩︎