Von Claudia Falk
Wer viel am Schreibtisch arbeitet, braucht einen Ausgleich – sowohl für den Körper als auch für Geist und Seele. Um den Mitarbeitenden am IEG einen möglichst fitten Arbeitsalltag zu ermöglichen, gibt es am Haus verschiedene Angebote. Neben Ergonomieberatungen, Back-Check oder Onlinekursen und -workshops, die regelmäßig stattfinden, werden auch Präventionsangebote der Rentenversicherung gefördert und seit 2025 eine Grippeschutzimpfung in den Räumen des IEG angeboten. Relativ neu ist ein Sportkurs in den Räumen der Domus: Seit Herbst 2025 können die IEG-Mitarbeitenden an einem Pilates-Kurs teilnehmen – geturnt wird in der Mittagspause im Konferenzraum, wenn die Temperaturen es zulassen sogar im IEG-Garten. Wir haben bei der Kursleiterin Christiane Kormann (Leiterin der Publikationsabteilung) einmal genauer nachgefragt.
Liebe Christiane, wie hast du Pilates für dich persönlich entdeckt? Warst du sofort davon begeistert oder hat es etwas gedauert, bis du die positiven Effekte dieser Trainingsform erkannt hast?
Das war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick. Ich habe mit Ende Zwanzig zum ersten Mal in einen Pilateskurs reingeschnuppert; gar nicht, weil ich mich für Pilates interessierte, sondern weil ich durch sehr intensives Sportklettern zu der Zeit Probleme im Schlüsselbeinbereich bekam und außerdem immer wieder mit Blockaden im Brustwirbelbereich zu kämpfen hatte. Pilates als ausgleichendes Ganzkörpertraining lag da nahe. Und mir lag es auch (lacht).
Die Pilatesmethode hat mich damals sofort überzeugt.
“Die Pilatesmethode hat mich damals sofort überzeugt.”
Seit einiger Zeit bietest du für alle Mitarbeitenden des IEG einen Pilateskurs an. Würdest du kurz berichten, wie es dazu kam? Eigentlich bist du doch Leiterin der Publikationsabteilung.
Ja, richtig, am IEG bin ich für die Veröffentlichung unserer Buchreihen (VIEG) verantwortlich. Außerdem bin ich aber auch Pilatestrainerin. Als die Kolleg:innen das damals mitbekamen, fragten sie mich, ob ich nicht auch am IEG einen Kurs anbieten möchte. Ich unterrichte wirklich gerne und freue mich natürlich auch über eine bewegte Pause. So haben wir bereits 2019 einmal in der Woche um die Mittagszeit eine halbe Stunde zusammen geturnt. Als offizielles Sportangebot des IEG galt das damals allerdings noch nicht.
Was war deine Motivation dich zur Pilatestrainerin ausbilden zu lassen und wo unterrichtest Du, wenn nicht gerade am IEG?
Nachdem ich einen gut angeleiteten Kurs für mich gefunden hatte, begann ich recht schnell mit meiner Ausbildung zur Pilatestrainerin für Matwork (Pilates auf der Matte im Unterschied zu Pilates an Geräten, wie etwa dem Pilates Reformer) bei Pilates Bodymotion in Köln.
Zunächst eigentlich nur, weil ich die Methode besser verstehen wollte. Die Hintergründe auch anatomisch zu verstehen hat meinem eigenen Training noch einmal eine ganz andere Qualität gegeben. Das Unterrichten war bereits sehr früh Teil der Ausbildung, so habe ich von Anfang an Anleitung und taktile Begleitung automatisch geschult. In dieser Zeit des Ausprobierens habe ich gemerkt, wie viel es mir gibt, den Teilnehmenden Gutes zu tun, und ich wollte nach der Ausbildung unbedingt weiter eigene Kurse anbieten. Nach meiner Mitarbeit in Vereinen, einem Fitnessstudio und einer Physiotherapiepraxis, habe ich mich 2018 nach dem Abschluss meiner Ausbildung teilselbständig gemacht und biete u.a. auch an, Pilates draußen zu machen.

Das ist nochmal eine ganz andere sinnliche Erfahrung. Und auch das Schöne am Pilates – es braucht nicht viel und man kann überall trainieren.
“Regelmäßiges Training kann vor Verletzung oder Schmerz schützen.”
Mit Blick auf den Mitarbeitendensport an unserem Institut: Was ist das Besondere an diesem Training?
Das Training ist aus meiner Sicht sinnvoll, weil es ganzheitlich ist und eine Grundlage bildet für Beanspruchungen des Körpers im Alltag und beim Sport. Die Methode kombiniert eine gesunde Atmung, die mobilisierend und energetisierend wirkt, mit ganzheitlicher Bewegung auch einzelner Strukturen sowie Kräftigung aber auch gezielter Entspannung.
Bewegungsmuster und Prinzipien, die beim Pilates geübt und bei einem qualitativen Training durch taktile Begleitung der Trainerin immer wieder bewusst gemacht werden, gehen im besten Fall in den Alltag sowie jede körperliche Betätigung über – ich hatte einmal eine Teilnehmerin (übrigens auch am IEG), die berichtete, dass ihr das Training beim Singen hilft, da das Zwerchfell und die tiefliegende Rumpfmuskulatur von den Übungen profitieren. Pilates ist ein präventives Grundlagentraining, das den Körper neu ausrichten kann und eine gesunde Bewegung schult. Regelmäßiges Training kann also auch vor Verletzung oder Schmerz schützen. Dazu kommt, dass Pilates heute ein offenes System ist, das sehr viel Kreativität zulässt und je nach Stil und Trainer:in total abwechslungsreich sein kann.
Welche Vorteile hat aus deiner Sicht Pilates für uns Schreibtischtäter:innen?
Gerade wenn im Job viel am Schreibtisch gearbeitet wird, werden oft Muskelgruppen vernachlässigt und das Fasziengewebe verklebt, was zu Schmerzen und Verspannungen führen kann. Zum Beispiel sind die Hüftbeuger durch das viele Sitzen häufig verkürzt, was zu Problemen im unteren Rücken führen kann; der Schultergürtel kann aus seiner Organisation geraten und mit Verspannung und Schmerz reagieren; die Halswirbelsäule, aber auch die Knie können durch langes Sitzen am Schreibtisch sehr belastet sein, die Sehnen der Unterarme durch Tippen auf der Tastatur oder Maus.
Außerdem eignet sich Pilates für viele sehr gut, um runterzukommen. Dadurch, dass ich mich beim Training darauf konzentriere, Muskelgruppen gezielt anzusteuern, andere Strukturen dabei aber bewusst loszulassen, Bewegung zu koordinieren und präzise auszuführen, bleibt nicht viel Platz für anderes. Mit ein bisschen Übung fühlt sich der Körper nach einer Pilateseinheit im besten Fall weich, schmerzfrei und leicht an – wie nach einem Mini-Urlaub.
“Bei Pilates denke ich oft an die Bewegungen einer Wildkatze, die gerade so viel Energie einsetzt wie nötig.”
Die Teilnehmer:innen sollen ja durch den Pilateskurs auch eine Pause für den Kopf bekommen. Gelingt dir das auch während des Trainings oder musst du dich dabei stark konzentrieren?
Stark konzentrieren müssen sich alle, darum geht es ja gerade auch beim Pilates: Aber durch diese Konzentration auf den eigenen Körper und die präzise Ausführung der Übungen sowie den regelmäßigen Atemfluss bin ich als Übende idealerweise auch ganz im Jetzt und komme dadurch gedanklich zur Ruhe.
Ich erlebe das als Trainerin nicht so wie als Teilnehmerin, da ich im besten Fall wenig visuell anleite, also selbst turne, ansonsten aber bei den Teilnehmenden bin. Außerdem rede ich die ganze Zeit, um möglichst präzise Anleitungen und am Ende eine kleine, oft unbewegte Entspannung bieten zu können. Glücksgefühle – ob durch die Bewegung freigesetzt oder durch den Spaß am Unterrichten – habe ich aber fast immer.
Wann machst du selber Pilates für dich? Kommst du überhaupt noch dazu? Wie schaltest du ab?
So oft ich kann fahre ich vor Kursstart in den Kursraum und turne für mich. Zu Hause turne ich auch hin und wieder eine kleine Einheit für mich, manchmal zusammen mit meinen Kindern, also mehr oder weniger konzentriert (lacht). Etwa einmal im Jahr gönne ich mir ein Personal „Trainer“-Training und nehme immer mal wieder an Fortbildungen teil.
Ansonsten bin ich gern in der Natur unterwegs, um abzuschalten: Zügige Spaziergänge oder Wanderungen bringen mich gut runter, dafür nehme ich mir leider in den letzten Jahren viel zu wenig Zeit. Deshalb habe ich mehr auf kurze Entspannungen zwischendurch, kombiniert mit Atem- oder Konzentrationsübungen, umgestellt.
Gibt es körperliche oder andere Voraussetzungen um Pilates auszuüben? Würdest du irgendjemandem davon abraten oder kann wirklich jede:r teilnehmen und davon profitieren?
Dadurch, dass sich die Übungen – solange die Grundprinzipien des Pilates eingehalten werden – anpassen und variieren lassen, ist Pilates eine Bewegungsmethode, die bis ins hohe Alter und auch für Menschen mit Einschränkungen geeignet ist. Selbst in sehr heterogenen Kursen kann ein:e engagierte:r Trainer:in bis zu einem gewissen Grad auf unterschiedliche Level eingehen.
Voraussetzung, um wirklich zu profitieren und sich nicht nur oberflächlich zu bewegen, ist meines Erachtens, dass sich die Teilnehmenden ganz einlassen wollen. Es geht nicht so sehr darum, die Übung irgendwie zu schaffen oder direkt am Anfang schwere Variationen mitzuturnen. Es geht mehr darum, die Bewegungen korrekt und präzise auszuführen und den Körper in Bewegung genau wahrzunehmen, auf Tuchfühlung mit sich zu gehen sozusagen. Dazu braucht es freilich auch eine gute Anleitung. Zum Beispiel kann ich eine Bewegung mit maximaler Muskelkraft ausführen. Pilates schult aber darin, die kleine gelenksnahe Muskulatur anzusteuern, die dem gesamten Körper Stabilität verleiht, um eine gewisse Qualität und Effizienz in die Bewegung zu bringen, gleichzeitig eine Lockerheit und Entspanntheit – ich denke da immer an die Bewegungen z.B. einer Wildkatze, die gerade so viel Energie einsetzt wie nötig. Das ist natürlich Übungssache.
“Pilates ist auch für Männer eine herausfordernde Bewegungsmethode“
Und gibt es Vorurteile mit denen Du aufräumen möchtest?
Ja, unbedingt! Wer das Interview bis hierhin verfolgt hat, hat hoffentlich gemerkt, dass Pilates auch für Männer eine sinnvolle Sportart ist. Tatsächlich wurde die Methode durch einen Mann – Joseph Hubertus Pilates – begründet und kam zunächst als Training für Kriegsgefangene am Ende des ersten Weltkriegs zum Einsatz, bevor Joseph Pilates in die USA ging und dort auch Tänzer:innen unterrichtete.
Pilates kann also auch für Männer eine herausfordernde Bewegungsmethode sein, gerade weil die große aber vergleichsweise weniger effiziente Muskulatur hier nicht gefragt ist. Aber auch die Beweglichkeit und Flexibilität der Faszien wird gefördert. Gerade Männer sind oft sehr „fest“, haben hormonell bedingt in der Regel stärkeres Bindegewebe und festere Faszien. Das hat seinen Sinn, kann meiner Erfahrung aber dazu führen, dass sich z.B. Fehlhaltungen oder fasziale Verklebungen hartnäckiger manifestieren. Zudem ist die auch immer wieder fließende Bewegung beim Pilates ein guter Ausgleich zu der auf Schnellkraft ausgelegten Muskulatur. Deshalb profitieren auch Männer definitiv von der Pilatesmethode. Trotzdem erlebe ich es so, dass die Angebote heute nach wie vor überwiegend von Frauen wahrgenommen werden. Am IEG durfte ich bisher einen Mann beim Pilates begrüßen.
Liebe Christiane, vielen Dank für die Einblicke in diesen Sport!
Die Fragen stellte Claudia Falk, Redakteurin für “Writing European History” und “EGO: Europäische Geschichte Online“.
Titelbild: Christiane Kormann in ihrem Übungsraum, © Christiane Kormann.
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Claudia Falk (March 27, 2026). Christiane Kormann: „Pilates war Liebe auf den ersten Blick“. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 4, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/5593