Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

Die Kufen des Respekts, der Helm des Anstoßes und die Tränen des Krokodils

Versuch einer unverdrossen optimistischen Nachlese zu den Olympischen Winterspielen in Italien – wider den Kulturpessimismus.

Von Manfred Sing

Die Welt des Sports hat in den vergangenen Tagen mehr als ein Fenster auf unsere verwirrende Gegenwart zwischen Völkerverständigung und Kulturkampf eröffnet. Wir vom IEG haben den olympischen Mehrkampf an acht italienischen Orten satzungsgemäß aus rein transnationaler Perspektive verfolgt. Der Versuch, sich einen Reim auf das Anschauungsmaterial zu machen, böte allerhand Anlass zum Kulturpessimismus, würden wir nicht so unverdrossen an unserer positiven Grundeinstellung arbeiten.

Wie es bei Olympia um die Fairness steht? Tja gut, hier und da wurde einem Athleten, wenn er seinen Skistock zerbrochen hatte, von einem Fremdtrainer ein Ersatzutensil angereicht. Wenn jemand auf der Buckelpiste oder im Eisoval allzu schwer gestürzt war, hielten Snowboarder oder Skater kurz inne, um sich zu vergewissern, dass die Verletzung im Rahmen des Üblichen geblieben war; wenn ein Abtransport ins Krankenhaus zu bewerkstelligen war, wurde ganz gestoppt. Ein Biathlet schleifte versehentlich den Stock eines Konkurrenten vom Schießstand mit und hatte die Größe, anzuhalten, umzukehren und den Stab nahezu bis zu dessen Besitzer zurückzubringen. Mehr geht fast nicht.

Heftige Wortgefechte lieferten sich hingegen Kanadier und Schweden, die gerade noch gemächlich ihre Steine übers „Sheet“, das präparierte Eis, dahingleiten ließen. Vorwurf: Doppelberührung des Steins mit dem Zeigefinger. Da versteht selbst der gemütlichste Curler keinen Spaß mehr. Und eine schwedische Skiläuferin, Ebba Andersson, stapfte nach zwei Stürzen längere Zeit auf einem Ski einsam durch die Ödnis, während die norwegische Staffelläuferin an ihr vorbeiglitt und ihr Gold wegschnappte. Die Schwedin rächte sich später im 50-Kilometer-Rennen, indem sie allen davonlief.

Ganz anders als etwa im Radfahren, wo das Ausnutzen eines Missgeschicks als unsportlich gilt, gehört auf glitschigem Untergrund das Hinfallen, Wiederaufstehen und Ausscheiden zum Wettbewerb dazu. Bei Schrauben und Salti über Schanzen oder in der Halfpipe gibt es fast so viele Patzer wie geglückte Versuche zu bestaunen, und bei Kontaktsportarten darf der Gegner regelkonform weggekörpert werden. Speziell mit dem Eiskunstlauf wurde eine Sportart erfunden, die ohne Missgeschick weder spannend wäre noch je einen glücklichen Sieger fände – einen etwa, der im Kurzprogramm zu Tode betrübt die Hebefigur vermasselt, dem in der Kür dann aber alles gelingt, während es alle anderen verbocken: hier den dreifachen Flop, da den Sitzberger, Fallchow, Kraxel, Puh-Loop oder wie sie alle heißen.

Ungesunder Ehrgeiz und Fun im Sportjournalismus

Denjenigen, die die schwierigsten Verrenkungen vollbringen und die steilsten Hänge hinabrasen, rufen derweil die Sportreporter hinterher, sie sollten es jetzt aber mal laufen lassen, entlang der Falllinie, und den Schwung mitnehmen, bloß nicht verkanten und, bitte schön, die Schlüsselstelle etwas mutiger angehen. Der Unfall der bedauerlichen Lindsay Vonn, die den Reporter-Rat bis in die Haarspitzen befolgte, schaffte es in den Weltnachrichten beim ZDF immerhin auf Rang 1. Bis aufs Alpenvorland, wo man den Trümmerbruch ihres linken Beins mit einem Gott ergebenen „Jo mei, des is’ die Lindsee, so kenn’n m’r se“ quittierte, war das dann aber auch wieder nicht recht, sondern ungesunder Ehrgeiz: eine Frau!, mit 41!!, und vom Start weg mit zwei lädierten Knien!!! Da musste die Fernsehkommentatorin die Augenbrauen hochziehen und mal ein ernstes Wörtchen über das Recht der Frau am eigenen Körper sagen.

Dass Vorzeigeathleten auch eine gesellschaftliche – aber welche? – Verantwortung haben, wie es selbst in der Präambel der Olympischen Charta heißt, kam dabei genauso wenig vor, wie der naheliegende Gedanke, dass Leistungssport eh von Grund auf ungesund ist. Die famose Freestylerin Eileen Gu wird ihren „Signature Move“, den Double Cork Sixteen-Twenty mit zwei Off-Axis-Flips und viereinhalbfacher Rotation, auch nicht bis ins Rentenalter ausführen, so ist zu vermuten. Doch die Fernsehkameras fangen gerne die gut gelaunten „Mädels“ mit der Beteuerung ein, jede noch so krasse Bauchlandung sei ein großer „Fun“. Daumen hoch, Bussi für die Menge und weiter geht’s.

Stylische Freestylerin Eileen Gu aus den USA, für China am Start (Wikipedia 2020-01-20 Freestyle skiing at the 2020 Winter Youth Olympics – Women’s Halfpipe – Mascot Ceremony (Martin Rulsch) 06 (cropped) – Eileen Gu – Wikipedia)

In punkto Gesundheitsschädlichkeit ist selbst das Internationale Olympische Komitee (IOC) unfreiwillig ehrlicher, bewirbt es seine Spiele doch fast nur mit ungesunden Nahrungsmitteln und umweltschädlichen Produkten, speziell von fossilen Sponsoren. 20.000 Sportler verwunderte das so sehr, dass sie eine flammende Petition dagegen starteten. Inhalt der Klage: die Winterspiele schmölzen buchstäblich dahin. Es wird in der Tat immer schwieriger, schneesichere Gebiete aufzutun, weshalb die Veranstalter mit Schneekanonen und Snowfarming gegensteuern, was klimaschädlich ist und die natürlichen Schneemassen noch weiter schrumpfen lässt, weshalb es noch mehr Schneekanonen braucht und so weiter. Sie wissen schon: so wie in der Geschichte mit dem Elch, der wegen der Abgase plötzlich eine Gasmaske braucht, weil im Wald eine Gasmaskenfabrik aufgemacht hat.

Und wenn es dann doch mal schneit, weil ein Tief reinzieht, müssen die Wettkämpfe verschoben oder abgebrochen werden, denn damit konnte ja, wie bei der Deutschen Bahn, niemand rechnen, dass im Winter plötzlich Winterwetter herrscht. Dieses Winterwetter zog natürlich speziell zum Nachteil der deutschen Athleten herauf, wie man der Berichterstattung entnehmen konnte, weil sie, wenn der Wettkampf abgebrochen wurde, einer Medaillenchance beraubt wurden, hätten sie im Schneetreiben doch locker und lässig noch 0,3 Punkte aufholen können, oder weil sie, wenn der Wettkampf doch weiterging, mit den Bedingungen nicht zurechtkamen.

Mit allzu viel Nachdenken, was hinter all den Hochleistungen an physischen und psychischen Opfern, an materiellem und medialem Aufwand steckt, will der Sportjournalismus sein Publikum besser nicht vergraulen. Lieber arbeiten sich die Journalisten am angekratzten nationalen Selbstbild ab, weil schon ab dem zweiten Olympia-Tag ein „enttäuschender“ Tag für Deutschland auf einen „bitteren“ folgte und die Moderatorinnen gar nicht mehr aus dem Lamentieren herauskamen, dass es schon wieder weniger Medaillen als letztes Mal und vorletztes Mal und auch das Mal davor schon gegeben habe. In einer endlosen Schraubenpirouette ersehnt der Sportjournalismus zudem den Fall der Helden herbei, dürstet nach neuen Heroen und träumt vom Comebach der alten Kämpen. Wie „unbekümmert“ doch die 17- bis 20-Jährigen auftreten, dass es eine wahre Freude ist! Oder wie sie, oder wahlweise irgendwelche Favoritinnen, „dem Druck“ leider, leider nicht standhalten können – einem Druck, der natürlich besonders von den Medien selbst heraufbeschworen, geschürt und verwunschen wird. Wie man so hört, werden die Wettkämpfe vornehmlich im Kopf gewonnen.

Deutsche nicht mehr „gierig“ und „bissig“, nur noch „brav“

Ganz gleich, wer welche Wettbewerbe gewinnt, als erste Faustregel gilt: irgendwer verliert immer, und die größten Deppen in Punkto Fairness stammen aus dem gleichen Land wie der Athlet, den sie „haten“. Auf den Sozialen Medien gilt ohnehin die anlasslose Beleidigung als Norm – ganz gleich, ob es um Gewinner oder Verlierer geht oder ob eine Sportlerin sich auf Insta als Glamour-Girl mit einem Trump-Fan als Freund inszeniert, der nächste Athlet seinen ICE-Protest in den Schnee pinkelt oder eine dritte mit ihren Storys die LGBTQ-Community wunderbar unterhält. Alle erhalten sie Fanpost, die von Aufmunterung über Schmähungen bis hin zu Todesdrohungen reicht. „Vierfachgott“ Ilia Malinin aus den USA, der schon vor den Spielen nicht nur die theologisch Interessierten und Kenner der Trinitätslehre aufhorchen ließ, beklagte sich völlig zu Recht über eine Flut von Hassnachrichten, nachdem er in seiner Kür ausgerechnet vier Sprünge verhauen hatte. Selbst in der linksliberalen taz war sich ein Autor für Häme nicht zu schade und sah in Franziska Preuß „das Gesicht des Niedergangs“ im Biathlon, wo die Deutschen doch im Schießen und Wegrennen immer so gut gewesen seien.

Als zweite Faustregel darf gelten, dass Enttäuschung im Sportuniversum ein dehnbarer Begriff ist. Selbst die äußerst erfolgreiche und bestbezahlte Frau Gu sah sich mit der herablassenden Reporterfrage, ob sie denn nun zwei Silbermedaillen gewonnen oder zwei Goldmedaillen verloren habe, konfrontiert, wusste darauf aber genauso stylisch zu antworten, wie sie sich über Hänge respektive in der Halfpipe bewegt.

Die Schizophrenie auf den Punkt brachte unbewusst ein Autor des Kicker in seiner Olympia-Bilanz. Er urteilte erst, die Deutschen seien heute kaum mehr „wirklich gierig, bissig, verzweifelt nach dem Sieg jagend“: „Das ganze Team wirkte sympathisch (…), doch irgendwie auch brav.“ Nahtlos stimmte er dann in den Klagegesang ein, der Hass auf den Social Media sei aber auch „wirklich schmerzhaft“ und „völlig inakzeptabel“. Den hätten unsere großartigen Sportler nicht verdient, die tagtäglich alles für ihren Traum gäben, viele Opfer brächten und denen am Ende bloß ein paar Hundertstelsekunden fehlten. Eine knappe Niederlage „ändert nichts am Respekt, den jeder verdient hat“ – den der Journalist aber offenkundig selbst in seiner „kommentierenden Analyse“ (Titel: „Da stimmt was nicht!“) hatte vermissen lassen.

Wer will denn da „Geschichte schreiben“?

Ganz überrascht haben wir da – einer déformation professionelle zum Opfer fallend – die Meldung zur Kenntnis genommen, der Langläufer Johannes Hoesflot Klaebo greife nach dem Geschichtsbuch, und uns erfreut gefragt, für welche Region jenseits von Trondheim und für welche Epoche sein Herz ganz besonders schlage und wie er bei all seiner ausgedehnten Langlauferei noch zum Lesen komme. Bis wir enttäuscht feststellen mussten, dass uns einmal mehr eine journalistische Stilblüte in die Irre geführt hatte. Beständig fragt man sich, was sich die Damen und Herren der schreibenden Zunft eigentlich unter den vielbesungenen „Einträgen in den Geschichtsbüchern“ vorstellen und woher sie die Idee nehmen, jemand habe „Geschichte geschrieben“, wenn er oder sie irgendeinen Rekord aufstellt, der in ein, zwei oder 50 Jahren wieder gebrochen wird. Als könne ein einzelnes, flüchtiges Ereignis „Geschichte“ sein! Wer im Zeitalter des Digitalen, wo man kaum mehr die Ergebnisliste von vergangenen Freitag findet, Bücher beschwört, wenn über ein trauriges Zeugnis der Vergänglichkeit berichtet wird, der müsste zur Strafe eigentlich solange ins Archiv verbannt werden, bis er die komplette Geschichte des Überstrapazierens der Geschichtsbuch-Metapher geschrieben hätte. Vielleicht würde ihn das die eigene Substanzlosigkeit lehren – vielleicht auch nicht.

Der Boulevard indes lässt noch deutlich tiefer blicken, tritt er doch bei jeder Goldmedaille aufs Neue breit, dass das Geheimnis des Erfolgs von „König Klaebo“ darin liege, dass er immer in derselben Unterhose laufe. Der Monarch sah sich mittlerweile sogar genötigt klarzustellen, dass er sie jedes Mal wasche – was durchaus internationalen Standards entspricht, den IOC-Regeln persönlicher und politischer Neutralität in keinster Weise zuwiderläuft und, schenkt man Umfragen Glauben, sogar über dem Durchschnitt liegt. Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte.

Respekt in allen Farben, aber bitte neutral und nicht zu persönlich

In diesem medialen Umfeld erstrahlt der Fall der Eisschnellläuferin Josephine Schlörb ganz unverhofft in hellem Licht. Nicht nur in Hinblick auf die Weltlage, sondern wohl auch in eigener Sache hatte sie mehrere bedenkenswerte Statements auf ihr Arbeitsgerät aufgedruckt, etwa „Hass ist keine Meinung“, „Frauenrechte sind Menschenrechte“ oder „Diskriminierung ist ein Verbrechen“. Als offenkundige Anhängerin einer regelbasierten Weltordnung legte die Vize-Europameisterin ihre Kufen vorab dem Deutschen Olympischen Sportbund vor, der angesichts der heiklen Sache das IOC einschaltete. Dieses wiederum entschied nach einem halben Jahr kurz vor dem Startschuss mit Verweis auf Regel 50 der olympischen Charta, dass das so nicht gehe: Das Spielfeld, junge Dame, muss frei von politischen Gedanken bleiben. Daraufhin überklebte die Dresdnerin die Aufschriften, was dem IOC nun aber auch wieder nicht behagte. Die Unkenntlichmachung eröffne ein Spielfeld der Nachfragen darüber, was denn überklebt worden sei. So legte Frau Schlörb schließlich Schlittschuhe zur Genehmigung vor, auf denen das Wort „Respekt“ in verschiedenen Farben und Sprachen zu lesen war. Erst das war dann dem IOC neutral genug. Wer solche Regelhüter hat, braucht sich um deren Gegner nicht zu sorgen.

Die deutsche Eisschnellläuferin Josephine Schlörb. Foto: Team Deutschland (Josephine Schlörb | Team Deutschland)

In seinem Versuch, Völkerverständigung, Fairness und den Kampf gegen Rassismus in vollkommener, politischer Neutralität voranzutreiben, ist das IOC stets eifrig bemüht, sich nach Strich und Faden lächerlich zu machen. Die Disqualifikation des Ukrainers Wladyslaw Heraskewytsch und sein Ausschluss aus Olympia kamen daher nicht wirklich überraschend. Stein des Anstoßes war in diesem Fall der Helm, auf dem der Skeletonpilot 20 Fotos von Sportlerinnen und Sportlern drucken ließ, die im russischen Angriffskrieg ihr Leben gelassen hatten, darunter auch Nachwuchs-Olympioniken.

Die größte Schwierigkeit bestand für das IOC darin, einen regelbasierten Ausschlussgrund zu finden. Offiziell wurde schließlich ein Verstoß gegen Regel 40 festgestellt, welche besagt, das Spielfeld müsse frei von kommerziellen oder persönlichen Botschaften bleiben. Den Helm-Bildern war freilich gar keine, auch keine persönliche, Botschaft beigesellt, außer eben der indirekte Hinweis darauf, dass es einen schon persönlich mitnehmen kann, wenn Freunde und Bekannte so mir nichts, dir nichts dahingerafft werden. Das IOC nutzte Regel 40 lediglich, weil Regel 50 (politische Neutralität) ja nicht ging. Die Frage des Politischen musste umschifft werden, hatte das IOC doch selbst Russland und Belarus wegen des Krieges, also aus politischen Gründen, von den Spielen ausgeschlossen – wegen „Störung des olympischen Friedens“. So schloss das IOC nun also einen Athleten aus, der Position gegen eben jenen Krieg bezog, wegen dem das IOC daselbst Russland ausgeschlossen hatte. Hätte das IOC nicht aufgepasst und rechtzeitig mit dem Nachdenken über die ganze Sache aufgehört, wäre es womöglich noch zu dem Entschluss gekommen, sich selbst von den Spielen ausschließen zu müssen.

Besonders hohl ist an der Anwendung von Regel 40, dass sie eigentlich die Meinungsfreiheit der Athleten schützen soll, jetzt aber genutzt wurde, um eben diese einzuschränken, so was kennt man ja nicht nur aus dem Sport. Hohl ist die Anwendung der Antikommerz-Regel auch deshalb, weil die Spiele von A bis Z durchkommerzialisiert sind; zwei Dutzend Top-Funktionäre des IOC greifen Berichten zufolge jährlich einen Betrag um die 15 Millionen US-Dollar oder mehr ab. In den Fängen des IOC und als Repräsentanten ihrer jeweiligen großartigen Nation werden Athleten aber wie unmündige Kinder behandelt. Die Profisportler müssen so tun, als wären sie keine, und können ihre Medaillen erst nach den Spielen versilbern. Auf den Sozialen Medien wiederum dürfen sie derweil treiben, was sie wollen. Der Pinkel-Protest des Briten gegen ICE blieb genauso ungeahndet wie das MAGA-Gegröle der US-Eishockeyspieler. Bei deren Match gegen Dänemark zeigten die Zuschauer eine Grönland-Flagge, und die grönländische Biathletin Ukaleq Slettemark fügte erläuternd hinzu: „Donald Trump ist ein riesiger Idiot.“

Zur Erinnerung: Da der Kampf gegen Rassismus – speziell in den USA und wegen Herrn Trump – als umstritten gilt, hatte das IOC 2021 bei den Sommerspielen in Tokio einen Formelkompromiss für symbolische Handlungen gefunden, natürlich nicht für den tatsächlichen Kampf gegen Rassismus. Fußballerinnen, die per Kniefall gegen Rassismus demonstrieren wollten, durften dies kurz vor und nach dem Spiel tun. Das IOC wollte den eigenen Mitarbeitern lediglich verbieten, Bilder davon auf den eigenen Social-Media-Kanälen zu posten. An der Stelle entpuppte sich das IOC aber dann doch nicht als so durchsetzungsstark.

Der ukrainische Schlittenfahrer hatte also, wie alle anderen auch, das gute Recht, vor dem Rennen so viele Fotos zu posten, wie er wollte, und in Interviews seine Motivation so oft zu erläutern, wie es eben ging. Nur Bilder von den Helmfotos während des Rennens wollte das IOC partout verhindern. Keine Rolle spielte bei der Entscheidungsfindung, dass die aufgedruckten Fotos bei 130 Stundenkilometern im Eiskanal sowieso nicht zu erkennen gewesen wären. Auf das „Angebot“ des IOC, mit einem neutralen Trauerflor seiner persönlichen Bestürzung Ausdruck zu verleihen, ließ sich Herr Heraskewytsch nicht ein; er beharrte auf seiner eigenen Kopfbedeckung. Als neutraler Beobachter wunderte man sich da, dass das IOC nicht längst auf das Argument gekommen war, wer so einen Dickschädel habe, müsse eben ohne Helm die Bahn hinabsausen.

Das IOC im Tal der Tränen

So richtig befremdlich wurde die ganze Sache aber erst, als IOC-Chefin Kirsty Coventry, die erste Frau und Afrikanerin im höchsten Amt der Olympier, meinte, die Urteilsverkündigung gegen den Ukrainer durch das Vergießen eigener Tränen untermalen zu müssen. Mit Fug und Recht darf hier von den Tränen eines Krokodils gesprochen werden, da die ehemalige Top-Schwimmerin aus Simbabwe wegen ihrer jahrelangen Beständigkeit im Becken den Shona-Beinamen mangwenya (Krokodil) trägt.

Obwohl sie zur weißen Minderheit im Land gehört, äußerte sie sich nie kritisch über den heimischen Diktator Robert Mugabe und seine Anti-Weißen-Politik. Nach ihren Erfolgen 2004 – Psst!, Sie haben das nicht von mir, Sie können das ja alles selber nachgoogeln –  schenkte ihr Mugabe 50.000 US-Dollar, die sie dankend an das Simbabwische Olympische Komitee weiterreichte, und 2008 gab es noch einmal 100.000 US-Dollar. Als Mugabe dann endlich von einem langjährigen Weggefährten wegputscht wurde, gab es noch eine Farm als Geschenk und den Posten der Sportministerin obendrauf. Völlig nachvollziehbar, dass Menschen mit ihrem moralischen und politischen Kompass der Ansicht sind, dass Hautfarbe keine Rolle spiele und die Olympischen Spiele „politisch neutral“ sein müssten, wie sie etwa 2021 sagte. International galt Frau Coventry als enge Verbündete des gleichfalls untadligen Sportsmanns Thomas Bach, dem sie 2025 im Amt nachfolgte. Auch er, in dessen Ägide die Spiele von Sotschi 2014 und Peking 2022 fielen, verstand sich bestens auf politische Neutralität.

Tatsächlich erinnert der Ausschluss des Ukrainers an den Protest gegen Rassismus durch die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos, die 1968 nach ihrem Rennen von den Spielen in Mexiko-City ausgeschlossen wurden, aber wenigstens ihre Medaillen behalten durften. Beide Sportler wurden jahrelang wegen ihres Protests verfemt, aber ab den 1980er Jahre allmählich rehabilitiert – John Carlos arbeitete sogar für das Organisationskomitte der Sommerspiele in LA von 1984. In den USA wurden sie später sogar verschiedentlich geehrt. Nur das IOC hat sich bis heute nicht offiziell entschuldigt. Bei den panamerikanischen Spielen in Lima 2019 reckte US-Hammerwerferin Gwen Berry wie dereinst ihre Landsleute die Faust in die Höhe, wurde allerdings anders als diese nicht sofort suspendiert, sondern nur mit einer Bewährungsstrafe belegt. Es gibt also durchaus eine Lernkurve beim IOC, auch wenn sie flach ausfällt.

Ikonisches Bild von den Sommerspielen 1968: Tommie Smith (Gold) und John Carlos (Bronze) demonstrieren bei der Siegehrung gegen den Rassismus in den USA. Der zweitplatzierte Australier Peter Norman solidarisierte sich ebenfalls mit dem Protest. Foto: Wikipedia (gemeinfrei, John Carlos, Tommie Smith, Peter Norman 1968cr – Black-Power-Protest bei den Olympischen Spielen 1968 – Wikipedia)

IOC-Präsident war 1968 übrigens der US-Amerikaner Avery Brundage, ebenfalls ein versierter Moralkompassbediener. Er drohte, das gesamte Team USA von Olympia auszuschließen, wenn es nicht selbst Smith und Carlos hinauswerfe. Schon 1936, damals noch als Präsident des US-amerikanischen Olympischen Komitees, hatte er sich unter Verweis auf die politische Neutralität gegen einen Boykott der Spiele in Berlin stark gemacht. Das Bleichgesicht sah beeindruckend hellsichtig, dass Smith und Carlos mit ihrer „üblen“ Geste gegen die olympische Idee verstoßen hätten, während es sich beim „Hitlergruß“ nur um den damals üblichen nationalen Gruß unter Deutschen gehandelt habe. Auch 1972 ließ er wieder zwei US-Sprinter, Vince Matthews and Wayne Collett, von Olympia ausschließen, weil sie widerrechtlich bei der US-Hymne herumgefeixt hätten. Und zu guter Letzt prägte er den Satz „The games must goes“, nachdem elf Mitglieder des israelischen Teams beim Olympia-Attentat 1972 ermordet worden waren. Ein Satz, der die Großartigkeit der Spiele perfekt zum Ausdruck brachte. Ihr Krämerseelen, hätte er auch sagen können, die Sache, um die es geht, ist viel größer als ein einzelnes Menschenleben, und überhaupt: Schwamm drüber. Erst 49 Jahre später, bei der Eröffnungsfeier in Tokio, gab es erstmals bei Olympia eine Schweigeminute zum Gedenken an Verstorbene, in die auch die Opfer von ’72 eingeschlossen waren.

Im aktuellen Fall ist besonders erstaunlich, dass sich der Ausschluss Russlands anscheinend allmählich dem Ende zuneigt, obwohl der Grund für den Ausschluss fortbesteht. Gerade geht der Krieg in der Ukraine durch den vierten Winter und wird gegen die Zivilbevölkerung besonders hart geführt. Für die bevorstehenden Paralympics jedoch sind russische Sportler gerade dabei, ihre Fahnen wieder rauszuholen und auszurollen. In Italien waren jetzt schon rund 20 individuelle Sportler aus Russland und Belarus zugelassen, die als „neutral“ genug eingestuft wurden – Bedingung: keine Sportsoldaten, keine direkte Propaganda für den Krieg. Mehrere andere – wohl rund zwei Dutzend – hatten rechtzeitig vor den Spielen den nationalen Verband gewechselt.

Ein besonders nettes Beispiel ist Eteri Georgijewna Tutberidse, in den Medien manchmal liebevoll als „das Biest“ oder die „Eishexe“ tituliert, da sie in Milano wieder an der Bande stand. Bevor Sie jetzt ahnungslos rufen: Wer? Ja, das ist die für ihre harten Trainingsmethoden bekannte Übungsleiterin aus der russischen Eislaufschule, die 2022 Kamila Walijewa betreute. Sie wissen schon: die Läuferin, die nach dem Pflichtprogramm des Dopings überführt worden war und dann vom russischen Verband gezwungen wurde, trotz aller Proteste noch ihre Kür zu laufen. Die erst 16-Jährige entpuppte sich dabei auch als eine, die dem „Druck“ nicht standhielt und ihren Auftritt völlig verpatzte, worauf ihre Trainerin sie vor laufenden Kameras rüde rüffelte. Selbst Sportsmann Thomas Bach lief es da eigenen Worten zufolge kalt den Rücken hinunter, und er beklagte eine „emotionale Kälte“, die sich in der Eishalle ausgebreitet habe. Konsequenz 1: das IOC erhöhte das Mindestalter für Eiskunstläufer:innen bei Olympia auf 17, was sicherlich ein großer Schritt für die Menschheit in Richtung Schutz von Minderjährigen darstellt. Konsequenz 2: Trainerin Tutberidse betreut in Italien ganz neutral eine russische Läuferin und ist über den georgischen Verband akkreditiert, also: keine Konsequenz, was aber auch irgendwie konsequent ist.

Fluide Grenzen und Professionalisierung für die Jugend der Welt

Angesichts des Ausschlusses russischer Athleten hat nicht nur das Russischsein Schlupflöcher erhalten. Der gesamte Nationalismus, der beim IOC ja Methode hat, wird nicht mehr so streng gehandhabt wie früher. Dass im Paarlaufen bei Olympia anders als bei Weltmeisterschaften nur Duette aus dem gleichen Land antreten dürfen, befördert den Wechsel der Staatsangehörigkeit, nicht nur bei in Russland ausgebildeten Läufern, wie etwa bei einer Hälfte des deutschen Eiskunstlaufpaares, das in Italien an den Start ging und Bronze holte. Auch in anderen Sportarten gibt es Personen, die einen Wechsel vollzogen haben. Frau Gu, die gebürtige Amerikanerin, sammelt Medaillen für China, und Alysa Liu, Tochter eines Mannes, der nach dem Tiananmen-Massaker aus China floh, gewann Gold im Eiskunstlauf für die USA. Selbst für Brasilien lief es gut, konnte es doch erstmals eine Medaille im Wintersport ergattern: Gold im Riesenslalom. Der Ergatterer, Lucas Pinheiro Braathen, wedelte bis vor knapp zwei Jahren noch als Norweger die Hänge hinunter. Dann überwarf er sich mit seinem Verband, entdeckte seine brasilianische Mutter wieder und wechselte den Verband, auch wenn sich in seiner ganzen Entourage bis heute kein einziger Brasilianer findet. Obwohl man Brasilien die Medaille ja gönnt, erschreckt man doch bei dem Gedanken, das IOC könnte demnächst auf die Idee kommen, Winterspiele im brasilianischen Regenwald auszurichten, weil es dort einen noch unerschlossenen Wachstumsmarkt erblickt. So was kann man heutzutage nicht mehr für undenkbar halten, wurden doch erst jüngst die für 2029 in Saudi-Arabien geplanten Asiatischen Winterspiele aus unerfindlichen Gründen – wahrscheinlich haperte es noch ein wenig bei der Konversion von Schwertern zu Schneepflügen – abgesagt und nach Kasachstan verlegt.  

Was den heiligen Ernst anbelangt, mit dem Italien seine Nationalflagge bei der Abschlussfeier hisste, so ist doch die Bemerkung angebracht, dass die Winterspiele Süditalien relativ kalt ließen und sich manche Athletin, nur weil sie im Ausland trainiert, fragen lassen musste, ob sie wirklich Italienerin sei. Nationen sind eben emotional aufgeladene, manchmal umstrittene Konstrukte mit oftmals künstlichen Grenzen. Rechnete man etwa die ganzen Südtirolerinnen und Südtiroler heraus, was vor allem in Franz-Klammer-Land ein beliebter Sport ist, wäre die italienische Bilanz auch nur halb so gut. Aber das ist Schnee von gestern. Viel wichtiger ist, dass Wintersport oftmals ein elitärer, weil kostspieliger Sport ist und einen Großteil von Ländern und Regionen einfach ausschließt. Die sollen ja bitte schön zum Skitourismus in die Alpen oder so kommen, nicht nur weil zu Hause noch weniger Schnee liegt, sondern weil da die Trainingsmöglichkeiten recht begrenzt sind – selbst in Deutschland fehlen etwa große Halfpipes.

Und da wir hier die langen Linien nicht aus dem Blick verlieren wollen: der Visionär Pierre de Coubertin sah mit der olympischen Idee den Weltfrieden heraufdräuen, allein durch den sportiven Wettkampf der Jugend aller Nationen ohne die Frauen. Hat nicht ganz geklappt, kamen unter anderem zwei Weltkriege dazwischen. Der erste Olympiasieger in der bis 1948 ausgetragenen Disziplin Literatur machte sich im Übrigen seinen eigenen Reim darauf, dass die Spiele 1936 von einem politischen Regime ausgenutzt wurden. Hauptsache sie seien „grandios“, ließ er verlauten.

Daher abschließend noch folgende Hinweise: Die Ewiggestrigen waren, wie überall sonst, auch im Sportbusiness immer da und wittern jetzt gerade Rückenwind. Doch wenn der Fortschritt eine Schnecke ist, so sind die alten Visionen Schleimspuren, an denen man nicht kleben bleiben sollte.

Bei Olympia dürfen eben mittlerweile, anders als von de Coubertin intendiert, Frauen jeden Talents und jeder Orientierung fast überall antreten. Im Wintersport sind sie nur noch in der Nordischen Kombination außen vor, und hier stellt sich für 2030 nur noch die Frage, ob der Wettbewerb ganz abgeschafft wird, ehe die Frauen zugelassen werden.1

Dass zudem das Nationale für die Jugend dieser Welt kein völkisch determiniertes Schicksal mehr ist, sondern löchrig geworden ist und fluide Grenzen hat, ist auch ein Effekt der Professionalisierung im Spitzensport. In einer mobilen Welt mit internationalen Trainingsgruppen und Trainingslagern hat nationale Zugehörigkeit einfach an Bedeutung verloren, trotz Medaillenzählerei und Fahnenschwenkerei. Eislauf-Choreograph Benoît Richaud etwa arbeitete bei den Spielen in Italien mit 16 Athletinnen und Athleten aus 13 Ländern zusammen. Und der frühere mehrfache Olympiasieger Johannes Thingnes Bø regte für die deutschen Frauen und Männer im Biathlon ein gemeinsames Trainingslager mit Norwegern und Franzosen an, damit sie wieder wettbewerbsfähiger werden. Und wenn jetzt noch einmal 50 Jahre ins Land ziehen, wird bestimmt auch mal das IOC aus freien Stücken irgendetwas Sinnvolles gegen Rassismus, Korruption und Machtmissbrauch unternehmen und ein bisschen konsequenter gegen Krieg vorgehen. Ein paar Trippelschritte würden schon reichen, es muss ja nicht gleich der ganz große Weltfrieden anvisiert werden.

Ach, und ehe wir’s vergessen und die Stimmung zu gut wird: Heuer ist noch Fußball-WM in Nordamerika. Und in zwei Jahren eröffnet Frau Coventry die Sommerspiele in LA zusammen mit Herrn Trump, dem Friedensengel. Da freuen wir uns jetzt schon drauf. Dabei sein ist alles.


Für unseren Autoren Manfred Sing sind die Kommentare des ARD-Reporters Daniel Weiss der einzige Grund, Eistanz- und Eiskunstlauf-Wettbewerbe im Livestream anzuschauen. Er findet, es handele sich nicht um die gleiche Sportart, wenn Weiss nicht kommentiert.


Titelbild: Der Helm des Anstoßes: Der „Helm der Erinnerung“ des ukrainischen Skeletonpilots Wladyslaw Heraskewytsch. Foto: Wikipedia (Helmet of remembrance 03 – Wladyslaw Heraskewytsch – Wikipedia)

  1. Update (30.03.2026): Die Frage, wer im Sport als Frau gilt und wer nicht, beschäftigt das IOC allerdings weiterhin. Ende März 2026 kündigte Kirsty Coventry an, dass das IOC 2028 zum „Schutz der Frauen-Kategorie“ wieder verbindliche Geschlechtstests für Frauen einführen wird. Fluide Grenzen in Geschlechterfragen sind dem IOC mehr als suspekt. Geschlechtstests, die es schon 1968 gab, sind indes umstritten, da sie die Frage des Geschlechts auf ein genetisches Merkmal herunterbrechen. 1999 hatte das IOC die Tests eingestellt, da sie als unzuverlässig und wissenschaftlich umstritten galten. Die Wiedereinführung von Tests wird unter anderem auch von US-Präsident Trump mit dem Argument befürwortet, man müsse „Männer aus dem Frauensport heraushalten“. Auch deshalb wird die Wiedereinführung der Tests von Kritiker:innen als Teil des jüngsten Kulturkampfes angesehen. ↩︎

The text only may be used under licence Creative Commons Attribution Share Alike 4.0 International. All other elements (illustrations, imported files) are “All rights reserved”, unless otherwise stated.


OpenEdition suggests that you cite this post as follows:
Manfred Sing (February 27, 2026). Die Kufen des Respekts, der Helm des Anstoßes und die Tränen des Krokodils. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 3, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/4874


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.