Diesen Winter ist die Studie „Baťas Menschen. Rationalisierung, social engineering und Differenzierung in der tschechoslowakischen Unternehmensstadt Zlín, 1918–1948“ erschienen, als Band 275 in der Reihe der Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte (VIEG). Autor Gregor Feindt war von 2014 bis 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter am IEG und arbeitete in dieser Zeit an dem Werk, das zugleich seine Habilitationsschrift darstellt. Seit August 2025 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg Forster Forum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Wir stellten ihm 5 Fragen zu seinem neuen Buch.
1. Was war der ursprüngliche Impuls, sich mit genau diesem Thema zu beschäftigen?
Ich wollte wissen, wie Menschen über ihre Arbeit denken, wie sie das verstehen, was sie täglich zum Beispiel in einer Fabrik tun und wie sich ihre Einschätzung von der Perspektive des Arbeitsgebers oder der staatlichen Verwaltung unterscheidet. Das war am Anfang eine abstrakte Fragestellung, aber dann bin ich auf die tschechoslowakische Schuhfirma Baťa gestoßen und ein Archiv mit Tausenden von Personalakten. Beim Lesen dieser Akten hat sich meine Fragestellung weiterentwickelt hin zu einer Sozial- und Kulturgeschichte der Unternehmensstadt Zlín.

Wer sind Baťas Menschen?
Alle, die bei Baťa gearbeitet haben oder im Umfeld des Schuhunternehmens gelebt haben, also Angestellte, Arbeiterinnen und Arbeiter, Tschechoslowaken und Ausländer, aber auch Hausfrauen in Zlín und natürlich Kinder. Der Titel spielt mit dem „Baťa-Menschen“, auf Tschechisch Baťovec, einem Begriff, den das Unternehmen für seine erfolgreichen und loyalen Beschäftigten verwendete. Aber in meinem Buch beschäftige ich mich mit allen Menschen in Zlín, unabhängig davon ob sie den Vorstellungen des Unternehmens entsprachen oder nach kurzer Zeit entlassen wurden und die Stadt verlassen mussten.
„Baťa zielte darauf in Zlín einen besseren, neuen Menschen zu schaffen und andere Menschen aus der Stadt auszuschließen.“
2. Was bedeuten „Rationalisierung, social engineering und Differenzierung“ im Untertitel des Werkes? Kannst Du die Begriffe kurz einordnen und erklären, wie und warum Du sie benutzt?
Das sind drei wesentliche Prozesse des industriellen Personalmanagements, die ich bei Baťa beobachtet habe und die ich ins Zentrum meiner Untersuchung gestellt habe. Rationalisierung ist zunächst einmal die Standardisierung und Optimierung der industriellen Produktion. Genau dieses Verfahren hat Baťa seit den 1920er Jahren auf die Personalführung übertragen und damit versucht seine Beschäftigten zu formen. Damit war das Unternehmen Teil dessen was in der Forschung als social engineering diskutiert wird, also des Versuchs eine Bevölkerung mit wissenschaftlichen Methoden zu gestalten. Baťa machte nicht nur konkrete Verhaltensvorgaben zu Familienleben, Hygiene oder Ernährung, sondern plante Wohnhäuser, Kantinen und öffentliche Einrichtungen so, dass die Beschäftigten sich auch entsprechend verhalten mussten. Und schließlich sortierte Baťa seine Belegschaft, etwa bei Einstellungen, Versetzungen, Beförderungen, Entlassungen – das untersuche ich entlang des Forschungskonzepts Humandifferenzierung und betrachte welche Formen der Differenzierung Baťa nutzte und welche das Unternehmen neu entwickelte. Baťa zielte darauf in Zlín einen besseren, neuen Menschen zu schaffen und andere Menschen aus der Stadt auszuschließen. Das untersuche ich mit diesen drei Begriffen.

3. Gab es einen Moment in der Recherche, der dich persönlich gepackt hat? Hat dich an deinen Protagonistinnen und Protagonisten etwas besonders überrascht und hat sich, vielleicht dadurch, deine Sicht auf das Thema während der Recherche verändert?
Als ich Personalakten vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs in der Hand hatte! Ab 1938 versetzte Baťa im großen Stil Personal aus Zlín nach Übersee. An die 2.000 Personen, oft mit ihren Familien; das waren gut sieben Prozent der Belegschaft. Darunter waren auffällig viele jüdische Beschäftigte, für die solche Versetzung eine Möglichkeit waren, vor Diskriminierung, drohender deutscher Besetzung und letztlich dem Holocaust zu fliehen. Diese Akten zu lesen, zu sehen wie plötzlich sich die Bewertung von Menschen veränderte und dann ihr Schicksal zu recherchieren, hat mich sehr gepackt. Viele haben es ins sichere Ausland geschafft. Bei einigen verliert sich die Spur oder sie tauchen erst nach Kriegsende wieder auf. Und bei anderen musste ich feststellen, dass sie in einem deutschen Konzentrationslager ermordet wurden.
„Für viele jüdische Beschäftigte war die Versetzung nach Übersee eine Möglichkeit vor Diskriminierung, drohender deutscher Besetzung und letztlich dem Holocaust zu fliehen. Zu sehen wie plötzlich sich die Bewertung von Menschen veränderte und dann ihr Schicksal zu recherchieren, hat mich sehr gepackt.“
Um diese Rettung von Juden ranken sich einige Legenden, aber man kann hier sehr gut erkennen wie social engineering und Differenzierung funktionierten. Die Versetzungen lassen sich nicht mit gutem Willen oder ein Rettungsplan erklären. Baťa musste seine weltweiten Standorte unabhängiger machen und das ging nur mit hochqualifizierten Mitarbeitern vor Ort. Genau solche hochqualifizierte jüdische Beschäftigte wurden nach Argentinien, Singapur oder Kenia geschickt. Leistungsschwache oder aufmüpfige Beschäftigte kamen dafür in der Regel nicht in Betracht, auch wenn sie als Juden in besonderer Gefahr waren.

4. Was für eine Geschichte erzählst du in deinem Buch? Gibt es ein Happy End?
Das war ja schon ein gewisses Happy End. Ansonsten ist diese Unternehmensstadt für mich eine Dystopie, eine hoch regulierte, oft repressive und autoritäre Gesellschaft, in der Widerspruch nur schwer möglich war. Man darf aber nicht übersehen, dass die Beschäftigten freiwillig in Zlín lebten und arbeiteten, das Unternehmen jederzeit verlassen konnten. Viele habe das auch nach wenigen Wochen oder Monaten getan. Andere blieben aber und zeigten sichtbare Begeisterung für das Unternehmen und seine Pläne, weil Baťa tatsächlich hohe Löhne zahlte und ein modernes und komfortables Leben bot.
„Mit den wechselnden politischen Systemen verschob sich die Differenzierung von Menschen, oft mit einschneidenden Folgen für die Betroffenen.“
Ich erzähle in meinem Buch aber auch, wie diese Geschichte der autoritär regierten Unternehmensstadt endet. Zlín wurde im März Teil des Protektorats Böhmen und Mähren und Baťa produzierte unter deutscher Besatzung weiter, u.a. für die Wehrmacht. Im Mai 1945 wurden Zlín und Baťa befreit – die Stadt wurde wieder tschechoslowakisch und der kapitalistische Betrieb wurde nationalisiert. 1948 benannten die tschechoslowakischen Kommunisten Stadt und Betrieb um und tilgten so die Erinnerung an die kapitalistische Unternehmensstadt und den Firmengründer Tomás Baťa. Aus den Beschäftigten sollten nicht mehr Baťa-Menschen werden, sondern „neue sozialistische Menschen“, so wie in der gesamten Tschechoslowakei. Das ist ein radikaler Bruch mit der social engineering des Schuhunternehmens. Wenn man aber diese Übergänge zwischen 1938 und 1948 genauer betrachtet, wird deutlich, dass sich Rationalisierung und Produktion kaum veränderten. Selbst das Alltagsleben in der Stadt veränderte sich vergleichsweise wenig. Was sich mit den wechselnden politischen Systemen verschob, war die Differenzierung von Menschen, oft mit einschneidenden Folgen für die Betroffenen. Aber Schuhe wurden in Zlín immer produziert; und man kann oft lesen, dass die Fließbänder im Staatssozialismus sogar schneller liefen.

5. Was wünschst Du Dir, sollten die Leserinnen und Leser bei der Lektüre des Buches mitnehmen?
Ich will einerseits einen kritischen Blick auf das Unternehmen und seine Stadt vermitteln. Baťa gilt in Tschechien heute oft noch als Symbol für den wirtschaftlichen Erfolg in der Zwischenkriegszeit und vielleicht als Vorbild für die Gegenwart. Ich zeige, wie viel Zwang zu dieser Geschichte gehörte.
„Menschen sind nicht per se unterschiedlich, Differenz wird gemacht und verändert sich immer wieder.“
Zum anderen können Leserinnen und Leser in meinem Buch die Produktion von Differenzen nachvollziehen. Baťa hat für die Zwischenkriegszeit zentrale Kategorien wie ethnische oder soziale Zugehörigkeit lange ignoriert, ihre Bedeutung heruntergespielt und stattdessen eine Unterscheidung nach Leistung propagiert. Dabei tauchten aber bekannte Differenzmarker wie etwa Bildung und Familie doch wieder auch. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich diese Differenzierung dann unter dem Druck der politischen Verhältnisse massiv – und nach der Befreiung 1945 und im beginnenden Staatssozialismus noch einmal. In dieser ganzen Geschichte wird deutlich, dass Menschen nicht per se unterschiedlich sind, sondern Differenz gemacht wird und sich immer wieder verändert.
Lieber Gregor, vielen Dank für Deine Antworten.
Zum Buch geht es hier: https://doi.org/10.13109/9783666371097.
Die Fragen stellte Christiane Kormann, Leiterin der Publikationsabteilung am IEG.
Titelbild: Porträt von Gregor Feindt, © IEG Mainz, Photographin: Angelika Stehle.
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Christiane Kormann (February 6, 2026). 5 Fragen an Gregor Feindt. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 4, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/4768