Von Manfred Sing
Welche Lehren lassen sich aus dem Bauernkrieg ziehen, und wie wird er dem Publikum nahegebracht? Eine Spurensuche zum 500-jährigen Gedenkjahr zwischen Exponaten, Fahrrädern, Gebeinen, Mahnmalen und Avataren.
Radelnder, kommst du aus Schussenried, verkündige, was dorten du gesehen habest. Ja, gerne: Bis zu den Thermopylen wäre es zwar noch weit gewesen, umso näher lag jedoch das Kloster, das einstens von Bauernhaufen geplündert ward und jetzt die fürnehme Ehre hat, die Große Landesausstellung zum Bauernkriege zu beherbergen. Senioren auf elektrifizierten Rädern schweben an Kornfeldern vorbei, gönnen sich im Eiscafé gegenüber einen Latte oder ein Weizen und lassen’s sich gutgehen an einem Ort, in dem alle Zeichen auf Sturm stehen: „Uffrur!“ im lokalen Idiom. Die Stadt ist zupflastert mit den Plakaten für die Ausstellung, sie hängen in jedem einzelnen Geschäft. Drinnen im Kloster dann weiht ein KI-generierter Avatar des Laienpredigers Sebastian Lotzer die Radler in die Geheimnisse der „Zwölf Artikel“ von Memmingen ein, die mit Bibelzitaten abgesicherten Forderungen der Bauern an die Obrigkeit. Und genderbewusst setzt die „Schwarze Hofmännin“ Margarete Renner – eine der wenigen belegten Bauernkriegerinnen – das staunende Publikum darüber in Kenntnis, dass sie im Leben nicht daran denke, Frondienste zu leisten.
Der revolutionäre Funke hat es zwar nicht ganz leicht überzuspringen, aber immerhin wird gezielt versucht, den Nachwuchs zu rekrutieren: der Eintritt ist frei bis 17, jedenfalls war er’s den ganzen August lang. Ansonsten muss vor Erstürmung der Ausstellung erst einmal ein Ticket gelöst werden, was eingedenk der Lenin zugeschriebenen Bemerkung über die Deutschen und ihre Bahnsteigkarten so ungewöhnlich nicht ist. Die Finte des Inhalts, ob es in Anknüpfung an die frühneuzeitlichen Vorgänger und im Sinne des Ausstellungskonzepts – Utopie und Widerstand, Sie verstehen? – nicht angebracht und museumspädagogisch vielleicht sogar erwünscht sei, sich auf eigene Faust Zugang zum Kloster zu verschaffen, pariert der Kassierer, der alte Wegelagerer, ebenso mühe- wie humorlos, indem er trocken den Eintrittspreis nennt.
Die verlorene Schlacht und die DDR
Das Interesse für den Krieg ist allem Anschein nach dennoch hoch, steht aber in reziprokem Verhältnis zur Zahl der Bauern. Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigen im Schwabenlande beträgt nur noch 1,0 Prozent gegenüber geschätzten 80 Prozent vor fünf Jahrhunderten; ihre Gesamtzahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert und sinkt weiter.1 Vor 50 Jahren, als die Zahl noch fünf Mal höher lag als heute, krähte kein Hahn nach einer Landesausstellung, galt der Bauernkrieg doch marxistisch-leninistisch als „frühbürgerliche Revolution“. Die DDR hatte den „Bauernführer“ Thomas Müntzer für sich gepachtet, prägte 1975 eine Gedenkmünze, setzte sein Konterfei auf den Fünf-Mark-Schein, brachte eine Briefmarkenserie in Umlauf und verfilmte sein Leben. Im thüringischen Bad Frankenhausen wurde ein monumentales Panoramamuseum begonnen, das erst 1987 beendet, aber rechtzeitig zu Müntzers 500. Geburtstag im September 1989 eröffnet wurde, also kurz vor dem Ende der Idee, für die es stand. 3000 einzelne Figuren zieren die Leinwand von 123 Metern Länge und 14 Metern Höhe, gewebt von kollektivierter Hände Arbeit im Textilkombinat Sursk in der Sowjetunion. Im Zentrum steht, während die Schlacht um ihn herum noch tobt, mit gesenkter Fahne Thomas Müntzer, der schon weiß, dass die Sache verloren ist. Bei der Staatsspitze kam das Endprodukt des Leipziger Malers Werner Tübke, der sich vorab in Müntzer-Manier völlige künstlerische Freiheit ausgehandelt hatte, nicht ganz so gut an, weshalb sich Erich Honecker bei der Eröffnung krankheitshalber entschuldigen und von seiner Margot vertreten ließ. Heute wirbt das Panoramamuseum ganz unsozialistisch mit dem Slogan, „die Sixtina des Nordens“ zu sein.
Bauernkrieg als emotionale Zeitreise
Demgegenüber dauerte es im Westen Deutschlands, ehe die Bauernschar als „früheste demokratisch-republikanische Bewegung in Deutschland“ reklamiert wurde, so etwa im Museum für den Baltringer Haufen, das Mitte der 1980er Jahre im oberschwäbischen Mietingen bei Biberach eröffnet wurde. Dieses Jahr hingegen wird vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen erinnerungspolitisch aus allen Rohren gefeuert. Hie und da sprossen an Hotspots historischen Tumults große und kleine Ausstellungen aus dem Boden, ja selbst ein Theater- und Musikspektakel „on the road“ macht von Mai bis Oktober an 16 Schauplätzen in Baden-Württemberg Halt und verspricht ein „immersives Erlebnis“, bei dem „die Ungerechtigkeiten der Epoche mit einem Augenzwinkern im einen und einer angedeuteten Träne im anderen Auge erlebbar“ gemacht werden. Annonciert wird eine „Erlebniswelt im Jahrmarktscharakter“, bei der nicht nur erzählt wird, was vor 500 Jahren „in Bretten, Laupheim und Böblingen geschah“ und wer in Pforzheim so alles gevierteilt wurde, sondern auch, was der „gemeine Mann“ gemeinhin so aß. Die Zuschauer sollen bei dieser „emotionalen Zeitreise“ nicht bloß zuschauen, sondern selbst mitmachen, zwar nicht direkt beim Aufstand, aber zu „kochen, malen, basteln oder singen“, ist allemal drin.

Auch in Bad Schussenried hat man sich der Aufgabe, den Besuchern den blutigen Stoff zeitgemäß nahezubringen, auf innovative Weise gestellt. Die Landesausstellung möchte ausloten, wie „das Potenzial moderner Technologien für die historische Darstellung zu nutzen“ sei, wie es im Werbesprech so schön heißt. Künstliche Intelligenz heißt das Zauberwort, durch das „Geschichte zum Leben erweckt“ wird. Wem also die elf Federzeichnungen der Weißenauer Chronik, die „Zwölf Artikel“ aus Memmingen oder die anderen 150, sorgsam aus 40 Museen zusammengetragenen Exponate zu dröge sind, sollte seine Zeit nicht damit vertrödeln, an KI-Installationen, die rein gar nichts mit dem Thema zu tun haben, herumzudaddeln, pardon, sich sensibilisieren zu lassen, sondern das Prunkstück der Ausstellung in Augenschein nehmen: die Videos mit acht Figuren, die abwechselnd im Halbdunkel aufflackern, während sie zugleich vor sich hin bramarbasieren.
Es handelt sich um sechs Aufständische sowie den Weißenauer Abt Jakob Murer, der das Geschehen zeichnerisch festhielt, und den „Bauernjörg“, Georg III. Truchsess von Waldburg, Anführer der Gegenseite, des Schwäbischen Bundes der Obrigkeiten. Sie alle flackern, um anzudeuten, dass sie nicht wirklich echt sind, sondern nur durch Bildgeneratoren erzeugte Visualisierungen. Und ihr Bramarbasieren folgt, wie das Museum erläutert, ganz dem Sinne eines modernen „Storytellings“, wonach die Figuren „nicht in der Sprache vergangener Jahrhunderte zu den Besucher*innen sprechen, sondern in einer allgemein verständlichen Sprache“, also in heutigem Schwäbisch unterschiedlicher Dialektfärbung. Die Stimmen sind allerdings nicht künstlich erzeugt, sondern ganz profan von lebenden Menschen eingesprochen, und diskutieren kann man mit den Avataren leider auch nicht. Das kommt dann wohl zum 550-jährigen. Warum man nicht einfach gleich Schauspieler in Kostüme steckte und abfilmte, bleibt in den ansonsten gefälligen Ausführungen des Landesmuseums offen. Ein Sohn der Stadt, Bernd Gnann, der schon öfters beim Tatort mitgemacht hat, hätte sich da angeboten und auch die nötige Streetcredibility mitgebracht, wuchs er doch unweit in einer Landwirtsfamilie auf. Zudem hätte er sich gewiss im historischen Stoff zurechtgefunden, mimte er doch einmal in einem Schiller-Schinken den Theatermann Rennschüb und brachte dabei sogar das Kunststück fertig, nicht mit dem Original verwechselt zu werden, obwohl er nicht die ganze Zeit flackerte.
Eine Historikerin „on the road“
Mit der Frage, wie der Bauernkrieg erlebbar gemacht werden kann, stehen Museen und Archive nicht alleine auf weiter Flur. Auch die „Oxford-Professorin“ Lyndal Roper suchte auf eigene Initiative das immersive Erlebnis, wie sie jüngst im Podcast der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz erzählte.
Sie sattelte ihren Drahtesel, offensichtlich das Mittel der Wahl, um den Spuren des Bauernkriegs physisch nahezukommen. Ihre Anfangsmotivation war, dass das Kapitel zum Bauernkrieg in ihrem viel gepriesenen Luther-Buch „das schlechteste“ war. Um diese Scharte auszuwetzen, strampelte sie also von Mühlenhausen hinauf aufs Schlachtfeld bei Frankenhausen, um sich daselbst die Blutrinne auf dem gleichnamigen Pfad zu vergegenwärtigen. Auch von Straßburg bikete sie den ganzen Weg bis hinüber nach Konstanz, inklusive eines Abstechers ins elsässische Lupstein, wo sie noch die Gebeine der Bauern ausgestellt vorfand, die seinerzeit in der Kirche verbrannt wurden, obwohl sie sich doch schon ergeben hatten, indem sie ihre Hüte abgenommen und in den Kirchenfenstern gezeigt hatten. Am Ende hatte sie schwere Beine, aber auch einen 384-Seiten-Wälzer mit dem schönen Titel „The Summer of Fire and Blood“, rechtzeitig erschienen zum Gedenkjahr.
Der Mythos von Dreschflegel und Mistgabel
Über all diesen Aktivitäten schwebt die wolkige Behauptung, der Bauernkrieg sei irgendwie wichtig und präge unser Leben bis heute. Etwas tiefer hängen allerdings schwer die Fragen: Was können wir aus dem Bauernkrieg lernen? Was sagt uns der Bauernkrieg heute? Oder, zeitgemäßer formuliert, welche Story soll hier überhaupt erzählt werden?
Im „Podkäschtle“ der Region Oberschwaben, den das Landesmuseum dankenswerterweise auf seiner Seite verlinkt, antwortet Michael Tassilo Wild, Stadtarchivar von Bad Waldsee: Das erste Lernziel müsse sein, zu begreifen, dass es nichts als ein Mythos sei, dass verarmte und zerlumpte Bauern, wie es gerne heiße, „mit Dreschflegeln und Mistgabeln“2 auf die Adligen losgegangen seien. Tatsächlich zählten die rebellischen „Bauern“ nicht selten zu den wohlhabenderen Zeitgenossen, waren häufig militärisch ausgebildet, und in ihren Reihen fanden sich genauso Bürger, Bergleute, Landsknechte und selbst Adlige.
Der Bauernjörg wiederum war nicht bloß ein gnadenloser Bauernschlächter, sondern auch ein begnadeter Diplomat. Mit den Aufmüpfigen, wie etwa mit dem Seehaufen in Weingarten, handelte er Verträge aus, wenn es um sein Kriegsglück schlecht bestellt war, und dem Kaiser diente er aufgrund seines Geschicks in militärischen und nicht-militärischen Belangen auch jenseits schwäbischer Gefielde, etwa in Spanien und Italien. Im Bauernkrieg bekämpfte er unter anderem seinen früheren Dienstherren Herzog Ulrich von Württemberg, der unter der Reichsacht lag und dem er zehn Jahre zuvor noch geholfen hatte, einen anderen Aufstand der Bevölkerung, die sogenannten Proteste des „Armen Konrad“, niederzuschlagen. Als der Bauernjörg von seinen Feldzügen schließlich nach Waldsee heimkehrte, fand er Frau und Kinder wider Erwarten unversehrt vor, da sich die Waldseer Bürger gegen die „Bauern“ gestellt und die Adelsfamilie vom Schloss in die Stadt in Sicherheit gebracht hatten. Aus Dankbarkeit, so erzählt es der Stadtarchivar, verzichtete der Bauernjörg daraufhin auf verbriefte Vorrechte gegenüber der Stadt, indem er den so genannten „Bösen Brief“ zurückgab.
Je tiefer man sich in das ganze Durcheinander aus Gut und Böse begibt, desto unübersichtlicher erscheint die Lage. Und es hilft auch nicht viel, dass sich alle Seiten auf die Bibel beriefen. Dass die Bauern gern mit Martin Luthers Text von der „Freiheit des Christenmenschen“ von 1520 argumentierten, hielt Luther selbst für ein großes Missverständnis und wütete nun „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“, die man erschlagen solle „wie einen tollen Hund“.
Die Bildkomposition des ubiquitären „Uffrur!“-Plakats hilft dem unbedarften Beobachter allerdings nicht unbedingt, den Bauernkriegs-Mythos zu dekonstruieren, weil rechts oben eine Bäuerin mit aufgerissenem Mund – die KI-generierte Schwarze Hofmännin – wütend die Faust emporreckt, während links unten ein Gelassenheit ausstrahlender Reichsritter in Rüstung und mit Langschwert posiert. Die beiden standen auf derselben Seite, aber man wird das Plakat auf den ersten Blick eher für eine Visualisierung des Gegensatzes halten, wüsste man nicht, dass es sich bei dem Ritter um Götz von Berlichingen handelt, so wie ihn die KI erschuf. Während der literarische Götz noch darüber sinnierte, wer wann durch welche hohle Gasse komme und wer ihn mal könne, führte der reale schon einen Bauernhaufen bei einer Klosterbesetzung an, redete sich aber später gegenüber dem Bauernjörg und auf dem Reichstag damit heraus, er habe das nur getan, um Schlimmeres zu verhindern.
Bauernkrieg als Medienereignis zum Quadrat?
In der Geschichte verbergen sich zweifellos viele Geschichten. Unbeantwortet bleibt bei dem vielstimmigen Storytelling in Museen und Ausstellungen aber zumeist die Frage, was der Bauernkrieg denn eigentlich war: ein zum Scheitern verurteilter Aufstand, eine Revolution, ein Bürgerkrieg, ein Vorschein auf den Dreißigjährigen Krieg knapp ein Jahrhundert später oder eine sinnlose Ansammlung blutiger Episoden. Ohne klare Antwort fällt auch die Sache mit dem Lehrenziehen schwer.
Konsens besteht noch darüber, dass der Krieg aufgrund der Verbreitung des Buchdrucks und all der Flugschriften ein „Medienereignis“ war, wie man halt so sagt. Aber was soll das schon heißen im Zeitalter von Smartphone und KI? Wenn uns die handelnden Personen von vor Hunderten von Jahren in die Ausstellungsstube gebeamt werden, realer als wir sie aus Abbildungen oder der Erwähnung in einer abseitigen Quelle kennen, ist diese Simulation dann ein Medienereignis zum Quadrat? Und kann uns das Ereignis wirklich auf diese Weise, je weiter es wegrückt, umso näherkommen?
Die verspätete und gefallene Nation
Die darüber hinaus gehenden Schlussfolgerungen aus dem Wüten der tollen Hunde und ihrer Gegner docken in aller Regel eher unbewusst an zwei altbekannte Motive an. Zum einen das Motiv der verspäteten Nation, die sich noch immer ihrer Identität vergewissern muss. Es scheint etwa auf, wenn der Stadtarchivar sagt: „Die Franzosen haben ihre Revolution, wir den Bauernkrieg.“ Zum anderen das Motiv von der gefallenen Nation, die ihre bittere Lektion gelernt und verinnerlicht hat. Das scheint auf, wenn die „Zwölf Artikel“ als frühe Form der Menschenrechte tituliert werden und immer mehr Denkmäler an Schauplätzen des Gemetzels errichtet werden. Wenn es etwa in Pfeddersheim bei Worms heißt, der Name „Bluthohl“ erinnere „noch immer“ an den Hohlweg, in dem Tausende ihr Leben aushauchten, so übergeht diese Formulierung den Umstand, dass erst vor 25 Jahren, also zum 475. Jahrestag des Massakers, ein Mahnmal am Bluthohl und eine Friedenstele am Kirchenvorplatz errichtet wurden, als Mahnung für ein friedliches Miteinander. Da drängt sich die Frage auf, welches aktuelle Bedürfnis solche Denkmäler befriedigen.
Kuratorin Ingrid-Sybille Hoffmann vom Dreier-Team des Landesmuseums Württemberg, das die Ausstellung konzipiert hat, formuliert im „Podkäschtle“ als heute mehr denn je gültige Take-Home-Message, der Kampf für die eigenen Rechte dürfe nicht mit der Verteufelung und Entmenschlichung des Anderen einhergehen. Diese Message ist freilich so abstrakt und allgemeingültig, dass sie etwas lose zwischen dem Bauernkrieg und der Gegenwart hängt. Was sie genau bedeuten soll, wird auch nicht weiter ausbuchstabiert, außer dass Konflikte heute, Gott sei Dank, anders ausgetragen würden als früher und man in der Regel gefahrlos auf eine Demo gehen könne.
Wenn man möchte, kann man bei solchen Deutungen so etwas heraushören wie: die Deutschen hätten die Sache mit dem Holocaust eigentlich schon viel früher gewusst oder wissen müssen oder ihr eigenes Wissen bedauerlicherweise selbst ignoriert. Oder dürfen sie sich etwa als Lehrmeister in Sachen Vergangenheitsbewältigung einmal mehr einbilden, die Welt sähe besser aus, wenn die Putins, Netanjahus und überhaupt die Hamas-Leute dieser Welt die Große Deutsche Bauernschule durchlaufen und ihre Lektion gelernt hätten?
Der Populist als Klempner der Geschichte
Viel einfacher mit dem Lehrenziehen hat es dagegen, weil ihm die Sperrigkeit der Geschichte schnuppe ist, der Populist, um den man heute leider auch bei diesem Thema nicht mehr herumkommt. Während die Geschichtswissenschaft à la Lyndal Roper mit den widersprüchlichen Ereignissen und Deutungsangeboten ringt und die Erinnerungskultur à la Landesmuseum dem Publikum eine spannende und gegenwartsbezogene Story präsentieren möchte, macht der Populist als Klempner der Geschichte passend, was nicht passt. Die Bauernproteste von 2024, aufgrund derer etwa der Politische Aschermittwoch der Grünen im oberschwäbischen Biberach abgesagt werden musste, werden von Rechtsauslegern wie Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek bejubelt, weil sich das „Landvolk“, dem sie sich in Blut und Boden nahe fühlen, „nun wieder erhoben“ habe.3
Sprachlich hängt sich diese Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart am Wörtchen des „Bauern“ auf, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass sich die ländliche Bevölkerung von annodunnemals von agrarindustriellen Unternehmen der Jetztzeit unterscheidet und eine angedrohte, aber letztlich zurückgenommene Kürzung staatlicher Dieselkraftstoffsubventionen doch leicht vom Zustand der Leibeigenschaft differiert. Die distanzlose Vermengung des Gestrigen mit dem Heutigen ist in etwa so geistreich, als sähe jemand in der Müntzer-Truppe mit ihrer Regenbogenfahne die Frühform einer Christopher-Street-Day-Parade. Obacht, reine Erfindung, hat (bisher) keiner gesagt. Wirklich geschrieben hat Elsässer hingegen: „Vor genau 500 Jahren standen die Bauern gegen fremde Einflüsse und Knechtung und für ein starkes und einiges Reich auf. Es galt damals zudem, die deutsche Art zu erhalten.“4 Da muss man erst einmal draufkommen, dass das Niedermetzeln von 50.000 bis vielleicht 100.000 Menschen dem Arterhalt, die Verteufelung des Gegners der Einigung und ein Bruderkrieg der Niederringung fremder Einflüsse und der Stärkung des Reiches gedient haben soll!
Und dass heute angeblich im „Landvolk“ Umsturzstimmung herrsche, erklärt sich Elsässer im Weiteren so: „Überhaupt entspricht die heutige Gesellschaftsstruktur wieder der des Mittelalters.“5 Freilich werden in der Geschichtswissenschaft die Konflikte, die im Bauernkrieg und in der Reformation aufbrechen, der Neuzeit zugerechnet. Sie gelten als Teil einer längeren Transformation, die ein wie auch immer definiertes Mittelalter endgültig hinter sich lässt. Daher könnte man sich ob solcher Einlassungen mit dem Gedanken trösten, dass Leute wie Elsässer einfach auf der falschen Seite der Geschichte stehen – angesichts aktueller Wahlumfragen darf allerdings nicht einmal das mehr als sicher gelten.
Was beim Publikum ankommt
Ganz sicher ist jedoch, dass sich die Vergangenheit gegen ihren heutigen Gebrauch nicht wehren kann und dass sie in Wissenschaft, Erinnerungskultur und politischer Indienstnahme jeweils recht unterschiedlich erscheint. Und was von einer Ausstellung wie der in Bad Schussenried beim Publikum ankommt, ist noch einmal eine ganz andere Frage.
Der Verfasser dieser Zeilen schweifte durch die Ausstellungsräume zusammen mit einem zehnjährigen Begleiter, den die Jeremiade der Bauernavatare nicht abholte. Sie sollten sich doch, meinte er, nicht so haben und darüber froh sein, an der frischen Luft und mit Tieren arbeiten zu dürfen, statt den lieben langen Tag im Büro rumzuhocken. Den Einwand, dass sie für ihre Rechte aufstanden und dabei Leib und Leben riskierten, ließ er nicht gelten. Er wünschte sich einfach mehr Fröhlichkeit auf der Welt. Am Ende des Rundgangs hinterließ er auf der Pinnwand, auf der die Besucher ihre Vision für ein besseres Miteinander skizzieren dürfen, einen Zettel mit der Aufschrift „Weg mit den Bauern!!! und ihrem Gejammer“, was wohl nicht ganz den Erwartungen des Kuratorenteams entsprochen haben dürfte. Den Bauernjörg hätt’s g’freut.
Autor Manfred Sing verbrachte Kindheit und Jugend Radl fahrend in seiner Heimatstadt Bad Schussenried und Umgebung, ohne dabei jemals auf Spuren des Bauernkrieges gestoßen zu sein.
Titelbild: „Uffrur!“-Plakat mit KI-generierten Avataren. © Landesmuseum Württemberg.
Anhang
- Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum Schwäbisch Gmünd: Erwerbstätige in der Landwirtschaft, URL: https://lel.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Unsere+Themen/Erwerbstaetige [2025-08-25]. ↩︎
- Greiner, Steffen: 500 Jahre Bauernkrieg: Lehren zur Überwindung eines verkrusteten Systems, in: Deutschlandfunk Kultur, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bauernkrieg-zwoelf-artikel-aufstand-veraenderung-100.html [2025-08-25]. ↩︎
- Maegerle, Anton: Vom Bauernkrieg zum Bauernprotest, in: Kontext Wochenzeitung (11.09.2024), https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/702/vom-bauernkrieg-zum-bauernprotest-9728.html [2025-08-25]. ↩︎
- Elsässer, Jürgen: Was uns die Bauern lehren, in: Compact Online (17.01.2024), URL: https://www.compact-online.de/was-uns-die-bauern-lehren/ [2025-08-25], zitiert bei Maegerle, Bauernkrieg, und Tobias Prüwer: Bauern, Blut und Boden, in: Jungle World (15.05.2025), URL: https://jungle.world/artikel/2025/20/nazis-bauernkrieg-bauern-blut-und-boden [2025-08-25]. ↩︎
- Zitiert bei Maegerle, Bauernkrieg, und Prüwer, Bauern. ↩︎
OpenEdition suggests that you cite this post as follows:
Manfred Sing (September 12, 2025). „Geschichte zum Leben erweckt“: Auf den Spuren der Bauernkriegsavatare. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 2, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/470
Diesem spannenden Artikel wollten wir eine noch größere Reichweite verschaffen und haben ihn deshalb in den Slider auf unserer Startseite de.hypotheses.org und in unseren Newsletter aufgenommen.
Loïc Oberdorfer (Community Management von de.hypotheses)
Herzlichen Dank, das freut uns.