Die Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen und Vorträge zu 500 Jahre Bauernkrieg haben ihren Höhepunkt erreicht. Vielerorts in Süd- und Mitteldeutschland wird der bäuerlichen Bewegung und ihrer blutigen Niederschlagung gedacht. Das Gebiet an Mittelrhein und Untermain gilt in der Forschung dagegen als „Randzone“ des Bauernkriegsgeschehens. Doch kam es in Mainz,1 im Rheingau und in Frankfurt zu Unruhen und Aufständen, die durchaus in einem Zusammenhang mit den Ereignissen in Schwaben, Franken oder der Pfalz gestanden haben.
An den Ereignissen in der Stadt Frankfurt am Main, Messestadt und Krönungsort der Deutschen Könige und damit immer um eine kaisertreue Haltung bemüht,2 kann man ein Phänomen gut beobachten, das in der jüngsten Forschung zu den Bauernaufständen, bei Lyndal Roper, Gerd Schwerhoff oder Thomas Kaufmann,3 besonders hervorgehoben wurde: den engen Zusammenhang von Reformation, bäuerlichen und städtischen Unruhen.
Die Stadt Frankfurt hatte sich, anders als vergleichbare Reichsstädte wie Straßburg oder Nürnberg, zurückhaltend gegenüber reformatorischen Neuerungen positioniert. Aber immerhin wurde nach der Aussetzung des Wormser Edikts im Frühjahr 1523 auf Initiative des Bürgermeisters Hamann von Holzhausen4 mit Dietrich Sartorius ein evangelischer Prediger an der Katharinenkapelle zugelassen. Damit geriet die Stadt in Konflikt mit dem Kapitel des Bartholomäusstifts, des sog. „Frankfurter Doms“, der einzigen Pfarrkirche Frankfurts. Das Kapitel unterstand dem benachbarten Mainzer Erzbischof und damit einem politischen Rivalen der Stadt. In den folgenden Monaten eskalierten die Auseinandersetzungen, weil auch in den Stadtteilen Bornheim und Sachsenhausen die Forderung nach evangelischer Predigt und freier Wahl der Pfarrer laut wurde. In beiden Stadtteilen hatte das Kapitel das Besetzungsrecht der Kirchen inne. Es entsandte verschiedene Prediger, die von den Gemeinden abgelehnt wurden, weil sie die alte Lehre vertraten.
Die Forderung nach evangelischer Predigt verband sich in den Stadtteilen und der Stadt selbst mit Unzufriedenheit über politische und soziale Zustände und mit allgemeiner Kritik am Klerus. Trägerschichten dieser Bewegung waren die Zünfte, vor allem die Schneiderzunft, und die unterbürgerlichen Schichten der Stadt. Es ist nicht einfach zu beurteilen, aus welchen theologischen Quellen sich die Forderungen speisten. Denn in Frankfurt waren durch die Messen in Frühjahr und Herbst immer die neuesten reformatorischen Schriften und Ideen aus allen Teilen des Reichs zugänglich. Die Stadt war ein Hauptumschlagplatz für alle Arten von Lehren, sei es aus dem Kreis um Martin Luther in Wittenberg, sei es aus der Schweiz oder Straßburg, sei es von Theologen wie Andreas Karlstadt, die einen noch radikaleren Bruch mit der alten Kirche forderten. Einflüsse dieser Art lassen sich etwa in der Schneiderzunft nachweisen, die schon im November 1524 ihre Zunftaltäre aus der Kirche entfernte, also eine Art friedlichen Bildersturm umsetzte.
Zeitgleich mit den ersten bäuerlichen Unruhen in Oberschwaben gärte es also auch schon in Frankfurt. Es bildete sich eine Gruppe, die sich selbst als „Evangelische Bruderschaft“ bezeichnete. Nicht viel ist bekannt darüber, wer die Mitglieder dieser Bruderschaft waren, aber sie unterstützten die Forderungen nach neuen Predigern und die Kritik am Kapitel und dem Ordensklerus. Die Wortführer waren Handwerksmeister, aber vermutlich stand auch der evangelische Prediger Sartorius mit ihnen in Verbindung. Sie forcierten auch die Ablehnung der vom Domkapitel eingesetzten Prediger, so dass es sogar zu tätlichen Angriffen auf diese kam und Domprediger Meier aus der Stadt floh. Im Frühjahr 1525 lässt sich die kirchliche Situation in Frankfurt kaum anders als angespannt bezeichnen.
Die bekanntesten Forderungen der aufständischen Bauern waren die „12 Artikel der Bauernschaft“, die am 20. März 1525 von Vertretern verschiedener oberschwäbischer Bauernhaufen in Memmingen verabschiedet wurden. Die genaue Urheberschaft der Artikel ist ungeklärt, doch formulierten sie die Kernforderungen der Bauern. Im ersten Artikel wird der Zusammenhang von Reformation und Bauernaufruhr unmittelbar deutlich:
„Zum Ersten ist unser demütig Bitt und Beger, auch unser aller Will und Mainung, das wir nun fürohin Gewalt und Macht wöllen haben, ain ganze Gemain sol ain Pfarer selbs erwölen und kiesen; auch Gewalt haben den selbigen wider zü entsetzen, wann er sich ungebürlich hielt. Derselbig erwölt Pfarrer soll uns das hailig Evangeli lauter und klar predigen one allen menschlichen Züsatz, Leer und Gebot; 1. Thim. 3, Titon. 1, Actuu. 14.“5
Die Berufung (und mögliche Absetzung) von Pfarrern durch die Gemeinde und die Predigt des Evangeliums ohne weitere Zusätze waren also die Kernforderungen der Bauern; sie wurden – wie die übrigen Artikel – mit der Berufung auf Bibelstellen begründet. In der Vorrede wiesen die Autoren auch den Vorwurf zurück, das Evangelium sei die Ursache für Ungehorsam und Empörung der Bauern. Vielmehr würden sie nach dem Evangelium friedlich und geduldig leben wollen.
Die Zwölf Artikel wurden umgehend im Druck verbreitet, vielerorts nachgedruckt und erreichten binnen weniger Wochen eine enorme Auflage.6 Selbstverständlich kursierten sie auch in Frankfurt: Nur wenige Tage nach der Unterzeichnung und Überreichung der Artikel am 20. März müssen druckfrische Exemplare in Frankfurt auf der Frühjahrsmesse zu kaufen gewesen sein, die in der Fastenzeit vor Ostern stattfand. Das kann man annehmen, weil die Artikel der Bauern offensichtlich auch die Akteure in Frankfurt inspirierten: Bereits am 13. April erhielt der Rat eine Eingabe mit elf Artikeln,7 die mit „Etliche Christliche Brüder der Stadt Frankfurt und Sachßenhausen“ unterzeichnet war und eine Antwort bis zum 16. April, dem Ostersonntag, einforderte. Den Artikeln war – wie bei den Artikeln der Bauern – eine allgemeine Erklärung vorangestellt, in der auf die Offenbarung des Evangeliums und die geistlichen Rotten der Pfaffen und Mönche als dessen Widersacher verwiesen wird. Wie bei den Bauern wird der Aufruhr als Werk des Teufels bezeichnet und erklärt:
„[Es] ist uns nott, dass wir das gotloß wesen lassen und ein christlich bruderlich weiß in einigkeit anzufahen hoch zeit: ist unser beschwer, darinne wir lange Zeit als in einem kerker genothzwingt worden sein und wir nit lenger ertragen konden oder wollten.“
So eingeleitet, beginnen die Artikel:
„Erstlich ist unser bitt und beger, auch ernstlich meinung, daß hinfurter ein ersamer rathe und ein gemein ein pfarher in die pfarkirchen zu setzen und zu entsetzen macht haben sollen, derselb erwelte pfarher auch nicht anders dan das lauter wort Gottes, das heilig evangelium, unvermengt menschlicher satzung predigen sall, damit das volk in rechter lere gesterkt und nit verfuret werden.“
Die Parallelen zu den Artikeln der Bauern sind offenkundig: Pfarrerwahl und -absetzung durch die Gemeinde, Verpflichtung auf Lehre des Evangeliums ohne menschliche Zusätze, scharfe Töne gegen die Widersacher dieser Forderungen. Doch eine Abweichung fällt auf und ist schon mehrfach hervorgehoben worden: In Frankfurt wird das Pfarrbesetzungsrecht für den Rat und die Gemeinde gefordert; die Artikel richten sich in dieser Frage an das Kapitel – und stärken dem Rat in dem Konflikt den Rücken.
Der Zusammenhang zwischen den 12 Artikeln der Bauern und den Frankfurter Artikeln ist in der Forschung teils in Frage gestellt worden, weil die weiteren zehn Artikel wenig Parallelen zu den Forderungen der Bauern aufweisen. Das kann aber nicht überraschen, denn die bäuerlichen Artikel nehmen Bezug auf spezifische bäuerliche Fragen, von der Leibeigenschaft über Frondienste bis hin zu Erbschaftssteuern, für die es in Frankfurt keine Entsprechung gab. Aber in Frankfurt erhobenen Forderungen richten sich in ähnlicher Weise gegen die Klöster und ihre rechtliche Sonderstellung; sie fordern die Abgeltung von ewigen Abgaben, die Abschaffung von Bereicherung durch Vorkauf und überhöhte Abgaben und gegen sittliche Missstände vor allem beim Klerus. Die weitestgehende Forderung wird im neunten Artikel erhoben: Einer der Bürgermeister solle aus der Gemeinde gestellt werden, „damit der arme auch gehort“ werde. Der letzte der Frankfurter Artikel richtet sich gegen die Juden, denen kein „Wucher“, Geldverleih gegen Zins mehr gestattet werden soll.
Noch ehe der Rat auf die elf Artikel reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Unzufriedenheit ging über in offenen Aufstand: Eine Versammlung von mehreren hundert Personen überreichte am 17. April einen Katalog von 43, später 46 Artikeln – die bisherigen Artikel, mit Ausnahme des neunten, wurden ergänzt um eine Vielzahl von Einzelforderungen verschiedener Art, in denen aber die Forderungen nach freier Predigerwahl und zur Einschränkung des Klerus und der Klöster weiterhin prominenten Raum einnahmen. Es kam während des Aufstands zu Plünderungen von Klosterkellern und Vorratshäusern, für einige Tage befand sich die Stadt in der Gewalt der Aufständischen und der Rat musste die Artikel annehmen.
Auch die Frankfurter 46 Artikel wurden gedruckt und erfuhren immerhin fünf Auflagen.8 Sie wurden dadurch in einer Reihe von weiteren Städten rezipiert. So wenig wie die spezifisch bäuerlichen Artikel in Frankfurt aufgenommen wurden, so wenig dürften die sehr auf die Stadt Frankfurt bezogenen der 46 Artikel in Köln, Münster oder Osnabrück berücksichtigt worden sein (die Bauaufsicht über Treppen und Keller etwa stellte eben nicht überall ein Problem dar). Aber beide Drucke – es blieben die einzigen Artikelserien, die im Druck erschienen und somit reichsweit verbreitet wurden – trugen wie Musterkataloge die Forderungen der Aufständischen weiter und fanden weithin Resonanz.
Dem Frankfurter Aufstand erging es letztlich nicht anders als den Bauernunruhen: Nach kurzer Zeit gewannen die alten Obrigkeiten wieder die Oberhand. Während jedoch die aufständischen Bauern in einem furchtbaren Blutbad niedergemacht oder später hingerichtet wurden, blieb der kurzlebige Frankfurter Aufstand nahezu unblutig: Weder kamen während der Unruhen Personen ums Leben, noch wurden die Aufständischen später gerichtet. Und die Forderung nach evangelischer Predigt setzte der Rat nach kurzer Zeit in die Tat um.
Henning Jürgens ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IEG und forscht zur Geschichte der Reformation und Konfessionsbildung.
Titelbild: Belagerungsplan der Stadt Frankfurt am Main nach Conrad Faber von Creuznach, ca. 1552, Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt_Belagerungsplan_1552.jpg, gemeinfrei.
Anhang
- Dobras, Wolfgang: Die erste Ausfertigung der Mainzer 31 Artikel vom 27. April 1525: Edition eines neuen Fundes zum Bauernkrieg, in: Mainzer Zeitschrift 118/119 (2023/2024), S. 91–96. ↩︎
- Schnettger, Matthias: Konfessionen – Konflikte – Kommunikation: Die frühneuzeitliche Reichsstadt, in: Marie-Luise Recker (Hg.), Tradition und Wandel: Frankfurt am Main, Göttingen 2023 (Veröffentlichungen der Frankfurter Historischen Kommission 26), S. 137–249. ↩︎
- Roper, Lyndal: Für die Freiheit: Der Bauernkrieg 1525, Frankfurt am Main 2024; Schwerhoff, Gerd: Auf dem Weg zum Bauernkrieg: Unruhen und Revolten am Beginn des 16. Jahrhunderts, Tübingen 2024 (Konflikte und Kultur – historische Perspektiven 43); Schwerhoff, Gerd: Der Bauernkrieg: Eine wilde Handlung, München 2024; Kaufmann, Thomas: Der Bauernkrieg: Ein Medienereignis, Freiburg u.a. 2024. ↩︎
- Die detaillierteste Darstellung zu Hamann von Holzhausen und den Ereignissen in Frankfurt bietet Matthäus, Michael: Hamman von Holzhausen (1467–1536): Ein Frankfurter Patrizier im Zeitalter der Reformation, Zugl.: Frankfurt (Main), Univ., Diss., 2001, Frankfurt am Main 2002 (Studien zur Frankfurter Geschichte 48). ↩︎
- Zitiert nach: Franz, Günther (Hg.): Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges, Darmstadt 1963 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte der Neuzeit 2), S. 174f. ↩︎
- Dazu im Einzelnen Kaufmann: Bauernkrieg, der den enormen Erfolg der Artikeldrucke in den Mittelpunkt seiner Darstellung des Bauernkriegs als „Medienereignis“ stellt. Vgl. die Übersicht über die Drucke bei Claus, Helmut (Hg.): Der deutsche Bauernkrieg im Druckschaffen der Jahre 1524–1526: Verzeichnis der Flugschriften und Dichtungen, Gotha 1975, S. 24–29. ↩︎
- Ediert bei Jung, R[udolf]: Zur Entstehung der Frankfurter Artikel von 1525, in: Archiv für Frankfurter Geschichte und Kultur N.F. 2 (1889), S. 198–208. ↩︎
- Claus: Verzeichnis, 35f. Vgl. VD16 F 2308—F 2310. ↩︎
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Henning P. Jürgens (September 12, 2025). Am Rande des Bauernkriegs? Die Frankfurter Unruhen von 1525 und die Reformation. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 3, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/416