Von Manfred Sing
Mit mehr als 100 geladenen Gästen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft feierte das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) am 6. November 2025 im Staatstheater Mainz sein 75-jähriges Bestehen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer dankte in seinem Grußwort den Direktoren und Beschäftigten des IEG dafür, „dass Sie so viele Menschen inspiriert und ausgebildet haben“, und unterstrich die Bedeutung eines pro-europäischen Bekenntnisses, „auch wenn die Zeiten schwieriger werden“.
Er sei selbst aufgewachsen in einem vereinten Europa und mit der Vorstellung, dass es „immer mehr Europa geben“ werde, müsse nun aber feststellen, dass man heute viel öfter als früher dieses für selbstverständlich gehaltene Europa erläutern müsse, sagte Schweitzer weiter. Er räumte ein, dass nach 1989/90 nicht alles, was man sich erträumt habe, erfüllt habe, betonte aber, dass die Alternative zu Europa ein wieder erstarkender Nationalismus sei. Ein „großer Franzose“ – er spielte auf den früheren französischen Präsidenten François Mitterand an – habe dies mit dem Bonmot „le nationalisme, c’est la guerre“ (Nationalismus bedeutet Krieg) auf den Punkt gebracht. Der Ministerpräsident ging sowohl auf die geographische Lage des Bundeslandes als auch den Wissenschaftsstandort näher ein. Rheinland-Pfalz sei schon von seiner geographischen Lage her ein „sehr europäisches Land“, was zugleich Privileg und Verpflichtung sei. Als Wissenschaftsstandort sei es die Heimat von fünf Leibniz-Instituten und damit ein starker Partner außeruniversitärer Forschung. Mit Blick auf die zahlreichen Stipendiatinnen und Stipendiaten aus aller Welt, die seit Jahrzehnten regelmäßig nach Mainz kommen, würdigte er die „hervorragende Arbeit“, die am IEG geleistet werde, als Beitrag zu einem „positiven Stadtbild, wie ich mir das vorstelle“.

In ihrem Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte strichen auch die beiden Direktoren des IEG, Nicole Reinhardt und Johannes Paulmann, heraus, dass sich das Europa-Verständnis seit den 1950er Jahren von einer Vision zu einer „komplexen Realität“ gewandelt habe – und auch das IEG mit den drei Arbeitsbereichen „Gesellschaft“, „Religion“ und „Digitalität der historischen Forschung“ inzwischen die Gründungsstruktur von zwei Abteilungen („Abendländische Religionsgeschichte“ und „Universalgeschichte“) hinter sich gelassen habe.
Im Duett ließen sie sodann die Meilensteine aus der Geschichte des IEG Revue passieren, darunter die Aufnahme des Instituts in die Leibniz-Gemeinschaft im Jahr 2012 mit neuen Stellen zur islamischen und jüdischen Geschichte sowie die strategische Erweiterung um die digitale historische Forschung im Jahr 2019. Unter den zahlreichen Projekten aus der jüngeren Vergangenheit hoben sie unter anderem die Forschung zu Friedensverträgen und zum Humanitarismus sowie das Online-Projekt „Europäische Geschichte Online“ hervor, in dem mittlerweile mehr als 300 Artikel zu Themen einer transnationalen Geschichtsschreibung Europas versammelt sind.

„Die kollegiale Zusammenarbeit am IEG ermöglicht wissenschaftliche Erfolge.“
Über ihre Erfahrungen mit dem IEG berichtete anschließend Katharina Stornig, die seit diesem Jahr Professorin für die Geschichte der Neuzeit und für Frauen- und Geschlechtergeschichte ab dem späten 18. Jahrhundert an der Universität Wien ist und von 2011 bis 2016 in Mainz forschte. Ausgehend von Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s Own“ (Ein Zimmer für sich allein) entfaltete sie den Gedanken, dass ein eigenes Zimmer für eigenständiges Schreiben und Denken unerlässlich sei. Zudem „begleitet und ermöglicht“ das Umfeld die eigenen Tätigkeiten sehr stark: „Ohne die Forschungsleistung anderer“ sei Forschung nicht möglich, sagte sie und berichtete davon, wie die kollegiale Zusammenarbeit am IEG nicht nur wissenschaftliche Erfolge ermöglichte, sondern es auch erleichterte, „Misserfolge einzuordnen und damit umzugehen“. Sie stellte weiter heraus, wie der wissenschaftliche Austausch ihr dabei half, neue Projekte mit anderen zu erarbeiten und dass vor allem auch Diskussionen über Epochengrenzen hinweg es ermöglicht hätten, die eigenen Konzepte zu schärfen. Dieses Feedback führe zur Auseinandersetzung mit der Standortbestimmtheit der eigenen Forschung und nötige auch zur Reflexion über die eigenen Grenzen des Wissens. Somit sei das IEG ein idealer Ort für eine „reflexive Herangehensweise“ und neue Formen der Zusammenarbeit. Mit dieser „Kultur der gegenseitigen Wertschätzung“ biete das IEG „weit mehr als Geld und ein Zimmer für sich allein“.

„Das 19. Jahrhundert ist ganz nah an die Gegenwart herangerückt.“
In einem unterhaltsamen Festvortrag sprach Festredner Christopher Clark von der University of Cambridge über 1848 als der einzigen gesamteuropäischen Revolution mit Wirkungen über Europa hinaus und zog dabei zahlreiche Parallelen zu den Krisen der Gegenwart. Die Revolution habe zu einer Auflösung der Ordnung, zu vielfältigen Formen der Massenmobilisierung und zu einer Verflüssigung der Grenzen zwischen den politischen Lagern geführt. Für Historiker sei es schwierig, die Ambivalenzen der Revolution in eine geschlossene Erzählung zu packen, denn „Revolution und Konter-Revolution sind als Zwillinge im selben Bett geboren“. Als er selbst noch in der Schule gewesen sei, sei ihm 1848 so weit weg vorgekommen wie das Alte Ägypten, erzählte Clark; heute sähe er derart viele Ähnlichkeiten, dass das 19. Jahrhundert aus seiner Sicht ganz nahe an die Gegenwart herangerückt sei: „Wir sind dabei, aus etwas herauszukommen, was sie noch nicht kannten.“ Was im 20. Jahrhundert lange als „Modernität“ gegolten habe, sei jetzt im Schwinden begriffen. Ein Ausflug in die Thermodynamik des 19. Jahrhundert half Clark dabei, den „Kohäsionsverlust“ der Naturwissenschaften auch als Gesellschaftsbeschreibung aufzufassen, die besonders auch für die Wirren der Revolution gegolten habe und auch heute oft als Gesellschaftsdiagnose beschworen werde.

„Die heutigen Polykrisen ergeben sich nicht allein aus komplexen Problemen, sondern auch aus dem Festhalten der Menschen an widersprüchlichen Interessen.“
Die aktuelle Rede von der „Zeitenwende“ ordnete Clark begrifflich vier vorangegangenen politischen „Wenden nach rechts“ zu, die zeitgenössisch ebenfalls als „Wende“ tituliert worden seien: der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933, der SED-Kurskorrektur 1953, der geistig-moralischen Wende der Regierung Helmut Kohl 1982 und der Wiedervereinigung 1989/90. Unter Bezug auf ein Zitat von Karl Marx – als eines aufmerksamen Beobachters der Revolution von 1848 – bemerkte Clark, dass sich die heutigen Polykrisen nicht allein aus komplexen Problemen ergäben, sondern auch aus dem Festhalten der Menschen an widersprüchlichen Interessen. Wenn heute wieder eine Revolution bevorstehe, liege die Annahme nahe, dass sie wieder „schlecht geplant, uneinheitlich und voller Widersprüche“ sein werde. Der Vortrag war als Plädoyer dafür zu verstehen, wie die Geschichtswissenschaft dabei helfen kann, die Herausforderungen der Gegenwart besser zu verstehen.

Manfred Sing ist Forschungskoordinator am IEG.
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Manfred Sing (November 7, 2025). Das IEG steht für ein „positives Stadtbild“ und ein Bekenntnis zu Europa, „auch wenn die Zeiten schwieriger werden“. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 4, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/3328