Von Manfred Sing
Seit 75 Jahren wird in Mainz die europäische Geschichte der vergangenen fünf Jahrhunderte erforscht. Das heutige Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) ist hervorgegangen aus deutsch-französischen Historikergesprächen in Speyer nach dem Zweiten Weltkrieg und der dabei artikulierten Einsicht, dass nach dem Krieg eine neue, transnationale Geschichtsschreibung für Europa vonnöten sei. 1950 nahm das Institut seine Arbeit auf, 1952 zog es in die nach dem Krieg wieder aufgebaute Alte Universität (Domus Universitatis) ein. Im Jahre 2012 erfolgte die Aufnahme des Instituts in die Leibniz-Gemeinschaft – eine der vier großen außeruniversitären Forschungsorganisationen in Deutschland.1 Am IEG forschten bisher 168 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die insgesamt 860 Bücher und 1800 Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden zur europäischen Geschichte publiziert haben. Mit einer Festveranstaltung feiert das IEG am 6. November 2025 sein 75-jähriges Bestehen. Grund genug, um in einem Interview mit den beiden Direktoren, die das Institut mit rund 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern leiten, Bilanz zu ziehen und zugleich nach vorne zu schauen: Nicole Reinhardt, Professorin für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Religionsgeschichte, ist seit 2022 im Amt; Johannes Paulmann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte mit einem Schwerpunkt in der transnationalen Geschichte Europas, amtiert seit 2011.
Liebe Nicole, lieber Johannes, fangen wir mit einer Frage an, die sich Historiker gerne stellen: Kann man das IEG schon historisieren, oder ist es dazu noch zu früh?
Nicole Reinhardt: Wie alle menschlichen Institutionen kann und muss man das IEG historisieren, weil es wie sie einem ständigen Wandel unterworfen ist. Das ist das, was Geschichte macht.
Johannes Paulmann: Ja, kann man historisieren. Das IEG ist älter als zwei Generationen. Wenn man Generationen mit 30 Jahren rechnet, sind wir schon in der dritten Generation.
„Die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft war ein Meilenstein.“
Und wenn das IEG ein Mensch wäre, was hätte es für einen Charakter?
Nicole Reinhardt: Das ist schwierig zu sagen. Haben Menschen das ganze Leben über immer den gleichen Charakter? Sie entwickeln sich ja. Und was an Grunddisposition irgendwie eingegeben war, das hat das IEG ganz aktiv weiterentwickelt, so wie alle Menschen auch.
Johannes Paulmann: Ich würde sagen: eine gleichbleibende Dynamik. Wir sind vielleicht in einer Art von periodischer Metamorphose oder Wiedergeburt so etwa wie promovierte 30-Jährige, die jetzt wieder aufbrechen in neue Forschungen.
Das klingt eher nach Jungspund als nach Greis…
Johannes Paulmann: Also, diplomiert und promoviert sind wir seit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft. Und ab da haben wir erneut so richtig losgelegt.
Was sind denn die Meilensteine in der Geschichte des greisen Jungspunds?
Johannes Paulmann: Einen habe ich ja gerade genannt, das ist die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft 2012. Sie hat das Institut vergrößert und eine neue thematische Breite hergestellt, durch den Einschluss von Stellen zur osmanischen Geschichte, zur Islamwissenschaft, zur jüdischen Geschichte und zur Judaistik. Das ist sozusagen ein Aufbrechen des ursprünglichen Rahmens nach den 1950 benannten Abteilungen für „Abendländische Religionsgeschichte“ und „Universalgeschichte“. Diesen Rahmen haben wir faktisch mit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft hinter uns gelassen, auch wenn es jetzt länger gedauert hat, bis die Satzung angepasst wurde. Das ist sicher ein Meilenstein. Und der zweite Meilenstein, den ich sehe, ist die 2016 beantragte, seit 2019 wirksame strategische Erweiterung durch das DH Lab, also Digital History, gewesen. Das hat das Institut verändert, weil Digital History als Methode mit digitalen Werkzeugen quer liegt zu dem, was bislang gemacht wurde. Das sind die beiden Meilensteine, die ich in der jüngsten Vergangenheit sehen würde.
Nicole Reinhardt: Als zuletzt Dazugekommene würde ich das auch so sehen. Ich denke, durch die Leibniz-Gemeinschaft ist natürlich nochmal eine ganz andere Verpflichtung zur Zusammenarbeit nach innen und außen dazugekommen und damit auch ein größeres Volumen von Mitteln, aber auch von Personen und möglichen Integrationen in andere Kontexte und Horizonte, die ein Institut, das nur auf lokaler Förderung beruht, so nicht leisten kann. Das kann man ja auch sehen bei Instituten, die sowas nicht haben und durchaus tolle Arbeit machen, aber bei denen dann einfach immer so ein Deckel drauf ist, wo es dann auch aus dem Eigenen nicht mehr herausgehen kann.
Johannes Paulmann: Die Strukturen der Vernetzung sind verstärkt worden. Man muss dazu sagen, dass wir beide und das Institut insgesamt von dem Bemühen unserer Vorgänger, Heinz Duchhardt2 und Irene Dingel3, in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen zu werden, profitieren. Sie haben das vorangetrieben und waren damit erfolgreich.
Nicole Reinhardt: Sie haben diese Chance erkannt, was es für das Institut heißt, in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen zu werden, es auf ein anderes Level zu heben und über das hinaus zu bringen, was vorher schon da war.
Lässt sich das noch etwas genauer fassen, welche Veränderungen das für das Institut mit sich gebracht hat?
Johannes Paulmann: Einerseits sind wir durch die Evaluierungen alle sieben Jahren regelmäßig gezwungen, uns zu fragen: Was machen wir eigentlich? Was haben wir gemacht? Was wollen wir machen? Wo wollen wir eigentlich hin? Das ist ein Zwang, der durch die Leibniz-Gemeinschaft gegeben ist. Das ist eine Anstrengung: Das gesamte Institut muss alle sieben Jahre reflektieren. Andererseits hat uns das ein Gerüst gegeben, unsere internen Strukturen sind gefestigt worden. So um 2004 herum, da gab es keine Verwaltungsleitung, es gab außer Sekretariaten faktisch keinen wissenschaftsunterstützenden Bereich. Heute haben wir ein Referat für Öffentlichkeitsarbeit, ein Referat für Stipendienwesen und werden künftig eine administrative Direktorin haben.
„Der Prozess der Institutionalisierung ist ein Gewinn.“
Nicole Reinhardt: Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die eine gewisse Perennität haben und eben nicht mehr direkt angebunden sind an die guten und schlechten Eigenschaften der Forscherpersönlichkeiten, die das Institut jeweils leiten. Insofern ist das ein Prozess der Institutionalisierung. Institutionen haben schon noch einen eigenen Charakter, aber er ist nicht mehr so stark von den Personencharakteren abhängig, und das, würde ich sagen, ist ein Gewinn.
Johannes Paulmann: Wobei die Person natürlich immer noch eine Rolle spielt, aber die Institution ist sozusagen stabiler, gefestigter durch die Leibniz-Gemeinschaft.
Wie schlägt sich dieser Wandel auf die Zahl der Mitarbeitenden und die Anzahl der Forschungsprojekte nieder?
Johannes Paulmann: Die Zahl hat sich durch die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft vergrößert, aber auch – und das ist eine allgemeine Tendenz in der Geschichtswissenschaft und auch in den Geisteswissenschaften – durch das hohe Drittmittelaufkommen und den Erfolg in unserem Fall bei der Einwerbung von Drittmitteln. Der Kernaushalt hat sich vergrößert mit der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft und mit der strategischen Erweiterung, dem DH Lab, und wird sich künftig nochmal erhöhen durch die strategische Erweiterung mit der „Europäischen Umweltgeschichte“. Aber die Zahl von zwischen 25 und 35 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das schwankt halt immer so ein bisschen, ist für ein historisches Institut recht groß und letztlich auch der erfolgreichen Drittmitteleinwerbung zu verdanken.
Nicole Reinhardt: Ein weiterer Bereich, der stärker geworden ist und auch weiterhin stärker wird, sind die Praxistransfers in die Gesellschaft, die ja auch organisiert werden müssen, also über die reine Wissenschaftskommunikation hinausgehen.
Wenn man so zurückblickt: Wie hat sich denn das Selbstverständnis im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Johannes Paulmann: Angefangen hat das IEG im Geist der Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren, das kam aus dem deutsch-französischen Kern heraus allgemein Richtung europäische Völkerverständigung. Ich würde auch sagen, in den 1970er und 1980er Jahren kam zum Selbstverständnis hinzu, die Ost-West-Spaltung zu unterlaufen, was vor allen Dingen durch Karl Otmar von Aretin4 geleistet worden ist, nämlich über das Stipendienwesen, indem er relativ viele osteuropäische Stipendiatinnen und Stipendiaten für längere Aufenthalte hierher eingeladen hat. Seit ich da bin, gehört zum Selbstverständnis auch mit dazu, dass Europa nicht mehr als Container und abgeschlossene Einheit ähnlich wie ein übergroßer National-Container gesehen wird, sondern dass Europa in seinen vielfältigen Weltbeziehungen untersucht wird. Nicht in jedem Projekt, aber in sehr vielen Projekten. Wir haben in den letzten Jahrzehnten ein anderes Europaverständnis.
„Wer gehört zu Europa und wer nicht? Wo ist die Grenze, gerade auch im Osten? Und was für ein Europa soll das sein? Ein Europa der Nationalstaaten oder ein Europa der Werte?“
Nicole Reinhardt: Vielleicht auch ein problematisierteres Europaverständnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg, und das hängt natürlich stark mit der deutschen Geschichte zusammen, war Europa die Chance, die Ursünden von Nationalismus zu überwinden, und auch ein Versprechen, dass es damit aufgehen könnte. Jetzt gibt es, natürlich auch nach dem Fall der Mauer, sehr viel stärker ein postkoloniales Verständnis von Europa als Problem für Europa selber, aber auch für die Welt. Denn sehr viel klarer treten ganz viele Konflikte und Ungerechtigkeiten zu Tage, die vorher quasi hinter dem Eisernen Vorhang verdeckt waren, die jetzt aber alle nach und nach aufbrechen, was wir jetzt auch sehen, etwa in der Ukraine. Sie werfen eben viele Fragen nochmal neu auf. Wer gehört zu Europa dazu und wer nicht? Wo ist da die Grenze, gerade auch im Osten? Was soll das heißen, wenn man dazugehört, was für ein Europa soll das sein? Ein Europa der Nationalstaaten oder ein Europa der Werte? Ich glaube, es ist jetzt alles nochmal viel problematischer geworden nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, auch die Idee, Europa unreflektiert als Modell zu nehmen oder zu denken, man könne A und B aus der europäischen Geschichte lernen. Man kann viele Dinge lernen, aber sie sind komplexer geworden, und der Europabegriff ist schwieriger geworden.


Oben: Mainz Innenstadt, Herbst 1947, Foto: Stadtarchiv Mainz. Rechts: Ausschnitt aus „Wiederaufbau der Domus Universitatis, Strassenseite 20.10.1951“, Foto: Universitätsarchiv Mainz.


Links: Domus Universitatis (südliches Portal), vor 1952, Foto: Universitätsarchiv Mainz.
Rechts: Gruppenphoto im Jahr 2019, Foto: IEG.
Johannes Paulmann: Ich würde sagen, in den 1950er Jahren und lange danach war Europa eine Vision, und jetzt ist es so etwas wie eine komplexe Realität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen…
Nicole Reinhardt: …und ein Problem.
Johannes Paulmann: Was sich sicher auch gewandelt hat, ist die Beschäftigung mit Religion am Institut. Anfangs war eine christlich-kirchliche Religionsbeschäftigung zu Grunde gelegt. Das hat sich komplett gewandelt. Heute existiert ein ganz anderes Selbstverständnis des Instituts, das mit den letzten Direktoren einsetzte.
Nicole Reinhardt: Das ist ja die Eigenartigkeit, dass ein Institut gegründet worden ist, das die europäische Geschichte erforscht und in dem anfangs eine der zwei Professuren eine theologische war. Nun ist ja der Anspruch von Theologie und Geschichte nicht genau der gleiche, auch wenn es in der Theologie Abteilungen gibt, die natürlich historischer Natur sind, so sind sie aber immer noch in eine Heilsgeschichte eingeschrieben. Selbst wenn man das jetzt addiert und verschiedene Religionen hinzunimmt, bliebe das immer noch quasi unter dem theologischen Paradigma, es wäre wahrscheinlich keine unbedingt historische Herangehensweise. Es ist ein Unterschied, ob man Religion religionsgeschichtlich oder kirchengeschichtlich auffasst. Und da stellt man dann auch fest, dass die Vorstellung, dass Religionsgeschichte in Kirchengeschichte aufgeht, eine sehr europäische ist und nicht einmal eine europäische, sondern eine ganz stark christliche. Da zeigt sich so ein Kurzschluss im Verständnis europäischer Geschichte als Christentumsgeschichte, was sie aber nicht ist, historisch nie gewesen ist, was aber natürlich auch im Europabegriff verschwimmt, bei dem historisch quasi schon die Konfessionalisierung eingeschrieben ist, was wiederum eine sehr deutsche Vorstellung ist von Europa. Ich glaube, das ist jetzt am IEG ein bisschen aufgelöst worden. Es ist natürlich immer Platz auch für theologische Expertise, aber wir sind ein historisches Forschungsinstitut, und ich denke, das ist jetzt nochmal stärker akzentuiert worden.

Ihr habt es schon angedeutet, aber ich wollte trotzdem nochmal nachfragen: Wie hat sich die Veränderung des internationalen Kontextes in den vergangenen Jahrzehnten auf die Arbeit des IEG ausgewirkt? Könnt Ihr auf den Wandel noch etwas näher eingehen?
Johannes Paulmann: Wenn ich auf meine eigene Erfahrung zurückblicke, so kann ich sagen, dass die Forschungslandschaft, wenn man das so bezeichnen möchte, viel stärker europäisiert und pluraler geworden ist. Als ich als Direktor hier angefangen habe, war ich bis dahin zwar im akademischen Europa schon etwas herumgekommen. Plötzlich war ich dann aber an Orten akademisch unterwegs, an die ich nicht gedacht hätte. Ja, ich habe mehrere Jahre im Ausland gearbeitet, hatte Gastprofessuren hier und da, aber durch meine Tätigkeit als Direktor wurde mir plötzlich klar: es gibt sowas wie eine europäische Forschungslandschaft. Die ist immer personengebunden und hängt an Institutionen und ist nicht gleichbleibend. Aber das war für mich eine neue Erfahrung, und das sieht man ja auch an den wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die am Institut sind. Auch da hat sich das Institut ganz deutlich geändert. Wir haben Leute aus verschiedenen europäischen und nicht-europäischen Ländern, die jetzt ein Stück ihrer wissenschaftlichen Karriere hier verbringen. Das ist jetzt vielleicht nicht so übermäßig plural, wie man sich das vorstellen würde, aber doch in den letzten zehn, 15 Jahren deutlich pluraler geworden, nicht nur von den Inhalten her, sondern auch von den Personen. Daran würde ich die Erfahrung des Europäischen in der akademischen Welt festmachen. Da erfüllt das Institut aus meiner Sicht seinen europäischen Auftrag, besonders wenn es kooperiert. Man kann europäische Geschichte nie ganz abdecken, weil das nicht geht mit dem Personal, das wir haben oder das man haben müsste – man hätte noch 100 Leute mehr einstellen müssen. Der Witz ist aber, dass man europäische Geschichte betreiben kann, wenn wir sie nicht allein, sondern in Kooperation betreiben.
„Das Institut ist natürlich eine tolle Plattform, weil man da vieles von dem sehen kann, was international und europäisch passiert – auch über die Stipendiaten und Stipendiatinnen, die ans Haus kommen.“
Nicole Reinhardt: Ich denke auch, dass sich die Landschaft pluralisiert hat, denke aber auch, dass sich der Status der deutschen Geschichtswissenschaft in Europa verändert hat. Als ich Studentin in Heidelberg und Freiburg war, war für mich als junge werdende Historikerin, die mit der deutschen Nationalgeschichtsschreibung nix anfangen konnte, das Refugium eigentlich die französische und italienische Geschichtswissenschaft. Nicht deren Geschichte, aber deren Geschichtswissenschaft und Horizonte, weil die methodisch anders gearbeitet haben, die Annales-Schule oder Braudel mit seiner Méditerranée.5 Es war für mich grundlegend, dass Geschichte, ganz besonders bei Braudel, nicht nur eine europäische Geschichte war, sondern eine Geschichte, die über dieses europäische Mittelmeer hinaus ging nach Nordafrika und in die Levante rein, also wo ich mich auf einmal zu Hause gefühlt habe. Das hat mit mir zu tun, hat mit dem Zustand der damaligen deutschen Geschichtswissenschaft zu tun, und insofern war für mich die französische Geschichtswissenschaft methodisch ganz lang die neue Heimat. Dazu kam dann die italienische Geschichtswissenschaft für mich, die ganz anders unterwegs war. Die französische Annales-Geschichte war ja die Vorform der Digitalisierung, die hat diese Massenquellen verarbeitet, also alle Testamente mit den ersten Computern verarbeitet und daraus dann sozial- und kulturgeschichtliche Schlüsse gezogen, was ich spannend fand. Italienische Geschichte umgekehrt: die haben aus der Reichhaltigkeit der Archive diese Mikro-Geschichte, diesen Mikroblick gemacht. Dazu kam ich dann mit meiner eigenen deutschen Vorformatierung, die jetzt eher soziologischer Natur war, obwohl ich das nie studiert habe. Über die Geschichte der Modernisierung und Sozialtheorien habe ich mich der europäischen Geschichte genähert, Nationalgeschichte wollte ich nie schreiben. Diese Landschaft hat sich verändert. Früher waren bei anderen europäischen Historikern Sprachkenntnisse des Deutschen viel weiter verbreitet. Es gab einen starken Dialog zwischen deutschen Historikern – es waren meistens Historiker, nicht Historikerinnen – und Historikern im Ausland, die noch Deutsch konnten und deutsche Historiker gelesen haben, die wiederum Französisch und Italienisch gelesen haben, natürlich auch Englisch, und so auch kommuniziert haben. Es ist jetzt schwierig geworden, Partner im Ausland zu finden, die noch Deutsch lesen können. Insofern hat sich die Position der deutschen Geschichtswissenschaft enorm verändert. Auf der anderen Seite gibt es sehr viel mehr junge Historikerinnen und Historiker, die eine internationale oder europäische Formation hinter sich haben und die mit all diesen neuen Geschichtswissenschaften auch kommunizieren können. Ich meine, es ist ja noch viel unübersichtlicher geworden, weil noch nicht klar ist, wie zum Beispiel Osteuropa unser Verständnis von Geschichte noch mal verändert oder ob es noch immer gewisse methodische Zentren und Fixpunkte gibt, die eine Ausstrahlungskraft haben. Ich sehe zum Beispiel in der spanischen Geschichtsschreibung und auch in der portugiesischen zum Teil, dass das Modell Annales immer noch extrem stark ist, was natürlich auch etwas mit der sprachlichen Nähe zu tun. Das wäre interessant, sich zu überlegen, wie sich der veränderte Status der verschiedenen Geschichtswissenschaften insgesamt auswirkt. Dafür ist das Institut natürlich eine tolle Plattform, weil man da vieles von dem sehen kann, was international und europäisch passiert – auch über die Stipendiaten und Stipendiatinnen, die ans Haus kommen.
Johannes Paulmann: Bei mir war es im Wesentlichen auch eine westeuropäische Orientierung, aber nach England hin. Rein deutsche Geschichte habe ich lange nicht betrieben, also weder in meiner Promotion noch in meiner Habilitation. Und die Erfahrung in England war zum einen eine Erfahrung mit einer anderen Nationalgeschichte, dann auch mit einem Thema, das übergreifend funktioniert, nämlich mit sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Themen. In den 1970er Jahren und 1980er Jahren war es das Paradigma, sich sozial- und wirtschaftsgeschichtlich zu bewegen, als der Zugang überhaupt zur Geschichte. Eine Erfahrung in Großbritannien war, dass es dort, jenseits der britischen Geschichte, die mich in meiner Promotion interessiert hatte, für eigentlich jedes Land irgendeinen herausragenden Experten gab. Was in Deutschland nicht in der gleichen Art und Weise der Fall war. Nicht, dass es nicht auch Experten gegeben hätte, aber eben nicht das Gebündelte sozusagen. Für mich war der Austausch am DHI London mit Kolleginnen und Kollegen in Großbritannien, die sich mit Deutschland beschäftigten, ganz wichtig. Das waren damals eben nicht Deutsche, und dadurch bekam ich einen anderen Blick auf die deutsche Geschichte, den ich natürlich so im Studium nicht mitgekriegt hatte. Da hörte ich eine Vorlesung, interessierte mich, las ein Buch über den NS oder die Bundesrepublik. Aber eine Perspektive von Leuten zu kriegen, die nicht in dieser nationalen, akademischen, deutschen Welt aufgewachsen sind und von außen auf Deutschland gucken, hat auch nochmal mein Bild, meine Perspektive und die Möglichkeit verändert, Geschichte anders zu denken, auch deutsche Geschichte anders zu denken. Ich glaube, das ist eine ziemlich wichtige Erfahrung gewesen.

Nicole Reinhardt: Das würde ich total unterstreichen. Das erste Mal, wo ich das Gefühl hatte, ich verstehe endlich, was in der deutschen Geschichte los ist, war durch einen französischen Historiker. Ich habe es vorher nicht verstanden, es war mir nicht klar, und es wurde mir nicht klar gemacht, hat sich auch keiner bemüht. Aber weil der Franzose auch solche Schwierigkeiten hatte, es selber zu verstehen, war er in der Lage, die Komplexität, aber auch das Interessante an der deutschen Geschichte mir klar zu machen. Das war sozusagen eine europäische Sache. Insofern hilft es, wie ich immer sage, wenn man, selbst wenn man lokale Geschichte betreibt, einfach mal herauszutreten und dann nochmal von außen draufzuschauen.
Zurück zum IEG: Was sind Highlights in der Forschung aus den letzten Jahrzehnten?
Johannes Paulmann: Das Institut hat in den 75 Jahren in verschiedenen Bereichen Wichtiges beigetragen. Das trifft sicher auf die Kirchengeschichte zu, das trifft auf meinen Vorgänger zu, der vor allem zur Geschichte der Diplomatie forschte. Zwei Dinge würde ich hervorheben: Wir haben die Geschichte des Humanitarismus im 19. und 20. Jahrhundert erforscht. Das war insofern eine Leistung, weil wir ein Feld eröffneten, das es vorher so nicht gab. Wir konnten es machen, weil wir eine Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hause hatten und weil wir kooperiert haben mit Oxford und Exeter und mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Es gab dabei auch einen Anwendungsbezug und einen Bezug zur Praxis. Durch unsere Global Humanitarianism Research Academy wurden über 60 Promovierende in ein Netzwerk eingebunden. Da hat das Institut für eine bestimmte Zeit etwas angestiftet und ein Thema gesetzt. Entstanden sind dabei unter anderem auch drei Habilitationen am IEG. Als zweites möchte ich EGO – Europäische Geschichte Online nennen. Auf dem Portal sind Fachartikel zu einer transnationalen Geschichte Europas versammelt. Das ist zwar nicht im engeren Sinne eigene Forschung des Instituts, aber als Medium war es eine Pionierleistung. Mitte der 2000er Jahre war ich deswegen das erste Mal hier am Institut, lange bevor ich daran dachte, mich hier zu bewerben. Der überwiegende Teil der Artikel wurde für EGO ganz neu geschrieben, dadurch wurde auch Forschung angestoßen. Über 300 Artikel in deutscher und englischer Sprache sind inzwischen erschienen. Für das Institut ist das eine wichtige Leistung, und durch EGO geschah auch das sichtbare Aufbrechen des Nationalen. Es wird nach wie vor von vielen genutzt.
Nicole Reinhardt: Die Religionsfriedensforschung von Irene Dingel finde ich auch ganz wichtig. Dafür ist das Institut weithin bekannt, weil diese Forschung zum Teil auch mit Editionsprojekten verbunden ist, die Standards gesetzt haben.
Johannes Paulmann: Die Frage von Frieden und Diplomatie kam ja von Heinz Duchhardt und war durchaus weltlich gedacht, als Frieden zwischen Staaten. Dass daraus dann die Religionsfrieden als eine besondere Form der Friedensstiftung wurden, zeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Abteilungen funktioniert hat.
Nicole Reinhardt: Letztlich hat diese Forschung auch zum 2025 abgeschlossenen RETOPEA-Projekt über „Religious Toleration and Peace“ geführt. Das war dezidiert europäisch und anwendungsbezogen, für Schulen und Jugendliche, angelegt und hat das historische und gegenwärtige Verhältnis zwischen Religionen und Gesellschaften reflektiert.
Zeitleiste
| Zeitleiste | |
|---|---|
| 1948/49 | Internationale Historikertreffen in Speyer |
| 1950 | Gründung des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz mit den Abteilungen Universalgeschichte und Abendländische Religionsgeschichte; Bezug provisorischer Räume (Am Höfchen 5) |
| 13.11.1950 | Vorträge zur Eröffnung des Instituts |
| Oktober 1951 | Deutsch-französische Tagung zu Richtlinien für den Geschichtsunterricht (1. Tagung am IEG) |
| 1952 | Start der Reihe »Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte« (VIEG) |
| 17.01.1953 | Eröffnung der Domus Universitatis |
| März 1955 | Kongress »Europa – Erbe und Auftrag« (2. Tagung am IEG) |
| 1960 | Eröffnung des Wohnheims für internationale Stipendiaten |
| 1966 | Erste Stipendiatin im Wohnheim |
| Mai 1970 | Tagung »Die portugiesische Ära der Kolonisations- und Entdeckungsgeschichte« (3. Tagung am IEG) |
| Oktober 1973 | Erstes Deutsch-Sowjetisches Historikerkolloquium in Mainz (weitere 1975 in Leningrad, 1979 in München, 1981 in Moskau) |
| 1975-1981 | DFG-Forschungsschwerpunkt Mainz/Gießen »Deutsche Sozial- und Verfassungsgeschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit« |
| 1978-1983 | Forschungsschwerpunkt »Die Interdependenz politischer und wirtschaftlicher Entwicklung in der Innen- und Außenpolitik des Versailler Staatensystems 1919–1939« |
| 1985-1989 | Forschungsprojekt »Deutschland und die Französische Revolution« |
| 1994-2011 | Heinz Duchhardt Direktor der Abteilung für Universalgeschichte, u.a. Online-Publikation von 1800 »Europäischen Friedensverträgen der Vormoderne« |
| 2000 | Gründung des »Jahrbuchs für Europäische Geschichte« |
| 2005-2022 | Irene Dingel Direktorin der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte |
| 2007 | Start der Online-Enzyklopädie »EGO | Europäische Geschichte Online«, online ab 2010 |
| 2007-2018 | DFG-Graduiertenkollegs 1575 »Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung ›Europa‹« von JGU Mainz und IEG |
| 2012 | Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft |
| 2013-2020 | Digitale Quellenedition »Religiöse Friedenswahrung und Friedensstiftung in Europa (1500–1800)« |
| 2015 | IEG Gründungsmitglied des Mainzer Zentrums für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften (mainzed) |
| 2015-2019 | Global Humanitarianism Research Academy |
| 2019 | Etablierung des DH Labs |
| 2021- | DFG-Sonderforschungsbereich 1482 »Humandifferenzierung« der JGU Mainz und des IEG. |
| 2022 | Start von »Europäische Religionsfrieden Digital (EuReD)«, Langzeitvorhaben der Akademie der Wissenschaft und der Literatur, Mainz, in Kooperation mit dem IEG |
| 2022- | IEG Hauptantragsteller und Sprecher-Institution des Konsortiums NFDI4Memory der Nationalen Forschungsdateninfra-struktur |
| 2024- | Internationales Verbundprojekt »Documenting Russia’s War against Ukraine (LivArch)« |
Die Fragen stellte Manfred Sing, Forschungskoordinator am IEG.
Titelbild: Die Direktoren des IEG, Johannes Paulmann (links) und Nicole Reinhardt (rechts). Bild: IEG, Fotografin: Barbara Mainz.
Anhang
- Der Leibniz-Gemeinschaft gehören mehr als 20 historisch arbeitende Forschungseinrichtungen an. Die anderen drei großen außeruniversitären Forschungsorganisationen in Deutschland sind die Max-Planck-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft und die Fraunhofer-Gesellschaft. ↩︎
- Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit in Bayreuth und Münster und Direktor des IEG, Abteilung für Universalgeschichte, von 1994 bis 2011. ↩︎
- Professorin für Historische Theologie und für Kirchen- und Dogmengeschichte sowie Direktorin des IEG, Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte, von 2005 bis 2022. ↩︎
- Professor für Zeitgeschichte und Direktor des IEG, Abteilung für Universalgeschichte, von 1968 bis 1994. ↩︎
- Fernand Braudel: La méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II, Paris 1949, dt. Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. (übersetzt von Günter Seib), 3 Bände, Frankfurt am Main 1990. ↩︎
OpenEdition suggests that you cite this post as follows:
Manfred Sing (November 4, 2025). „In den 1950er Jahren war Europa eine Vision, heute ist es eine komplexe Realität“. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 3, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/2340