Von Manfred Sing
Aktueller hätte eine Veranstaltung kaum sein können: Während im Gazastreifen eine Waffenruhe zwischen Israel und Hamas vereinbart wurde, kamen mit der Israelin Carly Rosenthal und dem Palästinenser Sulaiman Khatib zwei ehemalige Kämpfer:innen auf gegnerischen Seiten ans Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), um darüber zu reden, dass militärische Lösungen zum Scheitern verurteilt seien und es einer anderen Art von Politik bedürfe, um dauerhaft Frieden zu schaffen.
Keiner Illusion gaben sich beide Redner:innen von der Organisation Combatants for Peace („Friedenskämpfer“) allerdings darüber hin, dass die Waffenruhe in Gaza und der 20-Punkte-Plan von beiden Kriegsparteien anders interpretiert würden – nämlich als Bestätigung dafür, dass sich Krieg doch lohne. Denn die israelische Seite könne darauf verweisen, dass die 20 noch lebenden Geiseln freigekommen seien, was am Tag nach der Mainzer Veranstaltung auch tatsächlich geschah, während die Hamas sich mit der Freilassung von palästinensischen Häftlingen rühmen werde. Der von US-Präsident Donald Trump unterstützte und von mehreren Mittlerstaaten unterzeichnete Plan stelle jedoch lediglich einen „Moment der Hoffnung“ dar, betonte Mitorganisator Gregor Walter-Drop von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz in seinen einleitenden Worten zu der Veranstaltung – eine Hoffnung, die sich nur durch aktives Handeln einlösen lasse. Wie hoch seine Erwartungen darauf sind, ließ er offen, betonte aber, dass die Terror-Angriffe am 7. Oktober 2023 eine längere Vorgeschichte hätten und eben auch darauf zurückzuführen seien, dass das Friedenslager in Israel fast gänzlich zusammengebrochen sei. Die Hamas-Angriffe und die israelische Reaktion darauf hätten ferner offengelegt, dass die in der internationalen Politik verbreitete Idee, der Konflikt lasse sich einfach durch den Erhalt des Status Quo „managen“, restlos gescheitert sei. Mit der nun erreichten Waffenruhe bedürfe es umso mehr einer Grenzen überschreitenden Organisation wie der Combatants for Peace, die den Frieden vorbereiten wolle.
Die Organisation wurde 2006 von ehemaligen palästinensischen Kämpferinnen und Kämpfern sowie von ehemaligen Soldatinnen und Soldaten der israelischen Armee gegründet. Die Organisation unterstützt Israelis bei der Kriegsdienstverweigerung („Refuseniks“) und engagiert sich für eine friedliche Lösung des Konflikts ebenso wie in der Friedenserziehung. Den Kontakt nach Rheinland-Pfalz stellte Andreas Kuntz her, Pfarrer der Johanneskirche in Landau in der Pfalz, der den Nachmittag am IEG moderierte. Er arbeitete mehrere Jahre in Israel, lernte dort 2014 die Arbeit der Combatants kennen und gehört einer Gruppe in Deutschland an, die es sich zum Ziel gesetzt hat, deren Arbeit besser bekannt zu machen.
Ganz neu ist die Idee, ehemalige Kämpfer zusammenzubringen, nicht, da bereits der Osloer Friedensprozess darauf fußte, dass sich PLO-Chef Jassir Arafat, der sich schon 1948 dem bewaffneten Kampf angeschlossen hatte, und Ministerpräsident Jitzchak Rabin, dessen militärische Karriere bis 1941 zurückreichte, aufeinander zu bewegten. Ihre gegenseitige Anerkennung hätte eigentlich am Ende zu einer Zwei-Staaten-Lösung führen sollen. Bekanntlich kam es anders, unter anderem auch deshalb, weil mit der Hamas, Ariel Scharon und Benjamin Netanjahu Akteure auf den Plan traten, deren erklärtes Ziel es war, eine Zwei-Staaten-Lösung zu verhindern, und die auf diese Weise politisches Kapital aus dem Dauerkonflikt schlugen.
Von Australien nach Israel
Vor diesem Hintergrund ließen Carly Rosenthal und Sulaiman Khatib in sehr persönlichen Erzählungen die vergangenen Jahre Revue passieren, um Verständnis dafür zu wecken, wie der Nahe Osten dahinkommen konnte, wo er heute steht. Carly Rosenthal, die für die Organisation im Fundraising und in den sozialen Medien arbeitet, berichtete von ihrem Aufwachsen in der jüdischen Gemeinde in Australien, die die größte Gemeinschaft von Holocaust-Überlebenden außerhalb Israels ausmache, wie sie betonte. Sie lernte schon im Kindergarten Hebräisch, sang an der jüdischen Schule die israelische Nationalhymne zur israelischen Flagge und fühlte sich nach eigenen Worten zwar als gebürtige Australierin, deren Jüdischsein aber ihre Identität ausmachte.
Mit 15 Jahren kam sie zum ersten Mal nach Israel und nahm an einem Probetraining zum Eintritt in die Armee teil. Beim Befehl, ihre Waffe abzufeuern, brach sie in Tränen aus und konnte es nicht tun, worauf ihr Zweifel an dem kamen, was sie in der Schule über ein starkes Israel gelernt hatte. In der Folge nahm sie den Militarismus in Israel zusehends kritischer wahr und schloss sich zurück in Australien einer jüdischen Friedensgruppe an, bei der sie zum ersten Mal etwas über die Besatzung und palästinensische Selbstbestimmung erfuhr und „die Araber“ nicht mehr nur als Feinde wahrnahm. In diesem Zusammenhang unternahm sie eine Zehn-Tages-Reise ins Westjordanland mit Friedensaktivisten, erlebte das „ganze Unrecht“ und beteiligte sich am letzten Tag der Reise in Hebron an einem Protest, der darauf abzielte, einer palästinensischen Familie das Land wiederzugeben, von dem sie von Siedler vertrieben worden waren. Hier fühlte sie sich „beschämt“ darüber, welche Gewalt im Namen der jüdischen Identität gerechtfertigt werde und wie diese dadurch korrumpiert werde.
2018 zog sie mit 21 Jahren, gerade alt genug, um nicht mehr in der Armee dienen zu müssen, endgültig nach Israel und erwarb die Staatsbürgerschaft. Wie einfach das für sie gewesen sei, drücke einmal mehr die Ungleichheit gegenüber den Palästinensern aus. Seit dem 7. Oktober 2023 sei Friedensarbeit ein zunehmend schwieriger Kampf geworden. Einerseits gehe es darum, den Schmerz beider Seiten zu fühlen und nicht einseitig zu sein; andererseits sei die Realität für Juden und Palästinenser sehr unterschiedlich. Das zeige sich auch innerhalb der Organisation, weil Israelis und Palästinenser unterschiedliche Rechte, sich zu bewegen, hätten, bei Protesten von den Sicherheitskräften ganz unterschiedlich behandelt würden und auch auf den 7. Oktober teilweise recht unterschiedlich reagiert hätten.
Mit 14 Jahren im bewaffneten Kampf, dann zehneinhalb Jahre in Haft
Sulaiman Khatib, Mitbegründer der Combatants, stammt aus einer Großfamilie aus der Umgebung Jerusalems, deren Vorfahren sich nach seinen Worten bis in die Anfänge osmanischer Herrschaft im 16. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Familienmitglieder beteiligten sich im 20. Jahrhunderts am Kampf gegen das britische Mandat für Palästina (1920–1948). Auch sein älterer Bruder war im bewaffneten Kampf gegen die israelische Besatzung aktiv. Er selbst schloss sich im Alter von 14 Jahren an, warf Steine und Molotow-Cocktails und griff letztlich zusammen mit einem Freund zwei jüdische Soldaten der israelischen Armee mit einem Messer an, um ihnen die Waffen abzunehmen, was aber nicht gelang.
Für den Angriff wurde er von einem Militärgericht verurteilt und verbrachte zehneinhalb Jahre im Gefängnis, während der Zugang zum Haus der Familie zuzementiert wurde. Später sei der halbe Landbesitz der Familie enteignet worden, worauf sein Vater einen Herzinfarkt erlitten habe und gestorben sei.
Im israelischen Gefängnis, wo er damals der jüngste Gefangene war, wirkte er in verschiedenen Organisationen mit und beteiligte sich an mehreren Hungerstreiks, um die harten Bedingungen der Gefangenen zu verbessern – Khatib sprach von „physischer und psychischer Folter“, die darauf abziele, die Gefangenen zu „brechen“. Zudem lernte er Englisch und Hebräisch, betonte aber, dass das Gefängnis deshalb noch lange keine „Friedensakademie“ sei. Dass Palästinenser im Gefängnis die „Sprache des Feindes“ lernten und Israelis dasselbe in der Armee täten, sei vielmehr ein deutlicher Hinweis darauf, dass man eigentlich nicht aus Friedensmotiven heraus die Sprache des anderen lerne. Seine Wendung zur Friedenspolitik ging mit einer spirituellen Erfahrung einher, beeinflusst durch die sufistische Tradition im Islam, und ebenso von der Erkenntnis, dass Juden, Christen und Muslime Jahrhunderte lang weitgehend friedlich in der Region zusammengelebt hatten und auch seine Familie stets Kontakt mit Juden hatte.
Aus seiner praktischen Erfahrung heraus glaube er heute nicht mehr an militärischen Lösungen, „besonders in der jetzigen Situation“ nicht, betonte er. Ein Wandel hin zur Friedenspolitik sei gewiss nicht einfach, denn auch das palästinensische Herrschaftssystem müsse sich von Grund auf ändern. Zugleich sah er die Militarisierung des Konflikts nicht nur als lokales, sondern auch als globales Problem. Selbst in den Medien dominierten Berichte, wenn nicht Erfolgsgeschichten von militärischen Aktionen; selten werde friedlicher Widerstand gezeigt. Die Botschaft der Medien laute zumeist: „Violence works“ („Gewalt funktioniert“). Die Herausforderung liege darin, den jüngeren Generationen einen anderen Weg zu vermitteln und Gewaltlosigkeit „wieder sexy“ zu machen. Notwendig sei für Israel und Palästina in Zukunft eine Wahrheitskommission wie in Südafrika, um die Verbrechen beider Seiten aufzuarbeiten. Es gehe dabei um Aussöhnung und einen Heilungsprozess, wobei auch die traditionelle arabische Praxis der Konfliktregulierung, Sulha, zum Einsatz kommen könne.
Hass auf die Gegenseite nicht das vorherrschende Gefühl
Auf Nachfrage aus dem Publikum, ob sie im Hass auf die Gegenseite erzogen worden seien, verneinten dies beide Redner. Carly Rosenthal nannte eher ein Gefühl von Ignoranz oder Gefühllosigkeit gegenüber den Palästinensern als vorherrschend. Sulaiman Khatib beschrieb Hass ebenfalls nicht als das dominierende Gefühl, viel tiefer gehe die Erfahrung der Entmenschlichung der Palästinenser im Alltag und in der Sprache. Unterschiedliche, auch widersprüchliche Gefühle von Angst über Anteilnahme bis Trauer herrschten in der Regel vor. So habe er etwa bei den ersten Meldungen über den 7. Oktober 2023 Freude über den Ausbruch aus dem „Gefängnis“ empfunden; als immer mehr Details über die Gewalttaten bekannt wurden, habe sich das Gefühl schnell zu Erschrecken und Scham gewandelt. Er berichtete auch von einer Filmvorführung im Gefängnis über den Holocaust: als das Licht ausging und die Nazi-Verbrechen vorgeführt wurden, hätten viele inhaftierte Palästinenser mit den Juden mitgefühlt oder sogar geweint. Als das Licht wieder anging, standen sie den Wärtern – und damit möglicherweise Kindern von Holocaust-Überlebenden – mit gemischten Gefühlen gegenüber, da diese die Kontrolle über sie ausübten.
Die Frage, warum die Palästinenser angesichts der Übermacht der israelischen Militärmaschine nicht die Waffen streckten, beantwortete Sulaiman Khatib dahingehend, dass es nicht darum gehe, wer stärker sei, sondern dass man an seinen moralischen Werten festhalte. Es gebe im Arabischen eine Kultur des Sumud, der Standhaftigkeit gegenüber unüberwindlich erscheinenden Herausforderungen. Seine Schwester trage diesen Namen. Es gelte für Palästinenser, in ihrer Sache standhaft zu bleiben. Zwar bevorzuge er selbst im Gegensatz zu früher andere, friedliche Mittel, dennoch gehe es um eine radikale Veränderung: „Ich war zur Revolution hingezogen und bin es immer noch.“
Die Frage, ob es nach dem 7. Oktober 2023 mehr Kritik an der Organisation Combatants for Peace gebe, bejahten beide, auch wenn zugleich die Unterstützung zunehme. Grundsätzlich gebe es ein bleibendes Unverständnis aus beiden Communities gegenüber Friedensaktivist:innen. Sulaiman Khatib berichtete auch von Kritik aus dem Familien- und Freundeskreis, mit der er sich ernsthaft auseinandersetze und die er auch nachvollziehen könne. Wenig Verständnis zeigte er hingegen gegenüber kritischen Äußerungen auf „der linken Seite“, die oftmals keine Differenz toleriere und die von New York oder Berlin aus den Beteiligten vor Ort den Nahostkonflikt erklären wolle. Viele dieser Kritiker:innen verstünden nicht, dass man für ein gemeinsames Ziel auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichen Mitteln kämpfen könne. So werde den Combatants wegen ihrer bilateralen Kontakte etwa von Seiten der BDS-Bewegung eine „Normalisierung“ mit Israel vorgeworfen, auch wenn man mit einigen Mitgliedern der BDS-Bewegung befreundet sei. Hierfür fehlt Sulaiman Khatib jedes Verständnis: Um voranzukommen, müssten sich mehr Gruppen zusammenschließen, selbst wenn sie nicht einer Meinung seien, forderte er; stattdessen gebe es weltweit eine Tendenz zur Spaltung.
Unter dem Strich machte die Veranstaltung am IEG nachdrücklich deutlich, dass eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts nicht gänzlich unvorstellbar ist, aber dennoch in weiter Ferne liegt, da sie den guten Willen aller Beteiligten voraussetzen würde.
Manfred Sing ist Forschungskoordinator am IEG.
Titelbild: Sulaiman Khatib (rechts) und Carly Rosenthal diskutierten am IEG über die aktuelle Lage im Nahen Osten. Bild: IEG.
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Manfred Sing (October 24, 2025). „Ich war zur Revolution hingezogen und bin es immer noch“. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 4, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/2259