Diesen Sommer ist die Studie „Zwischen Heimatfront und Schlachtfeld. ‚Kriegsbilder‘ in protestantischen Predigten und Andachtsschriften des Ersten Weltkriegs“ erschienen, als Band 273 in der Reihe der Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte (VIEG). Autorin Andrea Hofmann war von 2013 bis 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am IEG und arbeitete in dieser Zeit an dem Werk, das zugleich ihre Habilitationsschrift darstellt. Nach einer Zwischenstation an der Humboldt-Universität in Berlin ist sie heute Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Theologischen Fakultät Basel. Wir stellten ihr 5 Fragen zu ihrem neuen Buch.
1. Was war der ursprüngliche Impuls, sich mit genau diesem Thema zu beschäftigen?
Die Idee, mich mit Predigten und Andachtsschriften aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zu beschäftigen, entstand 2014, als am IEG mit unterschiedlichen Formaten an den Kriegsbeginn im Jahr 1914 erinnert wurde. Als Theologin hat mich besonders interessiert, wie Pfarrer in der Oberrheinregion, also in Südwestdeutschland und dem Elsass, über den Krieg gepredigt haben. Quellen, die für meine Forschungen relevant waren, habe ich dann in den südwestdeutschen landeskirchlichen Archiven und in Bibliotheken in Strasbourg erschlossen.
2. Was liegt „zwischen Heimatfront und Schlachtfeld“? Was ist die Bedeutung von „Kriegsbildern“ und „Andachtsschriften“ im Titel des Werkes? Kannst Du die Wendung und die Begriffe kurz einordnen und erklären, wie und warum Du sie benutzt?
Predigten und Andachtsschriften, die von evangelischen Pfarrern verfasst wurden, sind die wichtigsten Quellen, die ich für mein Forschungsprojekt herangezogen habe. Texte, die ich analysiert habe, stammen zum Teil von Pfarrern, die selbst nie an der Front gewesen waren, aber teilweise auch von Feldgeistlichen, die den Krieg aus eigener Anschauung kannten und ihre Schriften speziell für Soldatengemeinden verfassten. Heimatfront und Schlachtfeld sind also die Orte, an denen „meine“ Quellen entstanden und rezipiert wurden. „Zwischen Heimatfront und Schlachtfeld“ entwickelte sich die Theologie des Ersten Weltkriegs in ihren unterschiedlichen Ausprägungen.
„Pfarrer, die nicht an die Front gezogen waren und den Krieg nur aus Berichten anderer kannten, hatten oft ein positiveres Bild vom Krieg.“
Pfarrer versuchten jeden Sonntag im Gottesdienst – sei es in der heimatlichen Kirche, im Lazarett oder im Kriegsgebiet –, den Krieg theologisch zu deuten und dem schrecklichen Geschehen einen Sinn zu geben. Diese vielgestaltigen Deutungen vom Krieg sind die „Kriegsbilder“, die ich in meinem Buch untersuche. Es ist auffällig, dass Pfarrer, die nicht an die Front gezogen waren und den Krieg nur aus Berichten anderer kannten, oft ein wesentlich positiveres Bild vom Krieg hatten, als Feldgeistliche, die in engem Kontakt mit Soldaten standen.
Einige Pfarrer überarbeiteten ihre Predigten nach dem Gottesdienst und ließen sie drucken. So konnten die Texte von Gemeindemitgliedern nachgelesen werden. Manche Heimatpfarrer veranlassten sogar, dass ihre Predigten an die Männer aus ihren Gemeinden verschickt wurden, die als Soldaten an die Front gezogen waren. Außerdem verfassten Pfarrer kleinformatige Gebetbücher oder Büchlein mit frommen Sprüchen und kurzen besinnlichen Texten für den Gebrauch im Krieg. Alle diese Schriften – gedruckte Predigten, Gebetbücher und weitere „fromme“ Literatur – zählen zu den Andachtsschriften. Sie dienten dazu, eine Frömmigkeit für die Kriegszeit zu etablieren, die die Sorgen und Ängste der jeweiligen Gemeinden ernstnahm.

3. Gab es einen Moment in der Recherche, der dich persönlich gepackt hat? Hat dich an deinen Protagonistinnen und Protagonisten etwas besonders überrascht und deine Sicht auf das Thema verändert?
Es hat mich immer wieder erschreckt, wie sehr evangelische Pfarrer zu Beginn des 20. Jahrhunderts nationalistische und imperialistische Narrative rezipierten und theologisch überhöhten. Zugleich konnte ich aus einigen Predigten aus ländlichen Gebieten herauslesen, wie Pfarrer im Laufe des Kriegs begannen, an diesen Vorstellungen zu zweifeln. Angesichts zahlreicher Todesopfer an der Front, Hungersnöten in der Heimat und Unzufriedenheit mit der Regierung konnten Pfarrer spätestens ab 1917 nicht mehr so einfach in einen theologisch begründeten „Hurra-Patriotismus“ einstimmen, sondern mussten ihre Positionen, die sie 1914 vertreten hatten, überdenken. Einige Pfarrer stellten in ihren Texten auch ethische Fragen, zum Beispiel ob es vertretbar sei, dass im Krieg Christen gegen Christen kämpften. Spannend fand ich auch, dass gerade in den Texten aus der Oberrheinregion oftmals ein Regionalismus vorherrschte, der den Nationalismus fast noch übertraf: Die Menschen fühlten sich mit ihrer Region, zwischen Deutschem Reich und Frankreich gelegen, verbunden. Ihre Region galt ihnen als heilig, nicht so sehr die große abstrakte Nation.
Ein kleiner Quellenfund im Elsass, der in der Studie eher am Rande vorkommt, hat mich besonders bewegt: Eine elsässische Pfarrfrau schrieb einen Leserbrief an eine Kirchenzeitung und erzählte, wie sie mit anderen Frauen die Leitung des Gottesdienstes in ihrer Heimatgemeinde übernommen hatte, weil ihr Mann in den Krieg gezogen war. In Friedenszeiten wäre es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in evangelischen Landeskirchen noch unmöglich gewesen, dass eine Frau einen Gottesdienst geleitet oder gar gepredigt hätte. In der Notsituation funktionierte das kurzzeitig, nach dem Krieg natürlich erstmal nicht mehr. Trotzdem sehe ich hier erste Anzeichen dafür, wie sich die Rolle von Frauen im Kontext der evangelischen Kirche langsam veränderte, bis dann Mitte des 20. Jahrhunderts die Frauenordination in Deutschland möglich wurde.
„Albert Schweitzer, der den Krieg wie kaum ein anderer Theologe scharf kritisierte, war ein Sonderfall.“
4. Was für eine Geschichte erzählst du in deinem Buch? Gibt es ein Happy End?
Mit der Kriegsniederlage mussten Theologen einsehen, dass die im Krieg vertretene Deutung von der deutschen Nation als «heiliger», von Gott geleiteter Nation, nicht mehr vertretbar war. Die deutsche Niederlage wurde von einigen Theologen damit erklärt, dass die Deutschen in der Heimat nicht an Gott geglaubt und damit die Soldaten an der Front zu wenig unterstützt hätten. Ein Sonderfall ist der elsässische Theologe Albert Schweitzer, der den Krieg wie kaum ein anderer Theologe scharf kritisierte. Er prägte in einer Predigt zum Kriegsende einen programmatischen Satz, der bis heute Gültigkeit hat: „Ehrfurcht vor Menschenleid und Menschenleben, vor dem kleinsten und unscheinbarsten, sei das eherne Gesetz, das hinfort die Welt regiere.“
Angesichts der zahlreichen Verwundeten, Toten und Traumatisierten ist es schwierig, von einem Happy End nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu sprechen. Auch aus der Perspektive der evangelischen Theologie wäre ich dabei vorsichtig. Einige Pfarrer stellten nach dem Ende des Kriegs ihre eigene Theologie und vor allem die Sakralisierung der Nation und die Vereinnahmung Gottes für weltliche Belange in Frage. Diese Theologen distanzierten sich meist auch von der deutschen Monarchie und begrüßten die Republik als neue Staatsform. Andere Theologen verharrten im Nationalismus und kritisierten die strengen Auflagen und vor allem die Zuweisung der Kriegsschuld, die der Versailler Vertrag den Deutschen gemacht hatte. Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg kam bei einigen protestantischen Theologen die Idee auf, dass es einen geistlichen „Führer“ benötige, der dem deutschen Volk aus der Krise heraushelfe.
Die meisten Pfarrer, deren Predigten ich im Buch untersucht habe, starben spätestens in den frühen 1930er Jahren. Eine direkte Linie von der Theologie des Ersten Weltkriegs hin zur Theologie des Zweiten Weltkriegs kann also nicht gezogen werden. Motive wie die Sakralisierung der Nation oder auch der Opfertod der Soldaten für die Nation, die die Predigten des Ersten Weltkriegs geprägt haben, wurden aber auch im Zweiten Weltkrieg von der neuen Theologengeneration wieder aufgenommen.
„Bestimmte Stereotype wie die Sakralisierung der Nation oder des Soldatentods finden sich in allen Texten, die ich untersucht habe. Sie variieren jedoch, je nach dem, woher der Pfarrer stammte, ob er in der Heimat oder im Feld predigte und wie weit der Krieg schon fortgeschritten war.“
5. Was wünschst Du dir, sollten die Leser:innen bei der Lektüre des Buches mitnehmen?
Im Buch zeige ich, wie eng im Ersten Weltkrieg theologische und politische Vorstellungen miteinander verwoben waren. Diese Vorstellungen erwiesen sich als vielfältiger, als man gemeinhin denkt. Bestimmte Stereotype wie die Sakralisierung der Nation oder des Soldatentods finden sich in allen Texten, die ich untersucht habe. Sie variieren jedoch, je nach dem, woher der Pfarrer stammte, ob er in der Heimat oder im Feld predigte und wie weit der Krieg schon fortgeschritten war. Die im Ersten Weltkrieg verbreitete Vorstellung, dass Gott auf Seiten einer Nation kämpfe und diese dann entweder mit Erfolg belohnte oder durch Niederlagen strafte, finde ich aus theologischer Perspektive hochproblematisch. Gerade angesichts der gegenwärtigen Kriege und Krisen erscheint mir dieses Thema jedoch leider wieder hochaktuell zu sein.
Liebe Andrea, vielen Dank für Deine Antworten.
Zum Buch geht es hier: https://doi.org/10.13109/9783666311628.
Die Fragen stellte Christiane Kormann, Leiterin der Publikationsabteilung am IEG.
Titelbild: Porträt von Andrea Hofmann, © A. Hofmann, Fotograf: Vincent Leifer.
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Christiane Kormann (October 16, 2025). 5 Fragen an Andrea Hofmann. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 5, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/1934