Von Manfred Sing
Diplomatie war in der Frühen Neuzeit eine „kollektive Praxis“. Florian Kühnel hat dies in seiner Habilitationsschrift nachdrücklich am Beispiel der britischen Botschaft in Istanbul gezeigt und wurde dafür mit dem Otto-Hintze-Nachwuchspreis der Borgolte-Stiftung ausgezeichnet, der alle zwei Jahre für Dissertationen und Habilitationen an der Humboldt-Universität Berlin (HU) verliehen wird. In seiner Laudatio lobte Mittelalterhistoriker Michael Borgolte, Kühnel habe „einen vermeintlich spröden Stoff“ in eine „fesselnde Darstellung“ verwandelt.
Kühnel verfasste die Studie als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG). Seit Oktober 2025 vertritt er den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen. Den mit 3000 Euro dotierten Preis nahm er bei der Absolventenfeier der HU im Juli in Berlin entgegen. Der Preis der 2013 gegründeten Stiftung wurde dieses Jahr zum siebten Mal vergeben.
Mit seinem Werk möchte Kühnel vermitteln, dass „Diplomatie in der Frühen Neuzeit keine individuelle Leistung einzelner großer Männer, sondern ein Gemeinschaftsprodukt war“ – so, wie dies im Übrigen wohl auch heute der Fall ist. Daher schaut er nicht allein auf die Botschaftsangestellten, obwohl etwa die Botschaftssekretäre eine Sonderrolle im Buch einnehmen. Er wirft auch einen Blick auf die zahlreichen informellen Akteure im Umfeld der Botschaft. Neben Schatzmeistern, Botschaftskaplänen, Boten, Schreibern, Übersetzern und Dienstpersonal kommen auch die Familienangehörigen und Freunde des Botschafters, vor allem seine Ehefrau, aber auch die Ehefrauen und Angehörigen des Botschaftspersonals in den Blick. Von den rund 50 Personen, die gleichzeitig in der Botschaft lebten und arbeiteten, war nur ein Teil tatsächlich angestellt und wurde für die Arbeit bezahlt. Dies hatte damit zu tun, dass Diplomatie bis zu gewissem Grad ein „Familienunternehmen“ war, das noch nicht über abstrakte Dienstverhältnisse wie in der Moderne geregelt wurde, so Kühnel.
Mit seiner Studie will Kühnel darüber hinaus die Vorstellung entkräften, es habe eine Art Arbeitsteilung zwischen dem Botschafter, der sich auf dem höfischen Paket bewegte, und den anderen Angestellten, die die ‚eigentliche Arbeit‘ machten, gegeben. „Kollektive Praxis bedeutet, dass die anfallenden Aufgaben relativ pragmatisch von verschiedenen Personen gemeinsam erledigt wurden“, erklärt Kühnel.
Levant Company als Glücksfall für den Historiker
In seiner Arbeit fokussiert Kühnel auf die englischen beziehungsweise britischen Diplomaten in Istanbul und beginnt seine Untersuchung im Jahr 1583 mit der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen England und dem Osmanischen Reich. Eine Besonderheit der englischen Diplomatie war dabei, dass die Botschafter nicht allein Repräsentanten des Königs oder der Königin waren, sondern außerdem die Interessen einer Handelskompanie vertraten, der sogenannten Levant Company. Die Studie reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert, als diese Doppelstruktur endete und Politik und Handelsgeschäfte nicht zuletzt auch personell voneinander getrennt wurden.

Für den Mainzer Historiker war die Beteiligung der Levant Company am diplomatischen Geschäft ein echter Glücksfall, verlangte sie doch, dass die Botschaft über alle Ausgaben akribisch Buch führte. Anhand dieses umfangreichen Quellenmaterials konnte er viele Aspekte der Botschaftsarbeit rekonstruieren, die normalerweise nicht belegt sind.
So war es Kühnel möglich, variable Praktiken aufzudecken, die sich zwischen Verwaltungsvollzug und Improvisation, zwischen der Erfindung von Regeln und Regelverstößen und zwischen vorgefundenem Ritual und Pragmatismus hin- und herbewegten. Von wesentlicher Bedeutung waren dabei persönliche Verbindungen der Botschaftsangestellten in die lokale Gesellschaft, etwa indem sie christliche Untertaninnen des osmanischen Sultans heirateten. Dies war zwar aus englischer Sicht eigentlich untersagt, wurde allerdings nur selten sanktioniert. So wurde etwa der Botschaftssekretär Thomas Coke Ende des 17. Jahrhunderts nach seiner Hochzeit mit einer Annetta Ghisbrechti zwar von seinem Amt suspendiert, jedoch bereits kurze Zeit später wieder in Dienst genommen.
Schließlich kann Kühnel auch zeigen, dass von einer Professionalisierung der Diplomatie mit standardisierten Ausbildungs- und Karrierewegen bis ins 19. Jahrhundert hinein keine Rede sein kann. Die Botschafter waren vielmehr adliger Herkunft und kamen zumeist ohne besondere Vorkenntnisse in ein Land, in dem sie sich für prestigereichere Aufgaben im Heimatland empfehlen wollten. In Abwesenheit des Botschafters – oder bei dessen Tod – kam es durchaus vor, dass die Geschäfte vom Botschaftssekretär weitergeführt wurden. Dies war jedoch keineswegs die Regel – wie es in der Diplomatie der Frühen Neuzeit ohnehin nur wenige allgemeingültige Regeln gab. So rekonstruiert Kühnel einen Fall, bei dem eine französische Botschafterin den Anspruch erhob, die Geschäfte der Botschaft nach dem Tod ihres Mannes weiterzuführen, und deshalb den aufmüpfigen Botschaftssekretär, der sich dem widersetzte, in den Hühnerstall sperren ließ.
Mit seinem Ansatz schreibt sich Kühnel methodisch nicht nur in die Alltagsgeschichte und globale Mikrogeschichte ein. Er will die Diplomatiegeschichte auch bewusst nach Osten hin erweitern. Häufig werde nämlich noch immer davon ausgegangen, dass die moderne Diplomatie in Europa erfunden worden sei und erst mit großen Verzögerungen in anderen Weltregionen Einzug gehalten habe. Im Gegensatz dazu kämen mit der Diplomatie am osmanischen Hof Kühnel zufolge andere Praktiken und Gepflogenheiten in den Blick, wodurch der Eurozentrismus der traditionellen, auf Westeuropa abonnierten Diplomatiegeschichte deutlich werde.
Vom Adelssuizid zur Diplomatiegeschichte
Obwohl Kühnel heute so viel über Diplomatie in der Frühen Neuzeit weiß, fand er Diplomatiegeschichte im Geschichtsstudium „eigentlich immer eher langweilig“. „Das interessierte mich nie so wirklich“, sagt er. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich stattdessen mit den Selbsttötungen von Adligen am Übergang zur Moderne, darunter so illustren Fällen wie Friedrich dem Großen oder Heinrich von Kleist. Hier fragte er nach den Motiven der Adligen sowie der Wahrnehmung und dem gesellschaftlichen Umgang mit ihren Suiziden.
Zur Diplomatie kam er dann zunächst über ein Forschungsprojekt, in dem er die Selbstentwürfe von Diplomaten erkunden sollte. Ein mehrmonatiger Archivaufenthalt in London öffnete ihm dann die Augen für allerhand alltagsgeschichtliche Perspektiven, die er in den Quellen plötzlich überall entdecken konnte. Für seine Arbeit wertete er alles aus, was er finden konnte, von Korrespondenzen bis zu Quittungsbelegen. Als besonders ergiebig erwiesen sich neben den Beständen der Levant Company dabei vor allem die privaten Nachlässe der beiden geradezu sammelwütigen Botschafter William Trumbull (im Amt 1687–1691) und William Paget (im Amt 1693–1701). Darin sind viele außerordentliche Quellen enthalten, wozu ursprünglich auch die Tagebuchaufzeichnungen eines nicht näher genannten Bediensteten gehörten. Doch als die Britisch Library 1963 Teile von Trumbulls Nachlass erwarb, erachtete sie ausgerechnet dieses Dokument als nur wenig relevant und überließ es einem privaten Käufer. Kühnel versuchte, den seltenen Schatz zu finden und jagte ihm erfolglos hinterher. „Das wäre so eine schöne Quelle gewesen, aber irgendwo auf Chios verliert sich die Spur,“ bedauert er, „jetzt sind die Aufzeichnungen wohl für immer verloren.“
Manfred Sing ist Forschungskoordinator am IEG.
Titelbild: Florian Kühnel (rechts) erhält den Otto-Hintze-Preis von Michael Borgolte, Foto: Nikola Burkhardt. © Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung zur Förderung der Geschichtswissenschaften.
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Manfred Sing (October 10, 2025). Preis für „fesselnde“ Habilitationsschrift über die britische Botschaft in Istanbul. Writing European History / Europäische Geschichte schreiben. Retrieved April 4, 2026 from https://ieg.hypotheses.org/1457