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Was soll die Schule der Zukunft?

Im Rahmen eines Vortrags zur “Akademischen Mittagspause” an der Universität Heidelberg 2026 fragte Dennis Dietz: Was soll die Schule der Zukunft? Die Reihe wurde im Sommersemester 2026 von der Heidelberg School of Education organisiert. Zahlreiche Vortragende gaben in diesem Rahmen kurze Impulse unter dem Leitthema Schule. Bildung. Zukunft. Der nachstehende Text folgt dem Beitrag zum Auftakt der Reihe von Dennis Dietz.

Der heute vorgelegten, normativen Frage nach dem Sollen der Schule der Zukunft will ich mich in drei Schritte nähern. Zunächst werde ich auf eine grundlegende normative Dimension von Schule eingehen und eine erste sehr allgemeine Antwort auf die Frage, was Schule soll, wagen – und dabei auch fragen, was das für die universitäre Lehrkräftebildung bedeuten könnte.

Im Lichte dieser übergreifenden Antwort will ich dann konkreter vier Hinsichten nennen, in denen die Schule der Zukunft in meinen Augen tatsächlich etwas sollte.

Zum Schluss will ich dann ausblickend noch einen Schritt zurücktreten und versuchen, plausibel zu machen, dass die Schule der Zukunft im Vergleich zur gegenwärtigen vielleicht doch gar nicht so anders sein müsste, um das zu können, was sie sollte.

Die normative Dimension von Schule und was diese für die Lehrkräftebildung bedeuten könnte

Was soll die Schule der Zukunft? Wenn wir „sollen“ sagen, ist das in der Regel geleitet von einer Idee, einer Vorstellung von etwas Wünschenswertem, etwas ‚Gutem‘ – so hätten wir es gerne, so sollte es gemacht werden, so sollte es sein oder werden. In der Sollens-Frage scheint mir daher die Wollens-Frage (und damit die Werte-Frage) direkt mit aufzuleuchten. Es soll das sein, was wir wünschenswert, was wir wertvoll finden!

Bei der Schule rufen wir „wie automatisch“ noch etwas Zweites auf, wenn wir nach dem Sollen fragen, nämlich die Frage nach der Zukunft.

Denn Schule, oder noch weiter: Bildung bedeutet stets (auch) Vorbereitung auf ein Leben, wie es einmal sein könnte. Die Kinder gehen in die Schule, damit sie etwas lernen, erfahren, bekommen, das ihnen für das zukünftige Leben hilft – für ihr zukünftiges Leben, aber auch für unser zukünftiges Leben als Gesellschaft.

Damit stellt sich die – normative – Frage nach der diese Vorbereitung von Zukunft leitende Idee des Guten. Denn selbstverständlich wünschen wir uns ja eine gute Zukunft. Die gute Zukunft, ja, die Idee eines guten Lebens in der Zukunft ist so etwas wie der normative Kern von Schule und in weiterem Sinne von Bildung und Erziehung insgesamt.

Normativität ist damit kein bloßes „Beiwerk“ von Schule und pädagogischem Denken und Handeln, sondern konstitutiv für Schule. Für die Lehrkräftebildung bedeutet das in meinen Augen, dass ein Bewusstsein und eine entsprechende Sprach- und Reflexionsfähigkeit für diese grundlegende normative Dimension Teil und Ziel eines Lehramtsstudiums sein sollten. Lehrkräftebildung müsste dann, im Studium zur Bewusstmachung, zur Reflektion, Kritik und Diskussion von Vorstellungen des Guten und Richtigen adäquat auffordern.

Der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach bringt das in seiner Ethik der Bildung und Erziehung pointiert auf den Punkt:

Wer nicht […] weiß oder nicht […] zu wissen meint, wohin die Reise gehen soll oder was an der Reise gut ist, fühlt sich auch nicht mehr imstande, »es« den Jüngeren zeigen zu wollen; wobei dieses »es« sehr viel sein kann – die Welt.“[1]

Meine erste, sehr allgemeine Annährung an die Frage nach dem Sollen der Schule der Zukunft wäre also: sie soll zu einem guten Leben für Einzelne und Gesellschaft beitragen; und für die Lehrkräftebildung bedeutet das, dass dieses „Gute“ des guten Lebens auch und gerade in einem Lehramtsstudium zum Thema zu machen ist.

Ich will das nun im zweiten Schritt etwas konkreter machen und im Lichte dieses übergreifenden Gedankens vier Hinsichten benennen, in denen so etwas wie ein gutes Leben bestehen könnte – und was die Schule der Zukunft dazu tun sollte.

Vier Hinsichten, in denen Schule zu einem guten Leben beitragen sollte

Die vier Hinsichten werde ich – sozusagen aus „technischen“ Gründen – mit Theorien von vier Denker:innen verbinden, ohne dass die Hinsichten damit auf diese festzulegen wären. Ich rufe die Vier hier exemplarisch auf, um die jeweilige Hinsicht, die auch mit anderen Namen verbunden werden könnte, in knapper Weise plastisch zu machen.

  1. Soziale Eingebundenheit und Beziehungsqualität

Die erste Hinsicht eines guten Lebens scheint mir die Qualität der Weltbeziehungen, insbesondere der zwischenmenschlichen Beziehungen zu sein. Jetzt lässt sich bereits ahnen, welcher Name fällt: Hartmut Rosa hat in seinem Werk Resonanz dargelegt, dass die Fähigkeit, resonante Beziehungen aufzubauen, entscheidend für ein erfülltes Leben sei. Resonanz meint hier die Fähigkeit, sich auf die Welt und auf andere Menschen einzulassen, sich von ihnen berühren zu lassen und selbst berührend zu wirken. In einer Welt, die immer schneller und komplexer wird, droht diese Fähigkeit verloren zu gehen. Die Schule ‚sollte‘ daher ein Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche lernen, menschliche Beziehungen einzugehen und zu pflegen. Dazu gehört für mich vor allem, Vertrauen zu erleben, und zu erfahren, dass sie nicht allein sind. Ich denke, das ist die Grundbedingung dafür, dass auch Neugier, Energie und Freiheit wachsen können. Der Schlüsselbegriff in Beziehungshinsicht ist für mich daher, der des Vertrauens – Vertrauen, das auch befreiend ist: man kann sich dann etwas trauen, wenn man Vertrauen hat. Für Freiheit braucht es Bindung.

  1. Handlungsfähigkeit

Die zweite Hinsicht, die ich nennen möchte, ist Handlungsfähigkeit. Martha Nussbaum betont in ihrem „Fähigkeiten-Ansatz“, dass ein gutes Leben nicht nur durch das Vorhandensein von Ressourcen, sondern durch die tatsächliche Möglichkeit, diese Ressourcen zu nutzen, bestimmt wird. Und zur Möglichkeit, Ressourcen zu nutzen, gehört für sie auch, diese nutzen zu wollen, d.h. es geht auch um so etwas wie Mündigkeit – oder mit Wolfgang Klafki – um Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, selbstbestimmt zu handeln, ihre eigenen, aber nicht zwingend eigennützigen Ziele zu verfolgen und Verantwortung für ihr Entscheiden und Handeln zu übernehmen. Die Schule soll ein Raum sein, in dem sie erfahren, dass ihre Handlungen Spuren hinterlassen. Der Schlüsselbegriff, den ich hier vorschlagen möchte, ist der des Vermögens – in mehrdeutigem Sinne, es geht ums können, mögen, aber auch um die nötigen Ressourcen und (Bildungs-)Güter, die Schule schaffen soll.

  1. Sinnerfahrungen und -vorstellungen

Die dritte Hinsicht, die mir wichtig ist, sind Sinnerfahrungen und das Finden von Sinnvorstellungen. Viktor E. Frankl ist in seiner „Logotherapie“ der Überzeugung gefolgt, dass der Mensch nach Sinn strebt und dass Sinnfindung ein zentraler Bestandteil gelingenden Lebens sei. Die Schule sollte also dazu helfen, dass junge Menschen ihr Leben sinnvoll finden können. Frankl bemerkt auch, dass es gerade in Leidenszeiten darauf ankomme, dass man Sinn im Leben findet und dass das Leben einem immer noch etwas verspricht. Ein Sinnversprechen. Das möchte ich als Schlüsselbegriff hier festhalten, das Versprechen. Dass ihnen das Leben und die Zukunft etwas versprechen und Sinn verheißen, das wünsche ich mir für die Menschen und insbesondere unsere Kinder.

  1. „Etwas vom Leben verstehen“

Die vierte Hinsicht betrifft die Fähigkeit, das eigene Leben und die Welt zu verstehen. Hier kann man durchaus an so etwas wie Lebenskunst denken, wenn auch mit gewissen Abständen. Aber ähnlich wie in der Philosophie der Lebenskunst will ich in dieser Hinsicht darauf hinaus, dass es beim guten Leben nicht primär um die bloße Erfüllung von Pflichten, den Besitz von Gütern oder das Glück durch äußere Umstände geht. Vielmehr stehen die bewusste Gestaltung, die Selbstreflexion und die Selbstkenntnis, auch kritische Selbstkenntnis, im Mittelpunkt. Die Schule sollte ein Ort sein, an dem Lernende üben, ihr Leben nicht nur zu erleben, sondern es als gestaltbare Aufgabe zu begreifen. Sich selbst verstehen und sich aufs Leben verstehen, etwas vom Leben, gerade auch vom gemeinsamen Leben verstehen, wird hier zur Grundlage für eine verantwortliche und freie Lebensführung.

Und das heißt insbesondere zu verstehen, dass das Leben nicht perfekt ist und „Vollkommenheit“ kein gutes Normativ des eigenen Lebens ist. Schule sollte daher auch – und hier borge ich nochmals einen Ausdruck von Roland Reichenbach – eine „Einführung in das unvollkommene Leben“[2] leisten, in dem man keine Angst davor haben muss, dass etwas nicht gelingt, nicht alles verfügt und letzt-kontrolliert werden kann.

Vertrauen, Vermögen, Versprechen, Verstehen

Beziehungen, auf die man vertrauen kann und die Grundlage für ein Vertrauen in die Welt sein können. Ich weiß, da ist jemand, der / die mich hält und auch mal auffängt.

Handlungsfähigkeit, ja ein dreifaches Vermögen im Sinne von Ressourcen haben und mit diesen Ressourcen etwas anfangen können und mit diesen Ressourcen auch etwas anfangen wollen.

Sinnerfahrung und, dass wir uns vom Leben etwas versprechen. Dass uns die Zukunft etwas verspricht.

Und sich aufs Leben verstehen und etwas vom Leben verstehen, im Sinne einer Lebensgestaltung und -führung, die Selbstkenntnis mit Verantwortung verbindet – und um die Unvollkommenheit des Lebens weiß.

Was soll die Schule der Zukunft also? Ich möchte vorschlagen, die Antwort auf diese Frage in eben diesen vier Hinsichten zu suchen: sie soll Vertrauen bilden, Vermögen schaffen, etwas versprechen und etwas zu verstehen geben.

Warum die Schule in Zukunft vielleicht gar nicht so anders sein müsste

Bisher hatte ich wie selbstverständlich den Genitiv „Schule der Zukunft“ so gelesen, dass es sich um die Schule handelt, die auf die Zukunft gerichtet ist, also die Zukunft als Gegenstand und Ziel hat. Liest man das andersherum aus, fragt die Frage nach der Schule in der Zukunft – also: wie sieht die Schule in der Zukunft aus und was sollte sie dann dort, in der Zukunft? Dazu fehlt mir natürlich die Glaskugel. Und trotzdem lässt sich, finde ich, etwas auch über diese Schule in der Zukunft sagen. Ich glaube nämlich, diese wird ganz Ähnliches sollen sollen, wie die Schule heute. Denn wenn wir überhaupt in der Zukunft von Schule sprechen werden, dann können und werden wir das nur deshalb sinnvoll tun, weil sie mit Menschen zu tun hat, weil Menschen in diese Schule gehen und menschliche Gesellschaften etwas von dieser Schule erhoffen werden.

Und ich glaube, dass in dem, was uns Menschen existenziell beschäftigt und wichtig ist, eine erstaunliche überzeitliche Konstanz besteht – und dass die genannten vier Hinsichten dabei eine Rolle spielen.

Ich möchte dazu als Schlussgedanken ein Zitat von Hans-Georg Gadamer anbringen, der in wunderbarer Weise auf ‚bestandhafte Wirklichkeiten‘ unseres Lebens verweist, auf die es meines Erachtens in der Schule heute und in Zukunft wohl ankommt:

“[D]ie immer schnellere Abfolge von Veränderungen und Umgestaltungen, die unsere Welt erfüllt, hat tatsächlich, gemessen an den bestandhaften Wirklichkeiten unseres Lebens, etwas Phantomhaftes und Unwirkliches. Bewußtmachung dessen, was ist, könnte gerade dies zu Bewußtsein bringen, wie wenig sich die Dinge ändern, gerade wo alles sich so radikal zu verändern scheint. Daraus folgt keineswegs ein Plädoyer für die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung (und Unordnung). Es handelt sich vielmehr um eine Berichtigung unseres Bewußtseins, das wieder lernen könnte, hinter dem, was sich ändert und was man verändern kann und soll, das Unabänderliche und Wirkliche zu gewahren. […] Die unveränderlichen und bestandhaften Wirklichkeiten — Geburt und Tod, Jugend und Alter, Heimat und Fremde, Bindung und Freiheit — verlangen von jedem Anerkennung. Sie bemessen den Spielraum, innerhalb dessen Menschen planen können, und stecken die Grenzen für das, was ihnen gelingen kann.”[3]

Die Schule der Zukunft soll ein Ort sein, an dem Vertrauen geschaffen, Handlungsfähigkeit ermöglicht, Sinn vermittelt und Verstehen gefördert wird. Sie soll ein Ort sein, an dem Schülerinnen und Schüler lernen, ihr Leben frei, verantwortlich und gut zu führen. Und sie soll ein Ort sein, der die bestandhaften Wirklichkeiten unseres Lebens berücksichtigt, diejenigen Aspekte, die unabhängig von den Veränderungen menschlich sind und die gerade als solche helfen, uns in einer gemeinsamen Welt zurechtzufinden.

[1] Roland Reichenbach: Strategie und Authentizität in der pädagogischen Interaktion, in: Ders., Bildungsferne. Essays und Gespräche zur Kritik der Pädagogik, hrsg. v. Ralph Bossart, Zürich: Diaphanes, 2020, S. 73.

[2] Roland Reichenbach: Erziehung als Einführung in das unvollkommene Leben, in: Ders., Ethik der Bildung und Erziehung. Essays zur Pädagogischen Ethik, hrsg. v. Sabine Seichter, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2018, S. 35ff.

[3] Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Bd. 2: Ergänzungen und Register, Tübingen: Mohr Siebeck, 1960, S. 173.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Dennis Dietz (8. Juni 2026). Was soll die Schule der Zukunft? Fokus Lehrerbildung. Abgerufen am 26. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16cq9


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