„Hätte ich das mal eher gewusst …mit Jan Markert“

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Der erste Deutsche Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) und seine Ehefrau Kaiserin Augusta (1811–1890) führten zeit ihrer fast 60-jährigen Ehe eine umfangreiche, teilweise tägliche Korrespondenz, aus der etwa 5.800 Briefe archivalisch überliefert sind. In der digitalen Edition Das preußische Königspaar Wilhelm I. und Augusta zwischen „Neuer Ära” und Reichsgründung  werden nicht nur etwa 2.500 dieser Briefe (und Telegramme) aus den ereignisreichen wie folgenreichen Jahren 1857 bis 1871 vollständig transkribiert und annotiert, sondern auch alle noch vorhandenen Originalbriefe und Briefbeigaben als Digitalisate publiziert. Dieser einzigartige Quellenkorpus aus der höchsten Ebene der preußischen und deutschen Politik wird der Forschung und Öffentlichkeit erstmals zur Verfügung gestellt – und das per Mausklick.

Brief des späteren Kaisers Wilhelm I. an seine Ehefrau Augusta vom 6. Oktober 1857; GStA PK, BPH, Rep. 51 J, Nr. 509, Faszikel 1857, Bl. 161.

 

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Eine digitale Edition ist nicht an die Seitenzahlbegrenzungen einer Printedition gebunden, was bei letzterer meist dazu führt, dass nur ausgewählte Quellen publiziert werden. Aber jede Auswahl schränkt auch die Fragestellungen ein, mit denen die Quellen analysiert werden können.

Die Publikation der Originale neben dem transkribierten Text ist ebenfalls ein Vorteil digitaler Editionen. Diese Darstellungsform hebt nicht nur den materiellen Aspekt historischer Briefkorrespondenzen hervor, der bei einer reinen Textedition verlorengeht, sondern erlaubt auch den Vergleich des Transkripts mit dem Original, und damit Korrekturen von möglichen Lesefehlern. Solche Korrekturen sind im digitalen Raum in wenigen Minuten möglich, bei einer Printedition hingegen meist überhaupt nicht.

Suchfunktionen wie der Personenindex und die Volltextsuche erlauben zudem, den umfangreichen Quellenkorpus gezielt und schnell ohne Seitenblättern zu erschließen. Und die Verlinkung der in den Briefen erwähnten Personen über deren GND-URIs mit dem entsprechenden Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek erlaubt eine eindeutige Identifizierung in einem Umfang, den ein gedrucktes Personenregister nicht fassen könnte.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Die digitale Edition ist ein Nachfolgeprojekt meiner 2024 erschienenen Dissertation Wilhelm I. Vom „Kartätschenprinz” zum Reichsgründer, für die ich auch die archivalische Ehekorrespondenz des Monarchenpaares inhaltlich heranzog. Da ich mir mit diesem Thema eine Epoche der deutschen Geschichte auswählte, die allgemein als „ausgeforscht“ gilt, musste ich mich durch sprichwörtliche Berge an Literatur und gedruckten wie ungedruckten Quellen arbeiten. Diese Materialmasse konnte ich oft nur mithilfe digitaler Recherchetools und Online-Datenbanken erschließen, die mir nicht selten einen Bibliotheksbesuch oder eine längere Archivreise ersparten.

Wie war damals eigentlich Dein Erstkontakt?

In meinem Masterstudium an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg gab es ein Seminar – interessanterweise in der mittelalterlichen Geschichte –, in dem nicht nur Online-Datenbanken als Recherche-Tools vorgestellt wurden, sondern auch, wie viele historische Arbeitsmaterialien vor allem außerhalb Deutschlands bereits digitalisiert vorliegen. Das war eine angenehme Überraschung, denn in allen anderen Lehrveranstaltungen wurde die Literatur- und Quellenarbeit noch klassisch anhand von Bibliotheken und Printmedien beigebracht. Aber auch noch während meiner Promotion begegnete ich immer mal wieder einer Art grundlegender Skepsis, wenn es um die Frage ging, ob historische Quellen der Forschung und Öffentlichkeit digital zur Verfügung gestellt werden sollten. Ich hoffe daher, mit der Edition dazu beitragen zu können, die vielen Vorteile digitaler Arbeits- und Publikationsmethoden in der Geschichtswissenschaft hervorzuheben.

Forschungssoftwares wie FuD erlauben die Annotation edierter Quellen per Mauscursor-drag-and-drop, hier etwa über einen Personenindex.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

  1. Aller Anfang ist schwer, oder: Learning by doing. In die Forschungssoftware FuD des Trierer Servicezentrums eSciences, die ich zur Editionsarbeit nutze, musste ich mich erst einarbeiten. Das ging anfangs alles andere als schnell. Aber mit jedem digital inventarisierten Brief konnte ich lernen, frühere Fehler zu korrigieren und zukünftige zu vermeiden. Das gilt auch für Recherche-Tools oder das Befüllen der Editionswebsite mit Inhalten. Wie Handschriftenlesen oder Quellenanalyse muss und kann auch digitales Arbeitswissen erlernt werden. Wer anfangs kein „Profi“ ist, sollte sich daher nicht entmutigen lassen.
  2. Manchmal liegt’s nicht an Dir. Eine instabile Internetverbindung oder Softwarebugs können den Arbeitsprozess jederzeit plötzlich hemmen. Das durfte ich beispielsweise immer wieder feststellen, wenn ich mich bei Vortrags- oder Recherchereisen auf das Abenteuer Deutsche Bahn einließ – um ein ebenso banales wie alltägliches Problem zu nennen. FuD hängte sich plötzlich aufgrund der schwachen WLAN-Verbindung auf, was dann dazu führte, dass ich erst am nächsten Tag nach dem nächtlichen Software-Reboot weiterarbeiten konnte. Solche Erfahrungen sind frustrierend, aber das gilt auch im „analogen“ Arbeitsrahmen für lange Fernleihelieferzeiten oder kurzfristige Archivschließungen.
  3. Tausche Dich aus und vernetze Dich. Wenn beim digitalen Arbeitsprozess Probleme auftauchen, dann ist man selten der Erste, dem diese passieren. Es gibt mittlerweile (glücklicherweise) sehr viele Projekte, in deren Rahmen unterschiedliche Erfahrungen gemacht wurden und werden. Es lohnt sich, hier den Kontakt zu suchen und die bei der „analogen“ Geschichtsarbeit leider nicht selten beobachtbare „Guck mir nicht in die Quellen“-Ellebogenmentalität abzulegen. Offen über Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Arbeit zu sprechen, führt dazu, dass letztendlich das ganze Fach von einem solchen Austausch profitiert.
  4. Künstliche Intelligenz ist ein Hilfsmittel. Anfangs stand ich der Nutzung von KI-Tools äußerst skeptisch gegenüber, wie (immer noch) Viele in der Geschichtswissenschaft. Und mit Blick auf Textanalysen und Literaturrecherchen ist diese Skepsis noch nicht überwunden, Stichwort: Halluzinieren. Aber konkret im Rahmen der Editionsarbeit sind KI-Tools bei der Personenrecherche ein zeitsparendes Instrument gewesen, das ich nicht mehr missen möchte – der Personenindex aller Namen, die in den zwischen 1857 und 1871 verfassten Briefen erwähnt werden, ist fünfstellig! Auch was Fremdsprachenübersetzungen betrifft, sind KI-Tools eine große Hilfe. Das Französisch beispielsweise, das im Deutschland des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, ist, was Wortschreibung und Grammatik betrifft, oft weit weg von der Originalsprache. Hier bieten KI-Analysen Übersetzungsmöglichkeiten, an die man mit dem modernen Schul- und Universitätsfranzösisch gar nicht gedacht hätte.
  5. Künstliche Intelligenz ist kein Alleskönner. Bei etwa 2.500 überlieferten Briefen aus dem Zeitraum 1857 bis 1871 stellte sich anfangs die Frage, ob die zeitraubende händische Transkriptionsarbeit – die Handschrift Wilhelms I. ist nur sehr schwer entzifferbar, was bereits zeitgenössisch wiederholt bemerkt wurde – nicht durch KI-Transkriptionsprogramme erleichtert werden könne. Immerhin werben die aktuell „auf dem Markt“ erhältlichen Plattformen nicht nur mit der Genauigkeit ihrer öffentlich zugänglichen Transkriptionsmodelle, sondern auch damit, wie einfach es möglich sei, auf der Basis von 50 bis 100 eingearbeiteten Briefseiten verlässliche Modelle für individuelle Handschriften zu trainieren. Nach über 150 eintrainierten Briefseiten für je Wilhelm I. und Augusta mussten mein Projektmitarbeiter Tobias Hirschmüller und ich allerdings feststellen, dass die Fehlerquote der aktuell zugänglichen KI-Transkriptionsplattformen bei teilweise 80 % lag. Es sind vor allem die sich nicht nur im Laufe der Korrespondenz, sondern sogar in den einzelnen Briefen verändernden Buchstaben- und Wortschreibweisen durch Wilhelm I. und Augusta, die den KI-Modellen eine systematische Handschriftenerkennung unmöglich machten. Aber darüber darf Tobias noch ausführlich in einem der folgenden Blogbeiträge dieser Reihe berichten …

Jan Markert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Europa der Universität Trier. Dort bearbeitet er das von der DFG geförderte Projekt Eine neue Perspektive auf die deutsche Nationalstaatsgründung: Das preußische Königspaar Wilhelm I. und Augusta zwischen Neuer Ära und Reichsgründung (1857–1871). Eine digitale Edition (GZ: JA 547/15-1). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die preußische, deutsche und europäische Geschichte im „langen 19. Jahrhundert“. (ORCID-ID: https://orcid.org/0009-0006-9445-6448; DNB-Nummer: https://d-nb.info/gnd/1183401337)

Hätte ich das mal eher gewusst …mit Lukas Buchholz-Hein

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Samuel Hahnemann (1755–1843) hatte sich als studierter Arzt gegen die damals vorherrschenden Behandlungspraktiken gewandt und begründete im Zuge dessen die Homöopathie. Seine Tätigkeit als Arzt hielt er in 54 überlieferten Krankenjournalen fest. Diese sind eine wichtige Quelle für die Geschichte des medizinischen Pluralismus, der ärztlichen Praxis und für das Verständnis von Krankheiten – und das für eine Zeit vor unserem heutigen Verständnis von Krankheit und Medizin. Die digital unterstützte Transkription und Edition ermöglichen zukünftig den weltweiten Zugang zu diesen Quellen.

Blick in das Krankenjournal D14. Abbildung: Institut für Geschichte der Medizin, Bosch Health Campus.

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Die Krankenjournale werden seit den 1980er Jahren aktiv wissenschaftlich ediert und transkribiert. Mein Vorgänger hatte schon angefangen, diese aus unterschiedlichen Gründen (u.a. Druckkosten und eine einfachere Zugänglichkeit, Schutz der Originale) als digitale Editionen aufzubereiten. Bisher sind 13 von 54 Krankenjournalen veröffentlicht.

Im Grund genommen ist es eine einfache Rechnung: Die Krankenjournale umfassen 27.544 Seiten. In diesen sind ca.16.000 Praxistage abgebildet, was bei einem Durchschnitt der transkribierten Krankenjournale von zehn bis fünfzehn Patient:innen pro Tag hochgerechnet insgesamt eine Summe von ca. 200.000 Konsultationen ergibt – und das über einen Zeitraum von 40 Jahren, in zwei Schreibhänden und drei Sprachen, mit Apothekerzeichen und Abkürzungen. Zudem wechselte Hahnemann von einer zunächst chronologischen Journalführung zum Versuch, die einzelnen Patient:innen und deren Krankheitsverläufe am Stück zu erfassen.

Als aktuell einziger Projektmitarbeiter der digitalen Edition ist es unmöglich, diese Menge auch nur im Ansatz während meines Berufslebens ohne Zuhilfenahme von digitalen Ansätzen zu transkribieren oder zu edieren. Daher ist die digitale Bearbeitung eigentlich eine Notwendigkeit und nicht einem reinen Mehrwert geschuldet, den diese mit sich bringt.

Um auch das schon vorhandene Wissen zur Schrift und zum Inhalt der Krankenjournale zu nutzen, trainiere ich mithilfe von Transkribus Modelle zur Erkennung der Handschriften. Hierbei werden auch die im Text vorhandenen Informationen per Tags ausgezeichnet, wie z.B. der Name und weitere identifizierende Merkmale der Patient:innen, Medikation, Mengen, Datums- und Ortsangaben. Dadurch können sie Bestandteil des Modelltrainings sein oder später auch für die Darstellung in der digitalen Fassung einen Mehrwert haben.

Ob man jedes Krankenjournal in einer kritischen Edition veröffentlichen wird, steht noch nicht fest. Aber durch das Training eines Modells für spezifische Schriftbilder und Eigenheiten ermöglicht die digitale Darstellung mit einer brauchbaren Transkription schon einen gänzlich anderen Zugang zu den Krankenjournalen als das physische Original. Modelle mit einer geringeren CERT (Character Error Rate, also die prozentuale Abweichung des Modells zur Groundtruth) oder auch Citizen-Science-Ansätzen ermöglichen hierbei noch im Nachgang Verbesserungen und Korrekturen, welche in einer gedruckten Edition nicht möglich wären.

Im Gegensatz zu menschlichen Bearbeiter:innen, bei denen der natürliche Braindrain irgendwann das Wissen mit sich nimmt, bleibt das Modell in einem Zustand eingefroren und erlaubt so langfristig einen Zugang zum Text.

Ausschnitt der Übertragung der Transkription von DF5 nach Transkribus. Abbildung: Institut für Geschichte der Medizin, Bosch Health Campus.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Im Rahmen meines Masterstudiengangs der Digital Humanities an der Universität Stuttgart habe ich mit unterschiedlichen digitalen Methoden Kontakt gehabt. Dabei habe ich auch schon einmal gemeinsam mit zwei Kommilitonen eine Digitale Edition eines Rechnungsbuchs von 1402 erstellt.

Wie war damals eigentlich Dein Erstkontakt?

Mein Erstkontakt war im Masterstudium der Digital Humanities, vorher waren digitale Methoden im Studium nie ein Thema gewesen. Das machte es anfangs natürlich schon herausfordernd, sich in diese neuen Thematiken, Methoden und Anwendungsbereiche einzuarbeiten, aber gleichzeitig sehr bereichernd und prägend. Es erschlossen sich mir neue Blickwinkel auf schon vertraute Forschungsgebiete und damit auch andere Fragestellungen und Ansätze. Man erlernt in gewisser Weise eine neue Syntax und muss dabei diese erst zu verstehen lernen. Ähnlich wie in der Philosophie muss man zuerst eine gemeinsame Sprache (von der Bedeutung her) etablieren, um verstanden zu werden und damit selbst Verständnis aufbauen zu können. Dies ist ein wichtiger Faktor in einem Feld zwischen Geisteswissenschaften und IT.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

  1. Setz dich früher mit digitalen Möglichkeiten auseinander. Erst in meinem Master gab es Einführungen in Methoden der geisteswissenschaftlichen Anwendungsbereiche. Naturwissenschaftlich geprägte Ansätze lassen sich auch sehr gut für geisteswissenschaftliche Forschung nutzen.
  2. Anfängliche Frustration ist ein normales Phänomen. Zu Beginn mag sich das Auseinandersetzen mit eigenem Programmieren oder dem Anwenden bestimmter Methoden mehr nach, wie es Clarke beschrieb, Magie[1] anfühlen. Es funktioniert oder nicht, wieso und weshalb ist nicht sofort ersichtlich. Der Wechsel vom Nutzenden einer Technik ohne weiteres Verständnis hin zum Anwender mit Verständnis gleicht einer solchen Entzauberung – Fehler werden sichtbar, Mechanismen verstanden. Es ähnelt dem Anwenden einer gelernten Sprache, nur dass man diese hierbei sofort perfekt benutzen muss, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen.
  3. Verständnis und Übung kommen mit der Zeit. Nur weil es digital schneller geht, heißt es nicht, dass es damit auch sofort schnell ist.
  4. Man kann kein Meister jeglicher Methode sein. Stattdessen sind das Grundverständnis über die Methoden und die Auswahl der für den Ansatz passenden Methode für die eigene Forschung viel wertvoller.
  5. Digitale Methoden sind ein Werkzeug für die eigene Forschung und kein Selbstzweck. Sie können Quellen ganz anders und schneller erschließen, aufbereiten oder darstellen.

[1] „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“ In: Arthur C. Clarke (1973), Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible.

Lukas Buchholz-Hein ist seit Dezember 2023 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin des Bosch Health Campus (IGM). In dieser Funktion ist er u.a. für die Betreuung und Weiterentwicklung der Digitalen Edition der Krankenjournale Samuel Hahnemanns zuständig. Foto: Herb Allgaier.

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washingtonin Kooperation mit NFDI4Memory/ Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professurder Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

 

Hätte ich das mal eher gewusst …mit Jana Dunz-Keck

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Im 19. Jahrhundert schrieben Zeitungen in großem Umfang voneinander ab; Texte wurden kopiert, angepasst und über regionale und nationale Grenzen hinweg zirkuliert. Migration and HERitage: Gender Mining the Nineteenth-Century German-American Press untersucht dieses Phänomen am Beispiel der deutsch-amerikanischen Presse. Diese war die zahlenmäßig größte nicht-englischsprachige Presselandschaft der USA. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Rolle von Frauen innerhalb transregionaler Netzwerke der Nachrichtenproduktion, -zirkulation und des Austauschs. Mithilfe computergestützter Verfahren zur Identifikation von Nachdrucken in digitalen Zeitungsarchiven und der Verbindung quantitativer Analysen mit Close Reading zeigt das Projekt, dass Frauen bereits deutlich vor 1890 als Adressatinnen, Produzentinnen und Akteurinnen der Presse sichtbar waren.

Beispiel eines viralen Ratgebertexts zur Kinderernährung, der während der Sommermonate über Jahrzehnte hinweg immer wieder in unterschiedlichen deutsch-amerikanischen Zeitungen nachgedruckt wurde. „Zur Beachtung der Mütter“, Rubrik „Lokales“, in: Freie Presse für Texas, San Antonio, Texas, 16.06.1880, Chronicling America, online: https://www.loc.gov/resource/sn83045227/1880-06-16/ed-1/?sp=4&st=image.

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Der zentrale Mehrwert der digitalen Arbeitsweise bestand darin, dass erst die Kombination aus digitalisierten Zeitungen und automatisierter Text-Reuse-Detection erlaubte, mehrere Tausend Texte zu identifizieren, die über Zeit, Ort und einzelne Blätter hinweg nachgedruckt und weiterverbreitet wurden. Darüber hinaus macht erst das explorative Arbeiten mit dem geclusterten Datensatz sichtbar, wie umfangreich und vielfältig Texte über, von und für Frauen tatsächlich waren. Neben Debatten zum Frauenwahlrecht traten dabei insbesondere Werbeanzeigen zur weiblichen Gesundheit, Ratgebertexte zur Kinderernährung aus weiblicher Perspektive sowie Kurzgeschichten und humoristische Texte über das Frausein hervor.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Vor Beginn des Projekts hatte ich nur sehr begrenzt mit digitalen Methoden gearbeitet. Daher musste ich mir den Großteil des methodischen Instrumentariums selbst aneignen. Im Masterstudium hatte ich lediglich einen Kurs zu Digital Humanities besucht, der sich mit sogenannten Captivity Narratives beschäftigte. Dabei handelt es sich um frühneuzeitliche und frühneuzeitlich-rezipierte Erzählungen über europäischstämmige Gefangene (oft Frauen) in indigenen Gemeinschaften Nordamerikas. In meiner Hausarbeit experimentierte ich erstmals mit Voyant als Einstiegstool, um zu untersuchen, ob und wie sich die Darstellung indigener Akteur:innen im Verlauf der Erzählungen verändert, insbesondere ob sich Sprache und Zuschreibungen mit zunehmender Dauer der Gefangenschaft und gegen Ende der Texte verschieben.

Verteilung von Worthäufungen im Verlauf der Handlung (u. a. „heathen“, „creature“, „devil“, „Indians“), erstellt mit Voyant für die Hausarbeit „Language as Propagandistic Ploy: Stigmatization of Native Americans via Terminology“.

Was war letztlich der ausschlaggebende Punkt, dass Du den Sprung ins Digitale gewagt hast?

Das hatte weniger mit Mut zu tun, wie es der Begriff des „Sprungs“ vielleicht nahelegt. Ich war einfach neugierig. Vor allem aber war es der besonderen Situation geschuldet, dass ich als Doktorandin an der Universität Stuttgart das Privileg hatte, meine akademische Laufbahn im internationalen Digital-Humanities-Konsortium „Oceanic Exchanges: Tracing Global Information Networks in Historic Newspaper Repositories, 1840–1914“ (DFG) zu beginnen. Das Projekt brachte Forschende aus den Vereinigten Staaten, Mexiko, Deutschland, den Niederlanden, Finnland und dem Vereinigten Königreich zusammen, die im Bereich der computergestützten Zeitschriften- und Periodikaforschung arbeiten. In Stuttgart konnte ich dabei eng mit dem Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung sowie dem Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme zusammenarbeiten. Besonders fasziniert hat mich die Teamarbeit. Rückblickend würde ich daher sagen: Ich bin nicht unbedingt ins Digitale gesprungen, sondern vor allem ins Interdisziplinäre – und kann mir heute kaum noch vorstellen, anders zu arbeiten.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

  1. Akzeptiere, dass Du in mehr als einer Disziplin arbeitest – und nie überall „up to date“ sein kannst. Rückblickend hätte ich mir gern früher gesagt, dass das Gefühl, ständig etwas zu verpassen, strukturell zu interdisziplinärer Arbeit gehört. Nicht in allen Feldern gleichermaßen sattelfest zu sein, ist kein Defizit, sondern Teil der Position zwischen Geschichtswissenschaft, Digital History und Informatik.
  2. Lerne zu übersetzen – nicht nur zwischen Sprachen, sondern auch zwischen Fachkulturen. Zu Beginn habe ich sehr technisch über meine Arbeit gesprochen und erst spät gemerkt, dass viele meiner Nicht-DH-Kolleg:innen mir schlicht nicht folgen konnten. Mir hätte geholfen, früher zu verstehen, dass gute digitale Geschichtswissenschaft auch darin besteht, Methoden verständlich zu erklären, ohne sie zu trivialisieren.
  3. Exploriere Deine Daten systematisch, nicht nur hypothesengeleitet. Ein wirklicher Augenöffner war, wie viel erst durch exploratives Arbeiten sichtbar wurde, insbesondere nach dem Clustering der Texte mittels Text-Reuse-Detection. Digitale Methoden liefern nicht nur Antworten auf bestehende Fragen, sondern erzeugen neue Fragestellungen, die ohne diese Verfahren gar nicht entstanden wären.
  4. Dokumentiere Entscheidungen konsequent (auch die falschen). Ich hätte meinem jüngeren Ich gern früher vermittelt, wie zentral es ist, methodische Entscheidungen, Parameter und Umwege kontinuierlich festzuhalten. Diese Dokumentation ist nicht nur für Transparenz wichtig, sondern auch für das spätere Schreiben, Argumentieren und Reflektieren der eigenen Forschung.
  5. Nutze die Möglichkeit früher Ergebnisse – aber sei Dir des Erklärmoduses bewusst. Ein großer Vorteil der Digital History ist, dass sich Zwischenergebnisse früh präsentieren und diskutieren lassen. Gleichzeitig wird von DH-Forschenden oft erwartet, sehr viel mehr über Methoden zu sprechen als über historische Ergebnisse. Das führt dazu, dass man häufiger im Erklärmodus ist als in der eigentlichen inhaltlichen Diskussion.
  6. Und ich habe noch einen! Rechtfertige Dich nicht dauerhaft – Digital History ist gekommen, um zu bleiben. Als ich begonnen habe, musste ich mich häufig dafür erklären, warum ich überhaupt digital arbeite. Diese Rechtfertigungsfragen sind über die Zeit verschwunden. Rückblickend hätte ich mir gewünscht, früher darauf zu vertrauen, dass sich die Relevanz und Selbstverständlichkeit digitaler Methoden langfristig durchsetzen wird.

Jana Dunz-Keck ist Research Fellow für History of the Americas/Transatlantic History am German Historical Institute Washington, wo sie den Forschungsbereich Digital History koordiniert. In ihrem aktuellen Projekt When Climate Hits Home: Internal Migration and Mobility in the U.S. during the Age of the Great Acceleration untersucht sie die Geschichte von klimabedingter Umsiedlung in den USA seit den 1980er Jahren mithilfe digitaler Kartierung und archivischer Forschung. Ihre Arbeit verbindet Digital History mit Medien- und Migrationsgeschichte. Ihr aktuelles Buch Migration and HERitage erscheint demnächst in der Reihe Studies in Digital History and Hermeneutics bei De Gruyter Brill.

https://orcid.org/0000-0002-9416-1256

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

 

Hätte ich das mal eher gewusst …with Jana Dunz-Keck

Can you describe your project in three sentences and explain the digital component of your work?

In the 19th century, newspapers copied each other extensively: Texts were reprinted, adapted, and circulated across regional and national borders. Migration and HERitage: Gender Mining the Nineteenth-Century German-American Press examines this phenomenon using the example of the German-American press, the largest non-English-language press in the 19th century US press environment. My special focus is on the role of women within transregional networks of news production, circulation, and exchange. Using computer-assisted methods to identify reprints in digital newspaper archives and combining quantitative analyses with close readings, the project shows that women were visible as recipients, producers, and actors in the press well before the invention of women’s pages in the 1890s.

Example of an article providing advice on child nutrition that went viral and was reprinted repeatedly in various German-American newspapers over the course of decades during the summer months. “For the attention of mothers,” Local section, Freie Presse für Texas, San Antonio, Texas, June 16, 1880, Chronicling America, https://www.loc.gov/resource/sn83045227/1880-06-16/ed-1/?sp=4&st=image

Added value: What was only possible or what advantages did you have because you worked digitally?

Only the combination of digitized newspapers and automated text reuse detection made it possible to identify several thousand texts that had been reprinted and redistributed across time, place, and individual newspapers. Also, only the exploratory work with the clustered data set allowed me to highlight the extension and diversity of texts by, about, and for women. Articles covering debates on women’s suffrage, advertisements on women’s health, advice on children’s nutrition from a female perspective, as well as short stories and humorous texts about being a woman stood out. All of these texts circulated within the German-American press, where they provided the basis for commentary and were contextualized. 

Had you worked with digital methods before?

Before starting the project, I had only worked with digital methods to a very limited extent and had taught myself most of the methodological tools. During my master’s degree, I had only taken one course on digital humanities, which dealt with so-called captivity narratives. These are early modern and early modern narratives about prisoners of European descent (often women) in indigenous communities in North America. In my term paper, I experimented with Voyant as an introductory tool for the first time. Voyant allowed me to investigate whether and how the representation of indigenous actors changed over the course of the narratives, especially whether language and attributions shifted with increasing duration of captivity, and towards the end of the narratives.

 

Image 3 [Distribution of word clusters throughout the plot (including “heathen,” “creature,” “devil,” ‘Indians’), created with Voyant for the term paper “Language as Propagandistic Ploy: Stigmatization of Native Americans via Terminology”]

 

What triggered your decision to embark on a digital project? 

Quite frankly, it was the result of a very particular opportunity: as a doctoral researcher at the University of Stuttgart, I had the privilege of beginning my academic career within the international Digital Humanities consortium “Oceanic Exchanges: Tracing Global Information Networks in Historic Newspaper Repositories, 1840–1914” (DFG). The project brought together scholars from the United States, Mexico, Germany, the Netherlands, Finland, and the United Kingdom who work in computational periodicals and press research. In Stuttgart, I was able to collaborate closely with the Institute for Natural Language Processing as well as the Institute for Visualization and Interactive Systems. What fascinated me most was the teamwork. Looking back, I would say that I did not so much leap into the digital as into the interdisciplinary—and today, I can hardly imagine working any other way.

Digital projects are known for a steep learning curve. What are five tips you would like to give to your younger self? What do you wish you had known, what would you have done differently, what turned out to be eye-opening for you?

1. Accept that you are working in more than one discipline—and that you can never be “up to date” in everything. Looking back, I wish I had told myself earlier that the feeling of constantly missing something is part of interdisciplinary work. Not being equally proficient in all fields is not a deficit, but part of the position between history, digital history, and computer science.

2. Learn how to translate—not only between languages, but between disciplinary cultures. At the beginning, I spoke very technically about my work and only realized later that many of my non-DH colleagues simply couldn’t follow me. It would have helped me to understand earlier that good digital history also consists of explaining methods in an understandable way without trivializing them.

3. Explore your data systematically, not just based on hypotheses. It was truly eye-opening to see how much became visible through exploratory work, especially after clustering the texts using text reuse detection. Digital methods not only provide answers to existing questions, but also generate new questions that would not have arisen without these procedures.

4. Document decisions consistently (even the wrong ones). I would have liked to have told my younger self earlier on how important it is to continuously record methodological decisions, parameters, and detours. This documentation is not only important for transparency, but also for writing, arguing, and reflecting on one’s own research later.  

5. Take advantage of the opportunity to present early results—but be aware of the explanatory mode. A major advantage of digital history is that interim results can be presented and discussed at an early stage. At the same time, DH researchers are often expected to talk much more about methods than about historical results, which means that they are more often in explanatory mode than in actual substantive discussion.

6. And I have one more! Don’t constantly justify yourself. Digital history is here to stay. When I started out, I often had to explain why I was working digitally in the first place. These demands for justification have disappeared over time. Looking back, I wish I had trusted that digital methods would be relevant and prevail in the long term from the beginning.

Jana Dunz-Keck is a Research Fellow for History of the Americas/Transatlantic History at the German Historical Institute Washington, where she coordinates the Digital History research area. In her current project, When Climate Hits Home: Internal Migration and Mobility in the U.S. during the Age of the Great Acceleration, she examines the history of climate-induced relocation in the United States since the 1980s using digital mapping and archival research. Her work combines digital history with media and migration history. Migration and HERitage will be published soon in De Gruyter Brill’s Studies in Digital History and Hermeneutics series.

https://orcid.org/0000-0002-9416-1256

The blog series „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ [“If only I had known that sooner… What historians and those working in history would advise their younger selves”] is supervised by the GHI Washington in cooperation with NFDI4Memory / Task Area Data Culture and Task Area Data Literacy, the Association of German Historians (VHD), and the Digital History Chair at Humboldt University in Berlin. We welcome anyone who would like to discuss their experiences with digital projects in the field of history—and shares tips on what they would definitely do differently next time.

Are you interested in writing a contribution for the series? We’d love to hear from you! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] and Katharina Hering (GHI) [[email protected]] look forward to hearing from you!

 

The Citizen Archive Platform: Interview with Wolfram Dornik

Interview with the head of the Graz City Archives, Dr. Wolfram Dornik, about the Citizen Archive Platform (https://citizenarchive.eu/en/), a collaborative personal digital archiving platform spearhead by the Graz City Archives (Austria) and the Aschaffenburg City and Abbey Archives (Germany), co-funded by the EU.

1) What prompted the development of the Citizen Archive Platform (CAP)?

We have been pursuing a holistic approach to preservation for several years: We aim to preserve urban history in both analog and digital form, not only based on official documents, but also based on documents and collections from private individuals, associations, and businesses. The catalyst for our project was our experience with collecting during the 2020/21 coronavirus pandemic, which highlighted the difficulties with preserving data from private individuals. That’s why we explored innovative technical and archival strategies and tools.

2) Could you briefly describe the most important functions of CAP?

The tool enables the secure transfer of data from private individuals to an archive, based on archival standards. At the same time, the platform supports professional archivists with managing the digital submission workflow while preparing the transfer to a digital repository – or the de-accessioning of data.

3) How did the collaboration between the Graz City Archives and the Aschaffenburg City and Abbey Archives come about?

Joachim Kemper (Dr. Joachim Kemper, the head of the Aschaffenburg City and Abbey Archives) and I have known each other for several years and we share similar approaches to our work. At the Graz City Archives, which is run jointly with the Graz Museum in a single organizational unit and headed by Director Sibylle Dienesch, we pursue a similarly open and participatory approach to archiving. So, joining forces with Aschaffenburg seemed almost logical for our project.

4) Can anyone download and use the platform?

Yes, the platform will be made available on GitHub at the end of the project is available under an open license. It can be downloaded, used, and further developed by any archive or other cultural heritage institution. Of course, we would also be very happy to receive feedback or reports on experiences from other users.

5) Do you plan to expand CAP further and do you also plan to release versions in other languages?

 Other language versions in English, French, Italian, and Greek are already being developed for the EU project. Technically, this is quite easy to implement, and other institutions can, of course, customize the language and content individually for themselves.  

6) Do you offer training, and is there already an online user community that people can turn to with questions?

During the project period, i.e. until the end of January 2026, this option will of course still be available. We are currently working out to what extent we will be able to provide support for new users after the end of the project. In any case, we will continue to support users in Graz over the next few years and will operate the platform together with the museum collection.

7) Is there anything else you would like to share with our readers?

After almost four years, we are thrilled to see the enthusiasm of the people of Graz for this topic. As an archive, we can fully leverage our expertise in the long-term preservation of cultural heritage, now in digital form. At the same time, we have also acquired more skills, technical know-how, and an even broader network for taking on personal documents in both spheres—digital and analog.

You can access the CAP at: https://citizenarchive.eu/en/

Thank you very much for this interview!

 Translated with the help of AI, revised and adjusted by Katharina Hering

Hätte ich das mal eher gewusst …with Lauren Rever

Can you describe your project in three sentences and explain the digital component of your work?

Each year, hundreds of thousands of American school children visit Washington, DC on overnight trips as part of their school’s curriculum. My project examines the historical development of the school trip to Washington, DC as a heritage practice. Beyond a traditional history, I read narratives of trips in yearbooks, brochures, school websites, personal diaries, and newspapers and turn the information into data: which schools traveled? Where from? What was the group size? What sites did they visit once in DC? Using digital methods then allows me to interpret the spatial meanings of the trip, map the routes on georeferenced historical maps, and visualize a narrative for audiences in ArcGIS StoryMaps.

Screenshot of StoryMap
Example of Rever’s StoryMap

 

Added value: What was only possible or what advantages did you have because you worked digitally?

Turning narratives into data captured information that I couldn’t see clearly otherwise, such as the amount of student groups traveling by rail until the early 2000s. At the final stage of my project, using ArcGIS StoryMaps gave me the advantage of showing an audience how the school trip developed not only across time but also across space. Visualizing this emphasizes my arguments that space was an essential factor in institutionalizing trips to the federal city and that routes are an essential factor in how various authorities make history using Washington.

Map of Hatfield Consolidated High School Trip to Washington, DC 1925
Map of Hatfield Consolidated High School Trip to Washington, DC 1925. By Lauren Rever. Rand McNally Standard Map of Washington D.C., 1923, Library of Congress.

 

Had you worked with digital methods before?

I had not worked with digital methods before! My background is in material culture, public history, and historical interpretation. My training gave me the interpersonal skills to discuss history and heritage sites with various publics. Digital methods seemed very “behind the scenes” to me. In that sense, I took data and information science for granted in our public collecting institutions. I am much more aware of the benefits of digital methods because of my time at the GHI and Roy Rosenzweig Center for History and New Media, especially with regards how digitality is a vital aspect of our workplaces.

What triggered your decision to embark on a digital project?

I had manually collected data for part of my dissertation from 100 contemporary school trips, representing two trips per state. I plotted the top-visited sites on a contemporary map with the help of a colleague cartographer. The end result showed me details that I hadn’t seen before, such as how popular of a site Arlington National Cemetery was. I saw an opportunity to pursue this work further in my postdoctoral project.

Digital projects are known for a steep learning curve. What are five tips you would like to give to your younger self? What do you wish you had known, what would you have done differently, what turned out to be eye-opening for you?

  1. Know when to say no. There are so many topics that fall under the umbrella of “digital history” that you could fill your entire work calendar investigating new and interesting conferences, seminars, and meetings. Learning is great. But at some point, you need to say no and focus on what you can produce with the little bits you have. Go from there – there will always be more to expand upon later!
  2. Think a little deeper about which the digital projects are behind-the-scenes research work, and which are public-facing work. I first considered the maps I was making as a public-facing tool to visualize my research. I realized after a while that the maps I made weren’t particularly helpful in explaining my argument, especially because the routes I map are rather static, geocoordinates-wise. The maps were, however, extremely important for my internal research and learning. In the end, I had to switch plans for visualizing the project for an audience. Finally understanding my maps as a tool for just myself, however, relieved the pressure to spend lots of time making the maps look appealing.
  3. Don’t compare yourself to major projects.  Just as a PhD student cannot compare their dissertation to a tenured professor’s book, a single digital humanist cannot compare themselves to established projects. Many digital humanists do not work alone, have many years of experience, and partner with data scientists. I can measure my personal progress on my own terms. When I opened up a new software and recognized the terminology for how to navigate it, for example, I felt really accomplished.
  4. Ask peers details about their jobs. The field of digital history encompasses a broad range of jobs. Asking peers about their daily tasks and job titles is a great chance for informal learning in the field. It provides a chance to see where the practical demands are, talk through what skills you may already have but need to phrase differently to match DH language, and hear how people ended up in their positions.
  5. Remind yourself of your unique skillset. It is easy to feel behind when you are joining a field others have years of experience in. But that means you’ve spent your years mastering other skills, and your project will allow those to shine through as well!

Lauren Rever is a public historian who turns the lens inward onto the field to study the production of history, museum histories, memory, and tourism. She was the 2024/2025 Gerda-Henkel-Foundation scholarship recipient for Digital History at GHI Washington and the Roy Rosenzweig Center for History and New Media. Her doctoral thesis, which she completed in the fall of 2024 at Heidelberg University, examined the complex relationship between authority and trust in the management and visits to historical institutions in Washington, D.C. Her current postdoctoral project documents the history of student travel to Washington, DC.

The blog series „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ [“If only I had known that sooner… What historians and those working in history would advise their younger selves”] is supervised by the GHI Washington in cooperation with NFDI4Memory / Task Area Data Culture and Task Area Data Literacy, the Association of German Historians (VHD), and the Digital History Chair at Humboldt University in Berlin. We welcome anyone who would like to discuss their experiences with digital projects in the field of history—and shares tips on what they would definitely do differently next time.

Are you interested in writing a contribution for the series? We’d love to hear from you! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] and Katharina Hering (GHI) [[email protected]] look forward to hearing from you!

 

 

Hätte ich das mal eher gewusst …mit Swantje Piotrowski

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Im Auftrag Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf reiste im November 1633 eine 36-köpfige Gesandtschaft von Hamburg nach Persien. Sie sollten für den verschuldeten Gottorfer Hof in Verhandlungen mit dem russischen Zaren und dem Schah Safis I. in Isfahan Privilegien im lukrativen Orienthandel erwerben. Adam Oleariusʼ erstmals 1647 publizierte Beschreibung dieser Reise mit knapp 700 Seiten gilt noch heute als eine der ersten wissenschaftlichen Reisebeschreibungen – und stand im Zentrum eines meiner Seminare. Die Studierenden nutzten Recogito, um den über das Deutsche Textarchiv zugänglichen Text mit digitalen Methoden zu analysieren.

Abb. 1: Oleariusʼ Bericht Offt begehrte Beschreibung Der Newen Orientalischen Rejse (1647) steht im Deutschen Textarchiv (DTA) zum Download zur Verfügung (https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/olearius_reise_1647)

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

In meinem Seminar ist das Konzept des Forschenden Lernens zentral: Studierende erschließen und transkribieren selbst, sie bereiten eigenständig den Text auf und pflegen die Daten in Recogito ein. Es ist wirklich spannend, was die Studierenden daraus mitnehmen. Sie erkannten z.B., dass Visualisierungen neue Zusammenhänge sichtbar machen können. Durch die topologische Anordnung von Objekten lassen sich bislang unerkannte Beziehungen erschließen und so neues Wissen generieren.

Als besonders gewinnbringend empfanden die Studierenden die Möglichkeit, durch die digitale Methode einen neuen Zugang zur Quelle zu erhalten. Sie konnten die Texte auf eine neue Art und Weise betrachten. Vor allem die Arbeit mit Recogito zeigte, dass ein veränderter Blick auf bekanntes Material neue Interpretationen herausfordern kann.

Abb. 2: Personen, Orte und Ereignisse können mit Recogito unkompliziert annotiert werden (https://recogito.pelagios.org/).

Am Ende des Seminars veranschaulichte die visualisierte Route der Gesandtschaft, dass die Reise, so wie sie der Autor in seinem Bericht schilderte, nicht stattgefunden haben kann. Der neue Blick offenbarte, dass der Reisebericht vorrangig andere Motive verfolgte als eine korrekte Beschreibung des Reiseverlaufs.

Abb. 3: Recogito ermöglicht die Kartendarstellung basierend auf dem annotierten historischen Text (https://recogito.pelagios.org/).

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Ja, ich arbeite seit 2018 am Historischen Seminar der Kieler Universität im Bereich Digital Humanities, speziell für die Vermittlung von forschungsorientierten, digitalen Methoden und Arbeitsweisen im Bereich der geschichtswissenschaftlichen Lehre. Hier entwickle ich neue Unterrichtsformate, die für beide Seiten funktionieren müssen – sowohl für Studierende als auch für potenzielle Arbeitgeber, etwa in den Bereichen Medien und Verlage oder im Kulturbereich wie Museen, Archive und Bibliotheken. Den Mut, mit digitalen Methoden zu arbeiten, habe ich durch ein unterstützendes Netzwerk gefunden. Zu Beginn meiner Lehrtätigkeit habe ich mir Rat und Hilfe von Expert:innen eingeholt und intensiv im „Team-Teaching“ gearbeitet – ein Lehrformat, das ich bis heute sehr schätze und das mich kontinuierlich weiterbringt. Besonders die interdisziplinäre Zusammensetzung der Teams ist sowohl für die Studierenden als auch für uns Lehrende im Bereich Digital Humanities ein großer Gewinn.

Wie war damals eigentlich Dein Erstkontakt?

Mein erster Kontakt ergab sich in der Projektarbeit zum Kieler Gelehrtenverzeichnis. Dort habe ich erstmals systematisch mit Informatikmethoden gearbeitet und gesehen, welches Potenzial sie für die geisteswissenschaftliche Forschung bieten. In meiner Dissertation habe ich diesen Ansatz dann vertieft und die Verfahren gezielt in die Forschung eingebunden.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

Statt mit fünf Tipps zu antworten, die ich meinem jüngeren Ich geben würde, möchte ich die Herausforderungen kurz ansprechen, denen Studierende und ich als Lehrende in digitalen Lehrformaten immer wieder begegnen:

  • Digital Literacy = digitale Kompetenzen, digitale Bildung und Souveränität

In der Geschichtswissenschaft fehlt bislang eine systematische curriculare Verankerung von Digital Literacy und Data Literacy. Studierende und Lehrende nutzen digitale Werkzeuge zwar, verfügen aber oft nicht über das nötige Verständnis für ihre Funktionsweisen. Eine kritische Bewertung digitaler Quellen und der reflektierte Umgang mit Daten, Algorithmen und Tools fällt daher schwer. Digitale Schlüsselkompetenzen müssen fächerübergreifend und praxisnah vermittelt werden – etwa durch projekt- und problemorientiertes Lernen mit realen historischen Daten.

  • Digitale Geschichte lehren und lernen!

Die universitäre Geschichtslehre muss die digitale Transformation umfassend berücksichtigen. Nur so kann sie zum Verständnis der Gegenwart beitragen und Studierende auf zukünftige Anforderungen vorbereiten. Digitale Kompetenzen im Sinne von Digital Literacy sowie die Beherrschung computergestützter Methoden müssen als zentrale Lernziele in die Curricula des Geschichtsstudiums integriert werden. Lehrende müssen trotz knapper Zeitbudgets ihren eigenen digitalen Weiterbildungsbedarf decken. Aktuell soll vor allem die „digital immigrant“-Generation Fähigkeiten vermitteln, die sie teilweise selbst nicht besitzt. Daher muss es stärker um den Austausch und die Bündelung von Kompetenzen gehen, z.B. in einem unterstützenden Netzwerk.

Swantje Piotrowski  ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Digital Humanities am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. (ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-5492-3746)

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

Hätte ich das mal eher gewusst …mit Katharina Weick-Joch

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Die Geschichte Gießens – eine bunte Universitätsstadt mitten in Hessen – wollten wir in unserem Museum neu erlebbar machen. Daher haben wir uns für einen Augmented Reality-Walk entschieden, bei dem die Museumsbesucher:innen auf die virtuelle Protagonistin Lina treffen, die für die Studierenden-Zeitung eine Schlagzeile sucht. Mit einem Tablet in der Hand und Kopfhörern auf den Ohren lauscht man ihren Gedanken und begibt sich mit ihr in die Gießener Geschichte hinein.

Auf dem Tablet sind beim AR-Walk Illustrationen zu sehen, die sich als digitale Ebene über Museumsobjekte legen und das subjektiv Erzählte veranschaulichen. Bild: Museum für Gießen. CC-BY_NC-SA 4.0

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Das ganze Projekt war von Anfang an als digitales Vermittlungstool angelegt. Also sind wir von vornherein mit der Frage gestartet: „Was können wir digital viel besser erzählen als analog?“ Tatsächlich bietet die Ebene der Augmented Reality eine digitale Erweiterung des Museumsraums. Zusammen mit der Audiospur ermöglicht dies einen anderen, immersiven, Zugang zur Stadtgeschichte.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Bei uns im Museum probieren wir immer mal wieder digitale Vermittlungsformate aus. Die Möglichkeit, so groß und prototypisch zu arbeiten, bekamen wir aber erst durch die Förderung im Projekt „museum4punkt0. Digitale Strategien für das Museum der Zukunft“. Dieses steht für digitale Kulturvermittlung und wurde von Mai 2017 bis Juni 2023 aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Der Verbund vernetzte Kultureinrichtungen aus ganz Deutschland. Über Institutionsgrenzen hinweg und disziplinübergreifend entwickelten wir digitale Angebote für neue Arten des Lernens, Erlebens und Partizipierens im Museum. Wir haben uns also mutig der Herausforderung gestellt, die uns als Team zusammengeschweißt hat.

Wenn ja: Wie war damals eigentlich Dein Erstkontakt?

Ich würde meinen persönlichen Zugang zur digitalen Geschichtsvermittlung als einen sanften Einstieg bezeichnen, der projektabhängig sehr unterschiedlich stattgefunden hat. Mein Wissen über Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen des Digitalen wächst quasi täglich.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

Dadurch, dass wir unseren AR-Walk in einem großen Verbundnetzwerk realisieren konnten, in das wir zu einem Zeitpunkt eingestiegen sind, zu dem andere Museen schon reichlich Erfahrungen gesammelt hatten, konnten wir von deren Wissen profitieren.

Augenöffnend war die Erkenntnis, dass man aus Fehlern viel mehr Lernen kann als aus Erfolgsgeschichten. Konsequenterweise haben wir dann auch über unser Learning erzählt, statt nur die Erfolge in den Vordergrund zu rücken. Ich würde für neue Ideen deshalb immer wieder den Kontakt zu Menschen suchen, die ähnliche Projekte bereits realisiert haben. Man ist ja nicht dabei, das Rad neu zu erfinden, sondern kann auf vielen Gedanken aufbauen.

Deutschlandweite Vernetzung: Partnerinstitution im Verbund museum4punkt0. Grafik: Stiftung Preußischer Kulturbesitz/museum4punkt0/Julia Rhein, bearbeitet von Robert Rausch, CC BY 4.0.

Katharina Weick-Joch leitet seit 2018 das Museum für Gießen. Hier hat sie einen umfassenden Veränderungsprozess auf den Weg gebracht, in dem sie das Museum mit neuem Corporate Design, digitalen Vermittlungsangeboten und veränderten Teamstrukturen ausgestattet hat. Sie engagiert sich zudem im Vorstand des Museumsverbands Hessen. Zuvor war sie ab 2013 in unterschiedlichen Positionen für die Staatlichen Museen zu Berlin tätig. (GND-ID: https://d-nb.info/gnd/135864283)

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

Hätte ich das mal eher gewusst … mit Tomasz M. Jankowski

Can you describe your project in three sentences and explain the digital component of your work?

Archives across East Central Europe, whether in Prague, Berlin, Riga, or in Kyiv, hold nominal census lists, unique historical sources documenting hundreds of thousands of individuals. A surprising portion of these pertain to Jews, even dating back to the mid-eighteenth century. In recent years I have become curious as to whether we can draw broad insights into the demography and family history of the Ashkenazi Jews living across the entire region. In order to prepare the sources for my spatial and temporal analysis, I harmonised and standardised the digitized sources to be machine readable. My research focuses on the diversity of family arrangements, marriage patterns, and gender relations among the Jews, and on how and why these differed from those of their Christian neighbours.

Image: List of Jews living in Gdańsk in 1796. Source: Geheimes Staatsarchiv Berlin, II. HA, Abt. 9, Tit. LXVII, Sekt. 1, Nr. 11.

Added value: What was only possible or what advantages did you have because you worked digitally?

Plugging in modern digital research solutions, such as R, made my research extremely flexible. I’ve been able to develop custom-tailored ready-to-use functions performing analyses within a few seconds. Such a set up has allowed me to test working hypotheses, expand the data pool, and correct errors often at the drop of a hat. More importantly, I’ve documented the process to ensure that my research becomes entirely reproducible.

I also believe that aesthetic and clean graphics are crucial for conveying the results to the audience. The R community provides a vast array of solutions to help produce customised maps and graphs. And if you don’t know how to achieve a desired result, you can always ask the community. In other words, digital also means communal.

Graphic: Age at marriage of Jewish women in east-central Europe at the end of the 18th century.

Had you worked with digital methods before?

While writing my PhD thesis I relied on very basic digital solutions, like Excel. Although these were sufficient for the exploration and analysis of a small dataset, the entire process was quite tiresome and time-consuming. Many steps had to be constantly repeated manually. In the end I ended up with a very unstable environment, that I continued to use just out of habit.

What was your initial contact with digital methods like back then?

It was the growth of the data that primarily triggered me to introduce a programming language. It turned out that adapting old solutions to my new needs was taking longer than learning R. I first encountered R during a two-week summer school, then I took some free and paid on-line courses. It was a worthwhile investment. I soon realised that R brings additional benefits, such as greater flexibility, interoperability, and access to more advanced methods.

Digital projects are known for a steep learning curve. What are five tips you would like to give to your younger self? What do you wish you had known, what would you have done differently, what turned out to be eye-opening for you?

While enthusiasm for digital humanities seems to be ubiquitous, I am a bit more cautious. I don’t think there is some universal path to embracing the field. The main challenge is that the inclusion of digital methods in historical research requires simultaneous training in several fields: programming, statistics, and obviously history. It is hard to find an institution with a sufficiently comprehensive curriculum, especially if you research Jewish or any other ‘minority’ history. Accordingly, embarking on digital adventures is largely an individual endeavour. Therefore, my five general tips would be:

1) Making errors is a part of the game.

2) Each research project is different, digital solutions may not always be useful.

3) Talk to others, share your questions.

4) Slow down, take a deep breath, it takes time, but it will pay off eventually.

5) Make sure that the digital methods you apply provide a breakthrough in knowledge, not just the fireworks that give your research attractive appearance.

Tomasz M. Jankowski is a postdoctoral fellow at the Centre for Eastern European Jewish History at Vilnius University, Lithuania. He is interested in social aspects of Jewish and non-Jewish entanglements in east-central Europe from early modern period to the early twentieth century. He recently published the article: Jankowski, Tomasz M. “Mapping the Jewish Family in Eighteenth-Century East-Central Europe. Diversity, Unity and in-Law Equality.” The History of the Family, September 2025, p. 1–33. doi:10.1080/1081602X.2025.2549328.

Earlier publications include: Hebrew Polish Tango (Polin Museum, 2019) and Demography of a Shtetl (2022). He has also been involved in documenting Jewish heritage for several NGOs, including UNESCO. In 2024, he was NFDI4Memory FAIR Data Fellow. (ORCID ID: https://orcid.org/0000-0002-2695-7324)

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

Digitalisierte Schulbücher als Quellen

Interview mit Dr. Anke Hertling, Leiterin der Abteilung Informationszentrum Bildungsmedien am Leibniz-Institut für Bildungsmedien,  Georg-Eckert-Institut (GEI) in Braunschweig

Redaktioneller Hinweis: Anke Hertling studierte Germanistik, Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig und Brüssel und promovierte an der Universität Kassel mit einer Arbeit über Frauen in der Automobilgeschichte. Nach ihrem Referendariat für den höheren Bibliotheksdienst an der Staatsbibliothek zu Berlin arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stellvertretung der Leitung im Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam. Seit 2015 leitet sie die Forschungsbibliothek am Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI) in Braunschweig. Die Fragen stellte Maret Nieländer, seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am GEI und Leiterin des Projekts „Evolution des Schulbuchs.“ 

1.) Seit den 1970er Jahren werden in Braunschweig Schulbücher gesammelt, das GEI feierte kürzlich sein 50jähriges Bestehen. Inzwischen umfasst die Schulbuchsammlung rund 183.000 Print- und Online-Medien aus über 180 Ländern. Für wen sammelt Ihr und was wird mit diesen Quellen erforscht?

Schulbücher sind ein ganz vielschichtiges Genre. Sie geben über vermitteltes Wissen, über Sinnwelten sowie Normen und Werte von Gesellschaften Auskunft und sie sind deshalb für unterschiedliche Forschungsdisziplinen und Forschungsfragen interessant. Darüber hinaus erzählen sie viel davon, wie Wissen vermittelt wird und in der Vergangenheit vermittelt wurde. Sie sind also wichtiger Bestandteil der Bildungswissenschaft und Didaktik. Leider werden Schulbücher trotzdem nicht als sammelwürdig angesehen. Wir sind in Braunschweig die einzige Bibliothek weltweit, die eine internationale Schulbuchsammlung unterhält und systematisch Schulbücher der Fächer Geschichte, Geographie, Politik / Sozialkunde, Werteerziehung / Religion und darüber hinaus deutschsprachige Lesebücher aktiv sammelt. Wir haben auch einen großen internationalen Fibelbestand.

Alle an Schulbüchern Interessierte können zu uns in die Forschungsbibliothek kommen, denn wir haben ganz normale Öffnungszeiten. Die Wurzeln des Instituts liegen in der Friedensbildung und Georg Eckerts Bemühungen, Schulbücher nach dem 2. Weltkrieg von Feindbildern zu befreien  (siehe auch: “Georg Eckert,” https://www.gei.de/institut/das-gei/geschichte/georg-eckert). Aktuelle Forschungsprojekte am Institut beschäftigen sich z. B. mit der Darstellung jüdischer Geschichte, Kultur und Religion sowie mit queerer Diversität und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Heteronormativität in Schulbüchern. Seit einigen Jahren werden Schulbücher als digitale Versionen hergestellt und publiziert und es gibt digitale Bildungsmedien in Form von Apps und interaktiven Angeboten. Diese spannenden Entwicklungen werden am GEI gleichfalls beforscht und wir versuchen in der Bibliothek diese Medien zur Verfügung zu stellen. Neben Schulbüchern und aktuellen Bildungsmedien findet man bei uns zudem internationale Sekundärliteratur v. a. zur Schulbuch- und Lehrplanforschung in print und online.

Abbildung 1: Im Jahr 2021 hat das GEI einen Neubau für seine Forschungsbibliothek eröffnet. Die internationale Schulbuchsammlung ist frei zulänglich auf zwei Etagen untergebracht.

2) Seit 2009 digitalisiert Ihr auch. Wie geht das vonstatten und wie wählt Ihr aus?

Seit 2009 haben wir ca. 7.000 historische Schulbücher im Umfang von rund 1,5 Mio. Seiten digitalisiert, hauptsächlich mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Ganz nach Vorgabe der DFG erfolgte die Digitalisierung von urheberrechtsfreien, also historischen Werken, und war immer mit einer Forschungsfrage oder einem Forschungsprojekt verbunden. Auf diese Weise haben wir inzwischen alle unsere deutschsprachigen Schulbücher bis 1918 digitalisiert und in unserer digitalen Schulbuchbibliothek GEI-Digital frei zugänglich zur Verfügung gestellt.

Abbildung 2: Frühe Geographie-Didaktik mit mentaler Visualisierungshilfe für den Kontinent Europa. Aus: Guillaume Marcel: Conspectus Geographiae. Abbildung der Erd-Beschreibung. Hamburg: Schiller 1696. S. 21. https://gei-digital.gei.de/viewer/image/PPN750439777/29/

Abbildung 3: Titelblatt und Auszug Inhaltsverzeichnis „Der Deutsche Kinderfreund“ als ein Schulbuch für viele Generationen. Es erschien zwischen 1801 und 1888 in 226 kaum veränderten Auflagen. Friedrich Philipp Wilmsen: Der Deutsche Kinderfreund, ein Lesebuch für Volksschulen. Elfte Auflage. Berlin: Realschulbuchhandlung ca. 1810. https://gei-digital.gei.de/viewer/image/PPN777173409/5/

3) Wie findet man diese Werke? Hast Du Tipps für die Recherche?

Unsere Digitalisate sind über unseren OPAC zugänglich. Die Recherche im OPAC eignet sich besonders, wenn Autor:innen und / oder Titel eines Schulbuchs genau bekannt sind. Da Schulbücher aber oft gleichlautende Titel haben und ihre Autor:innen manchmal nicht eindeutig zu identifizieren sind, kann man auf unseren GLOTREC|Cat zurückgreifen. Hier können Schulbücher zusätzlich differenziert nach Schulfächern und Bildungsstufen recherchiert werden. Liegt ein Schulbuch digital vor, kommt man vom OPAC oder dem GLOTREC|Cat auf GEI-Digital. In der digitalen Schulbuchbibliothek GEI-Digital ist es dann möglich, die digitalisierten Schulbücher Seite für Seite anzuschauen und man kann nochmals gezielt nach Begriffen suchen und kommt dann auf die entsprechenden Seiten, wo der Begriff vorkommt. Das ist praktisch, wenn man z. B. alle Schulbücher suchen möchte, in denen etwas über Bismarck vorkommt. 

4) Frage: Was ist das Besondere an GEI-Digital?

Seit Beginn unserer Digitalisierung stellen wir Volltexte zur Verfügung. Das heißt wir haben sehr früh darauf gezielt, dass unsere Quellen maschinenlesbar von den digitalen Geisteswissenschaften genutzt werden. Über unsere Strukturdaten sichern wir zudem eine werkimmanente Tiefenerschließung, wodurch die Inhalte eines Buchs besser durchsucht, organisiert und beforscht werden können. Auch wenn wir aufgrund von fehlenden Schulbuchbibliografien nicht wissen, wie vollständig oder eben unvollständig unsere historische Sammlung ist, streben wir durch antiquarische Ankäufe das Ziel an, möglichst vollständige Korpora von Schulbüchern aus einer bestimmten Epoche bereit zu stellen. Wir schauen darüber hinaus in anderen Bibliotheken nach digitalisierten Schulbüchern und haben GEI-Digital z. B. mit Digitalisaten aus der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung ergänzt.

Abbildung 5: Startseite der digitalen Schulbuchbibliothek GEI-Digital mit aktuell 6.318 digitalisierten historischen Schulbüchern verschiedener Fächer und Länder.

5) Die GEI-Digital Daten haben CC-0 Lizenzen bzw. sind gemeinfrei und haben eine OAI-Schnittstelle. Werden sie auch von DH-Projekten genutzt?

Für viele unserer Nutzer:innen reichen die Such- und Downloadoptionen für punktuelle Studien an einzelnen Werken im Sinne des “close reading”. Wir haben zugleich die Voraussetzungen für eine Arbeit mit großen Datenmengen geschaffen und einige Projekte nutzen unsere Daten, um computerlinguistische Verfahren wie Frequenz- und Kollokationsanalysen durchzuführen. Ein Forscher hat erst kürzlich Daten von uns in ChatGPT geladen und mit Schulbüchern speziell für Mädchenschulen gearbeitet. Die Fähigkeiten und zugleich Grenzen solcher Möglichkeiten sollten dabei immer kritisch hinterfragt werden. Wir als Infrastrukturanbieter bringen uns darüber hinaus selbst in die Digital Humanities ein. Wir nutzen z. B. Named-Entity-Detection Verfahren zur Anreicherung und Verbesserung unserer Daten und beschäftigen uns damit, inwieweit sich unsere Metadaten für Netzwerkanalysen im Bereich der historischen Schulbuchproduktion eignen.

6) Wie sieht die Zukunft von GEI-Digital bzw. der Digitalisierung am GEI aus?

Zwei Strategien bestimmen unsere zukünftige Arbeit: Erstens setzen wir auf Big Data, d. h., wir werden weitere zahlreiche Schulbuchbestände digitalisieren und dabei aktuell mit urheberrechtsgeschützten Werken gemäß gesetzlicher Möglichkeiten beginnen. Außerdem können wir jetzt Dank einer entsprechenden Förderung mit der Digitalisierung von rund 1000 DDR-Schulbüchern beginnen. Auch digitalisierte Schulbuchbestände von unseren internationalen Partnern werden wir verstärkt in GEI-Digital integrieren.

Zweitens zielt unsere Arbeit darauf, dass wir die Datenqualität weiter verbessern. Smart Data ist hier für uns handlungsleitend. Wir setzen auf Normdaten, auf interoperable Datenformate und das Training von Daten und -modellen. Gerade für Spezial- und Forschungsbibliotheken sehe ich in der Digitalisierung von Quellen ein vielfältiges und von immer neuen Technologien geprägtes innovatives Arbeitsfeld!

Vielen Dank für das Interview!

Weiterführende Informationen:

GEI Forschungsbibliothek: https://www.gei.de/institut/forschungsbibliothek

GLOTREC|Cat: https://itbc.gei.de/

GEI-Digital: https://gei-digital.gei.de/viewer/index/

GEI-Digital 2025 Korpus:

Hätte ich das mal eher gewusst … mit Lucie Kahlert

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Bei den Nürnberger Prozessen standen mit Hermann Göring, Rudolf Heß und Baldur von Schirach zwischen 1945 und 1949 führende Akteur:innen des NS-Regimes vor Gericht. In den umfangreich erhaltenen Materialien (Anklageschriften, Protokolle, etc.) finden sich immer wieder geschlechtsspezifische Argumentationsstrukturen der Beteiligten. Konkret interessieren mich dabei zwei Fragen: Erstens, inwiefern die spezifische Anwendung der Paarformel FrauenundKinder im Kontext der Anklage, der Verteidigung und des Urteils der Nürnberger Prozesseie rechtliche Bewertung der Angeklagten und ihrer Taten prägte und wie individuelle Verantwortung daher auch von geschlechtsspezifischen Aspekten abhing. Sowie zweitens, welche Auswirkungen dies auf die Wahrnehmung von Geschlecht und Altersgruppen in der internationalen Strafjustiz hatte. Für die Analyse des Materials verwende ich MAXQDA, eine Software, mit der sich qualitative Daten – wie Interviews, Texte oder Beobachtungen – systematisch auswerten lassen.

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Ich kann meines riesigen Quellenkorpus Herrin werden! Die Nürnberger Prozessprotokolle, die sogenannten Blue Series, umfassen 42 Bände. Hinzu kommen drei weitere Bände der sogenannten Green Series, die sich auf die Nachfolgeprozesse beziehen (ich untersuche die Fälle 7, 9 und 10), sowie ausgewählte Medienbeiträge. Wenn ich all diese Quellen manuell hätte auswerten wollen, wäre ich mit der Quellenakquise wohl noch in zehn Jahren beschäftigt gewesen. Ohne die digitale Datenerhebung wären mir zudem viele Zusammenhänge verborgen geblieben. Dank der Erstellung von Topic Clouds kann ich einen ersten Überblick gewinnen und die Verwendung spezifischer Narrative besser verstehen.

Ausschnitt aus Stellungnahme und Urteil des Trials of War Criminals before Nuernberg, Nuremberg Military Tribunals under Control Council Law No. 10, S. 448

MAXQDA hilft dabei, Inhalte zu codieren, Muster zu erkennen und Forschungsergebnisse nachvollziehbar darzustellen. Anhand bestimmter Schlagwörter lasse ich besagte Topic Clouds erstellen und vertiefe daraufhin die quellenkritische Analyse, um die zugrundeliegenden Themen zu identifizieren. Sprich: Welcher Tatbestand wird verhandelt? In welchem Zusammenhang wird das jeweilige Schlagwort verwendet? Auf diese Weise lassen sich spezifische Argumentationsmuster erkennen und inhaltliche Zusammenhänge ableiten.

Über das Projekt hinaus ist das digitale Arbeiten ein großer Gewinn, weil es mich motiviert, mir wertvolle neue Kompetenzen anzueignen, auf die ich nicht mehr verzichten möchte.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Nein, ich komme aus einem sehr analogen Fachgebiet.

Was war letztlich der ausschlaggebende Punkt, dass Du den Sprung ins Digitale gewagt hast?

Wie bereits erwähnt, musste ich eine Lösung finden, um das umfangreiche Quellenkorpus zu organisieren. Schon bei der ersten Idee meines Promotionsprojekts war mir bewusst, dass ich einen besseren Weg zur Analyse meiner Quellen finden musste, als das Material händisch zu erschließen.

Letztlich passierte es, wie so oft im Leben, ganz zufällig: In meiner alten Studi-WG erzählte mir der Partner meiner Mitbewohnerin von einem Projekt aus den Digital Humanities. Da kam uns die Idee, dass man dieses Programm auch perfekt für mein eigenes Projekt nutzen könnte! Also begann ich, mich intensiv einzulesen und einzuarbeiten. Aus einem einfachen Küchengespräch wurde so mein Einstieg in die digitale Forschungswelt.

Je intensiver ich mich mit der Software auseinandersetzte, desto deutlicher wurde mir, dass diese in anderen Fachbereichen wie der Germanistik oder der Soziologie ganz selbstverständlich genutzt wird. Dieser Moment war für mich regelrecht augenöffnend: Ich erkannte, dass mir trotz meines Studiums ein eigentlich alltägliches Werkzeug vollkommen unbekannt war und dass ich es durchaus schon viel früher hätte einsetzen können.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

Erst einmal sehe ich jede Lernkurve als etwas Positives und ich denke und hoffe, dass ich meinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht habe. Meinen akademischen Werdegang sehe ich vielmehr als eine Reise, auf der ich meinem jüngeren Ich gerne Folgendes mit auf den Weg geben würde:

  1. Schau über den Tellerrand hinaus, denn Interdisziplinarität ist der Schlüssel.
  2. Vernetze Dich und tausche Dich aus. Sprich offen über Probleme, Sorgen oder Gedanken; Du bist meistens nicht allein damit.
  3. Begreife digitale Programme als hilfreiche Werkzeuge – nicht als Konkurrenz!
    Ob zur Literaturverwaltung oder zur Strukturierung Deiner Quellen: Digitale Anwendungen können Dir die Arbeit deutlich erleichtern, ohne den wissenschaftlichen Anspruch Deiner Arbeit zu schmälern. Sie sind nützliche Unterstützer:innen – keine Bedrohung für Deine eigene Leistung. Wenn Du Deine Quellen nur ausdruckst und mit Textmarkern bearbeitest, kannst Du schnell den Überblick verlieren.
  4. Lass Dich nicht verunsichern! Das Erlernen einer neuen Software erfordert Zeit und Geduld. Hättest Du nicht an Dich geglaubt, wärst Du nie auf MAXQDA gestoßen und würdest wahrscheinlich immer noch auf Seite 20 von Band 3 deiner Quellenakquise feststecken.
  5. Und last but not least: Hab Spaß an Deinem Projekt und lass Dir diesen auch nicht nehmen!

 

Lucie Kahlert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Internationalen Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse und Doktorandin am Lehrstuhl für Neuste und Neuere Geschichte an der Philipps-Universität Marburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Geschlechtergeschichte sowie der Geschichte des Völkerstrafrechts. (ORCID-ID: https://orcid.org/0009-0005-5443-452X; Foto: Linn-Sophie Löber)

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

Hätte ich das mal eher gewusst … mit Laurin Herberich

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Seeraub im Östlichen Mittelmeer steht im Fokus meines Projekts. Ob Seeräuber planmäßig handelten, warum Raub zur See im Spätmittelalter so verbreitet war und welche Konsequenzen er für alle Beteiligten hatte, versuche ich für die Zeit von 1380 bis 1480 zu beantworten. Zur Vernetzung, Abfrage und Visualisierung von Metadaten aus mehreren tausend Dokumenten und sieben Archiven (Venedig, Valletta, Barcelona, Valencia, Mallorca, Genua, Dubrovnik) verwende ich ein hybrides Datenbanksystem.

Visualisierung der Häufigkeit verschiedener Schiffstypen in Seeraubzwischenfällen, gegliedert nach Opfern und Tätern

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Mein Dissertationsprojekt ist als solches nur umsetzbar, weil ich digitale Werkzeuge einsetze. Gängige Tools wie Excel, Access, Nodegoat oder Wikidata sind individuell nicht in der Lage tausende Text-, Geo- und sonstige Metadaten einheitlich zu speichern, flexibel zu navigieren, tiefgreifend zu analysieren und dann zu visualisieren. Das Datenbanksystem DMMP erlaubt mir diesen grundlegenden Vierschritt historiographischer Datenverarbeitung. Und noch mehr ist möglich: die simultane Kreuzreferenzierung tausender Metadaten durch erweitertes Autocomplete, die Beantwortung unvorhergesehener Forschungsfragen durch flexible Erstellung und analytische Kombination von Metadatentypen sowie die prosopographische Erfassung einzelner Akteure, also das Nachverfolgen von Beziehungen innerhalb von Personengruppen.

Erweitertes Autocomplete ist die Antwort auf das babylonische Sprachenwirrwarr in Dokumenten unterschiedlichster Provenienz. Es ermöglicht, dass z.B. ein bereits erfasster Seeräuber namens „Juan“ nicht nur bei einer Teileingabe seines Namens, sondern auch bei einer Suche nach „Johannes“ gefunden wird. Flexible Erstellung und analytische Kombination von Metadaten erlaubt es, ein Alleinstellungsmerkmal von „Juans“ Überfall, beispielsweise das Aussetzen des Kapitäns des gekaperten Schiffs auf einer einsamen Insel, als suchbaren Datentyp festzulegen. So kann man dies mit anderen überfallspezifischen Typen – wie lautem Fluchen oder einem wortwörtlichen Schuss vor den Bug – in einer Suche kombinieren. „Juan“ wird auch prosopographisch erfasst, das heißt Ereignisse, in die er verwickelt war, werden automatisch in seinem Profil verlinkt. Zusammen mit weiteren Metadaten wie zugeschriebene Herkunft oder ausgeübte Ämter erlaubt dies die Identifikation von „Juan“ als potenziellen Urheber weiterer Überfälle.

Visualisierung venezianischer Bezeichnungen für Seeräuber

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Vor meiner Dissertation habe ich nur mit Microsoft Excel gearbeitet. Datenbanksysteme waren für mich Neuland. Während der Antragsphase unseres DFG-Projekts wurde ich dann mit verschiedenen tiefgreifenderen Datenbanksystemen konfrontiert, die für die Lagerung und Analyse stark vernetzter Daten in Frage kamen. Abgesehen vom hilfreichen Input unserer UB-IT waren vor allem Wikipedia, YouTube, OpenHPI und freeCodeCamp in dieser Reihenfolge eine gute Pipeline, um am Ende sinnvoll die inhaltlichen Anforderungen der Quellen auf der technischen Seite der DMMP umsetzen zu können.

Was war letztlich der ausschlaggebende Punkt, dass Du den Sprung ins Digitale gewagt hast?

Ausschlaggebend war der Drang, einem verbreiteten, aber so untererforschten Phänomen wie mittelalterlichem Seeraub auf die Schliche zu kommen. Im Rahmen meiner Zulassungsarbeit hatte ich bereits einige Seeraubzwischenfälle um Rhodos ausgewertet und dabei bemerkt, dass das Problem weniger darin bestand, solche Überfälle zu finden, sondern vielmehr darin, ihre Akteure zu identifizieren. Da letztere für mittelalterliche Verhältnisse extrem mobil waren, muss man sie gewissermaßen durch mehrere Archive des Mittelmeers verfolgen. Um dabei den Überblick zu behalten und gleichzeitig die erhobenen Daten für zukünftige Forschung nutzbar zu machen, war der Sprung ins Digitale absolut notwendig.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

  1. Keine Scheu vor neuen Ufern.
  2. Guter Rat ist nicht teuer und nur eine Frage entfernt.
  3. Nur gute Methoden führen zu guten Ergebnissen.
  4. Es ist schwierig und nötig, ein nützliches und einfaches Tool zu erschaffen.
  5. Manche Seeräuber sind vielleicht von mir und meinen Quellen unidentifiziert, werden aber dank der DMMP für andere und deren Quellen leichter identifizierbar.

Laurin Herberich ist Doktorand am Historischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Im Rahmen des DFG Projekts „Medieval Maritime Predation: A Database supported Analysis of Mediterranean Violence“ beschäftigt er sich mit Seeraub im Östlichen Mittelmeerraum. Für sein Dissertationsprojekt nutzt er die DMMP, eine Kombination aus RDBMS, Search- und Graphdatenbank. Letztere ist das Ergebnis der Zusammenarbeit des Projektteams „Medieval Maritime Predation“, der Abteilung EDV-Versorgung/Informationstechnologie der Universitätsbibliothek Heidelberg, des Scientific Software Center und des Heidelberg Center for Digital Humanities. (ORCID-ID: https://orcid.org/0009-0006-3593-6599)

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

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Hätte ich das mal eher gewusst … mit Wouter Kreuze

Can you describe your project in three sentences and explain the digital component of your work?

In early modern times, handwritten newsletters circulating throughout Europe had the same structure; beginning with headlines, introducing where and when the news originated followed by the contents of the news. These discussed a wide arrange of subjects in short paragraphs, mostly covering political, diplomatic and military issues. My project facilitates the collection of this material leveraging existing technologies (namely, the software kraken) for automatic lay-out and text recognition. It enables the structural comparison between different collections enhancing our understanding of early modern information fluxes. To better understand how newsletters circulated, I decided to include collections from different countries, namely Germany, Italy and the Netherlands. These were often collected by either merchants, or people involved in political administration. The comparison between different collections helps explaining the creation and translation of newsletters.

Added value: What was only possible or what advantages did you have because you worked digitally?

Early modern readers of news usually received multiple newsletters a week. I included several collections of newsletters to give a proper assessment of the news system as a whole. To analyse trends over time, I focused on a range of years (1598-1604). Effectively, that means that my body of archival material runs in the thousands of documents. There is no other way of doing this within one lifetime, if not with digital methods.

Once the data is collected, the question of analysis begins; the automatically segmented documents are digitally analysed. Simple methodologies can provide a solution, such as statistics about where and when the newsletters were published. The digital realm, however, also offers more advanced inroads. For instance, I have applied methodologies for the automatic retrieval of textual similarity. That way, we can easily understand which readers received the same newsletters. Usually, newsletters were not undersigned, and thus anonymous. As the news compilers also freely copied from each other, it is often not possible to establish clear authorship. In my opinion, the best way of make sense of the news system is therefore to study their adaptation and dissemination.

Workflow for the digitisation of an early modern newsletters (also known as an ‘avviso’). We start out with plain photographs of the newsletters. In the first step, the program recognizes the headlines (blue)  and news items (pink). In the second step, these fields are automatically transcribed. The third step describes how the newsletters automatically recognize. The images are created with help of the software kraken/eScriptorium, using material from the Fuggerzeitungen, held by Österreichische Nationalbibliothek.

Had you worked with digital methods before?

My first extensive experience with digital humanities came during my PhD at University College Cork. Looking back, I believe I was primarily hired for my palaeographic and linguistic skills, though the doctoral degree itself was within a DH program. While I had some prior exposure to digital methods, it was nothing compared to what was required for the degree. It was a steep learning curve, but it has allowed me to work on projects like these involving Handwritten Text Recognition and visualizations. Otherwise, I would not have been able to undertake these.

What triggered your decision to embark on a digital project?

Before commencing my doctoral journey, I had obtained degrees in History and Italian. These programs were very inspirational, but far more built around traditional methods. While digital methods were not completely omitted, it was not as integral as in the PhD program. 

My dissertation was written within the framework of a bigger project, called EURONEWS. This aimed to be a digital project. As I was in a DH program, the development of a digital angle was required for my degree. Applying digital methods has greatly enriched my toolbox as a historian. For instance, it helped me to manage large quantities of source material, order my records and create visualizations.

Digital projects are known for a steep learning curve. What are five tips you would like to give to your younger self? What do you wish you had known, what would you have done differently, what turned out to be eye-opening for you?

  1. Don’t be afraid to experiment There are many different digital tools available, and sometimes it takes a while to understand what you really need. But perhaps even more important, your understanding of your sources and data greatly improves while working with them.
  2. Learn step by step according to your necessities There is a lot to learn, but you do not need to master it all at once. When I worked on my dissertation project, I went step by step. The basics I learned from a python course I found online. From there, I moved from one problem to the next by googling the challenge I was tackling, usually leading me to Stack overflow. For instance, initially, I was simply curious to see which words were most frequent in my dataset. To complete this in a relatively straightforward task, I wrote a simple python script. Back then, that was already a challenge, as I had no prior experience coding. Having mastered this, I started counting other things. From there, I became interested in creating visualizations, a slightly more complicated task.
  3. Things that appear too advanced at first, become self-evident over time When you learn a natural language, it can initially appear an insurmountable task. Once attaining fluency, however, it’s almost unimaginable that one day you were not able to understand utterances in that language. With coding languages and other digital skills, it is no different.
  4. Don’t try to reinvent the wheel Most of the digital tasks you want to undertake as a digital humanist have already been conducted by others. Therefore, you can build on the work done before you.
  5. Allow yourself to take a break Sometimes a little distance is what gives you clarity. Meet your friends, take a stroll, go for a swim. Sometimes the answers you are looking for come to you when you set yourself at your task again with renewed powers.

Wouter Kreuze obtained his degree in Digital Humanities from University College Cork, Ireland with a dissertation based on the newsletter collections of the Fugger and Medici. At the German Historical Institute, he developed a new workflow for the digitization of handwritten newsletters. Subsequently, he continued this project with a fellowship from the Folger Library. Currently, he is involved in the MALCONTENTS project at the University of Limerick, focusing on social deviancy among the professoriate of Early Modern universities in Germanophone areas. (ORCID-ID: https://orcid.org/0009-0003-4039-7495)

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [[email protected]] und Katharina Hering (GHI) [[email protected]] freuen sich auf eine Email.

 

Hätte ich das mal eher gewusst … mit Daniel Erdmann

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Ich beschäftige mich in meinem Promotionsvorhaben mit der Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft in Deutschland nach 1945, und zwar konkret mit ihrer Wissenschafts-/Fachsprache. Die Idee ist, dass sich Disziplinen (nach Rudolf Stichweh) unter anderem durch den Kommunikationszusammenhang konstituieren. Daher analysiere ich die erziehungswissenschaftliche bzw. wissenschaftlich-pädagogische Kommunikation in entsprechenden Fachzeitschriften. Es geht zum Beispiel um Begriffs- oder Themenkonjunkturen, zeitschriftenspezifische Diskurse oder Wandel bzw. Kontinuität im Sprachgebrauch (nach Noah Bubenhofer). Um diese Fragen für die potentiell gewaltigen Datenmengen beantworten zu können, nutze ich zum Aufspüren von Mustern und Auffälligkeiten computergestützte Volltextanalysen: Text Mining.

Muster im (Schrift-)Sprachgebrauch analysieren für große Zeitschriftenbestände: Kosinus-Textähnlichkeit von ganzen Jahrgängen der drei Zeitschriften Bildung und Erziehung, Die Deutsche Schule und Heilpädagogische Blätter/Zeitschrift für Heilpädagogik, erstellt mit R/RStudio mit dem R-Paket quanteda.textstats, inspiriert von Cornelius Puschmann.

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Text Mining und die (retro)digital(isiert) vorliegenden Quellen ermöglichen überhaupt erst, so viel Material auf einmal zu analysieren. Für unterschiedliche Teilstudien werte ich meistens mehrere Zeitschriften gleichzeitig aus und vergleiche sie. Schon in einer Zeitschrift alle Artikel über einen Zeitraum von rund 70 Jahren und mehr zu lesen, wäre im Umfang üblicher akademischer Beschäftigungsverhältnisse und Projektlaufzeiten nicht (sinnvoll) leistbar – oder eine Lebensaufgabe. Einen großen Vorteil beim Text Mining-Ansatz sehe ich zum einen darin, dass durch die Breite des Materials auch Texte, die beim menschlichen Lesen drohen, eher in der Peripherie zu versinken, mit in den Blick genommen werden. Zum anderen – da bin ich dank einer meiner akademischen Lehrerinnen und geschätzten Kollegin Katharina Vogel Anhänger und Fan von Ludwik Flecks Denkstil und Denkkollektiv – geraten durch die computergestützten Analysen aus der Distanz auch Auffälligkeiten in den Blick, die uns (mir) beim gewöhnlichen Lesen aufgrund von Lese- und Wahrnehmungsgewohnheiten womöglich nicht einmal bewusst geworden wären.

Auswertung von und Überblick über große Textmengen: Netzwerk für (ausgezeichnete) Personen(namen), die in der Edition des Briefwechsels zwischen Eduard Spranger und Käthe Hadlich innerhalb eines Briefes gemeinsam genannt werden und für sich genommen in mindestens 50 Briefen auftauchen. Erstellt mit R/RStudio mit dem Paket quanteda.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Das kommt ein bisschen auf das Verständnis von digitalen Methoden an. Ich habe während meines Studiums im Bachelor als Tutor viel mit Statistik zu tun gehabt und immer wieder mit SPSS gearbeitet. Im Master habe ich als Hilfskraft mit SPSS und mplus gearbeitet, aber dass ich selbst mit anderen und eigenen digitalen Methoden zu tun gehabt und nicht ‚nur‘ beauftragt gerechnet habe – eher nein … Text Mining war meine erste Forschung mit digitalen Methoden. Den Ansatz hatte ich in einem früheren Projekt (EWiG) vereinzelt schon angewendet, in dem ich Lehrbücher und Einführungswerke mit Text Mining-Verfahren hinsichtlich sprachlicher Auffälligkeiten analysiert habe.

Wenn Nein: Was war letztlich der ausschlaggebende Punkt, dass Du den Sprung ins Digitale gewagt hast?

Das war eine Fügung (aus meiner Sicht) glücklicher Umstände, würde ich sagen: Ich hab ein grundsätzliches Interesse am Arbeiten mit Computern über Textverarbeitung hinaus und ich hatte schon länger Lust darauf, ein wenig programmieren zu können (ohne sagen zu wollen, dass ich das jetzt könnte!). Mein damaliger Chef hat während meiner Zeit als Hilfskraft gesagt, es wäre gut, wenn jemand bei uns am Arbeitsbereich mit der Programmiersprache R umgehen könnte. Da ich zum Ende meines Masterstudiums noch ein bisschen was anderes als mein Fachstudium machen wollte und es ein Seminar für Datenanalyse mit R gab, an dem ich teilnehmen durfte und konnte, war damit der Grundstein gelegt.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

Ich habe rückblickend ehrlich gestanden manchmal auch recht flache Lernkurven gehabt, aber das wäre dann auch schon ein Tipp, den ich Vergangenheits-Daniel ans Herz legen würde:

Misserfolge einkalkulieren und deswegen Zeit einplanen und (soweit möglich) nehmen Ich hab immer wieder festgestellt (und tue das bisweilen heute noch), dass es länger dauert, als ich denke/gedacht hätte, bis ein Skript so funktioniert, wie ich es will. Wenn man dann einen Vortrag oder Beitrag im Nacken hat, kann das ganz schön unangenehm sein. Also lieber zu viel, als zu wenig Zeit einplanen; das gilt aber vermutlich irgendwie für alles in der Wissenschaft und ist ja auch leichter gesagt als getan. Und damit zusammenhängend: Eine gewisse Frustrationstoleranz ist auch hilfreich.

  1. Einfach mal ausprobieren und zum Beispiel Tutorials nutzen (und ggf. zitieren) Mir hat es unglaublich geholfen, schon bestehende Skripte oder Teile davon zu nutzen und sie auf meine Daten anzuwenden. Und – kleiner Tipp im Tipp – beim Einstieg den Anspruch auf den besten oder kürzesten Weg im Code lieber hintenanstellen und später nacharbeiten: Auch wenn das langfristige Ziel sicher ein anderes sein sollte – für den Start führen oft viele Wege zum ersten Ziel (= alles funktioniert). Das Arbeiten an Beispielen erleichtert nicht nur den Einstieg (und vermittelt mit der Zeit auch ein Gefühl für gute Lösungen), sondern es gibt immer mal wieder neue Inspirationen für unterschiedliche Herangehensweisen. Dann lässt sich durcharbeiten und an den eigenen Daten schauen, was wo klemmt oder warum das im Tutorial klappt, bei mir aber nicht. Ich behalte (leider) nicht immer alle Problemlösungen, die ich dann irgendwann gefunden habe, im Kopf, aber ich kann mich in aller Regel daran erinnern, dass ich das schon mal gelöst habe und schaue dann nochmal in meine alten Skripte. Das führt mich nahtlos zum nächsten Tipp:
  2. Daten, Skripte und überhaupt alle Dateien und Ordner pflegen Das ist eigentlich überhaupt kein besonderer Tipp – schon gar nicht mehr in Zeiten, in denen Forschungsdatenmanagement in aller Munde ist –, aber ich hab mich (Stichwort Lernkurve) oft geärgert, wenn ich nach einer unfreiwillig nötig gewordenen, längeren Pause an einem Projekt weiterarbeiten wollte und dann nicht mehr wusste, warum ich da was im Skript an Code eingefügt hatte oder wieso das mal (nicht) funktioniert hat.
  3. Viiiel Zeit für die Datenaufbereitung einplanen Der Zeitpunkt, an dem die Daten so weit sind, dass ich sie durch meine Skripte schubsen kann, braucht oft sehr viel Vorlauf und Zeit. Nach einiger Erfahrung gibt es ein paar Basics, die in meinen Skripten meist immer wieder auftauchen, das spart auf lange Sicht schon Zeit. Aber die Datenaufbereitung ist jedes Mal von neuem eine Herausforderung – je nach Bereitstellung und Verfügbarkeit. Im Sinne des redlichen wissenschaftlichen Arbeitens finde ich es auch wichtig, die Datenaufbereitung nachvollziehbar und idealerweise nachnutzbar zu gestalten.
  4. Nicht von vornherein von Kritik und methodologischen Diskussionen abschrecken lassen Ich finde Reflexionen über die Reichweite von Methoden, ihre Erkenntnismöglichkeiten und die ihnen zugrunde liegenden Methodologien und die damit zusammenhängenden Theorien nicht nur wichtig, sondern auch sehr wertvoll! Gleichzeitig ist mir und uns (ich habe mich oft mit Kolleg:innen zusammengetan für meine Arbeiten mit Text Mining) aber immer wieder viel Skepsis und auch reichlich Kritik entgegengebracht worden, von der ich heute sagen würde, dass sie teils sehr pauschal und teils sogar uninformiert war. So zum Beispiel die Meinung, das sei alles eine Blackbox, was der Computer da macht, und ich wüsste gar nicht richtig, was ich tue – das kann ich inzwischen für mich nicht mehr gelten lassen. Darum finde ich den Ansatz gut, die Dinge (auch) selbst auszuprobieren, dann lässt sich auch informierter und basierend auf Erfahrungswerten die Methoden- und Methodologiediskussion weiterführen. Das ist ein Ansatz, der sich übrigens mit unserem DHELab sehr gut zusammenbringen lässt.

 

Daniel Erdmann promoviert zur Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft nach 1945 anhand computergestützter Zeitschriftenanalysen und interessiert sich für Text Mining, (Historische) Wissenschaftsforschung und erziehungswissenschaftliche Wissensgeschichte. Nach seinem Studium der Erziehungswissenschaft in Jena und Göttingen war er an der Uni Göttingen in der Allgemeinen und Historischen Erziehungswissenschaft tätig, seit September 2022 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf textuellen Forschungsdaten. (ORCID-ID: 0000-0002-2602-7610, GND-Nummer: 1234990873) Foto: Daniel Erdmann.

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washington in Kooperation mit NFDI4Memory / Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professur der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

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