
H. Joachim Schlichting. Spektrum der Wissenschaft 4 (2026), S.42 – 43
Das Licht treibt sein lachendes Spiel
an der Oberfläche der Dinge
Gaston Bachelard
Gekrümmte Spiegel rufen je nach ihrer Art und Größe ganz unterschiedliche Spiegelbilder hervor. Manchmal nehmen wir dann sehr seltsame Erscheinungen wahr.
Die Menge der schwimmenden Gänse auf einem Gewässer ist überschaubar, und dennoch kann man beim Zählen in Schwierigkeiten kommen. So ist es bei einer Familie von Nilgänsen auf leicht welligem Wasser schwer zu beurteilen, ob es sich um sechs oder sieben Küken handelt. Das siebte scheint zwischen den Wellen fast untergetaucht und macht eine merkwürdige Figur. Handelt es sich vielleicht um eine Spiegelung?

Dagegen scheinen zwei Details zu sprechen. Zum einen unterscheidet sich die Kopfhaltung des geisterhaften Kükens vom darüber befindlichen Original, und zum anderen würde man von einem Spiegelbild erwarten, dass es auf dem Kopf steht. Hier ist es gerade andersherum, und das Küken wirkt aufrecht.
Der erste Einwand könnte leicht dadurch entkräftet werden, dass die Wasseroberfläche nicht eben ist. Durch leichten Wellengang entsteht eine Krümmung und dadurch eine entsprechende Verzerrung der Abbildung. In der Tat, bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass die sichtbare Wellenflanke, auf der man das zusätzliche Küken gespiegelt sieht, konkav gekrümmt ist.
Das erinnert mich an eine frühere Begegnung mit Spiegeln, die mich zunächst irritierte. Ich ging am Schaufenster eines Geschäfts vorbei, in dem unter anderem Kosmetikspiegel ausgestellt waren. Daran fiel mir auf, dass die durch die Spiegel abgebildeten Gegenstände auf dem Kopf standen. Mir erging es ebenso: Als ich von einem der Spiegel erfasst wurde, sah ich mich überkopf.
Ich war verblüfft, und zunächst hatte ich keine Idee, wofür derartige Spiegel gut sein könnten. Mir wurde dann allerdings schnell klar, dass es sich bei den vermeintlichen Umkehrspiegeln um ganz einfache Kosmetikspiegel handelte. Sie zeigen aufgrund ihrer konkaven Krümmung die gespiegelten Gegenstände vergrößert – normalerweise.
Bei der Benutzung derartiger Spiegel vergisst man jedoch meist, dass der Effekt nur unter einer Bedingung funktioniert: Man muss sich dicht davor befinden. Hier wird der Abstand dann nur noch leicht variiert, um die passende Vergrößerung einzustellen.
Das Bedürfnis, den Abstand vom Spiegel über die normale Armeslänge hinaus zu vergrößern, kommt üblicherweise gar nicht auf. Tut man das trotzdem und entfernt sich selbst immer weiter, wird das Spiegelbild zunehmend größer. Schließlich ist es als solches nicht mehr zu erkennen, weil die Vergrößerung den Unendlichkeitsbereich durchläuft. Bei weiterem Abstand taucht dann wieder ein erkennbares Abbild auf – aber es steht auf dem Kopf.
Verfolgt man den Verlauf der Lichtstrahlen, so ergeben sich zwei typische Szenarien. Im ersten befindet sich das Objekt zwischen dem Spiegel und dessen Brennpunkt. Dann werden die Lichtstrahlen reflektiert, bevor sie im Brennpunkt zusammenlaufen. Das Auge sieht den Gegenstand in geradliniger Verlängerung der Richtung, aus der die Strahlen kommen. Deswegen nehmen wir ein vergrößertes virtuelles Bild wahr.
Das zweite Szenario tritt bei größerem Abstand vom Spiegel ein. Befindet sich das Objekt hinter dem Brennpunkt, überkreuzen sich die Strahlen vor der Reflexion. Dann nehmen wir das Bild umgekehrt wahr. Genau in dieser Situation befand ich mich, als ich vor dem Schaufenster mit den Hohlspiegeln stand. Ich konnte daher gar nichts anderes erwarten als eine kopfstehende Spiegelwelt.


Eine anschauliche Vorstellung von der Abbildung gekrümmter Spiegel kann man sich mit einem blanken Löffel verschaffen. Blickt man auf dessen Innenseite, so sieht man sich kopfstehend, auf der konvexen Außenseite hingegen richtig herum.
Zurück zu den sechs oder sieben Gänslein. Wasser reflektiert je nach den Lichtverhältnissen und der Stärke des Wellengangs einen Teil des auftreffenden Lichts. Das führt bei günstigen Verhältnissen zu eindrucksvollen Spiegelungen, und so sehen wir die Küken bei passendem Blickwinkel teilweise vom Wasser zurückgeworfen.
Das ist offenbar auch bei einem der Küken der Fall: Die Welle ist an dieser Stelle konkav gekrümmt, und zwar so stark, dass die vom Gänslein ausgehenden Lichtstrahlen sich kreuzen, bevor sie auf den Chip der Kamera beziehungsweise auf der Netzhaut auftreffen. Dadurch entsteht das kopfstehende Bild. Es konnte überhaupt nur zu dieser Irritation zwischen Spiegelung und Wirklichkeit kommen, weil die Qualität der Spiegelungen ziemlich gut ist.
Betrachtet man eine Szenerie nur auf einem Foto, muss man manchmal buchstäblich um die Ecke denken, um ein optisches Rätsel zu lösen. Sobald sich etwas bewegt, wird es mitunter leichter. Hier hätte man wegen der bewegten Wellen die Virtualität des siebten Gänsleins ziemlich schnell erkennen können.

Dieses Wespennest hat der Wind von irgendwoher auf die Straße geweht. Ein leichtes papiernes Gehäuse, dessen Struktur in Form von sechseckigen Waben noch gut zu erkennen ist.
Aber das Nest ist nicht mehr zu gebrauchen und wird auch nicht mehr gebraucht. Denn zum Winter hin stirbt das gesamte Wespenvolk mit Ausnahme der begatteten Königinnen ab. Die Königinnen suchen sich derweil ein geschütztes Versteck in Ritzen und Hohlräumen u. Ä., wo sie in Winterstarre bis zum Frühjahr verharren. Dann erwachen sie, beginnen ein neues Nest zu bauen und ein eigenes Wespenvolk zu gründen.
Mögen auch diese in diesem Netz herangewachsenen Königinnen einen guten Start im neuen Jahr haben, in einem schönen neuen Nest neues Wespenleben ermöglichen und möglichst keinen hysterischen Menschen begegnen.

Man sollte öfter in sich gehen – wie eine Schnecke.
Es gibt sogar Schneckenarten, die über ein an ihrem Fuß sitzendes Operculum verfügen. Das ist eine Art Deckel, der das Haus automatisch verschließt, sobald die Schnecke sich in selbiges zurückgezogen hat. Beneidenswert!

Gestern stand ich lange vor einem Ameisenhaufen. Der Vergleich zwischen menschlichem Treiben und Ameisengewimmel ist ein ebenso nahe liegender wie abgenutzter. Sagte ich mir und beugte mich, am Fuße des unscheinbaren Hügels stehend, so weit wie möglich nach vorne. Die Ameisen waren sehr beschäftigt, wie es Ameisen nun einmal sind. In ihrem hektischen Tätigsein und ihrer Ruhelosigkeit liegt etwas, worin der Außenstehende leicht eine Art Wahnsinn vermuten kann.
Was anfangs reine Panik und planloses Durcheinander schien, entpuppte sich bald als zielstrebige Errichtung einer Pyramide. Die Ameisen bauen an ihrem Turm von Babel, höher und höher wollten sie hinaus, und unter Zeitdruck standen sie auch. Ob es sich bei dem Turmbau um einen sportlichen Wettbewerb oder um eine Verzweiflungstat handelte, ist schwer zu sagen. Jedenfalls schien es um etwas Wichtiges zu gehen, anders waren diese Überstürztheit, dieses wie von einem Sklaventreiber oder einer tief verwurzelten Angst Getriebensein nicht zu erklären.
Über das Schauspiel der mit Tausenden von Statisten besetzten Hollywood-Szene aus dem Land der Pharaonen gebeugt, bemerkte ich den Pulk von Geländeradfahrern nicht, der auf die Lichtung hinausgeprescht kam und mir beinahe das vorgestreckte Hinterteil abgefahren hätte. Wie Ritter ihre Lanzen tragen die Ameisen die aufgelesenen Hälmchen vor sich her. Mühsam ist ihr Tagwerk, denn alle paar Schritte verfängt sich ihre Last im querliegenden Miniarurgebälk, stellen sich ihnen ungeahnte Hindernisse in den Weg; unter Aufbringung ihrer sämtlichen Körperkräfte zerren sie hartnäckig an dem sperrigen Halm, der eine Handbreit weiter als Baumaterial dienen soll. Die Sonne lächelt hinter vorgehaltener Wolkenhand. Langsam wächst und verfestigt sich der Berg.
Der Ameisenalltag ist eintönig und arm an Abwechslungen, ist man versucht zu behaupten, nachdem man ihn eine Weile in Augenschein genommen hat. Unter welchem Zwang steht die Ameise? Das Unterfangen jeder Einzelnen von ihnen ist vollkommen hoffnungslos und auf ebenso tragische wie komische Weise absurd; alle zusammen tun sie das einzig Richtige, bauen sie den Turm, sind sie stark. Was lernen wir daraus? Nichts. Als die Rennfahrer mit ihren windschnittigen Helmen und getönten Schutzbrillen vorübergeradelt sind, zieht ein Nebenschauplatz meinen Blick an: Ein gutes Dutzend Ameisen macht sich über einen toten Käfer her. Mir fällt plötzlich Alain Robbe-Grillet ein, der nun wirklich nichts hier zu suchen hat, sich aber nicht dagegen wehren kann, als Gefangener meines Kopfes über diesem von Tausenden dünner Ameisenbeine gekitzelten Quadratmeter Erde zu schweben. Er trägt einen Rollkragenpullover und lächelt spöttisch, aber diesmal nützt ihm der Spott nichts, ich behalte ihn vor meinem inneren Auge, solange es mir passt.
Was wohl eine Ameise, wenn sie sich einmal fünf Minuten lang von der Arbeit, die ihre ganze Kraft und Zeit in Anspruch nimmt, losreißen und ein wenig Interesse für unsereins aufbringen könnte, von mir dächte? Wenn es nicht zu viel verlangt wäre, wüsste ich zudem noch liebend gerne, was sie eigentlich von sich selber hält. Wie fiele wohl das Selbstporträt einer Ameise aus? Würde sie, wie man es wohl von so gut wie jedem menschlichen Wesen zu erwarten hätte, auf den paar wenigen Merkmalen, die sie von ihren Artgenossen unterscheiden, herumreiten und bestehen?
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* Anne Weber. Gold im Mund. Fischer: Frankfurt 2013, S. 96ff

Dieser kleine Kohlweißling setzte sich auf meine Hand und ließ sich auch durch kleine Abwehrbewegungen nicht davon abbringen. Ich hielt also eine Weile still, bis er sich selbst entschied weiter zu flattern. Da „flatter“ auf französisch „schmeicheln“ heißt, passte auch das.
Da der Flügelschlag eines Schmetterlings Großes bewirken kann, kamen mir auch noch ganz andere Gedanken…
„Wohl bekomm’s“, möchte man dem Tierchen zurufen. Ich beobachte es nun schon eine Weile, inzwischen spricht es dem zweiten Tropfen zu. Es scheint ihm wirklich zu munden.
Es handelt sich nicht um bloße Wassertropfen. Denn es hat nicht geregnet und die anderen Pflanzen sind trocken. Die Tropfen sind vielmehr das Ergebnis eines als Guttation bezeichneten Phänomens. Wenn von der Pflanze aus bestimmten Gründen nicht genügend Flüssigkeit verdunstet wird, kann im Innern ein Überschuss an Flüssigkeit entstehen. Die Pflanze befreit sich von der überschüssigen Flüssigkeit, indem sie diese auf die Blattoberfläche treibt. Die Flüssigkeit besteht nicht aus reinem Wasser, in den Tropfen sind pflanzliche Säfte und Mineralien gelöst. Letztere sind von den Insekten sehr begehrt. Leider werden dabei oft auch darin gelöste Pestizide aufgenommen.

Vielleicht interpretiere ich das Verhalten dieser Wanze nicht korrekt, wenn ich meine, dass sie hier ihr Hinterteil von der Sonne erwärmen lässt. Jedenfalls ging sie in die Sonne zurück, als ich den Getreidehalm ein wenig aus dem Licht herausbog. Wie dem auch sei, naturschön ist der Anblick allemal, auch wenn durch den großen Kontrast zwischen den im Schatten und in der Sonne liegenden Bereichen eine Überstrahlung (Irradiation) auftritt und die Farbe am besonnten Hinterteil des Tierchens ein wenig ausgeblichen wird.


Immer mal wieder entdecke ich bei meinen Wanderungen natürliche Verpackungskünste. Ein besonders krasses Beispiel ist der Verpackungswahn der winzigen Gespinstmotte bzw. deren Raupen: Ganze Bäume, Büsche und andere Gegenstände werden mit einem Material verpackt, das stark an Einkaufstüten aus Plastik erinnert, aber natürlichen Ursprungs ist. Im Unterschied zu den künstlichen Verpackungen Christos und Jeanne Claudes, die mit großen Stoffbahnen realisiert wurden, sodass Kräuselungen und Überlagerungen in Kauf genommen werden mussten, sind diese Verpackungen den verpackten Objekten individuell angepasst. Es sind also alles Unikate. Die Gespinstmotte treibt diesen Aufwand, der ganze Baumgruppen betreffen kann, um sich dadurch vor allem vor Fressfeinden wie Vögeln schützen.

In meiner Kindheit hatten Kühe noch Hörner. Die werden ihnen jedoch seit einigen Jahren wegoperiert, weil es für die durch den Menschen bestimmte Tierhaltung bequemer ist. Umso mehr freue ich mich, dass ich hier eine junge Kuh (eines Biohofes) antreffe, die ihre Hörner behalten durfte. Sie schaute mich die ganze Zeit intensiv an, so als wollte sie mir etwas sagen…
Ich bin ein armer Schreiber nur,
Hab weder Haus noch Acker,
Doch freut mich jede Kreatur,
Sogar der Spatz, der Racker.
Er baut von Federn, Haar und Stroh
Sein Nest geschwind und flüchtig,
Er denkt, die Sache geht schon so,
Die Schönheit ist nicht wichtig.
Wenn man den Hühnern Futter streut,
Gleich mengt er sich dazwischen,
Um schlau und voller Rührigkeit
Sein Körnlein zu erwischen.
Maikäfer liebt er ungemein,
Er weiß sie zu behandeln;
Er hackt die Flügel, zwackt das Bein
Und knackt sie auf wie Mandeln.
Im Kirschenbaum frißt er verschmitzt
Das Fleisch der Beeren gerne;
Dann hat, wer diesen Baum besitzt,
Nachher die schönsten Kerne.
Es fällt ein Schuß. Der Spatz entfleucht
Und ordnet sein Gefieder.
Für heute bleibt er weg vielleicht,
Doch morgen kommt er wieder.
Und ist es Winterzeit und hat’s
Geschneit auf alle Dächer,
Verhungern tut kein rechter Spatz,
Er kennt im Dach die Löcher.
Ich rief: Spatz komm, ich füttre dich!
Er faßt mich scharf ins Auge.
Er scheint zu glauben, daß auch ich
Im Grunde nicht viel tauge. (Gedicht von Wilhelm Busch)
In der Kunsthalle in Emden werden zurzeit Kunstwerke, Bilder und Skulpturen der Künstlerin Leiko Ikemura ausgestellt, die mich teilweise sehr beeindruckt haben. Zumindest für diejenigen, die nicht zu weit von Emden entfernt wohnen oder die sich in der Gegend aufhalten, lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch.
Da ich mich gerade mit den Wahrnehmungsfähigkeiten von Pflanzen und die Abhängigkeit der Menschen von den Pflanzen befasse, zeige ich hier eine Skulptur Ikemuras, die das m.E. auf verblüffend direkte Weise zum Ausdruck bringt.
Bereits Noah hatte völlig vergessen, Pflanzen mit auf seine Arche zu nehmen. Ihm wie den Menschen nach ihm war nicht bewusst, wie abhängig der Mensch und andere Tiere von den Pflanzen sind. Zum Glück ist ja die Geschichte gut ausgegangen.
Erst heute beginnt uns aufgrund naturwissenschaftlicher Untersuchungen und eines intensiveren Kontakts mit Pflanzen zu dämmern, wie „intelligent“ diese Erdenbewohner wirklich sind und in welchen wesentlichen Aspekten sie Tier und Mensch überlegen sind. Sie hatten allerdings auch wesentlich mehr Zeit auf der Erde sich zu entwickeln. Bei den Menschen habe ich eher den Eindruck, dass sie dabei sind, ihre Chancen zu verspielen.
Der Mensch mag sich den Pflanzen gegenüber noch so überlegen fühlen, die Pflanzen haben ihm eines voraus: Sie können ohne Menschen auskommen, vielleicht sogar besser als mit ihm. Der Mensch wäre indes ohne Pflanzen verloren.

… an einem leicht nebeligen, sonnigen Tag im Oktober. Das lässt mich an den folgenden Limerick denken, mit dem ich bei dieser Gelegenheit an diese etwas in Vergessenheit geratene Form von Alltagslyrik erinnern möchte.
Es zählte ein Weib in Cuxhaven
des Nachts große Mengen von Schafen,
daß müde es werde.
Doch blökte die Herde
zu laut, und sie konnte nicht schlafen.*
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* Herkunft unbekannt

So sieht die Grundstruktur eines Spinnennetzes aus. Die Spinne spannt zwischen geeigneten Ankerpunkten an Pflanzen oder anderen festen Gegenständen einige Fäden radial wie die Speichen eines Rades auf. Im nächsten Schritt würde die Spinne vom Mittelpunkt beginnend eine Spirale daran knüpfen und fertig wäre das Netz. „Wäre“. Der Spinne muss etwas dazwischen gekommen sein, denn sie hat ihr Werk nicht vollendet. Am nächsten Morgen scheint es uns mit zahllosen Tautröpfchen bedeckt entgegen und hinterlässt vielleicht Gedanken wie diese.
Im Vergleich mit anderen Spinnennetzen sieht es hier im Einzugsbereich der Kreuzspinne nicht sehr ordentlich aus. So sollte im Idealfall die Spirale der Fangfäden auch wie eine Spirale aussehen. Hier erscheint vieles sehr gestückelt. Hinzu kommt, dass in der Morgenstunde die Fäden noch mit Tautröpfchen besetzt sind. Ich gehe mal davon aus, dass die Unordnung keine Rolle für den Erfolg spielt, Beutetiere mit dem Netz zu fangen.
Die Spinne wärmt sich vermutlich gerade in der langsam steigenden Sonne auf und wird erst dann aktiv werden, wenn sie die nötige Betriebstemperatur erlangt hat. Dann sind wohl auch die Tröpfchen verdunstet und das Netz wieder nahezu unsichtbar.
Auf meinem frühmorgendlichen Spaziergang an einem Pferdehof vorbei, werde ich nicht selten von diesen drei Pferden begrüßt. Ich grüße – wie sich das gehört – jedes Mal zurück.

Keine Angst, dies ist keine Stechmücke, sondern eine Schnake, die – obwohl wesentlich größer als eine Mücke – völlig harmlos ist. Statt Blut saugt sie Blütennektar. Daher begrüße ich es – oder sollte ich inzwischen sagen: sie – wenn sie vor meinem Schreibtisch von außen an der Fensterscheibe platznimmt. Ruhig ist sie allerdings erst nach einigen vergeblichen Versuchen, weiter vorzudringen. Die Existenz einer zwar durchsichtigen aber undurchlässigen Scheibe scheint noch nicht zu ihrem Erfahrungsbereich zu gehören.
Dieser wenngleich durch die Scheibe distanzierte Besuch erlaubt mir, das Tierchen genauer unter die Lupe zu nehmen und mich einmal mehr darüber zu wundern, mit welcher Behändigkeit sie ihre langen Gliedmaßen im Griff hat. Auch wenn mir mein physikalischer Sachverstand sagt, dass dies wegen der Flächen-Volumen-Relation keine „Kunst“ ist, bleibt es beim unbewussten Vergleich mit der uns vertrauten Größenordnung, in der vergleichsweise dünne und lange Glieder nicht in dieser Weise zu händeln wären. Dennoch scheint die Schnake etwas von Kunst zu verstehen, indem sie durch die unterschiedliche Anordnung ihrer Beinpaare einen passenden Symmetriebruch inszeniert und damit an Zeichnungen von Schnaken der Künstlerin Lili Fischer erinnert, die ich vor einigen Jahren in der Kunsthalle in Hamburg bewunden konnte.

Hier belausche ich mit meiner Kamera gerade eine Annäherung zweier Wasserläufer. An den Dellen, die sie mir ihren Füßen in die Wasseroberfläche drücken, erkennt man, dass für sie die Wasseroberfläche elastisch ist wie ein Trampolin. Die Oberflächenspannung des Wassers wirkt anschaulich gesprochen wie eine elastische Haut. Und weil die Füße der Wasserläufer wasserabweisend (hydrophob) sind, kommt es zu keiner Benetzung, sondern zu einer Abstoßung, die den Wasserläufern erlaubt auf dem Wasser zu laufen, zu springen und anderen Unfug zu treiben.
Da die Wasseroberfläche spiegelnd reflektiert, wirken die ins Wasser gedrückten Dellen wie Hohlspiegel. Das zeigt sich sehr deutlich an der Spiegelung des rechten vorderen Fußes des linken Wasserläufers, die sich spiralförmig an der winzigen Wasserwand hinabwindet.
Die Spiegelbilder sind insgesamt ziemlich dunkel und wirken wie Schatten. Ursache dafür ist die verschwindend geringe Lichtausstrahlung der dem Tageslicht abgewandten Seiten der gespiegelten Körperteile der Wasserläufer.
Von all dem ließen sich die Tierchen in ihrem Tun nicht irritieren.
Vögel scheinen höchste Stellen zu bevorzugen. Jedenfalls beobachte ich tagtäglich, dass sie gerne die höchste Spitze der Tanne vor meinem Fenster einnehmen, ihr Lied von der Giebelspitze des Hauses trällern (hier hält sich bei uns seit einigen Jahren gerne ein Buchfink auf). Und die Krähen tummeln sich im oberen Bereich der hohen Eichen.
Ich habe mich schon öfter gefragt, ob es ein Imponiergehabe ist oder nur der Wunsch, den besten Ausblick zu haben. Imponiergehabe kann es kaum bei dieser Möwe sein. Denn sie hat sich hier etwa zehn Kilometer von der Küste entfernt in einsamer Gegend einen Telegrafenmast ausgesucht mit nur geringer Aussicht auf Bewunderer. Mit mir kann sie nicht gerechnet haben, denn sie saß da schon bevor ich in ihr Blickfeld kam.
Und der Haifisch, der hat Zähne
Und der trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht
.….
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht
Und man sieht die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.*
Wenn Sonnenlicht ins Wasser eindringt, wird es u. A. teilweise vom Wasser absorbiert. Davon ist das Licht mit längeren Wellenlängen, also vor allem Rot und Gelb, wesentlich stärker betroffen als das kurzwellige Licht, also vor allem Blau. Deshalb dominiert in einiger Tiefe im Wasser die Farbe Blau. In entsprechenden Wassertiefen sind die von Menschen als gefährlich eingeschätzten Blauhaie nur sehr schwer zu erkennen.
Ich frage mich, ob Bertolt Brecht in seiner Dreigroschenoper damit auf die Haifische angespielt hat, die in dieser ihrer Eigenschaft das Stück unterschwellig durchwirken.
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* aus: Bertolt Brecht. Die Dreigroschenoper.

Diese Weichwanze (Miridae) trägt ein Herz auf dem Rücken und wird daher manchmal auch als Herzkäfer bezeichnet. Das klingt ja auch besser, weil sich bei einigen Menschen sofort unangenehme Gefühle einschleichen, wenn von Wanze die Rede ist.
Ich hoffe, dass durch die Schönheit dieses Tierchens in komplementärfarbiger Umgebung ein Umdenken initiiert werden kann. Die Strukturfarbe ihres Rückens schimmert aus dieser Perspektive bläulich. Strukturfarben hängen nämlich mehr oder weniger stark von der Richtung ab, aus der sie betrachtet werden.
Auch der Schatten des Tierchens überrascht vielleicht. Er ist nicht schwarz, wie man oft erwartet, sondern weist die Farbe der Blütenblätter auf, wie sie sich im Himmellicht zeigt.


Die Verfolgungsjagd (linkes Foto) endet friedlich (rechtes Foto). Ganz anders als ich es mir gedacht habe.
Beim diesjährigen regelmäßigen Absuchen der Schnecken im Gewächshaus kommt einen hin und wieder auch noch mal eine Schönheit mit Häuschen ins Visier. Ich zögere, sie in den gleichen Topf zu werfen wie die nackten…
Schnecken machen uns nicht nur vor, dass man auch langsam gehend (und das auch noch mit einem Fuß) vorankommt, sondern auch, dass der Energieverbrauch gesenkt werden kann, wenn man den „Treibstoff“ in Form von Schleim halbiert. Bei längeren Strecken auf trockenen Untergründen nutzen die Schnecken eine Art Hüpf-Technik aus, bei der die Schleimspur nicht durchgehend ausgelegt werden muss (wie man im Foto sehen kann), sondern eine Strichelversion zum Tragen kommt.
In diesem Jahr sind die Schnecken bei uns sehr aktiv und zeigen, dass es im Gewächshaus kaum Möglichkeiten gibt, sie daran zu hindern auch die schwierigsten Stellen zu erreichen.
Und wie die Schnecke, die
durchs Land streyfft unentwegt
Doch stets zu Haus ist,
da ihr Haus sie bei sich trägt.
John Donne, To Sir Henry Wotton, 1598
Die Langsamkeit ist der Schnecke gewissermaßen auf den Leib geschrieben in Form einer Spirale. Denn diese dehnt sich mit jeder Windung nur um einen Bruchteil ihrer Länge zu den Seiten aus.
Die Langsamkeit des Fortschreitens hat für die beobachtenden Menschen den Vorteil, dass das Schneckenhaus in all seiner Schönheit und Detailliertheit in Ruhe betrachtet werden kann.

Bei einer Wanderung in einer Dünenlandschaft stieß ich plötzlich auf eine feine Spur im Sand. Da ich kein bestimmtes Ziel hatte, verfolgte ich diese Spur. Ich hoffte irgendwann auf deren Urheber oder Urheberin zu treffen. Doch die Spur endete mitten in den Dünen. Ich vermute, dass die Spur von einem Schwarzkäfer (Tenebrionidae) hinterlassen wurde, der offenbar ein bestimmtes Ziel im Auge hatte. Denn die Spur ging querfeldein und zeigte keine Schlenker, die auf ein Zögern hingewiesen hätten. Doch plötzlich endete die Spur, ohne dass ein Lebewesen zu sehen gewesen wäre.
Daraus schloss ich, dass der Käfer entweder fliegen kann und von dort gestartet oder dort gelandet ist. Vielleicht wurde er auch von einem Vogel im Fluge geschnappt.
Hinzu kam ein anderes Problem. Bisher kannte ich nur Käferspuren ohne die durchgezogene Linie in der Mitte. Diese Linie legte die Vermutung nahe, dass der Käfer etwas hinter sich her zog. Sie endete noch kurz vor den eigentlichen Käferspuren. Was war geschehen? Schleppte der Käfer eine Beute mit sich, die dann auf irgendeine Weise plötzlich verschwand? Oder fraß er die Beute an dieser Stelle spurlos auf? Oder umgekehrt? Beides ist nicht sehr plausibel. Denn außerdem verschwand kurz danach auch die Spur des Käfers, obwohl die meisten Käfer dieser Art nicht fliegen.
Fragen über Fragen. Ich verließ die rätselhafte Spur und hinterließ von da an nur noch meine eigene…
Denn dieses Belieben war es ja, nach dem er sich gesehnt hatte, wenn die Dinge um ihn her sein Selbstgefühl auf harnäckige Weise in Frage gestellt hatten, so daß er gezwungen war, dem vorzubeugen, indem er sich in vollkommener Einsamkeit, den Blick auf Schneefelder gerichtet, hoch in die Lüfte erhob, in der Hoffnung, man würde soviel Auftrieb letzten Endes doch anerkennen müssen. Und wie oft war er gezwungen, wenn diese Anerkennung ausblieb, am eigenen Bewundern ein Genüge zu haben.*
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* Hartmut Lange. Die Waldsteinsonate. Zürich 1984
Als ich diesen Grashüpfer (Foto) aus dem Haus trug und zur besseren Beobachtung auf einer alten Gartenbank platzieren wollte, sprang er genau in eine Lücke. Das war für ihn offenbar gar nicht so einfach, sich dort stabil festzusetzen. Dazu musste er ein Beinchen ganz ausstrecken, um sich auf auf beiden Seiten der Lücke festen Halt zu verschaffen.
Warum er sich auf diese komplizierte Weise gewissermaßen zwischen zwei Stühle setzte, hat er mir nicht verraten. Dafür hielt er aber solange still, bis ich aus dem Haus die Kamera geholt hatte um ihn in dieser Lage fotografieren zu können.
Diesmal ist es keine Mauer, sondern die Fensterscheibe vor meinem Schreibtisch. Auf der Außenseite der Scheibe krabbelt eine Wanze, die mir damit ungewohnterweise ihre Unterseite präsentiert. Jedenfalls ist es ein interessanter Anblick, insbesondere, wenn sich das Tierchen in Bewegung setzt und die Beinchen wohl koordiniert wie ein mechanisches Gestänge agieren.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich die Vogelversmmlung an dieser Stelle antreffe, wo die Leitung die Richtung um 90° ändert . Sie ist offenbar markanter als irgendein Treffpunkt auf gerader Strecke.
Würden wir Menschen es nicht ähnlich machen. Allein die Verabredung an einer Stelle, die sich durch nichts von den anderen Stellen unterscheidet wäre viel zu kompliziert.
Warum Vögel selbst auf Hochspannungsleitungen keinen elektrischen Schlag bekommen, habe ich früher schon einmal beantwortet.
Von Zeit zu Zeit setzen sich Insekten von außen auf die Fensterscheibe vor meinem Schreibtisch. Sie zeigen sich dann zwangsläufig von der Unterseite. In diesem Fall ist der Anblick auch deshalb interessant, weil die Fliege an ihrem rechten Fuß eine transparente Kugel (aus Wasser?) kleben hat.
Was es damit auf sich hat, ist mir jedoch nicht klar. Ich weiß zwar dass Wasserkugeln vor dem Maul eines Insekts der Kühlung dienen, aber eine solche am Fuß? Vielleicht kennt sich ja jemand damit aus.
Mich faszinierte an dem Anblick auch das Optische. In dieser Kugel erkennt man wie bei einer Glaskugel die Welt auf dem Kopf stehend abgebildet. Allein ihre Transparenz und Form machen sie zur Sammellinse, auch wenn sie für praktische Zwecke wohl kaum zu gebrauchen ist. Vielleicht sieht die Fliege das völlig anders. 😉
Als ich mich diesem Insekt mit großer Vorsicht sehr langsam näherte, um es zu fotografieren, hatte ich den Eindruck, als würde ich mich auf dem Thorax des Tierchens gespiegelt sehen. Jedenfalls sah ich einen bewegten dunklen Schatten Auf dem Foto konnte ich jedoch das zu erwartende Selfie nicht finden. Vielleicht war es auch nur eine Täuschung. Allerdings ergab eine Recherche, dass es durchaus spiegelnd reflektierende Käfer mit perfekten Spiegeleigenschaften gibt (siehe z.B. hier).
Oft faszinieren gerade die indirekten Hinweise auf ein Phänomen, weil sie noch ein wenig Einfühlung erfordern. So auch bei diesem Sonnenaufgang, der direkt gar nicht zu sehen ist und sich nur durch die mit der Sonne aufblühenden Farben verrät, die in einen sanften Rotstich abgemildert erscheinen.
Als ich diese Aufnahme machte, herrschte eine große Ruhe. Die Kühe waren von all dem völlig unbeeindruckt und boten der Sonne bereitwillig ihren Körper als Projektionsfläche.
Vor einiger Zeit setzte sich dieses Insekt auf die Fensterscheibe, hinter der ich saß und über Insekten las – in einem Buch des originellsten Insektenforschers, Jean-Henri Fabre (1823 – 1915).*
Fabre äußert sich folgendermaßen zur Insektenforschung:
Wozu diese genauen Untersuchungen? Das alles, ich weiß es wohl, macht den Pfeffer nicht billiger, bringt keinen Gewinn auf den Fässern von verfaultem Sauerkraut und was solch wichtiger Ereignisse mehr sein mögen, derentwillen Flotten ausgerüstet und Leute aufeinander gehetzt werden, die grimmig entschlossen sind, sich gegenseitig umzubringen. Das Insekt ist nicht ehrgeizig. Es begnügt sich damit, uns das Leben in der unversiegbaren Vielfalt seiner Äußerungen zu zeigen; es hilft uns, das unter allen dunkelste Buch ein wenig zu entziffern, nämlich jenes über uns selbst.
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*Jean-Henri Fabre. Wunder des Lebendigen. Aus der vielfältigen Welt der Insekten. Zürich 1992
Auch Lebewesen können zu Spiegeln werden, nicht nur im übertragenen Sinne. Bei der Beobachtung der schwarzen Ameisen (siehe Foto), die bei mir im Garten aktiv sind, stellte ich fest, dass deren Panzer so glatt ist, dass die Umgebung darin gespiegelt wird. Gespiegelt werden vor allem grüne Pflanzen, die selbst gar nicht im Bild sind. Mich erinnerte das ein wenig an die blanken Karosserien von Autos, deren Glanz letztlich ja auch durch die gespiegelten Gegenstände der Umgebung hervorgerufen wird. Weiterlesen

Diese Nacktschnecke bewegte sich langsam auf ihrem Schleimpfad über die Straße. Es war windig und der Samenflaum der nahegelegenen Pappel erfüllte die Luft. Und da blieb es dann nicht aus, dass auch die Schnecke getroffen wurde. Durch die extreme Klebrigkeit der Schneckenhaut, blieben einige weiße Büschel haften, die der Schnecke offenbar nichts ausmachten. Jedenfalls rutschte sie auf ihrem Pfad weiter, als ob nichts gewesen wäre. Es waren nicht genug Samenflaume, um die nackte Schnecke zu einer weiß gekleideten Schnecke zu machen.