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Schnee

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Das Rot und das Weiß

Eigentlich wähnten ich und vermutlich viele andere auch den Winter bereits in weiter Ferne. Das ist wohl ein Irrtum. Als ich meinen Scharlachroten Kelchbecherlingen einen Besuch abstatten wollte, hatte ich Schwierigkeiten sie zu finden. Als typischer Winterpilz kommt er mit nicht allzu starkem Frost gut zurecht. Der Schnee war zum Glück nicht so dicht, dass einige rote Tupfer wohltuend aus der leicht beschneiten Fläche hervorstachen (siehe Foto).

Flug über die Berge

Dieses auf einem Flug über Spanien am Morgen aufgenommene Foto zeigt sehr schön die Struktur der aufgefalteten und durch die Verwitterung im Laufe der Zeit gestalteten Berge. Sie wird von den liegen gebliebene Schnee eindrucksvoll unterstrichen.
Man erkennt, dass der in der Sonne liegende Schnee in einem sehr kräftigen Weiß erscheint, während er im Schatten der Wolken einen deutlichen Blauschimmer annimmt. Wie sollte es auch anders sein. Denn in den Schatten gelangt nur Himmellicht und das hat einen leichten Blauschimmer.
Man erkennt auch, dass im weißen Licht die schneefreien Partien de Felsgesteins in einem dunklen Braun erscheinen, während im Schatten nur ein Schwarz zu sehen ist. Oft sieht man von diesem Blau nichts, selbst wenn eine weiße Wand im Schatten liegt. Ein physiologischer Effekt sorgt dafür, dass wir stets als überwiegende Farbe Weiß wahrnehmen und daher verschwindet der leichte Blauschimmer (chromatische Adaptation). Wenn aber wie im vorliegenden Fall gleichzeitig wirklich weißes Licht vorhanden ist, kann diese Adaptation nicht mehr funktionieren.

Wohin die Reise geht

Es ist noch nicht lange her, dass zur selben Uhrzeit von derselben Stelle gesehen, die Sonne noch etwas tiefer und auf der linken Seite des Baumes stand, der hier als Maßstab dienen soll. Zwar liegt noch etwas Schnee aber die rechte Seite verweist auf die Richtung: alles wird heller, bunter und wärmer. Ich hoffe, dass das nun wirklich deutlich genug gesagt wurde.

Endstation Tauwetter: Ein Teddy tritt den Rückzug an

Darf ich vorstellen? Das ist Puttfarken*, der wohl traurigste – aber auch flauschigste – Schneehaufen der Saison. Er entstand nicht durch einen Bildhauer, sondern durch den beherzten Einsatz eines städtischen Schneepflugs und einer ordentlichen Portion Streusalz.
Sein Fell hat diesen exklusiven Großstadt-Grau-Ombré-Look, den man nur so durch eine Mischung aus Asphaltstaub, Reifenabrieb, Dieselruß und schmelzenden Schnee hinbekommt. Mit seinen kullerrunden Augen (vielleicht aus Rollsplit) und seiner lädierten Nase aus ehemals reinem Schnee harrt er der Dinge die da kommen werden.
Auch wenn ich auf den Frühling warte, hofft er wohl eher auf die nächste Kältewelle, damit seine inzwischen porösen Glieder und anderen lädierten Körperteile ein frisches Update erhalten.
Erinnert er uns trotz allem nicht ein wenig daran, dass auch im größten Dreck ein bisschen Herz (und viel Physik) steckt.

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* plattdeutsch: wörtlich „Topfferkel“. So nannte mich als Kind meine Oma, wenn ich nach dem Spielen ähnlich aussah wie der Typ auf dem Foto.

Anhänglicher Schnee

Auch wenn es für einen Menschen etwas schwierig wäre, auf diese Weise abzuhängen, für ein Schneewesen (vielleicht ist es ein Yeti) scheint es das Natürlichste von der Welt zu sein, wie mein Foto eindrucksvoll beweist.

Schneeflocken in Licht und Schatten

Täuschung in Grautönen. Je nachdem, ob die Schneeflocken vor dem hellen Himmel oder dem dunklen Boden erscheinen, wirken sie dunkel oder hell.

H. Joachim Schlichting Spektrum der Wissenschaft 2 (2026)

Wie viel Stunden habe ich damit verbracht,
den Spiralbahnen des fallenden Schnees
im fahlen Licht der Straßenbeleuchtung zuzusehen

Anita Albus, deutsche Schriftstellerin

Wenn bei Windstille Schneeflocken fallen, erzeugen sie faszinierende Spiele von Hell und Dunkel. Im Lichtkegel einer Straßenlaterne etwa laufen die Schatten der Flocken auf dem kreisförmig erleuchteten Boden von außen nach innen.
Endlich schneit es mal wieder! Offenbar hat der Schnee die Sonne überrascht, denn sie ist noch durch die üppig fallenden Schneeflocken zu sehen. Die Welt erscheint plötzlich in Grautönen: Die Schneeflocken stellen nicht nur ihr angestammtes Weiß zur Schau, sondern sehen mitunter nahezu schwarz aus.
Da die Schneeflocken alle demselben Himmelslicht ausgesetzt sind und es in gleicher Weise streuen, müssten jedoch sämtliche Flocken gleich hell oder gleich dunkel sein. Der vermeintliche Unterschied kann daher nur das Ergebnis einer optischen Täuschung sein.

Wechselhafte Wahrnehmung: Blendet man den Hintergrund aus, so erkennt man, dass der mittlere Streifen von einem einheitlichen Grau ist.

Dass dem so ist, davon kann man sich anhand eines Fotos des Geschehens leicht überzeugen. Dazu muss man den jeweiligen Hintergrund ausblenden, indem man die entsprechenden Teile auf dem Foto abdeckt. Man kann auch in einem Bildbearbeitungsgramm eine helle Flocke vor dunklem Hintergrund herauskopieren und vor den hellen Hintergrund verschieben.Dann stellt man fest, dass der scheinbare Helligkeitsunterschied verschwindet. Erst der Kontext macht den Text; diese Weisheit bestätigt sich hier einmal mehr eindrucksvoll.
Die weißen Schneeflocken absorbieren im Unterschied zur übrigen Landschaft wenig vom einfallenden Licht und reflektieren einen Großteil. Deshalb sind sie heller als dieser Hintergrund – aber dunkler als der Himmel. Von diesem bekommen sie den wesentlichen Teil des Lichts, jedenfalls sofern man wie hier entgegen der leicht bedeckten Sonne blickt.
Das Beispiel zeigt, dass optische Täuschungen nicht unbedingt künstlich hergestellt werden müssen. Auch die Natur kann uns narren.
Künstlerisch geschaffene Illusionen, die auf dem Prinzip basieren, gibt es reichlich. Eine einfache Variante ist ein einheitlich grauer Streifen vor einem Hintergrund, dessen Helligkeit von Schwarz nach Weiß variiert. Genau derselbe Effekt lässt die Schneeflocken in unterschiedlichen Grautönen erscheinen.

Im Lichtkreis unter der Laterne laufen die Schatten der Schneeflocken von außen nach innen (Photo by David Kanigan)

Dieser Täuschung glaubte ich eines Tages zu erliegen, als ich bei regem Schneefall an einer Bushaltestelle unter einer Straßenlaterne auf den nächsten Bus wartete. Beim Blick auf den Boden glaubte ich, lebhaft bewegte dunkle Flocken zu sehen. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass die vermeintlichen Flocken nicht nur dunkel waren. Sie schienen sich außerdem wie Tierchen zu bewegen: über den von der Laterne kreisförmig erleuchteten Boden vom Rand her kommend, schwankend, aber stets in Richtung Zentrum. Dabei wurden sie langsamer und verschwanden früher oder später auf eine geheimnisvolle Weise spurlos.

Lichtkegel unter einer Laterne: Die Linien deuten die divergierenden Lichtstrahlen an, die von einer Lampe ausgehen. Eine Flocke tritt von oben in den Lichtkegel ein. Ihr Schatten erscheint am äußeren Rand des beleuchteten Lichtkreises auf dem Boden und läuft nach innen.

Natürlich dachte ich daran, Schneeflocken zu sehen. Das dunkle Erscheinungsbild irritierte mich zunächst weniger, weil ich mir ja schon am helllichten Tag die Farbwechsel von Schneeflocken klargemacht hatte. Aber die einheitlich nach innen gerichtete, leicht torkelnde Bewegung über den Boden blieb zunächst rätselhaft. Bis ich feststellte, dass das, was da an dunklen Wesen über den Boden krauchte, weitgehend immateriell war.
Als ich nämlich meine Hand dicht über dem Boden mit der Bewegung mitführte und die immateriellen Wesen gewissermaßen in Händen hielt, stelle ich fest: ich hatte es mit den Schatten einzelner Flocken zu tun. Erst im letzten Moment ihres Verschwindens materialisierten sie sich in meiner flachen Hand zu realen Exemplaren.
Nach der ersten Verblüffung erschien das Geschehen plötzlich sehr einleuchtend. Die horizontale Bewegung der Schatten wird verständlich, wenn man sich den Lichtkegel als zusammengesetzt denkt – aus Lichtstrahlen, die schräg von der Lampe ausgehend.
Sinkt eine Schneeflocke senkrecht vom Himmel herab und tritt von oben in den Lichtkegel ein, so erscheint ihr Schatten am äußeren Rand des kreisförmig erhellten Bodens. Während sie sich weiter dem Straßenbelag nähert, gerät sie in zentraler liegende Lichtstrahlen. Dadurch läuft ihr Schatten nach innen. Das Herabtorkeln der Schneeflocken wird durch ein schwankendes Krabbeln ihrer Schatten über den Boden abgebildet.
Wenn dann die Flocken den Boden erreichen, treffen sie mit ihrem eigenen Schatten zusammen und lassen ihn – und letztlich auch sich selbst – verschwinden. Das ist der Moment, in dem ich die Schneeflocke auf meiner Hand fühlte, die ich dem Schatten nachführte.
Da etliche Flocken über den ganzen Lichtkegelmantel verteilt ins Licht rieseln, laufen gleichzeitig viele Schatten an verschiedenen Stellen – weit außen beginnend, mehr oder weniger weit in Richtung Fußpunkt der Laterne. Ich war so fasziniert von diesem Schauspiel, dass ich fast enttäuscht war, als der Bus schließlich eintraf.

Bruchstrukturen im Schnee

Der Schnee ist inzwischen in die Tage gekommen. Das merkt man daran, dass er verharscht ist und brettartig zusammenhält. Im vorliegenden Fall hat ein Maulwurf versucht an die Oberfläche zu gelangen, vermutlich um mal nachzuschauen, wie es in der Außenwelt so aussieht. Dabei ist die angehobene Schneedecke zerbrochen. Genauso wie es eine Beton- oder Asphaltdecke einer Straße tun würde. Rechts ist sogar eine hexagonale Bruchstruktur entstanden, die oft als Idealfall angesehen wird, wenngleich das Sechseck hier von der Idealform noch etwas entfernt ist.

Die Laternen haben weiße spitzige Narrenkappen

Der Schnee schläft dicht und fest auf den Drähten, Erkern und Giebeln. Er hüllt dünne, frierende Zweige ein, wie man Kinder nach einem Bad einwickelt in weiches Flanell. Die Laternen haben weiße spitzige Narrenkappen und vor den Gesichtern dünne Schleier mit großen weißen Tupfen. Die goldenen Lichtkugeln der Autos und Straßenbahnen wirbeln Kügelchen aus Quecksilber vor sich her, die wie Sonnenstäubchen tänzeln., Alte, missgünstige Besen sind heftig bemüht, den Kobold Schnee zur Ordnung zu rufen. Sie weisen ihn weg vom Trottoir: „Du pass auf, hier darfst du dich nicht hinlegen!“ Aber der Schnee ist ganz ungezogen und setzt sich rittlings auf die schneesüchtigen Besen und die eifrig gebeugten Rücken der Herren Hausmeister. So ist der Schnee.*

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* Joseph Roth.Verschneite Welt. Aus: Joseph Roth. Werke. Köln 1989.

Abgebrochenes Landemanöver?

Wer hat hier seine Spuren hinterlassen? Ein Mensch kann es nicht gewesen sein, weil keine menschliche Spur dort hinführte. Ein Vogel, der hier landen wollte und es sich im letzten Moment überlegt hat? Ich stelle mir vor, dass der kurz vor der geplanten Landung mit den Flügeln die vom unteren Bildrand ausgehende Spur hinterlassen hat und im letzten Moment wieder durchgestartet ist. Vielleicht hat jemand eine bessere Idee?

Kreatives Schneetreiben

Bei einem der letzten Schneetreiben wurde ich Zeuge, wie der Wind dabei war eine Struktur im Schnee aufzubauen. Ich konnte nicht allzu dicht herantreten, um nicht selbst in die Strukturbildung mit einbezogen zu werden. Das Gebilde entstand in der Nähe einer Hecke, die zweifellos entscheidenden Einfluss auf die äolische Gestaltung hatte, wenngleich davon nichts zu sehen war. Ich blieb nicht bis zum Schluss (?). Wer weiß, was dabei herausgekommen wäre.

Wege 31: Die Weis(s)heit des Schnees

Einer meiner morgendlichen Spazierwege.
Der Schnee…
so weich, dass ich kaum wage, ihn zu betreten,
so weiß, dass ich fast geblendet bin,
so anhänglich, dass er scheinbar der Schwerkraft trotzend breitbandig die Zweige besetzt,
so schallschluckend, dass die große Stille nicht zu überhören ist.

Kein Schnee von gestern

Von weitem sah es so aus, als würde da einer am Straßenrand sitzen, wo sich die letzten Reste des geräumten Schnee anschickten, wieder in die weniger spektakuläre wässrige Phase zu wechseln. Die Schmutzpartikel sorgten für eine passende Koloration und die unregelmäßigen, durch Zufall in die Pareidolienwelt gelangten strukturierten Schmelzvorgänge ergänzten sich in passender Weise.
Ich darf vielleicht hinzufügen, dass die Migration der Schmutzpartikel während des Schmelzvorgangs physikalisch äußerst interessant ist.  

Wenn Schnee verschwindet

Nachdem der Schnee in diesem Jahr auch in Norddeutschland sehr deutlich gemacht hat, dass es ihn noch gibt, fällt es uns nicht schwer, ihn jetzt auch wieder verschwinden zu sehen. Im Fall der auf dem Foto dargestellten Situation scheint er sich zunächst noch dagegen zu sträuben, indem er sich ausdruckstark aus der bereits verharschten Masse erhebt. Dabei sind ihm die Spuren, die er bei der Auseinandersetzung mit der Erde davongetragen hat, deutlich anzusehen.
Der Trost, dass der Schnee nicht wirklich verschwindet, sondern in wässriger und gasiger Form weiter besteht, ist kein wirklicher. Denn als Wasser oder Dampf ist er gewissermaßen formlos. Als Dampf ist er nicht einmal sichtbar.
Wie es zu der deulichen Verschmutzung kommt, haben wir früher bereits beschrieben.

Mein Fußabdruck mit Kristallen verziert

In der vorangegangenen frostigen Nacht hat die Natur meinen Stiefelabdruck im matschigen Schnee des Vortages ganz unaufdringlich in ein stilles Kunstwerk verwandelt. Aus der dunklen wässrigen Tiefe der Spur, die noch die Restwärme des Bodens in sich trug, stieg lautlos der Wasserdampf des schmelzenden Schnees auf und verwandelte sich bei der geringsten Berührung des in der eisigen Nacht abgekühlten Bodens in feine Kristalle.
Und nun säumen Myriaden von glitzernden Sternen die Konturen der Spur. Es sind winzige, sechseckige Mandalas aus Eis, die wie zerbrechlicher Schmuck an den gefrorenen Graten hängen. Scheinbar aus dem Nichts hervorgebracht funkeln sie silbrig im ersten Licht des neuen Tags. Jede Zacke, jeder kleine Ast dieser Eiskristalle erzählt von der physikalischen Perfektion der Stille: der Resublimation.
Es ist ein flüchtiger Moment der Schönheit: Ein grober Abdruck im Matsch, veredelt durch eine Nacht extremen Frosts, bis er aussieht, als hätte der Winter selbst seinen kostbarsten Diamantstaub in den feuchten Schnee gestreut.
Physikalisch klingt das ein wenig nüchterner: In der sehr kalten sternklaren Nacht kühlen sich die dem freien Weltall ausgesetzten Gegenstände stark ab. Kleine Gegenstände mit geringer Masse (und damit geringer Wärmekapazität) kühlen sich stärker ab als größere. Daher sind die winzigen exponierten Stellen des Fußabdrucks besonders kalt mit der Konsequenz, dass der in der feuchten Höhlung gefangene Wasserdampf darin gute Gelegenheiten findet zu resublimieren. Das heißt, die Wasserdampfmoleküle gehen direkt ohne den „Umweg“ über die flüssige Phase in Eiskristalle über und docken direkt an diesen Stellen an. Dort wachsen sie sternförmig nach außen, weil bei der Kristallisation reichlich Wärme abgegeben wird, der es zu entkommen gilt.

Neuer Schnee im Anzug

Wie mit dem Lineal gezeichnet zieht eine weitere Front mit viel Schnee im Gepäck auf. Kurz nach dieser Aufnahme war der blaue Himmel (der hellere Streifen über der dunkleren Schneefront) bereits verschwunden.
Die Dunkelheit der Schneefront kommt zum einen dadurch zustande, dass Licht durch den Schnee stark gestreut wird und kaum eine direkte Beleuchtung vorhanden ist. Außerdem ist der Kontrast zum hellen Vordergrund sehr groß.
Die Schneefront sollte man sich nicht wie eine riesige Wolke vorstellen, sondern wie eine großräumige, stabile Grenzfläche, in der die kalte Luft keilförmig und gleichmäßig vorstößt. Turbulenzen treten erst hinter der Linie auf.
Ich habe es als besonders eindrucksvoll empfunden, wie die Sonne ziemlich plötzlich in wirbelnden Schneeflocken verschwindet und man plötzlich nicht nur visuell, sondern auch akustisch von der Außenwelt abgeschnitten wird. So stelle ich mir die fensterlose Leibnizsche Monade vor 😉


Noch so eine Schneegestalt

Beim gestrigen Spaziergang durch den Wald traf ich abermals auf zahlreiche Gestalten, die sich auf schneebedeckten Tannen entwickelt hatten. Man brauchte nicht viel Fantasie, um die eine oder andere Pareidolie zu entdecken. Hier noch einmal einen Schneefürsten, der sich wie ein Hund im Talar aus der Menge hervorragte. Es ist schon toll, wie uns unsere Wahrnehmung wider besseres Wissen Eindrücke vermittelt, die weit davon entfernt sind etwas Reales darzustellen.   

Auch weiße Schwestern, ganz in Winterweh versunken,
Verkümmern, knieend eingeschneit auf rauhem Kamm.
Sie wahren hingekauert ihren Glaubensfunken:
Die Äste sind verkrüppelt und verkrümmt der Stamm.
Sie sind ein Baumeseinsturz aus verschlungnen Strunken:
Das wachsende Gerüst einer zerfallnen Klamm
Und tasten wuchernd, reifbewimpelt, in die Risse
Gesprengter Eisgruben, unter dem Windesbisse.

Auch Seher gibt es bei den eiskristallnen Grotten:
Ihr Büßerkleid ist eingenebelt, überschneit.
Die Raben kreisen kreischend an, wie um zu spotten,
Die Käuzchen klagen nachts in solcher Schlucht ihr Leid.
Auch sollen sich Gespenster hier zusammenrotten:
Der Pilger hält den Ort für gottlos und entweiht.
Doch drohend und verheißend stellen weiße Bäume
Wie Heilige sich vor den Tummelplatz der Träume.

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* aus: Wald im Winter von Theodor Däubler (1876 – 1934).

Traumlandschaft

Stellen wir uns vor, die vom Sonnenlicht beleuchteten Sanddünen ein Wüstenlandschaft würde in seine Komplementärfarben übergehen und auf diese Weise die farbliche Gegenwelt erschaffen, so müssten wir uns auf eine neue visuelle Realität einstellen: Die lebendigen Töne des Sandes weichen der eisigen Kühle des Schnees. Wo einst der Sand in sanften Ocker- und Brauntönen schimmerte, breitet sich nun ein kaltes, kristallines Blau aus, wie der Schatten des Schnees, der kein direktes Sonnenlicht, sondern nur das blaue Himmellicht empfängt.
In dieser Traumlandschaft mutieren die tiefen Schatten, die früher in dunklem Grau und Braun versanken, zu einem hellen Grau. Das vertraute Bild von Sonne, Hitze und trockenen Dünen wird zu einer Märchenlandschaft aus eisigen Gipfeln und weiten, verschneiten Tälern.
Es ist die Metamorphose der Wahrnehmung: Eine einfache Inversion der Farben, und plötzlich sehen wir das, was in den Dünen verborgen lag – die kalte, stille Weite des Schnees. Diese Verschiebung zeigt uns, wie unsichtbar und doch immer präsent das andere Extrem in unserer Welt ist. Die Farben der Natur sind nicht nur Schattierungen von Wahrnehmung, sondern auch von Gegensätzen, die uns die Tiefe des Erlebens erst richtig begreifen lassen.

Schneefraktal am Fenster

Es schneit. Die Schneeflocken prallen gegen das schräge Dachfenster und rutschen der durch die Schräge reduzierten Schwerkraft folgend langsam die schiefe Ebene hinab. Dabei treffen sie auf die Front der bereits gelandeten und zu einer Art Hecke vereinigten Flocken. Sie lagern sich mit grüßerer Wahrscheinlichkeit an die Spitzen der Vorgängerinnen an, was zu der typischen verästelten Struktur einer Hecke führt.
Das geht allerdings alles andere als botanisch vonstatten. Denn bei den Verästelungen kommt es auch zu Verbindungen zwischen verschiedenen Bäumchen und außerdem wächst die Hecke nicht wirklich in die Höhe (wie praktisch), weil sie unten vor allem infolge von Schmelzvorgängen in gleichem Maße wie sie wächst zu einer kompakten Basis zusammengedrückt wird.
Der Vorgang kann als einfaches makroskopisches Modell für das im mikroskopischen Bereich wirkende diffusionsbegrenzte Wachstum (diffusion limited aggregation, DLA) angesehen werden, das durch ein sehr einfaches mathematisches Modell der nichtlinearen Physik (Fraktale Geometrie der Natur) beschrieben wird. Die echten (mathematischen) Fraktale („brownsche Bäume“) sind im Grenzfall unendlich kleine Teilchen. Davon ist man hier weit entfernt.

Schnee ist kalt und schützt dennoch vor Kälte

Das sei all denjenigen gesagt, die vielleicht den Eindruck gewinnen könnten, unseren beiden auf dem Foto würde es zu kalt sein. Natürlich möchte ich nicht mit ihnen tauschen, aber die wohl noch weniger mit mir, der ich in einer warmen Bude hocke.
So kalt es auch sein muss, damit Schnee entsteht und erhalten bleibt, so gut eignet er sich als Wärmeisolator. Davon profitieren vor allem Pflanzen und Tiere in kälteren Regionen unserer Erde.
Diese guten Dämmeigenschaften beruhen vor allem darauf, dass der Luftanteil im Schnee mit 80 – 95% besonders groß ist. Und Luft ist einer der besten Isolatoren, die wir kennen.
Die in den Schneekristallen und Poren zwischen den Kristallen eingeschlossene Luft unterliegt kaum der Konvektion oder Wärmeleitung, sodass nur sehr wenig Wärme verlorengeht. Die Dämmwerte des Schnees sind vergleichbar mit manchen Holzarten und liegen nicht weit von professionellen Dämmstoffen entfernt. Iglus, Schneehöhlen und das Nicht-Durchfrieren des unter dem Schnee befindlichen Bodens sind praktische Beispiele für diese thermischen Eigenschaften.
Wer sich das Foto genauer anschaut, wird vielleicht auch ein schafähnliches Schneewesen entdeckt haben, das sich um sein Kleines kümmert. Die Fähigkeit des Menschen, besonders in schneebedeckten Bäumen und Hecken bedeutungsvolle Strukturen zu erkennen (Pareidolien), geht auf die evolutionspsychologische Eigenschaft unseres Gehirns zurück, darauf aus zu sein, vor allem menschliche Gesichter und Tiere auch in den unmöglichsten Zusammenhängen zu erkennen. Dahinter stecken vor allem die Bedeutung der Fähigkeit, Freund oder Feind, Tiere oder andere Bedrohungen sowie auch menschliche Emotionen sehr schnell zu erkennen, auch auf die Gefahr hin völlig daneben zu liegen.
Schnee ist deswegen besonders für Pareidolien geeignet, weil er Formen glättet und starke Kontraste (hell und dunkel) schafft. Äste und Pflanzen bringen wie im vorliegenden Fall zufällige, aber oft gesichtsähnliche Grundstrukturen hinzu.



Schwebender Schnee

Erstaunt war ich vor ein paar Tagen über diesen Anblick (Foto): Es war kalt und es grieselte ein wenig. Der Schneegriesel löste sich auf, sobald er den Boden erreichte. Nur an einer Stelle blieb er auf einer kleinen Fläche liegen, die in der Luft zu schweben schien. Ich weiß nicht, ob man das auf dem Foto so richtig erkennen kann. Jedenfalls konnte ich das Phänomen nicht auf sich beruhen lassen und untersuchte es aus nächster Nähe. Und siehe da: Der Schneegriesel schwebte wirklich, allerdings unter Zuhilfenahme eines dünnen (normalerweise kaum zu sehenden) Spinnennetzes.
Doch damit ist das Problem des schwebenden Schnees nicht gelöst, sondern nur verlagert auf die Frage: Wo kommt um diese Zeit eine Spinnennetz her? Ist es möglich, dass sich die Spinnfäden vom Herbst bis jetzt wie auch immer gehalten haben?

Schneeflockentheater unter einer Laterne

Es schneit bei völliger Windstille. Ich stehe unter einer Laterne und warte auf den Bus. Die Schneeflocken torkeln gemächlich auf vertikalen Bahnen zur Erde. Mein Blick auf den Boden erfasst plötzlich ein merkwürdiges Phänomen: Kleine dunkle Flecken erscheinen am Rande des Lichtscheins wie aus dem Nichts und bewegen sich schwankend auf den Fußpunkt der Laterne zu, um ebenso plötzlich wieder ins Nichts zu verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Ich stelle schnell fest, dass sie nicht materieller Natur sind. Vielmehr handelt es sich um Schatten fallender Flocken, die von außen kommend radial nach innen laufen.

Lichtkegel unter einer Laterne. Die gestrichelten Linien deuten die divergierenden Lichtstrahlen an. Eine (rote) Flocke tritt in der Nähe der Lampe in den Lichtkegel ein. Ihr Schatten (schwarz) erscheint am äußeren Rand des beleuchteten Lichtkreises auf dem Boden und läuft in dem Maße nach innen, wie die Flocke weitere innere Lichtstrahlen durchquert (Einige Positionen der Flocken und Schatten sind markiert).

Erst allmählich wird mir klar, dass diese Schatten von den senkrecht fallenden, seitlich in den Lichtkegel eintretenden Flocken stammen. Verständlich wird die horizontale Bewegung der Schatten der senkrecht fallenden Schneeflocken, wenn man sich den Lichtkegel aus schräg von der Lampe ausgehenden Lichtstrahlen zusammengesetzt denkt (siehe Grafik). Tritt eine torkelnde Schneeflocke in den äußeren „Mantel“ des Lichtkegels ein, so erscheint ihr Schatten am äußeren Rand des kreisförmig erhellten Bodens. Während sie weiter fällt gerät sie in weiter innen liegende Strahlen, wodurch ihr Schatten nach innen läuft und das torkelnde Sinken der Schneeflocken in ein schwankendes Krabbeln der Schatten über den Boden verwandelt. Wenn dann die Flocken den Boden erreichen, treffen sie mit ihrem eigenen Schatten zusammen und bringen ihn (und letztlich auch sich selbst) zum Verschwinden. Da die vielen Flocken gleichzeitig über den ganzen Lichtkegelmantel verteilt ins Licht geraten, laufen gleichzeitig viele Schatten an verschiedenen Stellen mehr oder weniger weit außen beginnend in Richtung Fußpunkt der Laterne, ohne diesen jedoch zu erreichen.

Ich war so fasziniert von diesem Schauspiel, dass ich fast enttäuscht war, dass der Bus schließlich eintraf. Erst im warmen Bus merkte ich, dass ich völlig durchgefroren war, und konnte das abrupte Ende der Freude am außergewöhnlichen Schattentheater unter der Laterne durch den Genuss der angenehmen Wärme ausgleichen.

Der erste Schnee

Gestern fiel der erste Schnee dieses Jahres in unserer Gegend. Die Luft war klar und frisch und man spürte die Kühle des herannahenden Winters. Noch immer trug das Bäumchen am Rand des Waldes die letzten grünen Blätter des Herbstes, die sich unter den auftreffenden Schneeflocken leicht bewegen.
Die Blätter, die sich bislang gegen den Herbst gewehrt hatten, begannen sich unter der Last des Schnees zu biegen und zu neigen. Unterstützt durch ein wenig Sonnenschein rutschte der Schnee schließlich von den Blättern zu Boden. Als Reaktion schwangen die Zweige hin und her, aber es wirkte so als wollten sie sich von der weißen Last befreien.

Bunte Schneeglöckchen

Schneeglöckchen (Galantus nivalis) gehören nach dem ausklingenden Winter zu den wenigen Frühblühern, die den frühen Insekten Nahrung bieten. Sie widerstehen tiefen Temperaturen und traten früher häufig, und treten heute, da sich der gleichfarbige Schnee rar gemacht hat, nur noch selten gemeinsam mit dem Schnee auf.
Man fragt sich vielleicht, ob die weiße Farbe des Schneeglöckchens nicht ungünstig ist, um im Schnee von den Insekten aufgefunden zu werden. Doch was wir Menschen als weiß wahrnehmen, ist eine beschränkte Sicht. Denn da Schneeglöckchen ultraviolettes Licht absorbieren, was das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann, hebt es sich für Insektenaugen deutlich von der früher des öfteren schneeweißen Umgebung ab. Für Insekten sind Schneeglöckchen so gesehen bunt.

Die Pumpe im Zottelrock

Als ich unsere alte Pumpe in diesem Schneegewand sah, wurde ich an ein altes Gedicht erinnert, das wir in der Volksschule damals auswendig lernen mussten. Dank Internet war es mir möglich, es aus den erinnerten Bruchstücken wieder aufzutreiben:

Ei, du liebe, liebe Zeit,
ei, wie hat´s geschneit, geschneit!
Rings herum, wie ich mich dreh´,
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weißen Decken.

Und im Garten jeder Baum,
jedes Bäumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er wie ein Federbett.
Auf den Dächern um und um
nichts als Baumwoll´ rings herum.

Und der Schlot vom Nachbarhaus,
wie possierlich sieht er aus:
Hat ein weißes Müllerkäppchen,
hat ein weißes Müllerjöppchen!
Meint man nicht, wenn er so raucht,
dass er just sein Pfeifchen schma
ucht?

Und im Hof der Pumpenstock
hat gar einen Zottelrock
und die ellenlange Nase
geht schier vor bis an die Straße.
Und gar draußen vor dem Haus!
Wär´ nur erst die Schule aus!

Aber dann, wenn´s noch so stürmt,
wird ein Schneemann aufgetürmt,
dick und rund und rund und dick,
steht er da im Augenblick.
Auf dem Kopf als Hut ´nen Tiegel
und im Arm den langen Prügel
und die Füße tief im Schnee
und wir rings herum, juhe!

Ei, ihr lieben, lieben Leut´,
was ist heut´ das eine Freud´!*

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* Friedrich Güll (1812-1879)

Die Kunst des Zusammenhalts beim gleitenden Schnee

Als der Schnee uns so schnell wieder verließ, konnte man an einigen Stellen noch einige interessante Manöver beobachten, die allgemeine Verwässerung noch etwas aufzuhalten. Auf dieser mit einer dicken Kunststoffauflage ausgestatteten Treppe, die zum Eingang des Museums für Lackkunst führt, widerstanden einige durch die Stufen geformte Schneestreifen dem vorzeitigen Verschwinden, indem die Kristalle sich fest aneinander klammernd nur als Ganzes dem allgemeinen Abwärtstrend nachgaben. Sie kriegten es zwar nicht ganz hin, ordentlich Stufe für Stufe hinabzugleiten, sondern gerieten leicht in die Schieflage.
Entscheidend dabei ist, der Zusammenhalt der Eiskristalle des Schnees. Zwar schmilzt der Schnee an der Oberfläche, dort wo er am ehesten mit der Wärme der Umgebung in Kontakt kommt, aber er verhält sich dabei wie ein zusammenhängender fester Körper. Durch die Erwärmung der roten Kunststoffunterlage wird das Schneegebilde auch von unten verflüssigt, sodass die Bindung zu den Treppenstufen aufgehoben und außerdem eine rutschige Unterlage geschaffen wird. Darauf gleiten die Schneefladen nun langsam als ganze Einheit hinab. Ob sie jedoch noch unten ankommt bevor sie vollends geschmolzen ist, weiß ich nicht. Ich hatte keine Zeit, so lange zu warten.
Über den erstaunlichen viskoelastischen Zusammenhalt des Schneegebildes habe ich früher schon in einem ähnlichen Zusammenhang berichtet.

Warten auf den passenden Augenblick

Als ich gestern morgen dieses herbstliche Buchenblatt auf dem frisch gefallenen Schnee erblickte, wurde mir einmal mehr klar, dass es manchmal darauf ankommt bis zum richtigen Augenblick zu warten. So fällt mir dieses passend zum winterlichen Hintergrund gefallene Blatt auf, ja, es gefällt mir sogar. Ich hätte vermutlich keinen Gefallen an ihm gefunden, wenn es gemeinsam mit tausend anderen Blättern gefallen wäre. Nicht weil ich es nicht schön gefunden hätte in seiner perfekten Blattform und herbstlichen Färbung, sondern weil es gar nicht als solches in Erscheinung getreten wäre.

Veredelung durch Eis und Schnee

Vermutlich hätte ich diese vom Herbst übriggebliebene Pflanze keines Blicks gewürdigt, wenn sie nicht durch Eis und Schnee in dieser Weise veredelt worden wäre. Der Schnee ist während des Schmelzens kalt erwischt worden vom neuerlich hereinbrechenden Frost. Dabei erstarrten die fließenden Ströme zu kleinen leuchtenden Zapfen und die Planze wurde mit einem glänzenden Eisbelag lackiert.
Wer für Pareidolien sensibel ist, entdeckt vielleicht auf der linken Seite auch noch eine Art winterlichen Schafskopf, der allerdings nicht dafür kann, von mir als solcher wahrgenommen zu werden.

Mit Schnee gepuderte Klammern

Während manche Menschen mit dem Klammerbeutel gepudert sind, können zumindest diese Klammern (Foto) für sich in Anspruch nehmen, es nicht zu sein. Der Klammerbeutel ist weit entfernt im  trockenen Haus, während diese aus einer wärmeren Jahreszeit zurückgebliebenen Klammern selbst mit dem ersten Schnee dieses Jahres gepudert wurden. Der Puderschnee ist zwar inzwischen hart geworden. Aber für die Klammern ist dies offenbar leichter zu ertragen, als mit dem Klammerbeutel gepudert zu sein.
Kurt Tucholsky liebte diese Redewendung und es fragt sich, woher sie stammt. Es gibt mehrere Theorien, wie auf diese originelle Weise Dummheit, Verrücktheit, „einen Schlag haben“, „behämmert sein“ etc. umschrieben werden.
Nach Wikipedia ist die plausibelste wohl die Folgende: Möglicherweise sorgten populäre Historiendramen und -filme, bei denen das vor allem im 18. Jahrhundert übliche Pudern des natürlichen Haars oder von Perücken regelmäßig zu sehen war, dafür, die Redensart entstehen zu lassen. Bei diesem Pudern wurde ein Beutel mit feinen Löchern über dem Kopf geschüttelt, wodurch aus ihm Puder auf das natürliche oder das Perückenhaar gestäubt wurde. Dieser Beutel ähnelte den bis heute ganz alltäglichen Klammerbeuteln. Die Schüttelbewegungen beim Pudern könnte man bei Benutzung eines Klammerbeutels zu kleinen Schlägen auf den Kopf vergröbern. Das gleicht dann als Variante traditionellen sprichwörtlichen Redensarten zu Kopfschlägen, mit denen Wahrnehmungsstörungen, Dummheiten etc. spöttisch erklärt werden.

Im Winter nicht ohne Mütze…

…und sei sie aus filigranen Eiskristallen.

Dass sich eine derart fragil aussehende Struktur auf der glatten Oberfläche der Hagebutte aufzutürmen vermag, erscheint auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich. Immerhin bestehen die Eiskristalle aus gefrorenem Wasser und das hat eine relativ große Dichte, sodass die Schwerkraft nicht vernachlässigbar zu sein scheint. Allerdings ist die Konstruktion aus frischen Schneeflocken äußerst luftig – ein Gerüst aus feinen Kristallverstrebungen, das nur ein geringes Volumen einnimmt.
Pustet man leicht gegen das Gebilde, so erweist es sich als erstaunlich resilient. Die Kristalle sind zugleich fest und flexibel miteinander „verdrahtet“ und haben sich auch auf der unterkühlten Oberfläche der Hagebutte guten Halt verschafft.

Physikalische Begründung
Physikalisch kommt hier vor allem zum Tragen, dass sich der Einfluss der Schwerkraft umso geringer bemerkbar macht, je kleiner die Masse der Objekte ist, die ihr unterliegen. Denn die Schwerkraft ist proportional zu Masse und damit proportional zum Volumen eines Objekt (hier der Schneeflocken). Dieses variiert mit der Größe, also z.B. dem Radius r, wie r3. Demgegenüber variieren die Adhäsions- und Kohäsionskräfte, die das Gebilde zusammenhalten, mit der Fläche, also wie r2. Wenn ein Objekt, (hier die Schneeflocken,) 100 mal kleiner ist als vertraute Objekte der Lebenswelt, dann haben sie eine 1003 = 1000000 mal so kleine Masse, aber die Adhäsions- und Kohäsionskräfte sind nur 1002 = 10000 mal so klein und damit im Verhältnis gesehen 100mal so stark wie bei den großen Objekten.

Winterliche Blütenträume

Es scheint als hätte diese Wildblume nur deshalb ihre alten und nach Ende der Vegetationszeit nutzlos gewordenen Vorrichtungen für die sommerlichen Blüten beibehalten, um im Winter noch einmal in einem weißen Blütenkleid der Jahreszeit wenigstens optisch zu trotzen. Oder waren es die Schneeflocken, die sich darin gefielen, sich an diesen Stellen zu weißen Blüten zusammenzutun?
Möglich wurde dieses sommerwinterliche Phänomen durch die passenden meteorologischen Verhältnisse. Die Temperatur muss in der Nähe des Gefrierpunkts gewesen sein. Auf diese Weise waren die Schneeflocken genügend nass und damit so anhänglich, dass sie einerseits am planzlichen Gerüst andocken und sich andererseits mit ihren Artgenossen bereitwillig vereinigen konnten.
Die blaue Farbe der im Schatten liegenden Schneeflächen trägt auch noch zum naturschönen Ensemble bei. Weil dort das Sonnenlicht nicht hinkommt, kann nur blaues Himmellicht reflektiert werden.

Ein Loch im Schnee

Der Winter hat gestern Nacht vermutlich mit einer schönen Schneelandschaft den Schlusspunkt unter seine diesjährige Saison gesetzt. Nachdem die letzten 10 Tage Eis, Wasser und Wasserdampf den Blick zum Himmel verstellt hatten, ist vorletzte Nacht alles heruntergekommen: Der Himmel ist frei, tiefblau, das Land mit einer weißen Schicht bedeckt… Halt, bevor ich fortfahre. Es ist nicht weiß; der Schnee hat einen deutlichen Blaustich, jedenfalls überall dort, wo die Sonne nicht hinkommt.

Winterliche Schwarz-Weiß-Malerei

Einige Bäume lockern die ansonsten triste Agrarlandschaft auf. Der Schnee macht nicht nur die Spuren der letzten landwirtschaftlichen Aktivitäten sichtbar, (die rechts unten an einen chaotischen Attraktor erinnern,) sondern verwandelt das Ensemble in eine Art Schwarz-Weiß-Malerei.

Verheißung

Fühlst Du durch die Winternacht
Durch der kalten Sternlein Zittern
Durch der Eiskristalle Pracht
Wie sie flimmern und zersplittern,
Fühlst nicht nahen laue Mahnung,
Keimen leise Frühlingsahnung?

Drunten schläft der Frühlingsmorgen
Quillt in gährenden Gewalten
Und, ob heute noch verborgen,
Sprengt er rings das Eis in Spalten:
Und in wirbelnd lauem Wehen
Braust er denen, die’s verstehen.

Hörst Du aus der Worte Hall,
Wie sie kühn und trotzig klettern
Und mit jugendlichem Prall
Klirrend eine Welt zerschmettern:
Hörst Du nicht die leise Mahnung,
Warmen Lebensfrühlings Ahnung?
*

* Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)

Der Artist unter den Schneemännern

Jeder der sich mit dem Bau eines Schneemanns auskennt weiß, dass man einen solchen in bedrohlicher Schräglage befindlichen Sonnyboy kaum zustandebringt. Denn offenbar liegt hier der Schwerpunkt bei weitem nicht mehr über der Unterstützungsfläche. Eine solche artistische Performance ist nicht ohne die Unterstützung weiterer physikalischer Vorgänge möglich.
Ich gehe davon aus, dass der Schneemann zunächst aufrecht stand. Eine gewisse kaum merkliche Anfangsschräge hat dann dazu geführt, dass an einer Seite ein höherer Druck auf die Schneekristalle ausgeübt wurde. Durch diesen Druck wurde die Verschmelzung von Schneekristallen (Sintern) an dieser Seite verstärkt. Die Tendenz zum Sintern kommt dadurch zustande, dass die Grenzfläche zwischen den Schneekristallen und damit die Grenzflächenenergie verkleinert wird. Denn die Natur ist bestrebt unter den gegebenen Bedingungen soviel Energie wie möglich – in diesem Fall Grenzflächenenergie- an die Umgebung abzugeben. Durch die Neigung und die damit verbundene Verlagerung der Schneelast auf dieser Seite werden die Sinterungsprozesse weiter begünstigt, wodurch die Neigung weiter zunimmt. Dass der Schneemann trotz der Schlagseite nicht kippt, liegt daran, dass die Schneekristalle nach wie vor fest miteinander verbunden sind und die durch die Neigung provozierten Zugkräfte ein Kippen unterbinden. Es ist fast so als würde der Schnee wie eine sehr zähe Flüssigkeit fließen.
Ähnliches beobachtet man in freier Natur, wenn der auf fast waagerechten Ästen von Bäumen lagernde Schnee schließlich wie ein Seil vom Ast herunterhängt.
Das Foto wurde mir freundlicherweise von Dieter Plieninger zur Verfügung gestellt. Seine Erläuterung dazu: Kindergartenkinder „haben den Schneemann am Morgen errichtet und eine Kindergärtnerin hat das Foto nach dem Mittagessen gemacht“.

Regenbogen trifft Schnee

Neuschnee am Abend

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