Der ewige Mond am Nachthimmel, für kurze Zeit festgesetzt im stählernen Netz der Zeit. Er wirkt wie eine leuchtende Trophäe, die sich in den schwarzen Geometrien der Oberleitungen verfangen hat – ein Gefangener der Infrastruktur.
Hier trifft Kosmisches auf Alltägliches. Während die Drähte den Strom für die Hektik unserer modernen Lebenswelt leiten, illuminiert der Mond für einen Moment die geraden Linien, die die Menschen hier vor den Himmel gezogen haben. Ein kurzer, grafischer Stillstand, bevor er weiterzieht.

Stellen wir uns vor, die vom Sonnenlicht beleuchteten Sanddünen ein Wüstenlandschaft würde in seine Komplementärfarben übergehen und auf diese Weise die farbliche Gegenwelt erschaffen, so müssten wir uns auf eine neue visuelle Realität einstellen: Die lebendigen Töne des Sandes weichen der eisigen Kühle des Schnees. Wo einst der Sand in sanften Ocker- und Brauntönen schimmerte, breitet sich nun ein kaltes, kristallines Blau aus, wie der Schatten des Schnees, der kein direktes Sonnenlicht, sondern nur das blaue Himmellicht empfängt.
In dieser Traumlandschaft mutieren die tiefen Schatten, die früher in dunklem Grau und Braun versanken, zu einem hellen Grau. Das vertraute Bild von Sonne, Hitze und trockenen Dünen wird zu einer Märchenlandschaft aus eisigen Gipfeln und weiten, verschneiten Tälern.
Es ist die Metamorphose der Wahrnehmung: Eine einfache Inversion der Farben, und plötzlich sehen wir das, was in den Dünen verborgen lag – die kalte, stille Weite des Schnees. Diese Verschiebung zeigt uns, wie unsichtbar und doch immer präsent das andere Extrem in unserer Welt ist. Die Farben der Natur sind nicht nur Schattierungen von Wahrnehmung, sondern auch von Gegensätzen, die uns die Tiefe des Erlebens erst richtig begreifen lassen.
Beim Lesen auf einer grünen Wiese landeten einige ineinander verhakte Flugsamen des Löwenzahn auf meinem Buch. Ich hatte – unabhängig von dem, was ich gerade las – den Eindruck, dass die semitransparenten weißen Fallschirme wie kleine Lampen leuchteten und habe später die Situation vor Ort nachgestellt und fotografiert. Der Blauschimmer stammt vom blauen Himmelslicht. Weiterlesen

Ein einzelner Grashalm und sein Schatten – mehr braucht es nicht, um die Ästhetik des Minimalen einzufangen. In der Reduktion auf das Wesentliche offenbart sich eine stille Schönheit: die filigrane Linie des Halms, der feine Schwung seines Schattens auf der Wand. Licht und Form treten in einen stillen Dialog, der Raum für Wahrnehmung und Kontemplation schafft. Nichts drängt sich auf, nichts lenkt ab. Es ist gerade das Wenige, das Tiefe gewinnt – ein Bild voller Ruhe, Klarheit und leiser Poesie.

Unter dem nahen, blauweißen Himmel bewegte sich das Meer in drei Streifen auf uns zu; der fernste schwarz und schwer, der mittlere in beständiger Hebung und Senkung, dunkelflaschengrün, während der nächste sich in Schichten kalkweißen Schaums übereinanderschob; wo der zweite Streifen in den nächsten fiel, entstand in jeder Welle ein lichtgrüner, ungeheuer hell durchscheinender Sturz, durch den ich das Innere der Woge sah, eine Sekunde lang, ehe sie im Schaum ihres eigenen Zusammenbruchs verloren ging. Dann schwoll ein Rauschen und Brodeln auf, vermischte sich mit dem Schaben, das der Sog des ablaufenden Wasser verursachte, wenn es gegen die Kiesel schlug und diese in Bewegung setzte, so daß sie sich rieben und gegeneinanderstießen – keinem blieb sein Ort, keinem seine Gesellschaft, und darüber fauchten die Windböen, deren Bahnen schon von weitem auf dem Wasser als gekräuselte Spuren erkennbar wurden, bis sie uns erreichten, uns schüttelten und mit ihren klammen Fingern nach unseren Gesichtern griffen.*
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*Klaus Modick. Das Licht in den Steinen. Frankfurt 1995, S. 208f

Seit etwa 50 Jahren ist mir dieser Baum vertraut. Zurzeit steht er noch karg und entblättert da, seine Äste wirken wie ein feiner Scherenschnitt gegen den morgendlichen Himmel. Jeder Zweig ist scharf umrissen, fast wie ein Kunstwerk, das seine Fülle noch in sich trägt. Doch unter der scheinbaren Stille brodelt das Leben. In den knospenhaften Stellen, die sich an den Zweigen bilden, liegt das Versprechen von Frühling und neuem Leben. Bald wird der Baum sich in sattem Grün kleiden, die kahlen Äste verschwinden und die Welt wird wieder ein wenig bunter. Es ist, als ob er nur darauf wartet, sich von seiner Winterruhe zu befreien und die Welt in einen frischen, lebendigen Mantel zu hüllen. Mit seiner schönen unregelmäßigen Schwarzweißzeichnung beginnt die neue Saison.

… an einem leicht nebeligen, sonnigen Tag im Oktober. Das lässt mich an den folgenden Limerick denken, mit dem ich bei dieser Gelegenheit an diese etwas in Vergessenheit geratene Form von Alltagslyrik erinnern möchte.
Es zählte ein Weib in Cuxhaven
des Nachts große Mengen von Schafen,
daß müde es werde.
Doch blökte die Herde
zu laut, und sie konnte nicht schlafen.*
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* Herkunft unbekannt
Das kann man bei Anblick dieses Fotos wirklich behaupten, denn die ansprechende Sandskulptur auf der steilen Leeseite einer Sanddüne entstand, weil ein Flugzeug mit einem großen Knall die Schallmauer durchbrach. Ich erlebte den Abgang der hier zu sehenden kleinen Sandlawinen als visuelles Echo des Knalls, vielleicht auch meines Schrecks durch den unerwarteten, lautstarken akustischen Einbruch in die Ruhe der Dünenlandschaft.
Auf die ultrakurze Einwirkung auf mein Gehör und die daran hängenden Nerven und sonstigen inneren Verbindungen folgte der in Bewegung gesetzte Sand mit einer wohltuend kontrastierenden Ruhe und Gelassenheit.
Ich sah zunächst nur den rechten streifenhaften Abgang der hellen Sandkörnchen, durch den eine tieferliegende Schicht dunklen Sands freilgelegt wurde. Auf ihrem Weg nach unten schlossen sich den rollenden und rutschenden Sandkörnchen zunehmend weitere an und sie hinterließen insgesamt eine sich zunächst verbreiternde und anschließend wieder verschmälernde konvex gewölbte glatte Schicht auf dem Hang. Die Bewegung kam zum Stillstand als die Hangneigung den kritischen Winkel* unterschritt und die Reibungskraft zwischen den Körnchen wieder größer wurde als ihre Schwerkraft .
Als der Sandstrom erstarrte, schien eine Sandwelle den Vorgang abschließend nach oben zu laufen. Sie war allerdings nur visueller Natur und kam dadurch zustande, dass die Erstarrung der Bewegung des Sands unten begann und sich mit deutlich wahrnehmbaren Geschwindigkeit nach oben fortsetzte.
Aber damit war das Miniaturschauspiel noch nicht zu Ende. Denn im letzten Moment wurde links daneben eine zweite Lawine ausgelöst. Diese kam aber sehr schnell zum Stillstand, wie man an der kurzen Sandzunge unterhalb der linken Einbuchtung erkennt. Schön finde ich, dass wenn man sich diese Zunge hochgeklappt denkt, sie genau in die ausgehöhlte Vertiefung hineinzupassen scheint, sodass die ungestörte Sandfläche zurückgewonnen würde.
Statt viele Worte zu machen, hätte ich auch in Umkehrung des bekannten Ausspruchs: Knall auf Fall sagen können: Fall auf Knall.
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* Dieser Winkel ist erreicht, wenn kleinste Einwirkungen (wie in diesem Fall Erschütterungen durch einen Knall) genügen, die Lawine auszulösen.
Die Welt ist schön, die Welt ist gut, gesehn als Ganzes
Der Schöpfung Frühlingspracht, das Heer des Sternentanzes.
Die Welt ist schön, ist gut, gesehn im einzelst Kleinen
Ein jedes Tröpfchen Tau kann Gottes Spiegel scheinen.
Nur wo du Einzelnes auf Einzelnes beziehst
Oh, wie vor lauter Streit du nicht den Frieden siehst.
Der Frieden ist im Kreis, im Mittelpunkt ist er.
Drum ist er überall, doch ihn zu sehn ist schwer.
Es ist die Eintracht, die sich aus der Zwietracht baut,
Wo mancher, vom Gerüst verwirrt, den Plan nicht schaut.
Drum denke, was dich stört, daß dich ein Schein betört
Und was du nicht begreifst, gewiß zum Plan gehört.
Such erst in dir den Streit zum Frieden auszugleichen
Versöhnend dann soweit du kannst umherzureichen.
Und wo die Kraft nicht reicht, da halte dich ans Ganze;
Im ewgen Liebesbund steht mit dir Stern und Pflanze.*
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* Friedrich Rückert (1788 -1866)

Auch in Rom ist nicht immer eitel Sonnenschein. Bei meinem letzten Besuch der ewigen Stadt bewahrheitete sich dies im Wortsinn. Ich wurde nämlich von einem heftigen Platzregen überrascht und rettete mich mit vielen anderen so gar nicht auf nasse Sturzfluten eingestellten Touristen in den über 1900 Jahre alten Kuppelbau, dem Pantheon. Doch drinnen waren wir zwar trocken aber der Regen wurde unter der Öffnung der Kupplung gewissermaßen ausdruckstark zelebriert. Ich kann das Erlebnis nicht so gut beschreiben wie es Klaus Modick aus der Feder geflossen ist, der etwas ganz ähnliches erlebt haben muss:
In der Mitte der Halbkugel stand eine in sich selbst unglaublich bewegte, zugleich ruhende und fest gestaffelte Säule aus Wasser, durch die das graue Licht in alle Richtungen gebrochen wurde und silbrige Reflexe gegen die Wand warf; die Öffnung in der Kuppel, die sonst den Lichtstrahl wie den Zeiger einer riesigen Sonnenuhr einließ, war zum Bildhauer, dieser Säule geworden, in der alle Säulen der Stadt zusammenflossen. Wenn Blitze aufzuckten, huschten, vom Wasser zerstreut, gelbblaue Lichtflecke durch den ganzen Raum; plötzlich dröhnte ein Donnerschlag, der direkt über der Kuppelöffnung zu erklingen schien, und ich hatte das Gefühl, als schwanke der Fußboden, über den die Wassersäule zu allen Seiten ablief; dann verdünnte die Säule sich, wurde durchsichtiger, verflatterte zu fast zählbaren grauen Tropfen, die glitzernd zu Boden schwebten, bis das, was Säule gewesen war, nur noch einem bewegten, silbern schimmernden Spinnengewebe vor dem Glanz des Gewölbes glich. Zusehends hellte der Raum sich auf, dann fingerte ein erster, schüchterner Strahl durch die Öffnung; neben mir standen ein paar junge Amerikaner in Shorts, T-Shirts und Jogging-Schuhen, die wie alle anderen in der Kuppel dem Schauspiel stumm und staunend zugesehen hatten, aber dem Wiedereintritt der Sonne spendeten sie nun lautstarken Applaus, und auch ich klatschte in die Hände, bis plötzlich der Raum vom Beifall derer widerhallte, die in ihm versammelt waren; wir blickten lächelnd und etwas verlegen in die Runde und liefen dann auseinander.*
Nach dem Regen kam sofort wieder die Sonne zurück. Vor der Öffnung der Kuppel sieht man das Tageslicht in den Nachzüglertröpfchen gestreut. Die Schwerkraft scheint nur eine eingeschränkte Wirkung auf die Winzlinge zu haben. Jedenfalls lassen sie sich Zeit mit ihrem Fall zur Erde. Da das an den Tropfen gestreute Tageslicht blau ist sehen wir es auch blau. Zumindest an den Stellen denen die Intensität des Lichts vergleichsweise gering ist. Die im Vergleich zum Schummerlicht im Gebäude große Intensität in der Mitte der Öffnung führt nicht nur für unsere Augen, sondern auch für die Kamera zur Überstrahlung der wahren Farbe (Irradiation, Blooming), so dass wir dort nur noch weiß wahrnehmen können.
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* Klaus Modick. Das Licht in den Steinen. Frankfurt 1995. S. 187f
Wie sich die Algen selber sehen.
Blumen sind wir
Von der wilden See
Und der felsigen Küste;
Zwischen den Wellen geboren
In verborgenen Höhlen
Als die Sturmwolken aufzogen
Aus: Miek Zwamborn. Algen. Ein Porträt. Berlin 2019
Mir geht es hier nur um den naturschönen Anblick dieses Algenteppichs. Wie fast alles, was grenzenlos wächst von Übel ist, so verhält es sich leider auch mit den Algen auf unseren Seen. Auf diesen Aspekt bin ich bereits früher eingegangen.
Die Seifenblase
Es schwebte eine Seifenblase
Aus einem Fenster auf die Straße.
„Ach, nimm mich mit Dir,“ bat die Spinne
Und sprang von einer Regenrinne.
Und weil die Spinne gar nicht schwer,
Fuhr sie im Luftschiff übers Meer.
Da nahte eine böse Mücke,
Sie stach ins Luftschiff voller Tücke.
Die Spinne mit dem Luftschiff sank
Ins kalte Wasser und ertrank.*
Eine Seifenblase setzt gerade zur Landung auf einer Wasseroberfläche an. Sie transportiert, soweit ich erkennen kann, keine Spinne (siehe unten), sondern eher einen Spinner. Keiner von ihnen wird die Wässerung überleben. Was bleibt ist schließlich die unbewegte Wasseroberfläche, die weiterhin nichts anderes tut, als ihre Umgebung zu reflektieren.
Im obigen Gedicht spricht Joachim Ringelnatz eine ganz ähnliche Situation an.
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* Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Wenn man am Abend das Licht anmacht und das Licht des blauen Himmels durch ein Fenster dringt, hat man oft das Vergnügen, zwei Schatten eines Gegenstands vorzufinden. Im vorliegenden Fall ist es der blaue und gelbliche Schatten einer Kerze, die noch darauf wartet angezündet zu werden. Zu einem vermutlich ähnlichen Szenario äußert sich der amerikanische Maler Fairfield Porter in seinem Gedicht: „A Painter Obsessed by Blue. Dort heißt es:
No color isolates itself like blue.
If the lamp’s blue shadow equals the yellow
Shadow of the sky, in what way is one
Different from the other ?
Ob dieses Phänomen aber etwas mit der Eigenschaft der Farbe Blau zu tun hat, sich zu isolieren, sei dahingestellt. Jedenfalls scheint seine Schilderung einer ähnlichen Situation zu entsprechen, die im Foto zu sehen ist und mit etwas Aufmerksamkeit abends leicht beobachtet werden kann.
Auch seine Frage kann leicht beantwortet werden: Die Schatten unterscheiden sich dadurch, dass die Kerze einerseits vom leicht gelblichen Licht einer Lampe und andererseits vom blauen Himmellicht aus leicht unterschiedlichen Winkeln beleuchtet wird. In den Schattenbereich bezüglich der einen Lichtquelle fällt dann nur das Licht der jeweils anderen Lichtquelle und beleuchtet diesen entsprechend.
I
Und wie die Schnecke, die
durchs Land streyfft unentwegt
Doch stets zu Haus ist,
da ihr Haus sie bei sich trägt.
John Donne, To Sir Henry Wotton, 1598
Die Langsamkeit ist der Schnecke gewissermaßen auf den Leib geschrieben in Form einer Spirale. Denn diese dehnt sich mit jeder Windung nur um einen Bruchteil ihrer Länge zu den Seiten aus.
Die Langsamkeit des Fortschreitens hat für die beobachtenden Menschen den Vorteil, dass das Schneckenhaus in all seiner Schönheit und Detailliertheit in Ruhe betrachtet werden kann.

Während ich persönlich ja finde, dass Tulpen sehr wohl reimen. Das eine Blatt wächst dahin, das andere dorthin. Ihre Formen halten ein Zwiegespräch. Es herrscht Symmetrie. Es gibt in der Mitte den Stängel, es gibt das Spiegelbildliche. Ganz ohne Frage reimen sich Tulpen. Die Natur steckt überhaupt voller Reime.*
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* Nicholson Baker. Der Anthologist, München 2010. S. 83
Sitzstreik
Der Buddha nimmt die Beine in die Hand.
Der Eilbote zockelt hinterdrein.
Die Fixsterne wallen.
Der Fortschritt zappelt in der Warteschleife.
Die Schnecke verrennt sich.
Die Rakete hinkt.
Die Ewigkeit setzt zum Endspurt an.
Ich rühre mich nicht.*
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* Hans Magnus Enzensberger. Kiosk. Neue Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1995

Nicht ich schien die Wand zu berühren, sondern aus dem Stein lösten sich feine Teilchen und strömten meiner Hand zu, zogen mich in einen Regelkreis, in dessen pulsierendem Gleichmaß die Grenzen der Dinge mehr und mehr schwanden und einem Zustand Raum gaben, der alle Unterschiede, Konturen und Selbstgewißheiten zu einem chaotisch an- und abschwellenden Rauschen umschmolz.*
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* Klaus Modick. Die Schrift vom Speicher. Frankfurt 1994, S. 74
Fische schließen beim Küssen die Augen und lieben es zart, ja fast schon ein bisschen flüchtig. Hingehauchte, sanfte Küsse mögen sie, und die dürfen auch gerne am Hals oder auf der Schulter landen. (Horoskopische Weisheit aus dem Internet).
Mag sein, dass es angenehmer ist, einen Fisch als einen Frosch zu küssen. Doch wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass die Königstochter den Frosch geküsst habe? In Grimms Märchen „Der Froschkönig“ liest man etwas anderes. Als der Frosch darauf bestand, zur Königstochter ins Bett zu steigen, „wurde sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand: „Nun wirst du Ruhe geben, du garstiger Frosch.”
Ich habe schon als Kind nicht verstanden, dass eine derart unrühmliche Tat mit der Belohnung in Gestalt eines Konigssohns endete. Oder wollten die Brüder Grimm damit etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen?
Ich hatte dies Land in mein Herz genommen,
ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.
Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.
Ich kam als zitternde, geistgeschwächte
Greisin mit stummem Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte
und nur meine Asche gabt ihr frei.
Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.
Ich kam, ein Gefangner, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?*
Auch wenn der historische Kontext, in dem Bergengruen dieses Gedicht schrieb ein anderer ist, kommen m. E. einige Dinge zur Sprache, die uns gerade heute betreffen.
*Werner Bergengruen (1892 – 1964)
Rauhreif
Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
Über Nacht als weißer Schatten
Eng um Tanne, Baum und Buchs.
Und erglänzte wie das Weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,
Und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.*
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* Gottfried Benn (1886 – 1956)
Aber wer wollte in einer zeichenlosen Umgebung leben, wo jedes Ding für sich steht und durch keinerlei Gedankendraht oder -faden mit anderen Phänomenen verbunden ist, wo keiner je das Wort an einen richtet aus einer anderen Welt? Sind Zeichen nicht an jeden adressiert, der sie als solche begreift? Was nie geschrieben wurde, lesen, wer möchte das nicht, wer möchte nicht in allem Wahrnehmbaren wie in einem Buch lesen? Jeder Stein, jeder Fuchs, jede Brücke wäre Buchstabe, Silbe oder Wort und es gälte, diese Elemente zu einem Satz, vielleicht zu einer Frage, zusammenzufügen. Vielleicht besaßen wir diese Fähigkeit bis zu einem gewissen Grad, und sie ist uns im Laufe der Jahrtausende abhanden gekommen. Gott verfügt darüber in einem absoluten Grad, er liest in Himmel und Erde wie in einem selbstverfaßten Manuskript, und jedesmal, wenn er eine Seite umblättert, wird es Nacht und wieder Tag.*
Diese Steinplatte (Foto) fand ich in einem nahe gelegenen Steinbruch. Es hatte gerade in Strömen geregnet, was der ansonsten etwas blasseren Oberfläche einen kräftigeren Farbeindruck verpasste.
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Anne Weber. Besuch bei Zerberus. Frankfurt 2004. S. 65
…aus der Perspektive ihres Schattens.
Herr Löffel und Frau Gabel
Herr Löffel und Frau Gabel,
die stritten sich einmal.
Der Löffel sprach zur Gabel:
„Frau Gabel, halt den Schnabel,
du bist ja bloß aus Stahl!“
Frau Gabel sprach: „Herr Löffel,
Ihr seid ein großer Töffel
mit Eurem Gesicht aus Zinn,
und wenn ich Euch zerkratze
mit meiner Katzentatze,
so ist Eure Schönheit hin!“
Das Messer lag daneben
und lachte: Gut gegeben!
Der Löffel aber fand:
mit Herrn und Fraun aus Eisen
ist nicht gut Kirschen speisen,
und küsste Frau Gabel galant –
die Hand.*
Auch wenn ich das Gedicht nicht kommentieren möchte, sei auf einen implizit zum Ausdruck kommenden historischen Bezug der Besteckteile aufmerksam gemacht. Wenn man es nämlich genau liest, klingen einige Aspekte an, z.B. dass der Löffel verzinnt ist und die beiden anderen aus Stahl gefertigt sind, die auf eine unterschiedlich Entwicklung des Bestecktripels verweisen. Davon spüren wir heute nichts mehr, aber zur Zeit Morgensterns waren diese Unterschiede wohl noch bewusst.
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* Christian Morgenstern (1871-1914)
Es wird mir weit leichter etwas zur Linken zu sehen als grade vor mich oder zur Rechten.*
Diesem Ausspruch Georg Christoph Lichtenbergs (1742 – 1799) kann ich mich voll und ganz anschließen. Denn zum einen lässt man viel zu viel links liegen, sodass schon allein deshalb dort viel mehr zu sehen ist. Ich denke da vor allem an die vielen übersehenen Dinge und Phänomene am Wegesrand. Auch wenn sie klein, vereinzelt, unauffällig, bescheiden… sind, können sie es doch in sich haben. Das betrifft vor allem jene Phänomene und Ansichten, die so aussehen, als würde 2 mal 2 nicht gleich 4, sondern 13 ergeben. Wenn man sie kennENGELernt hat, wird einem klar, was so alles noch zwischen, über, unter, neben, auf, in, vor und hinter den Dingen haust und west (sein Wesen treibt). Lichtenberg hat auch dies in einer Sudelbucheintragung bedacht, wenn er notiert: „Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13.“**
Lasst also möglichst wenig links liegen! Auch nicht den wie Engelshaar in der Morgensonne leuchtenden Distelsamen im obigen Foto.
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* Georg Christoph Lichtenberg. Sudelbücher I. In: Schriften und Briefe. München 1968. S. 536 (F560)
** ebd. S. 209 (B242)
Ich ging am Felde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Am Rande sah ich
Ein Blümlein stehn,
Es war schon vertrocknet,
Und dennoch schön.
Mit Vorsicht nahm ich
Es mit zu mir,
Und legt es
Zuhause auf Papier.
Da sprühte es lauter
Kügelchen aus,
Bisher verborgen
Im Klatschmohnhaus.*
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* frei nach Goethe

Wieder die Blendung durch das absolute Gelb. Wieder der Eindruck, dass sie (die Sonnenblumen) sie ansehen und zu ihr sprechen, alle Köpfe der Blumen auf Mathilde gerichtet sind, die sich nicht mehr rühren kann.
„Eh, was hast du?“, sagt Bénédicte?
„Ist dir nicht schwindelig?“, fragt Mathilde.
„Nein, warum?“
Warum? Sie ist schon erstaunlich, diese Bénédicte, sie spürt nichts und hört nichts. Die Sonnenblumen wie diese da, es ist unmöglich sie zu malen, so schön sind sie, es ist unmöglich sie zu verstehen, so sehr sie auch mit einer aus Millionen von strahlenden Mündern bestehenden Stimme schreien, hat sie sowas schon gesehen?
(…) Mathilde findet es traurig, dass Bénédicte unempfindlich für die Sonnenblumen ist. Das ist beunruhigend.*
* Noelle Châtelet. La Petite aux tournesols. Paris 1999
Die Wolken scheinen die Sonne geradezu plattzudrücken, sodass ihr Licht gleichsam herausgepresst wird und den oberen Rand entsprechend einfärbt. So könnte man die Sache ansehen, wenn man vom neuzeitlichen Weltbild völlig unberührt wäre. Dichter*innen dürfen beide Sehweisen annehmen.
Anhand des leuchtenden Wolkenrands kann man sich klarmachen, dass die perspektivischen Verzerrungen zu falschen Anschauungen führen. Nur soviel sei gesagt: Damit der vordere Wolkenrand vom Sonnenlicht durchstrahlt wird, muss die Sonne in Wirklichkeit wesentlich höher stehen, als es den Anschein hat.
Der Eine: Bei dem, was mich fasziniert und überwältigt, geht es nie um etwas „Seltsames“. Ich bin sogar imstande, was wir vor Augen haben, mit sehr wenigen und den allereinfachsten Worten zu sagen: das Licht, dessen heller Schein auf die Stämme und nackten Äste einiger Bäume fällt. Und dennoch, als ich das ehemals sah, und jetzt, da ich es wiedersehe, kann ich nicht anders, ich muß stehen bleiben, muß auf das horchen, was leise eine Stimme in mir sagt, die nicht die Stimme meines Alltags ist, verlegener wohl, zögernder und dennoch gefestigter. Wenn ich sie recht verstehe, so sagt sie, daß die Welt nicht das sei, wofür wir sie halten. *
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* Philippe Jaccottet. Der Spaziergäng unter den Bäumen. Zürich, Köln; 1981. S. 70
Pfingstrose
Verhaucht sein stärkstes Düften
Hat rings der bunte Flor,
Und leiser in den Lüften
Erschallt der Vögel Chor.
Des Frühlings reichstes Prangen
Fast ist es schon verblüht –
Die zeitig aufgegangen,
Die Rosen sind verblüht.
Doch leuchtend will entfalten
Päonie ihre Pracht,
Von hehren Pfingstgewalten
Im tiefsten angefacht.
Gleich einer späten Liebe,
Die lang in sich geruht,
Bricht sie mit mächtgem Triebe
Jetzt aus in Purpurglut.*
Die Pfingstrose – hier im typischen Kugelstadium – ist ein Verpackungskünstler. Jedenfalls erlaubt sie, die Entfaltung schrittweise nachzuvollziehen, wenn sie in den nächsten Tagen ihr Purpur zum Glühen bringt. Der Entfaltungsvorgang wie er in Blüten und Blättern stattfindet ist m.E. eine Art Naturorigami, das mich immer wieder begeistert. Siehe frühere Beiträge, z.B. hier und hier und hier und hier und hier und hier.
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* Ferdinand von Saar (1833 – 1906). Saar gehört neben Marie von Ebner-Eschenbach zu den bedeutendsten realistischen Erzählern der österreichischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Seine Werke zeichnen sich durch humanistisches Ethos und Sozialkritik aus.
Bilder entwickeln
in der Dunkelkammer des Kopfes
Im Dämmerrot geschlossener Lider
Landschaften
Flussläufe mit Dörfern
wo Freunde und Geschichten
wohnen Bäume mit Vögeln
und Sternen im Geäst
Berge loten Erinnerung aus
Sonne brennt sich
ins Nachbild
Land im Kopf
eigentliche Heimat
dies Land bewohnt mich
wählt mich.
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* Eveline Hasler. Auf Wörtern reisen. Zürich 1993, S. 12
Heute feiern einige Leute den Pi-Tag. Nach der amerikanischen Schreibweise lautet das Datum des heutigen Tages 3/14, die ersten drei Ziffern der Zahl Pi, mit der wir im Mathematikunterricht zu tun hatten/haben und – was wohl den wenigsten bewusst ist – für alles Runde in der Welt zuständig ist.
Ein Beispiel sind die Speiseölreste in der Pfanne (Foto), die sich nach Zugabe von Wasser zu fast perfekten Kreisen organisierten, wobei die Perfektion der Rundung mit der Zahl der Nachkommazahlen der Zahl Pi wächst.
Wisława Szymborska hat ihre Gedanken zu Pi in dem folgenden Gedicht zum Ausdruck gebracht.
Die Zahl Pi
Bewundernswert ist die Zahl Pi
drei Komma eins vier eins.
Auch alle Folgeziffern sind nur Anfang,
fünf neun zwei, weil sie nie ein Ende findet.
Sie läßt sich nicht einfangen sechsfünf dreifünf mit einem Blick
acht neun mit einer Berechnung
sieben neun mit der Phantasie,
sogar drei zwei drei acht mit einem Scherz, das heißt Vergleich
vier sechs mit irgend etwas
zwei sechs vier drei in der Welt.
Die längste Schlange der Erde reißt nach ein paar Metern ab.
Ähnlich, zwar etwas später, tun’s die Fabelschlangen.
Der Zug der Ziffern, aus denen die Zahl Pi besteht,
hält nicht am Rande des Zettels an,
er zieht sich über den Tisch hinaus, durch die Lüfte,
durch Mauern, Blätter, Vogelnester, Wolken, stracks zum Himmel,
durch alle Aufgeblasenheit und Bodenlosigkeit des Himmels.
O wie kurz, wie mauskurz ist der Kometenschweif!
Wie schwach der Strahl des Sterns, daß er sich krümmt im erstbesten Raum!
Und hier zwei dreifünfzehn dreihundert neunzehn
meine Fernsprechnummer deine Kragenweite
das Jahr eintausendneunhundertdreiundsiebzig sechster Stock
Einwohnerzahl fünfundsechzig Groschen
der Hüftumfang zwei Finger Scharade und Chiffre,
in welcher mein Nachtigallchen, flieg und sing
ebenso bitte Ruhe bewahren
oder Himmel und Erde vergehn,
nicht die Zahl Pi allerdings, oh, nein, die nicht,
sie hat noch ihre gar nicht üble fünf,
nicht beliebige acht,
nicht letzte sieben,
wenn sie, ach, wenn sie die träge Ewigkeit antreibt
zum Dauern.*
Wer weitere Facetten des Pi-Tags kennenlernen möchte, kann sich u. A. hier und hier und hier und hier und hier informieren.
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* Wisława Szymborska (1923 – 2012). In: Hundert Freuden. Frankfurt am Main, 1986.
Nichts erscheint in solchem Maße vegetabilisch; nicht einmal, wo sie doch die Durchpausung wirklicher Pflanzen verewigen, die Spuren des Farns in der Steinkohle, der Meerlilie im Schiefer. Und trotzdem sind die Dendriten nie lebendig gewesen. Niemals bewässerte auch nur ein Tröpfchen ihre verzweigten Spitzengewebe, niemals schwärmten Samen aus geheimen Quersäcken in ihnen hoch, um sie ringsum zu vermehren. Ihr zartes Laubwerk wurde von einer blinden Kristallisation toter Stoffe, metallischer Oxyde in den Stein eingeschrieben. Doch ihre Büschel, ihr Gezweig erblühen so wunderbar, daß sich der Uneingeweihte mit Sicherheit darüber täuscht. Nur mit Mühe kann man ihn über seinen Irrtum aufklären.
Vorspiegelung sicherlich diese Salze, die das Pflanzlich so vollkommen simulieren, wobei sie allesamt dem Leben und dem Verderben enthoben sind. Trotzdem kann ich mich nicht der Überzeugung erwehren, daß diese falschen Farne, die mit der Pflanze nur das Aussehen gemeinsam haben und einer Welt angehören, die mit der ihrigen unvereinbar ist, auf ihre Weise den Geist belehren, daß es weit umfassendere Gesetzmäßigkeiten gibt, die gleichzeitig das Unbelebte wie das Belebte regieren. *
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Caillois, Roger: Steine. München: Hanser 1983, S. 30f.
Unwichtig
was du erzählst.
Eine einzige Geschichte
durchströmt alle Geschichten
treibt sie durch Raum und Zeit
zur Mündung der Wörter
Geschichte erzählt uns
Webt am alten Menschheitstraum
Läst durch die Poren
der Wörter Atem
schöpfen
Trotzdem heisst sie
eine andere Geschichte
wird nie erzählt
Mit Geschichten
Wirklichkeit einkreisen
und immer ein
Rest da
der antreibt
noch eine
zu erzählen
noch eine *
Eveline Hasler. Auf Wörtern reisen. Zürich 1993, S. 42
Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
Da ist alles dunkel und düster;
Und so sieht’s auch der Herr Philister:
Der mag denn wohl verdrießlich sein
Und lebenslang verdrießlich bleiben.
Kommt aber nur einmal herein,
Begrüßt die heilige Kapelle;
Da ist’s auf einmal farbig helle,
Geschicht und Zierat glänzt in Schnelle,
Bedeutend wirkt ein edler Schein;
Dies wird euch Kindern Gottes taugen,
Erbaut euch und ergetzt die Augen!
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)
Soviel zur Schönheit von Licht und Farbe, die durch Kirchenfenster verbreitet werden. Johannes Kepler (1571 – 1630) fielen die Löcher in den Kirchenfenstern auf, durch die Sonnentaler auf dem Kirchenboden oder der gegenüberliegenden Wand entworfen wurden. Zu seiner Zeit war das Phänomen noch nicht verstanden. Kepler war der erste, der eine auch heute noch gültige Erklärung publizierte.
„Dass der Sonnenstrahl, der durch irgendeine Spalte dringt, in Form eines Kreises auf die gegenüberliegende Fläche auffällt, ist eine allen geläufige Tatsache. Dies erblickt man unter rissigen Dächern, in Kirchen mit durchlöcherten Fensterscheiben und ebenso unter jedem Baume. Von der wunderbaren Erscheinung dieser Sache angezogen, haben sich die Alten um die Erforschung der Ursachen Mühe gegeben. Aber ich habe bis heute keinen gefunden, der die richtige Erklärung gefunden hätte“ (Johannes Kepler. Grundlagen der geometrischen Optik. Leipzig 1922, S. 13).
Heute haben die Kirchenfenster nur selten Löcher. Aber auch ohne Löcher entdeckt man schöne, farbenprächtige Sonnentaler. Denn jedes Element eines beliebig geformten Segments der Kirchenfenstermosaike stellt eine Öffnung dar, durch die in hinreichender Entfernung Abbilder der Sonne projiziert werden. Die obige Abbildung ist die Projektion des seltenen Falls eines Kirchenfensters mit zwei fehlenden Glaselementen. Diese rufen weiße Sonnentaler hervor. Alle farbig verglasten anderen Elemente erzeugen schöne Farbkreise.

Wolkengleich
Gewölk erschwebt das Licht, verschwebt im Lichte,
Will kommen, kommt und irrt vorbei,
Wie wenn der Menschengeschlechter Geschichte
Die schwebend beschienene Schwermut sei.
Zu schwer zum Flug ist meine Stunde,
Nicht aber all meiner Stunden Heer,
Zu schwer dieser Kummer, doch Kummer im Bunde
Mit vielem Kummer ist nicht zu schwer.
Mein Albatros Leben und jeder ihm gleiche
Sind noch nicht flügge zu traumleichtem Flug.
Aber die Städte, aber die Reiche,
Aber die Völker sind leicht genug.«*
* Oskar Loerke (1884 – 1941)
Eigentlich hatte ich es bei diesem Foto auf die Wassertropfen abgesehen, bis mir bei genauerem Hinsehen auffiel, dass nicht ganz klar ist, welcher Grashalm den jeweiligen anderen verdeckt, bzw. welche Sachen sich hier überschneiden, stoßen oder ausweichen… Vielleicht spricht Friedrich Schiller (1759 – 1805) ja auch eine solche Situation an, wenn er sagt: „Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;/ Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken,/ Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben;/ Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt“.* Dass sich zwei Objekte nicht gleichzeitig am selben Ort aufhalten können, hat eine tiefe physikalische Wurzel. Letztlich steckt das Pauli-Prinzip dahinter. Aber das wollt ihr jetzt bestimmt nicht weiter ausgeführt bekommen.
* Friedrich Schiller. Wallensteins Tod – 2. Aufzug, 2. Auftritt