Der grüne Strahl (grüner Blitz o. Ä.) ist ein selten zu beobachtendes Naturereignis, obwohl es sehr häufig auftritt. Allerdings ist dann meist keiner da, um das grüne Leuchten auch wahrzunehmen.
Hans-Jürgen Heyen war bei einem solchen Ereignis zur Stelle und es gelang ihm, das kurzlebige Phänomen perfekt im Bild festzuhalten (siehe Foto).
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Betrachtung eines Fotos ausreicht, um in den Genuss der Wohltaten zu kommen, die mit der Wahrnehmung des grünen Strahls verbunden sein sollen. Jules Verne (1828 – 1905), einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur verspricht in seinem Roman „Das Grüne Leuchten“ („Le Rayon Vert“) jedenfalls: „…wer ihn gesehen hat, kann sich in den Dingen des Herzens nicht mehr täuschen.“ (« …celui qui l’a vu ne peut plus se tromper dans les choses de sentiment»).
Daran erkennt man bereits, dass der grüne Strahl nicht nur eine physikalische Dimension hat, sondern auch im Bereich der Literatur und des Gefühlslebens von Bedeutung ist.
Neben Jules Verne haben sich auch andere Schriftsteller, Poeten und Filmschaffende diesem Phänomen gewidmet.
Ich nenne hier nur Eric Rohmer (1920 – 2010) in seinem sehr literarisch geprägten Film „Le Rayon Vert „(1986): „Es ist ein seltenes Zeichen, aber wenn man es sieht, versteht man alles.“ (« C’est un signe rare, mais quand on le voit, on comprend tout. ») Und bei Gerhard Hauptmann (1862 – 1946) heißt es: „Der grüne Strahl! Und schon ist er verschwunden. / Wer ihn erblickt, steht an des Meeres Rand, / von dem uns klingen, ahndevolle Kunden…“
Der grüne Strahl fungiert in der Literatur als auratisches Schwellenphänomen, dessen Bedeutung einerseits aus dem Übergang zwischen dem „Nicht mehr“ des Alten und „Noch nicht“ des Neuen, sowie seiner prinzipiellen Unverfügbarkeit entsteht. Jeder der einmal oder mehrmals auf das Ereignis gewartet hat, findet im grünen Strahl eine überzeugende Konkretisierung dieses Ereignisses, das sich zwischen Tag und Nacht sowie Sichtbarkeit und Verschwinden abspielt. Der grüne Strahl ist in keiner Weise erzwingbar oder reproduzierbar und nur in einer singulären Konstellation von Ort, Zeit und Wahrnehmung erfahrbar.
Die literarische Funktion des grünen Strahls könnte vor allem darin gesehen werden, einen Modus der Erfahrung hervorzuheben, der sich der instrumentellen Rationalität der Moderne entzieht.
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Sonnentaler tauchen in diesem Blog immer wieder auf. Das lässt entweder auf die Bedeutung des Phänomens selbst oder meine naturphänomenologischen Vorlieben schließen. Eine Frage, die ich bislang noch nicht befriedigend lösen konnte ist die nach dem Ursprung des Namens, bzw. genauer der Verknüpfung des Phänomens der Lochkameraabbildungen der Sonne mit diesem doch eher poetischen Begriff.
Ich hatte früher schon einmal gemutmaßt, dass der Physikpädagoge Martin Wagenschein (1896 – 1988), bei dem ich diesen Begriff in dieser Bedeutung zum ersten Mal las, auf die Romanreihe von François Rabelais (1494, vielleicht 1483 – 1553) zurückgegriffen haben könnte. Jedenfalls haben die beiden Hauptfiguren dieser Reihe Gargantua und Pantagruel eine witzige und literarische Verbindung zu Sonnentalern. In einem der fünf Bände der Serie erzählt Rabelais von einer Szene, in der Pantagruel und seine Gefährten auf die „Papimanes“ stoßen, eine fiktive Sekte. Diese Sekte glaubt an die Verehrung von Sonnentalern.
In diesem Zusammenhang spielen die Sonnentaler eine metaphorische Rolle und stehen für leere, oberflächliche Glaubenssysteme. Rabelais verwendet die Idee der Sonnentaler, um die törichte Anbetung von Dingen, die eigentlich keine wirkliche Substanz haben, zu kritisieren. Die Sonnentaler erscheinen als wertvolle Objekte, aber in Wirklichkeit sind sie nichts weiter als flüchtige Lichtspiele – also etwas, das schön aussieht, aber keinen echten Wert besitzt.
Ich frage mich jedoch ob nicht vielleicht der Wert der Sonnentaler gerade in dieser Flüchtigkeit und der gleichzeitigen unmittelbaren Verbindung mit der Sonne, die sie hervorbringt, besteht.
Und der Haifisch, der hat Zähne
Und der trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht
.….
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht
Und man sieht die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.*
Wenn Sonnenlicht ins Wasser eindringt, wird es u. A. teilweise vom Wasser absorbiert. Davon ist das Licht mit längeren Wellenlängen, also vor allem Rot und Gelb, wesentlich stärker betroffen als das kurzwellige Licht, also vor allem Blau. Deshalb dominiert in einiger Tiefe im Wasser die Farbe Blau. In entsprechenden Wassertiefen sind die von Menschen als gefährlich eingeschätzten Blauhaie nur sehr schwer zu erkennen.
Ich frage mich, ob Bertolt Brecht in seiner Dreigroschenoper damit auf die Haifische angespielt hat, die in dieser ihrer Eigenschaft das Stück unterschwellig durchwirken.
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* aus: Bertolt Brecht. Die Dreigroschenoper.

Auch in Rom ist nicht immer eitel Sonnenschein. Bei meinem letzten Besuch der ewigen Stadt bewahrheitete sich dies im Wortsinn. Ich wurde nämlich von einem heftigen Platzregen überrascht und rettete mich mit vielen anderen so gar nicht auf nasse Sturzfluten eingestellten Touristen in den über 1900 Jahre alten Kuppelbau, dem Pantheon. Doch drinnen waren wir zwar trocken aber der Regen wurde unter der Öffnung der Kupplung gewissermaßen ausdruckstark zelebriert. Ich kann das Erlebnis nicht so gut beschreiben wie es Klaus Modick aus der Feder geflossen ist, der etwas ganz ähnliches erlebt haben muss:
In der Mitte der Halbkugel stand eine in sich selbst unglaublich bewegte, zugleich ruhende und fest gestaffelte Säule aus Wasser, durch die das graue Licht in alle Richtungen gebrochen wurde und silbrige Reflexe gegen die Wand warf; die Öffnung in der Kuppel, die sonst den Lichtstrahl wie den Zeiger einer riesigen Sonnenuhr einließ, war zum Bildhauer, dieser Säule geworden, in der alle Säulen der Stadt zusammenflossen. Wenn Blitze aufzuckten, huschten, vom Wasser zerstreut, gelbblaue Lichtflecke durch den ganzen Raum; plötzlich dröhnte ein Donnerschlag, der direkt über der Kuppelöffnung zu erklingen schien, und ich hatte das Gefühl, als schwanke der Fußboden, über den die Wassersäule zu allen Seiten ablief; dann verdünnte die Säule sich, wurde durchsichtiger, verflatterte zu fast zählbaren grauen Tropfen, die glitzernd zu Boden schwebten, bis das, was Säule gewesen war, nur noch einem bewegten, silbern schimmernden Spinnengewebe vor dem Glanz des Gewölbes glich. Zusehends hellte der Raum sich auf, dann fingerte ein erster, schüchterner Strahl durch die Öffnung; neben mir standen ein paar junge Amerikaner in Shorts, T-Shirts und Jogging-Schuhen, die wie alle anderen in der Kuppel dem Schauspiel stumm und staunend zugesehen hatten, aber dem Wiedereintritt der Sonne spendeten sie nun lautstarken Applaus, und auch ich klatschte in die Hände, bis plötzlich der Raum vom Beifall derer widerhallte, die in ihm versammelt waren; wir blickten lächelnd und etwas verlegen in die Runde und liefen dann auseinander.*
Nach dem Regen kam sofort wieder die Sonne zurück. Vor der Öffnung der Kuppel sieht man das Tageslicht in den Nachzüglertröpfchen gestreut. Die Schwerkraft scheint nur eine eingeschränkte Wirkung auf die Winzlinge zu haben. Jedenfalls lassen sie sich Zeit mit ihrem Fall zur Erde. Da das an den Tropfen gestreute Tageslicht blau ist sehen wir es auch blau. Zumindest an den Stellen denen die Intensität des Lichts vergleichsweise gering ist. Die im Vergleich zum Schummerlicht im Gebäude große Intensität in der Mitte der Öffnung führt nicht nur für unsere Augen, sondern auch für die Kamera zur Überstrahlung der wahren Farbe (Irradiation, Blooming), so dass wir dort nur noch weiß wahrnehmen können.
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* Klaus Modick. Das Licht in den Steinen. Frankfurt 1995. S. 187f

Es lassen sich viele Sorten von Schatten herstellen, ausgedehnte Schatten und weniger ausgedehnte, dichte und weniger dichte, dauerhafte und weniger dauerhafte. Art und Form des Schattens hängen in jedem Fall ausschließlich von Beschaffenheit und Form des Gegenstands ab, der ihn verursacht.*
So schön Malerba die verschiedenen Schatten beschreibt. Er irrt jedoch mit der Aussage im zweiten Satz. Es gibt, wie unser Foto eindrucksvoll zeigt, auch Sitiationen, in denen die Form des Schattens überhaupt nicht von verursachenden Gegenstand abhängt, sondern einzig und allein von der Form der Lichtquelle, in diesem Fall der Sonne. Wer sich für die näheren Umstände solcher „Schattentaler“ interessiert, sei auf einen früheren Beitrag verwiesen, in dem ich dieses Foto erklärte.
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* Luigi Malerba. Wahrhafte Gespenster. Frankfurt 1995, S. 21

Der Abend loderte noch still mit breiter schon gedämpfter Glut und silbernen Wolkenflammen (war aber zu faul zum Figurenlesen).*
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Arno Schmidt. Schwarze Spiegel. Berlin; 1990. S. 400
Als die Sonne dort versank, wohin unser Kurs uns führte, ging ich aufs Achterdeck und starrte auf die Spur des Kielwassers, die bis zum Horizont zu reichen schien, hinter dem Deutschland im Abenddunst versunken war. Die weiß schäumende Spur verlor sich in der Weite und entstand zugleich ununterbrochen aufs neue, solange das Schiff fahren würde. Das war banal und kam mir dennoch auf fast feierliche Weise bedeutsam vor, weil auch unser Leben solche Muster wirft. Und du, mein Schatz, bleibst hier.*
Wie weit mag der Horizont wirklich entfernt sein? Auch hier lasse ich wieder den Dichter sprechen: In „Sommermeteor“ von Arno Schmidt antwortet ein Geograf auf die Frage, „wie weit man denn im Allgemeinen so sehen (kann). Ich meine die Erde einmal als glatte Kugel vorausgesetzt“: „Nichts leichter als das … Sie ziehen die Wurzel aus Ihrer Höhe in Metern und nehmen sie mit 3,5 mal.“** Ich schätze mal, dass die Höhe auf diesem Schiff 4 Meter über dem Wasser liegt. Dann ergibt sich für die Entfernung des Horizonts gerade einmal 7 Kilometer. Die Abschätzung zeigt, wie ernüchternd klein der Bereich ist, den wir auf dem Meer überblicken. Deutschland wird also nicht im Abenddunst verschwunden sein, sondern hinter der durch die Kugelgestalt der Erde bedingten Krümmung der Wasserfläche.
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* Klaus Modick. Die Schatten der Ideen. München 2010. S. 111
** Arno Schmidt. Sommermeteor. In: 23 Kurzgeschichten. Frankfurt 1969. S.: 120f.

Und Alberta hatte gesagt: Ach weißt du, Doppelleben, das ist so alt wie die Welt.
Darauf hatte Nadan gesagt: Stell dir vor, du nimmst zwei Steine und wirfst sie ins Wasser. Wo sie reinfallen, bilden sich kleine Kreise. Um die Mitte herum.
– Und? Hatte Alberta gesagt.
– Und dann größere und immer größere, lauter konzentrische Kreise.
Alberta hatte nicht verstanden, was er sagen wollte, aber sie mochte gern, wie konzentriert er dabei aussah.
– Nun, hatte Nadan gesagt: Und dann überschneiden sich die. Manche mehr, manche weniger.
Er schien das für eine ausreichende Begründung dafür zu halten, warum er über Doppelleben nachdachte.*
Eine physikalische Bemerkung sei mir in diesem Zusammenhang gestattet. Die Überlagerung der Ringwellen (freie Superposition) ist nicht besonders nachhaltig. Denn die Wellen beeinflussen sich in der Begegnung nicht. Hinterher ist es so, als hätte es diese Begegnung gar nicht gegeben. Ob Nadan das bewusst war?
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* Birgit Vanderbeke. Alberta empfängt einen Liebhaber. Frankfurt 2007. S. 75.

Während ich persönlich ja finde, dass Tulpen sehr wohl reimen. Das eine Blatt wächst dahin, das andere dorthin. Ihre Formen halten ein Zwiegespräch. Es herrscht Symmetrie. Es gibt in der Mitte den Stängel, es gibt das Spiegelbildliche. Ganz ohne Frage reimen sich Tulpen. Die Natur steckt überhaupt voller Reime.*
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* Nicholson Baker. Der Anthologist, München 2010. S. 83

…jedenfalls wenn man sich klarmacht, dass am heutigen 14.3, englisch geschrieben: 3.14, das Pi (π) gefeiert wird. Man kann das Feiern auch lassen, aber dadurch entzieht man sich der weltumspannenden Bedeutung von Pi nicht. Doch wer kennt schon die Zahl Pi? Okay, die ersten drei Ziffern, mag der eine oder die andere mit unangenehmen Nebengefühlen erinnern. Aber schon wenn man einige Stellen mehr aufschreibt kommt man schnell an seine Grenzen, denn die Zahl der Ziffern ist grenzenlos.
In einer meiner früheren Veranstaltungen – lange ist es her – schrieb ich bei gegebenem Anlass kommentarlos die Zahl:
3,141526835
an die Tafel. Sofort raunte es in der Runde: „Pi“. Nein, das ist nicht Pi, es sind nicht einmal die korrekten ersten zehn Ziffern, die lauten nämlich:
3,141526535.
Wer kennt sich da schon so genau aus? Die Schriftstellerin Ulrike Draesner schreibt in Ihrem Roman: Vorliebe zu Pi:
Da half nur π. Stellen 1 – 752. Den offiziellen π-Weltrekord hielt ein Chinese. Intensives Zahlenverhältnis. Sie würde ins Guinness-Buch der Rekorde lieber eingehen mit einem Rekord beim Essen. Oder Küssen.
Ganz der falsche Gedanke.
Rasch zwang sie sich zu dem Chinesen zurück. 67890 π-Stellen hatte der Mann am 20. November 2005 in einer Zeit von 24 Stunden und 4 Minuten fehlerfrei aufgesagt. Zahlen hatte sie schon immer gemocht, Zahlen waren endlos, egal, ob real oder imaginär, man erfand sie, schon folgte ihnen die Wirklichkeit. Vor allem aber hingen sie immer zusammen, stets war eine Regel denkbar, die Zahl x an Zahl y band.
π. Endlos, musterlos, schlimmer als der Kosmas, perfekt chaotisch, perfekt rund.*
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Ulrike Draesner. Vorliebe. München 2012, S. 49

Nicht ich schien die Wand zu berühren, sondern aus dem Stein lösten sich feine Teilchen und strömten meiner Hand zu, zogen mich in einen Regelkreis, in dessen pulsierendem Gleichmaß die Grenzen der Dinge mehr und mehr schwanden und einem Zustand Raum gaben, der alle Unterschiede, Konturen und Selbstgewißheiten zu einem chaotisch an- und abschwellenden Rauschen umschmolz.*
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* Klaus Modick. Die Schrift vom Speicher. Frankfurt 1994, S. 74
Da ich mich so schön in der großen Blase spiegelte, zückte ich die Kamera und sah erst später, dass die große Blase mit meinem Selfie wie ein Ball im Arm eines schaumgeborenen affenartigen Wesens aussah.
Das erinnerte mich sofort an zwei Dinge:
Erstens an Venus.
Zweitens an einen Spruch Lichtenbergs:
Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen.*
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* Georg Christoph Lichtenberg. Sudelbücher I. In: Schriften und Briefe. München 1968. S. 394
… im endlosen Blau.
Diese Begegnung findet also gar nicht statt, dachte er, weil ihm tatsächlich zumute war, als hielte er einen Teil seines eigenen Körpers, eine schmale gegliederte Oberfläche, die die Unendlichkeit in sich schloß.*
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* Thomas Lehr. Zweiwasser oder die Bibliothek der Gnade. Berlin 1998, S.18
Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren.*
Ich würde noch gern das Fernrohr, den Strohhalm und die Röhre hinzufügen, in die man zuweilen blickt.
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* Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799). Sudelbücher I. In: Schriften und Briefe. Ersten Band. München 1968. S. 349f (E 35).

Wieder die Blendung durch das absolute Gelb. Wieder der Eindruck, dass sie (die Sonnenblumen) sie ansehen und zu ihr sprechen, alle Köpfe der Blumen auf Mathilde gerichtet sind, die sich nicht mehr rühren kann.
„Eh, was hast du?“, sagt Bénédicte?
„Ist dir nicht schwindelig?“, fragt Mathilde.
„Nein, warum?“
Warum? Sie ist schon erstaunlich, diese Bénédicte, sie spürt nichts und hört nichts. Die Sonnenblumen wie diese da, es ist unmöglich sie zu malen, so schön sind sie, es ist unmöglich sie zu verstehen, so sehr sie auch mit einer aus Millionen von strahlenden Mündern bestehenden Stimme schreien, hat sie sowas schon gesehen?
(…) Mathilde findet es traurig, dass Bénédicte unempfindlich für die Sonnenblumen ist. Das ist beunruhigend.*
* Noelle Châtelet. La Petite aux tournesols. Paris 1999

Und merkt’s euch: der hinterste läuft immer wieder vor den vordersten, damit es aussieht, als wärt ihr ins Quadrat erhoben.*
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Georg Büchner: Leonce und Lena. In: Werke und Briefe. Wiesbaden 1958, S. 139

H. Joachim Schlichting. Spektrum der Wissenschaft 7 (2023), S. 54 – 56
Eine Preisfrage an den Himmel
Georg Christoph Lichtenberg
Die Streuung der Sonnenstrahlung an Luftmolekülen polarisiert das Licht. Das sorgt für verschiedene Phänomene und offenbart sich dem geübten Auge manchmal sogar in Form eines seltsamen Flecks.
An einem klaren, wolkenlosen Tag strahlt der Himmel in einem herrlichen Blau. Das Phänomen erscheint uns selbstverständlich, jedenfalls ist es viel gewöhnlicher als zum Beispiel ein Regenbogen. Dennoch finden auch dabei bemerkenswerte optische Vorgänge statt.
Die blaue Farbe entsteht durch Reflexion des Sonnenlichts an den Molekülen in der Atmosphäre. Je nach Lichteinfall erfolgt das in verschiedene Richtungen, darum spricht man von Streuung. Dieser Effekt ist für kürzere Wellenlängen wesentlich ausgeprägter als für längere (Rayleigh-Streuung). Somit dominieren die Violett- und Blauanteile, und als Mischfarbe ergibt sich das typische Himmelblau.
Darüber hinaus hat die Streuung des Sonnenlichts noch eine meist übersehene Wirkung: Es wird linear polarisiert. Vor dem Auftreffen auf die Luftmoleküle schwingen die elektromagnetischen Lichtwellen in beliebigen Orientierungen, sie sind nicht polarisiert. Von den Gasteilchen wird es dann in einer Vorzugsrichtung ausgesandt. Sie hängt davon ab, woher der Lichtstrahl ursprünglich kommt. Blickt man beispiels- weise abends, wenn die Sonne tief im Westen steht, nach Norden oder Süden, empfängt man von dort Licht, das zu einem großen Teil senkrecht zur Horizontebene polarisiert ist (siehe »Polarisiertes Himmels- licht«). Das kann man mit einer speziellen Folie feststellen, wie es sie in Form entsprechender Filter für Kameras oder in Sonnenbrillen gibt. Sie polarisiert das Licht ebenfalls linear. Wenn man sie passend dreht, verdunkelt sie den Himmel, denn sie lässt nicht dessen Lichtanteile senkrecht zu ihrer eigenen Filterrichtung durch.
Das Phänomen lässt sich sogar ohne technische Hilfsmittel erkennen. Blickt man über einen See, er- scheint der darin reflektierte Himmel in einem gewissen Bereich deutlich verdunkelt. Ähnlich wie bei der Streuung an den Luftmolekülen wird das reflektierte Licht vom Wasser polarisiert, und zwar parallel zu dessen Oberfläche. Dieser Effekt ist bei einem bestimmten Winkel maximal, dem so genannten Brewster-Winkel. Man hat den eigenen Blickwinkel darauf eingestellt, sobald man die dunkle Stelle auf dem Wasser entdeckt hat: Hier sieht man weniger Reflexion vom hellen Himmel und mehr von den dunklen blauen Tiefen des Wassers (siehe »Ausgelöscht«).
Bei dieser Methode, die Polarisation von Licht ohne Folien und anderes Gerät zu erkennen, sollte man sich jedoch klarmachen, dass man hier die Wirkung natürlicher, äußerer Polarisationsfilter ausnutzt, nämlich einerseits durch die Streuung des Sonnenlichts und andererseits durch die Reflexion auf dem Wasser. Polarisiertes Licht direkt wahrzunehmen, scheint dem Menschen verwehrt zu sein – im Unterschied zu einigen Tierarten, die das durchaus können und etwa zur Orientierung nutzen.
Jedenfalls war das meine Meinung, bis ich vor Jahren bei der Lektüre von Tolstois Biografie »Kindheit, Knabenalter, Jünglingsjahre« auf einen interessanten Bericht stieß. Tolstoi schilderte dort die folgende Situation: »Manchmal, wenn ich allein im Salon bin, lasse ich unwillkürlich das Buch sinken; ich schaue durch die offene Balkontür auf die lockigen, herabhängenden Zweige der hohen Birke, auf die sich schon der Abendschatten senkt, und auf den blauen Himmel, an dem, wenn man scharf hinsieht, sich plötzlich ein winziger gelblicher Punkt zeigt und wieder verschwindet.«
Wenn man das Phänomen nicht kennt, wird man die Worte vielleicht als dichterische Überempfindlichkeit deuten und sich nicht wirklich aufgefordert fühlen, selbst einen solchen gelblichen Fleck am Himmel zu suchen. Wie ich selbst erfahren sollte, würde es sich allerdings lohnen, denn es gibt ihn wirklich. Allerdings muss die Anleitung zum Suchen etwas detaillierter ausfallen als in Tolstois Erzählung. Er wird zufällig auf die passende Stelle am Himmel geblickt haben, und ihm ist daher vermutlich gar nicht aufgefallen, dass er in eine Region senkrecht zur Richtung der Sonnen- strahlen geschaut hat, aus der teilweise polarisiertes Licht kommt.
Nachweislich entdeckt wurde der gelbe Fleck zuerst 1844 vom österreichischen Mineralogen Wilhelm Karl Haidinger beim Experimentieren mit polarisierenden Kristallen. In seiner Beschreibung hat der gelbe Fleck eine charakteristische Form und verschwindet als »fliegendes Phantom von gelblicher Farbe« bei länge- rer Fixierung wieder. Es handelt sich um ein entoptisches Phänomen, das heißt es hat seine Ursachen im Augeninneren und kann deswegen nur subjektiv beschrieben und zeichnerisch dargestellt, keinesfalls jedoch fotografiert werden. Für die meisten ist es ein büschelartiges Gebilde mit einem sanduhrförmigen gelben Streifen in der Mitte, der zu beiden Seiten durch bläulich schimmernde Bereiche begrenzt wird (siehe »Haidinger-Büschel«).
Wem es nicht auf Anhieb gelingt, dieses Haidinger- Büschel in der passenden Himmelsregion zu entdecken, kann sich durch eine Art Vorübung präparieren. Dazu sollte sie oder er durch eine polarisierende Folie hindurch auf eine weiße Wand blicken. Da das Phänomen nur kurzzeitig sichtbar bleibt und nach wenigen Sekunden verblasst, empfiehlt es sich, die Folie von Zeit zu Zeit zu drehen. Bei jeder Orientierungsänderung baut sich das gelbe Büschel nämlich neu auf. Mit diesem Training sollte es dann gelingen, die Erscheinung auch am Himmel direkt aufzuspüren. Hat man sie erst einmal wahrgenommen, so sieht man sie immer wieder. Leichtes Hin- und Herbewegen des Kopfes kann die Empfindung erleichtern.

Diejenigen, die den Blick auf ihren Computer jenem zum Himmel vorziehen, müssen nicht auf das Erlebnis verzichten, ihre Polarisationssensitivität zu entdecken. Mit leicht wiegendem Kopf können sie das Haidinger- Büschel auch auf dem Flachbildschirm erscheinen lassen, dessen Licht polarisiert ist. Am besten funktioniert es bei einem weißen Display bei sonst völliger Dunkelheit. Ganz gleich, wo man es sieht, die schein- bare Größe des Bündels entspricht etwa der Breite zweier Finger bei ausgestrecktem Arm. An seinem Zustandekommen ist maßgeblich die Struktur der Fovea oder Sehgrube im Auge beteiligt, der Stelle schärfsten Sehens in der Netzhaut. Sie liegt im Zentrum der Makula, des Bereichs der höchsten Sehrezeptordichte im hinteren Teil der Netzhaut. Dort treffen radial verlaufende Nervenfasern zusammen und wirken wie ein radialsymmetrischer Polarisationsfilter. Die eingelagerten Pigmentmoleküle sind dabei so ausgerichtet, dass sie den Blauanteil des polarisierten Lichts in einer Vorzugsrichtung schwächen. Das lässt das gelbliche Bündel erscheinen. Der von vielen Menschen beobachtete schwache Blauschimmer, der an beiden Seiten senkrecht zum gelben Streifen auftritt, wird durch Simultankontrast provoziert: Blau ist die Komplementärfarbe von Gelb.
Der Mensch kann polarisiertes Licht also durchaus direkt sehen. Anders als in der Tierwelt nutzen wir diese Fähigkeit allerdings nicht automatisch – sondern müssen uns erst einmal bewusst machen, dass wir sie überhaupt besitzen.
QUELLEN
Haidinger, W.: Über das direkte Erkennen des polarisierten Lichts und der Lage der Polarisationsebene. Annalen der Physik und Chemie 63, 1844
Tolstoj, L.: Kindheit, Knabenalter, Jünglingsjahre. Insel, Frankfurt, 1963
Die große Nacht verrichtete ihr Werk und erfüllte allmählich ihre Zeit. Sterne fielen, andere zogen weiter, und der Mond verstrahlte all sein kostbares Silber, wurde langsam rot und sank mit niedergeschlagenen Augen im Westen hinunter.*
Auch wenn der Vollmond im Juni oft als Erdbeermond beschrieben wird, so hat das weniger mit der Rotfärbung beim Auf- und Untergang zu tun. Vielmehr wird damit auf die Reife- und Erntezeit der Erdbeeren im Monat Juni angespielt. Diese hat allerdings wegen des Klimawandels und der Folien- und Treibhauskultur inzwischen bereits einen Monat vorher begonnen.
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* Felix Timmermans. Palieter. Leipzig: Insel 1931, S. 139

Dies war vor vielen Jahren mein Lieblingscafé, am liebsten zu Zeiten, wenn Paris nicht gerade von Touristen überrannt wurde. Abgesehen davon, dass Physik überall ist, kann ich zu diesem Ort nichts Physikalisches beitragen. 😉
Der Himmel war klar, die Luft kalt und wenig bewegt. Auf dem glatten Sand, über den Sperber ging, hatte das sich zurückziehende Meer eine hauchdünne Wasserschicht hinterlassen, auf der sich das Himmelsblau und die wenigen darauf vorüberziehenden Wolken spiegelten, und wie schon einmal war Sperber, als hätte ihn jemand auf den Kopf gestellt und als liefe er zwischen weißen Wolken hindurch über den Himmel. Wie durchsichtig der Boden unter seinen Füßen war! Während Sperber so ging, öffnete sich unter ihm eine grenzenlose Weite, und er sah geradewegs in die Unendlichkeit hinein.*
Wer reflektierend über den reflektierenden Strand in dem Bereich spaziert, der weder eindeutig dem Meer noch dem Land zugerechnet werden kann, erlebt den Himmel nicht nur über, sondern auch unter sich. Mit leicht geneigtem Kopf blickt sie oder er in weiten gespiegelten Raum, ohne befürchten zu müssen abzustürzen. Wenn sich irgendwo das Gefühl der unendlichen Weite einstellt, dann hier auf der dünnen Wasserhaut, die mit jedem Atemzug des Meeres in Form von auslaufenden Wellen immer wieder erneuert wird.
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Anne Weber. Tal der Herrlichkeiten. Frankfurt 2012, S. 214
Was nie geschrieben wurde, lesen, wer möchte das nicht, wer möchte nicht in allem Wahrnehmbaren wie in einem Buch lesen? Jeder Stein, jeder Fuchs, jede Brücke wäre Buchstabe, Silbe oder Wort und es gälte, diese Elemente zu einem Satz, vielleicht zu einer Frage, zusammenzufügen. Vielleicht besaßen wir diese Fähigkeit bis zu einem gewissen Grad, und sie ist uns im Laufe der Jahrtausende abhanden gekommen.*
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* Anne Weber. Besuch bei Zerberus. Fankfurt 2004, S. 65
Zwei Spiegel einander gegenüber:
für den Kurzsichtigen bedeutet es Verwirrung,
für den Weitsichtigen Unendlichkeit.
Arthur Schnitzler[1]
Zwischen zwei parallelen einander gegenüberliegenden Spiegeln findet ein unendlicher „Austausch“ von Spiegelbildern statt: Ein Gegenstand zwischen den Spiegeln wird von beiden Spiegeln gespiegelt aber auch der gespiegelte Gegenstand wird vom jeweils gegenüberliegenden Spiegel gespiegelt und ebenso der gespiegelte gespiegelte Gegenstand und so weiter ad infinitum. Man blickt gewissermaßen in die Unendlichkeit; diese verliert sich allerdings im Grün des Spiegelglases.
„Sie erstaunten auch wirklich beim Eintritte nicht wenig über die ungeheure Gesellschaft, denn Wände und Decke bestanden daselbst aus künstlich geschliffenen Spiegeln, die ihre Gestalten auf einmal ins Unendliche vervielfältigten“. Joseph von Eichendorff (1970, 239) beschreibt hier eine wohl jedem bekannte Situation. Man gerät zwischen zwei Spiegel und blickt in einen unendlich langen Tunnel, in dem die Gegenstände und Menschen undendlich oft gespiegelt werden und man sich selbst unendlich oft gegenübersteht (Abbildung oben). Dazu braucht man heute allerdings keinen Festsaal mehr, ein verspiegelter Fahrstuhl tut es auch (Abbildung Mitte).
Denn wenn das Licht das Spiegelglas durchläuft, bevor es an der metallischen Rückseite reflektiert wird, bleibt ein winziger Bruchteil im Glas stecken. Die Glasscheibe reflektiert das Licht dann abzüglich dieses absorbierten Anteils und erhält dadurch einen geringfügigen Grünschimmer, den man aber bei normalen Scheiben nicht sehen kann. Blickt man jedoch vor die Kante eine Scheibe, so erscheint alles in ein intensives Grün getaucht: Das Licht hat einen sehr großen Glasquerschnitt durchquert und beträchtliche Anteile der Komplementärfarbe von Grün verloren (Abbildung unten links).
Beim Unendlichkeitsspiegel, der aus normal dicken Scheiben besteht, bekommt man den Grünton des Glases trotzdem zu sehen, weil das Licht diese Scheiben immer wieder durchläuft. Dadurch summieren sich nach einer hinreichend großen Zahl von Reflexionen die kurzen Strecken durch das Glas zu einer beträchtlichen Dicke auf und führen schließlich zu der in Abbildung Mitte deutlich zu erkennenden Grüntönung des Lichts.
Wie stark der Einfluss der Absorptionen auf die Farbe des Lichts ist, wurde kürzlich eingehend untersucht (Lee et al. 2004). Die Abbildung unten rechts zeigt die spektrale Intensität des Lichts nach einer (rote Kurve) und nach 50 Reflexionen (grüne Kurve). Während nach einer Reflexion noch alle Wellenlängen fast gleich stark vertreten sind, findet man nach 50 Reflexionen ein deutlich eingeschränktes Spektrum mit einem Maximum bei einer Wellenlänge von 550 nm, die dem grünen Licht entspricht. Es sind also vor allem Lichtanteile im langwelligen und kurzwelligen Bereich absorbiert worden.
Der Reiz solcher Doppelspiegel beruht vor allem auf dem Kontrast zwischen dem Wissen um die Einfachheit der Konstruktion und der sinnlich erfahrenen Komplexität des Blicks: Lediglich die mangelnde Planparallelität der Spiegel und die zunehmende Dunkelheit verhindern, dass man das Unendliche tatsächlich zu Gesicht bekommt.


Die idealerweise unbegrenzte Zahl von Spiegelbildern, die nur durch die Absorptionen im realen Spiegelglas in die endlichen Schranken verwiesen wird, ist über das Phänomen selbst hinaus eine eindrucksvolle Visualisierung dessen, wie man zumindest prozessual das Unendliche im Endlichen denken kann. Es spielt daher in der Metaphorik der Philosophie und Poesie eine wichtige Rolle. So versucht zum Beispiel Friedrich Schlegel (1964, 351) die Problematik zwischen Ich und Welt metaphorisch durch den Doppelspiegel zu fassen: „Wo der Gedanke des Ichs nicht eins ist mit dem Begriffe der Welt, kann man sagen, daß dies reine Denken des Gedankens des Ichs nur zu einem ewigen Sichselbstabspiegeln, zu einer unendlichen Reihe von Spiegelbildern führt, die immer nur dasselbe und nichts Neues enthalten“. Und Harry Mulisch (2005, 44) versucht mit Hilfe dieser Metapher das zueinander reflexive Verhalten zweier Menschen zu erfassen: „Jeder fühlte sich dem andren unterlegen, jeder war Knecht und zugleich Herr, wodurch eine Art von Unendlichkeit entstand, wie zwischen zwei Spiegeln, die sich ineinander spiegelten“.
Literatur
Joseph von Eichendorff. Werke. Bd. 2, München 1970, S. 239.
R. L. Lee et al. Am. J. Phys. 2004, 72 (1), 53.
Friedrich Schlegel. Werke. Kritische Ausgabe. München 1964.
Harry Mulisch. Die Entdeckung des Himmels. Reinbek 2005, S. 44.
Heute feiern einige Leute den Pi-Tag. Nach der amerikanischen Schreibweise lautet das Datum des heutigen Tages 3/14, die ersten drei Ziffern der Zahl Pi, mit der wir im Mathematikunterricht zu tun hatten/haben und – was wohl den wenigsten bewusst ist – für alles Runde in der Welt zuständig ist.
Ein Beispiel sind die Speiseölreste in der Pfanne (Foto), die sich nach Zugabe von Wasser zu fast perfekten Kreisen organisierten, wobei die Perfektion der Rundung mit der Zahl der Nachkommazahlen der Zahl Pi wächst.
Wisława Szymborska hat ihre Gedanken zu Pi in dem folgenden Gedicht zum Ausdruck gebracht.
Die Zahl Pi
Bewundernswert ist die Zahl Pi
drei Komma eins vier eins.
Auch alle Folgeziffern sind nur Anfang,
fünf neun zwei, weil sie nie ein Ende findet.
Sie läßt sich nicht einfangen sechsfünf dreifünf mit einem Blick
acht neun mit einer Berechnung
sieben neun mit der Phantasie,
sogar drei zwei drei acht mit einem Scherz, das heißt Vergleich
vier sechs mit irgend etwas
zwei sechs vier drei in der Welt.
Die längste Schlange der Erde reißt nach ein paar Metern ab.
Ähnlich, zwar etwas später, tun’s die Fabelschlangen.
Der Zug der Ziffern, aus denen die Zahl Pi besteht,
hält nicht am Rande des Zettels an,
er zieht sich über den Tisch hinaus, durch die Lüfte,
durch Mauern, Blätter, Vogelnester, Wolken, stracks zum Himmel,
durch alle Aufgeblasenheit und Bodenlosigkeit des Himmels.
O wie kurz, wie mauskurz ist der Kometenschweif!
Wie schwach der Strahl des Sterns, daß er sich krümmt im erstbesten Raum!
Und hier zwei dreifünfzehn dreihundert neunzehn
meine Fernsprechnummer deine Kragenweite
das Jahr eintausendneunhundertdreiundsiebzig sechster Stock
Einwohnerzahl fünfundsechzig Groschen
der Hüftumfang zwei Finger Scharade und Chiffre,
in welcher mein Nachtigallchen, flieg und sing
ebenso bitte Ruhe bewahren
oder Himmel und Erde vergehn,
nicht die Zahl Pi allerdings, oh, nein, die nicht,
sie hat noch ihre gar nicht üble fünf,
nicht beliebige acht,
nicht letzte sieben,
wenn sie, ach, wenn sie die träge Ewigkeit antreibt
zum Dauern.*
Wer weitere Facetten des Pi-Tags kennenlernen möchte, kann sich u. A. hier und hier und hier und hier und hier informieren.
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* Wisława Szymborska (1923 – 2012). In: Hundert Freuden. Frankfurt am Main, 1986.
Der verschwundene Stern
Es stand ein Sternlein am Himmel,
Ein Sternlein guter Art;
Das tät so lieblich scheinen,
So lieblich und so zart!
Ich wußte seine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Trat abends vor die Schwelle,
Und suchte, bis ich’s fand.
Und blieb denn lange stehen,
Hatt‘ große Freud in mir,
Das Sternlein anzusehen;
Und dankte Gott dafür.
Das Sternlein ist verschwunden;
Ich suche hin und her
Wo ich es sonst gefunden,
Und find es nun nicht mehr.*
An dieses Gedicht von Matthias Claudius wurde ich erinnert, als ich seit dem 4. März, also vor gut einer Woche, vor meinem Fenster erlebte wie sich Jupiter und Venus nahekamen. Danach wurde der Vorhang zugezogen. Der Rest trug sich also zumindest von meiner Warte aus im Verborgenen zu. Jedenfalls gab es von da an keinen Tag, an dem der Himmel frei war. Heute waren die Sternlein verschwunden oder wenn man ihren Charakter als Wandelsterne (Planeten) berücksichtigt, bereits wieder so weit voneinander entfernt, dass man sie kaum noch als Paar ansehen kann. Allenfalls nur deshalb, weil sie in diesem Augenblick die einzigen waren, die sich am Firmament (sic!) sehen ließen.
Soweit die allzu menschlichen Gedanken, die einem dazu einfallen können. In Wirklichkeit hatten sie sich weder genähert, noch gab es irgendeine Unsicherheit, was hinter der Wolkendecke seitdem passierte. In voller Erfüllung der Keplerschen Gesetze haben sie sich (weitgehend) deterministisch verhalten und für jeden Moment war ihre Position rein rechnerisch präsent. Das ist für manche Menschen beruhigend. Am vertrauten Himmel gibt es – zumindest aus der Perspektiv des menschlichen Erlebens – kaum Überraschungen.
Auch wenn ich aus astronomischer Sicht das Verschwinden von Sternen nur mit Planeten, also Wandelsternen, wie man sie damals auch nannte, in Verbindung zu bringen vermag, kamen mir jedoch Zweifel, ob Claudius wirklich an reale Sterne/Planeten gedacht hat. Denn meine Recherchen erbrachten, dass Clemens von Brentano und Achim von Arnim dieses Gedicht unter dem Namen „Christiane“ in „Des Knaben Wunderhorn“ aufgenommen hatten, um damit an Claudius‘ Tochter Christiane zu erinnern, die im Alter von 20 Jahren an Typhus starb. Das legt natürlich eine ganz andere Deutung nahe.
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* Matthias Claudius (1740 – 1815).
Er befindet sich im Dunkelsteiner Wald, tastet mit aufgestellten Lichtern die zurückweichenden und sich wieder aufbäumenden Straßenränder ab, an jeder Kreuzung auf dem brüchigen Fahrdamm rangierend, er wüßte gerne, wohin die Hinweisschilder gekommen sind und wer die wenigen vorhandenen Schilder verdreht hat und wofür das Bezahlen von Steuern gut sein soll, wenn nicht einmal auf die Beschilderung der Straßen Verlaß ist, und ob unter den neuen Herren vielleicht doch alles besser wird, breitere Straßen, hellerer Mond, bessere Orientierung.*
* Arno Geiger. Es geht uns gut. Roman. München 2005, S. 60

Weihnachten! – Welch ein prächtiges Wort! – Immer höher türmt sich der Schnee in den Straßen; immer länger werden die Eiszapfen an den Dachtraufen; immer schwerer tauen am Morgen die gefrorenen Fensterscheiben auf! Ach, in vielen armen Wohnungen tun sie es gar nicht mehr. – Hinter den meisten Fenstern lugen erwartungsvoll Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der weißen Decke des Pflasters ein verlorener Tannenzweig. Es wird viel Goldschaum verkauft, und bedeckte Platten Eisenblech, die vorbeigetragen werden, verbreiten einen wundervollen Duft.*
* Wilhelm Raabe. Die Chronik der Sperlingsgasse.
Die Chronik der Sperlingsgasse
Die Nordmanntanne schimmert bereits umrisshaft durch die Eisscholle hindurch, die ich aus der schmelzenden Eisschicht des bis vor kurzem zugefrorenen Teichs herausbrach. Sobald sie sich verflüssigt hat, wird der Blick frei und ein naturschönes Relikt des vorangegangenen Frosts vergangen sein. Die schöne Tanne wird bald danach ihre Nadeln abwerfen und ebenfalls vergehen.
Dazu fällt mir der Vers aus »Reuters Morgengesang« von Wilhelm Hauff (1802-1827) ein: Ach, wie bald schwindet Schönheit und Gestalt!
Eigentlich hatte ich es bei diesem Foto auf die Wassertropfen abgesehen, bis mir bei genauerem Hinsehen auffiel, dass nicht ganz klar ist, welcher Grashalm den jeweiligen anderen verdeckt, bzw. welche Sachen sich hier überschneiden, stoßen oder ausweichen… Vielleicht spricht Friedrich Schiller (1759 – 1805) ja auch eine solche Situation an, wenn er sagt: „Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;/ Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken,/ Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben;/ Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt“.* Dass sich zwei Objekte nicht gleichzeitig am selben Ort aufhalten können, hat eine tiefe physikalische Wurzel. Letztlich steckt das Pauli-Prinzip dahinter. Aber das wollt ihr jetzt bestimmt nicht weiter ausgeführt bekommen.
* Friedrich Schiller. Wallensteins Tod – 2. Aufzug, 2. Auftritt
FORM UND STOFF
Herr K. betrachtete ein Gemälde, das einigen Gegenständen eine sehr eigenwillige Form verlieh. Er sagte: Einigen Künstlern geht es, wenn sie die Welt betrachten, wie vielen Philosophen. Bei der Bemühung um die Form geht der Stoff verloren. Ich arbeitete einmal bei einem Gärtner. Er händigte mir eine Gartenschere aus und hieß mich einen Lorbeerbaum beschneiden. Der Baum stand in einem Topf und wurde zu Festlichkeiten ausgeliehen. Dazu mußte er die Form einer Kugel haben. Ich begann sogleich mit dem Abschneiden der wilden Triebe, aber wie sehr ich mich auch mühte, die Kugelform zu erreichen, es wollte mir lange nicht gelingen. Einmal hatte ich auf der einen, einmal auf der anderen Seite zu viel weggestutzt. Als es endlich eine Kugel geworden war, war die Kugel sehr klein. Der Gärtner sagte enttäuscht: Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?*
In dieser Herr-Keuner-Geschichte bringt Bertolt Brecht auf poetische Weise zum Ausdruck, dass man durch Idealisierung der Wirklichkeit verlustig gehen kann. Das hat durchaus einige Relevanz für die Physik, denn diese ist auf Idealgestalten gegründet. Das ist ein wesentlicher Aspekt der physikalischen Sehweise und ihres Erfolgs. Aber es sollte niemals vergessen werden, dass damit nur eine von mehreren Perspektiven der Wirklichkeit angesprochen wird. Wenn man diese Idealgestalten stillschweigend voraussetzt und nicht selbst zu einem wichtigen Gegenstand des Nachdenkens über Physik macht, läuft man Gefahr, dass die Physik unverständlich bleibt und vor allem die Laien sich von der Physik abwenden oder sich ihr gar nicht erst zuwenden.
„Je tiefer man übrigens eindringt, je mehr man wegschneidet, je fester man umklammert, was man festhält- das scheinbar Reale-, desto näher findet man sich dem Unverstehbaren, dem In-bezug-auf-den-Menschen-Formlosen; dem Unähnlichen– die Wahrheit hat mit nichts Ähnlichkeit“**.
*Bertolt Brecht. Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt/Main 2004, S. 15
** Paul Valéry. Cahiers 2. Frankfurt 1988

Und ‘ne merkwürdige Ecke ist das ja: heut früh lag hinten, mitten im Waldgras – wo gestern Abend noch nichts gewesen war ! – eine Kugel von einem Fuß Durchmesser. Gelb pampig-schuppig; als Otje mit’m Stock drauf schlug, wuppte es büchsen, und stieß dann eine flache, matt-giftgründe Rundum-Staubwolke aus : „‘n Bovist ! – Jung sollen sie eßbar sein.“ Aber Otje, massiv=verächtlich : „‘Eßbar‘ bist letzten Endes auch – Du. – Falls De nich zu sehr nach Bock schmeckst.“*
An diese Passage Arno Schmidts wurde ich erinnert, als ich das schon ältere Exemplar des Staubpilzes von der Größe eines Fußballs halb unter einer Hecke verdeckt entdeckte. Mich hat vor allem die große Annäherung an die Kugelform beeindruckt, die in der Natur zwar angestrebt, aber nicht immer in dieser Deutlichkeit erreicht wird.
Die Bedeutung der Kugelform in der natürlichen und wissenschaftlich-technischen Welt liegt vor allem darin, dass die Oberfläche im Verhältnis zum Volumen minimal ist. Das spielt in zahlreichen physikalischen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. Beispielsweise tendieren Wassertropfen und Seifenblasen zur Kugel, weil dabei maximal viel Oberflächenenergie an die Umgebung abgegeben werden kann. Die Abgabe von unter den gegebenen Umständen maximal viel Energie an die Umgebung (Entropiesatz bzw. 2. Hauptsatz der Thermodynamik zählt zu den wesentlichen Vorgängen in der Welt.
* Arno Schmidt. Kühe in Halbtrauer. In: Ausgewählt Werke 3. Berlin 1990, S. 49

Früher wurden die Bilder noch über den Umweg – Auge-Gehirn-Hand-Pinsel – gestaltet. Heute sind es Pixel, in ihrer Abstraktheit kaum zu überbieten. Dennoch vertrauen wir ihnen oft mehr als dem Auge von – sagen wir – Leonardo da Vinci. So habe ich die Wüste gesehen, denke ich, wenn ich den hier visualisierten Datensatz vor Augen habe (siehe Foto). Am besten man denkt nicht weiter darüber nach. Oder? Lassen wir noch kurz Ulrike Draesner zu Wort kommen, die sich darüber Gedanken macht:
Lukas stand auf einem Küchenstuhl und preßte mit aller Kraft eine Reißzwecke in die Wand. Sein Daumennagel war ganz weiß, die Fingerkuppe puterrot. Im Institut hatten sie beim Aufräumen ein Poster mit einer Erdaufnahme des Hubble Space Telescope entdeckt. Da niemand es wollte, hängte Lukas es jetzt überm Küchentisch auf.
Aloe hatte einfach getan, als interessiere sie sich plötzlich brennend für Formel I. Sein Versuch, mit ihr zu reden, war fehlgeschlagen.
Kaum nahm Lukas den Daumen von der Wand, fiel die Reißzwecke wieder heraus. Wahrscheinlich steckte ausgerechnet an dieser Stelle ein Stein. Aber er konnte nicht ausweichen, ohne die drei anderen Kartenecken, die er schon angepinnt hatte, auch wieder zu lösen. Lukas stieg vom Stuhl und betrachtete die aus Millionen von Datenbits zusammengepixelte Aufnahme. Eine geradezu mystische Verschmelzung von Präzision und Phantasie. Alle Pixel echt, alle Farben falsch. Bodenschätze, versteckte Stollen, Ölfelder, Brände und Wald. Computerrhododendren sprossen über die Ozeane, durch die Wüsten zogen sich feine schaumige Riffs weißlicher Stürme, um den Nordpol flockte eine Wolke heller Bläschen, die aussahen, als stecke in jeder ein Babyhai, der in seiner Raumfahrerkapsel durch eine gallertige Masse Nahrung trieb. Jede Farbe ein Ausbruch, ein Gefühl, vieldeutig und rätselhaft. Über Mittelamerika saß eine riesige, grünbraun gesprenkelte Schildkröte, in deren Mitte ein roter Fleck leuchtete wie ein zyklopisches Auge. Er mochte diese Mischung von Genauigkeit und Wahn. Sie erinnerte ihn an mittelalterliche Gemälde vom Rand der Welt und seinen fabelhaften Wesen; hier kehrten sie als harte >Fakten< wieder, waren aber eigentlich nichts als eine Folge von Nullen und Einsen, kein einziges Pigment zunächst, kein einziges Element – ganz irrealer Stoff.*
* Ulrike Draesner. Mitgift. München: Luchterhand 2002, S. 129f
Arno Schmidt gehört zu meinen favorisierten Autoren und das nicht nur wegen seiner großen Affinität zu den Naturwissenschaften. Ich habe schon des Öfteren Bezug auf ihn genommen (siehe hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier gebe ich auf; es sind zu viele Stellen). Was mich an Schmidt fasziniert ist vielleicht das Schmidtsche. Und was ist das Schmidtsche? Hier ist eine Antwort: Weiterlesen
Als ich diese lange Allee in einem Park entlang spazierte und im Blätterbaldachin der Laubbäume die winzigen Löcher sah durch die die Sonne hindurch stieß, kam mir der alberne Gedanke, dass Lichttropfen auf den Boden fielen und in runden Flecken auseinanderliefen.
Später las ich ein Buch von Guy Helminger, in dem ich folgenden Satz fand:
Das Licht fiel in kleinen Tropfen zwischen den Blättern hindurch und musterte den Park.*
War der Gedanke also doch nicht so albern?
Physikalisch gesehen handelt es sich um die in diesem Blog schon mehrfach angesprochenen Sonnentaler. Die winzigen Öffnungen im Blätterdach der Bäume wirken wie Lochkameras und bilden die Sonne auf dem weitgehend im Schatten liegenden Boden ab.
* Guy Helminger. Etwas fehlt immer. Erzählungen. Frankfurt 2007. S. 225

Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über ein hügeliges goldgelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin.*
Den Dichtern gönnt man (vielleicht mit Ausnahme von Arno Schmidt) gern einige dichterische Freiheiten bei der Beschreibung naturwissenschaftlicher Phänomene. Dieser Eindruck könnte vielleicht auch in diesem Zitat von Gottfried Keller bei dem einen oder der anderen entstehen. Aber ein solcher Eindruck wäre falsch. Im Gegenteil, ich bin erstaunt wie einfühlsam und zugleich präzise Naturbeschreibungen auch an anderen Stellen in seinen Werken sind.
Der Ich-Erzähler wandelt über goldgelbes Gefilde – vermutlich Sand. Unser visuelles System ist so organisiert ist, dass es dazu tendiert, in einer gegebenen Umgebung die überwiegende Farbe als Weiß wahrzunehmen (Chromatische Adaptation). Das hat in der beschriebenen Situation nicht dazu geführt, das Gelb für Weiß anzusehen, aber vielleicht doch, dass ein etwas ausgeblichenes in Richtung Weiß gehendes Gelb gesehen wird. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die Einschätzung der anderen Farben. Ihr Ton rückt ein wenig in Richtung Komplementärfarbe von Gelb und das ist Blau (chromatische Verschiebung).
In den Schattengebieten wird der wahrgenommene Blauanteil nicht nur infolge der chromatischen Verschiebung angehoben, sondern auch weil hier zusätzlich der blaue Himmel eine indirekte blaue Beleuchtung beisteuert. Allerdings wäre bei genauerer Betrachtung auch noch zu berücksichtigen in welchem Maße der gelbe Untergrund zumindest einen Teil des Blaus absorbiert (Komplementärfarbe).
Das gilt auch in den Schattengebieten, in die kein weißes Sonnenlicht gelangt, sondern nur das Licht des Himmels. Geklärt werden kann aus den Angaben des Dichters allerdings nicht, inwieweit die teilweise Komplementarität von blauem Licht und gelbem Untergrund eine Rolle spielt.
Zusätzlich kommen zum einen Lydias blaue Augen ins Spiel. Wusste oder ahnte Gottfried Keller, dass das Blau der Augen physikalisch eine ähnliche Ursache wie das Himmelblau hat? Zum anderen fehlen auch die blauen Berge nicht, die letztlich auch einen Effekt des Himmelsblaus darstellen.
* Gottfried Keller. Die Leute von Seldwyla. Werke 4. Zürich 1971, S. 65
Die Poesie der Wissenschaft liegt nicht offen zutage. Sie stammt aus tieferen Schichten. Ob die Literatur imstande ist, mit ihr auf gleicher Höhe umzugehen, ist eine offene Frage. Letzten Endes kann es der Welt gleichgültig sein, wo sich die Einbildungskraft der Spezies zeigt, solange sie nur lebendig bleibt. Was die Dichter angeht, so mögen diese Andeutungen zeigen, daß es ohne ihre Kunst nicht geht. Unsichtbar wie ein Isotop, das der Diagnose und der Zeitmessung dient, unauffällig, doch kaum verzichtbar wie ein Spurenelement, ist die Poesie auch dort am Werk, wo niemand sie vermutet. Weiterlesen