
Diese Skulptur (Foto) steht vor dem Osnabrücker Hauptbahnhof. Zunächst dachte ich es handele sich um eine Schienendraisine, wie man sie in früheren Zeiten als vom Menschen betriebene Tretfahrzeuge für Wartungsarbeiten u.Ä. nutzte. Beim genaueren Hinsehen entpuppte sich das Gefährt jedoch als eine Skulptur namens „Homo mobilis“ des Bildhauers Stephan Balkenhol. Auffallend ist die – typisch für Balkenhol – überdimensional große Skulptur des Menschen auf dem fiktiven Gefährt, das einer realen Schienendraisine nachempfunden wurde. Vermutlich soll die Skulptur den Bahnhofsvorplatz aufwerten und als Identifikationspunkt für Reisende dienen.
Mich erinnert das Gefährt an meine Kindheit. In der Nähe eines weitgehend ausgedienten Rangierbahnhofs gab es eine Draisine auf den Schienen, die durch Treten angetrieben werden konnte. Natürlich war es verboten, das Gelände zu betreten. Aber da alles ziemlich verlassen war, brachten wir es mit Hilfe der größeren Kinder fertig, eine Draisine zum Laufen zu bringen.
Da diese Erlebnisse unvergessen sind, spricht mich die Skulptur in ganz besonderer Weise an.
Hier wird die Luft auf indirekte Weise sichtbar gemacht. Das Bild dokumentiert den Moment des viskosen Verästelns: Dort, wo die Luft beim Trennen der Oberflächen in die zähe Farbe einbricht, entstehen diese feinen, baumartigen Verzweigungen – Fraktale. Ein Spiel aus Adhäsion und Viskosität, durch das die chaotische Schönheit natürlicher Wachstumsprozesse direkt aufs Papier gebracht wird.
Dieses Verfahren ist unter der Bezeichnung Décalcomanie als künstlerische Technik schon lange bekannt. Ursprünglich wurde es im 18. Jahrhundert von Simon François Ravenet als industrielles Transferverfahren für Keramik erfunden. Die Surrealisten machten die Technik ab 1936 als Form des künstlerischen Automatismus populär, um nach eigenem Bekunden das Unbewusste ohne rationale Kontrolle darzustellen.
Oscar Domínguez hat die Technik für die moderne Kunst wiederentdeckt und Max Ernst perfektionierte das Verfahren mit Ölfarben. Er bearbeitete die entstandenen Strukturen oft weiter, um fantastische Landschaften zu erschaffen (z. B. in „Europa nach dem Regen“).
Dieses Foto stammt von einem viel zu früh verstorbenen Freund. Ich weiß nicht, was er damit sagen wollte und ob er das Motiv vielleicht „nur“ schön fand. Mir fiel dazu auf Anhieb der bekannte Ausspruch „Gleich und gleich gesellt sich gern“ ein. Damit war aber bei mir eine Lawine losgetreten, die ich im Folgenden umschreiben möchte.
Der Überschrift nach zu urteilen wird im Foto eine Wesensverwandtschaft suggeriert, die bei genauerer Betrachtung der physi(kali)schen Realität und der Symbolik des Bildes nicht gerecht wird.
Der Reif wirkt wie ein Gleichmacher, weil er sowohl den harten, gefährlichen Stacheldraht als auch den fragilen, organischen Spinnfaden mit der gleichen kristallinen Schicht überzieht. Daher ist das „Gleich“ hier rein oberflächlich, denn der Frost maskiert die Identität der Dinge in der perfiden Weise, dass sie identisch erscheinen, obwohl sie zwei Extreme zusammenführen.
Darin liegt die Ironie des Bildes: Als Symbol für Gewalt, Krieg und menschliche Kälte, das geschaffen wurde um aus-, ein- und abzugrenzen und zu verletzen, steht im krassen Widerspruch zu den weichen Reifstacheln, die schon beim leichtesten Hauch vergehen. Als äußerst verletzliche „Wesen“ wirken sie auf dem zum Verletzen gemachten Stacheldraht wie eine extreme Verharmlosung von Gewalt.
Dieser Gegensatz kommt auch in der Haltbarkeit des Drahts zum Ausdruck, der Jahrzehnte übersteht und nur leicht von der Sonne erwärmt den Reif und damit die vermeintliche Gemeinsamkeit dahinschmelzen lässt. Daher ist die Überschrift auch zynisch, weil eine wahre Verwandtschaft (Gleich und Gleich) auch Beständigkeit beinhaltet. Insofern spielt das Bild auch mit einer Romantisierung des Harten, indem suggeriert wird, die Natur (der Reif) würde die Aggression des Menschen (den Draht) auch noch dekorieren.
Der weiche Reif auf dem harten Draht ist also weit davon entfernt eine Wesensverwandtschaft zu sein, sondern stellt eine perfide visuelle Ironie dar. Das „Gleich und Gleich“ ist also eine rein ästhetische Behauptung, die an der physischen Realität scheitert.
Aber vielleicht kann das Bild uns warnen: Nicht alles, was gleich aussieht (glitzernd, weiß, stachelig), hat auch dieselbe Absicht oder Natur.
Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Querschnitt eines gefällten Baumes. Ich schau mir diese Querschnitte durch das vergangene Leben der Bäume gerne an, weil sie teilweise interessante Geschichten erzählen. In diesem Fall handelt es sich um Holz, das allenfalls als Brennholz weiter verwendet wird. Denn es ist von einem Pilz befallen.
Bei besonders schön ausgefallenen Exemplaren wird dieses als Spalting bezeichnete Phänomen zu künstlerischen Zwecken genutzt und hat zu eindrucksvollen Kunstwerken geführt. Ich habe mich dazu in der Vergangenheit mehrfach geäußert (z.B. hier und hier und hier) und wäre darauf nicht erneut zu sprechen gekommen. Allerdings stach mir bei der Betrachtung dieses Exemplars eine Pareidolie in die Augen, die es mir wert erschien, das Foto zu zeigen. Denn das Motiv erinnert mich fern an den armen Poeten von Carl Spitzweg. Vielleicht geht es der einen oder dem anderen ähnlich.
Ein wenig ärgert es mich, weil es einmal mehr zeigt, wie sehr meine Wahrnehmungen (vielleicht ja auch eure?) überwölbt sind vom klassischen Bildungskanon. Oder geht es den Pilzen, die diesen Baum befallen und vermutlich auch zu Fall gebracht haben, vielleicht ganz ähnlich mit der Auswahl ihres Motivs? 😉
Ein ursprüngliches Sehen ist offenbar schwierig.
Eingentlich wollte ich diesen naturschönen Querschnitt durch einen alten Baum (oberes großes Foto) nur zeigen, weil ich vom Charme des zerfallenden Holzes angetan war. Als ich das Bild im kleinen Format oder aus größerer Entfernung sah, mutierte das dunkle Gebilde in der Mitte des Holzes zum Abbild eine Tieres (z.B. eine Katze). Einen Eindruck davon gewinnt man, wenn man das Foto in genügender Verkleinerung sieht, die ich in der unteren Abbildung beifüge.
Die Ursache dafür hat etwas mit unserem Wahrnehmungsvermögen zu tun und wurde in einem früheren Beitrag: Schau nicht so genau hin in einem anderen Zusammenhang skizziert.
Vor einiger Zeit habe ich über eine afrikanische Skulpturengruppe berichtet, die aus drei Figuren besteht, die sich nicht ohne Gewalt voneinander trennen lassen, obwohl sie paarweise unverschlungen sind. Der Verkäufer dieses Kunstobjekts erklärte mir, dass es sich dabei um eine symbolische Darstellung der Einheit in der Verbundenheit handelt. Diese aus einem Holzstamm geschnitzte Figurengruppe würde in einzelne Figuren auseinanderfallen, sobald man auch nur eine Figur entfernen würde.
Darin ist das mathematische Prinzip der borromäischen Ringe verwirklicht, das man schon sehr lange in der Knotentheorie kennt. Vermutlich war dies den afrikanischen Künstlern nicht bewusst. Jedenfalls hat der Verkäufer noch nichts von diesem Zusammenhang mit der mathematischen Knotentheorie gehört, obwohl er ansonsten über diese aus seinem Herkunftsland Ghana stammende Kunst sehr gut bescheid wusste. Beispielsweise erfuhr ich von ihm, dass die Figurengruppe der Nichttrennbarkeit entsprechend aus einem Baumstamm geschnitzt werde, wie man sich leicht veranschaulichen kann, wenn man die im Rahmen ihrer Bewegungsfreiheit beweglichen Figuren aneinander legt, wodurch man den Umriss eines Baumstamms erkennen kann (unteres Foto).
Bei einem neuerlichen Besuch des Geschäfts stellte ich fest, dass neuerdings Figurengruppen angeboten werden, die nicht nur aus drei, sondern aus 4, 5 usw. Figuren bestehen, in denen ein vergleichbares Aufbauprinzip zu erkennen ist. Das obige Foto zeigt eine Realisation mit fünf Elementen.
Ebenso wie die Borromäischen Ringe des Dreiergespanns sind auch diese komplex verschränkten Figuren so beschaffen, dass sie in unverbundene Elemente zerfallen, wenn auch nur eine der (bis auf die Ausstülpungen von Kopf und Beinen) ringförmigen Figuren geöffnet wird.
In aller Allgemeinheit untersucht wurden solche Verkettungen von Herrmann Brunn im Jahr 1892.
Wer Spaß an diesen in gewisser Weise kontraintuitiven Systemen hat, kann sich sowohl die Dreierringe der Borromäischen Ringe als auch die höherzähligen Brunnschen Ringe mit einfachen Mitteln herstellen und versuchen zu verstehen, was passiert wenn man einen Ring öffnet.
Eines ist jedoch klar. Schon die Dreierringe sind nicht mehr durch perfekte Kreise realisierbar. Bei den höherzähligen Ringen wird es noch komplexer und komplizierter. Umso erstaunlicher ist es, dass die Skulpturen sehr harmonisch wirken und die ihnen zugrundeliegende Komplexität erst durch genauere Betrachtung zu entdecken ist.
Was mich an diesen afrikanischen Figuren besonders fasziniert ist die in diesen Figuren geradezu materiell verkörperte Aussage, dass wenn sich nur ein Mitglied aus der Gruppe dieser paarweise unverschlungenen Figuren löste, auch auch alle anderen ihre Verbundenheit verlören.

Diese Szenerie – ein aus Steinen gelegter Kreis, der das Unendlichkeitszeichen umfasst, gefunden am Sandstrand – ist reich an Symbolik und bietet viele Deutungsmöglichkeiten. Sie verbindet Mathematik, Physik, menschliche Kultur und Natur auf eine stille, aber tiefgründige Weise.
Der Kreis ist ein Symbol der Vollständigkeit, der Einheit und oft auch der Begrenzung. Das Unendlichkeitszeichen (∞), das in seinem Inneren liegt, steht dagegen für das Grenzenlose, das Zeitlose, das Ewige. Durch diese Kombination wird angedeutet, dass das Unendliche im Endlichen enthalten ist und der Mensch versucht, das Unendliche durch Symbole, Kunst, Physik etc. zu fassen. Dabei bietet die Natur (Sand, Steine den Rahmen, in dem diese abstrakten Ideen „gelegt“ oder gedacht werden können.
Dass dieses Zeichen aus Steinen gelegt wurde, die gemessen am menschlichen Dasein erdgeschichtlich gesehen selbst eine unvorstellbar lange Entstehungszeit hinter sich haben, deutet auf einen bewussten menschlichen Akt hin – eine stille Geste, ein Ritual, ein Ausdruck. Am Strand, einem Ort, der sich im Laufe der Zeit ständig verändert durch Sonne, Wind, Wasser, und Gezeiten, ist das ein vergängliches Kunstwerk, durch das der Mensch Kultur in die Natur bringt, auch wenn diese Kultur vergänglich ist. Aber durch die Mathematik als universelle Sprache kann sie selbst am einsamsten Ort durch einfache Mittel wie Steine sichtbar gemacht werden. Indem der Mensch Zeichen in den Sand schreibt, versucht er der Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen.
So wird der einsame Strand zum Ort der Begegnung, von Natur (Sand, Steine, Vergänglichkeit), Kultur (Symbole, Bedeutung, Gestaltung) und Mathematik (Kreis, Unendlichkeit, Struktur).

In welche geheimnisvolle Welt der Blick wohl gehen mag, wenn wir durch diese himmelblauen Schlitze blicken? Und was mögen die Figuren bedeuten, die durch diese Schlitze gebildet werden?
Beim ziellosen Schlendern durch die weihnachtlich geschmückten Straßen habe ich eine Begegnung mit mir selbst und das nicht nur einmal sondern gleich in zwei kuriosen Varianten. In einem Schaufenster steht ein spiegelnd glänzendem Metallkrug, der mich in voller Pracht sowohl von vorne zeigt als auch in einer überaus originellen Kopfstand-Pose. Ja, der Kopf scheint sich wie durch Zauberhand bis zur Unkenntlichkeit in die Länge zu ziehen und in den spiegelbildlich reflektierten Kopf überzugehen.
Der Grund? Der Krug – das glänzende Wunderwerk – ist nicht einfach ein gewöhnlicher Spiegel, sondern ein konkaves Spiegelobjekt, das durch seine gekrümmte Oberfläche die Lichtstrahlen in verschiedene Richtungen lenkt. Der Krug spiegelt mich einmal in einer verzerrten Standardversion und einmal als gewagtes Über-Kopf-Bild, das durch die Umkehrung der Lichtstrahlen entsteht.
Die Lichtstrahlen, die von meinem Kopf (und allen anderen Körperteilen) zum Krug gehen, werden von dessen gewölbter Oberfläche so reflektiert, dass die beiden Bilder entstehen, die sich in humorvollen Weise vereinigen.
Man könnte sagen, dass dieser Krug ein wahrer „Spiegel-Therapeut“ ist, der uns zeigt, dass unsere Köpfe nicht immer nur geradlinig und „normal“ in der Welt stehen müssen. Manchmal darf man sich auch gerne mit seinem kopfstehenden Double auf verkehrte und gedehnte Weise treffen – jedenfalls im Rahmen der optischen Gesetze.
In einem schon arg gebeutelten Wald, in dem viele Bäume abgestorben und zu Boden gefallen sind, haben sich einige von ihnen so ineinander verkeilt, dass dabei so etwas wie ein natürliches Bauwerk entstanden ist. Die Konstruktion ist bombenfest und sieht aus, als wäre sie von unsichtbarer Hand so arrangiert worden. Es ist, als wollten die beteiligten Bäume ihrem Fall durch die entstandene Skulptur so etwas wie eine letzte Grazie verleihen, die über den bloßen Zerfall hinausreicht. Vielleicht nur dadurch, dass ich wie in diesem Fall darauf aufmerksam geworden bin und mir meine Gedanken darüber mache.
Die Perspektive, die sich hier zeigt, ist zugleich eine der Vergänglichkeit und der Beständigkeit. In der Unordnung der fallenden Bäume liegt eine subtile Ordnung. Der Wald selbst, der ständig im Wandel ist, hat diesem zufälligen Ereignis eine ästhetische Form verliehen, die an die Weisheit der Natur erinnert: dass auch das Ende eines Lebens nicht nur einen Niedergang bedeutet, sondern auch den Beginn von etwas Neuem – hier vielleicht in der Form von Struktur und Harmonie. Eine Künstlerin oder ein Künstler hätte es kaum besser ausdrücken können.
Es ist ein Bild des Übergangs, des Loslassens und der Akzeptanz des Vergänglichen, das aber trotzdem eine stille, kraftvolle Präsenz ausstrahlt.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Welt mit den Augen William Turners zu sehen. Die Natur gibt sich reichlich Mühe seine Kunst nachzustellten. Oder war es vielleicht umgekehrt?

Das „Gemälde“ im unteren Bereich der Wand sind Relikte von Lichtkreuzen, die durch die Reflexion von doppeltverglasten Fensterscheiben eines gegenüberliegenden Gebäudes hervorgerufen werden. Die Sonne ist an diesem sonnigen Morgen schon etwas höher gestiegen, sodass die Reflexion gerade noch auf die Wand gelangt. Das Lichtkreuz ist nicht perfekt gelungen, weil der Abstand zwischen den beiden Häuserfronten nicht beonders gut zur Stärke der Scheibendeformation passt, um eine scharfe Abbildung hervorzurufen. Die Luftdruckdifferenz zur Umgebungsluft ist also nicht groß genug (Genaueres findet man in einer früheren Publikation.)
Die Abweichung von der Idealgestalt macht jedoch oft das Rätselhafte solcher Lichtstrukturen aus. Man findet zwar heraus, dass das Phänomen etwas mit Lichtreflexen zu tun hat, aber viel mehr auch nicht. Für manch einen reicht das nicht aus.
Naturschön und ein wenig geheimnisvoll ist das Bild dennoch…

Ich mußte daher bei meiner alten Art verbleiben, die mich nötigt, alle Naturphänomene in einer gewissen Folge der Entwicklung zu betrachten und die Übergänge vor und rückwärts aufmerksam zu begleiten. Denn dadurch gelangte ich ganz allein zur lebendigen Übersicht, aus welcher ein Begriff sich bildet, der sodann in aufsteigender Linie der Idee begegnen wird.*
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* Johann Wolfgang von Goethe. Meteorologie. Wolkengestalt nach Howard: Naturwissenschaftliche Schriften II. Berliner Ausgabe Bd. 24 / Züricher Ausgabe Bd. 17, S. 649

Als ich an diesem Abend aus dem Fenster blickte, um noch etwas vom Sonnenuntergang mitzubekommen, war mir als blickte ich auf ein Gemälde. Die Kondensstreifen hatten den Himmel fast nach Art von Lyonel Feiniger in einzelne Parzellen zerlegt und fast alle Spektralfarben traten in zarter Andeutung auf.
Die alten Griechen entdeckten Phi (Φ), als sie die Proportionen der Schönheit studierten. Sie nannten es das Goldene Verhältnis, das Verhältnis von etwa 1:1,618. Dieses Verhältnis taucht in vielen Bereichen auf: in der Architektur des Parthenons, in der Spirale von Muscheln, in den Blütenblättern mancher Blume. Phi war für sie nicht nur eine Zahl, sondern eine Brücke zwischen Mathematik und Ästhetik.
Mathematisch ist Phi faszinierend einfach und zugleich geheimnisvoll. Wenn man einen Abschnitt in zwei Teile teilt – so, dass das Verhältnis des gesamten Abschnitts zum längeren Teil gleich dem Verhältnis des längeren Teils zum kürzeren ist – erhält man Phi. Diese Gleichung führt zu einer irrationalen Zahl:
Φ=(1+sqrt (5))/2.
Sie ist irrational, weil ihre Dezimalstellen niemals enden oder sich wiederholen. Und doch ordnet sie die Welt oft auf geheimnisvolle Weise.
Die Mathematiker der Renaissance wie Luca Pacioli und Leonardo da Vinci verehrten Phi als göttlich. Leonardo da Vinci nutzte es, um die Proportionen des menschlichen Körpers in seinen Zeichnungen wie dem „Vitruvianischen Menschen“ darzustellen. Sie glaubten, dass Phi ein Schlüssel zur universellen Ordnung sei.
Doch Phi ist nicht nur ein Symbol der Harmonie. Es hat auch einen Platz in der chaotischen Welt der Fibonacci-Zahlen, einer Zahlenfolge, bei der jede Zahl die Summe der beiden vorhergehenden ist: 1,1,2,3,5,8,13,… Wenn man die benachbarten Zahlen in dieser Folge teilt, nähert sich das Ergebnis immer mehr Phi an – eine Verbindung zwischen Ordnung und Chaos.
Selbst in der modernen Welt bleibt Phi ein Mysterium. Es taucht in den Spiralen von Galaxien, den Verhältnissen in DNA-Molekülen und sogar in der Struktur von Finanzmärkten auf. Manche glauben, dass Phi nicht nur eine mathematische Kuriosität, sondern ein Fingerabdruck der Natur ist – ein Hinweis darauf, dass hinter der Komplexität des Universums eine verborgene Ordnung liegt.
Phi, die irrationalste aller Zahlen, erinnert uns daran, dass Schönheit und Chaos oft Hand in Hand gehen. Und dass selbst in der Welt der Mathematik eine Zahl nicht nur eine Zahl ist – sie ist ein Geheimnis, eine Geschichte und vielleicht der Schlüssel zu etwas Größerem.

Dieser Teich lässt tief blicken, weil der reflektierte Himmel in der Spiegelwelt liegt, die sich so weit unter der Wasseroberfläche befindet wie der wahre Himmel darüber. Da nur ein Bruchteil des einfallenden Lichts gespiegelt wird, hat man auch nicht das Problem, die Augen durch das Sonnenlicht zu gefährden und kann alles in Ruhe betrachten. Zum Beispiel die farbigen Wolkenränder. Die Überlagerung von wahrer und virtueller Welt macht den Anblick auch noch zu einer Art Kunstwerk.
Der Klatschmohn hatte uns in diesem Jahr reichlich in allen Phasen seiner Entwicklung von der anfänglichen Neigung der Blütenknospen nach unten über die aufgerichteten offenen Blüten nach oben begeleitet. Jetzt sieht man die ebenfalls naturschönen Kapseln mit ihren Samen, die ich gerade fürs nächste Jahr sammle.
In Anlehnung an die Mondphasen möchte ich hiermit noch eine nächtliche Mohnphase ergänzen, die symbolisch ihre Samen auf die Reise schickt.

Manchmal ist die ästhetische Wirkung, die von der Abstraktion natürlicher Gegenstände ausgeht, größer als wenn man sie unverändert lässt. Das ist zum Beispiel in diesem Foto des Negativs eines Schwarzweißfotos einer von oben fotografierten jungen Palme gegeben. Die Pflanze wird auf diese Weise zumindest eines Teils ihrer realen Bezüge und Konnotationen beraubt und der Blick mehr auf die zurückbleibenden grafischen Elemente fokussiert.

Von einer frustrierenden, weil mit Zugausfällen und Verspätungen geprägten Rückfahrt von einem an sich erfreulichen Event läuft der Zug bei bereits tiefstehender schon dunkelgelb gefärbten Sonne in den heimatlichen Bahnhof ein. Ich stehe bereits ungeduldig an der Tür, um möglicherweise noch ein Anschlussverkehrsmittel erreichen zu können und sehe die von Graffiti bemalte Wand noch ziemlich schnell vorüberziehen. Allerdings laufen einige Lichtkreuze mit derselben Geschwindigkeit wie unser Zug über die vielen Kunstwerke hinweg.
Es sind dies die gelben etwas in die Länge gezogenen gelben Kreuze, die im linken Bereich zu sehen sind. Sie werden von den Zugfenstern hervorgerufen, die das Licht der tiefstehenden Sonne auf die Wand projizieren. Man erahnt mehr als man es im oberen Drittel des Fotos sieht, dass die Dämmerung für gelbe Farbtöne sorgt.
Warum die Reflexe der Fenster nicht von exakt der Form der Fenster sind, sondern ein Kreuz bilden, habe ich bereits an mehreren Stellen in diesem Blog erklärt und verweise hiermit auf eine solche.
Obwohl wegen der noch relativ hohen Geschwindigkeit des Zuges die Aufnahme nicht ganz scharf ist, erkennt man, dass hier zwei verschiedene Muster von künstlerischen Äußerungen an der Wand wettstreiten: die (etwas länger überdauernden) Graffitis und die flüchtigen Reflexe. Kann man sagen, dass sich hier Kunstschönes und Naturschönes (die Reflexion ist ein Naturphänomen) vereinigen und meinen frustrierenden Abschied von der Bahn zu guter Letzt noch etwas aufmöbeln?
Die Nacht hat sich über Versailles gelegt, und die Schatten der barocken teilweise illuminierten Gartenarchitektur wirken nun wie stille Kulissen – Hecken, Brunnen und Statuen verschwimmen im Zwielicht. Dann, ein kurzes Innehalten der Dunkelheit: der Himmel über dem Schlossgarten beginnt zu leuchten.
Am Firmament erscheinen die verschiedensten Figuren, gefolgt von einem silbernen Regen, der langsam über den Grand Canal herabrieselt gefolgt von erstaunlich lang anhaltende Negativbilder der Lichtfiguren. Die Wasseroberfläche spiegelt das Spektakel, als wolle sie den Himmel verdoppeln. Die zahlreichen farbig beleuchteten Fontänen der Springbrunnen sorgen für eine angemessene Erdung dieser losgelösten Lichtfiguren.
Die auf den Treppen sitzenden und auf den Terrassen und entlang der Alleen versammelten Zuschauer blicken gebannt zum Himmel. Ihre Gesichter flackern im Licht der explodierenden Feuerwerkskörper – andächtig, wie vor einem göttlichen Schauspiel. Erstaunlich präzise auf das optische Geschehen abgestimmt erklingt feierliche Musik aus längst vergangenen Zeiten – Lully vielleicht, oder Rameau – während goldene Funkenkaskaden wie königliche Insignien durch die Luft fallen.
Schließlich, ein Finale aus Licht und Donner – der Himmel ein einziges gleißendes Gemälde aus Glanz und Grollen. Und dann: Stille. Nur das Echo vergangener Pracht liegt noch in der Luft, während der Rauch sich langsam über den nächtlichen Garten legt, wie ein Schleier über einem kostbaren Traum.
Ich belasse es bei dieser atmosphärisch-poetischen Beschreibung, denn die physikalischen Hintergründe zum Feuerwerk habe ich an anderen Stellen beschrieben (z.B. hier und hier).

Ein goldener Schimmer liegt über dem weiten Garten hinter dem Schloss von Versailles. Die Sonne, dem Horizont entgegen sinkend, taucht die akkurat geschnittenen Hecken, sprudelnden Springbrunnen und Marmorstatuen in warmes, beinahe melancholisches Licht. Der Himmel färbt sich in sanften Tönen von Apricot, Rosa und Lavendel, während das letzte Tageslicht auf den vergoldeten Verzierungen der Schlossfassade tanzt und sich in den Fensterscheiben spiegelt.
Ein leichter Wind streicht durch die Allee der alten Linden und lässt die Blätter leise rauschen – fast wie ein Flüstern aus der Vergangenheit. In der Ferne erklingt barocke Musik, als hätte sich ein Lautenzupfer oder ein kleiner Hofkonzert-Geist aus dem 18. Jahrhundert hierher verirrt.
Zwischen den geometrisch angelegten Rabatten und den Spiegeln der Wasserbecken scheint die Zeit stillzustehen. Und tatsächlich, vor einem der Springbrunnen hört man einen Hofdamenrock rascheln und das leise Klirren eines Fächers. Der Garten trägt noch immer das Gewicht seiner Geschichte – von königlichen Spaziergängen, höfischen Intrigen und festlichen Nächten unter dem Sternenzelt.
Jetzt, in der Dämmerung, wirkt alles friedlich, fast andächtig. Der Garten, einst Bühne für Prunk und Macht, ist zum Denkmal geworden – ein Ort, an dem die alte Zeit mit jedem Sonnenstrahl noch einmal kurz auflebt, um von uns heutigen, die wir auf den harten Treppen sitzen, für einen Moment atmosphärisch nachempfunden zu werden.
Am Rand des alten Waldwegs, wo die Bäume den Blick auf eine kleine Lichtung freigaben, entdeckte ich eine kleine Holzfigur. Sie stellte eine Eule dar, grob geschnitzt aus einem Baumstamm.
Die Figur stand auf einem Baumstumpf und legte den Gedanken nahe, dass sie selbst aus dem Baum hervorgegangen sei, der hier stand. Es schien, als ob die Eule den Wanderweg überwachte.
Ich fragte mich, wer wohl diese handgefertigte Wächterin des Weges geschnitzt haben könnte und vor allem mit welcher Motivation. Ich stellte mir vor, dass viele andere vor mir an diesem Punkt des Weges gestanden hatten und die Eule mit derselben stillen Neugier betrachtet hatten.
Vielleicht war die Eule ein Zeichen, eine Anregung innezuhalten, sich die Umgebung anzuschauen und den Moment zu erleben. Vielleicht war sie auch ein stiller Gruß an die Wanderer, die in den Wald kamen, sich auf den Weg machten und ihn wieder verließen, ohne jemals wirklich zu verstehen, was er ihnen erzählen wollte.
Nach diesen Überlegungen nickte ich der Holzeule zu und setzte meinen Weg fort. Obwohl aus Holz hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas mitgegeben hätte und sei es nur die Motivation zu dem Foto diese Gedanken niederzuschreiben.
Ich melde mich ab morgen für die nächste Woche ab, um in Paris ein paar blogfreie Tage zu verbringen 🙂

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen am Sandstrand ist die Konstruktion von Objekten an Stellen, die von der Flut überschwemmt werden. Die Feinarbeit überlasse ich dann dem an- und abfließenden Wasser. Meistens ist mein „Kunstwerk“ anschließend nicht wiederzuerkennen. In diesem Fall hatte ich etwas ganz anderes im Sinn. Aber formschön ist es trotzdem.

Durch Zufall entdeckte ich in der unserer Nachbarschaft etwas verborgen diese Skulptur. Ich war zunächst entsetzt, weil ich an eine Entsorgung eines alten Vehikels dachte. Doch als der Ärger in mir hochkam widerriefen die Augen den ursprünglichen Eindruck und identifizierten ein veritables Alltagskunstwerk.
Die durch den Ärger aufgebaute emotionale Energie konnte direkt in Bewunderung und Freude umgemünzt werden. Schaut selbst hin: Das beim oberflächlichen Hinsehen als Schrottmotorrad identifizierte Teil ist mit großer Präzision und künstlerischem Geschick in Originalgröße aus Holz gefertigt. Ob der Künstler es darauf angesehen hat, im Verborgenen zu bleiben?

Diese ästhetisch ansprechende Roststruktur ist natürlicherweise entstanden. Ein Kunststoffbehälter stand auf einer eisernen Unterlage und brachte nach einer längeren Kommunikationszeit zwischen beiden Flächen diese Struktur hervor. Was uns die Natur damit sagen will, steht vermutlich in den Strukturen geschrieben, zumindest für diejenigen, die sie zu entziffern vermögen.
Als ich den 16ten Mai I798. wieder in die untergehende Sonne etwas lange gesehen hatte und nun die Augen nicht bloß schloß, sondern so geschlossen, bald mit der Hand bedeckte bald drückte bald gegen das Zimmer kehrte usw., kurz allerlei Veränderungen machte: so konnte ich fürwahr, den Sonnenbildchen auf der Retina (es waren ihrer mehrere) beinah alle Farben geben. So deutlich und schön hab ich es vorher nie gesehen. Es kömmt jetzt nun darauf an die Umstände alle zu untersuchen, so wird man im Stande sein alle die prismatische Farben nach der Ordnung hervorzubringen.*
Ähnliche Erlebnisse wie Georg Christoph Lichtenberg habe ich selbst auch schon gehabt, zum Beispiel am 5. August 2024 angesichts eines schönen Sonnenuntergangs. Ich sah mehrere blaue Sonnen vor einem hellblauen Himmel, die große Ähnlichkeit mit dem Bild von John Marin aufwiesen. Durch den Blick in Richtung der Sonne und durch schnelles Öffnen und Schließen der Augen traten auch Sonnenbilder in anderen Farben auf bis hin zu einem intensiven Rot oder Gelb..
Was immer Marin im Sinne hatte, als er dies Bild malte, mich erinnert es jedenfalls intensiv an diese schon öfter gemachten Erfahrungen des Simultankontrasts, bei dem ein heller Gegenstand durch intensives Betrachten beim plötzlichen Blick in eine andere Richtung in seiner Komplementärfarbe erscheint. Wahrscheinlich ist es der Intensität der Sonne zu verdanken, dass in diesem Fall mehrere Nachbilder gleichzeitig und – wie beschrieben – in unterschiedlichen Farbgebungen entstehen.
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* Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Sudelbücher II. Carl Hanser Verlag: München 1975, S. 518 (L 2-888)
Dieser Brunnen mit Figur steht in Bruchhausen-Vilsen, einem Flecken im Landkreis Diepholz in Niedersachsen. Der Künstler Robert Enders hat 1991 hier eine Bronzeskulptur geschaffen: Die Wringerin. Sie soll an das einst blühende Handwerk der Leinenverarbeitung im vorigen Jahrhundert erinnern. Das Wringen ist eine Tätigkeit, die einen wesentlichen Teil des Trocknungsvorgangs nasser Textilien ausmacht. Sie wird heute in größerem Maßstab so gut wie vollständig ersetzt durch die Technik des Schleuderns, die allerdings zum Beispiel von Waschmaschinen übernommen wird, um nasse Textilien so weit wie es mechanisch möglich erscheint, vom anhaftenden Wasser zu befreien. Sieht man einmal von Hunden und anderen Tieren ab, die sich durch Schleudern bzw. Schütteln weitgehend zu trocknen vermögen, können durch körperliche Anstrengung im menschlichen Bereich keine nennenswerten Trocknungserfolge durch Schleudern erreicht werden.
Demgegenüber hat das Wringen im Zusammenhang mit dem Wäschetrocknen eine lange Tradition. Wäschewaschen gehört zu den ältesten Techniken, die den Menschen begleiten seit er sich bekleidet. Lange Zeit wurde die Wäsche per Hand gewaschen und dann an der Luft getrocknet. Dabei wird die Verdunstung des Wassers durch trockene Luft ausgenutzt. Dieser Prozess ist jedoch relativ langwierig und die Menschen waren von jeher darauf bedacht, ihn zu beschleunigen.
Da ein Teil der des Wassers in den nassen Textilien relativ „locker“ sitzt, wird die Schwerkraft dafür sorgen, dass das Wasser zu größeren Einheiten zusammenläuft, die schließlich beim Überschreiten einer bestimmten Größe das Gewebe verlassen und abtropfen. Aber auch dieser Prozess dauert lange. Daher haben sich die Menschen von jeher Verfahren ausgedacht, diesen Prozess zu beschleunigen. Ein sehr einfaches Verfahren ist das Wringen, wobei die nassen Wäschestücke zu einer Spirale aufgedreht werden. Da die Gewebefasern nicht (beliebig) verlängert werden können, müssen sie infolgedessen mit einem kleineren Raum auskommen. Das im Gewebe enthaltene Wasser kann allerdings nicht auf dieselbe Weise auf einen kleinen Raum beschränkt werden, weil es inkompressibel ist. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als das Gewebe zu verlassen und abzutropfen.
Wer schon einmal zusammen mit einer anderen Person – jeder an einem Ende – ein größeres Wäschestück ausgewrungen hat, erfährt nicht nur, wie man vom jeweiligen Partner angezogen wird und diese sich einander annähern. In dem obigen Kunstwerk bedient sich eine junge Frau einer weniger personalintensiven Technik, indem der Partner aus einer festen Wand besteht. Außerdem verstärkt sie die Drehkräfte (Drehmoment) beim Wringen, indem sie die Hebelkräfte eines Stabes ausnutzt.
Ich denke, dass der Künstler bei der Auswahl des dargestellten Moments der Wringarbeit den Beginn des Arbeitstages vor Augen hatte. Am Abend wird die junge Frau vermutlich nicht mehr so fidel und leichtfüßig gewesen sein, wie wir es hier vor Augen haben.
In der Kunsthalle in Emden werden zurzeit Kunstwerke, Bilder und Skulpturen der Künstlerin Leiko Ikemura ausgestellt, die mich teilweise sehr beeindruckt haben. Zumindest für diejenigen, die nicht zu weit von Emden entfernt wohnen oder die sich in der Gegend aufhalten, lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch.
Da ich mich gerade mit den Wahrnehmungsfähigkeiten von Pflanzen und die Abhängigkeit der Menschen von den Pflanzen befasse, zeige ich hier eine Skulptur Ikemuras, die das m.E. auf verblüffend direkte Weise zum Ausdruck bringt.
Bereits Noah hatte völlig vergessen, Pflanzen mit auf seine Arche zu nehmen. Ihm wie den Menschen nach ihm war nicht bewusst, wie abhängig der Mensch und andere Tiere von den Pflanzen sind. Zum Glück ist ja die Geschichte gut ausgegangen.
Erst heute beginnt uns aufgrund naturwissenschaftlicher Untersuchungen und eines intensiveren Kontakts mit Pflanzen zu dämmern, wie „intelligent“ diese Erdenbewohner wirklich sind und in welchen wesentlichen Aspekten sie Tier und Mensch überlegen sind. Sie hatten allerdings auch wesentlich mehr Zeit auf der Erde sich zu entwickeln. Bei den Menschen habe ich eher den Eindruck, dass sie dabei sind, ihre Chancen zu verspielen.
Der Mensch mag sich den Pflanzen gegenüber noch so überlegen fühlen, die Pflanzen haben ihm eines voraus: Sie können ohne Menschen auskommen, vielleicht sogar besser als mit ihm. Der Mensch wäre indes ohne Pflanzen verloren.

In Kunstmuseen erwische ich mich manchmal dabei zu überprüfen, ob zumindest halbwegs realistisch abbildende Gemälde physikalisch stimmig sind, ohne dies als ein wesentliches Kriterium für den künstlerischen Gehalt anzusehen. Ein Beispiel ist das Gemälde „Kakteen und Semaphore 1923“ von Georg Scholz, (einem Maler der Neuen Sachlichkeit), das im Westfälischen Landesmuseum (jetzt: LWL-Museum für Kunst und Kultur) in Münster zu sehen ist und mir durch scheinbare Inkonsistenzen auffiel.
Auf den ersten Blick scheint hier die künstlerische Freiheit über die Darstellung realer Gegebenheiten zu obsiegen. Denn das durch das Fenster einfallende Licht steht auf den ersten Blick im Widerspruch zu den dargestellten Spiegelungen und Schatten.
Fragt man sich jedoch, woher das Licht kommen müsste, um zu den Spiegelungen zu führen, so weisen sie auf ein Sprossenfenster hin, das links von der gemalten Szenerie anzusiedeln wäre. Das wird auch durch die Schatten der Gegenstände unterstützt, die alle ordnungsgemäß in die Gegenrichtung weisen. Bis auf eine Ausnahme: Der Schatten des Blumentopfes in der sichtbaren Fensteröffnung lässt auf die Wirkung des aus dieser Richtung einfallenden Lichts schließen. Alle anderen Gegenstände scheinen jedoch von diesem Licht unberührt zu sein. Über die Ursache kann man nur spekulierten: Entweder war die Intensität des von links einfallenden Lichts tatsächlich wesentlich größer, sodass der Einfluss dieser Fensteröffnung zu vernachlässigen war. Oder Georg Scholz hat es bewusst so gewollt.

Für uns im Verborgenen spielen sich die schönsten Wasserspiele ab, die so kurzfristig in Erscheinung treten, dass wir sie kaum wahrnehmen können. Wir haben zum Glück Wege und Mittel, diese äußerst kurzlebigen Strukturen mit einer Kamera zu fixieren und auf diese indirekte Weise in Ruhe auch das zu betrachten, was nur einen Augenblick existiert.
Verallgemeinernd kann man also sagen, dass uns die Welt der Kurzlebigkeit weitgehend verborgen bleibt. Hier wird einmal mehr das klassische Sichtbarkeitspostulat der Naturforschung widerlegt, wonach die menschlichen Sinne ausreichen, die Natur und den Kosmos zu erkennen.
Das Foto zeigt das visuelle Ergebnis eines mit einer Einwegspritze horizontal streifend auf eine Wasseroberfläche geschossenen Wassertropfens.
Die Teilchen, oder besser die Ingredienzen, aus denen die Teilchen sich dann später bilden sollten, hatten nur eine virtuelle Existenz – jene Art von Existenz, in der man da ist, kann man immerhin schon mal anfangen, sich vorzustellen, man wäre da, um dann zu sehen, was passiert. Uns schien das schon ziemlich viel zu sein, und es war auch sicher schon viel, denn nur wenn du anfängst, virtuell zu existieren, in einem Feld von Wahrscheinlichkeiten zu fluktuieren, dir probeweise ein paar noch ganz hypothetische Energielandungen auszuleihen, kann es dir passieren, das ein oder andere Mal wirklich zu existieren, das heißt, dich um ein wenn auch nur minimales Stückchen Raum-Zeit zu krümmen; so wie es damals einer ständig wachsenden Zahl von Ichweißnichtwas passierte, von unendlich winzigen Teilchen – nennen wir sie Neutrinos, weil das ein so schöner Name ist, aber damals hatte noch niemand eine Ahnung von Neutrinos -, die drunter und drüber in einer brodelnden Brühe schwammen, in einem kochenden Brei von unendlicher Hitze, dick wie ein Leim von unendlicher Dichte, der sich ganz plötzlich aufblähte, in einer so unendlich kurzen Zeit, daß sie noch nichts mit der Zeit zu tun hatte (tatsächlich hatte die Zeit noch gar keine Zeit gehabt, uns zu zeigen, was sie sein würde), und der, indem er sich aufblähte, Raum erzeugte, wo man noch nie von Raum gehört hatte. So expandierte das Universum blitzartig, wuchs im Nu von einem unendlich winzigen Pickel auf der Glätte des Nichts zur Größe eines Protons, dann eines Atoms, dann einer Nadelspitze, eines Stecknadelkopfes, eines Löffels, eines Hutes, eines Regenschirms…*
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* Italo Calvino. Cosmicomics. München 1989. S. 271f
Als ich diese Aufnahme machte, hatte ich das Motiv zunächst aus größerer Entfernung wahrgenommen und darin zwei Personen gesehen (kleines Foto). Aus der Nähe wurde daraus was es ja auch war: Rost. Es zeigt sich dass unter bestimmten Bedingungen eine Struktur umso deutlicher hervortritt, je undeutlicher das Motiv ist. Das ist insbesondere bei Bildern von Personen der Fall. Man kann es dadurch erreichen, dass man einen größeren Abstand wählt oder das Bild verkleinert.
Weitere wahrnehmungstheoretische Hintergründe findet man in einem früheren Beitrag.