Grenzen der Technik (2)

Neulich hatte ich hier die Idee ausgebreitet, kindliches Kleiderchaos durch Einsatz von RFIDs einzudämmen. Das war natürlich nicht ganz ernstgemeint, aber doch irgendwie faszinierend. Es wäre schon praktisch, jedes Kleidungsstück in der Wohnung sofort orten zu können („Die andere Socke? Moment, [klick, klacker, klick, bzw. (im Zeitalter des allgegenwärtigen Smartphones 2018 ergänzt) wisch, antipp, antipp, wisch, tipp] liegt unter dem Sofa…“).

Außerdem – und hier fängt es an unheimlich zu werden – wäre es möglich, bestimmte Kleidungsstücke zu sperren. Alles, was nach dem morgendlichen Anziehen noch im Kleiderschrank ist, darf diesen nicht verlassen. Sobald ein Kleidungsstück aus dem Schrank genommen wird, gibt es einen Alarm. Wenn wegen eines Unglücks neue Kleidung benötigt wird, kann man die ja freischalten. Man könnte natürlich auch einfach den Kleiderschrank abschließen, aber das wäre so archaisch, so brachial, so gar nicht auf der Höhe der Zeit. Und wenn man das schöne RFID-System schonmal hat, wäre man ja blöd, es nicht zu nutzen.

Und wo man das schöne System schonmal am Benutzen ist, könnte man auch gleich Weiterlesen „Grenzen der Technik (2)“

Ohrhörer

Im Zug zur Arbeit. Ich höre das Gezischel aus einem Kopfhörer. Über den Gang sitzt der Typ, vielleicht 2,50m entfernt. Ich kann den Musikstil identifizieren, und wenn mir die Band bekannt wäre, würde ich die auch erkennen. Das Gezischel nervt. Dabei ist es heute noch harmlos, manchmal sind mehrere gleichzeitig zu hören.

Ich frage mich, wie laut der seinen Apparat gedreht hat, damit das bei mir noch so laut ankommt. Ich mache also meinen MP3-Player an und drehe die Lautstärke spaßeshalber so hoch, dass ich das Gezischel genauso laut höre wie das von dem Typ gegenüber. Die Ohrknöpfe liegen dabei offen ca. 50 cm von meinen Ohren entfernt. Normalerweise höre ich mit Lautstärke 15 von möglichen 25, jetzt ist das Ding auf 19. Das ist die Obergrenze dessen, was ich mir bei entsprechender Stimmung überhaupt mal zumute. Meistens nicht lange – in der Regel wird es mir schnell zu laut. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie laut ich das Gerät schalten müsste, damit es in 2,50m Entfernung noch so laut ist, zumal wenn die Ohrknöpfe nicht offen rumliegen sondern in den Ohren stecken. 26? 29? So laut müsste der seine Ohrhörer jetzt haben. Aber warum tut er das? Weiterlesen „Ohrhörer“

… and active moisture vapor transmission

Meine neue Regenjacke von killtec hatte so ein hübsches Hochglanzetikett am Ärmel hängen, wo auf Deutsch und, hm, Englisch draufsteht, was die Jacke alles kann. Zunächst mal ist sie wasserdicht:

killtec Funktionsjacken halten einem extremen Wasserdruck stand und bieten dadurch optimalen Schutz gegen Nässe.

Will ich mit der Jacke tauchen gehen? Ok, der Stoff soll ja nicht gleich durchweichen, wenn es mal ein bisschen windig ist.

killtec funktion [sic!] jackets resist highest distribution pressure and protection in extreme conditions.

Wieso distribution pressure? Gut, LEO hatte das mal als Übersetzung für Wasserdruck, der Eintrag ist aber seit Januar 2006 gelöscht. Aber auf Deutsch bieten die Jacken Schutz, auf Englisch widerstehen sie der protection in extreme conditions. Man darf sich von dem Schutz aber auch nicht vereinnahmen lassen, da muss man standhaft sein und widerstehen.

Dann ist die Jacke atmungsaktiv:

Das Material schützt Sie nicht nur vor Regen, Wind und Kälte, es leitet auch die beim Schwitzen entstehenden Wassermoleküle durch Mikroporen nach außen ab. Kleidung und Körper bleiben angenehm warm und trocken.

Entstehen beim Schwitzen Wassermoleküle? Weiterlesen „… and active moisture vapor transmission“

Laborratten

Ich habe vor einer Weile mal einen Witz gehört: Die Tierversuche sind derart abartig geworden, dass die Laborratten nicht mehr mitmachen. Überlegen sich die Forscher, was nehmen wir denn stattdessen? Sie haben dann beschlossen, Anwälte zu nehmen. Es gibt nichts, was ein Anwalt nicht tut. Zumindest in den USA soll das so sein.

Unter dem Eindruck der Berichterstattung über den Massenmord von Winnenden könnte man sich fragen, ob Journalisten Infotainmentmakler nicht auch geeignet wären (Dank für den genialen Ausdruck an Zwiebelfleisch in einem Kommentar bei Stefan Niggemeier). Das wäre natürlich eine unzulässige Verallgemeinerung. Aber das Geschmeiß, das die Berichterstattung dominiert, wäre sicher keine schlechte Wahl. Ich finde es zum Kotzen, wie sie den Täter beweihräuchern, und alle seine Vorgänger jedesmal wieder mit aufwärmen. Und wie sie die Angehörigen, Freunde, Bekannten der Opfer zum Zweck der angeblich unverzichtbaren detaillierten Berichterstattung gleich nochmal vergewaltigen. Natürlich nur mit den besten Absichten, in unser aller Interesse, und weil Fragenstellen nun mal den Beruf des Journalisten ausmacht.

Genauso zum Kotzen finde ich es allerdings, dass ich selbst überhaupt in der Lage bin, diesen Text zu schreiben. Ich habe bei SPON und anderswo selbst auch reißerische Artikel gelesen. Hätte ich vermeiden können. Sollen. Habe sie aber trotzdem gelesen, irgendwie nicht nicht lesen können. Macht mich das zum Mittäter der Medienmeute? Oder muss man sowas gelesen haben, um angemessen angewidert sein zu können? Bin ich überhaupt besser als die?

Essen ist nur so gut, wie das Geschirr, auf dem es serviert wird

Meine Jüngste hat jetzt einen neuen Teller. Aus Plastik, farbig, mit Bildern von Tieren. Ganz nett. Das gute Stück ist mikrowellentauglich, extra für die Verwendung in der Mikrowelle entwickelt. Beim Erwärmen wird nur die Speise heiß, nicht das Geschirr. Stimmt schon, das ist ganz angenehm. Wir haben andere Plastikteller, die fast so heiß werden wie das Essen drauf. Aber das Ding hat noch mehr interessante Eigenschaften:

Formschön zum stilvollen Servieren – vom Mikrowellenherd direkt auf den Tisch. Von dem EMSA Micro Kindergeschirr schmeckt es nicht wie aufgewärmt – sondern wie frisch gekocht! Und das attraktive Dekor lässt jedem Kind seine Mahlzeit schmecken.

Auf diesem Teller aufgewärmtes Essen schmeckt wie frischgekocht? Dann sollten Großküchen und Warme-Mahlzeiten-Lieferer wie Essen auf Rädern die Anschaffung solchen Geschirrs in Betracht ziehen. Die Kundschaft wäre sicher viel zufriedener als bei den üblichen Alupackungen oder Plastiktabletts mit tellerartigen Vertiefungen. Wer in Betriebskantinen oder Mensen isst wird natürlich keine bunten Tierbilder auf dem Teller wollen, aber über das Design ließe sich mit EMSA sicher noch reden. Für Großabnehmer dürfte sich eine neue Designlinie rechnen.

Natürlich soll die englischsprachige Welt auch bescheidwissen:

Elegantly designed for serving food in style – from the microwave direct onto the table. Served on EMSA Micro tableware for children, food does not taste heated up – but freshly cooked. The attractive décor gives children an appetite for their food.

Man sollte den Leuten die Wörterbücher wegnehmen!

Tragbare Uhr

1437 erfand Heinrich Arnold die Uhrenfeder als Alternative zum bis dahin unverzichtbaren Gewichtsantrieb. Damit wurde es erstmals möglich, tragbare Uhren zu bauen. Die Miniaturisierung setzte ein, und 1510 baute Peter Henlein dann die erste Taschenuhr.

Aber wie sahen die Zwischenschritte aus? Damals lagen mechanische Uhren in Format und Gewicht irgendwo zwischen einer Palette Telefonbücher und einem Kleinlaster und waren in Kirchen oder Rathäusern installiert. Irgendein Uhrmacher wird auf die Idee gekommen sein, kleinere Uhren zu bauen. Er träumte vielleicht von einer Uhr, die in einen Koffer passte. Die Uhrmacherkollegen werden über die absurde Idee gelacht haben. Er ließ sich aber nicht beirren und fing an zu tüfteln. Der erste Prototyp dürfte noch 150 kg gewogen und einen Kleiderschrank zur Unterbringung benötigt haben. Zwei Versionen weiter war er dann vielleicht bei 15 kg und einem mittleren Reisekoffer angelangt.

Die Mover und Shaker der frühen Neuzeit hätten dann so eine Uhr im Gepäck gehabt und konnten noch im letzten Kaff bei bewölktem Himmel oder nachts wissen lassen, wie spät es war. Die ewiggestrigen Sanduhrträger hätten dagegen völlig alt ausgesehen.

Kein Risiko – sei sparen

Da wirbt eine Firma, die Überseeverpackungen für sperrige Güter herstellt, mit dem Slogan No risk – be save. Erstens ist das grammatisch falsch – save ist ein Verb, das Akjektiv wäre safe. Und zweitens bin ich mir nicht sicher, ob die wahrscheinlich gemeinte Aussage „Kein Risiko – gehen Sie (auf Nummer) sicher“ auf Englisch so ausgedrückt gehört. Da hätte man besser jemand mit Englisch als Muttersprache gefragt.

Der Fehler dürfte aber kaum wem auffallen, da bei den typischen Kunden hierzulande auch keine besseren Englischkenntnisse zu erwarten sind. Trotzdem, der Slogan passt nicht zu dem ansonsten sehr professionellen Auftritt der Firma.

Nachtrag vom 9. September 2011:

Mittlerweile haben sie den Text verbessert, jetzt heißt es: No risk – be safe. Das ist zwar immer noch leicht daneben – es geht ja nicht darum, dass der Leser und potentielle Kunde „in Sicherheit“ ist, sondern dass er sichergehen kann, dass sein Versandgut sicher ist und unbeschadet ankommt. Aber immerhin ist es jetzt grammatisch nicht mehr falsch.

Grenzen der Technik

Es erstaunt mich immer wieder, wieviel Kleidungsstücke Kinder in kürzester Zeit verbrauchen können. Meine vierjährige Tochter zum Beispiel hätte kein Problem damit, den gesamten Bestand an frischen Sachen in ihrem Kleiderschrank innerhalb von zwei, drei Tagen zu verbrauchen. Sie hat, wie wohl jeder, ihre Lieblingssachen. Und sie zieht sich gern nach Stimmung an. Die Strumpfhose von gestern ist heute meistens nicht mehr genehm und kann auf keinen Fall angezogen werden. Und zu der neuen passt natürlich der Pullover nicht, also muss ein neuer Pullover her. Dann kratzt das Etikett vom Unterhemd. Außerdem will sie sich verkleiden und zieht dann noch ein Kleidchen über alles drüber. Dann merkt sie, dass es das falsche Kleid ist, weil dieses entweder zu eng ist, oder zu lang oder zu kurz oder die falsche Farbe hat. Also noch ein Kleid. Dann werden beim Händewaschen die Ärmel nass, und der Pullover muss sofort gewechselt werden. Dann kommen die normalen Unglücke dazu, die jedem mal passieren: Beim Essen gekleckert, das Klo nicht rechtzeitig erreicht, die kleine Schwester patscht mit Brei und man kriegt es ab usw.

Sie könnte den ganzen Tag damit verbringen, sich umzuziehen, zu verkleiden, neue Sachen anzuprobieren. Das macht sie überall in der Wohnung, und die ausgezogenen Sachen lässt sie meistens da liegen, wo sie grad ist. Oder sie legt sie ordentlich auf einen Stuhl, in ein Regal, aufs Sofa. Und die kleine Schwester zieht dann mit Triumpfgeheul durch die Wohnung und verstreut alles, was sie erreichen kann, gleichmäßig auf dem verfügbaren Fußboden. Das führt dazu, dass man in der Regel nichts wiederfindet, vor allem nicht dann, wenn es eilig ist.

Die Socken? Keine Ahnung, wo hast Du die denn hingelegt? Weiterlesen „Grenzen der Technik“

Was ist falsch an Feuerstein?

Es gibt immer etwas, das man haben muss, wenn man cool sein will, erfolgreich und auf der Höhe der Zeit. Üblicherweise ist das ein neuartiges Spielzeug technisches Gerät. Man erkennt diese Dinger zuverlässig daran, dass ihre Besitzer sie penetrant zur Schau stellen und dass viele Zeitgenossen sie ebenso penetrant für überflüssig erklären und sich ein paar Jahre später doch welche kaufen.

Im Moment ist das Gerät der Wahl ganz sicher ein Smartphone, gern auch mit Touchscreen. Vor zehn Jahren war es überhaupt irgendein Handy, vor fünfzig Jahren war es vielleicht das Transistorradio, vor hundert Jahren das Telefon oder elektrisches Licht im Haus. Vor fünfhundert Jahren könnte es Peter Henleins Taschenuhr gewesen sein.

Etwa zur selben Zeit kam auch das Buch auf und verdrängte traditionelle Formen der Textablage. Vielen Anwendern fiel die Umstellung von Schriftrolle oder Kodex auf den neuen Standard eher schwer. Wenn man noch weiter zurückschaut, Weiterlesen „Was ist falsch an Feuerstein?“

Sprachliche Grobmotorik

Mir ist neulich der Katalog von Waschbär – der Umweltversand ins Haus geflattert. Kataloge sind eine nie versiegende Quelle sprachlicher Querschläger, also blättere ich sowas immer durch. Waschbär vertreibt unter anderem die Handytasche eWall. Die soll vor Handystrahlen schützen. In einer Bildunterschrift steht da: Das Abschirmgewebe […] reduziert die Einstrahlung auf Sie um ein Vielfaches.

Um ein Vielfaches? Ein Vielfaches wovon? Der nach Abschirmung verbleibenden Resteinstrahlung? Das ist dann allerdings so hintenrum durch die Brust ins Auge geschrieben. Stattdessen hätte man auch direkt schreiben können, was gemeint ist, nämlich auf einen Bruchteil, oder fast auf Null.

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