Im Großen und Ganzen ist die Menschheit widerlich. Im Kleinen geht’s.

Knirschend kühl, Tage im Schnee. Bin mit dem Hund unterwegs. Er würde gern nach Mäuschen buddeln. Aber der Boden ist zu hart. Stattdessen ist das Klacken der vom Baum fallenden Kastanien zu hören, da, wo kein Schnee hinkommt. Kastanien purzeln prinzipiell hinter mir von den Bäumen. Keine Ahnung, warum das so ist, aber ist nun mal so. Kastanien fallen stets hinter mir vom Baum. Und wie selten eine wilde Kastanie meinen Schädel trifft.

Das fröhliche Geschrei der Waldkindergartenkinder, die ihr Winter-Revier abstecken, ihre Tränen, ihr Boxen und Nachtreten. Ihre Angst und Fantasie. Angst und Fantasie tragen die gleiche Schuhgröße.

#

Am nächsten Morgen. Auf dem Kinderspielplatz im Hinterhof der Innenstadt. Wartete ich darauf, dass die Apotheke öffnete. Zwei alte Damen zogen ihre straff angeleinten Köter hinter sich her. Als sie mich sahen, legten sie einen Gang zu.

„Nu kommt jetzt!“

Vermutlich hielten sie mich für einen Drogenabhängigen, der um diese frühe Uhrzeit nichtsnutzig auf der Bank saß und rauchte. Damals rauchte ich noch. Tatsächlich war ich ein Nichtsnutz, der eine Zigarette in Arbeit hatte und darauf wartete, dass die Apotheke aufmachte. Klack. Klack. Die nächste Kastanie zählte. Dann war es 8 Uhr 30.

*

Als ich eine halbe Stunde später aus dem hell erleuchteten Minisupermarkt Palermo trat, gleich um 500 Gramm geriebenen Käse schwerer, tigerte vor dem Spielplatz ein anderer Junkie nervös auf und ab. Ich kannte ihn vom Sehen. Er trug einen langen blonden 90erjahre-Zopf und wohnte immer noch bei seiner Mutter, die ihn gelegentlich in der Stadt vor der großen Hauptsparkasse traf und abkanzelte, so laut, dass jeder Passant es mitkriegte: „Du willst immer nur Geld, Geld, Geld!“, blökte sie ihren 35jährigen Sohn an. „Hast du kein anderes Thema?!“ Andererseits kam man mit dem Thema Geld einigermaßen durch die Tage. Kühle Tage, Dezembertage. Ne ganze Menge Tage.

*

Im Großen und Ganzen ist die Menschheit widerlich. Angeber, Besserwisser, Clubbesitzer. Im Kleinen geht’s. Da lässt sich mit vereinzelten Exemplaren sogar Spaß haben.

*

„Ich bin morgen erst gestorben“, so die Gräfin.

Sie rechnet rückwärts, von der Zukunft aus gesehen. Sie neigt dazu, Sachen zu sagen, wo ich denke: da! Jetzt legt sie sich wieder mit dem Schicksal an! Es geht ans Eingemachte…

In 5 bis 6 Millionen Jahren ist es so soweit: die RICHTIG HEISSE SONNE steigt von oben runter. Worauf ich zum Stift greife: Futter fürs Notizbuch.

*

„Wenn man wüsste, dass man alt wird, richtig alt, also fett über hundert, bei robuster Gesundheit, tja dann… dann müsste man sich nicht so abhetzen mit all seinen Plänen und Wünschen“, sagt sie. „Dann wäre endlich genug Zeit.“

*

In 5 bis 6 Billionen Jahren ist es so soweit: DIE HEISSE SONNE STEIGT HINAB.

Das Bergische Land fasste der Herrgott einst im Schaffensrausch nicht gerade mit Samthandschuhen an – das Land wurde schwerfällig beim bergischen Fingerhakeln geboren. Im Zweikampf mit dem Teufel, im Geschwisterzwist. Wer damals gewonnen hat, ist nicht überliefert. Der eine sagt so, der andere meist so. Wenig Sonne, viel Wasser.

*

Dass Solingen nicht zu den größten 50 Städten Deutschlands zählt, liegt daran, dass Solingen Platz 52 belegt.

*

Gestern unterhielt ich mich mit einem Bekannten meines Bruders, wir trafen uns zufällig auf der Trasse. Er hat mein Buch erst jetzt gelesen, erzählt er, und danach verlieh er es, aber er möchte es sich nicht zurück holen, da will er lieber noch eins kaufen. Und ich hab noch mal 2 Euro verdient. Ich hab zufällig eins dabei, ein Buch, im Rucksack, es sollte eigentlich für meine Schwägerin sein. Hier, nimm, sag ich zum Bekannten meines Bruders. Bezahlt hab ich schon, sagt er. Bei deinem Bruder. Ich wusste nämlich , dass ich dich hier treffe. Ach so, sag ich.

Gut.

Er sagt: „Als ich das Buch gelesen hab, dachte ich, das ist eine ganz andere Stadt als das Solingen, das ich kenne.“ Die Gräfin meinte mal, „wenn ich deine Stories lese, bin ich in einer Großstadt. Nicht in diesem kleinen muffigen Solingen.“ Das kann schon sein. Ich male mir meine Heimat im Schreibmodus größer und städtischer als in Wirklichkeit. Ich will kein Provinzheini sein. Aber in einer echten Großstadt leben? Die Kruste geschnitten? Bloß nicht.

*

Messer- und Rasierklingenmäßig ist Solingen ein industrielles Prunkstück. 90 % aller deutschen Messer, Bestecke und Klingen werden in Solingen gefertigt. An der Wupper und den vielen Bächen haben schon vor 600 Jahren Kotten gestanden und Hammerwerke, angetrieben von Wasserkraft. Klingenstadt, so nennt Solingen sich heute. Eine Weile auch: „Stahlstädtchen“. So wie sich das russische Kosmonautenkaff Swjosdny Gorodok, 40 km vor Moskau, „Sternenstädtchen“ nennt.

Stahlstädtchen, Sternenstädtchen.

*

Als Karlos und ich im Herbst 1986 eine gemeinsame Wohnung bezogen, nervte er mich schon nach wenigen Wochen mit diesem unsäglichen „Städtchen“, wenn er sich abends die Schuhe schnürte und ins Mumms aufbrach, der heißesten Pinte in der City.

„Was ist mit dir?“ fragte er, wenn er die Tür zu meinen Zimmer öffnete. „Kommst du mit ins Städtchen?“

INS STÄDTCHEN! Damit machte er mich wahnsinnig! Ich hätte ihn killen können für diese Verkleinerungsform! Dabei ist Solingen eine Stadt zum gefälligen Abtauchen. Hier leben Menschen, die sich bisweilen jahrelang nicht über den Weg laufen, selbst wenn sie gleich um die Ecke wohnen und 15 Jahre lang jeden Morgen ungefähr zur selben Zeit zur Arbeit fahren und etwa gegen 17 Uhr, 17 Uhr 15 heimkehren. Man bekommt einander nicht zu Gesicht, wenn man es nicht will und der Arbeitgeber auch nicht.

„Mit der verschwiegenen Mentalität der Einheimischen könnte man in einem Mafia-Blättchen werben: Solingen, Ihr gepflegter Alterswohnsitz“, sage ich zur Gräfin. Sie soll sich mal ein paar Gedanken dazu machen. Für Illustrationen.

„Was für Zeitungen und Blättchen lesen die denn bei der Camorra? Woher beziehen die ihre Informationen? Wie sollen die denn von Solingen erfahren?“ fragt sie.

„Aus Kassibern“, sag ich.

*

Es gibt Tage in dieser Stadt, in diesem Leben, da wird man morgens unerfrischt wach und würde sich (am liebsten) auf der Stelle mit der Pump-Gun erschießen. Natürlich mit der Option, tags drauf in alter Frische wieder aufzuwachen, um sich ein weiteres Loch in den Schädel zu pumpen. Damit a Ruh ist.

*

Solingen liegt ungefähr in der Mitte zwischen Köln und Düsseldorf und bedeutet eigentlich „schlammiger Ort“. Kommt von Suhle. Suhlingen. Frau Moll, unsere zweite verstorbene Mischlingshündin, hatte einen hartnäckigsten Verehrer namens Marley, einen gestandenen, ständig verschlammten Deutsch Drahthaar – aber was für ein Gentleman! Nach dem Gassigehen begleitete er Frau Moll bis kurz vor die Haustür und verabschiedete sich mit einem galanten Knurren. An luschigen Sommerabenden putzte er ihr sanft das Öhrchen und heulte ein kleines Wolfsliedchen, während ihm der Schlamm aus der Schnauze tropfte. Alles aus Zuneigung für unsere kleine Frau Moll. Als Gesellschaftsdame war sie sehr populär und hatte nur wenige Termine frei.

*

„Im Großen und Ganzen ist die Menschheit widerlich. Im Kleinen… geht’s.“

 – Die Gräfin –