Nachts geraucht, das Fenster sperrangelweit auf, bei sternenklarer Nacht, fünf Grad unter Null. Dicke Bettdecke übern Kopf gezogen, zweite Oberdecke drüber, wieder eingeschlafen. Gegen halb sechs aufgewacht vom Geknacke und Geknarze der Wandregale und des Computers, so britzekalt ist es im Zimmer. Ich bin eine nordische Rakete, festgefroren an der Abschußrampe, mit elchroten Ohren und Atemwölkchen, groß wie Kohlensäcke.
Als ich das zweite Mal aufwache, ist es acht Uhr durch. Der Wecker hat nicht geklingelt – voll verpennt. Niemand da, weder die Gräfin noch der Hund, nur ein Zettel auf dem Küchentisch: Sind im Schnee spazieren – Viel Glück!
Ohne Kaffee und Semmel zieh ich los. Das Glitzern der Schuhabdrücke im frisch gefallenen Pulverschnee, babyblauer Himmel und Sonnenschein – bei solch einem Wetterchen wäre früher der Kaiser auf Besuch gekommen, die Menschen hätten ihre Mäntel in die Luft geworfen und Hurra gerufen, er lebe hoch! – stattdessen brummt mein Schädel von der ganzen Pennerei.
Den Termin kann ich abheften, wenn kein Wunder passiert.
Ich eile durch den vereisten Park, um den Bus zu erwischen. Fast lege ich mich aufs Maul, kann mich gerade noch fangen, und als ich die Hauptstrasse erreiche, biegt die Linie 95 schon in die Haltebucht ein. Ich rutsche bei Rot über den Fußgängerüberweg, im Zickzack zwischen wütend hupenden Autos hindurch, mich andererseits mit Handzeichen bei Autofahrern bedankend, die vom Gas gehen – so schaff ich es gerade noch zum Bus, auch wenn der Fahrer es gern anders gehabt hätte.
„Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ sagt er eingeschnappt, als die Tür hinter mir schliesst, mit diesem Ziehharmonikageräusch. Ich bin ziemlich aus der Puste und verstehe nicht richtig. Hm?
„Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ wiederholt er.
Erst glaube ich noch, er erlaube sich ein Späßchen, ha ha, der alte Spaßvogel – andererseits, worum geht’s überhaupt? Wie, was soll er jetzt mit mir machen? Er soll mir einen Fahrausweis verkaufen. Das reicht. Ich zieh meine Brieftasche aus der Jacke und will zahlen, aber der Fahrer macht keine Anstalten, mir ein Ticket vom Block zu ziehen oder wenigstens schon mal loszufahren. Er glotzt auf die Strasse, die vor ihm liegt, so wie Busfahrer glotzen, vor ihnen die Panoramascheibe.
„Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ meint er ungerührt und im Ton keinen Deut anders als beim ersten Mal. Als habe er beim Verkehrstraining im Verkehrskindergarten einen 6jährigen Verkehrsteilnehmer vor sich, der gegen eine Vorschrift verstossen hat. Sein stoischer Ton geht mir langsam auf den Sack. Natürlich ist meine Rote-Ampel-Aktion die Ursache. Dass ich verbotswidrig die Strasse überquert habe, um den Bus zu kriegen. Seinen Bus. Das passt ihm nicht. Das moniert er. Das mahnt er an. Ich gucke in eine dämliche, etwas dickliche Fresse, und mir fällt nichts ein. Ausser, dass ich es eilig habe und er langsam mal in die Gänge kommen könnte.
„Was Sie mit mir machen sollen!? Woher soll ich das wissen! Vielleicht die Polizei rufen? Was wollen Sie überhaupt von mir?“
Er blickt mich immer noch nicht an. „Sie sind doch gerade bei Rot über die Strasse gegangen“, beginnt er.
„Ja, und?! Was haben Sie damit zu tun? Was geht Sie das an?“
Endlich schaut er auf. Irritiert. Er ist es gewohnt, 6jährige Buben zu rüffeln, die seinen Bus betreten und zuvor Verkehrszeichen missachtet haben, solche Dinge hat er in seiner Laufbahn viele Male regeln müssen, die Kinder bekamen einen Satz rote Ohren und schämten sich. Und nun stehe ich vor ihm am Führerstand, es ist halb neun morgens, ich bin spät dran und hab elchrote Ohren und schlechte Laune und mein Humor ist flach wie Harry-Brot.
„Sie haben eben bei Rot die Strasse überquert“, beharrt er. „Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen? Die Polizei rufen?“
Der Knabe meint das ernst. Der hat sie nicht mehr alle. Es ist still geworden im Bus, alle Gespräche beendet.
„Die Polizei, ja.. das tun Sie mal“, sage ich und werde laut, „wenn Sie sich unbedingt lächerlich machen wollen. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Der Obmann? Der Blockwart? Was besonderes?“
„Ja“, antwortet er, zu meiner Überraschung.
Auch wenn er äusserlich ruhig wirkt, man kann förmlich zusehen, wie in seinem Innersten gerade ein Riesenflöz Testosteron abgebaut wird.
„SIE glauben, SIE sind was besonderes als Busfahrer??!“ Ich knalle 2 Euro und 20 Cent auf den Münzteller. „Einmal in die Stadt, besonderer Busfahrer!!“
Er wirft einen Blick auf die Münzen.
„Kostet zwei dreissig das Einzelticket.“
Ach so, ja. Fahrpreiserhöhung. Ich zieh wieder die Brieftasche aus der Jacke, fische umständlich Kleingeld heraus. Zehn Cent.
„Dann jetzt einmal in die Stadt!“
Der Fahrer, um die Fünfzig, in meinem Alter also, hochmütige kleine Fresse, hässliche kleine Äuglein, ein kleines Schräubchen in riesiger Maschinenwelt, reisst den Fahrschein vom Block und hält ihn mir angewidert hin.
„Soll ich jetzt die Polizei holen?“ bringt er tatsächlich ein letztes Mal, aber erstmals erschüttert ein Flackern, ein winziges Zittern seine Stimme. Ein Mann, der nie die Gewalt über sich verliert. Ein Mann, der es so genau nimmt, dass er während des spätabendlichen Schneesturms ein 11jähriges Mädel aus dem Bus wirft, weil ihm 20 Cent fehlen für eine einfache Fahrt. Ein Mann, der sofort und unmissverständlich nach der Obrigkeit pfeift, wenn ihm ein Verkehrsrowdy schief kommt. Ein Mann, mit dem Nationalsozialisten schon einmal Staat gemacht haben. Ein Mann, der Bus fährt. Da rechne ich ihm ja schon fast an, dass er sich für was besonderes hält.
Ich zwinkere ihm höhnisch zu und suche mir einen Platz in der Busmitte. Ein paar Schuljungs kichern guttural ins Handy, als ich durch den Gang laufe. Isch schwöre, Alter – voll die Prolls!
Kinder, es herrscht Krieg auf den Busspuren unserer Straßen.
Nachts im Linienverkehr geraucht, das Fenster sperrangelweit auf, bei sternenklarer Nacht, fünf Grad unter Null. Bettdecke übern Kopf gezogen, wieder eingeschlafen. Gegen halb sechs aufgewacht vom Geknacke und Geknarze der Wandregale und des Computers, so britzekalt ist es im Zimmer. Ich bin eine nordische Rakete, festgefroren an der Abschußrampe, mit elchroten Ohren und Atemwölkchen, groß wie Kohlensäcke.
Als ich das zweite Mal aufwache, ist es acht Uhr durch. Der Wecker hat nicht geklingelt – voll verpennt. Niemand da, weder die Gräfin noch der Hund, nur ein Zettel auf dem Küchentisch: Sind im Schnee spazieren – Viel Glück!
Ohne Kaffee und Semmel zieh ich los. Das Glitzern der Schuhabdrücke im frisch gefallenen Pulverschnee, babyblauer Himmel und Sonnenschein – bei solch einem Wetterchen wäre früher der Kaiser auf Besuch gekommen, die Menschen hätten ihre Mäntel in die Luft geworfen und Hurra gerufen, er lebe hoch! – stattdessen brummt mein Schädel von der ganzen Pennerei.
Den Termin kann ich abheften, wenn kein Wunder passiert.
Ich eile durch den vereisten Park, um den Bus zu erwischen. Fast lege ich mich aufs Maul, kann mich gerade noch fangen, und als ich die Hauptstrasse erreiche, biegt die Linie 95 schon in die Haltebucht ein. Ich rutsche bei Rot über den Fußgängerüberweg, im Zickzack zwischen wütend hupenden Autos hindurch, mich andererseits mit Handzeichen bei Autofahrern bedankend, die vom Gas gehen – so schaff ich es gerade noch zum Bus, auch wenn der Fahrer es gern anders gehabt hätte.
„Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ sagt er eingeschnappt, als die Tür hinter mir schliesst, mit diesem Ziehharmonikageräusch. Ich bin ziemlich aus der Puste und verstehe nicht richtig. Hm?
„Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ wiederholt er.
Erst glaube ich noch, er erlaube sich ein Späßchen, ha ha, der alte Spaßvogel – andererseits, worum geht’s überhaupt? Wie, was soll er jetzt mit mir machen? Er soll mir einen Fahrausweis verkaufen. Das reicht. Ich zieh meine Brieftasche aus der Jacke und will zahlen, aber der Fahrer macht keine Anstalten, mir ein Ticket vom Block zu ziehen oder wenigstens schon mal loszufahren. Er glotzt auf die Strasse, die vor ihm liegt, so wie Busfahrer glotzen, vor ihnen die Panoramascheibe.
„Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ meint er ungerührt und im Ton keinen Deut anders als beim ersten Mal. Als habe er beim Verkehrstraining im Verkehrskindergarten einen 6jährigen Verkehrsteilnehmer vor sich, der gegen eine Vorschrift verstossen hat. Sein stoischer Ton geht mir langsam auf den Sack. Natürlich ist meine Rote-Ampel-Aktion die Ursache. Dass ich verbotswidrig die Strasse überquert habe, um den Bus zu kriegen. Seinen Bus. Das passt ihm nicht. Das moniert er. Das mahnt er an. Ich gucke in eine dämliche, etwas dickliche Fresse, und mir fällt nichts ein. Ausser, dass ich es eilig habe und er langsam mal in die Gänge kommen könnte.
„Was Sie mit mir machen sollen!? Woher soll ich das wissen! Vielleicht die Polizei rufen? Was wollen Sie überhaupt von mir?“
Er blickt mich immer noch nicht an. „Sie sind doch gerade bei Rot über die Strasse gegangen“, beginnt er.
„Ja, und?! Was haben Sie damit zu tun? Was geht Sie das an?“
Endlich schaut er auf. Irritiert. Er ist es gewohnt, 6jährige Buben zu rüffeln, die seinen Bus betreten und zuvor Verkehrszeichen missachtet haben, solche Dinge hat er in seiner Laufbahn viele Male regeln müssen, die Kinder bekamen einen Satz rote Ohren und schämten sich. Und nun stehe ich vor ihm am Führerstand, es ist halb neun morgens, ich bin spät dran und hab elchrote Ohren und schlechte Laune und mein Humor ist flach wie Harry-Brot.
„Sie haben eben bei Rot die Strasse überquert“, beharrt er. „Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen? Die Polizei rufen?“
Der Knabe meint das ernst. Der hat sie nicht mehr alle. Es ist still geworden im Bus, alle Gespräche beendet.
„Die Polizei, ja.. das tun Sie mal“, sage ich und werde laut, „wenn Sie sich unbedingt lächerlich machen wollen. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Der Obmann? Der Blockwart? Was besonderes?“
„Ja“, antwortet er, zu meiner Überraschung.
Auch wenn er äusserlich ruhig wirkt, man kann förmlich zusehen, wie in seinem Innersten gerade ein Riesenflöz Testosteron abgebaut wird.
„SIE glauben, SIE sind was besonderes als Busfahrer??!“ Ich knalle 2 Euro und 20 Cent auf den Münzteller. „Einmal in die Stadt, besonderer Busfahrer!!“
Er wirft einen Blick auf die Münzen.
„Kostet zwei dreissig das Einzelticket.“
Ach so, ja. Fahrpreiserhöhung. Ich zieh wieder die Brieftasche aus der Jacke, fische umständlich Kleingeld heraus. Zehn Cent.
„Dann jetzt einmal in die Stadt!“
Der Fahrer, um die Fünfzig, in meinem Alter also, hochmütige kleine Fresse, hässliche kleine Äuglein, ein kleines Schräubchen in riesiger Maschinenwelt, reisst den Fahrschein vom Block und hält ihn mir angewidert hin.
„Soll ich jetzt die Polizei holen?“ bringt er tatsächlich ein letztes Mal, aber erstmals erschüttert ein Flackern, ein winziges Zittern seine Stimme. Ein Mann, der nie die Gewalt über sich verliert. Ein Mann, der es so genau nimmt, dass er während des spätabendlichen Schneesturms ein 11jähriges Mädel aus dem Bus wirft, weil ihm 20 Cent fehlen für eine einfache Fahrt. Ein Mann, der sofort und unmissverständlich nach der Obrigkeit pfeift, wenn ihm ein Verkehrsrowdy schief kommt. Ein Mann, mit dem Nationalsozialisten schon einmal Staat gemacht haben. Ein Mann, der Bus fährt. Da rechne ich ihm ja schon fast an, dass er sich für was besonderes hält.
Ich zwinkere ihm höhnisch zu und suche mir einen Platz in der Busmitte. Ein paar Schuljungs kichern guttural ins Handy, als ich durch den Gang laufe. Isch schwöre, Alter – voll die Prolls die beiden.
Kinder, es herrscht Krieg auf den Straßen