{"id":8544,"date":"2020-09-23T13:41:14","date_gmt":"2020-09-23T11:41:14","guid":{"rendered":"https:\/\/gab.hypotheses.org\/?p=8544"},"modified":"2020-09-23T13:41:14","modified_gmt":"2020-09-23T11:41:14","slug":"readme-txt-the-world-of-children-foreign-cultures-in-nineteenth-century-german-education-and-entertainment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gab.hypotheses.org\/8544","title":{"rendered":"readme.txt: \u201eThe World of Children: Foreign Cultures in Nineteenth-Century German Education and Entertainment\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<p><strong><em>Lesen, Schreiben und Publizieren sind die Essenz von \u201cGeisteswissenschaften als Beruf\u201d. In der Rubrik readme.txt stellen wir die Publikationen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Max Weber Stiftung vor. F\u00fcnf kurze Fragen und Antworten machen Lust aufs Lesen!<\/em><\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In dieser Folge von readme.txt stellt Simone L\u00e4ssig, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Washington, ihren zusammen mit Andreas Wei\u00df herausgegebenen Band \u201eThe World of Children: Foreign Cultures in Nineteenth-Century German Education and Entertainment\u201c vor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-8548 \" src=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2020\/07\/LaessigWorld-319x500.jpg\" alt=\"\" width=\"366\" height=\"574\" srcset=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2020\/07\/LaessigWorld-319x500.jpg 319w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2020\/07\/LaessigWorld-191x300.jpg 191w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2020\/07\/LaessigWorld.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 366px) 100vw, 366px\" \/>Welche Fragen k\u00f6nnen die Leser\/innen Ihres Buches nach der Lekt\u00fcre beantworten?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wenn ich es ganz kurzfasse, dann werden sie erfahren, wie die weite Welt in die Nation kam. Oder pr\u00e4ziser formuliert: Den Leser*innen erschlie\u00dft sich, wie sich das in Kinder- und Jugendmedien verf\u00fcgbare Weltwissen mit fortschreitender Nationalisierung ver\u00e4ndert hat. Wir besch\u00e4ftigen uns damit, welches Wissen \u00fcber die Welt f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung und der darauf folgenden Wissensrevolution verf\u00fcgbar war und wie sich dieses Wissen unter dem Einfluss scheinbar widerstreitender Prozesse \u2013 eines wachsenden Nationalismus und einer forcierten Globalisierung \u2013 ver\u00e4ndert hat. Wie gingen schulische und popul\u00e4re Medien \u00fcberhaupt mit der neuen Vielfalt an Wissen um? Welche Wissensbest\u00e4nde wurden neu aufgenommen in das Reservoir gesellschaftlichen Wissens, das f\u00fcr Kinder konzipiert war und damit als besonders zukunftsf\u00e4hig angesehen wurde, und welche verloren an Relevanz? Wie repr\u00e4sentierten die untersuchten Medien andere Nationen und Kulturen, und in welcher Semantik und welcher narrativen Struktur haben sie Wissen bzw. Bilder \u00fcber diese vermittelt?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Wie haben Kinder im 19. Jahrhundert in Deutschland die Welt au\u00dferhalb der Staatsgrenzen wahrgenommen? Wie kamen sie dazu?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wie sie diese Welt <em>wahrgenommen<\/em> haben, l\u00e4sst sich den Quellen nur selten entnehmen \u2013 schon deshalb, weil junge Menschen die Weltbilder der Erwachsenen h\u00f6chst selten einfach \u00fcbernehmen; in der Regel \u00fcbersetzen sie diese f\u00fcr sich und formen sie so um. Was aber in der Summe der Beitr\u00e4ge Gestalt gewinnt, sind zeittypische Tableaus sozial legitimierten Wissens und Dispositive, die die Vorstellungswelten gr\u00f6\u00dferer Gruppen von Kindern ma\u00dfgeblich beeinflusst haben (k\u00f6nnten). Schulische wie popul\u00e4re Medien haben im ausgehenden 19. Jahrhundert auch Kindern aus der Unterschicht einen wachsenden Fundus an \u201efremdem Wissen\u201c zug\u00e4nglich gemacht. Globale Imaginationen befeuerten die nationale Selbstvergewisserung junger Deutscher, doch waren sie auf interessante Weise noch lange mit vaterl\u00e4ndischen Bez\u00fcgen einerseits und mit imperial-europ\u00e4ischen Perspektiven andererseits verschr\u00e4nkt. \u201eFortschritt\u201c war zusammen mit der europ\u00e4ischen \u201eMission\u201c, neben den Ungebildeten und kulturell Zur\u00fcckgebliebenen im eigenen Land auch fremde V\u00f6lker zu \u201azivilisieren&#8217;, ein weit verbreiteter Gedanke. Dabei wurde die Aufgabe, nicht nur durch Missionierung, sondern auch durch den Import von Rohstoffen, ihre Verarbeitung zu Fertigprodukten und durch den Welthandel mit diesen Waren kulturbildend zu wirken, oft als eine supranationale (europ\u00e4ische) gedeutet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nun zum \u201ewie?\u201c: Eine sehr wichtiger Wissensraum war die Schule. Durch diese inzwischen \u00fcberwiegend staatliche Institution wurden im gesamten, vor allem aber seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert \u2013 wenn auch mit gro\u00dfen Unterschieden zwischen den Schularten \u2013 fast alle sozialen Gruppen mit einem sich stetig erweiternden Arsenal von Wissen und Deutungen konfrontiert. Die Vermehrung der Wissensbest\u00e4nde durch die fortschreitende Entdeckung und Kolonialisierung der Welt wie auch durch neue Medien und Technologien verlangte nach neuen Modi der Sortierung und Normierung dieses Wissens. Dies galt in besonderer Weise f\u00fcr die Schule, die aus didaktischen wie pragmatischen, aus institutionsspezifischen wie politischen Gr\u00fcnden (bis heute) an einer Kanonisierung von Wissen interessiert ist. Es galt aber auch f\u00fcr andere Akteure, R\u00e4ume und Medien, \u00fcber die Wissen zirkulieren und speziell junge Deutsche erreichen konnte \u2013 von Abenteuerromanen, Indianergeschichten und Missionsliteratur \u00fcber Kolonialwarenl\u00e4den, Sammelalben, Zirkusvorstellungen und V\u00f6lkerschauen in Tierg\u00e4rten bis hin zu Ausstellungen, Spielzeug und ersten Filmvorf\u00fchrungen. Das in diesen und \u00e4hnlichen Medien verf\u00fcgbare Wissen kann man durchaus als Lackmustest f\u00fcr Verschiebungen im Wissenshaushalt der Gesellschaft insgesamt verstehen. Das ist es \u00fcbrigens auch, was Kinder und Jugendliche als Untersuchungsgegenstand f\u00fcr Historiker*innen so interessant macht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Was war die \u00fcberraschendste Erkenntnis oder der verbl\u00fcffendste Fund im Entstehungsprozess des Buches?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Nationalisierung der Massen vor dem Ersten Weltkrieg vollzog sich in vielen Bereichen und Medien des Alltags und ging dort oft mit der Exotisierung fremder Welten, Waren und Menschen einher. Das alles ist gut erforscht und zumindest f\u00fcr die Welt der Erwachsenen auch bekannt. \u00dcberraschend aber war vor diesem Hintergrund, dass Schulb\u00fccher mit extrem chauvinistischen, rassistischen und antisemitischen Konnotationen l\u00e4ngst nicht so weit verbreitet waren wie oft angenommen, vor allem nicht in der Volksschule. In Bildungsmedien f\u00fcr die unteren und mittleren Schichten dominierten bis 1914 kultur- und vor allem staatsnationale Vorstellungen, und diese lie\u00dfen wenig Raum f\u00fcr antisemitische Stereotype und v\u00f6lkischen Nationalismus, aber auch f\u00fcr ein umfassendes Wissen von der Welt. Von den vor 1871 f\u00fcr <em>alle<\/em> Schultypen publizierten Lehrb\u00fcchern war ein knappes Viertel auf \u201eWeltgeschichte\u201c ausgerichtet (23%); zwischen 1871 und 1918 waren es nur noch 8%. Volksschullehrpl\u00e4ne wollten den historischen Blick von Lehrern und Sch\u00fclern weiterhin nicht \u00fcber Heimat und Vaterland hinausgehen lassen. Das Weltwissen dieser Kinder d\u00fcrfte deshalb vor allem durch preiswerte Popul\u00e4rliteratur oder neue Formen der Unterhaltung gespeist worden sein. So geformte Deutungsmuster blieben zum Teil \u2013 auch das fanden wir bemerkenswert \u2013 generationen\u00fcbergreifend pr\u00e4sent. Im Buch zeigt das z.B. Glenn Pennys Beitrag zum romantisierten Bild der <em>American Indians<\/em>, das eine langlebige Idealisierung \u201eedler\u201c Wilder und Hierarchisierung au\u00dfereurop\u00e4ischer V\u00f6lker begr\u00fcndete. Nicht f\u00fcr Spezialisten, aber viele Leser \u00fcberraschend d\u00fcrfte auch der von Maik Fiedler analysierte Wandel des Japanbildes in Kinder- und Jugendmedien sein: W\u00e4hrend der asiatische Aufsteiger nach seiner \u00d6ffnung als nat\u00fcrlicher globaler \u201eVerwandter\u201c Deutschlands portr\u00e4tiert wurde, dominierte nach der Jahrhundertwende das Bild des asiatischen und deshalb besonders argw\u00f6hnisch beobachteten Konkurrenten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Von welcher Autorin oder welchem Autor w\u00fcrden Sie sich ein Vorwort w\u00fcnschen?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Roy Rosenzweig, ein Pionier der \u201eDigital History\u201c. Er hat das renommierte, inzwischen nach ihm benannte \u201eCenter for History and New Media\u201c an der George Mason University gegr\u00fcndet, mit dem das DHI Washington \u00fcbrigens auch ein von der Gerda Henkel Stiftung gef\u00f6rdertes Jahresstipendium vergibt. Rosenzweig, der 2007 viel zu fr\u00fch verstorben ist, hat zwar selber noch kaum mit digitalen Werkzeugen zur Erschlie\u00dfung gro\u00dfer Textmengen gearbeitet, aber er hat viel dazu beigetragen, \u201eDigital History\u201c in unserem Fach zu verankern und sie nicht zu einer Nische f\u00fcr Spezialisten werden zu lassen. Genau das wollten wir auch mit dem interdisziplin\u00e4ren Projekt erreichen, auf das dieses Buch zur\u00fcckgeht. Im Zentrum dieses Projekts, in dem Historiker*innen und Literaturwissenschafler*innen mit Informatiker*innen, Informationswissenschaftler*innen und Vertreter*innen der historischen Bildungsforschung zusammengearbeitet haben, stand die Auswertung tausender Schul-, Kinder- und Jugendb\u00fccher. Nicht alle unsere Hoffnungen haben sich erf\u00fcllt, und die interdisziplin\u00e4re Architektur war nicht nur Bereicherung, sondern auch eine veritable Herausforderung. Aber es ist uns doch gelungen, die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen verschiedener methodischer Zug\u00e4nge pr\u00e4ziser auszuloten und auch \u00fcber die digitalen Analysen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ich denke, dass wir mit diesem Vorgehen viel Unterst\u00fctzung von Roy Rosenzweig erfahren h\u00e4tten \u2013 auch wenn, oder gerade weil der Band selber nicht sehr \u201edigital\u201c wirkt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Welche drei Hashtags fassen Ihr Buch am besten zusammen?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>#WeltwissenF\u00fcrKinder , #MedialeKinderwelten , #19.Jahrhundert<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\r\n<p>Simone L\u00e4ssig \/ Andreas Wei\u00df: \u00b4The World of Children: Foreign Cultures in Nineteenth-Century German Education and Entertainment (Studies in German History, Band 24), New York 2019, ISBN \u00a0978-1-78920-278-6<\/p>\r\n<\/blockquote>\r\n<p><a href=\"https:\/\/www.ghi-dc.org\/team\/person?tx_ghidccontacts_show%5Baction%5D=show&amp;tx_ghidccontacts_show%5Bcontact%5D=12&amp;tx_ghidccontacts_show%5Bcontroller%5D=Contact&amp;cHash=ef6d22aba458768d61c8e6af85c3361c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Simone L\u00e4ssig<\/strong><\/a>, seit 2006 W3-Professorin f\u00fcr Neuere und Neueste Geschichte an der TU Braunschweig, leitet seit 2015 das Deutsche Historische Institut (DHI) in Washington, DC. In ihrem ersten Buch, das 1996 mit dem Horst-Springer-Preis der Friedrich-Ebert-Ebert Stiftung ausgezeichnet wurde, hat sie sich mit Wahlrechtsk\u00e4mpfen und Wahlrechtsreformen in Sachsen vor dem Ersten Weltkrieg besch\u00e4ftigt. F\u00fcr ihre Monographie \u201eJ\u00fcdische Wege ins B\u00fcrgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert\u201c (G\u00f6ttingen 2004) verlieh ihr der Verband der Historiker Deutschlands 2004 seinen Preis f\u00fcr die beste geschichtswissenschaftliche Habilitationsschrift der letzten beiden Jahre.<\/p>\r\n<p>Von 2006-2015 leitete Simone L\u00e4ssig das Georg-Eckert-Institut \u2013\u2013 Leibniz-Institut f\u00fcr internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. 2009\/10 war sie Gastprofessorin am St Anthony\u2019s College der Universit\u00e4t Oxford und 2018\/19 Visiting Fellow an der UC Berkeley, wo das DHI Washington 2017 ein Pazifikb\u00fcro er\u00f6ffnet hat. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, speziell in der Wissensgeschichte, der j\u00fcdischen Geschichte und der Migrationsgeschichte. Gegenw\u00e4rtig arbeitet sie an einer Monographie zum Thema \u201e<a href=\"https:\/\/www.ghi-dc.org\/research\/german-european-history\/coping-with-disruptive-change-jews-middle-class-culture-and-social-transformation-in-germany-1800-1860\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Coping with Disruptive Change<\/a>\u201c und an einem Projekt, das sich mit <a href=\"https:\/\/www.ghi-dc.org\/research\/german-european-history\/family-and-enterprise-in-the-age-of-industry\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">transnationalen Biographien<\/a> und der Rolle besch\u00e4ftigt, die verwandtschaftliche Netzwerke f\u00fcr diese gespielt haben<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong><em>Buchverlosung: Wir verlosen zwei Exemplare des Buches unter all denjenigen, die den Beitrag bei <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/maxweberstiftung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong><em>Facebook,\u00a0<\/em><\/strong><\/a><strong><em><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/maxweberstiftung\/?hl=de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram\u00a0<\/a><\/em><\/strong><strong><em>oder\u00a0<\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/twitter.com\/webertweets\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong><em>Twitter\u00a0<\/em><\/strong><\/a><strong><em>liken.<\/em><\/strong><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen, Schreiben und Publizieren sind die Essenz von \u201cGeisteswissenschaften als Beruf\u201d. 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