{"id":4226,"date":"2018-01-25T14:08:40","date_gmt":"2018-01-25T12:08:40","guid":{"rendered":"http:\/\/gab.hypotheses.org\/?p=4226"},"modified":"2018-04-19T15:34:24","modified_gmt":"2018-04-19T13:34:24","slug":"den-geisteswissenschaften-blaest-ein-harscher-wind-entgegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gab.hypotheses.org\/4226","title":{"rendered":"\u201eDen Geisteswissenschaften bl\u00e4st ein harscher Wind entgegen\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Harald Rosenbach \u00fcber politische Einflussnahme auf Wissenschaft<\/h3>\n<p><strong>P\u00fcnktlich zum hundertsten Geburtstag der ber\u00fchmten Rede Max Webers \u201eWissenschaft als Beruf\u201c \u00f6ffnet das Deutsche Historische Institut Washington der Max Weber Stiftung eine Au\u00dfenstelle zur Migrationsforschung \u2013 und das an der unter Beschuss der US-Regierung stehenden liberalen Universit\u00e4t Berkeley.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_4230\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4230\" class=\"wp-image-4230 size-large\" src=\"http:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2018\/01\/Rosenbach_\u00a9-Jennifer-Zumbusch-Max-Weber-Stiftung-500x333.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2018\/01\/Rosenbach_\u00a9-Jennifer-Zumbusch-Max-Weber-Stiftung-500x333.jpg 500w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2018\/01\/Rosenbach_\u00a9-Jennifer-Zumbusch-Max-Weber-Stiftung-300x200.jpg 300w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2018\/01\/Rosenbach_\u00a9-Jennifer-Zumbusch-Max-Weber-Stiftung-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><p id=\"caption-attachment-4230\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Harald Rosenbach, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Max Weber Stiftung \u00a9 Jennifer Zumbusch\/ Max Weber Stiftung<\/p><\/div>\n<p><strong>duz<\/strong> Herr Rosenbach, seit einigen Monaten hat das Deutsche Historische Institut (German Historical Institute GHI) Washington eine Au\u00dfenstelle: das GHI West an der University of California Berkeley, das jetzt offiziell im November er\u00f6ffnet wurde. Wie kam es dazu?<\/p>\n<blockquote><p>Der Wissenschaftsrat hat bereits 1999 einen Standort an der Westk\u00fcste empfohlen; vor dem Hintergrund, dass sich der Blick in den USA immer st\u00e4rker gen Westen und in die Pazifikregion richtet und dort auch innerhalb der USA zunehmend ein zweites Machtzentrum entsteht. Dem sind wir nun gefolgt.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Der Forschungsschwerpunkt lautet Migration und Wissen; worum geht es da?<\/p>\n<blockquote><p>Im Prinzip hat der ebenfalls mit der \u00d6ffnung der USA gen Westen zu tun. Wir wollen herausfinden, welches Wissen mit Zuwanderung \u2013 etwa aus China \u2013 in die USA kommt; und damit, wie Ideen und Kenntnisse Eingang in Gemeinschaften finden. Das Thema schlie\u00dft sich an einen ehemaligen Schwerpunkt des GHI Washington an: Dort haben wir erforscht, welche unternehmerischen F\u00e4higkeiten deutsche Zuwanderer mit in die USA brachten.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Berkeley ist auch ein Standort, dessen staatliche F\u00f6rderung US-Pr\u00e4sident Donald Trump bereits kurz nach seiner Amtseinf\u00fchrung in Frage stellte. Grund war die Ausladung des Breitbart-Ideologen Milo Yiannapoulos seitens der Universit\u00e4t. Bekommen Ihre Mitarbeiter von solchen Auseinandersetzungen etwas mit?<\/p>\n<blockquote><p>In Berkeley konkret nicht. Was wir aber mitbekommen ist, dass den Geisteswissenschaften in den USA zurzeit ein sehr harter Wind entgegenbl\u00e4st, zu dem auch das Streichen von Geldern geh\u00f6rt. \u00a0Auch der Council of American Overseas Research Centers, mit dem wir kooperieren, ist von drastischen K\u00fcrzungen seitens des Au\u00dfenministeriums betroffen. Das ist nicht ausschlie\u00dflich eine Folge der neuen US-Regierung \u2013 aber dennoch ist klar: Das Erstarken nationalistischer Kr\u00e4fte macht sich bemerkbar \u2013 und das nicht nur in den USA; f\u00fcr die Wissenschaft macht es das nicht einfacher.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Spielen Sie damit auf die T\u00fcrkei an, in der Sie mit dem Orient-Institut Istanbul ebenfalls vertreten sind?<\/p>\n<blockquote><p>Ja, aber nicht nur. Auch in Polen zum Beispiel ist vieles schwieriger geworden. Nach Jahrzehnten der Liberalisierung arbeitet die Regierung dort stark an einem nationalistisch gepr\u00e4gten Geschichtsbild. Das macht sich bemerkbar: Der durchschnittliche Wissenschaftler h\u00fctet sich inzwischen, Ergebnisse in gro\u00dfer Aufmachung zu produzieren, die dem Bild Polens als stetem Opfer der Zeitl\u00e4ufe widersprechen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> In Polen gibt es keine unabh\u00e4ngige Wissenschaft?<\/p>\n<blockquote><p>Das h\u00e4ngt vom Einzelfall und von der politischen Brisanz der Fragestellung ab. Insgesamt gilt aber: Wer etwas anderes als politisch gew\u00fcnschte Ergebnisse ver\u00f6ffentlicht, wird damit wahrscheinlich, im Augenblick jedenfalls, nicht re\u00fcssieren. Das reicht, um Wissenschaft zu beeinflussen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Das mit deutschen Geldern finanzierte DHI Warschau k\u00f6nnte aber doch davon unbehelligt bleiben.<\/p>\n<blockquote><p>Auch am DHI Warschau arbeiten Forscher zu polnischer oder deutsch-polnischer Geschichte \u2013 und nat\u00fcrlich beeinflusst das Klima im Land immer auch die wissenschaftliche Arbeit. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass die zurzeit in Warschau forcierte Debatte um Reparationsanspr\u00fcche an Deutschland das DHI erreicht \u2013 etwa in Form einer Forschungsanfrage seitens der polnischen Regierung. Insofern: Wir sind durchaus in einer Situation, in der wir unsere roten Linien kennen m\u00fcssen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Welche sind denn rote Linien?<\/p>\n<blockquote><p>Die wichtigste lautet: Eine politische Entscheidung, die in unsere Forschungsfreiheit eingreift, k\u00f6nnen wir nicht und nirgendwo akzeptieren. Und auch wenn unsere Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort behindert wird, ist das nicht akzeptabel.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Wenn Tausende dem Wissenschaftssystem entzogen werden wie in der T\u00fcrkei, dann geht das weit \u00fcber eine Behinderung der Arbeit hinaus.<\/p>\n<blockquote><p>Was die Arbeit unseres Orient-Instituts in Istanbul angeht, kann ich nur sagen, dass es bislang keine politisch motivierte Behinderung gegeben hat. In diesem Zusammenhang d\u00fcrfen wir nicht vergessen, wie wichtig das Institut f\u00fcr unsere vielen Partner vor Ort ist. Tats\u00e4chlich sind, anders als es h\u00e4ufig scheint, sehr viele hoch qualifizierte Wissenschaftler noch im Land, auch noch im Dienst \u2013 und froh \u00fcber die M\u00f6glichkeit zur Kooperation mit europ\u00e4ischen Partnern. Hinzu kommt: Wissenschaftliche Verbindungen aufzubauen ist m\u00fchsam \u2013 und wir wollen nicht bei jedem Regierungswechsel wieder bei Null anfangen m\u00fcssen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Hat eins der Institute schon einmal die Arbeit eingestellt?<\/p>\n<blockquote><p>Ja, das Orient-Institut in Beirut w\u00e4hrend des Krieges mit Israel 2006. Und selbst dort haben wir mit lokalen Kr\u00e4ften einen Notbetrieb aufrechterhalten \u2013 wof\u00fcr uns die libanesischen Partner bis heute au\u00dferordentlich wertsch\u00e4tzen. \u00c4hnlich, wenn auch nicht ganz so extrem, ist die Lage heute in Kairo, wo unser Beiruter Institut ein B\u00fcro unterh\u00e4lt, in dem vorwiegend Wissenschaftler aus der Region arbeiten. Insgesamt gilt: Selbst wenn an einem Ort die Lage so eskaliert, dass nur noch ein Hausmeister da ist \u2013 wir tun fast alles, um Standorte zu erhalten. Jedes Fenster zur freien Wissenschaft sollte so lange offengehalten werden, wie es irgend geht.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Haben Sie ein Beispiel daf\u00fcr, was dieses Fenster den Menschen vor Ort konkret n\u00fctzt?<\/p>\n<blockquote><p>Nehmen wir Russland. Prof. Dr. Ute Frevert, die Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut f\u00fcr Bildungsforschung, hielt am DHI Moskau einen Vortrag zum Thema Vertrauen und Macht und f\u00fchrte sinngem\u00e4\u00df aus, ohne Vertrauen in den Staatsapparat g\u00e4be es keine Demokratie. Die dreihundert meist jungen Zuh\u00f6rer haben allesamt verstanden, worum es ihr geht. So etwas setzt Denkprozesse in Bewegung, die anderenfalls h\u00e4ufig gar nicht angesto\u00dfen werden. Wir haben jedenfalls mehrfach geh\u00f6rt: Ein solcher Vortrag w\u00e4re an einer russischen Uni kaum m\u00f6glich gewesen. In Folge dessen hei\u00dft es eben auch an vielen Orten: Geht ans DHI, da k\u00f6nnt ihr frei forschen!<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Gibt es Kooperationen der im Land arbeitenden Ausl\u00e4nder?<\/p>\n<blockquote><p>In Moskau haben wir lange in einem Haus mit franz\u00f6sischen Wissenschaftlern gearbeitet. In Peking betreiben wir unterhalb der Institutsebene mit den Franzosen sogar gemeinsam ein kleines B\u00fcro. Auch in unserem B\u00fcro in Delhi sitzen wir mit US-Amerikanern unter einem Dach. Und nat\u00fcrlich treten wir da auch gern zusammen auf \u2013 meine These w\u00e4re, dass das in Zukunft eher noch h\u00e4ufiger der Fall sein wird.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>duz<\/strong> Ist ihr Eindruck der, dass nationalistische Tendenzen fl\u00e4chendeckend zunehmen oder stehen zurzeit einige L\u00e4nder besonders im Fokus?<\/p>\n<blockquote><p>Es l\u00e4sst sich schon eine Tendenz erkennen \u2013 und das selbst in L\u00e4ndern, die uns au\u00dferordentlich nahe stehen. Aus meiner Sicht w\u00e4re noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen, dass unsere Arbeit in einem Land wie Gro\u00dfbritannien erschwert werden k\u00f6nnte. Doch auch dort \u2013 der Brexit ist ja ebenfalls die Folge einer nationalistischen Entwicklung \u2013 stehen wir vor einer unklaren Zukunft. Viel spricht jedenfalls daf\u00fcr, dass wir uns mit dem DHI London nach dem Austritt Gro\u00dfbritanniens aus der EU neu akkreditieren m\u00fcssen; auch steuerliche Fragen stellen sich. Einfacher wird es dadurch nicht werden.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Autorin:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.journalistenetage.de\/jeannette-goddar\/\">Jeannette Goddar<\/a>, freie Journalistin in Berlin<\/p>\n<p>Das Interview ist erschienen in:\u00a0<strong><a href=\"http:\/\/www.duz.de\/duz-magazin\/2017\/12\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutsche Universit\u00e4tszeitung, Ausgabe 12 | 2017<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zum hundertsten Geburtstag der ber\u00fchmten Rede Max Webers \u201eWissenschaft als Beruf\u201c \u00f6ffnet das Deutsche Historische Institut Washington der Max Weber Stiftung eine Au\u00dfenstelle zur Migrationsforschung \u2013 und das an der unter Beschuss der US-Regierung stehenden liberalen Universit\u00e4t Berkeley. 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