{"id":11659,"date":"2022-12-07T10:08:31","date_gmt":"2022-12-07T08:08:31","guid":{"rendered":"https:\/\/gab.hypotheses.org\/?p=11659"},"modified":"2022-12-09T09:43:34","modified_gmt":"2022-12-09T07:43:34","slug":"mwslieblingsorte-a-village-within-a-city-der-londoner-wohnkomplex-barbican-und-die-wohnutopien-des-20-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gab.hypotheses.org\/11659","title":{"rendered":"#MWSLieblingsorte: A village within a city. Der Londoner Wohnkomplex Barbican und die Wohnutopien des 20. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>In der Reihe #MWSLieblingsorte stellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Institute der Max Weber Stiftung ihre ganz pers\u00f6nlichen Lieblingsorte vor. Durch ihren Wissenschaftsbezug werden die Spezifika der jeweiligen Wissenschaftskultur der Institutsstandorte sichtbar gemacht \u2013 welche Gesichter stecken hinter der Stiftung, was machen sie am Institut und wo arbeiten sie am liebsten, welcher Ort in der jeweiligen Stadt bzw. im jeweiligen Land ist ihnen besonders ans Herz gewachsen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In dieser Folge zeigt uns <a href=\"https:\/\/www.ghil.ac.uk\/team\/mirjam-haehnle\">Mirjam H\u00e4hnle<\/a>, Research Fellow am <a href=\"https:\/\/www.ghil.ac.uk\/\">DHI London<\/a>, ihren derzeitigen Lieblingsort: den Londoner Wohnkomplex Barbican.<\/p>\n<p>Ich bin seit einem halben Jahr Fellow am Deutschen Historischen Institut London und erforsche in meinem Habilitationsprojekt urbane Natur im Kontext fr\u00fchneuzeitlicher Stadtutopien.<br>Das Barbican, ein Wohn- und Kulturkomplex im \u00f6stlichen Zentrum Londons, scheint mir ein Zeugnis urbaner Utopien des 20. Jahrhunderts zu sein, das ich immer wieder gerne besuche. Gleichzeitig versinnbildlicht das Ensemble in seinem aktuellen Zustand f\u00fcr mich auch die multiplen Krisen, die im Vereinigten K\u00f6nigreich in den letzten Monaten mitunter zu immensen politischen Verwerfungen gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p><strong>Wohn-Experiment Barbican<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"333\" src=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican2-1-500x333.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11677\" srcset=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican2-1-500x333.jpg 500w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican2-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican2-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican2-1-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican2-1-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption><em>\u00a9<\/em> Mirjam H\u00e4hnle<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Gegend um das heutige Barbican, die vor dem zweiten Weltkrieg Cripplegate Ward genannt wurde, war im Blitzkrieg 1940 quasi vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt und damit entv\u00f6lkert worden. Die City of London, der lokale Regierungsdistrikt, entwickelte in den Nachkriegsjahrzehnten daher Pl\u00e4ne, auf dem ausgebombten Gel\u00e4nde einen ganzen Stadtteil-Komplex neu zu errichten. Letztendlich erbauten die Architekten Chamberlin, Powell und Bon auf Plattformen gesetzte Geb\u00e4ude; die brutalistische \u00c4sthetik der behauenen Betonfassaden ist mittlerweile ikonisch geworden.<\/p>\n<p>Verbunden sind die Geb\u00e4ude durch ebenfalls \u00fcbers Stra\u00dfenniveau erhobene Fu\u00dfwege, so sollte die 1982 er\u00f6ffnete <em>village-within-a-city<\/em> vom umgebenden Autoverkehr separiert werden. Auch ich hatte bei meinen Besuchen das Gef\u00fchl, mit dem Betreten der erh\u00f6hten Anlage eine dem Stadtl\u00e4rm entzogene b\u00fcrgerliche Idylle aus Wohnraum, Kulturbetrieb und gr\u00fcnen \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen zu betreten.<\/p>\n<p><strong>Das <em>right to buy<\/em> und das Wohnen f\u00fcr wenige im Barbican<\/strong><\/p>\n<p>Bei meinen ersten G\u00e4ngen durch den Geb\u00e4udekomplex habe ich mich noch gefragt, ob \u00fcberhaupt viele Menschen in den betonverschalten Wohnt\u00fcrmen wohnen wollen. Heute wei\u00df ich, dass das Barbican trotz seiner gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen \u00c4sthetik ein beliebter Wohnort geblieben ist. Im Schicksal der Wohnungen spiegelt sich f\u00fcr mich die Geschichte des Wohnens in der Metropole wider. Zwar waren die Wohnungen des Barbicans nie als Sozialwohnungsbau (<em>council housing<\/em>) im eigentlichen Sinne gedacht, sollten aber erschwingliches Wohnen f\u00fcr <em>young professionals<\/em> bieten und waren urspr\u00fcnglich im Besitz der City of London, d. h. in kommunaler Hand.<\/p>\n<p>Seitdem 1980 Margaret Thatchers <em>right to buy<\/em>-Gesetz verabschiedet wurde, ging ein Gro\u00dfteil der Wohnungen in den 1980er-Jahren in Privateigentum \u00fcber. Seit einigen Jahrzehnten handelt es sich bei den Barbican-Einheiten um extrem teuren Wohnraum, womit sich auch die Zusammensetzung der Einwohnerinnen und Einwohner ver\u00e4ndert hat. Obwohl den Komplex noch ein Hauch von Utopien des \u201aWohnens f\u00fcr viele\u2018 aus den 1960er- und 1970er-Jahren umgibt, ist das Barbican heute ein Ort des Wohnens f\u00fcr die Wenigen. Der Komplex ist Teil der Privatisierungsgeschichte kommunalen Wohnraums im Vereinigten K\u00f6nigreich und der in London omnipr\u00e4senten Problematik des Wohnungsnotstandes. Es zeichnet sich ab, dass sich die damit einhergehende soziale Spaltung in der aktuellen politischen Situation eher noch verschlimmert hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican3-500x375.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11682\" srcset=\"https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican3-500x375.jpg 500w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican3-300x225.jpg 300w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican3-768x576.jpg 768w, https:\/\/gab.hypotheses.org\/files\/2022\/11\/Barbican3-1536x1152.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption><em>\u00a9<\/em> Mirjam H\u00e4hnle<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Verdorrte Palmen und das Biotop London<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei meinem ersten Besuch war ich beeindruckt von den visuellen Kontrasten, die sich im Barbican zwischen Beton und den vielen oasenartigen Park- und Gr\u00fcnfl\u00e4chen des Komplexes ergeben. Erschreckt hat mich dann aber doch, wie stark die eigentlich hitzeresistenten Palmen im Sculpture Court von den Londoner Sommermonaten mitgenommen waren. Die Pflanzen zeugen vom Eindruck, den alle Londoner Gr\u00fcnfl\u00e4chen in den Sommermonaten hinterlassen haben: Eine nie dagewesene Hitzewelle, auf die das Land und die Metropole mit ihrem gr\u00f6\u00dftenteils unged\u00e4mmten Baubestand schlecht vorbereitet war, lie\u00df die gr\u00fcnen Lungen der Stadt gelb werden. Alte und kranke Menschen sp\u00fcren die Folgen besonders; und auch mir als Schwangerer ging es nicht gut mit der Hitze. Die Diskussion bewegte sich zwischen Alarmismus, Leugnung und der Relativierung der Folgen der Klimakrise. Hier wie im Allgemeinen stellt sich mir die Frage, was Historikerinnen und Historiker zu wirkm\u00e4chtigen Bildern wie jenem der vertrockneten Palme zu sagen haben \u2013 und wie wir unser Schreiben in Zeiten der Klimakrise gestalten sollten. London erscheint mir heute jedenfalls als Biotop, in dem alles gleichzeitig vor Augen tritt: Die Folgen \u00f6kologischer Krisen sind genauso sichtbar wie neue Protestformen und Experimente nachhaltigen Lebens. Soziale H\u00e4rten treffen auf historische und aktuelle K\u00e4mpfe um eine bessere Zukunft. Unver\u00e4ndert l\u00e4sst einen das Biotop London nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Informationsseiten:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.barbicanliving.co.uk\">http:\/\/www.barbicanliving.co.uk<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.barbican.org.uk\">https:\/\/www.barbican.org.uk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe #MWSLieblingsorte stellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Institute der Max Weber Stiftung ihre ganz pers\u00f6nlichen Lieblingsorte vor. 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