Episode 29: Jenseits der Friedlichen Revolution: Die gewaltvollen 1990er im Kaukasus
Während die 1990er-Jahre in Mitteleuropa oft als Zeit der friedlichen Revolution und des demokratischen Aufbruchs erinnert werden, ist die Perspektive in Osteuropa eine andere: Hier dominieren Erinnerungen an Gewalt, Kriminalität und Vertreibung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Im zweiten Teil unserer Doppelfolge aus Georgien werfen wir einen Blick auf diese Jahre, die in der historischen Forschung zu der Region erst seit Kurzem intensiver untersucht werden.
Am Rande der Konferenz „The Violent 1990s?“ in Tbilissi beleuchtet Host Janine Funke aktuelle Forschungsdebatten und fragt, wie die gewaltvollen 1990er-Jahre erinnert, verarbeitet und erforscht werden. Historische, kulturanthropologische und literaturwissenschaftliche Perspektiven eröffnen dabei neue Blickwinkel auf die Frage, welche Narrative die Erinnerung an diese Zeit bis heute prägen.
Jan Arend von der LMU München ist Mitorganisator von „The Violent 1990s?“. Im Gespräch erklärt er die inhaltlichen Schwerpunkte und warum die Konferenz ausgerechnet in Tbilissi stattfindet. Dabei geht es sowohl um die Dezentrierung der osteuropäischen und postsowjetischen (Gewalt-)Geschichte als auch um die Bedeutung von Forschungsinfrastrukturen vor Ort.
„Ein Grund ist, dass man nicht nur über Osteuropa forschen will, sondern mit Osteuropa – dass man im Gespräch sein will mit Forschern, die aus diesen Ländern selber kommen.“ – Jan Arend
Außerdem spricht Janine Funke in dieser Folge mit drei Teilnehmerinnen der Konferenz. Eine davon ist Mirja Lecke, Professorin für Literatur und Kulturen Osteuropas an der Universität Regensburg. Sie stellte zwei russischsprachige Romane, die die 1990er-Jahre im Südkaukasus portraitieren, vor. Im Podcast erklärt sie, welche Bedeutung die Sprachwahl hat und welche Rolle Literatur in der Verarbeitung der Epoche einnimmt.
Lusine Kharatyan ist Kulturanthropologin und Schriftstellerin aus Armenien. Sie hat die 1990er-Jahre als Zeitzeugin erlebt – heute forscht und schreibt sie darüber. Sie berichtet von ihren Erinnerungen an die Zeit und erläutert, warum die Aufarbeitung dieser Jahre noch nicht abgeschlossen ist. Dabei fragt sie: Wie wird diese Zeit erinnert und was sagt das über den Umgang mit Geschichte aus?
Ebenfalls mit literarischen Reflexionen beschäftigt sich Elisa Mucciarelli. Sie ist Doktorandin in Slavischer Literatur an der Universität Regensburg. In ihrer Forschung zu Literatur über Abchasien bringt sie geschichts- und literaturwissenschaftliche Zugänge zusammen.
„Ich glaube, es geht auch darum, kleinere Regionen in den Vordergrund zu stellen und sie mit größeren Narrativen zu verknüpfen — um zu schauen, wie man den sehr einseitigen, sehr großen Narrativen entgegenwirken kann, und eine lokalere Perspektive einzunehmen.“ – Elisa Mucciarelli
Zuletzt zu Gast ist Moritz Florin, ebenfalls Mitorganisator der Konferenz und Leiter des Büros der Max Weber Stiftung in Tbilissi. Er erklärt, warum die Geschichte der 1990er-Jahre erst jetzt mehr in den Fokus der Forschung rückt und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
„Die Historisierung steht eigentlich noch aus.“ – Moritz Florin
Mehr zur Erforschung von Erinnerungsnarrativen der 1990er-Jahre im Südkaukasus und in Osteuropa erfahrt ihr in der aktuellen Folge von „Wissen entgrenzen“.
| Episode 29: Jenseits der Friedlichen Revolution: Die gewaltvollen 1990er im Kaukasus Autorenschaft/Host/Schnitt: Janine Funke Gesprächspartner*innen: Jan Arend Mirja Lecke Lusine Kharatyan Elisa Mucciarelli Moritz Florin Sprecher*innen: Nils Kretschmar Andrea Kath Redaktion: Johanna Beamish Weitere Ressourcen: Zum ersten Teil der Doppelfolge aus Georgien: Episode 28: „Forschen vor Ort – Das georgische Büro der Max Weber Stiftung in Georgien“ Zur Website des MWN Osteuropa: https://mwsosteuropa.hypotheses.org/ Der Roman „Der Südelefant“ von Archil Kikodze: https://www.ullstein.de/werke/der-suedelefant/epub/9783843718158 Verwendete Musik Audiohub: Echos Perspective Prometheus Scientification Postproduktion: Timo Höcke, die-wellenschmiede.de |
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Max Weber Stiftung (17. Juni 2026). Episode 29: Jenseits der Friedlichen Revolution: Die gewaltvollen 1990er im Kaukasus. [gab_log] Geisteswissenschaft als Beruf. Abgerufen am 18. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16f1b

